Theorie - Sympathikus-Therapie

sympathikus.therapie.de

Theorie - Sympathikus-Therapie

Heesch / Steinrücken

Sympathikustherapie

Die Wirbelsäule im Zentrum der Medizin

1. Auflage

Mit 43 größtenteils farbigen Abbildungen

2013

Heestein Verlag


© 2013

Dr. med. Dieter Heesch

Dr. med. Heiner Steinrücken

Alle Rechte vorbehalten.

1. Auflage

ISBN 978-3-9816066-0-7

Med. wiss. Leitung, Texte und Bilder:

Dr. med. Dieter Heesch

praxis@dheesch.de

www.sympathikus-therapie.de

www.sympathofit.de

Dr. med. Heiner Steinrücken

sympathikustherapie@gmail.com

www.orthopaedie-im-holzhaus.de

www.sympathikustherapie.de

Konzeption, Textbearbeitung, Redaktion:

Dr. med. Heiner Steinrücken

Heestein Verlag Heidelberg

Lektorat: Dr. med. Heiner Steinrücken, Rheurdt

Covergestaltung: zebra-artdesign.de, Rheinberg

Buchumschlag (Bildnachweis): © psdesign1, © cliparea.com (fotolia.com)

Druck: Amazon

Printed in Germany

Hinweis des Verlags:

Die fachlichen Inhalte in diesem Buch sind sorgfältig recherchiert und geprüft worden.

Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autoren noch Verlag können für

eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den hier erteilten praktischen Hinweisen

resultieren, eine Haftung übernehmen. Der Inhalt ersetzt dem interessierten Laien den

Besuch bei einem entsprechenden Facharzt oder Heilpraktiker nicht.


III

Vorwort

Dieses Buch stellt eine neue Methode zur Therapie akuter und chronischer Leiden

vor, die schon seit Jahren erfolgreich eingesetzt wird. Wir nennen sie Sympathikustherapie,

weil sie das vegetative Nervensystem beeinflusst. Im Zentrum steht zwar der

Sympathikus, aber auch die Wirbelsäule.

Die Therapie hat sich über viele Jahre ganz allmählich aus einem Konzept zu einem

festen Therapieregime entwickelt. Sie ist inzwischen täglicher Bestandteil unserer praktischen

Arbeit am Patienten geworden. Bei mindestens 50% von ihnen können wir die

Beschwerden sofort beseitigen oder wesentlich bessern.

Wir halten es für wichtig, unsere Erfahrungen mit anderen Therapeuten zu teilen

und haben versucht, diese Therapie so darzustellen und an Beispielen zu erklären, dass

Ärzte, Physiotherapeuten und Heilpraktiker sie auch ohne große manualtherapeutische

Kenntnisse anwenden können. Die Sympathikustherapie kommt gleichzeitig dem

Wunsch vieler Patienten entgegen, mit einer sanften Methode behandelt zu werden.

Wir sind uns bewusst, dass die Sympathikustherapie bei weitem kein ausgereiftes

System darstellt und es sicher noch vieler Korrekturen bedarf. Deswegen nutzen wir die

Möglichkeiten moderner Kommunikationsformen und veröffentlichen unser Werk auch

im Internet unter sympathikustherapie.de (Steinrücken) und sympathikus-therapie.de

(Heesch), um einen regen Informationsaustausch zur Optimierung dieser neuen Therapie

zu ermöglichen.

Ein solches Werk neben der täglichen Praxis zu schaffen, wäre für uns ohne fremde

Hilfe in der vorgegebenen Zeit nicht möglich gewesen. Wir bedanken uns deshalb sehr

herzlich bei allen, die uns auf grammatikalische Fehler und stilistische Schwachstellen

hinwiesen, insbesondere Christa Liekmann, Irmi Steinrücken, Cornelia Baumann, Cornelia

Meins, Harald Padelt und Ernst Schaack. Für die fachliche Kritik bedanken wir uns bei

Dr. Gernot Plato. Außerdem sind wir Herrn Preller sehr verbunden, der die Filme für

YouTube drehte, und Susanne Köhler, die bei der Erstellung der Videos der Rippenbewegung

half. Ein ganz besonderer Dank geht noch an Birgit Sauter für die Umschlaggestaltung

und die wertvollen Tipps sowie an die vielen „Models“ und PatientInnen, die

sich von uns für das Buch fotografieren ließen.


IV

Inhaltsverzeichnis

Vorwort........................................................................................................................................................... III

Einleitung........................................................................................................................................................ 1

Theorie ............................................................................................................................................................ 5

Modell der vertebro-vegetativen Koppelung.............................................................................5

Allgemeine Vorbemerkungen.....................................................................................................5

Mechanik............................................................................................................................................ 7

Verschlechterung in Ruhe............................................................................................................9

Sympathikus ......................................................................................................................................... 10

Funktion........................................................................................................................................... 10

Efferenz und Minor Sudeck ......................................................................................................11

Afferenz (direkter Schmerz und Parästhesien)...................................................................12

Schmerz- und Krankheitsentstehung....................................................................................13

Indirekte Schmerzentstehung............................................................................................13

Schwellentheorie.................................................................................................................... 13

Dauerschmerzen..................................................................................................................... 15

Kribbelgefühle (Kribbelparästhesien)..............................................................................15

Schlussfolgerungen............................................................................................................................ 16

Auswirkungen von Wirbelsäulenblockierungen ...............................................................16

Konsequenzen................................................................................................................................ 17

Therapie........................................................................................................................................................ 19

Allgemeines........................................................................................................................................... 19

Behandlungsprinzip..................................................................................................................... 20

Hausärztliche Kassenpraxis.......................................................................................................21

Ärztliche Privatpraxis................................................................................................................... 22

Heilpraktiker................................................................................................................................... 22

Physiotherapeutische Praxis......................................................................................................22

Diagnostisches und therapeutisches Werkzeug......................................................................23

Untersuchungs- und Behandlungstechniken............................................................................25

Orientierung................................................................................................................................... 25

Punktsuche und Punktbehandlung........................................................................................26

Mikropressur................................................................................................................................... 27

Tenderpoints als Folge von Blockierungen...................................................................28

Tenderpoints als Folge muskulärer Verspannungen.................................................29

Technik der Mikropressur....................................................................................................30

Mikrosysteme........................................................................................................................... 31


V

Setzen von Akupunktur-Dauernadeln (Akuperm)............................................................32

Akuperm in der Sportmedizin...........................................................................................32

Dorn-Therapie................................................................................................................................ 32

Stellungsdiagnostik am Becken nach Dorn..................................................................34

Stellungsdiagnostik der Iliosakralgelenke in Rückenlage........................................35

Therapie des Iliosakralgelenkes........................................................................................35

Chirotherapie.................................................................................................................................. 36

„Manufit“-Methode nach Dr. Hack.........................................................................................36

