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PDF-Download - Bayerische Staatsoper

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TAKT1 <strong>Bayerische</strong><br />

Im Gespräch<br />

Pelléas-Dirigent<br />

Paul Daniel<br />

Essay<br />

C. Bernd Sucher über<br />

die französische Oper<br />

In memoriam<br />

Carlos Kleiber<br />

Ballett<br />

Romeo und Julia<br />

<strong>Staatsoper</strong><br />

<strong>Bayerische</strong>s<br />

Staatsballett<br />

www.staatsoper.de<br />

September / Oktober 2004<br />

Woche der französischen Oper


Liebe Besucherinnen und Besucher,<br />

Voilà l’opéra! Kann man die neue Saison emphatischer begrüssen?<br />

Den Auftakt für die längste und reichhaltigste Spielzeit aller großen<br />

Opernhäuser weltweit (sie wird nicht weniger als 44 Opern- und 14<br />

Ballettproduktionen enthalten mit insgesamt 350 Vorstellungen) gibt<br />

ein Festival en miniature: Die ersten zehn Tage sind der französischen<br />

Oper gewidmet. C. Bernd Sucher, der sich unermüdlich für die Wiederentdeckung<br />

der großen französischen Theaterdichter einsetzt,<br />

plädiert in dieser ersten TAKT-Ausgabe für die französische Oper, die<br />

es heute in Deutschland fast ebenso schwer hat wie Corneille und<br />

Victor Hugo. Ein Gespräch mit Paul Daniel, dem Dirigenten unserer<br />

neuen Produktion von Claude Debussys Pelléas et Mélisande, vertieft<br />

dieses Thema. Wir erinnern an Carlos Kleiber, der der <strong>Bayerische</strong>n<br />

<strong>Staatsoper</strong> wie kaum einem anderen Haus über 20 Jahre verbunden<br />

war, und lassen die Münchner Opern-Festspiele 2004 Revue passieren.<br />

Ich wünsche uns allen eine gelungene und spannende Spielzeit<br />

und Ihnen eine interessante Lektüre von TAKT 1.<br />

inhalt<br />

woche der französischen oper<br />

17.-28. September<br />

fragen, fährten, exorzismen 6<br />

Der Dirigent Paul Daniel<br />

im Gespräch<br />

wirkung ohne ursache? 12<br />

Zur Missachtung französischer<br />

Opern auf deutschen Bühnen<br />

aktuelles 4<br />

die festspiele 2004 16<br />

Ein Rückblick<br />

klatsch(en) 19<br />

die oper soll<br />

kein broadway sein 20<br />

Interview mit Staatsministerin<br />

Christina Weiss<br />

momentaufnahme 22<br />

schnittstelle VIII 24<br />

Die Musikbibliothek<br />

die wucht der<br />

geballten emotionen 26<br />

Zum Tod von Carlos Kleiber<br />

so wilde freude... 30<br />

Birgitta Arens über Romeo und Julia<br />

menschen in der oper 34<br />

Wiwo Leeb, Statist<br />

spielplan 36<br />

impressum 37<br />

zuschauer raum 38<br />

Richard Gaul<br />

titel<br />

Ihr Sir Peter Jonas<br />

Paul Daniel leitete<br />

souverän die vom<br />

Publikum begeistert<br />

aufgenommene Festspiel-Premiere<br />

von<br />

Pelléas et Mélisande<br />

und wird das Werk<br />

nun auch im Rahmen<br />

der Woche der<br />

französischen Oper<br />

dirigieren.<br />

TAKT 1 3


aktuelles<br />

ballett Maria Eichwald als Gast<br />

Dreimal zeigt das <strong>Bayerische</strong> Staatsballett im<br />

September und Oktober das Porträt Mats Ek mit<br />

den Balletten A sort of... und Apartment. Auf Mats<br />

Eks Wunsch wird Maria Eichwald den Door-Pas<br />

de deux in Apartment übernehmen, den ursprünglich<br />

Cheryl Wimperis<br />

getanzt hat.<br />

Vorstellungen im<br />

Nationaltheater<br />

am 29. 9., 4. und<br />

7.10.2004<br />

4 TAKT 1<br />

einblicke Tag der offenen Tür<br />

Am 9. Oktober 2004 öffnet die <strong>Bayerische</strong> <strong>Staatsoper</strong><br />

zum dritten Mal ihre Pforten für neugierige<br />

Blicke hinter die Kulissen. Beim Tag der offenen<br />

Tür präsentieren verschiedene Abteilungen des<br />

Hauses, die sonst nur im Hintergrund wirken, ihre<br />

Arbeit der Öffentlichkeit.<br />

Die Technik, größte Abteilung der Oper, wird in<br />

einer Technikshow die Tricks des Bühnenzaubers<br />

offen legen: Donner und Blitz, Regen und Schnee,<br />

fliegende Hexen, Höllen- und Himmelsfahrten. Eine<br />

Ausstellung der Kostümabteilung lädt ein zur Besichtigung<br />

herausragender Kostüme aus Produktionen<br />

der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong>. Anschliessend<br />

dürfen sich die Modelle in „Kostüm und Maske“<br />

fotografieren lassen. Das <strong>Bayerische</strong> Staatsorchester<br />

läßt sich bei Proben über die Schulter schauen<br />

und stellt seine Instrumente vor. Außerdem gibt es<br />

die Gelegenheit, Sängersolisten bei szenischen<br />

Proben aus dem laufenden Repertoire der <strong>Bayerische</strong>n<br />

<strong>Staatsoper</strong> zu beobachten, wofür das neue<br />

Probengebäude der <strong>Staatsoper</strong> seine Türen öffnet.<br />

Den harten Trainingsalltag eines Balletttänzers zeigen<br />

Tänzer des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts, und<br />

ein Spezialist für Spitzenschuhe demonstriert die<br />

komplizierte Anfertigung der Ballettschuhe, ohne<br />

die klassisches Ballett nicht möglich wäre. Bei einer<br />

Podiumsdiskussion stellen sich Mitarbeiter der<br />

<strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong>, Sänger und Tänzer den<br />

Besuchern vor. Auch für die Kleinen ist gesorgt: in<br />

einer Malwerkstatt dürfen sich die Kinder der Besucher kreativ<br />

austoben und aus vollen Farbtöpfen schöpfen. Wer sich lieber<br />

ganz der Kontemplation hingeben möchte, kann sich ins<br />

Opernkino zurückziehen und sich verschiedene Opernproduktionen<br />

der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong> ansehen. Nähere<br />

Informationen unter www.staatsoper.de, Karten im Vorverkauf.<br />

forum Neue Veranstaltungsreihe<br />

Das Bayern 4 Klassik Forum aus der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />

löst ab Herbst Kultur live ab. Prominente Persönlichkeiten<br />

werden zu ihrer Einstellung zu Musik und Kunst befragt.<br />

Den Anfang machen am 21. Oktober, 19 Uhr, im Königssaal<br />

des Nationaltheaters die Mitglieder des Artemis-Quartetts.<br />

Thema: Innenansichten eines Streichquartetts. Moderation:<br />

Jürgen Seeger und Siegfried Höfling. Die Gäste der nächsten<br />

Veranstaltungen: Goethe-Institut-Präsidentin Jutta Limbach<br />

und Geiger Gidon Kremer.


