LeitBild - Haus Hall

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Ganz normal

behindert

Für ein Formel-1-Rennen würde Jens Schulte

mitten in der Nacht aufstehen. Aber wenn es

morgens regnet, ist er kaum aus dem Bett zu

locken. Florian Pasekamp wird ganz hektisch,

wenn man ihn auf einen Fehler hinweist.

Seit seinem Unfall arbeitet er in der WfB.

Paula Settrup humpelt, solange man sie

kennt. Musik ist ihr Leben. Anne Frohmann

spricht nicht mit Worten, sondern mit den

Augen. Sie braucht Hilfe, um eine Treppe

gehen zu können. Karin Menge schlägt sich

selbst, wenn etwas sie sehr beunruhigt.

Leidenschaftlich sammelt sie alles, was sich

im Wind bewegt. Carola Wiedmann ist in

vielen Dingen langsamer als die Kinder in

ihrer Straße. Und mir hat der Augenarzt

schon wieder stärkere Gläser verschrieben.

Jeder von uns ein einmaliges Geschöpf. Mit Stärken und Eigenarten. Viele von uns

mit Besonderheiten, die auffallen, für Gesprächsstoff sorgen, Interesse oder

Ablehnung auslösen. Manchmal sind es Besonderheiten, die einschränkend sind

und deren Folgen vielleicht das ganze Leben prägen - in den Zustand der Behinderung

hinein. Jeder zehnte Deutsche, sagen die Statistiker, ist behindert. Und

jeder von uns könnte schon morgen betroffen sein.

Auslöser für Behinderungen gibt es viele. Aber behindert ist man nicht nur einfach

so, man wird es auch durch die Lebensumstände. Zum Beispiel durch eine unpassende

Wohnung. Oder durch einen Mangel an Lernmöglichkeiten. Durch vereiste

Gehwege oder die Hindernisse der Bürokratie. Behindert durch ein Leben ohne

Liebe, den schlechten Rollstuhl, falsche Ernährung, die Menschen in der

Umgebung.

Unbehindert leben und arbeiten können ist unser Ziel - zwischen Menschen mit

vielen Eigenarten in einem Umfeld ohne Hindernisse. Manche Menschen leben hier

in Haus Hall unbehinderter als anderswo. Allerdings: Wir können nicht allen

Menschen geben, was sie brauchen. Manchmal misslingt uns auch, was wir uns mit

ihnen vorgenommen haben. Und manche Behinderung produziert die Einrichtung

selbst.

Zum Glück liegen gute und schlechte Erlebnisse nebeneinander. Gestern noch

die misslungene Teambesprechung. Dann der Jux im Schwimmbad, als Alfons

Moormann unfreiwillig mit ins Wasser ging. Und Eva Kattenbohm: Sie ist morgens

schon beim Wecken ansteckend fröhlich, auch wenn sie es am Vorabend

wieder mal geschafft hatte, das gemeinsame Abendessen völlig durcheinander zu

bringen. Die Lebensfreude lacht uns aus vielen Gesichtern an und die tiefe Sehnsucht

nach einem glücklichen Leben ist überall spürbar.

Jedes Gesicht ein Zeichen Gottes, der uns geschaffen hat, wie wir sind. Der uns

beim Namen ruft und uns sagt: Ich mag dich so, so wie du bist.

» Wir versuchen

jeden Tag, uns gegen-

seitig so anzunehmen,

wie wir sind.

Und wenn es uns heute

nicht gelingt, versuchen

wir es morgen wieder.


Haus Hall begleitet Menschen, die behindert

sind. Die Mehrzahl von ihnen ist von

Geburt an eingeschränkt, andere werden es

erst später durch die Folgen von Krankheit

oder Unfall. Und bei manchen Kindern werden

Verzögerungen ihrer Entwicklung festgestellt,

deren weiteren Verlauf man noch

nicht genau vorhersagen kann.

Sicherlich, Förderung wird groß geschrieben.

Vor allem im vorschulischen und im

schulischen Bereich sollen die Kinder möglichst

umfassend begleitet und gefördert

werden. Beispielsweise gibt es neben heilpädagogischer

Betreuung und Sonderschulunterricht

zusätzlich Logopädie und Krankengymnastik.

Aber eine Behinderung ist

keine Krankheit und sie kann nicht wegtherapiert

werden.

Wofür wir einstehen: dass jeder Mensch

sich entwickeln kann und Fähigkeiten in

sich hat, die sich entfalten wollen - wie auch

Grenzen, mit denen zu leben ist. Unsere Arbeit

verstehen wir als einen Zusammenhang

von Erziehung und Bildung, Förderung und

Pflege, Begleitung und Assistenz - je nach

dem einzelnen Menschen, seiner Altersstufe,

seinen Fähigkeiten und Begrenzungen. Aber

wer bestimmt, wie die „richtige” Betreuung

aussieht? Wissen wir, die beruflichen Helfer,

am besten, was für die „Betreuten” gut ist?

Ist die Vorstellung wirklich absurd, dass unser

Gegenüber unser Arbeitgeber ist?

»


Beziehungsweise

Kann sein, dass in Haus Hall jemand Sie

an die Hand nimmt, mit dem Sie noch nie

gesprochen haben. Kann sein, dass jemand

Sie zum x-ten Mal fragt, wie alt Ihre Kinder

sind. Kann sein, dass jemand, um den

Sie sich sehr bemühen, Sie einfach nicht

anschaut und anscheinend nichts mit Ihnen

zu tun haben will. Kann auch sein, dass Sie

sich am Abend fragen, ob Sie heute mit

Ihrer Arbeit etwas erreicht haben.

Ohne Beziehungen läuft hier fast

gar nichts, von Mensch zu Mensch

fast alles: sich treffen, sich sprechen,

sich helfen, sich besprechen, sich

berühren, sich streiten ...