Fernpunkte in Mikrosystemen..................................................................................................36

Therapiehindernisse........................................................................................................................... 38

Synoptische Handlungsanleitung..................................................................................................39

Krankheitsbilder - praktisches Vorgehen..........................................................................................41

Allgemeine Vorgehensweise am Beispiel der Migräne.........................................................41

Anamnese........................................................................................................................................ 41

Untersuchung ................................................................................................................................ 41

Prüfung bei Rotation des Kopfes............................................................................................41

Behandlung..................................................................................................................................... 42

Suche nach Tenderpoints....................................................................................................42

Chirotherapie........................................................................................................................... 43

Wiedereinbestellung.............................................................................................................43

Ausbleibende Besserung.....................................................................................................44

Validierung der therapeutischen Ergebnisse ..............................................................44

Vorgehen bei Schulterschmerzen rechts....................................................................................45

Restless-Legs-Syndrom und Wadenkrämpfe............................................................................46

Spezielle Vorgehensweise ...............................................................................................................47

Schmerzsyndrome am Kopf......................................................................................................47

Weitere Syndrome am Kopf......................................................................................................48

Heberdenarthrose, Handekzem, Parästhesie der Finger................................................48

Schmerzen am Daumensattelgelenk, Karpaltunnelsyndrom........................................50

Tennisellenbogen und Golferellenbogen............................................................................50

Asthma und Reizhusten..............................................................................................................51

Kribbelparästhesien am Unterarm..........................................................................................51

Herzrhythmusstörungen in Ruhe............................................................................................52

Gallenbeschwerden, Gallensteine...........................................................................................52

Schulterschmerzen.......................................................................................................................52

Schultereckgelenkschmerzen...................................................................................................53

Sodbrennen in Ruhe, morgendliche Magenbeschwerden............................................53

Reizdarmsyndrom.........................................................................................................................54

Verspannungen am M. trapezius, pars transversa............................................................55

Fersenschmerz, Schmerzen bei Fersensporn......................................................................56


VI

Sprunggelenksbeschwerden, Achillodynie..........................................................................57

Kniegelenkschmerzen................................................................................................................. 57

Wadenkrämpfe, Restless-Legs-Syndrom.............................................................................57

Hüftgelenkschmerzen, seitlicher Hüftschmerz...................................................................58

Schmerzen im Beckenbereich..................................................................................................59

Fallbeispiele................................................................................................................................................. 61

Erkrankungen und Beschwerden am Kopf.................................................................................61

Entzündung an der Unterlippe................................................................................................61

Lippenherpes.................................................................................................................................. 62

Idiopathische Fazialisparese.....................................................................................................62

Trockenes Auge............................................................................................................................. 62

Heiserkeit (und Störfeldgeschehen).......................................................................................62

Trigeminusneuralgie nach Herpes..........................................................................................63

Post-Zoster-Neuralgie mit Fazialis- und Abduzensparese............................................64

Parästhesien.................................................................................................................................... 66

Cluster-Kopfschmerz (1).............................................................................................................66

Cluster-Kopfschmerz (2).............................................................................................................66

Beschwerden an Schulter und Arm...............................................................................................67

Schulterschmerzen ...................................................................................................................... 67

Schulterschmerzen bei Zahnproblemen (Störfeldgeschehen).....................................67

Kalkschulter..................................................................................................................................... 68

Herpes am Arm.............................................................................................................................. 69

Tennisellenbogen (Epicondylitis)............................................................................................69

Tennisellenbogen (Störfeldgeschehen)................................................................................69

Rhizarthrose.................................................................................................................................... 70

Heberdenarthrose (1).................................................................................................................. 70

Heberdenarthrose (2).................................................................................................................. 70

Morbus Sudeck (1)....................................................................................................................... 71

Morbus Sudeck (2)....................................................................................................................... 72

Nacken-Schulter-Arm-Schmerzen..........................................................................................72

Ganglion am Mittelfinger...........................................................................................................72

Erkrankungen und Beschwerden am Rumpf.............................................................................73

Herzrhythmusstörungen............................................................................................................73

Asthma ............................................................................................................................................. 73

Reizhusten ...................................................................................................................................... 73

Hyperhidrosis................................................................................................................................. 74

Cholelithiasis................................................................................................................................... 74

Magenbeschwerden ...................................................................................................................74

Lichen amyloidosus...................................................................................................................... 74

Reizdarm.......................................................................................................................................... 75

Erkrankungen an der Wirbelsäule.................................................................................................76


VII

Berührungsschmerz an der Halswirbelsäule.......................................................................76

Schmerzen nach Versteifungsoperation an der Lendenwirbelsäule..........................76

Unspezifisches Lumbalsyndrom..............................................................................................77

Beschwerden an Becken und Bein................................................................................................77

Gesäßschmerzen........................................................................................................................... 77

Hodenschmerzen.......................................................................................................................... 77

Kreuz- und Beinschmerzen nach Operation.......................................................................78

Hüftschmerzen mit „verdrehtem“ Bein.................................................................................78

Kniegelenkschmerzen mit Knacken bei Bewegung..........................................................79

Kniegelenkschmerzen im Liegen.............................................................................................79

Kniegelenkschmerzen unklarer Genese................................................................................80

Therapieresistente Sprunggelenksverletzung....................................................................80

Knöchelödem................................................................................................................................. 80

Hauterkrankungen.............................................................................................................................. 81

Pustulosis palmoplantaris..........................................................................................................81

chronisches Handekzem (1)......................................................................................................81

chronisches Handekzem (2)......................................................................................................82

Fußekzem, chronisch .................................................................................................................. 83

Unterschenkelekzem...................................................................................................................84

Bakerzyste ...................................................................................................................................... 85

Spreizfußbeschwerden ...............................................................................................................85

Morton-Tarsalgie..........................................................................................................................86

Achillodynie.................................................................................................................................... 86

Periostalgie an beiden Füßen...................................................................................................86

Chronische Schmerzsyndrome.......................................................................................................87

Chronische Beinschmerzen beim Kind..................................................................................87

Chronische Kreuzschmerzen.....................................................................................................87

Dauerschmerzen in der Schulter.............................................................................................88

Dauerschmerzen im Oberarm .................................................................................................88

Schlussbetrachtungen ............................................................................................................................ 89

Autoren.......................................................................................................................................................... 92

Dr. med. Dieter Heesch..................................................................................................................... 92

Dr. med. Heiner Steinrücken...........................................................................................................93

Literaturverzeichnis................................................................................................................................... 96


VIII


IX

Marcel Proust:

Die besten Entdeckungen macht man

nicht in fremden Ländern, sondern

indem man die Welt mit anderen

Augen betrachtet.


X

Erklärungen

Zur besseren Übersicht wurde Text farbig gestaltet.

• Blau sind die Bezüge zum Internet markiert.

