VDV Das Magazin Ausgabe Oktober 2014
Das Verbandsmagazin des VDV ist die redaktionelle Plattform für Unternehmen des Öffentlichen Personen- und Schienengüterverkehrs in Deutschland. Konzept und Realisierung: AD HOC PR, Gütersloh.
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Was uns bewegt. Wen wir bewegen. <strong>Ausgabe</strong> <strong>Oktober</strong> <strong>2014</strong><br />
Schutzgebühr: 3,20 Euro<br />
In Berlin ein Zeichen gesetzt<br />
Branche demonstriert am Reichstag Seite 6<br />
„Welt“-Gipfel: Im Angesicht<br />
der schwarzen Null<br />
Seite 11<br />
E-Busse: In Braunschweig<br />
kommt Strom aus der Straße.<br />
Seite 14<br />
Mit Anhang: Buszüge finden<br />
immer mehr Anklang.<br />
Seite 18
Inhalt<br />
18 Anhänglich: Buszüge finden immer<br />
mehr Anklang.<br />
6 Deutschland-Tag: Branche fordert<br />
verlässliche ÖPNV-Finanzierung.<br />
20 VW-Werkbahn: Investitionen in<br />
das Netz und rollendes Material<br />
14 Kontaktlos: In Braunschweig fahren<br />
E-Busse mit induktiver Ladetechnik.<br />
24 Preisausschreiben: Brettspiel der<br />
Wiener Linien zu gewinnen<br />
3 Editorial<br />
Jetzt ist der Bund am Zug.<br />
4 <strong>VDV</strong> im Bild<br />
Busse, so weit das Auge reicht<br />
6 Titelstory<br />
Demo: ÖPNV setzt Zeichen für<br />
zukunftsfähige Infrastruktur.<br />
Seite 10: So kamen Busse aus NRW<br />
zum Brandenburger Tor<br />
11 Aus dem Verband<br />
„Welt“-Infrastrukturgipfel im<br />
Angesicht der schwarzen Null<br />
14 Aktuell<br />
Strom aus der Straße:<br />
In Braunschweig laden<br />
E-Busse per Induktion.<br />
2 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Editorial<br />
Jetzt ist der Bund<br />
am<br />
Zug<br />
Eigentlich könnte alles wunderbar sein. Die Fahrgastzahlen<br />
im ÖPNV steigen, die Bedeutung der<br />
Infrastruktur für Gesellschaft und Wirtschaft<br />
ist in den Köpfen angekommen. Dazu hat unter<br />
anderem die Bus-Demonstration zum Deutschland-Tag<br />
des Nahverkehrs in Berlin beigetragen:<br />
Verkehrsbetriebe aus ganz Deutschland forderten<br />
vor dem Reichstag vehement eine verlässliche<br />
Finanzierung von Verkehrswegen und ÖPNV – und<br />
die anwesenden Politiker gaben ihnen Recht.<br />
Trotzdem: <strong>Das</strong> Jahr <strong>2014</strong> neigt sich dem Ende zu,<br />
ohne dass auf entscheidende Fragen der Infrastrukturfinanzierung<br />
eine Antwort gefunden wurde. Die<br />
Höhe der Regionalisierungsmittel ab 2015 ist nach<br />
wie vor ungewiss. Die Nachfolgeregelungen für das<br />
Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz und die<br />
Entflechtungsmittel sind nicht einmal ansatzweise<br />
geklärt. Verkehrsunternehmen und Kommunen<br />
stehen folglich schon heute unter enormem Druck.<br />
Ihnen fehlt die Planungssicherheit, um langfristige<br />
Infrastrukturprojekte anzugehen. Erste Baustopps<br />
sind bereits die Folge, Projekte liegen auf Eis.<br />
Eine Kehrtwende ist also nötiger denn je. Die<br />
Branche braucht eine verlässliche Planungsgrundlage<br />
und eine auskömmliche Mitfinanzierung<br />
durch Bund und Länder. Die Verkehrsministerkonferenz<br />
hat das erkannt. In einem Beschluss<br />
von Anfang <strong>Oktober</strong> fordern die Länder, die Regionalisierungsmittel<br />
von 7,3 auf 8,5 Milliarden<br />
Euro pro Jahr zu erhöhen. <strong>Das</strong> ist ein guter Ansatz.<br />
Jetzt ist der Bund am Zug. Die Zeit des Redens<br />
ist lange vorbei, es muss gehandelt werden.<br />
Herzlichst Ihr<br />
Jürgen Fenske<br />
18 Hintergrund<br />
Kieler Verkehrsgesellschaft<br />
testet Bus mit Anhänger.<br />
20 Unterwegs im Netz<br />
VW-Werkbahn: In der Halle<br />
wird nicht mehr gedieselt.<br />
24 U 20<br />
Schülermedienwettbewerb: Wie sieht<br />
unsere Infrastruktur morgen aus?<br />
25 Aus dem Verband<br />
Duales Studium stärken<br />
26 Grenzenlos<br />
Mexiko krempelt seine<br />
Infrastruktur um.<br />
30 Abgefahren<br />
Die Wiener Linien<br />
als Brettspiel<br />
„<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>“ finden<br />
Sie auch im Internet als<br />
E-Paper unter:<br />
www.vdv.de/das-magazin<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 3
<strong>VDV</strong> im Bild<br />
Busse, so weit das Auge reicht<br />
Ein beeindruckendes Bild: In erster und zweiter Reihe stehen 62 Linienbusse<br />
aus ganz Deutschland auf der Straße des 17. Juni in Berlin Spalier. Die lange<br />
Reise haben ihre Fahrer nicht einfach so auf sich genommen. Der <strong>VDV</strong> und<br />
die Infrastrukturinitiative „Damit Deutschland vorne bleibt“ hatten anlässlich<br />
des Deutschland-Tags des Nahverkehrs am 10. September zur Bus-<br />
Demo vor dem Reichstag aufgerufen. Viele Verkehrsunternehmen beteiligten<br />
sich. Gemeinsam forderten sie eine verlässliche Finanzierung des ÖPNV in<br />
Deutschland und überreichten Vertretern des Bundestages zudem eine entsprechende<br />
Resolution. Mehr zum Deutschland-Tag des Nahverkehrs lesen<br />
Sie auf den folgenden Seiten.<br />
4 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
<strong>VDV</strong> im Bild<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 5
Titelstory<br />
Für zukunftsfähigen ÖPNV<br />
ein Zeichen gesetzt<br />
So viele Linienbusse von Verkehrsunternehmen aus ganz Deutschland hat Berlin wohl<br />
zuletzt kurz nach dem Mauerfall gesehen. Vor 25 Jahren galt es, die BVG mit Fahrzeugen<br />
und Mitarbeitern zu unterstützen, um den Ansturm der DDR-Bürger zu bewältigen. Am diesjährigen<br />
Deutschland-Tag des Nahverkehrs forderte die Branche von der Bundesregierung<br />
eine verlässliche Finanzierung des deutschen ÖPNV – und untermauerte dies mit einer<br />
eindrucksvollen Bus-Demo sowie in einer Resolution an die Bundestagsabgeordneten.<br />
Berlin, 10. September <strong>2014</strong>: Der Tag ist zwei Stunden<br />
alt. Für die Fahrerinnen und Fahrer von 62<br />
Linienbussen bricht ein besonderer Arbeitseinsatz<br />
an. Aus dem ganzen Bundesgebiet sind sie mit ihren<br />
Fahrzeugen in die Hauptstadt gekommen – viele<br />
von ihnen haben stundenlange Anreisen am Vortag<br />
hinter sich. Gegen 2.30 Uhr setzen sie sich wieder<br />
hinters Steuer und starten Richtung Reichstag.<br />
Eine halbe Stunde später sammeln sie sich vor dem<br />
Brandenburger Tor und bilden auf beiden Seiten<br />
der Straße des 17. Juni ein kilometerlanges Spalier.<br />
Von dort sind es nur noch wenige Meter bis in die<br />
Bannmeile rund um das Parlamentsgebäude. Jedes<br />
Fahrzeug trägt das Branding der Initiative „Damit<br />
Deutschland vorne bleibt“ – mit den Forderungen<br />
nach einer verlässlichen Finanzierung des ÖPNV<br />
und der Infrastruktur. „Ich hoffe, dass es etwas<br />
bringt und die Bundesregierung sieht, dass wir ohne<br />
die entsprechende Infrastruktur nicht vernünftig<br />
arbeiten können“, sagt Busfahrer Patrick Schneider<br />
von moBiel. Eine Hoffnung, die auch Heike Stanski<br />
von den Dresdner Verkehrsbetrieben mit ihrem<br />
Kollegen aus Bielefeld teilt: „Von uns wird eine hohe<br />
Qualität erwartet. Dafür erwarten wir, dass sich der<br />
Bund finanziell mehr für unsere Schienen und Straßen<br />
engagiert.“<br />
Der Druck zum Erhalt und Ausbau der Infrastruktur<br />
wächst weiter. Und die Verkehrsunternehmen,<br />
ihre Beschäftigen sowie die täglich 27 Millionen<br />
Fahrgäste sind dringend auf die Anschlussregelungen<br />
zum Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz<br />
(GVFG) sowie zu den Entflechtungs- und Regionalisierungsmitteln<br />
angewiesen. <strong>Das</strong> verdeutlichen<br />
<strong>VDV</strong>-Präsident Jürgen Fenske und <strong>VDV</strong>-Hauptgeschäftsführer<br />
Oliver Wolff. In den vergangenen Jahren<br />
seien die Fahrgastzahlen<br />
um 7,4 Prozent gestiegen, die<br />
öffentlichen Zuschüsse dagegen<br />
um 250 Millionen Euro<br />
zurückgegangen – ein Minus<br />
von 6,4 Prozent. Einsparungen<br />
und vertretbare Fahrpreiserhöhungen<br />
könnten die<br />
fehlenden Mittel nicht ausgleichen<br />
und erst recht nicht<br />
den Sanierungsstau bei der<br />
ÖPNV-Infrastruktur in Höhe<br />
von vier Milliarden Euro<br />
beseitigen. „Wir können in<br />
einigen Städten unsere Kunden<br />
nicht mehr so befördern,<br />
wie es unser Anspruch ist“,<br />
erklärt Fenske. „Zusätzlich zur<br />
Dicht an dicht: In der Paul-Löbe-Allee<br />
am Reichstag bildet sich eine lange<br />
Schlange.<br />
6 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Titelstory<br />
Demo vor dem Reichstag: Mitarbeiter der Verkehrsunternehmen setzen sich für eine bessere Finanzierung der Infrastruktur ein.<br />
unzureichenden Mittelausstattung haben die Verkehrsunternehmen<br />
auch mit fehlender Planungssicherheit<br />
zu kämpfen, weil die Finanzierungsgesetze<br />
auslaufen“, erläutert Oliver Wolff die<br />
aktuelle Situation. Für die Hauptstadt mit ihrem<br />
vielerorts mehr als 100 Jahre alten U-Bahn-Netz,<br />
auf dem im Schnitt 25 Jahre alte Züge verkehren,<br />