fragen,<br />

fährten,<br />

exorzismen<br />

Seit 1997 ist er musikalischer Direktor der<br />

English National Opera, zuvor lenkte er acht<br />

Jahre lang die musikalischen Geschicke der<br />

Opera North in Leeds. In München dirigierte<br />

der gefragte Gastdirigent die Uraufführung von<br />

Hans-Jürgen von Boses Oper Schlachthof 5<br />

sowie Le nozze di Figaro und Janáceks<br />

Katja Kabanova. Nun hat Sir Peter Jonas ihm<br />

Debussys Pelléas et Mélisande anvertraut.<br />

Wie sehr Paul Daniel diese Oper am Herzen<br />

liegt, verriet das Gespräch mit TAKT.<br />

Dirigent Paul Daniel<br />

probt Pelléas et<br />

Mélisande: „Wenn<br />

du alles vorher weißt,<br />

ist die Oper tot.“<br />

woche der französischen oper im gespräch<br />

TAKT 1 7


pelléas ist aus der spannung<br />

zwischen deutscher<br />

und französischer musik<br />

entstanden. wenn man so<br />

will, ist pelléas debussys<br />

antwort auf parsifal.<br />

Sie haben als Junge im Chor der<br />

Kathedrale von Coventry gesungen.<br />

War das prägend für Ihre Karriere?<br />

Coventry war wie eine Ideen-Fabrik.<br />

Es gab damals keinen zweiten Chor<br />

wie diesen, er hatte einen besonderen<br />

Klang, ein bisschen wie ein spanischer<br />

Chor. Der Hunger nach neuer Musik<br />

war enorm, denn Coventry war eine<br />

ganz neue Kathedrale, gerade ein paar<br />

Jahre geweiht. Ich habe jeden Morgen<br />

vor der Schule gesungen: Montags<br />

lernten wir ein neues Stück von Peter<br />

Maxwell Davies, samstags führten wir<br />

es auf. Solche Herausforderungen<br />

hätte ich sonst nie erlebt.<br />

Wären Sie ohne Coventry vielleicht<br />

gar kein Musiker geworden?<br />

Wahrscheinlich nicht. Als ich sieben<br />

war, fragte man mich, ob ich im Chor<br />

in Cambridge singen wolle. Ich sah mir<br />

das an und lehnte dankend ab. Cambridge<br />

war damals irgendwie ein Grab<br />

der Tradition, das Musikleben war<br />

völlig traditionell. Mir fehlte zu viel von<br />

dem, was ich in Coventry erlebt habe,<br />

beispielsweise Michael Tippett mit<br />

seiner Oper King Priam. Coventry war<br />

ein Neuanfang.<br />

Rührt Ihre enge Beziehung zur<br />

Neuen Musik auch daher?<br />

Ich denke ja. Obwohl ich das gar nicht<br />

als zeitgenössisch empfand. Für mich<br />

war es einfach Musik: Byrd, Davies,<br />

Bachs Matthäus-Passion, ein neues<br />

Stück von Messiaen, alles Musik. Als<br />

ich mir später die italienische Oper<br />

erarbeitet habe, war das so, als lerne<br />

8 TAKT 1<br />

man bewusst eine neue Sprache. Vorher<br />

hatte ich alles wie mit der Muttermilch<br />

aufgesogen.<br />

Sie dirigieren viel Zeitgenössisches,<br />

haben viel englische Musik aufgenommen.<br />

Wie wichtig ist Debussys<br />

Pelléas et Mélisande für Sie?<br />

Pelléas gehört zu den genialen Werken,<br />

die aus der Spannung zwischen deutscher<br />

und französischer Musik entstanden<br />

sind. Wenn man so will ist<br />

Pelléas Debussys Antwort auf Parsifal.<br />

Für mich ist vieles in der französischen<br />

Oper des 19. Jahrhunderts ein echtes<br />

Problem, hat eine Schwere, die mich<br />

wenig anspricht. Ich liebe Rameau,<br />

der leider im modernen Opernhaus<br />

kaum zu realisieren ist. Seine Musik ist<br />

unglaublich originell und revolutionär,<br />

sein Klang, seine Orchestrierung, seine<br />

musikalische Gestik, das ist nie besser<br />

gemacht worden und hatte großen<br />

Einfluss auf Debussy. Rameau war sein<br />

Vorfahre, viel mehr als die schwerfällige<br />

französische Oper des 19. Jahrhunderts,<br />

die ihn langweilte.<br />

Sie erwähnen Wagner. Wie eng war<br />

die Beziehung zu seiner Musik?<br />

Pelléas war für Debussy ein Exorzismus.<br />

Er hatte Bayreuth und Wagners<br />

Musik erlebt. Ihre Art, den Hörer zu<br />

überwältigen, bedeutete ihm viel. Ein<br />

weniger genialer Komponist wie Saint-<br />

Saëns versuchte, Wagner nachzuahmen,<br />

Debussy hat Wagner verarbeitet<br />

und dann seinen eigenen Stil, seine<br />

Farben entwickelt. Im Pelléas gibt es<br />

Stellen, die auf den Ring oder Parsifal<br />

verweisen, Debussy ist da ganz ehrlich.<br />

Aber er stellte in seiner Musik Fragen,<br />

die er nicht beantworten konnte. Auch<br />

Wagner stellte Fragen, wollte sie aber<br />

selbst beantworten. Debussy gibt<br />

keine Antworten, was dem Hörer eine<br />

große Verantwortung überlässt. Er<br />

muss sich eigene Antworten suchen.<br />

Ist das eine besondere Herausforderung<br />

für den Dirigenten?<br />

Ich versuche, Fährten zu legen, denen<br />

die Leute folgen können oder nicht. In<br />

der Zeit als ich Pelléas zum ersten Mal<br />

hörte, verstand keiner, worum es da<br />

eigentlich geht. Damals sagte man<br />

einfach, das sei impressionistisch und<br />

machte deshalb eine Weichzeichner-<br />

Interpretation. Aber Debussys Musik<br />

gräbt schmerzhaft tief in den Charakteren.<br />

Ich verstehe, weshalb es Interpretationen<br />

gab, die Nebel erzeugten und<br />

die Charaktere in eine Wolke hüllten –<br />

aber es ist falsch. Debussys Musik ist<br />

expressionistisch, er war kein Impressionist.<br />

Er hasste diesen Titel, und für<br />

mich liegt seine Musik viel näher beim<br />

frühen Schönberg. Ihr geht es um die<br />

Zeichnung von Charakteren, nicht um<br />

vage Eindrücke.<br />

Dann wäre sein Orchester ein<br />

Detektiv, der uns verrät, was der<br />

Text verschweigt?<br />

Ja. Seine Orchestrierung ist präzise,<br />

mit vielen Farben, ohne Dunst.<br />

Debussy hat die Orchestrierung überarbeitet,<br />

er war nie zufrieden. Ähnlich<br />

wie Mahler versuchte er immer wieder<br />

neue Ausdrucksmöglichkeiten, zu fin


„Du kannst auf<br />

jeder Partiturseite<br />

entscheiden, wie<br />

es weiter geht,<br />

welcher Charakter<br />

die Führung<br />

übernehmen soll.“


Paul Daniel liebt<br />

Rameau und<br />

dirigiert sehr viel<br />

Zeitgenössisches.