• Rote Textstellen bedeuten, dass es hierzu Videos bei Youtube gibt (dort Suche

nach Sympathikustherapie).

• Grün bedeutet, dass hierzu Literatur existiert.

• Wichtige Textpassagen sind in farblich gekennzeichneten Boxen untergebracht.

Die meisten lateinischen Begriffe wurden zusätzlich ins Deutsche übersetzt, so dass das

Buch auch für Laien verständlich sein wird.


1

Einleitung

Der Sympathikus als wesentlicher Teil des vegetativen Nervensystems spielt in der

Medizin noch eine untergeordnete Rolle. Der Grund dafür ist, dass Sympathikus bedingte

Erkrankungen wenig bekannt sind und es bisher außer der Neuraltherapie kaum

eine effektive Behandlungsmethode gibt. Wir betreten damit fast Neuland.

Die Sympathikustherapie beschreibt Kombinationen von Reflextherapie und sanften

Formen der Chirotherapie, die sanft, ungefährlich und leicht zu erlernen sind. Die Anamnese

kann zunächst auf zwei Fragen reduziert werden. Werden diese Fragen bejaht,

kann direkt mit der Diagnostik in einem eingegrenzten engen Areal begonnen werden.

Wesentlich ist hierbei die Suche nach Blockierungen und das Auffinden eines (oder

mehrerer) Tenderpoints. Die Therapie ergibt sich unvermittelt aus der Diagnostik und

kann sofort angewandt werden. In vielen Fällen stellt sich ein sofortiger Erfolg ein.

Für viele Fachrichtungen, insbesondere auch für die Orthopädie, könnte diese Therapie

eine wesentliche Bereicherung bedeuten, da Orthopäden, neben dem Hausarzt,

am häufigsten von Patienten mit vegetativ verursachten Krankheitsbildern aufgesucht

werden. Hals- und Lendenwirbelsäule – in der Orthopädie die bevorzugten Behandlungsobjekte

– sind für die Sympathikustherapie allerdings nicht wichtig. Wie aus den

späteren Ausführungen hervorgehen wird, hat das sogenannte „Cervicobrachialsyndrom“

eher selten etwas mit der Halswirbelsäule zu tun. Überwiegend erübrigt sich, zumindest

zu Anfang, die bisher von Seiten der Patienten gewünschte und von manchen

Therapeuten forcierte Imagomanie; damit ist die Überzeugung gemeint, ausschließlich

Röntgenuntersuchung, Computertomografie und Magnetresonanztomografie könnten

Wesentliches über Pathomechanismen des muskuloskeletalen Systems aussagen. Vielmehr

sind wir der Überzeugung, dass nicht statische, sondern funktionelle Befunde

wichtige Hinweise zur Genese einer Erkrankung liefern.

Mit der Sympathikustherapie werden vor allem Kopfgelenke, Brustwirbelsäule und

Iliosakralgelenke sowie schmerzhafte Hautpunkte behandelt. Hierbei kann auf bildgebende

Verfahren zunächst verzichtet werden, vorausgesetzt, man erhebt eine für “sympathisch”

ausgelöste Beschwerden typische Anamnese. Die mit der Sympathikustherapie

behandelten pathologischen Substrate sind ausschließlich Blockierungen 1 , die

1 Blockierung wird hier verstanden als eine reversible Störung des physiologischen

Gelenkspiels.


2

durch bildgebende Verfahren kaum erfassbar sind. Die Diagnostik der Blockierung ist

vielmehr eine Domäne der Palpation und der Funktionsprüfung. Sie wird also mit der

Hand (chiral) durchgeführt. Damit sind Diagnostik und Therapie (Chirotherapie) unmittelbar

in einer Hand.

In einer Zeit, in der die Ärzte ihre Patienten aus Angst, etwas zu übersehen, zu anderen

Fachrichtungen (insbesondere Radiologen) weiterleiten, könnte das Wissen um die

Krankheitsbilder des Sympathikus zu einem Umdenken in der Medizin anregen. Hier

wird ein Weg von statischen Befunden wie Bandscheibenvorfall und Spondylarthrose

(Verschleiß der Wirbelgelenke) hin zur Diagnostik und Therapie von Funktionsstörungen

aufgezeigt. Denn nicht selten werden nach der Durchführung bildgebender Verfahren

Erkrankungen behandelt, die nichts mit den geklagten Beschwerden der Patienten

zu tun haben.

Wird die eigentliche Ursache der Schmerzen nicht behandelt, droht eine Chronifizierung

bis hin zur „Schmerzkrankheit“. Hierbei handelt es sich um ein eigenständiges

Krankheitsbild, bei dem der Körper mit nachgewiesenen Veränderungen der Neurotransmitter,

des Zellaufbaus, Zellstoffwechsels und mehr reagiert. Im weiteren Verlauf

kommt es zu Umbauvorgängen im kollagenen Bindegewebe und zu einem nicht immer

reversiblen Umbau von phasischen in tonische Muskelfasern. Doch auch in dieser Phase

kann der Schmerz mit der Sympathikustherapie gemildert oder sogar beseitigt werden,

wie uns viele Fallbeispiele gezeigt haben. Inwieweit sich die Veränderungen im

Körper wieder zurückbilden, wird die Zukunft zeigen, Forschungen dazu gibt es bisher

noch nicht.

Alle vertebragenen Erkrankungen waren bisher mit dem somatischen Nervensystem

und durch Rückkoppelungsmechanismen mit dem Zentralnervensystem erklärt worden.

Unseren Vorstellungen nach hat die Wirbelsäule jedoch einen sehr viel größeren Einfluss

auf das vegetative Nervensystem, speziell den Sympathikus. Der Sympathikus

steuert alle vegetativen Vorgänge, hat aber auch Kontakt zu den Rezeptoren des somatischen

Nervensystems und kann diese direkt beeinflussen.

Die Irritation des Sympathikus kann unterschwellig bleiben und erst dann eine klinische

Relevanz bekommen, wenn ein neuer Faktor dazu kommt, z.B. ein Trauma. Diese

Verletzung kann jetzt chronifizieren, die normale Heilung wird verzögert oder sogar negativ

beeinflusst. Die Folgen sind überschießende vegetative Zeichen mit Schwitzen,

Bindegewebsschwellung, Wassereinlagerung, Überwärmung und Überempfindlichkeit

in unterschiedlicher Ausprägung. Unbehandelt führt die Sympathikus-Störung nicht

selten zu einem chronischen Schulter-Arm-Syndrom, einem Morbus Sudeck oder anderen

chronischen Leiden.