zeigt Dr. Sigrid Evelyn Nikutta den Investitionsbedarf<br />
auf: „Waren bisher 260 Millionen Euro im<br />
Jahr notwendig, so wird sich diese Summe bis 2030<br />
auf über 400 Millionen Euro jährlich erhöhen.“ Die<br />
BVG-Chefin und Vorsitzende der <strong>VDV</strong>-Landesgruppe<br />
Ost betont zudem die wichtige Rolle des<br />
ÖPNV zur allgemeinen <strong>Das</strong>einsvorsorge. In ländlichen<br />
Regionen Brandenburgs und Sachsen-Anhalts<br />
gehe es inzwischen um die existenzielle Frage, wie<br />
das Angebot angesichts sinkender Einwohner- und<br />
Schülerzahlen aufrecht erhalten werden könne.<br />
Zahlreiche Manager und Mitarbeiter aus Verbandsunternehmen<br />
flankieren die Übergabe einer<br />
Resolution an Bundestagsvizepräsident Johannes<br />
Singhammer (CSU) und die Vorsitzende des Haushaltsausschusses<br />
Dr. Gesine Lötzsch (Linke). In dem<br />
Schriftstück werden die Abgeordneten des Bundestages<br />
unter anderem dazu aufgefordert, endlich für<br />
verlässliche Anschlussregelungen bei der Finanzierung<br />
des deutschen Nahverkehrs zu sorgen und die<br />
Verkehrsinfrastruktur zu sichern (siehe Wortlaut<br />
Seite 8). Zumindest bei Johannes Singhammer und<br />
Gesine Lötzsch ist die Botschaft bereits angekommen.<br />
Während im Parlament über die schwarze<br />
„Ich hoffe, dass es etwas bringt und die<br />
Bundesregierung sieht, dass wir ohne die<br />
entsprechende Infrastruktur nicht vernünftig<br />
arbeiten können.“<br />
Patrick Schneider, Busfahrer bei moBiel<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 7
Titelstory<br />
Null im Haushalt debattiert wird, stellen sie bei der<br />
Übergabe der Resolution Unterstützung in Aussicht.<br />
„<strong>Das</strong> Problembewusstsein ist sehr hoch“, erläutert<br />
Singhammer mit Blick auf die laufende Debatte,<br />
in der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel die<br />
herausragende Bedeutung einer guten Infrastruktur<br />
für die Zukunft des Landes hervorhebt. Der<br />
Bundestagsvizepräsident betont: „Ein Land ist so<br />
gut wie seine Verkehrswege.“ „Ich halte dieses Anliegen<br />
für das Wichtigste, was die Nachhaltigkeit<br />
„Von uns wird eine hohe Qualität im<br />
Nahverkehr erwartet. Dafür erwarten<br />
wir, dass sich der Bund finanziell<br />
mehr für unsere Schienen und<br />
Straßen engagiert.“<br />
Heike Stanski, Teamleiterin im Fahrdienst<br />
bei den Dresdner Verkehrsbetrieben
Titelstory<br />
betrifft“, so Gesine Lötzsch. Sie hofft, dass sich bis<br />
zur letzten Sitzung des Haushaltsausschusses Mitte<br />
November in Sachen Infrastrukturfinanzierung<br />
noch mehr bewegt: „Für die schwarze Null kann sich<br />
niemand etwas kaufen.“ <strong>Das</strong>s den Worten auch die<br />
entsprechende Umsetzung folgt, erhoffen sich viele<br />
Teilnehmer der Demonstration. Busfahrer Christian<br />
Soujon von den Stadtwerken Osnabrück: „So eine<br />
Aktion wie heute ist für uns wichtig, damit die Politik<br />
wachgerüttelt wird.“<br />
In der Bannmeile: 62 Fahrzeuge rollen am Reichstag vor –<br />
wenn auch nicht gleichzeitig.<br />
Während im Parlament die Haushaltsdebatte läuft, erläutern die<br />
Verkehrsunterunternehmen ihre Forderungen.<br />
„So eine Aktion wie heute ist für uns wichtig,<br />
damit die Politik wachgerüttelt wird.“<br />
Christian Soujon, Busfahrer bei den<br />
Stadtwerken Osnabrück<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 9
Titelstory<br />
Mit einer Lok von DB Regio NRW vorweg machten sich die Linienbusse aus Nordrhein-Westfalen auf den Weg nach Berlin. Alle Fahrzeuge trugen die<br />
Werbung der Infrastrukturinitiative „Damit Deutschland vorne bleibt“.<br />
Echtes Teamwork setzte Güterzug aufs Gleis<br />
Ein Hammer, Dutzende Holzkeile, unzählige Stahlnägel, zwei frisch betonierte Kopframpen, jede Menge<br />
Improvisationstalent und Geduld bei allen Beteiligten. <strong>Das</strong> sind nur einige Zutaten, die es brauchte,<br />
damit ein mit ÖPNV-Linienbussen aus NRW beladener Güterzug zum Deutschland-Tag des Nahverkehrs<br />
nach Berlin fahren konnte. Aber der Reihe nach …<br />
Zwölf ÖPNV-Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen<br />
folgten dem Aufruf<br />
des <strong>VDV</strong>, am 10. September <strong>2014</strong> jeweils<br />
einen Bus zu einer Demo am Reichstag<br />
in Berlin zu schicken. Die Kosten und<br />
Strapazen für Material und Fahrer sollten<br />
dabei möglichst gering gehalten werden.<br />
So kam man bald auf den Gedanken,<br />
einen eigenen Güterzug anzumieten und<br />
die Busse damit möglichst schonend<br />
durch die Republik zu befördern. Diese<br />
Idee ließ die Verantwortlichen nicht<br />
mehr los, klang sie doch so einfach wie<br />
genial und würde zudem eindrucksvolle<br />
Bilder bringen: Ein Güterzug mit speziell<br />
beklebter Lok von DB Regio NRW<br />
und beladen mit Linienbussen, ebenfalls<br />
alle beklebt im Design der Infrastrukturinitiative<br />
„Damit Deutschland vorne<br />
bleibt“, fährt von West nach Ost, um Teil<br />
einer großen Bus-Demo zu sein.<br />
Doch für die tatsächliche Umsetzung<br />
blieben am Ende nur wenige Tage mit<br />
umso intensiveren Abstimmungen und<br />
ungewöhnlichen Entscheidungen. Die<br />
Organisatoren von DB Schenker sowie<br />
die Mitarbeiter der Neuss Düsseldorfer<br />
Häfen und der Havelländischen Eisenbahn<br />
hatten jenseits verstrichener<br />
Zeitpläne und Fristen alles in Bewegung<br />
gesetzt, damit der Zug fahren und das<br />
Auf- beziehungsweise Abladen der<br />
Busse problemlos abgewickelt werden<br />
konnte: Am Start- und am Zielbahnhof<br />
wurden innerhalb von 48 Stunden zwei<br />
Kopframpen inklusive Betondecke komplett<br />
aufgearbeitet. Die für den Transport<br />
der Niederflurbusse speziell benötigten<br />
Flachwagen wurden in Windeseile aus<br />
allen Teilen der Republik geholt. Zuletzt<br />
mussten die Busse durch spezielle<br />
Holzkeile mit langen Stahlnägeln auf den<br />
Güterwagen befestigt werden, um die<br />
Zugfahrt unbeschadet zu überstehen.<br />
All dies hat die Beteiligten viele Stunden<br />
(freiwilliger) Arbeit gekostet und war nur<br />
durch ein hohes Maß an Eigen initiative<br />
und Engagement möglich. Dafür gilt<br />
unser spezieller Dank den beteiligten<br />
Unternehmen und ihren Mitarbeiterinnen<br />
und Mitarbeitern. Die Branche hat<br />
hier mal wieder bewiesen, dass sie über<br />
alle Distanzen und Diskrepanzen hinweg<br />
lösungsorientiert zusammenarbeitet.<br />
Oliver Wolff,<br />
<strong>VDV</strong>-Hauptgeschäftsführer<br />
Die Verladung bei den Neuss Düsseldorfer Häfen verlangte Improvisationstalent und war Maßarbeit.<br />
10 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Aus dem Verband<br />
Finanzstaatssekretär Werner Gatzer, Alf Henryk Wulf , Oliver Wolff, Moderator Thomas Exner, Dr. Jochen Eickholt und Bertram Hilgen (v. l.) diskutierten, wie<br />
nachhaltige Lösungen für die zukünftige Infrastrukturfinanzierung aussehen und wem sie zugutekommen könnten.<br />
Im Angesicht<br />
der schwarzen<br />
Null<br />
Spart die Bundesregierung auf Kosten der Verkehrswege?<br />
Darum ging es unter anderem auf dem Infrastrukturgipfel, den<br />
die Tageszeitung „Die Welt“, die Initiative „Damit Deutschland<br />
vorne bleibt“ und der <strong>VDV</strong> zum zweiten Mal gemeinsam<br />
ausgerichtet haben.<br />
<strong>Das</strong> Thema sei in den Medien en vogue, aber bei der Finanzierung<br />
habe sich seit einem Jahr wenig getan: Mit dieser nüchternen Feststellung<br />
eröffneten Thomas Exner, stellvertretender Chefredakteur der<br />
„Welt“-Gruppe, und Wirtschaftsreporterin Dr. Inga Michler den Infrastrukturgipfel<br />
<strong>2014</strong>. <strong>Das</strong>s die Mittel für den Erhalt und den Ausbau der<br />
Verkehrswege in größerem Umfang aufgestockt werden, dürfte in Zeiten<br />
der Schuldenbremse illusorisch bleiben. Bundesverkehrsminister Alexander<br />
Dobrindt zeigte sich jedenfalls als „Anhänger der schwarzen Null“<br />
im Bundeshaushalt und Gegner von neuen Schulden. Die von der Großen<br />
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt<br />
bekannte sich zur schwarzen Null im Haushalt<br />
und kündigte die Einführung der Pkw-Maut an.<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 11
Aus dem Verband<br />
Die Übergabe des Ideen-<br />
Kompendiums (v. l.):<br />
Bundesverkehrsminister<br />
Alexander Dobrindt,<br />
Moderatorin Dr. Inga<br />
Michler, Verkehrsminister<br />
Winfried Hermann,<br />
<strong>VDV</strong>-Präsident Jürgen<br />
Fenske, Verkehrsminister<br />
Michael Groschek<br />
Koalition für diese Legislaturperiode vorgesehenen<br />
zusätzlichen Mittel von fünf Milliarden Euro sollen<br />
fortgeschrieben werden. Ab 2017 sollen jährlich<br />
weitere 1,8 Milliarden Euro zur Verfügung stehen.<br />
Erneut kündigte Dobrindt die Ausweitung der Lkw-<br />
Maut und die Einführung der Pkw-Maut an. Aber<br />
das werde nicht reichen, und öffentlich-private<br />