pelléas ist in intelligenten<br />

kommentaren ersäuft<br />

worden. es ist schwer,<br />

dem zu entkommen und<br />

wieder das wirkliche<br />

drama zu entdecken.<br />

den, neue Orchesterfarben. Jeden Moment<br />

wollte er immer noch klarer fassen.<br />

Am intimsten und zugleich leidenschaftlichsten<br />

sind die Zwischenspiele.<br />

Durch eine Art von Leitmotiven sind sie<br />

mit den Charakteren verknüpft. Aber<br />

sie sind ins Symphonische geweitet<br />

und stellen dem Hörer grundsätzliche<br />

Fragen, lassen ihn über seine eigenen<br />

Beziehungen nachdenken.<br />

Erfordert Pelléas eine besonders<br />

intensive Zusammenarbeit zwischen<br />

Dirigent und Regisseur?<br />

Die sollte es immer geben. Die Partitur<br />

muss der entscheidende Text sein.<br />

Im Schauspiel kann man das Tempo<br />

wählen, im Musiktheater gibt es<br />

Gesetze, die alles festlegen, Tempo,<br />

Dynamik, alles. Der Komponist hat das<br />

vor dir entschieden. Regisseur und<br />

Dirigent müssen sich in enger Zusammenarbeit<br />

über diesen Text verständigen.<br />

Wenn du alles vorher weißt, ist die<br />

Oper tot. Diese Produktion begleitet<br />

mich seit 1995, als ich musikalischer<br />

Direktor der Opera North war. Die drei<br />

Wochen vor der Premiere waren wie<br />

der letzte Anstieg zum Gipfel, das<br />

Härteste, was ich je gemacht habe.<br />

Du kannst auf jeder Partiturseite entscheiden,<br />

wie es weitergeht, welcher<br />

Charakter die Führung übernehmen<br />

soll, ob das Orchester führen soll, ob<br />

du mutig genug bist, Momente der<br />

Stille zu ertragen, in denen keiner führt,<br />

sondern letztlich das Publikum.<br />

Ist Pelléas nicht ein ziemlich undramatisches<br />

Stück?<br />

Oh nein, Pelléas hat eine sehr dramatische<br />

Handlung – mindestens so komplex<br />

wie Le nozze di Figaro. Die Charaktere<br />

sind genau gezeichnet. Wenn<br />

man nicht ganz sorgfältig ist, dann wird<br />

das ein Märchen. Aber wenn man bei<br />

jedem Charakter überlegt, wofür er<br />

steht, dann entwickelt sich eine komplexe<br />

Geschichte, nichts Symbolistisches.<br />

Symbolismus ist ein Etikett,<br />

das man benutzt, wenn man sich nicht<br />

genug mit den Charakteren auseinandersetzt.<br />

Die Leute, die wir Symbolisten<br />

nennen, waren aber sehr präzise<br />

in ihren Gedanken und Geschichten.<br />

Mélisande ist aber doch sehr<br />

geheimnisvoll.<br />

Natürlich – ein passiv aggressiver<br />

Charakter. Sie manipuliert und ist nicht<br />

besonders sympathisch. Das ist selten.<br />

Meistens sind solche Charaktere<br />

Opfer, wie Violetta, oder sie haben<br />

sadistische Züge, wie Salome. Viele<br />

Opern über Frauen handeln von<br />

Opfern. Pelléas versucht, niemanden<br />

schuldig oder zum Opfer werden zu<br />

lassen – sehr ungewöhnlich. Mélisande<br />

beeinflusst die Menschen auf eine<br />

ganz seltsame Art. Mit ihrer Unschuld<br />

zieht sie Golaud an, diesen ziemlich<br />

sadistischen Mann. Aber er begreift<br />

sofort, dass er von ihr nicht bekommen<br />

wird, was er braucht. In Mélisande<br />

steckt eine Menge von Lulu.<br />

Inwiefern?<br />

Sie ist ein Opfer, aber obwohl sie am<br />

Ende stirbt, hat sie alle anderen zerstört,<br />

sehr bewusst. Sie wirft ihren Ring<br />

weg und bringt Pelléas dazu, ein Verhältnis<br />

mit ihr einzugehen. Gleichzeitig<br />

hat diese Beziehung etwas Kindliches.<br />

Sie lieben sich leidenschaftlich, Minuten<br />

später hassen sie sich. Mélisande<br />

ist ein unglaublich komplexer Charakter<br />

und deshalb so schwer zu verstehen.<br />

Aus diesem Grunde wurde das<br />

alles so gerne als Impressionismus<br />

und Symbolismus gedeutet.<br />

Ist Pelléas et Mélisande eher ein<br />

Stück für Experten?<br />

Überhaupt nicht. Eigentlich sollte<br />

man gar nicht über das Stück reden,<br />

man muss es erleben. Was in Allemonde<br />

passiert, ist wie in einer guten soapopera<br />

im Fernsehen. Richard Jones<br />

und ich versuchen, das zu zeigen.<br />

Nehmen Sie die Szene zwischen<br />

Pelléas und Golaud in den Gewölben.<br />

Golaud lebt in seiner depressiven Welt,<br />

aus der er gar nicht entfliehen möchte.<br />

Er schleppt Pelléas in diese feuchten,<br />

dunklen Gewölbe. Pelléas will ins<br />

Freie, an die Luft. Wie viele amerikanische<br />

Filme haben solche Szenen?<br />

Ein Auto stürzt ins Wasser. Die Person<br />

im Inneren versucht, die Tür zu öffnen,<br />

erstickt beinahe, gelangt in letzter<br />

Sekunde an die Oberfläche – genau<br />

die Szene in Pelléas, absolut realistisch.<br />

Und wir überlegen, wie symbolhaft<br />

das alles ist. Pelléas ist in intelligenten<br />

Kommentaren ersäuft worden.<br />

Es ist schwer, dem zu entkommen und<br />

wieder das wirkliche Drama zu entdecken.<br />

Nein, bloß keine Spezialisten!<br />

Interview: Oswald Beaujean<br />

TAKT 1 11


woche der französischen oper essay<br />

wirkung ohne ursache?<br />

Zur Missachtung französischer Opern auf den Bühnen in Deutschland<br />

Mit Roméo et Juliette tat<br />

Charles Gounod einen großen<br />

Schritt von der Grand Opéra<br />

zum Drame lyrique. Angela-<br />

Maria Blasi und Marcelo<br />

Alvarez in Andreas Homokis<br />

Inszenierung des Werkes.<br />

12 TAKT 1<br />

„Liebe, ich gebe etwas drum, auch Paris<br />

nicht wiederzusehen: ich werde mich grässlich<br />

zu schämen haben, dass ich auch da einmal<br />

habe heimisch werden wollen – Oh!“<br />

Diesen Satz notierte Richard Wagner am 24. Oktober 1865.<br />

Er konnte Paris nicht leiden – und die französischen Komponisten<br />

seiner Zeit schon gar nicht. Sein Urteil über Meyerbeers<br />

Kompositionen ist verheerend und kann durchaus als<br />

Wagners Absage an die französische „Grand Opéra“ überhaupt<br />

gedeutet werden, der er pauschal „Wirkung ohne<br />

Ursache“ bescheinigt. Er, der sich mit den unterwürfigsten<br />

Briefen die Gunst und Fürsprache Meyerbeers erschmeicheln<br />

wollte – „Mein angebeteter Gönner! Mein Kopf und<br />

mein Herz gehören schon nicht mehr mir – das ist Ihr Eigen<br />

mein Meister. Ich muss ihr Sclave mit Kopf und Leib werden!“<br />

–, wird wenig später dem Franzosen jede Fähigkeit<br />

zu origineller künstlerischer Produktion absprechen. Meyerbeers<br />

Werke seien eine pikante und wahllose Anhäufung<br />

bereits bekannter musikalischer Motive, gesteigert durch<br />

„die Benutzung der Wirkung von eingewobenen Gefühlskatastrophen“.<br />

Die Kluft – so Wagner – zwischen Wollen und<br />

Können nehme bei diesem Komponisten tragisch-komische<br />

Züge an; er sieht darin ein jüdisches Phänomen.<br />

Über das Jüdische in der Musik von Jacques Offenbach


dachte auch Friedrich Nietzsche nach, der die Operetten La<br />

Périchole und La Grande Duchesse de Gérolstein liebte:<br />

„Die Juden aber haben im modernen Europa an die supremste<br />

Form der Geistigkeit gestreift: diese ist die geniale Buffonerie.<br />

