Drucksache „Bild“ – Eine Marke und ihre Mägde - Welt der Arbeit

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Drucksache „Bild“ – Eine Marke und ihre Mägde - Welt der Arbeit

TEIL I: EINE KRISE, EINE ZEITUNG, EIN ZIRKUS

Die Information als

Magd der Story

die Misswirtschaft bezahlen.“ Information, Interpretation

und Bewertung fließen zusammen.

Es geht weiter: „Statt sich am Riemen zu

reißen, legten die Griechen ihr Land gestern

mit einem Generalstreik lahm […] .“ Und: „Was

die Griechen einfach nicht wahrhaben wollen:

Sie leben seit Jahren meilenweit über ihre Verhältnisse.“

Der pure Kommentar. In diesem Text

gibt es zusätzliche Informationsfetzen: Von

2005 bis 2009 seien die Löhne „durchschnittlich

um 4,1 Prozent pro Jahr“ gestiegen. „Griechische

Arbeitnehmer gehen spätestens mit 61

in Rente. Die Staatsschulden sind höher als die

Wirtschaftsleistung eines Jahres.“ Informationen

als Dienerinnen der „Bild“-Geschichte. Die

Information, dass innerhalb der Eurozone die

Einkommen nur in Portugal noch niedriger sind

als in Griechenland bzw. dass griechische Angestellte

für einen Vollzeitjob im Durchschnitt

gerade einmal 41 Prozent des Gehalts eines

Angestellten in Deutschland erhalten (www.baauslandsvermittlung.de/,

Zugriff 11.12.2010),

hätte nicht in die Geschichte gepasst. Nach der

Nennung dieser Daten folgt etwas später die

optisch im Fettdruck hervorgehobene Frage:

„Und wer muss am Ende die Rechnung zahlen?“

Die Antwort wird in Großbuchstaben gegeben:

„Das Risiko trägt natürlich der deutsche Steuerzahler.“

Der Text ist dort angekommen, wo

„Bild“ ihn haben wollte.

Für sich betrachtet, könnte man einen solchen

Artikel mit der Feststellung abhaken,

Journalismus gehe anders, hier würden Standards

journalistischer Arbeit missachtet. Aber

das ist nach unserer Auffassung nicht der entscheidende

Punkt. Der Artikel hatte nie ein

journalistisches Anliegen, er wollte nie informieren

und orientieren, er sollte die „Bild“-

Geschichte der Griechenland- und Eurokrise

‚weiterdrehen‘ und einen Beitrag leisten für die

Öffentlichkeitsarbeit der „Bild“-Zeitung zur

Durchsetzung der Forderung: „Kein deutsches

Steuergeld für Griechenland!“

Artikel, welche Fakten liefern, deren Interpretation

nicht sofort festgezurrt wird, sind

sehr selten; zu ihnen gehören vor allem die

Kurznachrichten, die meist sehr sachlich über

einzelne Ereignisse oder Daten informieren,

und teilweise Interviews, die – oft nicht in der

Überschrift, aber im Text – die Meinung der

Befragten wiedergeben (müssen). Jeder Artikel

verfolgt – in der Regel und von den wenigen

erwähnten Ausnahmen abgesehen – eine inhaltliche

‚Linie’ und transportiert eine Botschaft.

Soweit informierende Elemente vorhanden

sind, haben sie die Aufgabe, Botschaft und

‚Linie’ zu stützen. Entsprechend gibt es kaum

Texte mit sich widersprechenden Informationen

und Wertungen. Es werden nur die Informationen

transportiert, die zur ‚Geschichte’ passen,

andere Informationen werden einfach weggelassen.

So sind alle Artikel inhaltlich ‚aus einem

Guss’.

3.1.5 Kleine Namen für die Story,

große Namen fürs Renommee

Die kommentierende und bewertende Steuerung

der Artikel wird entweder vom Verfasser

selbst geleistet oder indirekt von externen Akteuren

in Form von Zitaten geliefert. Diesen

zweiten Weg wählt „Bild“ sehr gerne, um die

Story realpolitisch zu verankern. Oft sind es

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