Wir glauben inzwischen, dass in dieser Irritation überhaupt die Ursache dafür zu sehen

ist, dass aus einer akuten Verletzung ein chronisches Geschehen wird. Da der Kranke

den Therapeuten überwiegend wegen des chronischen Verlaufs aufsucht, kümmern

wir uns primär um die Ursache der Chronifizierung. Das heißt, dass zuerst die Sympa-


3

thikusirritation behoben wird, was im Allgemeinen recht einfach ist. Wenn die Behandlung

kein zufriedenstellendes Ergebnis bringt, werden wir am Ort der Verletzung tätig.

Der Patienten ist oft irritiert, dass wir nicht direkt dort mit der Therapie beginnen, wo er

seinen Schmerz verspürt, aber schnell beruhigt, wenn er eine rasche Linderung seines

Leidens feststellen kann. Natürlich entbindet diese Vorgehensweise nicht von der Verpflichtung

zu einer sorgfältigen Anamnese und Untersuchung.

Eine chronische Dysfunktion des Sympathikus kann aber auch zu weiteren pathologischen

Veränderungen führen: Tachykarde Herzrhythmusstörungen, Gallenwegsdyskinesien

bis hin zu Gallensteinen, auch Störungen der Funktion von Spinkteren (Refluxösophagitis).

Eine durch einen erhöhten Sympathikotonus erzeugte dystrophische Störung

in dem von ihm versorgten Gebiet kann den Ausbruch anderer Erkrankungen an

diesem Ort auslösen, wie zum Beispiel Restless-Legs-Syndrom, Wadenkrämpfe, chronische

Ekzeme, Pustulosis palmoplantaris, die idiopathische Fazialisparese oder einen rezidivierenden

Herpes. Durch die Sympathikustherapie können die Symptome oft innerhalb

weniger Tage verschwinden.

Ein wesentlicher Vorteil der Sympathikustherapie ist, dass das Ergebnis der Behandlung

sofort geprüft werden kann – vorausgesetzt, der Patient leidet aktuell unter entsprechenden

Beschwerden. In vielen Fällen stehen die Patienten von der Behandlungsliege

auf und melden sofortige Beschwerdefreiheit, auch wenn sie vorher durch die

Schmerzen lange Zeit stark beeinträchtigt waren. Erst bei einem ausbleibenden Erfolg

muss nach anderen Ursachen gefahndet werden.

Im Gegensatz zur Apparatemedizin kann die Sympathikustherapie mit geringstem

Aufwand durchgeführt werden, da sie als diagnostische und therapeutische Mittel nur

Finger, Suchstifte und winzige Dauernadeln benötigt. Dennoch sind nach unserer Erfahrung

damit viele Krankheitsbilder (z.B. Cluster-Kopfschmerzen, Post-Zoster-Neuralgien

oder Reizdarmbeschwerden) wesentlich zu bessern oder gar zu beseitigen.


5

Theorie

Modell der vertebro-vegetativen Koppelung

Allgemeine Vorbemerkungen

Manualtherapeuten machen oft die Erfahrung, dass nach einer erfolgreichen Manipulation

an der Wirbelsäule internistische Erkrankungen gelindert werden. Aber auch

regelmäßig auftretende Wirbelblockierungen in definierten Segmenten waren bei bestimmten

internistischen Grunderkrankungen anzutreffen.

Auffällig ist nun, dass der Versuch, die genannten Erfahrungen in Kartografien zu

systematisieren, je nach Schule zum Teil sehr genaue Übereinstimmungen und dann

aber auch wieder sehr differente Zuordnungen erbringt. Lassen sich Erfahrungen nicht

deckungsgleich reproduzieren, hat ihre Vermittlung wenig Sinn und vermindert ihre

Glaubwürdigkeit.

Der Autor Heesch entwickelte bereits in den 80er Jahren eine eigene Kartografie, die

jedoch nur für die Extremitäten anwendbar ist. Ihren Ursprung fand diese in der Feststellung,

dass immer eine ipsilaterale Iliosakralgelenksblockierung vorlag, wenn der Patient

morgens mit einem einseitigen Schmerz im Bereich des Gesäßes oder entlang des

„Generalstreifens“ an der Außenseite des Beins erwachte. Diese einseitigen morgendlichen

Schmerzen waren derart pathognomonisch 2 für die schmerzhafte Iliosakralgelenksblockierung,

dass zur Differentialdiagnose des einseitigen Kreuzschmerzes immer

sofort die Frage nach der nächtlichen Verschlechterung gestellt wurde. Wurde diese

bejaht, war fast ausnahmslos das Iliosakralgelenk zu behandeln und der Schmerz sicher

zu lindern.

Da auch das Schulter-Arm-Syndrom sowie das Karpaltunnelsyndrom eine Verschlechterung

besonders in der Nacht erfuhr, war auch hier eine Wirbelgelenksblockie-

2 krankheitskennzeichnend, bezeichnet in der Medizin ein Symptom, das bereits für sich

alleine genommen ausreicht, um eine sichere Diagnose zu stellen.


6

rung zu vermuten. Die fand sich auch regelmäßig beim Karpaltunnelsyndrom bei Th2,

beim Schulter-Arm-Syndrom bei Th5 und immer ipsilateral.

Es folgte dann eine Überprüfung der Zusammenhänge anderer chronischer Syndrome

der Extremitäten. Diese wurden auch gefunden und folgende Kartografie erstellt:

Abbildung 1: Erste Kartografie der

Brustwirbelsäule

Abbildung 2: Erste Kartografie des

Kreuzbeins

Von dieser Kartografie gab es seit ihrer Entdeckung so gut wie nie eine Abweichung,

d.h. in 26 Jahren fünf Ausnahmen bei vielen tausend chirotherapeutisch behandelten

Patienten.

Auffällig war, dass die obigen Syndrome nur über die Brustwirbelsäule und das Iliosakralgelenk

zu behandeln waren. An Hals- und Lendenwirbelsäule konnte nie die oben

beschriebene konstante Zuordnung einer Wirbelgelenksblockierung gefunden worden.

Es wurden besonders an der Halswirbelsäule immer wieder Blockierungen mit wechselnder

Lokalisation gefunden. Die chirotherapeutische Lösung dieser Blockierung erbrachte

jedoch nicht die sofortige, mindestens aber eine 40-prozentige Erleichterung,

die zum Beispiel durch das Lösen der Blockierung von Th5 bei Schulterschmerzen

(Omarthralgie) zu erzielen ist.

Diese Erfahrungen waren zwar generell wiederholbar, blieben jedoch mangels Erklärbarkeit

durch einen Pathomechanismus anekdotisch und damit im Bereich der Erfahrungsheilkunde.

Ein Blick in den Anatomieatlas Mitte der 90-er Jahre brachte dann

endlich den Durchbruch. Wir kannten zwar den Grenzstrang als der Wirbelsäule ventral

und mit seinen Ganglien direkt den Rippenköpfen aufliegend, die Bedeutung einer

möglichen Irritation durch die Rippe war jedoch unbekannt und wurde uns erst durch

das Verständnis manualtherapeutischer Zusammenhänge bewusst. Eine Skizze zur Dar-


7

stellung der anatomischen Verhältnisse finden Sie auf der Webseite

http://sympathikus-therapie.de in dem Artikel „Die Manualtherapeutische Behandlung

von Zoster und Post-Zoster-Neuralgie“.