Mit Offenbach, mit Heine ist die Potenz der europäischen<br />

Cultur wirklich überboten. Offenbach: französische<br />

Musik mit einem Voltaire’schen Geist, frei, übermüthig, mit<br />

einem kleinen sardonischen Grinsen, aber hell, geistreich bis<br />

zur Banalität (– er schminkt nicht –) und ohne die mignardise<br />

krankhafter oder blondwienerischer Sinnlichkeit.“<br />

Warum dieser Exkurs? Er ist vonnöten, um eine Erklärung<br />

zu finden, warum französische Opern es in Deutschland<br />

so schwer haben – bei Intendanten, Regisseuren und nicht<br />

zuletzt beim Publikum. So wie es Lessing gelungen ist, mit<br />

seinen Aufsätzen in der Hamburgischen Dramaturgie bis<br />

heute die französischen Klassiker, Corneille und Racine, von<br />

der Bühne zu vertreiben und die Autoren des 19. und 20.<br />

Jahrhunderts gleich noch dazu, so haben Wagner und die<br />

Wagnerianer verhindert, dass den französischen Opern, der<br />

„Opéra Comique“ und der „Grand Opéra“, auf deutschen<br />

Bühnen Raum gegeben wurde. Sie verpassten diesen Werken<br />

ganz schlicht das Label „banal und oberflächlich“. Und<br />

Nietzsches Lob, Offenbach habe „mehr Anrecht auf den<br />

Namen ‚Genie‘ als Wagner“, weil Wagner „schwer, schwer-<br />

fällig“ sei und diesem „Hanswurst Offenbach“ unterlegen,<br />

dem es gelinge „mit göttlicher Leichtigkeit“ zu komponieren,<br />

ist weniger ein Votum für diese musikdramatischen Werke<br />

als vielmehr eine Verdammnis des Wagnerischen Oeuvres.<br />

Sind sie aber alle Hanswürste, die zwischen den zwei<br />

französischen Kaiserreichen – und danach – französische<br />

Opern schrieben? Was ist dran an dem deutschen Vorurteil:<br />

banal, süß, opulent, aber nicht tief? Hatte womöglich Heine<br />

recht, der in seinen Briefen Über die französische Bühne den<br />

Siegszug der Grand Opéra und Louis Véron kritisierte?<br />

Véron hatte 1831 das Angebot, die Pariser Oper in der rue<br />

Le Peletier zu leiten, angenommen und die Oper zu einer<br />

kapitalistischen Unternehmensform gemacht. Heine also<br />

kritisiert diesen Vorgang als Untergang der Kunst. Die<br />

Grand Opéra müsse sich dem Publikum anbiedern, um<br />

Ertrag zu machen, um erfolgreich zu sein. Deshalb auch<br />

soviel Ballette, so viele Chöre, so viel Bühnentechnik: „Der<br />

Name Véron wird ewig leben in den Annalen der Musik“<br />

verhieß Heine und hatte Unrecht. Véron habe „den Tempel<br />

der Göttin verschönert, aber sie selbst zur Tür hinausgeschmissen.<br />

Nichts übertrifft den Luxus, der in der Großen<br />

Oper überhandgenommen, und diese ist jetzt das Paradies<br />

der Harthörigen.“<br />

TAKT 1 13


Heine beschreibt den Betrieb, in dem es schon eine engagierte<br />

und organisierte Claque gab, und die neue künstlerische<br />

Form. Der Opernbetrieb war zu einer bürgerlichen<br />

Unterhaltungsindustrie geworden. Nicht Véron noch die<br />

Komponisten prägen diese Entwicklung und den Siegeszug<br />

der Gand Opéra in Frankreich sondern ein Librettist: Eugène<br />

Scribe. Er hatte sich mit seinen Boulevardstücken erst auf<br />

den Schauspielbühnen durchgesetzt, dann diesen literarischen<br />

Typus auf die Opéra comique übertragen und schließlich<br />

die Grand Opéra revolutioniert: Er brachte zusammen,<br />

was eigentlich unvereinbar ist: das bühnentechnisch hochprofessionelle<br />

Trivialtheater und die romantische, durchaus<br />

intellektuelle Tendenz der Zeit, die Kunst zu historisieren.<br />

Scribe bedient die Schaulust, das Verlangen nach Amusement<br />

und zugleich das Interesse an Geschichte. Er und die<br />

Theatermacher vervollkommnen die geschichtsbewusste<br />

Darstellung historischer Vorgänge.<br />

Scribes Vorgehen war erfolgsorientiert. Seine Methode<br />

gefiel den französischen Komponisten und fand beim französischen<br />

Publikum Beifall. „Man hat lange geglaubt, nichts<br />

sei einfacher, als das Textbuch für eine Oper zu komponieren:<br />

ein großer literarischer Irrtum! Eine Oper in fünf Akten<br />

kann nur leben, wenn sie eine dramatische Handlung hat,<br />

14 TAKT 1<br />

„es gäbe viel zu entdecken in der französischen<br />

die von den großen Leidenschaften des menschlichen Herzens<br />

und mächtigen historischen Interessen bestimmt ist.<br />

Diese dramatische Handlung muss indes wie die Handlung<br />

eines Balletts von den Augen begriffen werden können.<br />

Auch muss der Chor eine leidenschaftliche Rolle spielen und<br />

sozusagen eine der interessanten Figuren des Stücks sein.<br />

Jeder Akt muss unterschiedliche Bühnenbilder und Kostüme<br />

bieten, vor allem aber geschickt vorbereitete Situationen.“<br />

Geschickt wollte Scribe schreiben. Wagner hat die Grand<br />

Opéra verteufelt, also eben diese Geschicklichkeit: die opéra<br />

bien faite. Wagners Sicht hat weit über Deutschland hinaus<br />

der Grand Opéra den Garaus bereitet. Und von da an das<br />

deutsche Vorurteil bestimmt, französische Opern seien<br />

Wirkung heischende Monstren, eben ein „Zirkus Franconi“,<br />

wie Heine die französische Oper schalt. Seitdem und bis<br />

heute haben die Opern von Daniel-François-Esprit Auber,<br />

Fromental Halévy, Giacomo Meyerbeer, Hector Berlioz,<br />

Jacques Offenbach und Charles Gounod einen haut gout in<br />

Deutschland.<br />

Zumal bei letzterem wurden die Deutschen nicht müde,<br />

darauf zu verweisen, wie wenig von Goethes Kosmos in<br />

Gounods Margarethe noch übrig geblieben sei. Gleichermaßen<br />

wurde Roméo et Juliette an der Shakespeare-Vor-


oper, doch es fehlen die entdecker.“<br />

lage gemessen – und für zu leicht befunden. Dass der Komponist<br />

mit diesem Werk ästhetisch einen großen Schritt von<br />

der Grand Opéra zum Drame lyrique gemacht hat, zu Intimität,<br />

blieb sehr bewusst unbemerkt. Auch Jules Massenets<br />

Werther, mit Goethes Briefroman verglichen, wurde schnell<br />

von Musikkritik und deutschem Publikum als sentimentaler<br />

Kitsch abgetan. Georges Bizet blieb genauso wenig verschont,<br />

wiewohl seine Carmen auf den Spielplänen sich<br />

durchaus einen Platz erobert hat, was den Werken anderer<br />

französischer Komponisten nicht gelang. Aber für die selbsternannten<br />

Connaisseurs ist diese Vertonung von Prosper<br />

Mérimées Erzählung eine seichte Verkleinerung von Stoff<br />

und Inhalt. Nietzsche verwies diese Oper in den Bereich<br />

der Ironie, aber immerhin bescheinigte er dem Bizetschen<br />

Orchesterklang, er sei „der einzige, den ich noch aushalte“ –<br />

ein Lob, das eigentlich Wagner treffen sollte.<br />

Konnten deutsche Kritiker die Literatur-Vertonungen noch<br />

ihren Vorlagen gegenüberstellen und für schlecht befinden,<br />

so waren und sind sie bei Claude Debussys Oper Pelléas et<br />

Mélisande völlig überfordert. Maurice Maeterlincks Dramen<br />

haben so selten wie Debussys fünfaktiges Musikdrama auf<br />

deutsche Bühnen gefunden. Bei der Uraufführung der Oper<br />

