Medizin für die Schule Neurowissenschaftliche Erkenntnisse nutzen

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Medizin für die Schule Neurowissenschaftliche Erkenntnisse nutzen

Düsseldorf, 15. April 2011, 63. Jahrgang Nr. 4

04 11

Medizin und Bildung

Diagnostische Kompetenzen –

Individuelle Stärken und Schwächen

erkennen

Lehrkräfte im besonderen Einsatz –

Im Dienste der Wissenschaft

COMENIUS-Projekt „Borders and Bridges“

Qualitätsanalyse aus Sicht der Schulleitung

Mitwirkung aus Schülersicht

Gemeinschaftsschule – Aktueller Stand

Wettbewerb Jugend und Wirtschaft

www.schulministerium.nrw.de

Ministerium für

Schule und Weiterbildung

des Landes Nordrhein-Westfalen


TITELTHEMA

Medizin für die Schule

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse

nutzen

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer

Damit Kinder gut durch die Schule kommen, sollte

man nicht nur auf politische Reformen setzen, sondern

vor allem auf das Wissen über Lernen und Lernerfolg.

Die Ergebnisse der Hirnforschung lassen uns die

Mechanismen des Lernens erkennen. Die wichtigste

Erkenntnis lautet, dass sich das Gehirn durch seinen

Gebrauch permanent verändert. Jedes Wahrnehmen,

Denken, Erleben, Fühlen und Handeln hinterlässt

Spuren.

Krankenhäuser und Schulen sind gleichermaßen Orte

menschlicher Aktivität, die auf Diagnose und Therapie ausgerichtet

sind. Man kann den Bildungsstand einer Person

ebenso diagnostizieren oder ein Problem behandeln – wie

eine Krankheit.

Es waren nicht selten Ärzte, die sich um die richtige Erziehung

und Bildung junger Menschen Gedanken gemacht haben.

Gesundheit und Bildung haben gemeinsam, dass sie sehr viel

Geld kosten und oft in der Krise zu stecken scheinen, was politisch

wiederum zu häufigen Reformen führt. Aber wenn man

genauer hinschaut, hören die Gemeinsamkeiten bei der Krise

und den Reformen auch schon auf.

Denn die Krise des deutschen Gesundheitssystems besteht

darin, dass es so gut ist, dass es jeder für sich beanspruchen

möchte, ohne viel dafür bezahlen zu müssen. Die Krise im

Bereich der Bildung sieht dagegen anders aus: Nicht selten sind

die Beteiligten, also Lehrende, Schülerinnen und Schüler sowie

Eltern, mit dem, was sie tun, nicht zufrieden.

Bei der Vielzahl und Unübersichtlichkeit der Reformen im Bil -

dungsbereich wundert es nicht, dass sich die Subjekte pädagogischer

Reformen – die Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und

Eltern – wie Objekte vorkommen

und sich daher heftig zur

Wehr setzen. Wieder ist der

Vergleich mit der Medizin lehrreich: Niemand sträubt sich gegen

neue Behandlungsverfahren. Warum eigentlich nicht? Weil

Reformen in der Medizin Teil des praktischen Alltags sind und nicht

„von oben befohlen“, sondern „von unten angestrebt“ werden.

Bevor man einen Speiseplan „von oben“ ändert, sollte man sicher

sein, dass das neue Essen auch wirklich allen besser schmeckt!

Wie in der Medizin – Reformen

von unten anstreben

Wer das Scheitern von Reformen denen anlastet, diedie Suppe

auslöffeln müssen“, bei der Schulzeitverkürzung „G8“ den

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Schule NRW 04/11


TITELTHEMA

Lehrerinnen und Lehrern und bei „Bologna“ den Professorinnen

und Professoren, denkt und handelt zynisch. Denn: Kein Leh ren -

der trifft morgens in der Schule oder Universität die ihm anvertrauten

Lernenden, um diesen absichtlich zu schaden. Eine neue

Behandlungsmethode wird nicht durch die Politik oder Ver wal -

tung angeordnet, sondern von Medizinerinnen und Me dizinern

„freiwillig“, das heißt ohne „Druck von oben“, angewandt, ganz

einfach deswegen, weil Menschen – sofern man sie lässt – dazu

neigen, das Bessere gegenüber dem Guten vorzuziehen.

Zudem tendieren Menschen dazu, das zu tun, was ihnen sinnvoll

erscheint. Im Bildungsbereich macht nicht alles auf den

ersten Blick Sinn. Ein Beispiel: Bis zum Abitur gilt die Maxime

der kulturellen Vielfalt, so dass innerhalb Deutschlands 16 verschiedene

Bildungssysteme nebeneinander bestehen. Nach

dem Abitur muss seit der Bologna-Reform vor gut zehn Jahren

Bildung europaweit einheitlich gehandhabt werden. Versteht

das irgendjemand?

Das Gehirn lernt immer

Aus meiner Sicht wird es höchste Zeit, dass der Bereich der

Bildung entideologisiert und auf eine naturwissenschaftliche

Grundlage gestellt wird. Wie Kinder lernen, ist keine Frage der

Regierungsparteien, sondern eine der Neurobiologie.

Die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurobiologie lautet,

dass sich das Gehirn durch seinen Gebrauch permanent verändert.

Jedes Wahrnehmen,

Jedes Wahrnehmen hinterlässt

Gedächtnisspuren

Denken, Erleben, Fühlen

und Handeln hinterlässt

Spuren, die man seit mehr als einhundert Jahren auch so

nennt: Gedächtnisspuren.

(...)

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