Drucksache „Bild“ – Eine Marke und ihre Mägde - Welt der Arbeit

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Drucksache „Bild“ – Eine Marke und ihre Mägde - Welt der Arbeit

DRUCKSACHE „BILD“

Zeitung ist gleich

Journalismus – oder

doch nicht

empfiehlt es sich unseres Erachtens, zur Kenntnis

zu nehmen: In unserer Gesellschaft hat sich

ein massenmediales System entwickelt, das

Veröffentlichungen der unterschiedlichsten Art

herstellt. Diese massenmedialen Veröffentlichungen

zu klassifizieren, sie in einem Ordnungsschema

zu sortieren, um sie überblicken,

beschreiben und bewerten zu können, ist eine

Aufgabe, die unter die Rubrik ‚lebenslanges

Lernen‘ fällt. Alltagstaugliche Unterscheidungen

sind zum Beispiel auf der Seite der Medien-Instrumente

(‚Hardware‘) analoge und digitale

Medien, Print- und Funkmedien, Text- und

Bildmedien. Auf der Seite der Medien-Inhalte

(‚Software‘/‚Content‘) gibt es zum einen die

übergeordnete Unterscheidung zwischen den

verwendeten Zeichen Text, Ton und Bild; zum

anderen trifft man eine Ebene darunter auf gängige

Typenbezeichnungen, die sich teilweise

auch noch miteinander verknüpfen lassen,

beispielsweise zu Unterhaltungsliteratur, Fotojournalismus,

Werbefilm, Filmmusik, Musikfilm,

PR-Foto. Spätestens an dieser Stelle tritt

hervor, wofür das Medium Computer allen die

Augen geöffnet hat: Zwischen dem Medien-Instrument,

den Zeichen und dem Content kann,

muss aber keine strikte Kopplung herrschen.

Dass sich auch Bilder-Bücher, Hör-Spiele und

Fernseh-Filme herstellen lassen, war gut bekannt,

lange bevor das Eigenschaftswort „multimedial“

seine Karriere machte. Es ist, nimmt

man die Medienwelt in einen Überblick, nicht

die geringste Überraschung, dass sich variantenreiche

Verschmelzungen vollziehen, dass in

diesem Zusammenspiel fast ohne Grenzen

immer neue Hybridformen entstehen, gegenwärtig

gipfelnd im Beinahe-Allesschlucker und

Fast-Allesanbieter Internet.

Nur in dieser einen Hinsicht scheint die Vorstellungswelt

wie mit Brettern vernagelt: Was

in einer Zeitung gedruckt wird und keine Anzeige

ist, muss Journalismus sein. Jede andere

Möglichkeit schließen sowohl die Zeitungsmacher

als auch die Zeitungskritiker aus. Zeitung

ist gleich Journalismus, das hat man gelernt,

das ist man gewohnt. Mit dem Unterschied zwischen

Qualitäts- und Boulevardjournalismus

hat sich das Differenzierungsvermögen erschöpft.

Kopfschüttelnd und tadelnd wird in einer

Endlosschleife moniert, was „Bild“ alles

macht und nicht macht, die Grundannahme,

dass sie nichts anderes als Journalismus

macht, bleibt unberührt. Wir halten diese Annahme

für falsch. Das Erfolgsgeheimnis der

„Bild“-Zeitung sehen wir gerade darin, dass sie

kein journalistisches Werk ist, sondern ein

massenmediales Produkt, dessen Inhalte und

dessen Gestaltung sich aus dem Repertoire verschiedener

Gattungen öffentlicher Kommunikation

bedienen. Was zu beweisen sein wird.

Wir demonstrieren es an einem ohne Zweifel

journalistischen Thema, der Griechenland- und

Eurokrise. Darüber hinaus könnte eine umfassende

Analyse der „Bild“-Zeitung zeigen, dass

sie eine große Fülle nichtjournalistischer Themen

publiziert. Oder gibt es tatsächlich ein

journalistisches Relevanzkriterium für die

Nachricht „Lothar Matthäus geht gegen Lilianas

Stylisten vor“?

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