Wichtig: Es ist zwischen Blockierung ohne und mit peripherer chronischer Symptomatik

zu unterscheiden. Hier steht ein blockierungsbedingtes Krankheitsbild, das seine

Symptomatik mit Schmerz überwiegend bei Bewegung auslöst. Es generiert jedoch keine

chronischen peripheren Syndrome. Dazu gehören auch Symptome, die sich in Ruhe

nicht bessern, sondern konstant bleiben. Hier seien beispielhaft die periostalen Irritationen

genannt, die durch einen dauerhaften Muskelzug zwischen zwei Rippen verursacht

werden. Diese wird fälschlicherweise als “Interkostalneuralgie” bezeichnet. Eine Reposition

der durch eine Wirbelfehlstellung kranialisierten oder kaudalisierten Rippe bringt

die “Neuralgie” rasch zum Verschwinden. Die Blockierung mit peripherer Symptomatik

ist das Thema der Sympathikustherapie und die Mechanik wird im folgenden Kapitel

dargestellt.

Mechanik

Schon bei einer geringen Rotationsblockierung eines Wirbels im Bereich der Brustwirbelsäule

(hier beispielhaft die Rotation des Dornfortsatzes nach rechts) wird die

rechte Rippe durch die erhebliche Hebelwirkung des Querfortsatzes kranialisiert, die

linksseitige kaudalisiert. Dabei wird der Rippenkopf auf der linken Seite retrahiert (nach

hinten gezogen) und in das Gelenk gepresst. Der Kopf der rechten kranialisierten Rippe

wird ventralisiert (nach vorne geschoben) und tendenziell aus seinem Gelenk luxiert

(herausgehebelt). Dazu gibt es Videos bei YouTube 3 .

Eine Schwellung der Gelenkkapsel ist aus anatomischen Gründen in der Tiefe nicht

palpabel, jedoch in Analogie zur Schwellung des perikapsulären Bindegewebes bei Blockierungen

der kleinen Wirbelgelenke auch hier anzunehmen. Eine Bedrängung der davor

liegenden Strukturen durch den Rippenkopf ist dabei sehr wahrscheinlich. Direkt

vor dem Rippenkopf liegt das Grenzstrang-Ganglion des Sympathikus (siehe Abbildung

3 Seite 8), das durch die Membrana vertebralis auf der Wirbelsäule fixiert wird und deswegen

der Bedrängung nicht ausweichen kann.

3 Zu mehreren Behandlungstechniken gibt es Videos bei www.youtube.com, die man dort mit

der Suche nach „Sympathikustherapie“ leicht finden kann.


8

Abbildung 3: Darstellung des Grenzstrangs nach Entfernung der Membrana vertebralis

(aus Sobotta: Atlas der Anatomie des Menschen, Band 2, Abdruck mit freundlicher

Genehmigung des Elsevier Verlags)


9

Aus diesen Erkenntnissen der Rippenmechanik bei Blockierungen im Bereich der

Brustwirbelsäule ist das Modell der vertebro-vegetativen Koppelung entstanden. Es hypothetisiert

die chronische Irritation eines sympathischen Grenzstrang-Ganglions durch

eine im Rahmen der oben beschriebenen Rotationsblockierung entstandene dauerhafte

tendenzielle Subluxation des zugehörigen Rippenkopfes – analog der Einwirkung eines

Bandscheibenprolapses auf das somatische Nervensystem.

Diese Mechanik ist im Bereich der Brustwirbelsäule leicht verständlich, im Bereich

anderer Wirbelsäulensegmente ist sie jedoch nicht zu erkennen. Wir verwenden deshalb

für diese Regionen den Begriff “rippenanaloge Strukturen”. Beim Kopfgelenk waren

wir nicht in der Lage, den Mechanismus des Modells der vertebro-vegetativen Koppelung

nachzuvollziehen, da in den Lehrbüchern keine Darstellung des Sympathikus zu

finden ist, aus denen sich eine mögliche Bedrängung durch die Occiputkondylen ergibt.

Gleiches gilt für das Iliosakralgelenk, an dem das Os ilium zwar ebenfalls eine rippenanaloge

Struktur darstellt, aber der Grenzstrang nicht direkt über dem Gelenk lokalisiert

ist und damit von einer Schwellung der Gelenkkapsel nicht bedrängt werden

kann. Eine Irritation des Grenzstrangs wäre nur über eine Verspannung von Bandstrukturen

durch eine Beckenverwringung vorstellbar.

Dennoch haben wir im Verlauf der letzten 25 Jahre festgestellt, dass die Anwendung

des Modells der vertebro-vegetativen Koppelung im Bereich von Kopfgelenk und Iliosakralgelenk

genauso zuverlässig ist wie an der Brustwirbelsäule. Besonders die Lokalisation

des Zosters 4 , der durch eine Irritation des Grenzstrangs entsteht und hervorragend

mit der Sympathikustherapie behandelbar ist, unterstützt folgende Hypothese:

Nur Abschnitte der Wirbelsäule mit Rippen und/oder rippenanalogen Strukturen wie

Kopfgelenke und Os sacrum können den Grenzstrang bedrängen und regionale sympathogene

Erkrankungen verursachen. 5

Das Modell der vertebro-vegetativen Koppelung wird also auf Kopfgelenk und Iliosakralgelenk

nur im Rahmen eines Analogieschlusses angewendet, weist jedoch auch

hier dieselbe Realitätstüchtigkeit auf wie im Bereich der Brustwirbelsäule.

Verschlechterung in Ruhe

Schon vor 25 Jahren war in der Anamnese die wichtigste, da immer zielführende

Frage: „Verschlechterung in Ruhe?“ Wurde sie bejaht, lag sehr sicher die Blockierung eines

Gelenkes mit Sympathikusirritation vor. Wir haben auch hier aus einem Analogieschluss

eine Modellvorstellung erarbeitet, die neurophysiologisch bisher nicht untersucht

und deshalb nicht abgesichert werden konnte.

4 Die Effloreszenzen sind fast ausnahmslos im Bereich des Kopfes, des Thorax, der Arme, des

Beckens und der Beine zu finden.

5 Bis auf zwei Ausnahmen waren bei mittlerweile über 250 Fällen nie Blockierungen der Halsund

Lendenwirbelsäule die Ursache des Zosters.