In diesem Wechselspiel der

Beziehungen sind alle Mitspieler: das Kind und seine Familie genauso wie der

Hausmeister, der Beschäftigte in der WfB wie die Mitarbeiterin im Büro, die alten

Damen der Anna-Gruppe untereinander wie ihre „Erzieherin” und deren Kollegin

von der Nachtwache. Jede Hauswirtschaftskraft steht täglich in Kontakt mit

Menschen mit Behinderung, mit Kollegen, mit Vorgesetzten. Viele haben eine

lange gemeinsame Geschichte.

Manchmal sind wir uns in Haus Hall ganz nah. Vertraut, familiär, berührt, verletzlich.

Wir begegnen uns in Situationen, die anderswo nicht alltäglich sind, viele

von großer Intensität. Im engen Kontakt sein, auf Tuchfühlung, ist wichtig.

Menschen, die sich an den Händen fassen, gehören hier zum täglichen Bild.

Also Nähe als Beruf?

Genauso gilt: Fachlichkeit wird groß geschrieben. Jeder der vielen verschiedenen

Berufe hier hat seine Standards. Was getan wird, soll begründet sein und der kritischen

Nachfrage standhalten können. Auf Qualifikation und Fortbildung der

Mitarbeiter wird Wert gelegt. Und große Anstrengungen werden unternommen,

um die Qualität der verschiedenen Arbeiten genau zu beschreiben und zu verbessern,

pädagogische Arbeit eingeschlossen. Qualitätsmanagement als Ausdruck

kühler Professionalität?

» Wir sind gefragt,

uns einzulassen auf

Beziehung und Begeg-

nung, uns einzubringen

mit unserem Gesicht,

unserer Stimme,

unserer Person.


Gute Gründe, in Haus Hall zu arbeiten,

gibt es so viele wie Mitarbeiter. Wohl die

wenigsten sind hier, weil sie wohltätige

Werke der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit

vollbringen wollen. Die meisten

werden einfach sagen: Ich bin hier, weil es

mein Beruf ist und weil ich hier den

Lebensunterhalt verdiene. Und weil ich gern

mit Menschen zusammen bin!

Neben den angestellten Mitarbeitern, Praktikanten

und Zivildienstleistenden gibt es

längst auch eine große Zahl von ehrenamtlichen

Mitarbeitern: Freiwillige, die sich im

Rahmen ihrer Möglichkeiten direkt oder

indirekt für und mit Menschen mit Behinderung

engagieren.

Ein Wechselspiel von Geben und Bekommen,

schönen Erlebnissen und Belastungen:

Wo Menschen sind, die uns wirklich brauchen,

ist Dienst nach Vorschrift kaum möglich.

Arbeitszeit hat oft fließende Grenzen

und das wird auch bei aller Dienstplantüftelei

so bleiben. Karneval ist quasi Pflicht und

morgen schon ist man vielleicht mit einer

Situation konfrontiert, die sehr belastend ist

und die man innerlich mit nach Hause

nimmt.

Gefühle und Stimmungen sind manchmal

klarer zu erkennen als handfeste Arbeitsergebnisse.

Beanspruchung und Zumutung,

Alltagstrott, höchste Anspannung und ein

umwerfender Witz liegen oft nahe beieinander.

Unsere Beziehungen haben Grenzen. Vor

allem stellen wir fest, dass wir unser

Gegenüber letztlich nicht durch unser Wirken

verändern können. Verändern können

wir nur, was in unserer Macht steht: unsere

eigene Einstellung und unser eigenes

Verhalten, und damit unsere Beziehung zum

anderen - und nicht den anderen als Person.

Auch der Anspruch, sich aufeinander einzulassen,

hat seine Grenzen. Nicht alles dulden,

was andere mir zumuten. Nein sagen,

wenn mir etwas zu viel wird. Bei all den

vielen Anforderungen mich selbst nicht verlieren.

Mich abgrenzen können: Das ist

etwas, das Mitarbeitern ebenso zusteht wie

betreuten Menschen mit Behinderung.

Selbstverständlich.

»


Ich habe hier

viele Freiheiten

aber andererseits

Stellen Sie sich mal vor,

Sie wären erwachsen. Und ein anderer

Mensch kommt auf Sie zu und sagt Ihnen,

wann Sie abends zu Hause sein und zu Bett

gehen sollen. Bei der Arbeit fordert Sie eine

Person auf, die jünger ist als Sie es sind,

zur Toilette zu gehen, obwohl Sie gar nicht

müssen, und bleibt dann vor der WC-Tür

stehen. Und wieder eine andere Person sagt

Ihnen, wo Sie demnächst wohnen werden

und mit wem, und dass es leider nicht anders

geht, und dass nun alle gemeinsam einen

schönen Spaziergang machen werden.

In Freiheit leben und sich entwickeln können ist ein unveräußerliches Recht. Freiheit

findet ihre Grenzen dort, wo sie diejenige des anderen Menschen berührt.

Aber besonders eingeschränkt ist sie, wenn Menschen ständig unter Aufsicht und

Betreuung sind. Zwar sind die Zeiten des rigiden Anstaltslebens vorbei und der

Gesetzgeber hat mit der Abschaffung des Begriffs “Vormundschaft” ein Signal

gesetzt. Aber es bleibt dabei: Wo Menschen mit geistiger Behinderung in Einrichtungen

begleitet werden, entscheiden permanent berufliche Helfer über ihr Leben,

und zwar in großen wie in kleinen Angelegenheiten. Zu rechtfertigen sind solche

Eingriffe nur, wenn sie damit begründet werden können, dass ein gutes Leben für

den betroffenen Menschen anders nicht möglich ist, jedenfalls nicht unter den

gegebenen Umständen.

Ob die Gruppe, in der jemand lernt, arbeitet oder wohnt, immer der richtige Platz

ist für seine individuelle Entfaltung? Ob die Menschen seiner Umgebung zu ihm

passen, ob es nicht einfach zu viele sind, und ob so viele Dinge gruppenweise stattfinden

müssen, wie sie stattfinden, ist kritisch zu prüfen.