Partnerschaften würden bei Straßenbauprojekten<br />
dringend gebraucht, „weil alles, was nicht finanziert<br />
werden kann, über ÖPP finanziert werden muss“.<br />
Auch Werner Gatzer (SPD), Staatssekretär im Bundesfinanzministerium,<br />
gab den rund 200 hochkarätigen<br />
Verkehrsexperten im Publikum wenig Anlass<br />
zur Hoffnung, dass die Bundesregierung von ihrem<br />
Sparkurs abrückt und es einfache Lösungen zur Finanzierung<br />
der Verkehrsinfrastruktur gibt: „Wenn<br />
ich jetzt sage, wir geben zehn Milliarden Euro mehr<br />
für die Infrastruktur aus, wären viele hier im Saal<br />
glücklich – nur nicht der Finanzstaatssekretär.“<br />
Auch die Länder und die Kommunen stünden mit<br />
in der Verantwortung.<br />
Eine klare Absage erteilte der Wirtschaftsweise<br />
Prof. Peter Bofinger der Sparpolitik der Bundesregierung:<br />
„Die Schuldenbremse ist ein Ausdruck<br />
ökonomischer Ignoranz.“ Aber auch unter dieser<br />
Voraussetzung gebe es noch einen Spielraum von<br />
zehn Milliarden Euro. Zudem kritisierte das Mitglied<br />
des Sachverständigenrats zur Begutachtung<br />
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung die Finanzierungen<br />
über ÖPP als zu teuer, weil niemand<br />
Der Wirtschaftsweise Prof. Peter Bofinger forderte höhere Investitionen<br />
für Straße und Schiene – finanziert über mehr Schulden.<br />
güns tiger Kredite aufnehmen könne als der Staat.<br />
Peter Bofinger verwies auf den hohen volkswirtschaftlichen<br />
Nutzen von Infrastrukturinvestitionen:<br />
„Eine Milliarde Euro bringt schon im ersten Jahr 230<br />
Millionen Euro zusätzliches Bruttoinlandsprodukt.“<br />
Zustimmung gab es dafür von Baden-Württembergs<br />
Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne):<br />
„Man schaut nur auf den Haushalt und merkt nicht,<br />
12 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Aus dem Verband<br />
dass das Vermögen kaputt geht.“ Hermann mahnte<br />
Anschlussregelungen für die Finanzierungsinstrumente<br />
wie das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz<br />
(GVFG) und die Regionalisierungsmittel<br />
an. Andernfalls drohten im kommenden Jahr Abbestellungen<br />
von Zügen seitens der Länder. Sein<br />
Amtskollege aus Nordrhein-Westfalen, Michael<br />
Groschek (SPD), verdeutlichte die Situation in<br />
seinem Bundesland anhand der A 1-Brücke bei<br />
Leverkusen – „ein nationales Mahnmal“, so der Minister<br />
– und der A 45-Brücken, für die allein zwei<br />
Milliarden Euro nötig seien. „Man darf sich nicht<br />
den Luxus erlauben, die Maut-Maulerei als Infrastrukturdiskussion<br />
auszugeben“, so der Minister.<br />
Er verlangte, verursachergerecht die Lkw-Maut<br />
auszuweiten und die Einnahmen in das Verkehrssystem<br />
zu investieren. Zusammen mit den beiden<br />
Landespolitikern übergab <strong>VDV</strong>-Präsident Jürgen<br />
Fenske an Alexander Dobrindt ein Kompendium<br />
mit Bürgerideen und Lösungsvorschlägen zur Verbesserung<br />
der Infrastruktur, die in den Länderkonferenzen<br />
erarbeitet worden waren. „Es ist nicht<br />
mehr fünf vor zwölf, die Zeiger stehen schon auf der<br />
Zwölf“, erklärte Fenske die Dringlichkeit. Zudem<br />
nannte der <strong>VDV</strong>-Präsident und Vorstandsvorsitzende<br />
der Kölner Verkehrsbetriebe Beispiele, wie<br />
sein Unternehmen unter der maroden Infrastruktur<br />
leide – sei es, dass Lkw wegen der Sperrung der<br />
Leverkusener Rheinbrücke zunehmend ins Kölner<br />
Stadtgebiet fahren und dort die Oberleitung der<br />
Straßenbahn abreißen, oder dass aus Sicherheitsgründen<br />
nicht zwei Bahnen gleichzeitig den Rhein<br />
auf der Severinsbrücke überqueren können. „Es<br />
ist höchste Eisenbahn, dass wir handeln“, so<br />
<strong>VDV</strong>-Präsident Jürgen Fenske.<br />
<strong>Das</strong>s in seiner Stadt ohne die Hilfe des Bundes<br />
keine Infrastrukturinvestitionen möglich sind,<br />
verdeutlichte Bertram Hilgen, Kassels Oberbürgermeister<br />
und zugleich Präsidiumsmitglied des Deutschen<br />
Städte tags: „Wenn das wegfällt, stehen die<br />
Räder still.“ Aber nicht nur die Kommunen, sondern<br />
auch die Unternehmen der Bahnindustrie benötigen<br />
Planungssicherheit. Welche Folgen eine chronisch<br />
unterfinanzierte Verkehrsinfrastruktur hat,<br />
verdeutlichten Alf Henryk Wulf, Vorstandsvorsitzender<br />
von Alstom Deutschland, und Dr. Jochen<br />
Eickholt, Chef der Bahntechniksparte von Siemens:<br />
Wenn die Unternehmen aufgrund zurückgehender<br />
Auslastung Know-how und Kapazitäten abbauen,<br />
sei Deutschlands Stellung als Technologieführer in<br />
den Schienenverkehrsmärkten gefährdet.<br />
„Eine Milliarde Euro an Infrastrukturinvestitionen<br />
bringt schon im ersten Jahr<br />
230 Millionen Euro zusätzliches Bruttoinlandsprodukt.“<br />
Prof. Peter Bofinger, Wirtschaftsweiser<br />
<strong>VDV</strong>-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff äußerte<br />
abschließend die Hoffnung, dass der Finanzminister<br />
die Bedeutung der Verkehrsunternehmen<br />
für die Mobilität, die Wirtschaftskraft und das<br />
Steueraufkommen am Standort Bundesrepublik<br />
erkennt: „Wenn das System Deutschland erlahmt,<br />
ist irgendwann auch nicht mehr genug Geld für<br />
Kitas da.“<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 13
Aktuell<br />
Ladestation (nachträglich schraffiert) im Boden: An verschiedenen Haltestellen in Braunschweig kann<br />
der E-Bus der Ringlinie M 19 seine Batterien wieder „auftanken“ – berührungslos und schnell.<br />
Ladestation<br />
Strom,<br />
Straße kommt<br />
Der<br />
der aus der<br />
Nie wieder Dieseldurst – Elektromobilität macht Linienbusse leise,<br />
abgasfrei, energieeffizient und damit wirtschaftlich attraktiv. <strong>Das</strong> ist das<br />
Ziel, doch der Weg ist noch weit. Diskutiert und erprobt werden unterschiedliche<br />
innovative Technologien. In Braunschweig, bald auch in Mannheim<br />
und Berlin, testen die Verkehrsunternehmen E-Busse mit induktiver<br />
Ladetechnik vom Bahntechnik-Hersteller Bombardier.<br />
14 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Aktuell<br />
Sekunden<br />
30<br />
benötigt der Elektrobus, um<br />
während eines Halts drei bis<br />
vier Prozent Energie nachzuladen.<br />
Diese kleine Auffrischung<br />
schont die Batterien.<br />
Frank Brandt läuft gerne Halbmarathon. <strong>Das</strong> hat ihn zu einem<br />
Vergleich inspiriert. „Wenn ich loslaufe“, sagt der Prokurist<br />
der Braunschweiger Verkehrs-GmbH, „dann schleppe ich<br />
doch nicht Wasser und Obst für die ganze Strecke mit, das<br />
wäre mir viel zu schwer und macht mich beim Lauf ineffektiv.<br />
<strong>Das</strong> hole ich mir an den Stationen unterwegs. Genauso<br />
machen wir es bei Emil.“ Genauer gesagt im Forschungsprojekt<br />
„Emil – Elektromobilität mittels induktiver Ladung“.<br />
Was Brandt, zugleich Emil-Projektleiter, mit seinem Vergleich<br />
erklärt, ist das technische Prinzip der Elektromobilität<br />
im Braunschweiger E-Busbetrieb. Der E-Bus, der<br />
seit dem Frühjahr klag- und pannenlos auf der zwölf Kilometer<br />
langen Ringlinie M 19 seine Runden im Linienbetrieb<br />
dreht, ist nicht etwa mit tonnenschweren, Nutzlast<br />
verdrängenden Großbatterien ausgestattet. Vielmehr mit<br />
weit kleineren, leichten Aggregaten, die mühelos ins Busheck<br />
passen. Deren Energiepaket reicht aber nicht für<br />
die gesamte Tagestour; der E-Bus muss Strom nachtanken.<br />
<strong>Das</strong> macht er unterwegs an einigen Haltestellen. Dort<br />
lädt er den „Saft“ in die Spezialbatterien ohne Stromkabel,<br />
ohne Oberleitung – völlig berührungsfrei. Und das schon<br />
in der kurzen Zeit, in der Fahrgäste ein- und aussteigen.<br />
<strong>Das</strong> ist das Prinzip des induktiven Ladens. „Primove“ nennt<br />
Bombardier Transportation sein selbst entwickeltes System.<br />
Es basiert auf einer Idee der Technischen Universität<br />
Braunschweig, die schon höchst unterschiedlich im Einsatz<br />
ist: Elektrische Zahnbürsten werden so aufgeladen. Und der<br />
schnelle Magnetschwebezug Transrapid bewegt sich auf diese<br />
Weise berührungsfrei über seinen Fahrweg. In Braunschweig<br />
ist es der erste Solo-Linienbus der Welt, der seine elektrische<br />
Antriebsenergie über das induktive Laden bezieht.<br />
Der Strom kommt nicht aus der Steckdose, sondern gewissermaßen<br />
aus der Straße. Dort haben die Braunschweiger die<br />
Hightech-Infrastruktur von Bombardier installiert: Ladestationen<br />
direkt unter Bushaltestellen. Der technische Aufwand<br />
dafür war vergleichsweise gering, beschreibt Projektleiter<br />
Brandt: „Die Anlagen für das Ladepad fallen im Straßenbild<br />
kaum auf. <strong>Das</strong> ist stadtgestalterisch geradezu ideal.“ Befürchtungen,<br />
dass das System im kalten Winter oder bei Schneematsch<br />
ausfallen könnte, hat er nicht. Beim Ladevorgang<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 15
Aktuell<br />