10

Nehmen wir als Beispiel Herzrhythmusstörungen, die nur in Ruhe entstehen. Der Patient

klagt besonders über eine Zunahme der Störungen im Sitzen oder im Bett (wenn

ein EKG geschrieben wird, ist der Patient aufgeregt oder zumindest angespannt und

das EKG ist unauffällig). Hier entsteht die Symptomatik über eine dauerhafte Bedrängung

des Grenzstrangs durch den Rippenkopf der vierten Rippe links. Tagsüber werden

die Rippengelenke immer wieder durch wechselnde Atmung und Rotationen in der

Wirbelsäule bewegt. In dieser Situation ist der Grenzstrang weniger bedrängt. Vermutlich

reichen diese kurzen Entlastungspausen zur Erholung des Sympathikus aus.

In der Nacht, beim längeren Sitzen und Autofahren ist die Rippenbewegung nicht

nur durch eine geringere Bewegung, sondern auch durch eine Reduktion der Thoraxatmung

gemindert. Der Druck auf den Grenzstrang ist anhaltend. Die Irritation wird dadurch

überschwellig und löst eine entsprechende Symptomatik, z.B. Herzrhythmusstörungen

aus.

Sympathikus

Funktion

Der Sympathikus versorgt als ein Teil des vegetativen Nervensystems vor allem die

glatte Muskulatur der Blutgefäße und Drüsen. Wie die übrigen Anteile des vegetativen

Nervensystems steuert er lebenswichtige Vorgänge. Willentlich kann er nicht beeinflusst

werden, die Regulation läuft unbewusst ab. Er besteht aus übergeordneten Zentren

im Zentralnervensystem, Umschaltneuronen im Rückenmark und aus zwei sogenannten

Grenzsträngen, die auf jeder Körperseite neben den Wirbelkörpern von der

oberen Halswirbelsäule bis zum Kreuzbein verlaufen. Im Verlauf der beiden Grenzstränge

liegen Nervenknoten (Ganglien), die direkt vor den proximalen Köpfen der Rippengelenke

liegen. Die beiden Grenzstränge vereinigen sich vor dem Kreuzbein im Ganglion

impar.

Die Aufgabe des Sympathikus ist eine Leistungssteigerung des Organismus mit dem

Ziel, ihn auf Stressreaktionen (Angriff, Flucht, Anstrengung) vorzubereiten. Außerdem

hat der Sympathikus Einfluss auf die Empfindlichkeit aller Rezeptoren im menschlichen

Körper, z.B. Schmerznerven, Berührungs- und Tastsinn. Im Gegenzug hemmt der Sympathikus

Funktionen, die nicht primär lebensnotwendig sind.

Hieraus lässt sich schon ablesen, dass bei einer krankhaft veränderten Funktion des

Sympathikus Störungen in vielen Organsystemen zu erwarten sind. Dabei muss berücksichtigt

werden, dass der Sympathikus nicht nur den ganzen Körper, sondern auch nur

bestimmte Körperregionen oder eine Körperhälfte beeinflussen kann. Weiterhin ist zu


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beachten, dass er sich bei einer Irritation je nach Ort oder Intensität der Beeinflussung

sogar antagonistisch zu seiner eigentlichen Funktion verhalten kann [Barop].

Der Sympathikus hat Einfluss auf:

● Herzleistung

● Muskelleistung

● Lungenfunktion

● Schwitzen

●Stoffwechsel (Glucoseproduktion)

●Darmtätigkeit

●Wasserlassen

● Sehvermögen

● Schmerz- und Gefühlsnerven

Efferenz und Minor Sudeck

Durch seine Lage vor den Rippenköpfchen ist der Sympathikus einer mechanischen

Bedrängung ausgesetzt. Er reagiert im Bereich efferenter Fasern darauf mit einer dauerhaften

Stimulierung. Barop schreibt, die Relationspathologie von Ricker zitierend, eine

anhaltende Stimulierung des perivasalen Sympathikus führe zu einer nach proximal zunehmenden

Vasokonstriktion und weiterhin zu einer engrammatischen Sensibilisierung

des Sympathikus. Eine Störung der Trophik im regionalen Versorgungsgebiet mit einer

Minorform des Morbus Sudeck ist die Folge. Der Morbus Sudeck wird heutzutage als

komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS = Complex Regional Pain Syndrom) bezeichnet,

wobei beim von uns so genannten Minor Sudeck überwiegend die Efferenz

betroffen ist. Wesentlich ist besonders der Begriff regional, eine conditio sine qua non

(unbedingte Voraussetzung) für die Anwendbarkeit des Modells der vertebro-vegetativen

Koppelung. Denn nur die vom irritierten Sympathikus nerval versorgte Region wird

dystrophisch und kann deswegen erkranken.

Beim Lichen amyloidosus oder dem Karpaltunnelsyndrom entwickeln sich im Bereich

der dauerhaft stimulierten Efferenzen amyloide Eiweißdegenerationen. Andererseits

entstehen im Bereich der Schulter im Rahmen der gestörten Trophik Kalkablagerungen.

Im internistischen Bereich wird die Reizleitung des Herzens oder die Motorik

innerer Organe beeinflusst. Barop beschreibt eine Dauerstase im Gefäßsystem zum Beispiel

des Magens, die dann eine Gastritis erzeugt. Herzrhythmusstörungen (die nur in

Ruhe auftreten), Refluxösophagitis, Gastritis oder Gallensteinbildung können die Folge


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sein. Bei lang bestehender sympathikogener Hyperämie beschreibt Barop, sich wieder

auf Ricker beziehend, die Ausbildung von Adenomen als Ausdruck einer “paratypischen”

Hyperplasie. So wird die Entstehung von Heberdenknoten durch Bedrängung

des sympathischen Grenzstrangs bei einem Rundrücken („Witwenbuckel“) verständlich.

Das Modell der vertebro-vegetativen Koppelung unterstützt die sogenannte „Zweitschlagtheorie“

der Neuraltherapie. Nur wenn ein Gewebe durch eine Sympathikusirritation

trophisch unterversorgt ist, kann ein Trauma chronifizieren. Beim chronischen,

durch einen Sturz entstandenen Schulter-Arm-Syndrom wäre also eine schon vorbestehende

Blockierung von Th5 die Ursache für die Chronifizierung. Ohne die Sympathikusirritation

würde die Verletzung je nach Alter und Schweregrad normalerweise innerhalb

weniger Wochen ausheilen.

Afferenz (direkter Schmerz und Parästhesien)

Wie aus der Skizze in dem oben erwähnten Zosterartikel 6 ersichtlich ist, durchzieht

ein sensibler Nerv aus dem Hinterhorn kommend den Grenzstrang und begleitet sympathische

Fasern zu deren Erfolgsorganen. Er wird von mancher Seite als „sympathische

Afferenz“ bezeichnet [Barop]. Jaenig hingegen definiert ihn als eindeutig dem somatisches

Nervensystem zugehörig. Nach seiner Auffassung gibt es keine sympathischen

Afferenzen. 7 Demnach kann es bei der oben beschriebenen Bedrängung des Grenzstrangs

zu chronischen Irritationen kommen. Sie lösen im Versorgungsgebiet sensible

Sensationen wie Schmerzen, Parästhesien, Brenngefühl und Juckreiz aus.