1902 in Paris fehlte den Franzosen das Ballett, an das sie<br />

Joan Rodgers und Garry Magee<br />

in Pelléas et Mélisande.<br />

sich so sehr gewöhnt hatten. Dieses Manko hätte den Deutschen<br />

eigentlich zusagen müssen, aber die Dichtung, die<br />

nur lose miteinander verknüpften lyrischen Szenen, das<br />

Mystisch-Symbolische in Handlung und Musik und vor allem<br />

das Fehlen jedweden Pathos – in bewusster Abkehr zu Wagner<br />

– missfiel. Da Debussy auf alle Opernwirkung verzichtete,<br />

nicht einmal den Hörer mit so genannten schönen<br />

Arien, Duetten und Chören verwöhnte, blieb dieses Ausnahmewerk<br />

die Ausnahme auf deutschen Opernbühnen. Der<br />

ins Extrem getrieben musikalische Impressionismus kam so<br />

wenig an wie der auftrumpfende Gestus der Grand Opéra.<br />

Es gäbe viel zu entdecken in der französischen Dramatik<br />

und Oper, doch es fehlen die Entdecker. Stattdessen<br />

herrscht hochmütige Ignoranz. Frankreichs Kultur ist terra<br />

incognita beim östlichen Nachbarn. Irgendwann werden<br />

Theaterleiter und Regisseure vielleicht bemerken, dass<br />

Frankreich mehr zu bieten hat als gute Küche und große<br />

Weine. Sie sollten dieses Land nicht bloß mit der Zunge<br />

suchen, sondern mit Ohren, Augen und Geist. Dann – eines<br />

fernen Tages – werden Corneille, Racine, Hugo und all die<br />

anderen Dichter, Meyerbeer, Massenet und Debussy triumphieren.<br />

Hoffentlich.<br />

C. Bernd Sucher<br />

TAKT 1 15


2<br />

3<br />

Die Festspielnacht in den Fünf Höfen: Sir<br />

Peter Jonas und Mitglieder des <strong>Bayerische</strong>n<br />

Staatsorchesters (1); Oper für alle: die neuen<br />

Meistersinger als audiovisuelle Live-Übertragung<br />

(2) und die bejubelte Besetzung vor dem<br />

Nationaltheater (3); Felicity Lott und Angelika<br />

Kirchschlager im Prinzregententheater (4);<br />

The Choir of Clare College unter der Leitung<br />

von Ivor Bolton in der Herz-Jesu-Kirche (5).<br />

4<br />

16 TAKT 1<br />

1<br />

5<br />

oper für alle<br />

and most<br />

impressive:<br />

die festspiele<br />

2004<br />

rückblick festspiele<br />

Mit Benjamin Britten,<br />

Claude Debussy und<br />

Alban Berg sicher<br />

keine kulinarischen<br />

Festspiele und doch<br />

Rekordergebnisse:<br />

96% Platzauslastung<br />

und 79 000 Besucher.<br />

Die Münchner Opern-<br />

Festspiele 2004 –<br />

ein Rückblick.<br />

„Oper ist uns wichtig. Oper ist wichtig.<br />

Nach wie vor für jeden erschwinglich,<br />

wenn auch nicht auf allen Plätzen<br />

und zu allen Zeiten. Man muss Oper<br />

nur wollen. Oper muss sein. Oper muss<br />

für alle sein“.<br />

Mit diesem Appell eröffnete Kulturstaatsministerin<br />

Christina Weiss die<br />

diesjährigen Münchner Opern-Festspiele,<br />

die neben drei großen Opernpremieren<br />

sowie zwei szenischen Festspiel+-Neuproduktionen<br />

überhaupt nur<br />

drei Opernproduktionen zeigten, die<br />

älter waren als ein Jahr - und das bei<br />

nicht weniger als 17 Musiktheaterproduktionen<br />

innerhalb von fünf Wochen.<br />

Großes internationales Medieninteresse,<br />

allen voran die wichtigen amerikanischen<br />

Zeitungen und Magazine wie<br />

New York Times, Wallstreet Journal und<br />

Newsweek dokumentieren Münchens


4<br />

Premierenapplaus für The Rape of Lucretia<br />

(1); Eröffnungspremiere Die Meistersinger<br />

von Nürnberg (2); Premierenfeier-Rede: Sir<br />

Peter Jonas im Gartensaal des Prinzregententheaters<br />

(3); Duo: Petra-Maria Schnitzer<br />

und Peter Seiffert (4), Eröffnungsliederabend:<br />

Waltraud Meier (5); Heimspiel:<br />

Joseph Bierbichler und Michael Tregor (6);<br />

Jazz: Gary Burton und Makoto Ozone (7).<br />

3<br />

2<br />

5<br />

1<br />

Ruf als „one of the most impressive<br />

and best-organized festivals“, wie das<br />

in London erscheinende Fachmagazin<br />

„Opera“ im Juni geschrieben hatte.<br />

79 000 Besucher kamen, die geschätzten<br />

18 000 Besucher der beiden<br />

Oper für alle-Veranstaltungen und<br />

die 11 000 Besucher der Festspielnacht<br />

nicht mitgerechnet, obwohl<br />

das Programm in diesem Jahr außer<br />

den neuen Meistersingern, Don Carlo,<br />

Otello und Tannhäuser alles andere als<br />

kulinarisch war und gerade die beiden<br />

Neuproduktionen - Benjamin Brittens<br />

The Rape of Lucretia in der Inszenierung<br />

von Deborah Warner und Claude<br />

Debussys Pelléas et Mélisande inszeniert<br />

von Richard Jones – den Besuchern<br />

großen Ernst und hohe Konzentration<br />

abverlangten. Das Publikum<br />

bewies mit Nachdruck, wie wichtig<br />

ihm Oper ist. Die Platzausnutzung von<br />

96 % spricht eine deutliche Sprache.<br />

Oper war für alle und Oper war auch<br />

Heimspiel an vielen Plätzen der Stadt:<br />

6<br />

7<br />

TAKT 1 17


1<br />

2<br />

The Rape of Lucretia: Christopher Maltman<br />

und Sarah Connolly (1); Festspielnacht der<br />

HypoVereinsbank: Christopher Robson (2);<br />

Pelléas et Mélisande: Richard Jones und Paul<br />

Daniel (3) sowie Joan Rodgers und Garry<br />

Magee (4); Oper für alle: BMW Niederlassungschef<br />

Karsten Engel, Finanzminister Kurt<br />

Faltlhauser und Sir Peter Jonas (5);<br />

Zubin Mehta (6); Live-Übertragung auf den<br />

Max-Joseph-Platz (7); Giora Feidman (8).<br />

3<br />

4<br />

Von der Festspielnacht in den Fünf Höfen,<br />

über den mit Mahlers 3. Symphonie unter<br />

der Leitung von Zubin Mehta neu eröffneten<br />

Open-air-Konzertsaal Marstallplatz, den<br />

Max-Joseph-Platz für die leider sehr kühle<br />

und nicht regenfreie Meistersinger-Übertragung,<br />

aber auch ein Heimspiel im herrlich<br />

altmodischen, Sichelmond beschienenen<br />

Grünwalder Stadion in Giesing: „die<br />

schönste Theaterauferstehung der Saison“<br />

(Frankfurter Allgemeine) oder im luzidmeditativen<br />

Ambiente der Herz-Jesu-<br />

Kirche in Nymphenburg. Die Münchner<br />

Opern-Festspiele engagierten sich aber<br />

auch für einen neuen Platz in der Stadt<br />

mit einem Benefizkonzert für das Jüdische<br />

Zentrum am Jakobsplatz.<br />

Die Münchner Opern-Festspiele, das waren<br />

37 Musiktheateraufführungen im Nationaltheater<br />

und im Prinzregententheater, das<br />

waren Liederabende von Waltraud Meier,<br />

Felicity Lott und Angelika Kirchschlager,<br />

Dorothea Röschmann, Violeta Urmana, Ian<br />

Bostridge, Petra-Maria Schnitzer und Peter<br />

Seiffert, Jonathan Lemalu und ein Konzert<br />

mit David Daniels sowie das Festival im<br />

Festival, Festspiel+.<br />

Die Münchner Opern-Festspiele 2004 sind<br />

das große internationale Opern-Festival<br />

und zugleich ein Heimspiel für München.<br />

„Oper ist eine wahnwitzige Kunstform:<br />

Menschen singen ihre Liebe, ihr Leid,<br />

singen noch im Sterben“ (C. Bernd Sucher),<br />

doch sie hat wieder einmal so viele Menschen<br />

angelockt wie der Fussball, und<br />

nicht nur ins Stadion. UH<br />