Mannheim und Berlin<br />
werden e-mobil<br />
In Mannheim wird die Buslinie 63 e-mobil. Sieben Haltestellen<br />
erhalten Induktionsladestellen. Martin in der Beek,<br />
Geschäftsführer der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH: „Im<br />
Wettbewerb der Technologien für die Elektromobilität müssen<br />
wir Verkehrsunternehmen nicht nur beobachten, sondern uns<br />
auch engagieren. Ich bin gespannt auf unsere Erfahrungen<br />
und setze schon heute auf den Know-how-Vorsprung.“<br />
Der Blick aufs Armaturenbrett: Statt der Tankanzeige sieht der<br />
Fahrer den aktuellen Ladestand der Batterie.<br />
Berlin will vier Zwölf-Meter-E-Busse auf der Linie 204 einsetzen.<br />
Strom gibt es an den Endhaltestellen. Dr. Sigrid Evelyn<br />
Nikutta, Vorstandsvorsitzende der BVG: „Für CO 2<br />
-neutrale<br />
Innenstädte in den Metropolen der Zukunft wird das Thema<br />
Elektromobilität extrem wichtig sein. Schon jetzt befördern<br />
wir knapp 70 Prozent unserer Fahrgäste elektrisch mit Straßenbahnen,<br />
U-Bahnen und Solarfähren durch Berlin.“<br />
entsteht von den Magnetspulen ausgehende Wärme<br />
– Brandt betont: „Nur Wärme, keine Hitze!“ –, da<br />
schmelzen Eis und Schnee von ganz alleine. <strong>Das</strong>s die<br />
Stromversorgung unterm Bus mit ihren elektromagnetischen<br />
Feldern gefährlich für andere Verkehrsteilnehmer<br />
oder für elektronische Geräte der Fahrgäste<br />
vom Handy bis zum Herzschrittmacher sein könnte,<br />
ist durch entsprechende aufwändige Abschirmungen<br />
ausgeschlossen – TÜV-geprüft. Und wenn kein<br />
E-Bus auf dem Ladepad steht, passiert dort gar nichts.<br />
So sieht der Betriebsablauf für den zwölf Meter langen<br />
Emil-Bus aus: Vor der nächtlichen Betriebspause<br />
wird das Fahrzeug nochmals mit frischem Batteriestrom<br />
versorgt. <strong>Das</strong> dauert nicht mehr als sechs<br />
Minuten. Am Braunschweiger<br />
Hauptbahnhof beginnt dann<br />
morgens der Liniendienst.<br />
„Die Ladepads fallen im Dort wird noch einmal schnell<br />
Straßenbild kaum auf.<br />
nachgeladen, und dann geht<br />
<strong>Das</strong> ist stadtgestalterisch der Bus in den Umlauf. Wie ein<br />
geradezu ideal.“<br />
Marathon- Läufer kann er dann<br />
Frank Brandt, Emil-Projektleiter an der Haltestelle Hamburger<br />
Straße wieder einen „Schluck<br />
aus der Pulle“ nehmen: In 30<br />
Sekunden lädt die Batterie<br />
abermals drei bis vier Prozent Energie nach. „Im Prinzip<br />
würde es reichen, wenn der Bus immer nur in der<br />
elfminütigen Standzeit an der Endhaltestelle Hauptbahnhof<br />
über das dortige Schnellladesystem Strom<br />
nachtankt“, erläutert Brandt: „Doch die Auffrischung<br />
an der Hamburger Straße und einer weiteren Station<br />
schont die Batterie und verlängert ihre Lebensdauer.“<br />
Wie lange die Energiespeicher halten – das ist noch<br />
eine große Unbekannte. Brandt: „Fachleute von Bombardier<br />
haben berechnet, dass die Batterien bei passender<br />
Projektauslegung etwa sieben bis siebeneinhalb<br />
Jahre funktionieren. Niemand weiß es, denn wir sind die<br />
ersten, die das so machen. Emil ist ja ein Forschungsprojekt.“<br />
Dem ersten Bus folgen jetzt vier Gelenkbusse<br />
– auch dies eine Weltpremiere. Und eine weitere<br />
technische Herausforderung: Die größeren Fahrzeuge<br />
verbrauchen zwangsläufig mehr Energie und benötigen<br />
größere Batterien – mit 90 kWh Leistung statt 60 kWh.<br />
Ebenso wie den Solobus liefert der polnische Hersteller<br />
Solaris die Gelenkbusse, mit elektrischer Antriebstechnik<br />
von Vossloh Kiepe und der Energieversorgung<br />
von Bombardier.<br />
Ob Braunschweig nach und nach alle 145 Dieselbusse<br />
durch E-Busse ersetzt, das müssen die Tests im<br />
Alltagsbetrieb erst zeigen. „Es gibt ja auch noch andere<br />
Systeme der Elektromobilität, die ebenfalls erprobt<br />
werden. Am Ende sollte sich die beste Technik standardisiert<br />
durchsetzen“, sagt Brandt ganz nüchtern.<br />
Immerhin, eine Zahl kann er schon bieten: Dank der<br />
hohen Energieeffizienz werden sich Energiekosten-<br />
Beim Stopp an einer Haltestelle mit Ladestation<br />
senkt der Bus sein Aufnahmepad ab, um per<br />
induktiver Energieübertragung nachzuladen.<br />
16 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Aktuell<br />
ersparnisse pro E-Bus auf zehn Jahre bezogen – auf<br />
der Basis der heutigen Preise – um stolze 140.000<br />
Euro unter dem Dieselbusniveau realisieren lassen.<br />
Auf der Bahntechnikmesse InnoTrans in Berlin und<br />
auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover waren im<br />
September die beiden ersten Gelenkbusse für Braunschweig<br />
zu besichtigen. In Berlin parkte daneben noch<br />
ein Solobus des Schweizer Herstellers Hess, für den<br />
Bombardier nicht nur das induktive Ladesystem, sondern<br />
auch den Elektro-Antrieb liefert. Der wird demnächst<br />
in Mannheim bei der Rhein-Neckar- Verkehr<br />
GmbH an den Start gehen (s. Infobox). Und auch die<br />
Berliner BVG rüstet sich für induktive E-Busse: Im<br />
nächsten Jahr beginnt der Linienbetrieb zwischen<br />
dem Bahnhof Zoo und dem Knotenpunkt Südkreuz.<br />
Weitere Infos unter: www.verkehr-bs.de<br />
Emil-Projektleiter Frank Brandt (r.) und Busfahrer Karsten Frieborg sind von der<br />
Technik des E-Busses überzeugt. Dem ersten Fahrzeug werden weitere folgen.<br />
Ebus-Award zeichnet innovative Produkte aus<br />
Die Verleihung (v. l.): Frank Brandt (Braunschweig), Reiner Zieschank (Dresden), Jürgen Haack (Spheros), Eberhard Nickel (Leipzig), Hans-Jürgen Lamla<br />
(Pinneberg), Christian Köbel (Bombardier), Juror und Staatssekretär Rainer Bomba, Olivier Auge (ABB Sécheron), Markus Bernd (ABB Automation Products)<br />
Mit Emil ist die Braunschweiger Verkehrs-GmbH ein Vorreiter<br />
in Sachen Elektromobilität. Dafür ist das Unternehmen Anfang<br />
<strong>Oktober</strong> mit dem Ebus-Award geehrt worden – gemeinsam mit<br />
sechs weiteren Preisträgern. Der Umweltpreis für den ÖPNV<br />
wurde zum zweiten Mal verliehen. Er zeichnet Projekte und<br />
Produkte im Bereich Elektrobusse aus. Vergeben wird er vom<br />
Forum für Verkehr und Logistik e.V. Entscheidend für die Auszeichnung:<br />
Nur Projekte und Produkte, die bereits im täglichen<br />
Betrieb zum Einsatz kommen, können gewinnen.<br />
Die Braunschweiger Verkehrs-GmbH wurde für den betrieblichen<br />
Einsatz von Batteriebussen geehrt. Die Leipziger<br />
Verkehrsbetriebe gewannen in der Kategorie „Konzepte für<br />
Mitarbeitermotivation, Weiterbildung und Arbeitssicherheit“.<br />
Preise für innovative Komponenten gingen an ABB Automation<br />
Products (Antriebsstrang, Ladetechnik), Bombardier Transportation<br />
(Ladetechnik) und Spheros Europa (Klimatisierung).<br />
Neben den fünf Unternehmen wurden auch zwei Einzelpersonen<br />
geehrt. Reiner Zieschank erhielt den Preis als „Persönlichkeit<br />
E-Mobilität im ÖPNV“. Der Vorstand der Dresdner<br />
Verkehrsbetriebe zeichne dafür verantwortlich, dass in der<br />
Elbe stadt seit Jahren verschiedene Arten von Elektromobilität<br />
bei ÖPNV-Bussen im Linienbetrieb getestet und optimiert<br />
werden. Die Ergebnisse seien ein wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung<br />
von Elektrobussen generell. Ein weiterer Award<br />
ging an Hans-Jürgen Lamla. Als ehemaliger Geschäftsführer der<br />
Kreisverkehrsgesellschaft in Pinneberg habe er Pionierarbeit<br />
für die E-Mobilität in kleinen und mittleren Unternehmen geleistet.<br />
Sein Engagement habe ermöglicht, den deutschlandweit<br />
ersten vollelektrischen Linienbus in Betrieb zu nehmen.<br />
<strong>Das</strong> Forum für Verkehr und Logistik ist eine Gemeinschaftsinitiative<br />
von <strong>VDV</strong> und DEVK Versicherungen.<br />
Weitere Informationen unter: www.ebus-award.de<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 17
Hintergrund<br />
Wendig um die Linkskurve:<br />
Gut einen Monat<br />
lang war der Göppel-<br />
Maxi-Train testweise<br />
auf der Linie 11 der Kieler<br />
Verkehrsgesellschaft<br />
im Einsatz.<br />
Bus mit Anhang<br />
Immer mehr Menschen in den Städten nutzen Bus und Bahn. Die Verkehrsbetriebe müssen<br />
kreativ werden, um drohenden Kapazitätsengpässen zu begegnen. Jetzt erobern Busse mit<br />
Anhänger nach und nach das Straßenbild – wie jüngst in München oder testweise in Kiel.<br />
Ohne neue Transportkonzepte geht es nicht – auch<br />
nicht in Kiel. „Wir haben auf die gestiegene Nachfrage<br />
reagiert, mit mehr Linien und einer höheren<br />
Taktung“, erklärt Thomas Mau, Betriebsleiter der<br />
Kieler Verkehrsgesellschaft (KVG): „Aber wir stoßen<br />
immer wieder an unsere Grenzen.“ Wie ihre Kollegen<br />
in anderen Städten schauen sich die Kieler deswegen<br />
herstellerübergreifend um und testen neue<br />
Technologien. Darunter den fast 20 Meter langen<br />
Capacity-Gelenkbus von Evobus, in dem bis zu 193<br />
Menschen Platz finden. Dessen Nachfolger soll noch<br />