Und so ist auch bei der Afferenz die Verschlechterung in oder durch Ruhe pathognomonisch.

Typisch sind die Parästhesien in der Hand bei längerer angehobenen

Lagerung des Arms, zum Beispiel beim Autofahren oder beim Fernsehen, oder der

Juckreiz auf dem Rücken, der nur im Bett auftritt. Wahrscheinlich können über diesen

Mechanismus auch Durchschlafstörungen entstehen.

Die Verschlechterung neuropathischer Syndrome in der Nacht wie zum Beispiel

beim Zoster weist auf das Modell der vertebro-vegetativen Koppelung hin. Die Interkostalneuralgie

hingegen ist wohl eher ein lokales Geschehen auf der Basis einer Periostalgie,

verursacht durch den chronischen Zug eines durch die Rippenkranialisierung (Bewegung

in Kopfrichtung) gedehnten Muskels. Denn sowohl eine Infiltrationsanästhesie

als auch eine Deblockierung des zugehörigen Wirbels schafft rasch Erleichterung. Die

6 Siehe Webseite http://sympathikus-therapie.de in dem Artikel „Die Manualtherapeutische

Behandlung von Zoster und Post-Zoster-Neuralgie“.

7 Unklar ist, in welchem Ganglion sich der Hinterhornnerv dem Sympathikus anschließt und ob

er dann zufällig oder regelmäßig zum selben Erfolgsorgan zieht. Ebenfalls nicht bekannt ist

die Situation beim Lichen amyloidosus, in der subjektiv primär der Juckreiz bemerkt wird

(=Afferenz) und später die Amyloidose als Ausdruck einer Störung der Efferenz hinzutritt.


13

von anderer Seite diagnostizierte Pleuritis hat sich bisher immer als Folge einer Wirbelgelenksblockierung

herausgestellt.

Schmerz- und Krankheitsentstehung

Indirekte Schmerzentstehung

Eine chronische Irritation des efferenten Sympathikus führt zu einer Schmerzinduktion.

Die dadurch ausgelöste Exprimierung von Noradrenalin führt an den sympathischen

Endverzweigungen zur Stimulation der α 2 -Rezeptoren des sensiblen Nervensystems.

Ob durch dieses System oder andere (katabole 8 ) Ereignisse die nächtliche

Schmerzgenese zum Beispiel bei der chronischen Omarthralgie (Schulterschmerz) entstehen,

ist noch ungeklärt.

Schwellentheorie

Ein weiteres Problem bei der Schmerzentstehung ergibt sich aus der Schwellentheorie:

Damit eine Krankheit oder ein Schmerz zum Ausbruch kommt, müssen normalerweise

mehrere Faktoren gleichzeitig vorliegen. Die Abbildung 4 Seite 14 soll dies verdeutlichen.

Jeder Mensch hat eine gewisse genetische Veranlagung für bestimmte Erkrankungen

(hellblaue Linie). Außerdem liegen oft Stressfaktoren vor, welche die Aktivität

des Sympathikus schwanken lassen, seien es familiäre Probleme, Infekte oder Stress

im Beruf. Wenn dann noch Schwankungen des Sympatikotonus (Verschlechterung

während der Nachtruhe, siehe Abbildung Seite 14) dazu kommen, dann kann eine Erkrankung

plötzlich und oft ohne erkennbaren Grund ausbrechen. Hierbei ist alles denkbar,

Herzinfarkt, Virusinfekt, Nervenzusammenbruch oder, wie in der Abbildung 4, eine

Migräne.

Daraus folgt aber auch, dass es bei komplexer Krankheitsentstehung allein durch die

Beseitigung eines Faktors möglich ist, ein Syndrom zum Verschwinden zu bringen.

Denn durch den jetzt fehlenden Faktor wird die Schwelle, die zum Ausbruch einer Erkrankung

führt, unter Umständen nicht mehr überschritten.

Wir kennen Ähnliches aus der Schmerztherapie mit Antidepressiva. Hier werden

allerdings nicht einzelne krankheitsauslösende Faktoren reduziert, sondern der

Schwellenwert für die Schmerzempfindung angehoben.

8 Mit „katabol“ ist gemeint, dass in diesem Gewebe keine Regeneration stattfindet.


14

Abbildung 4: Einfluss verschiedener Faktoren auf die Auslösung eines

Migräneanfalls. Man beachte die genetische Veranlagung (blaue Linie)


15

Dauerschmerzen

Ein weiterer wichtiger Hinweis auf eine Beteiligung des Sympathikus am Schmerzgeschehen

sind unserer Meinung nach Dauerschmerzen. Ein Dauerschmerz liegt immer

dann vor, wenn ein Patient nie schmerzfrei ist, also morgens schon mit Schmerzen aufwacht,

tagsüber immer den Schmerz verspürt, am Abend damit ins Bett geht und auch

nachts, wenn er aufwacht, unter den Schmerzen leidet. Die subjektive Schmerzstärke

kann wechseln. In diesen Fällen hat der Schmerz keine Warnfunktion mehr.

Dauerschmerzen sind mit der Sympathikustherapie in vielen Fällen behandelbar,

wobei die Suche nach der Ursache und dem Tenderpoint zur Behandlung nicht immer

ganz einfach ist, da sie manchmal entfernt von der Wirbelsäule liegen können. Gründe

sehen wir auch hier in einer anhaltenden Reizung des Vegetativums durch Verletzungen

und Infektionen, kombiniert mit der Fehlstellung von Wirbeln. Denkbar ist auch,

dass der Sympathikus einen direkten und gleichzeitigen Einfluss auf alle lokalen Rezeptoren

ausübt.

Kribbelgefühle (Kribbelparästhesien)

Wenn es in den Gliedmaßen "kribbelt", wird üblicherweise primär an eine Bedrängung

einer Nervenwurzel durch einen Bandscheibenprolaps oder die Verengung eines

Foramen intervertebrale gedacht, auch wenn die neurologische Untersuchung keinen

krankhaften Befund ergibt. Bei genauer Betrachtung ist diese Symptomverteilung nicht

typisch für eine segmentale Nervenschädigung, da die Symptome so gut wie nie den

Dermatomen 9 entsprechen. Vielmehr finden sich die Gefühlsstörungen oft beidseits

oder sind keinem einzelnen Nerv zuzuordnen, da sie in der ganzen Hand oder in allen

Fingerspitzen auftreten. Der Zeigefinger wird jedoch von einem anderen Nerv (N.

medianus) versorgt als der Kleinfinger (N. ulnaris).