Die meisten Menschen in Haus Hall sind schon lange erwachsen und haben längst

einen persönlichen Weg gefunden, ihr Leben zu leben - unverwechselbar, individuell.

Für sie wie auch für die Kinder und Jugendlichen gilt: Sie brauchen

Menschen, die sie dabei begleiten, sie ermutigen und befähigen. Und die so sind

wie sie: unverwechselbar, individuell. Persönlichkeiten eben.

» Wir wollen, dass

die Menschen mit

Behinderung ihre Ent-

scheidungen selbst tref-

fen, wo immer es geht.

Und wo für sie ent-

schieden werden muss

die Verantwortung

übernehmen, auch

mit dem Wissen, dass

Fehler geschehen

können.


Im Lieblings-T-Shirt auch noch im Herbst

nach draußen? Die Sache mit der Freiheit

und der Verantwortung wird kompliziert,

wenn man genauer hinschaut. Derzeit

betont die pädagogische Diskussion das

Thema „Grenzen setzen in der Erziehung”.

Andererseits ist in der Behindertenhilfe

„Selbstbestimmung” das beherrschende

Schlagwort. Gleichzeitig beobachten wir in

Haus Hall, dass immer mehr betreute

Menschen festere Strukturen und engere

Begleitung zu brauchen scheinen - eine

große Herausforderung für den verantworteten

Umgang mit der Macht der Helfer.

Durch Entwicklungen des Umfeldes werden

die Freiräume und Handlungsmöglichkeiten

in der Behindertenhilfe momentan nicht größer,

sondern Vorgaben und Kontrollen, insbesondere

durch Behörden, nehmen zu.

Die Mitarbeiter in der Einrichtung sahen

sich in den letzten Jahren einer Flut von

neuen Dienstanweisungen ausgesetzt, die

ursprünglich meist in der guten Absicht entstanden

sind, Klarheit zu schaffen und Spielräume

abzusichern, und die nun im Ergebnis

auch viel Reglementierung darstellen.

Auch die Organisationsentwicklung in

Haus Hall stellt Fragen an das Verhältnis von

Freiheit und Verantwortung: Einerseits tritt

die hierarchische Aufbauorganisation deutlicher

als bisher in Erscheinung, auch mit

ihren Aspekten von Macht und Kontrolle,

andererseits gelten Mitwirkung und Gestaltungsfreiheit

bei Mitarbeitern wie auch bei

Vorgesetzten weiterhin als hoher Wert. Im

Organigramm haben die Menschen mit

Behinderung noch keinen Platz.

Wo Aufgaben verteilt und Zuständigkeiten

delegiert werden, haben alle Beteiligten zu

lernen. Dabei können Unterlassungen und

unangebrachte Einmischungen passieren.

Die Erfahrung zeigt, dass es nicht genügt

eine Aufgabe zu übertragen und zu übernehmen,

sondern dass dies mit der entsprechenden

Kompetenz - das heißt sowohl

dem Können als auch der Befugnis - einhergehen

muss.

Bei all dem steht eines fest: Entwicklung ist

nur in einem überschaubaren, definierten

Freiraum möglich. Wo alles festgelegt oder

eingeschränkt ist, gibt es genauso wenig

Entwicklung wie dort, wo alles unbestimmt

und beliebig ist. Haus Hall braucht

Mitarbeiter, die nicht nur ihre Arbeit ausführen,

sondern sich die Freiheit nehmen

mitzudenken, sich einzubringen und Verantwortung

zu übernehmen. Kreativität ist

gefragt und manchmal auch der Mut aus

dem Rahmen zu fallen - erst recht, wenn die

Zeiten schwieriger werden.

»


Vielleicht ein

Dienstleistungszentrum

aber ich weiß nicht

Viele Jahre ist es gut gegangen.

Dann wurde es immer voller, immer

enger, immer unübersichtlicher.

Immer mehr Namen und immer mehr

Nummern. Und nun helfen keine Tricks

und keine technischen Raffinessen mehr

weiter: Es passt endgültig nicht mehr

auf ein DIN-A4-Blatt, das Telefonverzeichnis

von Haus Hall. Typisch.

Die Einrichtung ist gewachsen.

Über Jahre und Jahrzehnte hat

sich die Zahl der Menschen erhöht,

die hier betreut werden.

Ebenso die Zahl der Mitarbeiter,

der Gebäude, der Standorte.

Spezielle Angebote sind entstanden,

die es so vorher nicht gab

und die die Möglichkeiten der

Hilfe und Unterstützung für Menschen

mit Behinderung weiter verbessert

haben.

Das zieht Weiteres nach sich: Strukturen und Dienstwege, fachliche Arbeitsteilung,

Organisation unter sachlichen Gesichtspunkten. Wie in jeder differenzierten

Großeinrichtung.

Neue Mitarbeiter finden dies als Realität vor. Es braucht einfach einige Zeit, bis

man den Überblick haben kann. Ein gutes Gefühl stellt sich für viele aber schon

vorher ein.

Langjährige Mitarbeiter kennen auch das Gefühl der Enttäuschung darüber,

nicht zu allen im Haus persönlichen Kontakt haben zu können. Sie vermissen die

familiäre Atmosphäre früherer Jahre.

Jeder braucht die Gemeinschaft. Sich zugehörig fühlen, weil man gern dabei

ist. Sich identifizieren mit einer guten Sache, aus freien Stücken. Geben und

Bekommen im Austausch zwischen Menschen, die sich gut sein wollen.

Die Stiftung Haus Hall ist nicht als komplexes Ganzes für jeden Menschen mit

Behinderung und auch nicht für jeden Mitarbeiter seine Welt, seine Heimat,

sein Ort. Für viele, und das zunehmend, ist es die eigene Gruppe, das kleine

Team, die Zweigstelle, sind es bestimmte Berufskollegen usw. Hauptsache, man

hat sein Bezugssystem.