länger werden – diesen würde die KVG ebenfalls<br />
gerne im Regelbetrieb ausprobieren.<br />
Doch auch Buszüge finden als weitere Alternative<br />
immer mehr Anklang. Älteren dürfte dieser Anblick<br />
bekannt sein – bis in die 1960er waren solche<br />
Gespanne aus Bus und Anhänger durchaus üblich<br />
(siehe Infokasten). Die Technik ist mittlerweile<br />
natürlich weiter. Davon hat sich auch die KVG<br />
überzeugt. Von September bis <strong>Oktober</strong> nutzte sie ein<br />
Modell des Herstellers Göppel im Testbetrieb. Der<br />
sogenannte Maxi-Train kommt auf eine Länge von<br />
23 Metern. Elf Meter entfallen dabei auf den Anhänger.<br />
Trotz der Größe bleibe das Gespann aus Solobus<br />
und Trailer so wendig wie ein fünf Meter kürzerer<br />
Gelenkbus, so Thomas Mau: „Die hintere Achse am<br />
„Es gibt Fahrgäste, die jetzt<br />
lieber im Anhänger als im<br />
Zugfahrzeug des Maxi-<br />
Trains mitfahren.“<br />
Thomas Mau, KVG-Betriebsleiter<br />
18 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Hintergrund<br />
Hänger ist mitgelenkt. Dadurch folgt er dem Zugfahrzeug<br />
sehr spurtreu und schert nicht aus.“<br />
Die Hersteller werben zudem damit, dass die Anschaffung<br />
der Hänger eine auf lange Sicht günstige<br />
und einfache Möglichkeit sei, die Kapazitäten zu<br />
erhöhen. So fänden in den Buszügen deutlich mehr<br />
Menschen Platz als in einem normalen Gelenkbus<br />
– allein im Göppel-Maxi-Train könnten insgesamt<br />
bis zu 190 Fahrgäste in der stehplatzoptimierten<br />
Variante mitfahren. Außerhalb von Spitzenzeiten<br />
ließen sich die Trailer problemlos abkoppeln. <strong>Das</strong><br />
spart Kraftstoff.<br />
Bei den Kunden scheint die ungewohnte Art der<br />
Beförderung anzukommen: In Kiel sei das Feedback<br />
sehr gut gewesen. „Es hat zwar eine Woche<br />
gedauert, bis alle realisiert haben, dass sie nun auch<br />
hinten einsteigen dürfen, ohne das Ticket vorzuzeigen“,<br />
erinnert sich Thomas Mau. „Aber jetzt gibt es<br />
Fahrgäste, die lieber im Hänger als im Zugfahrzeug<br />
mitfahren.“ Bedenken in puncto Sicherheit habe es<br />
nicht gegeben: Über Kameras kann der Fahrer den<br />
Innenraum und – an der Haltestelle – den Türbereich<br />
des Trailers im Auge behalten. Die Kommunikation<br />
zwischen ihm und den Fahrgästen ist über<br />
eine Gegensprechanlage möglich.<br />
Eine Kaufentscheidung haben die Kieler noch nicht<br />
getroffen. Doch falls sie es tun, stehen sie nicht alleine<br />
da. Dem Online-Portal Stadtbus.de zufolge sind<br />
Buszüge bereits in zehn Bundesländern unterwegs<br />
– meist handelt es sich dabei jedoch um einige wenige<br />
Fahrzeuge. Ausnahme München: Nirgendwo<br />
sonst werden Hänger so umfassend eingesetzt. Zehn<br />
Buszüge sind seit 2013 für die Münchner Verkehrsgesellschaft<br />
(MVG) im Einsatz, im <strong>Oktober</strong> kamen<br />
zwölf weitere dazu. MVG-Chef Herbert König ist<br />
von dem Transportkonzept überzeugt: „Wir hatten<br />
selten eine Fahrzeugeinführung, die so reibungslos<br />
funktioniert hat – Fahrer und Fahrgäste sind begeistert.“<br />
Neuauflage eines Klassikers<br />
Über eine Gegensprechanlage im Trailer – hier im<br />
Buszug aus München – können die Fahrgäste bei<br />
Bedarf mit dem Fahrer sprechen.<br />
Neu ist die Idee der Buszüge nicht. Bis 1960 waren vielerorts solche<br />
Gespanne unterwegs. Doch ab den 1950ern wuchs in den Städten die<br />
Zahl der Pkw und Motorräder stetig an – und die Trailer im ÖPNV galten<br />
zunehmend als Verkehrshindernis. 1956 verabschiedete die Politik deswegen<br />
das Verbot von Busanhängern zur Personenbeförderung, das zum<br />
1. Juli 1960 in Kraft trat. Auch heute ist der Betrieb der Trailer nicht per<br />
se erlaubt. Seit 2003 haben Verkehrsunternehmen jedoch die Möglichkeit,<br />
eine Ausnahmegenehmigung von § 32a StVZO gemäß § 70 StVZO<br />
(Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung) sowie eine Erlaubnis nach<br />
§ 29 StVO (Straßenverkehrsordnung) zu beantragen. Leichter haben<br />
es die Verkehrsbetriebe in der Schweiz und in Österreich: Dort ist der<br />
Betrieb von Busanhängern grundsätzlich gestattet.<br />
Länge:<br />
Zugfahrzeug 11,87 m<br />
Anhänger (inkl. Deichsel) 11,13 m<br />
Breite:<br />
2,55 m Höhe:<br />
3,09 m<br />
Kapazität:<br />
insgesamt 133 (davon 61 Sitzplätze)<br />
Zugfahrzeug 69 (31)<br />
Anhänger 64 (30)<br />
Beispielgrafik, Bus der MVG<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 19
Unterwegs im Netz<br />
In der Halle wird<br />
nicht mehr gedieselt<br />
Die Werkeisenbahn bei Volkswagen in Wolfsburg ist der größte private Verladebahnhof in<br />
Europa. Sie zeichnet sich auch durch den Einsatz innovativer Technologien aus. Dazu gehören<br />
Hybridlokomotiven und ein elektronisches Stellwerk.<br />
<strong>Das</strong> Rolltor öffnet sich. Der Zug fährt ein. Nicht ganz<br />
lautlos, aber immerhin ohne Dieselbrummen und<br />
vor allem ohne Emissionen schiebt Lok Nummer 9<br />
Güterwagen mit Stahlcoils in die Halle. Sie werden<br />
hier, im Werk Wolfsburg des Volkswagen-Konzerns,<br />
zu Karosserieteilen für den Golf geformt. <strong>Das</strong><br />
Presswerk selbst lärmt deutlich lauter als der Zug.<br />
Lok Nummer 9 ist eine Hybridlokomotive, einer<br />
von zwei Prototypen, die hier auf der Werkeisenbahn<br />
verkehren. „Draußen“ fahren sie meist mit<br />
Diesel, aber wenn es in die Hallen geht, wird auf<br />
Batteriebetrieb umgeschaltet. Noch in diesem Jahr<br />
sollen drei Serienexemplare der kleineren dreiachsigen<br />
„H3“ von Alstom in Wolfsburg eintreffen,<br />
berichtet Jörg von Steimker, der im Werk Wolfsburg<br />
für die Technik der Werkeisenbahn zuständig ist.<br />
Schon bei den jetzigen, vierachsigen Hybridlok-Prototypen,<br />
die für die Aufgaben im Werk<br />
eigentlich zu groß sind, spart VW 60 Prozent<br />
Energie im Vergleich zu den vorher benutzten<br />
dieselhydraulischen Loks. Mit den H3-Loks<br />
soll es noch besser werden. <strong>Das</strong> Werk kommt<br />
auch damit seinem Ziel näher, unter dem Slogan<br />
60<br />
Kilometer<br />
Länge umfasst das Gleisnetz der<br />
VW-Werkeisenbahn. Dem Automobilhersteller<br />
zufolge handelt es<br />
sich dabei um den größten privaten<br />
Verladebahnhof Europas.<br />
20 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Unterwegs im Netz<br />
„ThinkBlue. Factory“ bis 2018 den Ausstoß von<br />
Emissionen und Abfällen um jeweils 25 Prozent<br />
gegenüber den Werten von 2010 zu senken.<br />
Transporte vom und zum Autowerk mit der Bahn<br />
zu erledigen, gehörte von Anfang an zum Konzept<br />
des Volkswagenwerks. Gleichwohl schwankte der<br />
Anteil der Bahntransporte. Noch vor einigen Jahren<br />
lag der Anteil der per Bahn versendeten Neufahrzeuge<br />
bei 51 Prozent. „Jetzt steuern wir auf die 70<br />
Prozent zu“, berichtet Christoph Hartmann, Leiter<br />
Logistik Services des Werks. <strong>Das</strong> liegt nicht nur am<br />
zunehmenden Umweltbewusstsein, sondern auch<br />
an der Globalisierung: Transporte mit Seeschifffahrtsanteil<br />
bieten sich für einen Bahntransport<br />
wegen der großen Mengen besonders an. Umgekehrt<br />
Richtung Wolfsburg kommen auch Autos per<br />
Werkeisenbahn. Neben in Mexiko produzierten<br />
Fahrzeugen wie dem New Beetle machen auch Autos<br />
aus dem Volkswagen-Werk in Portugal (Sharan,<br />
Scirocco, Eos) den Weg mit Seeschiff und Bahn.<br />
Diese Autos werden dann in der Wolfsburger Autostadt<br />
an die Käufer ausgeliefert.<br />
<strong>Das</strong> Werk Wolfsburg<br />
<strong>Das</strong> Volkswagen-Werk<br />
in Wolfsburg ist die<br />
Keimzelle des weltumspannenden<br />
Autokonzerns.<br />
Es ist die größte<br />
zusammenhängende<br />
Auto-Produktionsstätte<br />
der Welt.<br />
Hier verlassen rund 4.000 Autos täglich die Fließbänder. <strong>Das</strong><br />
Werk wurde 1938 als Produktionsstätte des von den Nationalsozialisten<br />
geplanten „KdF-Wagens“ (KdF – „Kraft durch<br />
Freude“) eingeweiht, um ein bezahlbares Auto für das Volk<br />
nach einem Entwurf von Ferdinand Porsche zu produzieren.<br />
Zunächst allerdings stellte es Kriegsgerät her.<br />
Von 1945 bis 1974 wurden hier 11,9 Millionen VW-Käfer<br />
gebaut. Seitdem dominiert der Golf die Produktion.<br />
„ThinkBlue. Factory“: Der Slogan prankt unübersehbar auf Lok Nummer 9 – einer Hybridlok von Alstom. Unter diesem Motto will das Wolfsburger<br />
VW-Werk bis 2018 den Ausstoß von Emissionen und Abfällen um jeweils 25 Prozent gegenüber den Werten von 2010 senken.<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 21
Unterwegs im Netz<br />
Jörg von Steimker demonstriert, wie die Rangierführer<br />
im Gleisfeld Weichenstraßen festlegen können.<br />
Vor der Cargobeamer-Rampe: Werkbahn-Koordinator Jörg von Steimker, der<br />
Leiter Logistik Services Christoph Hartmann und die Leiterin der Werkeisenbahn,<br />
Kristina Kiess (v. l.).<br />
Volkswagen betreibt hier den nach eigenen Angaben<br />