8<br />

5<br />

6<br />

7


1<br />

11<br />

1 Graf Christian und Gräfin Stephanie von<br />

Pfuel 2 Christina Weiss 3 Limousinen-<br />

Treffen vor dem Nationaltheater 4 Dieter<br />

Rampl (HVB Group, l.), Klaus von Lindeiner<br />

(Festspielförderer) 5 Nancy und Zubin<br />

Mehta mit Sir Peter Jonas 6 Audivorstand<br />

Ralph Weyler mit Ehefrau Birgit und<br />

Gastgeber Sir Peter Jonas 7 Heinrich<br />

Graf Spreti und Helga Rabl-Stadler (Salzburger<br />

Festspiele) 8 Über den Dächern<br />

der Stadt: Vor Beginn der Meistersinger<br />

lud das Mandarin Oriental auf seine Dachterrasse<br />

9 (v.l.) Protokollchef Axel Bartelt<br />

(Staatskanzlei), Ursula Soltmann, Prinzessin<br />

Uschi und Prinz Peter zu Hohenlohe<br />

10 (v.r.) Edmund Stoiber, Annette von<br />

Pierer, Karin Stoiber, Heinrich von Pierer<br />

(Siemens) 11 (v.l.) Herzog Franz von<br />

Bayern mit Sunnyi Melles und Ehemann<br />

Prinz Peter zu Sayn-Wittgenstein-Sayn<br />

10<br />

9<br />

2 3<br />

4<br />

8<br />

von feier zu feier<br />

Festspiel-Opening mit rotem<br />

Teppich und Bayerns Hochadel<br />

Premiere zur Premiere: Zum ersten Mal zierte<br />

zur Eröffnung der Münchner Opern-Festspiele<br />

ein roter Teppich die Stufen des Nationaltheaters.<br />

Für die vielen Zaungäste, die die Ankunft der<br />

VIPs in Robe und Smoking bestaunten, ein<br />

fabelhafter Blickfang, der dazu beitrug, dass<br />

niemand Wichtiger übersehen wurde. Und für<br />

Hausherr Sir Peter Jonas ein perfekter Rahmen,<br />

um Gäste wie Kultur-Staatsministerin Christina<br />

Weiss (hielt die Festspielrede) persönlich zu<br />

begrüßen. Doch das Schreiten über den roten<br />

Teppich will gelernt sein. Herzog Franz von<br />

Bayern in Begleitung von Prinzessin Ursula<br />

von Bayern bekam genau die richtige Mischung<br />

aus Souveränität und Bescheidenheit hin. Eine<br />

ausgewählte Schar von Besuchern war schon<br />

vor dem Beginn der Meistersinger in Champagnerlaune,<br />

hatte doch das Hotel Mandarin<br />

Oriental zum Empfang auf seine Dachterrasse<br />

mit fulminantem Blick über die Stadt geladen.<br />

Gefeiert wurde auch nach der Vorstellung, in der<br />

renovierten Allerheiligen Hofkirche und dem idyllischen<br />

benachbarten Kabinettsgarten. Bayerns<br />

Ministerpräsident Edmund Stoiber begann als<br />

Gastgeber beim Staatsempfang mit seiner Rede<br />

so rechtzeitig, dass weder Maestro Zubin Mehta<br />

noch die beteiligten Sängerinnen und Sänger anwesend<br />

waren. Eine dringende Staatsangelegenheit<br />

deuteten viele Gäste Stoibers Hast. Richtig<br />

vermutet – wenn man den Grund für seinen<br />

schnellen Abgang, den Besuch des Sommerfestes<br />

der BILD-Zeitung im P1, auch dazu zählt.<br />

Ein Glück, dass die Oper im Vier Jahreszeiten<br />

ihre eigene Feier organisiert hatte. Ulrike Reisch<br />

4<br />

5<br />

6<br />

7<br />

klatsch(en)<br />

TAKT 1 19


Christina Weiss hielt am 26. Juni den<br />

Eröffnungsvortrag der diesjährigen<br />

Münchner Opern-Festspiele mit dem<br />

Thema „Der Palast der Verwandlung –<br />

Die Oper im 21. Jahrhundert“ und<br />

besuchte die Eröffnungspremiere<br />

von Wagners Die Meistersinger von<br />

Nürnberg. Hans-Herbert Holzamer<br />

und Ulrike Hessler sprachen mit der<br />

Ministerin über die Rolle der Kultur<br />

und der Kunstform Oper in der gegenwärtigen<br />

politischen Diskussion in<br />

Deutschland.<br />

Die Opern-Festspiele wurden dieses<br />

Jahr mit den Meistersingern von<br />

Nürnberg eröffnet. Da gibt es eine<br />

Bürger-Gesellschaft, die über ihre<br />

Kultur selbst bestimmt, ohne Beteiligung<br />

der Politik. Für Wagner war<br />

es eine Utopie, dass die Bürger von<br />

Nürnberg am Ende einen unabhängigen<br />

Künstler auszeichnen und so<br />

moderne Kunst ermöglichen. Ist das<br />

heute wieder oder immer noch eine<br />

Utopie?<br />

Ich denke nicht. Angestoßen durch die<br />

Bildungsdebatte wurde vielen klar,<br />

dass wir in den Künsten einen großen<br />

Schatz haben, und dass er verloren<br />

20 TAKT 1<br />

zur sache<br />

„die oper soll kein<br />

Ein Gespräch mit Staatsministerin Christina Weiss,<br />

geht, wenn wir ihn nicht pflegen. Ich<br />

stelle fest, dass die großen Firmen,<br />

wenn sie Kultursponsoring betreiben,<br />

dies sehr viel bekennender und auch<br />

sehr viel selbstbewusster tun. Weil die<br />

Eigenschaften, die durch die Künste<br />

gefördert werden, nämlich Kreativität,<br />

Flexibilität, Phantasie, auch die Eigenschaften<br />

sind, die das Unternehmen<br />

auszeichnen sollen und die von den<br />

Mitarbeitern erwartet werden. Deshalb<br />

ist der Kontakt mit den Künsten wieder<br />

sehr wünschenswert.<br />

Hat die wieder stärker ins Bewusstsein<br />

gerückte Bedeutung der Künste<br />

damit zu tun, dass die öffentliche<br />

Hand ihr Engagement zurückgefahren<br />

hat?<br />

Mancherorts schon. Aber vor allem<br />

liegt das daran, dass die Kultur wieder<br />

zu einem politischen Thema geworden<br />

ist. Durch die Einrichtung des Amtes<br />

Kulturstaatsministerin, hat die Kultur<br />

erst wieder eine Rolle in den politischen<br />

Debatten auf Bundesebene zu<br />

spielen begonnen. Es macht durchaus<br />

einen Unterschied, ob die Kultur an<br />

der politischen Diskussion beteiligt ist<br />

oder nicht. Wenn Kultur keine Stütze<br />

in der Politik hat, verliert sie ihren Stellenwert<br />

in der Gesellschaft. Dass die<br />

Gesellschaft darauf reagiert, finde ich<br />

sehr positiv.<br />

Kann man das an einem Beispiel<br />

festmachen?<br />

Zum Beispiel an der stark gestiegenen<br />

Zahl von Freundeskreisen, die sich für<br />

Kulturinstitutionen einsetzen und in<br />

den letzten Jahren viel einflussreicher<br />

geworden sind. Ein anderes Beispiel:<br />

Für die neuen Beitrittsländer der EU<br />

ist Kultur ein wichtiges, ja existentielles<br />

Thema, das sie eingefordert haben.<br />

Kultur in die politische Debatte einzuführen,<br />

beschreibt die Innensicht.<br />

Ist es nach außen Ihr Geschäft,<br />

eine Art Grundversorgung mit Kultur<br />

sicherzustellen?<br />

Wegen des föderalen Systems in<br />

Deutschland bin ich oft auf Appelle<br />

angewiesen. Ich versuche, Debatten<br />

anzuregen und auch zu führen. Es ist<br />

bereits viel, wenn Kultur überhaupt<br />

thematisiert wird. Wenn der ehemalige<br />

Bundespräsident Johannes Rau forderte,<br />

Kultur müsse als Pflichtaufgabe<br />

ins Grundgesetz, kann ich dem nur<br />

beipflichten. Grundversorgung heißt für<br />

mich, dass der Zugang zur Kunst für<br />

jeden zu einem erschwinglichen Preis<br />

angeboten werden muss, mindestens<br />

zum Preis einer Kinokarte. Das ist in<br />

unserem Land auch gewährleistet.<br />

Wir können sagen, wir haben das<br />

beste Netz von Angeboten weltweit.<br />

Gibt es Oper überall zum Preise<br />

einer Kinokarte?<br />