» Wir sorgen dafür,

dass in der verzweig-

ten Großeinrichtung

das Wichtigste bleibt:

der Wert der Nähe

zwischen Menschen.


Hier kann ich sein, so wie ich bin: Eine

Kernaussage für das Angebot von Haus Hall

an Menschen mit Behinderung.

Jeder Mensch ist ein Individuum und braucht

sein individuelles Umfeld. Und er soll es hier

finden können.

Die vielen Individuen sind der tiefere Grund

dafür, dass die Einrichtung sich differenziert:

junge und alte Menschen, mit unterschiedlicher

Behinderung und Entwicklungsverzögerung,

mit unterschiedlichen Bedürfnissen,

Wünschen und Lebensperspektiven.

Dementsprechend variieren die Betreuungsangebote,

die Haus Hall macht: zeitlich

begrenzt oder auf Dauer, ambulant, teilstationär

oder vollstationär, wohnortbezogen

oder heimatstiftend.

Hinter den Betreuungsangeboten stehen

Mitarbeiter, die dies alles ermöglichen:

Menschen, die dafür sorgen, dass Wasser,

Geld und Informationen fließen, dass

Brötchen gebacken und Geräte repariert

werden und dafür, dass alles wieder sauber

ist. Und die sich häufig erst dann wahrgenommen

fühlen, wenn irgendetwas in diesem

Räderwerk nicht so klappt, wie es klappen

sollte. Unterschiedliche Stimmungen und

Meinungen gibt es in der Frage, ob diese

Tätigkeiten zu sehr im Schatten der pädagogischen

Arbeit stehen oder nicht.

Insgesamt ein Dienstleistungszentrum?

Haus Hall ist es schon längst, was die hohe

Konzentration von Fachlichkeit und Knowhow

angeht. Und wird es für die betroffenen

Menschen in der Region künftig entschiedener

sein. Mit vielen Orten der Nähe, die miteinander

verbunden sind in der Stiftung

Haus Hall.

»


Vater Mutter

Anstalt

„Durchfahrt verboten. Nur für Mitarbeiter

und Lieferanten.” Dieses Schild markierte

jahrelang die Einfahrt nach Haus Hall.

Mag sein, dass es aus rechtlichen

Gründen notwendig war. Aber seine

Wirkung? So unfreundlich, abweisend,

zugeknöpft?

War natürlich nicht so gemeint und das

Schild ist längst wieder abgeschraubt.

Wie werden sich Eltern gefühlt haben, deren

Kinder von Haus Hall betreut wurden?

Etwa die Hälfte der Menschen mit

Behinderung, die mit Haus Hall zu

tun haben, wohnen nicht hier. Sie

kommen morgens mit dem Bus

oder dem Sammeltaxi und fahren

nachmittags wieder nach Hause.

Zuhause, das ist bei den Eltern, bei

den Geschwistern, manchmal auch

bei anderen Angehörigen.

So ist es mit Peter, der aus einem

Nachbarort zur Schule nach Haus

Hall kommt, oder mit Sabine, die zum Kindergarten geht, oder mit Herrn Pölting,

der seit Jahren in der Werkstatt für Behinderte arbeitet und nach Feierabend mit

dem Fahrrad nach Hause fährt.

Alle drei wissen ganz genau, wo ihr Zuhause ist. Und die zweijährige Andrea

spürt es, auch wenn sie sich nicht gut mitteilen kann. Jede Woche werden sie und

ihre Mutter von einer Mitarbeiterin der Frühförderstelle besucht. Und dieser Besuch

findet hauptsächlich auf dem Wohnzimmerteppich statt.

Zuhause - das kann auch die Wohngruppe im Heim sein: Lebensmittelpunkt, Ort

der Rückkehr und des Rückzugs, Heimat der Kuscheltiere und der Borussenfahne.

Im Heim zuhause.

Die Eltern und die Einrichtung: Beide Seiten tun sich nicht immer leicht miteinander

und sind doch aufeinander angewiesen. Verunsicherung gibt es auf beiden

Seiten. Eltern haben oft großen Respekt und manchmal auch ein Gefühl von

Unterlegenheit vor der Größe und den Leistungen der Einrichtung. Und die

Einrichtung und ihre Mitarbeiter? Sie müssen oft eine große Anstrengung aufbringen

um sich auf Eltern einzustellen. Deren Erwartungen und Wünsche sind so verschieden.

Sie suchen für ihr Kind Betreuung und Förderung und oft auch für sich

selbst Unterstützung und Entlastung. Sie möchten ihr Kind und sich selbst bei

Fachleuten wissen, auf die sie sich verlassen können.

» Wir haben die Auf-

gabe, auf Eltern und

Angehörige zu-

zugehen, uns auseinan-

der zu setzen mit ihrer

Situation und ihren

Erwartungen. Wir han-

deln im Respekt vor

ihrer Verantwortung:

in ihrem Auftrag.


In einer Zeit, in der man soziale Einrichtungen,

insbesondere Heime, häufig weit

außerhalb der Städte in abgeschiedener

Lage baute, draußen auf dem Lande, wurde

Haus Hall gegründet. So gab man den

Menschen mit Behinderung einen geschützten

Lebensraum und entzog sie gleichzeitig

weitgehend den Augen der Bevölkerung.

Am Rande der Gesellschaft entwickelten die

Einrichtungen ihr Eigenleben.

Eltern kamen früher im Bewusstsein der

Heimeinrichtung wenig vor. Eltern erlebten

sich in erster Linie als abgebend, das Heim

als aufnehmend und im Niemandsland

dazwischen lag das Besuchszimmer. Ein

Raum, in dem vor allem erlebt wurde, wie

fremd man sich geworden war. Das

Besuchszimmer ist Vergangenheit, „Besuchswochenende”

heißt es aber immer noch,

wenn die Bewohner nach Hause fahren.