größten privaten Verladebahnhof Europas: Rund 60<br />
Kilometer lang ist das Netz, 157 Weichen werden<br />
gestellt sowie 19 Be- und Entladestellen bedient. Die<br />
Anlage ist zweigleisig an den Bahnhof Fallersleben<br />
angebunden. Vier von sieben Lokomotiven sind pro<br />
Schicht unterwegs, um Teile und Autos an- und abzutransportieren.<br />
<strong>Das</strong> geht von Felgen, die bis nach<br />
China versandt werden, bis zu Golf-Ganzzügen, die<br />
nach Emden fahren. Dort wird ihre Fracht auf Schiffe<br />
umgeladen und geht in Übersee in den Vertrieb.<br />
Herein kommt zum Beispiel Stahl. „750 Kilo gramm<br />
Stahl sind durchschnittlich in einem Auto verbaut“,<br />
sagt Logistikleiter Christoph Hartmann. Bei bis zu<br />
3.800 produzierten Fahrzeugen am Tag in diesem<br />
riesigen Werk kommt da einiges zusammen.<br />
„Grundsätzlich ist erst einmal<br />
die Bahn das bevorzugte Gütertransportmittel“,<br />
erläutert<br />
Werkbahn-Koordinator von<br />
Steimker: „Nicht nur wegen<br />
der Frachtkosten, sondern<br />
auch wegen der Emissionen.“<br />
Hauptsächlich gilt das für<br />
Transporte ins Ausland und<br />
zu den Häfen. „Außerdem sind<br />
wir, was Lkw-Eingänge anbelangt,<br />
an der Kammlinie angelangt“, ergänzt Hartmann.<br />
Der Lastwagen kommt aber immer noch<br />
zum Einsatz, weil an einigen Orten, wo gebündelte<br />
„Die Arbeit bei der Werkeisenbahn<br />
in Wolfsburg<br />
ist sehr beliebt und die<br />
Fluktuation niedrig.“<br />
Kristina Kiess, Werkbahn-Leiterin<br />
Transporte schon möglich wären, die technischen<br />
Voraussetzungen noch nicht stimmen oder weil<br />
die Autos in geringeren Mengen verteilt werden<br />
müssen und sich der Bahntransport nicht eignet.<br />
Die Autos selbst machen etwa 40 Prozent der Bahnladung<br />
aus. Die Zeiten, in denen die fertigen Wagen<br />
zur Beladung von toughen Fahrern „mit Karacho“<br />
über den ganzen Zug gefahren wurden, sind allerdings<br />
weitgehend vorbei. „Strangverladung“ hieß<br />
das. „Sie fahren zwar nicht mit 60 km/h auf die Züge,<br />
aber es hört sich so an“, sagt Hartmann. <strong>Das</strong> Problem<br />
dabei: Waren Wagen und Fahrer am vorderen Ende<br />
des Zuges angekommen, mussten die Fahrer mit<br />
umständlicher Logistik wieder an die Verladestelle<br />
zurückbefördert werden. Heute verkürzt eine Schiebebühne<br />
in Halle 40 den Rückweg und ermöglicht so<br />
effizienteres Arbeiten: Die Autos<br />
werden von der Rampe auf nur<br />
einen Waggon gefahren, und<br />
diesen bewegt dann eine Schiebebühne<br />
zum Richtungsgleis.<br />
Neben Stahl und Kohle erreichen<br />
Fahrzeugteile, die von Zulieferern<br />
auf der iberischen Halbinsel<br />
produziert werden, das Werk<br />
per Bahn. Je nachdem, woher sie<br />
kommen, haben sie verschiedene Transportmittel<br />
hinter sich: Getriebe aus Spanien werden bis zur<br />
französischen Grenze mit dem Lkw gefahren. Dort<br />
22 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Unterwegs im Netz<br />
Umschlag: Wie auf diesem Cargobeamer-Terminal funktioniert auch die Verladung in Wolfsburg. Die Sattelzüge stellen ihre<br />
Auflieger in die Stahlwannen neben den Spezialwaggons. Anschließend werden die Wannen mit den Aufliegern horizontal auf die<br />
Waggons verschoben und dort verankert. Wo kein derartiger Verschubmechanismus im Boden vorhanden ist, können die Wannen<br />
auch mit Kränen auf die Waggons und wieder heruntergehoben werden.<br />
werden die Auflieger auf die Bahn umgeladen, und<br />
von Bettembourg in Luxemburg kommen sie mit<br />
einer besonders fortschrittlichen Beförderungsmethode<br />
nach Wolfsburg: dem Cargobeamer. Eine<br />
Pilotanlage dieses Systems steht im Werk Wolfsburg.<br />
Es ermöglicht das schnelle Be- und Entladen<br />
nicht kranbarer Sattelauflieger mit Hilfe von<br />
Stahlwannen, in die die Auflieger gefahren werden.<br />
Diese Wannen werden dann motorisch seitlich auf<br />
spezielle Bahnwaggons beziehungsweise von ihnen<br />
heruntergeschoben. Nicht kranbare Auflieger sind<br />
leichter und preisgünstiger als kranbare, und sie<br />
haben eine größere Ladehöhe, was den im Autobau<br />
verwendeten Gefäßgrößen entgegenkommt.<br />
Die Wege der Schienenfahrzeuge schaltet und<br />
sichert das Stellwerk West seit April auf modernste<br />
Weise. Dieses Stellwerk, bis vor Kurzem mit der<br />
Relaistechnologie der 1950er-Jahre ausgestattet,<br />
arbeitet jetzt vollelektronisch. Es stellt mehr als<br />
100 Weichen und ist eines der größten in Deutschland.<br />
Blau leuchten die eingestellten Fahrstraßen<br />
dem Lokführer von den Weichenlaternen entgegen.<br />
„Sie können sowohl vom Stellwerk als auch per<br />
Taster von Hand oder von einem Schaltschrank<br />
aus eingestellt werden“, erläutert von Steimker.<br />
81 Menschen arbeiten für die Werkeisenbahn in<br />
Wolfsburg. Eine Rangier einheit setzt sich immer<br />
aus zwei Personen zusammen. „Wir bilden sie selbst<br />
aus“, entgegnet Bahn-Leiterin Kristina Kiess auf die<br />
Vermutung, man profitiere von den Ausbildungsaktivitäten<br />
der Deutschen Bahn. Wer sich für den<br />
Job interessiert, muss etwa neun Monate Ausbildung<br />
zum Rangierführer durchlaufen. Weitere zwei<br />
Jahre später darf er auch die Loks fahren. „Dann<br />
kann er alles machen“, sagt sie: „Die Jobs sind sehr<br />
beliebt. Die Fluktuation ist sehr niedrig.“ Loks zu<br />
steuern und Waggons zu rangieren, verliert sogar<br />
im großen Autowerk nichts von seiner Faszination.<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 23
U20<br />
Wie sieht unsere<br />
Infrastruktur<br />
morgen<br />
aus?<br />
Fahren wir bald auf gut ausgebauten Straßen oder<br />
Schlaglochpisten? Sind wir ökologisch nachhaltig<br />
unterwegs oder nicht? Noch ist ungewiss, wie Mobilität<br />
in 15 Jahren aussehen wird. Doch genau über diese<br />
Frage zerbrechen sich derzeit Schüler in ganz Deutschland<br />
den Kopf. Sie nehmen teil am Medienwettbewerb<br />
„Infrastruktur 2030 – So will ich morgen mobil sein“.<br />
Noch bis zum 31. Januar 2015 können Jugendliche<br />
ab der neunten Klasse ihre journalistischen Beiträge<br />
einreichen – als Video oder als Text mit Bild, als Einzel-<br />
oder als Gruppenarbeit. Reportagen sind ebenso<br />
möglich wie Interviews oder sachliche Berichte. „Wir<br />
wollen die jungen Leute für die Bedeutung und den<br />
Nutzen einer guten Infrastruktur sensibilisieren“,<br />
erklärt Wolfgang Schwenk vom <strong>VDV</strong>-Hauptstadtbüro<br />
die Idee. Der Verband ist einer der Partner, die den<br />
Wettbewerb organisieren. „Jugendliche bestellen<br />
online und lassen sich die Ware nach Hause liefern“,<br />
sagt Wolfgang Schwenk weiter: „Aber was alles genau<br />
hinter diesem Prozess steckt, ist den meisten nicht<br />
klar.“<br />
Für den Wettbewerb sollen sich die jungen Teilnehmer<br />
nun mit der Frage beschäftigen, was verändert<br />
werden muss, damit sich die Verkehrswege verbessern,<br />
und welche Technologien es zu fördern gilt.<br />
Schließlich seien es gerade die jungen Menschen, die<br />
später die Folgen mangelnder Infrastrukturfinanzierung<br />
tragen müssen, so Schwenk. Zu diesem Gedanken<br />
passt die Zusammensetzung der Jury: Ihr gehören<br />
die jeweils jüngsten Abgeordneten der vier Bundestagsfraktionen<br />
an.<br />
Abgeschreckt hat das vermeintlich trockene Thema<br />
Infrastruktur bisher auf jeden Fall niemanden. Obwohl<br />
Reportage, Bericht oder Interview: Für den Schülermedienwettbewerb<br />
können Jugendliche ihre Beiträge noch bis zum<br />
31. Januar 2015 einreichen.<br />
in vielen Bundesländern die Sommerferien noch<br />
nicht zu Ende waren, zählten die Veranstalter zwischen<br />
dem Wettbewerbsstart am 1. August und Mitte<br />
September bereits rund 40 eingegangene Beiträge.<br />
Bis zur Deadline erwarten die Organisatoren noch<br />
eine deutliche Steigerung. Verlockend sind in diesem<br />
Zusammenhang die Preise: Praktika in Redaktionen<br />
und Pressestellen sowie zweckgebundene Geldpreise.<br />
Diese können die Gewinner zum Beispiel in die Ausrüstung<br />
ihrer Schülerzeitung investieren – etwa in<br />
eine neue Kamera.<br />
Es ist der erste Wettbewerb dieser Art in Deutschland.<br />
Als Veranstalter tritt die vom <strong>VDV</strong> unterstützte<br />
Infrastrukturinitiative „Damit Deutschland vorne<br />
bleibt“ auf. Sie hat sich für die Aktion namhafte<br />
Partner ins Boot geholt – „Die Welt“, die Jugendpresse<br />
Deutschland, die Deutsche Bahn sowie den Auto Club<br />
Europa (ACE).<br />
www.damit-deutschland-vorne-bleibt.de/wettbewerb.aspx<br />
24 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Aus dem Verband<br />
DualesStudium<br />
stärken<br />
Berater bei Fragen rund um den<br />
Öffentlichen Verkehr<br />
Die qualifizierte Aus- und Weiterbildung des akademischen<br />
Nachwuchses in der Verkehrsbranche steht auf<br />
der Kippe: <strong>Das</strong> befürchtet der Wissenschaftliche Beirat<br />
