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Sophie und Fritz

von Jan Egesborg und Johannes Töws


Liebe Kinder und Erwachsene,

ich werde euch nun eine Geschichte erzählen, die von zwei wunderbaren

Menschen handelt. Aber zuerst muss ich kurz die Gegend beschreiben,

in der die Geschichte sich abspielt: nämlich am Wattenmeer hoch im Norden.

Hier sind die Wintermonate so stockfinster, dass man ein kleines bisschen

bekloppt wird. Ich muss es ja wissen, denn ich wohne hier!


Dafür bleibt es im Sommer andauernd hell. Da kann man mitten in der Nacht baden

gehen und Pfeife rauchen. Über die kreideweißen Sandstrände und Dünen der Gegend

streicht ein ewiger Wind.


Vor vielen Jahren traf ein junges Pärchen hier ein. Die beiden

waren verliebt und sangen die ganze Zeit. Nachts konnte man sie

nackt im Mondschein baden sehen. In der Natur waren sie leicht zu finden.

Man brauchte nur dem Rauch ihrer Zigaretten zu folgen.


Eigentlich hatte dieses Pärchen nur wenige Tage am Wattenmeer verbringen wollen.

Denn die Welt befand sich im Krieg, und er war Soldat, er sollte zurück an die

Front. Sie war Studentin und sollte zurückkehren und Flugblätter herstellen.

Sie hieß Sophie und er hieß Fritz. Aber angesichts der überwältigenden Schönheit

der Natur beschlossen sie, hier zu bleiben.


Sie fanden ein altes, baufälliges Haus an einem sehr abgelegenen Plätzchen.

Es war auch weit entfernt von neugierigen Nachbarn und dergleichen. Das Schöne

am Wattenmeer ist ja sowieso, dass hier nur ganz wenige Menschen wohnen.

Und die hier wohnen, sind zwar Eigenbrötler, aber nett und freundlich.

Hier mischt man sich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute ein, sondern

lässt sie in Frieden. Also zog das junge Paar in das Haus ein, ohne dass jemand

Anstoß daran nahm. Der Krieg war weit weg, der Himmel war von Sternen übersät

und Trolle und Feen tummelten sich im Garten.


Sophie und Fritz waren in praktischen Dingen furchtbar ungeschickt. Jedes Mal,

wenn Fritz mit einem Hammer zuschlug, ging irgendetwas kaputt. Sophie hörte auch

viel lieber Jazzmusik aus ihrem Grammophon, als dass sie Schädlinge und Unkraut

aus dem Gemüsegarten entfernt hätte.

Trotzdem hatten sie genug zu essen. Meine Mutter und mein Vater sorgten für Fisch,

frische Muscheln und Sekt – und ein altes Trollpaar schaffte Pfifferlinge

und Beeren herbei. Sophie und Fritz hatten es gut!


Als der Krieg zu Ende war und allmählich Touristen kamen, verkaufte ihnen

Sophie ihre Zeichnungen. Fritz verdiente sein Geld als Naturführer für die

Touristen. Er zeigte ihnen die faulen Seehunde und die Austernbänke.

Und weil Sophie und Fritz einander liebten und das Leben am Meer so

genossen, kriegten sie viele Kinder. Ganze 14 Kinder!


Wenn man sie unangemeldet besuchte,

was ich gelegentlich tat, lief man Gefahr, sie mitten im Liebesspiel

zu überraschen. Radio oder Fernsehen hatten sie nicht, und Zeitungen lasen sie auch

nicht. Das Haus war voll von Büchern und Sophies Zeichnungen, und es duftete dort

immer köstlich nach frisch gebrühtem Kaffee.


Sophie und Fritz leben leider nicht mehr. Aber sie erreichten ein stattliches Alter, und

ihre Kinder sind über den ganzen Erdball verstreut.

Ich selbst wohne immer noch im Haus meiner Eltern, am Meer und bei den Dünen.

Erst neulich fand ich heraus, wer Sophie und Fritz eigentlich waren, und was für

ein schreckliches Schicksal sie hätten erleiden können, wenn sie nach Deutschland

zurückgekehrt wären. Heute freue ich mich darüber, dass sie am Wattenmeer geblieben

sind und das Leben genossen haben.

Denn darauf kommt es doch wohl an – oder?

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