Haus Hall hat sich verändert. Nicht mehr

am Rande, sondern mitten in der Welt: Die

eiserne Pforte gibt es seit Jahrzehnten nicht

mehr. Und Kontakte zur so genannten

Außenwelt sind längst an der Tagesordnung:

Einkäufe und Urlaubsfahrten, Außenwohngruppen,

Feste und Nachbarschaftliches,

Geschäftliches, Patenschaften, persönliche

gewachsene Beziehungen usw. Mit dieser

Art von Normalisierung sind auch die Kontakte

zu Eltern häufiger, flüssiger und selbstverständlicher

geworden.

„Eltern” sind längst nicht mehr ausschließlich

Väter und Mütter, sondern immer häufiger

Geschwister, Paten, gesetzliche Betreuer.

Und sie verhalten sich anders. Ihr Bedürfnis,

einen Betreuungs- und Förderplatz für ihr

“Kind” zu finden, ist zwar weiterhin groß.

Aber sie zeigen sich zunehmend selbstbewusster,

kritischer und wählerischer gegenüber

den vorhandenen Betreuungsangeboten.

Längst geht es nicht mehr allein um eine

Heimunterbringung „all inclusive”.

Eltern und Angehörige erwarten von der

großen alten Einrichtung zunehmend

Flexibilität: Wohnortnahe kleine Wohnheime,

Kurzzeitunterbringung, ambulante

Hilfen - das sind nur Stichworte einer Entwicklung,

die längst angefangen hat. Der

Auszug der Frühförderung vom Gelände in

städtische Geschäftshäuser und ihre ständig

steigende Inanspruchnahme zeigen eine

Richtung in die Zukunft.

»


Frauen sind doch

wie Männer

bloß anders

Frauen sind gefühlvoller, intelligenter, langlebiger,

unkoordinierter ... Männer sind

unordentlicher, kraftvoller, durchsetzungsbetonter,

humorvoller, unsensibler ...

Frauen geben mehr Wärme ...

Aber im Ernst:

Jenseits aller Klischees gibt es die

Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Jede weiß es, jeder spürt es. Und das ist gut so.

Was wäre eine Einrichtung, was wäre

die Welt, gäbe es nur die einen?

Schön und gut. Aber was bedeutet das im Alltag, wenn Martina Nottbeck sich in

der Mittagspause der Werkstatt mit ihrem Freund treffen will, um außer Neuigkeiten

auch Küsse und Umarmungen auszutauschen? Wenn sie abends auch gern

mit ihm in ihrem Zimmer allein sein will? Wenn die beiden heiraten möchten, so

wie andere auch? Freundschaft, Liebe und Sexualität sind Teil ihres Lebens.

Jungen und Mädchen, Männer und Frauen spielen, lernen, arbeiten und wohnen

in Haus Hall. Sie begegnen sich, erleben sich, haben Berührungen miteinander.

Viele verschiedene Kontakte, viele Beziehungen ermöglichen es sich zu entfalten,

sich unterschiedlich angesprochen zu fühlen von Kollegen und Mitschülern,

Mitbewohnern, Freunden, Betreuern und anderen Mitarbeitern.

Kein Wunder, dass es immer wieder zu Situationen kommt, in denen wir uns als

Mitarbeiter herausgefordert fühlen und uns fragen, wie wir uns angemessen verhalten.

Auch die Einrichtung als Ganzes befasst sich mit ihrer Haltung zur

Sexualität und Partnerschaft. Unser Weg ist es, sorgfältig abzuwägen zwischen

den verschiedenen Bedürfnissen und Verantwortlichkeiten der Beteiligten.

» Wir sind davon-

überzeugt, dass jeder

Mensch eine Sprache

der Liebe hat. Diese

Sprache hat verschie-

dene Ausdrucksformen

für viele Wünsche und

Bedürfnisse. Und sie

soll ihren Raum haben.


Frauen und Männer aus Ordensgemeinschaften

waren es, die seit der Gründung

von Haus Hall über Jahrzehnte hinweg den

größten Teil der Betreuung und Versorgung

leisteten. Mit ihrem Einsatz prägten sie das

Leben in der Einrichtung und damit auch das

Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

Weitgehende Trennung und eine beschränkende

Haltung gegenüber der Geschlechtlichkeit

der betreuten Menschen - das war

typisch für das Leben in der Einrichtung. Seit

den 70er Jahren hat der allgemeine gesellschaftliche

Wandel zu einem anderen

Verständnis geführt.

Heute sind viele Gruppen in Haus Hall

gemischt. Die Schulklassen und die Arbeitsgruppen

in der Werkstatt, der Kindergarten

wie auch die meisten Freizeitaktivitäten.

Etwas anders ist das Erscheinungsbild in

den Heimen, wo es früher nur nach den

Geschlechtern getrennte Gruppen gab.

Derzeit leben etwa in jeder dritten Gruppe

Jungen und Mädchen, Männer und Frauen

zusammen. Wir betrachten dies als Übergangsprozess.

Langfristig soll der Anteil

der gemischten Gruppen steigen, weil wir

meinen, dass dies den Bedürfnissen der meisten

Menschen mehr entspricht. Aller-dings

soll dies den Bewohnerinnen und Bewohnern

nicht als pädagogisches Prinzip übergestülpt

werden. Für jeden und mit jedem einzelnen

Menschen ist abzuwägen, ob die homogene

Gruppe besser ist.

Es ist schon lange selbstverständlich,

dass in den meisten Dienststellen in Haus

Hall Männer und Frauen tätig sind. Ziel ist,

dass die betreuten Menschen unterschiedliche

Beziehungsangebote haben, untereinander

und mit ihren Betreuerinnen und Betreuern:

kameradschaftliche, mütterliche,

sportliche, kollegiale, partnerschaftliche,

versorgende usw.