des <strong>VDV</strong>. In einer Stellungnahme hat er jetzt Politik und<br />
Verbandsunternehmen zum Handeln aufgefordert.<br />
Viele Entwicklungen geben demnach Anlass zur Sorge. Verkehrswissenschaftliche<br />
Fächer gerieten an den Hochschulen ins<br />
Hintertreffen. Es fehle an finanziellen und personellen Ressourcen.<br />
Zudem fokussierten sich Hochschulen vermehrt auf „Mainstream“-Fächer.<br />
Die Bedeutung der Branche für Gesellschaft<br />
und Wirtschaft werde verkannt. Die Experten empfehlen den<br />
Verbandsunternehmen deshalb, besonders das duale Studium zu<br />
fördern und entsprechende Angebote im Bereich des Öffentlichen<br />
Verkehrs zu entwickeln. Schließlich profitieren davon alle<br />
Seiten: Die Studenten erwerben durch Studium und Ausbildung<br />
gleich zwei Abschlüsse. Von den Hochschulen werden sie als<br />
besonders engagiert geschätzt. Und die Unternehmen lernen ihre<br />
künftigen Mitarbeiter frühzeitig kennen.<br />
Zudem legt der Beirat den Unternehmen Kooperationen mit<br />
Hochschulen ans Herz, etwa bei Exkursionen, Abschlussarbeiten<br />
Der Wissenschaftliche Beirat des <strong>VDV</strong> setzt sich aus Hochschullehrern<br />
und Wissenschaftlern aus Deutschland, der Schweiz und<br />
Österreich zusammen. Derzeit gehören dem Gremium 13 Hochschulprofessoren<br />
an. Ihre Aufgabe ist die wissenschaftliche Behandlung<br />
von Fragen und Themen des Öffentlichen Personen- und des Schienengüterverkehrs.<br />
Dabei fungieren sie auch als wissenschaftliche<br />
Berater von Verband, Politik und Wirtschaft. Sie tragen dazu bei,<br />
dass öffentlichkeitswirksame Positionen entwickelt werden, und<br />
greifen aktuelle Probleme auf. Die Qualifizierung des akademischen<br />
Nachwuchses ist nur eines der aktuellen Themen.<br />
oder Praktika. Darüber hinaus gelte es, die Politik für das Thema<br />
zu sensibilisieren. Diese müsse unter anderem die fachlich breite<br />
und grundfinanzierte Ausstattung der Verkehrswissenschaften<br />
gewährleisten. Auch das Thema Weiterbildung dürfe nicht<br />
vernachlässigt werden: Um den Transfer von verkehrswissenschaftlichem<br />
Know-how in die Praxis weiter zu ermöglichen,<br />
bedarf es demnach neuer Angebote an den Hochschulen. Gleichzeitig<br />
müsse der Politik die gesellschaftliche und wirtschaftliche<br />
Bedeutung solcher Weiterbildungsangebote im akademischen<br />
Bereich deutlich gemacht werden – auch, damit diese die Hochschulen<br />
entsprechend unterstützt.<br />
www.vdv.de<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 25
Grenzenlos<br />
Mexiko krempelt seine<br />
Infrastruktur um<br />
Kaputte Straßen, veraltete Schienen, Investitionsstau: Vor diesen Problemen steht nicht nur<br />
Deutschland. Mexiko belegt in internationalen Infrastruktur-Rankings regelmäßig Plätze<br />
im unteren Mittelfeld. Doch im Gegensatz zu Deutschland hat das lateinamerikanische Land<br />
jetzt die Kehrtwende eingeleitet. Mit einem milliardenschweren Investitionsprogramm will<br />
die Regierung das Verkehrswesen auf Vordermann bringen.<br />
457<br />
Milliarden Euro<br />
will Mexiko bis 2018 in seine<br />
Infrastruktur investieren. Viele<br />
Projekte befinden sich bereits in<br />
der Umsetzung oder sollen<br />
zeitnah beginnen.<br />
Öffentlicher Nahverkehr einmal anders: In Ecatepec de Morelos baut ein Südtiroler Unternehmen an den<br />
zwei ersten urbanen Seilbahnen Mexikos. Sie sollen künftig bis zu 3.000 Passagiere pro Stunde befördern.<br />
26 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Grenzenlos<br />
Auch wenn sich hier ein Radfahrer auf die Busspur in Mexiko-Stadt verirrt hat – eigentlich ist der „Carril exclusivo“ dem ÖPNV<br />
vorbehalten. Ein seltener Anblick: Denn nur wenige mexikanische Ballungsräume verfügen über ein solches Bussystem.<br />
Die Situation des Personen- und Güterverkehrs in<br />
Mexiko ist nicht einfach. Der Zustand von Straßen<br />
und Gleisen ist stark verbesserungsbedürftig, viele<br />
Großstädte stehen vor dem Verkehrsinfarkt: Die<br />
Motorisierung im urbanen Raum wächst jedes Jahr<br />
um zehn Prozent. Beim Ausbau des Straßen- und<br />
Gleisnetzes besteht Aufholbedarf. Zudem verzeichnet<br />
der Staat ein stetiges Bevölkerungswachstum<br />
bei einer immer stärkeren Landflucht. Bereits 95,2<br />
Millionen der insgesamt 122 Millionen Mexikaner<br />
leben nach UN-Angaben in den Städten – und jedes<br />
Jahr werden es 1,2 Prozent mehr. <strong>Das</strong> bringt nicht<br />
nur den ÖPNV an seine Kapazitätsgrenzen.<br />
Doch der Staat versucht, das Ruder herumzureißen.<br />
Umgerechnet 457 Milliarden Euro will Staats- und<br />
Regierungschef Enrique Peña Nieto laut seinem<br />
„Nationalen Infrastrukturprogramm <strong>2014</strong>-2018“<br />
(PNI) in die gesamte Infrastruktur investieren –<br />
133 Prozent mehr als sein Vorgänger Felipe Calderón.<br />
Die größten <strong>Ausgabe</strong>npakete unter Peña<br />
Nieto entfallen dabei auf die zwei Felder Energie<br />
und Stadtentwicklung. Doch die Transport- und<br />
Kommunikationsinfrastruktur folgt mit insgesamt<br />
77, 7 Milliarden Euro schon an dritter Stelle.<br />
Die Ziele für das Verkehrswesen sind klar definiert:<br />
ein nachhaltiger und möglichst grüner ÖPNV,<br />
moderne Straßen, ein gut ausgebautes Verkehrsnetz.<br />
Dies soll nicht nur das Wirtschaftswachstum stärken.<br />
Eine stärkere Verlagerung des Privatverkehrs<br />
vom Auto auf Busse und Bahnen sowie des Transports<br />
von der Straße auf die Schiene soll dazu beitragen,<br />
die hohe Luftverschmutzung zu reduzieren.<br />
Unter ihr leiden besonders die Menschen in mexikanischen<br />
Großstädten. Bis zum Ende seiner Amtszeit<br />
in 2018 sollen nach dem Willen des Präsidenten<br />
deswegen 56 Prozent der Ballungsräume mit mehr<br />
als 500.000 Einwohnern über Metros, Bussysteme<br />
oder Straßenbahnen verfügen, heißt es im PNI.<br />
Heute seien es gerade erst 22 Prozent.<br />
Die Arbeit des<br />
Weltwirtschaftsforums<br />
<strong>Das</strong> Weltwirtschaftsforum beziehungsweise das World Economic<br />
Forum (WEF) ist vor allem für sein gleichnamiges Jahrestreffen im<br />
Schweizer Skiort Davos bekannt. Doch auch sein „Global Competiveness<br />
Report“, der jährlich die Wettbewerbsfähigkeit von Staaten<br />
vergleicht, erregt immer wieder Aufsehen. In dem Bericht bewerten<br />
WEF-Experten fast 150 Staaten anhand verschiedener Kategorien.<br />
Dazu gehört unter anderem die Qualität von Institutionen, Infrastruktur,<br />
Gesundheitssystem oder Bildungswesen. <strong>Das</strong> Weltwirtschaftsforum<br />
ist eine Schweizer Stiftung mit Sitz in Cologny im Kanton Genf.<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 27
Grenzenlos<br />
Dabei setzt die Politik auf innovative Technologien<br />
– in Ecatepec de Morelos zum Beispiel auf<br />
Kabinenbahnen. Dort, im Nordosten des Großraums<br />
Mexiko-Stadt, baut das Südtiroler Unternehmen<br />
Leitner Ropeways derzeit zwei Seilbahnen mit getriebelosem<br />
und verbrauchsarmem Antrieb. <strong>Das</strong><br />
Investitionsvolumen beläuft sich auf rund 90 Millionen<br />
Euro.<br />
Direkt hintereinander geschaltet, sollen die Bahnen<br />
insgesamt eine Strecke von fast fünf Kilometern<br />
sowie 117 Höhenmeter überwinden. Ab Ende 2015<br />
werden sie nach Unternehmensangaben 3.000 Personen<br />
pro Stunde von der zentralen Via Morelos in<br />
den Stadtteil San Andrès De La Cañada befördern.<br />
Die Fahrzeit zwischen den beiden Stopps verkürzt<br />
sich so von 45 auf 20 Minuten. „In den vergangenen<br />
Jahren hat Mexiko viele große Infrastrukturprojekte<br />
umgesetzt“, sagt Paul Abed, einer der Projektverantwortlichen<br />
beim Betreiber Mexitelefericos: „Aber<br />
dieses Projekt ist das erste, bei dem hierzulande eine<br />
Seilbahn für den Personennahverkehr eingesetzt<br />
wird.“ Dennoch habe es bereits Vorbildcharakter:<br />
Auch Mexiko-Stadt und der Bundesstaat Puebla<br />
denken über ähnliche Projekte nach.<br />
Der Großteil der weiteren PNI-Projekte hingegen<br />
umfasst die eher klassischen Infrastrukturmaßnahmen.<br />
<strong>Das</strong> Autobahnnetz wird überregional ausgebaut,<br />
neue Anbindungen sind geplant. Gleiches<br />
gilt für das Gleisnetz. Zusätzlich zu den im PNI veranschlagten<br />
Mitteln kommen noch weitere sieben<br />
Milliarden Euro hinzu – für einen neuen Hauptstadtflughafen.<br />
Die Planung übernimmt Star-Architekt<br />
Norman Foster – er kündigt ein Paradebeispiel<br />
in Sachen Nachhaltigkeit an. Der Startschuss zum<br />
Bau soll noch 2015 fallen.<br />
Einen Großteil dieser anstehenden oder bereits<br />
getätigten Investitionen übernehmen öffentliche<br />
Kassen. Aber auch Drittmittel spielen eine wichtige<br />
Rolle – zum Beispiel im Rahmen von Public-<br />
Private-Partnerships. 37 Prozent aller im PNI<br />
veranschlagten <strong>Ausgabe</strong>n sollen demnach private<br />
Geldgeber aufbringen. Um solche Investitionen<br />