Ja, gibt es. Vielleicht nicht bei jeder<br />

Premiere, denn die muss man so teuer<br />

verkaufen, wie es die Nachfrage hergibt.<br />

Aber hier in München gibt es, wie<br />

ich gesehen habe, sogar bei der Festspiel-Eröffnungspremiere<br />

viele Karten<br />

zum Preis von 13 und 15 Euro.<br />

Welchen Stellenwert hat die Kunstform<br />

Oper für Sie?<br />

Sie ist ein genuiner Bestandteil unserer<br />

Kultur. Die Tradition des Musiktheaters<br />

ist Teil unserer Identität. Man hat vor<br />

neuen Stücken ein wenig Angst, aber<br />

Oper ist nicht wegzudenken. Sie wurde<br />

groß geredet und klein gemacht, aber<br />

auch das hat sie mit anderen Künsten<br />

gemein. Vielleicht ist sie sogar die<br />

Form, die von allen Kunstformen am<br />

festesten verankert ist in der deutschen<br />

Gesellschaft, das hohe Interesse<br />

bei jungen Leuten bestätigt dies. Oper<br />

- Kunst generell - darf nicht nur Erwartungen<br />

befriedigen, das ist zu bequem.<br />

Kulinarischer Genuss nutzt sich rasch<br />

ab. Oper muss Herausforderungen<br />

stellen und selbst wagen, muss auch<br />

Experimentierfeld sein. Oper war<br />

immer repräsentativ und avantgardistisch,<br />

obwohl die Musik stilistisch oft


oadway sein“<br />

Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.<br />

dem Vorwärtsdrängen anderer Künste<br />

hinterher hinkt.<br />

Gibt es einen gesellschaftlichen<br />

Konsens über die Bedeutung der<br />

Oper?<br />

Ich würde nicht behaupten, dass dies<br />

die Mehrheit der Bevölkerung so sieht.<br />

Aber aus dem Bereich der Bildung und<br />

der Kultur ist sie nicht wegzudenken.<br />

Sie hat eine hohe Attraktivität.<br />

Oper ist eine teure Kunstform, weil<br />

sie so personalintensiv ist und in<br />

vielen Bereichen ein Handwerksbetrieb.<br />

Sind die Kosten ein Problem<br />

für die Akzeptanz?<br />

Das spielt keine Rolle. Große Gruppen<br />

sind bereit, hohe Eintrittspreise zu<br />

zahlen, wenn Qualität geboten wird.<br />

Selbst der teuerste Platz finanziert<br />

sich nicht selbst.<br />

Das betrifft neben der Oper auch das<br />

Theater, Konzerte, selbst das Kino,<br />

wenn Sie die Filmförderung hinzunehmen.<br />

Warum fördern wir die Produktion<br />

von Kunst? Um die Eintrittspreise auf<br />

einem möglichst niedrigen Level zu<br />

halten. Außerdem glauben wir daran,<br />

dass ein ständig wechselndes Repertoire<br />

unterschiedlichster Epochen und<br />

Stilrichtungen angeboten werden<br />

muss. Oper, die sich auf dem Markt<br />

behauptet, wäre ähnlich wie ein Film,<br />

der sich auf dem Weltmarkt behaupten<br />

müsste. Das sind dann Blockbuster<br />

aus Hollywood. Ein Super-Broadway<br />

kann nicht unser Ziel sein. Dann<br />

müssten wir auf Produktionen des<br />

20. Jahrhunderts und auf Neukompositionen<br />

ganz verzichten. Das wollen<br />

wir nicht. Oder man müsste für eine<br />

Opernkarte 600 bis 800 Euro ausgeben,<br />

das wollen wir auch nicht.<br />

Soll Oper denn den Vorstellungen<br />

der Politik entsprechen?<br />

Politik soll eine zuverlässige Budget-<br />

vereinbarung für ein paar Jahre treffen.<br />

Und sie soll mit der jeweiligen Institution<br />

eine Zielvereinbarung treffen,<br />

mit der künstlerischen und kaufmännischen<br />

Geschäftsführung. Ich will eine<br />

neue Form zwischen Politik und künstlerischer<br />

Institution.<br />

Was wäre als Ziel vorstellbar? Die<br />

Zahl der Wagner- oder der Händel-<br />

Opern vorzugeben?<br />

Mögliche Ziele sind: Spielen so oft<br />

wie möglich, spielen mit einem regelmäßigen<br />

Wechsel des Programms und<br />

mit einer möglichst großen stilistischen<br />

Vielfalt, Angebote für die Jugend<br />

machen, Einführungsveranstaltungen<br />

anbieten.<br />

Würden Sie auch soweit gehen, eine<br />

künstlerische Politik gemeinsam mit<br />

einem Intendanten formulieren zu<br />

wollen?<br />

Die Politik muss dem künstlerischen<br />

Leiter die Freiheit lassen, sein Programm<br />

zusammenzustellen. Er steht<br />

für sein Programm, er muss sich jedes<br />

Jahr dafür rechtfertigen. Wirtschaftlich<br />

kann man Dinge festschreiben, künstlerisch<br />

nicht.<br />

Durch die Besetzung der künstlerischen<br />

Spitzenpositionen kann man<br />

Einfluss nehmen.<br />

Das stimmt, die Einflussmöglichkeit<br />

der Politik liegt in der Besetzung der<br />

Leitungspositionen. Aber die Zielvereinbarung<br />

muss für die Institution<br />

gelten, nicht für die Person.<br />

Wie populär muss Ihrer Meinung<br />

nach Oper sein, um für ein möglichst<br />

breites Publikum zugänglich, das<br />

heißt interessant für die Kinokartenkäufer,<br />

zu sein?<br />

Kunst ist per definitionem nicht demokratisch.<br />

Kunst ist immer das Werk eines<br />

Einzelnen, der über seine Grenzen<br />

hinausgeht. Man kann das machen,<br />

was die Italiener einst taten, als sie<br />

ihre Sänger und Orchester durch die<br />

Straßen schickten und so Arien zu<br />

Evergreens machten. Das ist Marketing,<br />

aber nicht die Oper selbst. Das<br />

Kunstwerk selber, egal ob das Werk<br />

oder die Regie, ist radikal. Kunst ist<br />

radikal. Sie geht immer über Grenzen<br />

hinaus, führt der gewöhnten Wahrnehmung<br />

etwas Neues hinzu.<br />

Sehen Sie die Kultur im Auftrag der<br />

Veränderung?<br />

Diese Funktion von Kunst ist für mich<br />

persönlich am wichtigsten. Ich sehe<br />

die Definition der Kunst darin, dass sie<br />

nicht gleichgültig lässt.<br />

Wie weit würden Sie bei der Oper<br />

gehen?<br />

Es hat Zeiten gegeben, da habe ich<br />

mich jeder traditionellen Aufführung<br />

verweigert. Ich bin ausschließlich in<br />

Produktionen gegangen, die Opern<br />

des 20. Jahrhunderts zum Gegenstand<br />

hatten. Inzwischen bin ich wieder<br />

toleranter geworden.<br />

„oper darf nicht nur erwartungen befriedigen, das ist zu bequem.“<br />

Eine provozierende Inszenierung,<br />

in der Sie alleine sitzen, ist Ihnen<br />

lieber als gemütliches Geträller, das<br />

von einem vollen Haus applaudiert<br />

wird?<br />

Als ich als 20jährige in Frankfurt in<br />

Europera von John Cage war, und<br />

es dort Tumulte gab, habe ich mich<br />

amüsiert. Seit 1991 arbeite ich in der<br />

Kulturpolitik dafür, dass die Oper auch<br />

das Publikum mitnehmen soll. Ich will<br />

keine leere Oper. Aber ich habe die<br />

Erfahrung gemacht, dass eine Oper<br />

die kompromisslos ist und auf Qualität<br />

setzt, auch ihr Publikum findet. Es<br />

gibt genug Leute, die neugierig sind.<br />

Für ein Opernhaus kommt es darauf<br />

an, die richtige Mischung zu finden.<br />

Zum Glück ist der Erfolg einer Opernproduktion<br />

nicht kalkulierbar.<br />

TAKT 1 21


22 TAKT 1<br />

Die Weihe des Platzes – Mit einer Oper für<br />

alle-Aufführung von Gustav Mahlers Symphonie<br />

Nr. 3 unter Zubin Mehta wurde der<br />

neugestaltete Marstallplatz angemessen ins<br />

öffentliche Leben Münchens eingeführt.