Für viele Mitarbeiter ist Vereinbarkeit von

Berufstätigkeit und Familie ein großes

Thema, nicht nur für die Frauen. In künftigen

Jahren wird es noch wichtiger sein als heute

schon, dafür verträgliche Lösungen zu finden,

die die verschiedenen Interessen berükksichtigen.

Zum Beispiel Teilzeitstellen: Wie

viele sind machbar im Interesse der

Mitarbeiter, und wie viele sind vertretbar mit

Rücksicht auf die Betreuten?

Stichwort Frauen in Leitungspositionen:

Dass sie dort seltener anzutreffen sind als

Männer, gehört zu den unerledigten Aufgaben

der Stiftung. Denn wenn es stimmt,

dass sich männliche und weibliche Anteile

überall dort gegenseitig ergänzen sollen, wo

es um Kommunikation, Beziehungsarbeit

und Kooperation geht - warum sollte das

nicht ebenso gelten für die Leitungs- und

Führungsverantwortung?

»


Mit Kirche

und so hab ich

kein Problem

Man könnte jetzt eine Stecknadel fallen

hören, so still ist es im Raum geworden.

Berührt sind auch die, die sonst kaum zur

Ruhe kommen, auch die Praktikantin, die

längst ihre coole Sonnenbrille abgesetzt hat,

der junge Mann, der nicht weiß, wohin

mit seinem Kaugummi. Die Atmosphäre ist

dicht, als der Segen gesprochen wird: Der

Herr lasse sein Antlitz leuchten über dir.

Wo ist das? Ist es in der Kirche oder in einem Arbeitsraum der Werkstatt, wo eine

Gruppe Wortgottesdienst hält, an einem ganz normalen Dienstagmorgen in der

Schulklasse oder beim Haus Haller Sommerfest?

Es gibt viele Orte in Haus Hall, an denen der Glaube spürbar wird. Es gibt viele

Augenblicke, die aus dem Alltag herausfallen und die uns sagen: Es gibt noch

etwas hinter dem Trott und der Geschäftigkeit, was größer und tiefer ist. Es gibt

Zeichen der Nähe Gottes und jeder erlebt sie auf seine Weise. Es gibt die

Sehnsucht nach der Fülle des Lebens, was mehr heißt als alles zu haben. Es gibt

die Zusage Gottes, der uns nahe sein möchte und der uns auf seine Weise sagt: Du

bist mein Kind. Gut, dass du da bist.

Das öffnet Türen. Da ist Platz für viele. Für Menschen, die Hilfe brauchen wie für

Menschen, die sich mit ihnen und für sie engagieren wollen - direkt oder im

Hintergrund. Ältere und Jüngere, Langjährige und Neue, fromme Christen und in

Glaubensfragen zurückhaltende Menschen, Überzeugte und Kritische. Platz für

Menschen, die auf der Suche sind nach einem guten Leben, nicht nur für sich selbst.

Oft sind es die Menschen mit Behinderung, die uns als Mitarbeiter mitnehmen zu

den wesentlichen Fragen des Lebens. Uns auf ihre spirituellen Bedürfnisse einzustellen,

ist nicht nur unsere Aufgabe, sondern oft auch ein Zugang für uns selbst zu

unseren Lebensfragen. Am stärksten dann, wenn es um die Begleitung beim

Sterben geht.

» Wir in Haus Hall

wünschen uns, dass

der Glaube sich auf

viele Arten entfalten

kann. Eine große Ein-

ladung an alle mitzu-

machen und dazu-

zugehören.


Die Kehrseite: moralischer Druck, Reglementierung

und die Angst um den Arbeitsplatz.

Manche Mitarbeiter haben wegen

ihres Arbeitgebers mehr Befürchtungen als

gute Gefühle. Die Schwierigkeiten vieler,

sich mit einem kirchlichen Arbeitgeber zu

identifizieren, wirken sich auch in Haus Hall

aus. Das fängt an im Bewerbungsgespräch

mit der Überlegung beider Seiten, ob man

als Bewerber kirchlich genug sei oder ein

Kuckucksei. Das geht weiter mit der Tatsache,

dass immer mehr Mitarbeitern die

Inhalte und Formen des Glaubens fremd

sind, weil ihre Lebensgeschichte eine andere

als die einer katholischen Familie war. Und

das betrifft Menschen, die sich fragen, ob

ihnen wegen ihrer privaten Lebensumstände

früher oder später die Kündigung droht.

Egal, ob diese Bedrohungen phantasiert

oder real sind: Sie sind schmerzhaft und

erzeugen Zurückhaltung und innere Distanz.

Die segnende Hand des Priesters ist ebenso

die Hand des Direktors, die Einstellungen

und Entlassungen unterschreibt.

Haus Hall ist auch eine Gemeinde. Für die

Mehrzahl der Bewohner ist hier ihre religiöse

Heimat. Aber auch für viele Mitarbeiter,

die hier Anschluss finden können an Feste

und Feiern, durch die sie sich angesprochen

fühlen, an Lieder, die sie mitsingen mögen,

und vor allem an eine Gemeinschaft, die

über das Berufliche hinausgeht.

Längst ist die Kapelle von Haus Hall nicht

mehr der einzige Ort, an dem Gemeindeleben

geschieht. Es gibt viele Orte des Glaubens,

und wir brauchen noch mehr davon.

Und den Sinn dafür. Gottes Gegenwart in

der Verteilerküche, am Computerarbeitsplatz,

im Badezimmer beim vierten Windelwechsel

für heute - unvorstellbar?

Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest

der Auferstehung, sang Peter Janssens hier

mit uns, Stunden werden eingeschmolzen

und ein Glück ist da. Dieses Glück spürbar

werden lassen: ein starker Wunsch, eine

echte Aufgabe.