Nach unseren Erfahrungen liegen den reinen Gefühlsstörungen fast immer Blockierungen

im Bereich der Brustwirbelsäule oder des Iliosakralgelenkes zu Grunde, besonders

wenn sie zeitlich begrenzt auftreten, also in Ruhe ausgelöst werden und in Bewegung

wieder verschwinden. Die Parästhesien entstehen vermutlich dann durch eine

Kompression des Grenzstrangs durch einen Rippenkopf oder im Bereich der Kopf- und

Iliosakralgelenke durch eine analoge Struktur. Hier wird jedoch möglicherweise nicht

der sympathische Nerv, sondern der aus dem Hinterhorn über den sogenannten Ramus

albus kommende sensible Nerv im Grenzstrang bedrängt.

Kribbelparästhesien in den Beinen sind seltener und können auch durch eine Polyneuropathie

verursacht werden. Diese ist eine stoffwechselbedingte, oft nicht heilbare

Nervenschädigung. Als Ursache kommen am häufigsten die Zuckerkrankheit (Diabetes

9 Ein Dermatom ist das von einem Rückenmarksnerven innervierte segmentale Hautgebiet.


16

mellitus), andere Stoffwechselerkrankungen sowie Medikamentennebenwirkungen in

Frage.

Schlussfolgerungen

Auswirkungen von Wirbelsäulenblockierungen

1. Unbemerkte schmerzfreie Bewegungseinschränkung: Die Blockierung ist klinisch

„stumm“, d.h. vom Betroffenen unbemerkt. Von der blockierungsbedingten

Einschränkung fühlt er sich nicht beeinträchtigt.

2. Schmerzfreie Funktionseinschränkung: Man merkt eine Bewegungseinschränkung,

z.B. in der Halswirbelsäule beim Autofahren, es bestehen aber keine

Schmerzen.

3. Die Blockierung verursacht lokale Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule

(Facetten-Schmerz, „Hexenschuss“).

4. Die Blockierung erzeugt Myalgien in der zugehörigen Muskulatur (zum Beispiel

beim Piriformissyndrom).

5. Periostschmerzen durch Muskelverspannungen (Beispiel „Interkostalneuralgie“).

6. Dystrophie unterhalb der subjektiven Krankheitsschwelle. Es besteht eine Minderdurchblutung.

7. Dystrophie plus Noxe (Diabetes mellitus, Übersäuerung, Störfeldgeschehen)

führt zum Überschreiten der Krankheitsschwelle. Zum Beispiel tritt nach einer

Verletzung keine endgültige Heilung wegen der zugrunde liegenden Dystrophie

ein.

8. Dystrophie mit Degeneration (Karpaltunnelsyndrom, Lichen amyloidosus,

Heberdenarthrose, Rhizarthralgie).

9. Morbus Sudeck.

10. Auswirkung auf Steuerungsfunktionen der inneren Organe (Herz → Tachykardie,

Magen → Refluxösophagitis, Galle → Steinbildung und Kolik, Darm →

Motilität, Spasmen → Reizdarm).

11. Irritation des sensiblen, den Grenzstrang passierenden Hinterhornnervs mit der

Folge von Parästhesien in Armen und Beinen, Juckreiz oder dem Triggern eines

Zosterausbruchs.


17

Konsequenzen

Das somatische Nervensystem ist bis auf die relativ seltenen primären Nervenkompressionssyndrome

10 für die Entstehung von wirbelsäuleninduzierten Erkrankungen unwichtig.

Hauptsächlich ist das sympathische Nervensystem hierfür verantwortlich. Auch

von anderer Seite als „neuropathisch“ definierte Schmerzsyndrome haben ihre primären

Ursprung überwiegend im vegetativen Nervensystem. Durch Behebung dieser

Ursache kann der Schmerz beseitigt werden.

Wir sind der festen Überzeugung, dass die Wirbelsäule zwar eine Irritation des vegetativen

Nervensystems mit entsprechenden peripheren chronischen Syndromen verursachen

kann, Erkrankungen von Organen jedoch nicht Ursache von Wirbelgelenksblockierungen

sein können. Auch wenn der Augenschein in der Chronologie (z. B. eine

Verletzung) deutlich auf die periphere Erkrankung als Ursache hinweist, ist die zuvor

bestehende Wirbelgelenksblockierung die primäre Ursache für die Entstehung des

chronischen Leidens. Zum Beispiel bricht der Morbus Sudeck nach einem Knochenbruch

des Handgelenkes nur aus, wenn gleichzeitig eine Blockierung an den oberen

Rippen mit begleitender Sympathikusirritation vorliegt.

Da die Wirbelgelenksblockierung nicht von endogenen Faktoren erzeugt wird, beruhen

Rezidive bis auf wenige Ausnahmen in einer fehlerhaften Statik der Wirbelsäule.

Diese kann in seltenen Fällen auch durch Erkrankungen innerer Organe verursacht oder

unterhalten werden, z.B. durch Operationen an der Lunge sowie Verwachsungen und

Narben im Bauchraum.

Es gibt eine ganze Reihe von Störungen, die bisher nur schlecht zu behandeln waren

oder manchmal operativ angegangen wurden, teils auf Drängen der Schmerzgeplagten,

teils in guter Hoffnung, die Ursache des Schmerzes zu finden. Durch die Kenntnisse

über den Sympathikus als Verursacher solcher Syndrome kann in diesen Fällen Zeit für

eine aufwändige weitere Diagnostik und stationäre Behandlungszeit eingespart und sofort

mit der Therapie begonnen werden. Denn gerade diejenigen Störungen, bei denen

im Allgemeinen auch die Ursache der Entstehung im Unklaren liegt, sind überwiegend

mit der Sympathikustherapie sehr schnell zu lindern, wenn nicht gar zu beseitigen.

10 Das Karpaltunnelsyndrom ist unserer Erfahrung nach sekundär und kann mit der

Sympathikustherapie gut behandelt werden.


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Blockierungen an der Wirbelsäule können

symptomfrei bleiben oder Störungen bis hin zu

extremen anhaltenden Schmerzen im

Versorgungsgebiet der vegetativen Nerven auslösen.

Hinweise auf eine Sympathikusirritation:

● Bindegewebsschwellung

● Dysfunktionen in Ruhe

● Ruheschmerzen

● Schmerzen nach Ruhephasen

● Dauerschmerzen

● Kribbelparästhesien

Die Anamnese reduziert sich auf drei Fragen:

1. Wo sind die Beschwerden lokalisiert?

2. Besteht eine Verschlechterung in Ruhe?

3. Besteht eine Kontraindikation gegen eine Manipulation

der Wirbelsäule (Osteoporose, Knochenmetastasen)?

Die Diagnostik reduziert sich auf die Suche eines oder einiger

weniger Tenderpoints, da die Lokalisierung der Wirbelblockierung

durch den Ort der Erkrankung vorgegeben ist.

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