tatsächlich zu generieren, hatte schon die Vorgängerregierung<br />
unter Calderón 2008 den nationalen<br />
Infrastrukturfonds „Fonadin“ ins Leben gerufen.<br />
Verwaltet wird er von der staatlichen Entwicklungsbank<br />
Banobras.<br />
Freie Fahrt: Exklusive Busspuren gelten in Mexiko als einfache und kostengünstige<br />
Methode, um den ÖPNV in den Städten zu stärken.<br />
Der Fonds unterstützt vor allem solche Projekte,<br />
die zwar von bedeutendem gesellschaftlichen Nutzen<br />
sind, aber ein hohes Risiko beziehungsweise<br />
geringe Gewinnaussichten mit sich bringen: zum<br />
Beispiel den Bau von Maut-Straßen mit festgeleg-<br />
28 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Grenzenlos<br />
Die Fuhrparks der<br />
mexikanischen<br />
Verkehrsunternehmen<br />
sind in vielen<br />
Städten veraltet.<br />
Die Regierung setzt<br />
deswegen auch auf<br />
neue und nachhaltige<br />
Technologien.<br />
ten Nutzer entgelten. Für den Investor stellen solche<br />
Regulierungen ein wirtschaftliches Risiko dar. Hier<br />
setzt der Fonds an. Zusätzlich zur Vergabe von Zuschüssen,<br />
Darlehen und Bürgschaften übernimmt er<br />
deswegen den Anteil des Restfinanzierungsrisikos,<br />
bei dem Investoren andernfalls aussteigen würden<br />
– und soll somit als eine Art Multiplikator privates<br />
Engagement fördern. Der größte Teil der Fonadin-<br />
Mittel im PNI kommt dabei der Verkehrsinfrastruktur<br />
zugute. 2,71 Milliarden Euro sollen bis 2018 in<br />
entsprechende Projekte fließen. Die anderen Bereiche<br />
wie Energie oder Stadtentwicklung erhalten<br />
insgesamt nur 1,23 Milliarden aus dem Fonds.<br />
In Mexiko noch eine Ausnahme: Monterrey im Nordosten des<br />
Landes ist eine der wenigen Städte mit Stadtbahnsystem.<br />
Den umfassenden Finanzierungsmechanismen<br />
zum Trotz: Reibungslos läuft der Infrastrukturausbau<br />
nicht. Nach der Wahl 2012 kam es im Zuge der<br />
Regierungsumbildung zunächst zu einem starken<br />
Einbruch im zweiten Halbjahr 2013, meldet die<br />
„Germany Trade & Invest“ (GTAI), die Wirtschaftsförderungsgesellschaft<br />
des Bundes. Doch jetzt<br />
scheine der Ausbau wieder an Fahrt aufzunehmen.<br />
Die politischen Probleme hingegen begleiten ihn<br />
weiterhin: Peña Nieto und seine Regierungspartei<br />
PRI sind umstritten. Immer wieder werden der<br />
Partei der Institutionellen Revolution antidemokratische<br />
Tendenzen und gute Kontakte zu den Drogenkartellen<br />
vorgeworfen. Die Kriminalitätsrate im<br />
Land ist hoch, die Korruption allgegenwärtig. Und<br />
in der Bevölkerung kommt nicht jedes Reformvorhaben<br />
gut an. Erst im Juli dieses Jahres kam es zu<br />
gewaltsamen Protesten gegen den geplanten Bau des<br />
neuen Hauptstadtflughafens.<br />
Dennoch bewegt sich etwas – zeigen zumindest die<br />
Rankings des Weltwirtschaftsforums. Im Vergleich<br />
der internationalen Wettbewerbs fähigkeit der Infrastruktur<br />
kommt Mexiko demnach zwar nur auf<br />
Platz 65, und bei der Qualität der Transportwege<br />
sogar nur auf Platz 69. Trotzdem hat sich das Land<br />
verbessert. Zum Vergleich: Im Ranking 2008/2009<br />
hatte es noch Platz 68 beziehungsweise 76 belegt.<br />
Die Qualität der Straßen verbesserte sich sogar<br />
von Rang 66 auf 52. Damit unterscheidet sich Mexiko<br />
von Deutschland. Die Bundesrepublik steht<br />
zwar viele Plätze weiter vorne – trotzdem hat hier<br />
ein deutlicher Abwärtstrend eingesetzt. In Sachen<br />
Wettbewerbsfähigkeit rutschte Deutschland im<br />
gleichen Zeitraum vom ersten auf den siebten Platz.<br />
Und auch die Qualität der Transportwege verschlechterte<br />
sich – von Platz drei auf elf.<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong> 29
Abgefahren<br />
Wien im Wohnzimmer<br />
Vom Stephansdom zum Naschmarkt,<br />
vom Prater bis zur Hofburg – Wien hat<br />
viele Sehenswürdigkeiten zu bieten. Die<br />
unzähligen Bauwerke, Museen, Kaffeehäuser<br />
und Shoppingmeilen lassen sich<br />
nun auch im heimischen Wohnzimmer<br />
bequem erkunden. „Ganz Wien mit<br />
U-Bahn, Bus und Bim“ heißt das neue<br />
Brettspiel der örtlichen Verkehrsbetriebe,<br />
der Wiener Linien. Alles dreht sich<br />
um die Frage: „Wie gelange ich möglichst<br />
geschickt mit den Öffis von A nach B?“<br />
Als Inspiration diente das einst sehr<br />
beliebte „Wiener Stadtbahn-Spiel“, mit<br />
dem die Menschen um 1900 spielerische<br />
Ausflüge durch das Wien von Kaiser<br />
Franz Joseph unternehmen konnten<br />
– damals noch mit Spielmarken und<br />
„Pfeiferl“ für die Dampflok. Mittlerweile<br />
sind modernere Verkehrsmittel im<br />
Einsatz, und „Ganz Wien“ fußt auf dem<br />
aktuellen Netzplan. Nachtschwärmer<br />
drehen das Spielbrett auf<br />
die andere Seite, um so<br />
mit den Nachtlinien die<br />
Stadt zu entdecken.<br />
Und wie im richtigen<br />
Leben sollte auch im<br />
Spiel ein gültiger<br />
Fahrschein immer<br />
griffbereit sein …<br />
Wir verlosen zwei Exemplare von „Ganz Wien“<br />
Frage: Mit welchen drei öffentlichen Verkehrsmitteln lässt sich Wien spielerisch erkunden?<br />
Antworten an: Redaktion „<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>“, Ad Hoc PR, Berliner Str. 107, 33330 Gütersloh.<br />
Rechtsweg und Teilnahme über gewerbliche Gewinngemeinschaften ausgeschlossen.<br />
Einsendeschluss: 30. November <strong>2014</strong>.<br />
Termin<br />
Termin<br />
17. und 18. November <strong>2014</strong><br />
7. <strong>VDV</strong>-Marketing-Kongress<br />
in Hamburg<br />
Der digital vernetzte Kunde als<br />
neue Herausforderung für das Marketing – mit<br />
diesem Thema beschäftigt sich der Kongress in<br />
Hamburg. Er zeigt auf, wie Verkehrsunternehmen<br />
Kunden heute noch erreichen können.<br />
tinyurl.com/vdv-termin1<br />
20. und 21. Januar 2015<br />
8. BME/<strong>VDV</strong>-Forum<br />
Schienengüterverkehr<br />
in Bonn<br />
<strong>Das</strong> Forum dient dem Dialog zwischen Verladern,<br />
Speditionen und Eisenbahnen. Thema<br />
ist unter anderem die Verkehrsverlagerung<br />
auf die Schiene.<br />
tinyurl.com/vdv-termin2<br />
Die nächste<br />
<strong>Ausgabe</strong> von<br />
„<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>“<br />
erscheint im<br />
Dezember <strong>2014</strong>.<br />
Impressum<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong><br />
Herausgeber:<br />
Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V. (<strong>VDV</strong>),<br />
Kamekestraße 37-39, 50672 Köln,<br />
Tel. 02 21/5 79 79-0,<br />
E-Mail: info@vdv.de,<br />
Internet: www.vdv.de<br />
Redaktion <strong>VDV</strong>:<br />
Lars Wagner (V.i.S.d.P.),<br />
Pressesprecher und Leiter Presse- und<br />
Öffentlichkeitsarbeit<br />
Realisierung, Text und Redaktion:<br />
AD HOC PR, Gütersloh: Stefan Temme (Lt.), Elena Grawe,<br />
Judith Kantner, Christian Horn<br />
Mitarbeit:<br />
Eberhard Krummheuer, Thomas Rietig<br />
Gesamtleitung und Anzeigen:<br />
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Grafik-Design:<br />
Volker Kespohl (Volker.Kespohl ı Werbung Münster)<br />
Lars Haberl (AD HOC PR, Gütersloh)<br />
Bildnachweise:<br />
Titelmotiv: <strong>VDV</strong>/Bildschön<br />
Braunschweiger Verkehrs-GmbH (2, 14, 15, 16); Dresdner<br />
Verkehrsbetriebe (8); Flickr: Justin Swan (27), Alejandro<br />
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für Verkehr und Logistik e.V. (17); Fotolia (25, 30); Kieler<br />
Verkehrsgesellschaft (2, 18); Eberhard Krummheuer (17);<br />
Leitner Ropeways (26); moBiel/Janina Pachur (7); picturealliance/akg-images,<br />
Paul Almasy (21); Thomas Rietig<br />
(2, 20, 21, 22, 23); Stadtwerke Osnabrück (9); SWM/MVG<br />
(18/19); SWM/MVG/Kerstin Groh (19); <strong>VDV</strong> (3, 24); <strong>VDV</strong>/<br />
Bildschön (2, 3, 4/5, 6, 7, 9, 10, 11, 12/13, ); Wiener Linien<br />
(2, 30)<br />
Anschrift der Redaktion:<br />
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Speicherung und Verarbeitung.<br />
30 <strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>
Wirtschaftswunder trifft Umweltschutz.<br />
Im Bus of the Year 2015.<br />
Mehr Passagierdurchfl uss, weniger Emissionen. MAN kann.<br />
Experten aus ganz Europa sind sich einig: der MAN Lion’s City GL CNG ist das Beste, was Innenstädten und Verkehrsbetrieben<br />
passieren kann. Deshalb ist er von einer internationalen Fach-Jury zum Bus of the Year 2015 gekürt worden.<br />
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Fahrgastfluss – und verringern somit Standzeiten. <strong>Das</strong> spart Zeit, Treibstoff und Nerven. Und bringt die Innenstädte<br />
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Der Treffpunkt der Mobilitätsbranche<br />
Mobility 4.0 – Datenfluss und Mobilität<br />
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Kap Europa<br />
Kongresshaus der Messe Frankfurt<br />
Informationen und Anmeldung unter<br />
www.deutscher-mobilitaetskongress.de<br />
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