»


Über Geld

spricht

man nicht

1.300 kg Brotmehl

pro Monat,

90 Zentner Kartoffeln,

73.000 Kubikmeter Gas,

196.000 Kilowatt Strom,

Windeln für über 5.000 Euro,

Fortbildungskosten für

über 7.000 Euro.

Und mehr als zwei Millionen

für die Gehälter der Mitarbeiter.

Monat für Monat.

Keine Frage, wenn es nach den Umsatzzahlen ginge, wäre Haus Hall ein mittelständisches

Wirtschaftsunternehmen. Aber der sozialen Einrichtung geht es nicht

darum Profit zu erwirtschaften. Geld wird benötigt, um es ausgeben zu können.

Wofür? Zuerst, um die Versorgung und Betreuung der Menschen mit Behinderung

umfassend sicherzustellen. Und auch für Blumen und tägliche Gastfreundschaft,

Feste und Kunst, Urlaub und Bäume, die uns Schatten geben und die Landschaft

verschönern. Ohne das scheinbar Unnötige wäre Haus Hall nicht das, was es ist,

wäre das Leben hier reduziert, wären lebensspendende Anregungen für die

betreuten Menschen nicht da.

» Wir sind uns bewusst:

Das Teuerste und das

Wertvollste ist die Zeit,

die wir zur Verfügung

haben - unsere Arbeits-

zeit als Mitarbeiter. Zeit

für andere Menschen,

für unsere Aufgaben,

für neue Ideen.


Felder und Gärten, in denen Korn und

Gemüse wachsen. Erde, aus der Steine gebrannt

werden. Flächen, auf die man Häuser

bauen kann: Eine Immobilie war das Startkapital,

mit dem vor rund 150 Jahren die

Stiftung anfing. Die Zeiten sind längst vorbei,

in denen der Boden der wichtigste

Wirtschaftsfaktor war.

Sanierung, Neubau und Renovierung einer

immer noch wachsenden Zahl von Gebäuden

erfordern Investitionen und Kapitaldienst.

Sachkostenbudgets regulieren die

laufenden Ausgaben für die Dinge des täglichen

Lebens. Und das Vierfache der

Sachkosten wird für Gehälter ausgegeben.

Mit Spendengeldern allein ist diese Arbeit

nicht zu machen. Staatliche und kirchliche

Stellen stehen als Geldgeber vorn. Alle

Beteiligten brauchen sichere und verlässliche

Grundlagen. Eine Doppelaufgabe für die

Einrichtung: Das Gegebene im Haus gut zu

verteilen, zu verwalten und instand zu halten

und nach außen hin: alles Mögliche zu

unternehmen, damit genügend Mittel in die

Einrichtung kommen, so dass weiterhin vorhanden

ist, was gebraucht wird. Das meiste

fließt übrigens in den Geldkreislauf der

näheren Umgebung zurück und Haus Hall

selbst ist dadurch ein regionaler Wirtschaftsfaktor.

Zum Stil des Hauses gehörte es bisher,

dass die Sorge um das große Geld von den

Mitarbeitern fern gehalten wurde. Eher im

Hintergrund kümmern sich Führungskräfte

und Verwaltungsfachleute um die Sicherung

der wirtschaftlichen Grundlagen. Doch unaufhaltsam

schiebt sich das Thema Geld

immer weiter nach vorne: Verwendungsnachweise

und Kürzungen, Preisdruck und

Teuerung machen mit ihren Auswirkungen

auf die Dauer vor keiner Dienststelle Halt.

Auch wird allmählich Konkurrenz mit anderen

Einrichtungen spürbar.

Wenn Geld knapper wird, sind Kreativität

und Verantwortung gefragt. Langsam aber

sicher setzen sich in Haus Hall die Prinzipien

der Budgetierung weiter durch: wissen, was

zur Verfügung steht; entscheiden, wofür es

ausgegeben wird; verantworten, was als

Ergebnis entsteht - und das nicht allein in der

Führungsetage, sondern in eigener Verantwortung

der Fachleute selbst. Ein Prozess,

der Zeit braucht und der nicht ohne Konflikte

auskommt.

Uns ist klar: Ob es um die Kassenführung

eines Schülertaschengeldes geht oder um die

Finanzierung einer modernen Großküche

für weit über 1000 Essen täglich; ob es um

die Führung von Personalstellen geht oder

um den ganz gewöhnlichen Dienstplan für

den nächsten Monat: Wir bewegen Geld,

das uns letztlich nicht gehört. Es ist in unsere

Verantwortung gegeben, Mitarbeitern wie

Leitungskräften. Zu treuen Händen.

»


Persönlich sein

und öffentlich

wirken

Ein wunderbarer Tag. In der Eisdiele ist

es angenehm kühl. Einen Schokobecher

bestellt Martin Flechtrup und Eva Krommert

zeigt in der Karte auf das Foto ihrer

Wahl. Sie finden es herrlich hier zu sitzen.

Bloß das Warten fällt schwer. Einige Gäste

am Nachbartisch schauen irritiert herüber,

als Herr Flechtrup anfängt mit dem Oberkörper

zu schaukeln, andere halten ihre

Löffel still, als Frau Krommert schon im

Voraus schmatzt. Nur der junge Mann, der wohl der Betreuer

ist, sieht ganz entspannt aus. Die Schweißperlen auf

seiner Stirn? Die sind aus dem Abstand nicht zu sehen.

Eis essen ist auch ein öffentliches Ereignis.

An Eisbecher wird der Bischof von Münster nicht gedacht haben, als er vor rund

150 Jahren die Stiftung Haus Hall gründete: Eine Antwort auf die Not benachteiligter

Menschen ursprünglich und ein unübersehbares Zeichen für das soziale

Engagement der Kirche bis heute. Als Träger von Einrichtungen für Menschen mit

Behinderung bringt die Stiftung zum Ausdruck, dass im christlichen Glauben der

Bezug zu Jesus Christus und der Bezug zum Nächsten untrennbar zusammengehören.

Aus der Kirche heraus in die Welt hinein.

Zeichen setzen in der Öffentlichkeit: Wenn die Kindergärten am Ort sich zu einer

Aktion in der Innenstadt zusammenschließen, dann ist der Kindergarten von Haus

Hall dabei. Wenn die Künstler der Werkstatt für Behinderte neue Werke erstellt

haben, dann werden diese stolz in Ausstellungen präsentiert. Wenn die Deutschen

das reiselustigste Volk der Welt sind, dann gehören die Bewohner von Haus Hall

dazu und nehmen selbstbewusst ihre Plätze ein, auch im Hotelrestaurant auf

Mallorca. Wenn Haus Hall ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Region ist,

dann sind Zuverlässigkeit und Seriosität in den Geschäftsbeziehungen von hohem

Wert. Und wenn Fachorganisationen sozialpolitische Weichenstellungen erarbeiten,

ist Haus Hall an verschiedenen Stellen aktiv dabei.

Es sind nicht allein Leitungskräfte, die öffentlich wirken, es sind in erster Linie die

Menschen selbst, die hier betreut werden: durch ihr Dasein und ihr Auftreten in der

Öffentlichkeit. Ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben steht nicht zur Diskussion.

Öffentlich wirkt jeder Mitarbeiter. Ob im Pfortendienst oder im Gespräch mit

Eltern, mit der Gruppe auf Schalke oder abends am privaten Stammtisch: Jeder

personifiziert für seine Umgebung Haus Hall. Jeder steht mit seinem Wort für das

Ganze. Und jeder prägt in seiner Teilöffentlichkeit das Ansehen von Menschen mit

Behinderung mit.

» Wir wissen, dass

unsere Einrichtung ihre

Stärken und Schwächen

hat. Wir erleben, dass

die meisten Menschen,

die Haus Hall betreut,

gern hier sind und dies

offen zeigen.

Und wir tun alles dafür,

dass auch wir gern

dazu gehören.


Haus Hall kommt nach Gescher, hieß es in

den 70er Jahren, als zum ersten Mal eine

kleine Gruppe von Bewohnern von der abgelegenen

Einrichtung weg in eine ganz

normale Wohnung in der Stadt umzog. Von

den neuen Nachbarn wurde dies damals

teils begrüßt, teils heftig beargwöhnt. Die

private Welt der einen rückte näher heran

an die private Welt der anderen. Ungewohnt

war das für beide Seiten, damals.

Sensibel sind die Übergänge zwischen privatem

Lebensbereich, beruflichem Auftrag

und öffentlichem Interesse. Am Anfang jeder

Betreuung stehen Aufnahmegespräche.

Eltern gewähren dadurch der Einrichtung

Einblick in ihr Familienleben. Die interne

Verwaltung sammelt personenbezogene

Daten mit EDV. Der Kostenträger befragt

die Eltern nach ihren Eigentumsverhältnissen.

Die Heimaufsicht macht Kontrollbesuche

in der Einrichtung, ebenso wie die

Berufsgenossenschaft, das Gesundheitsamt

und so weiter. Und manchmal kennen

Mitarbeiter eine Familie aus früheren privaten

Bezügen.

Bei all diesen Übergängen ist nicht zu vergessen,

dass es dabei aus der Sicht der

Betreuten immer um ihre höchstpersönlichen

Angelegenheiten geht: ihren Alltag, ihre

Gesundheit, ihre Lebensträume ...

Das verlangt von uns Mitarbeitern zuallererst

die Zusage von Vertraulichkeit und den

sorgsamen Umgang mit allen persönlichen

Informationen. Das verlangt andererseits

das Bewusstsein dafür, dass unsere Tätigkeit

permanent dem öffentlichen Interesse

ausgesetzt ist, auch wenn dieses sich nicht

ständig deutlich und direkt äußert. Es ist

sofort da im Fall von Pannen und Unfällen.

Und es ist gegenwärtig in der kritischen

Frage, ob denn dieser ganze Aufwand und

Einsatz für die Menschen mit Behinderung

nicht doch des Guten zu viel sei - zu viel Personal,

zu hohe Investitionen, zu viel Luxus?

Konfrontiert mit solchen Fragen ist jeder

von uns gefordert Position zu beziehen und

den Dialog aufzunehmen. Vielleicht mit der

Gegenfrage an den Kritiker: Was möchten

Sie anders haben?

»


Ganz normal behindert

Beziehungsweise

Ich habe hier viele Freiheiten – aber andererseits

Vielleicht ein Dienstleistungszentrum – aber ich weiß nicht

Vater, Mutter, Anstalt

Frauen sind doch wie Männer – bloß anders

Mit Kirche und so hab ich kein Problem

Über Geld spricht man nicht

Persönlich sein und öffentlich wirken

1998 bis 2000

unter Beteiligung aller MitarbeiterInnen zusammengetragen

und eingehend erörtert, insbesondere

in der Leitung einschließlich der mittleren

Leitungsebene

2000 bis 2001

von der Redaktionsgruppe Ingrid Dönnebrink,

Brunhilde Gand, Theo Heenen, Michel

Hülskemper und Ludger Schöttler in Text und

Form gebracht

29. Juni 2001

von der Hauskonferenz verabschiedet

02. Juli 2001

vom Vorstand bestätigt

Herausgeber:

Der Direktor von Haus Hall

Fotos:

Archiv von Haus Hall, Sabrina Gewecke,

Theo Heenen, Ansgar Höing, Irmhild Nonhoff

Layout und Produktion:

Ansgar Höing, Gescher

Druck und Verarbeitung:

Druckhaus Fleißig, Coesfeld

Haus Hall im Sommer 2001

Haus Hall

Tungerloh Capellen 4

48712 Gescher

Telefon: 02542.703-0

info@haushall.de

www.haushall.de