momentaufnahme


schnittstelle VIII musikbibliothek<br />

japanseide für die frau ohne schatten<br />

in den regalen der musikbibliothek<br />

schlummern so manche schätze. und<br />

wer glaubt, noten seien noten, so wie<br />

eben buchstaben buchstaben sind, und<br />

es ließe sich munter darauf losspielen –<br />

der irrt sich ganz gewaltig.<br />

Als Gregor Raquet den „Staedtler Mars plastic“ entdeckte,<br />

hatte das Experimentieren endlich ein Ende. Seitdem wird<br />

in der Musikbibliothek mit deutlich mehr Freude radiert –<br />

„nahezu rückstandsfrei“ bei gleichzeitig „geringer Krümelbildung“,<br />

wie die Produktbeschreibung des Wunder-Radiergummis<br />

zu Recht verheißt. Notenblätter sind empfindlich<br />

und reagieren auf das Bemühen, tief ins Papier eingegrabene<br />

Bleistiftspuren zu beseitigen, mitunter mit hässlichen Knitterfalten<br />

und aufgerauhten Stellen. Minderwertige Drucke halten<br />

den Radierattacken oftmals gar nicht stand; im ungünstigsten<br />

Fall verschwinden die zu entfernenden Bleistift-Eintragungen<br />

mitsamt den Noten. Weich also muss der Radiergummi<br />

sein – und weich der Bleistift, mit dem auf Notenblättern<br />

vermerkt wird, was das gemeinsame Musizieren im Orchestergraben<br />

und auf der Bühne erst möglich macht: Bogenstriche<br />

und Sprünge, dynamische Retuschen und die<br />

Schlagarten des Dirigenten.<br />

Wer glaubt, Noten seien Noten, so wie Buchstaben eben<br />

Buchstaben sind, und es ließe sich munter darauf losspielen,<br />

sobald nur jeder Orchestermusiker über sein – freilich noch<br />

unbearbeitetes – Notenmaterial verfügt, würde seinen Ohren<br />

nicht trauen. Die Streicher würden im Wortsinn gegen den<br />

Strich spielen, vom Dirigenten gewünschte Auslassungen<br />

würden aus Unkenntnis ignoriert – und so manche falsch gedruckte<br />

Note nähme klangliche Gestalt an. Solche kakophonischen<br />

Katastrophen weiß Gregor Raquet zu verhindern. Als<br />

Leiter der Bühnenmusik ist er prädestiniert für die Hege und<br />

Pflege des Notenmaterials, für dessen Beschaffung und vor<br />

allem für das – musikalische Detailkenntnis erfordernde –<br />

Einrichten von Noten. Zusammen mit seiner Kollegin Barbara<br />

24 TAKT 1<br />

Plank betreut er die Musikbibliothek, die seit Anfang des<br />

Jahres im neuen Probengebäude am Marstallplatz untergebracht<br />

ist. Ordentlich aufgereiht und fein säuberlich gestapelt<br />

lagern die für die laufende Spielzeit benötigten Noten in Rollregalen,<br />

Carmen auf 2B4, Die Frau ohne Schatten auf 6A3<br />

und Dornröschen auf 3A3. Der Zustand des Frau ohne<br />

Schatten-Materials lässt zu wünschen übrig; zu oft wurden<br />

die Originalnoten von 1919 schon in die Hand genommen.<br />

Mit Japanseide verarztet Barbara Plank die an manchen<br />

Stellen eingerissenen Blätter, radiert längst überholte und<br />

nun irritierende Eintragungen aus, bevor sie sich der editionstechnisch<br />

perfekten, jedoch schlecht gebundenen Dornröschen-Ausgabe<br />

zuwendet. In den Regalen der Musikbibliothek<br />

schlummern so manche Schätze, die Noten für Elektra<br />

beispielsweise oder Madama Butterfly, beide aus dem Jahr<br />

1909. Die meisten Kostbarkeiten der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />

lagern jedoch im Hauptstaatsarchiv – Uraufführungsmaterial<br />

von Rheingold, der Walküre, Partituren mit Einzeichnungen<br />

von Bruno Walter sowie die vollständig erhaltene Programmzettel-Sammlung,<br />

die Auskunft über sämtliche Aufführungen<br />

des Nationaltheaters seit seiner Eröffnung 1818 gibt. Auch<br />

heute noch werden die Besetzungszettel in der Musikbibliothek<br />

gesammelt und archiviert, außerdem Programmhefte<br />

und sonstige hauseigene Publikationen.<br />

Obwohl die <strong>Bayerische</strong> <strong>Staatsoper</strong> auf einen reichen Bestand<br />

an Noten zurückgreifen kann, muss das meiste Material angekauft<br />

oder geliehen werden. Allein schon aus Kostengründen<br />

ist ein Ankauf erstrebenswert, scheitert jedoch oft an der<br />

Tatsache, dass ein Werk wegen der noch bestehenden Urheberrechte<br />

geschützt ist. Das betrifft z.B. die neue Mozart-Edi


Barbara Plank in den frisch<br />

bezogenen Räumlichkeiten der<br />

Musikbibliothek im neuen<br />

Probengebäude am Marstallplatz.<br />

tion von Bärenreiter. Wird also Le nozze di Figaro auf den<br />

Spielplan gesetzt, fallen für Klavierauszüge, Orchester- und<br />

Chorstimmen Leihgebühren an, die im Rahmen eines Aufführungsvertrages<br />

geregelt werden. Für eine einzige Aufführung<br />

benötigt man bis zu 60 Klavierauszüge, denn auch<br />

Inspizienten, Repetitoren, Regieassistenten und Dramaturgen<br />

arbeiten mit diesem Material; Sänger und Sängerinnen studieren<br />

damit ihre Partie ein. Solange also Figaro gespielt wird<br />

und die Noten des Verlages im Hause verbleiben, gelten die<br />

im Mietvertrag getroffenen Vereinbarungen.<br />

Verglichen mit den Tantiemen, die der Verlag für den Komponisten,<br />

den Librettisten und nach deren Tod weitere 70 Jahre<br />

für die Erben erhebt, erweisen sich die Mietgebühren als fast<br />

marginaler Posten. Roland Felber, Geschäftsführender Direktor<br />

der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong>, rechnet vor: Pro Aufführung<br />

und pro Besucher sind 2,91 Euro Tantiemenanteil zu entrichten<br />

– bei vollem Haus mit 2100 Besuchern ergibt das<br />

einen Betrag von circa 6000 Euro –, mindestens jedoch 13%<br />

der tatsächlichen „Roheinnahmen“. Bei einer geschätzten<br />

Abendeinnahme von 100 000 Euro sind das eindrucksvolle<br />

13 000 Euro!<br />

Während Roland Felber mit Zahlen jongliert, Auftragshonorare,<br />

Tantiemen, Material- und GEMA-Gebühren addiert,<br />

spitzt Gregor Raquet seinen Bleistift, Minenhärte: 2B. Am 31.<br />

Oktober hat die neu einstudierte Zauberflöte Premiere, und<br />

bereits zwei Wochen vor der ersten Probe sollten die Orchesterstimmen<br />

fertig eingerichtet sein. Ivor Boltons Partitur-<br />

Angaben müssen auf sämtliche Notenblätter übertragen<br />

werden; ein Crescendo hier, ein Diminuendo dort. An welchen<br />

Stellen ist ein Mezzoforte vorgesehen? Wo entfällt ein<br />

Takt oder gar eine Taktfolge und ist als sogenannter Sprung<br />

zu markieren? Dirigiert Ivor Bolton Takt 17 in 4/4 oder in 2/2?<br />

Auch wenn all diese mit Akribie vorgenommenen Eintragungen<br />

verbindlich sind: Änderungen in wortwörtlich letzter<br />

Minute überraschen Gregor Raquet schon längst nicht mehr.<br />

Manchmal huscht er unmittelbar vor Vorstellungsbeginn –<br />

oder in der Pause gar – durch die Pultreihen des Orchestergrabens,<br />

um letzte Korrekturen vorzunehmen. Vielleicht ist<br />

ein Sprung zu Beginn des dritten Aktes notwendig, weil eine<br />

Erkältung dem Heldentenor zusetzt; vielleicht insistiert der<br />

Dirigent auf einem ritardando, das ihm nun ganz unverzichtbar<br />

erscheint.<br />

Obschon das Wort Stress in der Musikbibliothek mit einem<br />

Tabu belegt ist – ab und an kommt auch Gregor Raquet ganz<br />

schön ins Schwitzen. Man stelle sich nur vor: Die fertig eingerichteten<br />

Orchesterstimmen befinden sich bereits seit<br />

zwei Wochen im Orchesterbüro; die Musiker hatten reichlich<br />

Gelegenheit zu proben – und der Aufführung am Abend<br />

blickt nicht nur der Leiter der Bühnenmusik erwartungsvoll<br />

entgegen. Vorsichtshalber noch ein Notencheck unmittelbar<br />

vor Beginn der Vorstellung, der dann höchst Unangenehmes<br />

offenbart: Für einen Bläser fehlen die Noten! Nach kurzer<br />

Zeit und hektischem Telefonieren ist das Rätsel gelöst, das<br />

Problem jedoch noch nicht behoben: Das vermisste Exemplar<br />

liegt zuhause bei einem Musikerkollegen! Da hilft kein<br />

Wunder-Radiergummi mehr, sondern nur noch der Griff zur<br />

Schere: Noten auseinanderschneiden, Blatt für Blatt faxen<br />

und so eine Aufführung retten, die viele heimliche Helden<br />

kennt. Einer davon heißt Gregor Raquet.<br />

Margit Uber<br />

TAKT 1 25


ubrik<br />

26 TAKT 1<br />

in memoriam<br />

die wucht der geballten emotionen<br />

Wolfgang Sawallisch und Sir Peter Jonas<br />

erinnern sich an Carlos Kleiber<br />

Das seltsame Verwirrspiel um die Nachricht vom Tod Carlos Kleibers ähnelte so<br />

sehr dem Leben des Ausnahme-Dirigenten, dass es schwer fiel, sie zu glauben,<br />

zumal es keine Bestätigung durch die Familie gab. Es war nicht das erste Mal<br />

gewesen, dass Carlos Kleiber totgesagt wurde. Nachrichtenagenturen und alle<br />

anderen Medien versuchten an diesem 19. Juli nahezu verzweifelt, eine offizielle<br />

Bestätigung der Todesnachricht zu bekommen. Viele wollten den Wahrheitsgehalt<br />

dieser Nachricht bezweifeln und mussten dann doch akzeptieren, dass<br />

Carlos Kleiber am 13. Juli 2004 – gerade 74 Jahre alt – in Slowenien, der Heimat<br />

seiner im letzten Jahr verstorbenen Frau, gestorben ist.<br />

An keinem anderen Opernhaus hat sich Carlos Kleiber so lange zu Hause gefühlt<br />

wie an der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong>, keinem Orchester, mit Ausnahme des Klangkörpers<br />

der Würtembergischen <strong>Staatsoper</strong>, dem er zwischen 1966 und 1972<br />

sechs glanzvolle Jahre bescherte, war Carlos Kleiber so lange, so eng verbunden<br />

wie dem <strong>Bayerische</strong>n Staatsorchester.<br />

Seit seinem Debüt am 13. Januar 1968 mit dem Rosenkavalier von Richard<br />

Strauss dirigierte Calos Kleiber in den folgenden 20 Jahren 260 Opernaufführungen<br />

und etliche Akademiekonzerte des <strong>Bayerische</strong>n Staatsorchesters. Allein die<br />

Zahl seiner Dirigate und die Regelmäßigkeit seiner Auftritte zwischen 1968 und<br />

1988 beweist, dass sich der als schwierig Geltende für eine lange Zeit seiner<br />

Karriere mit großem Einsatz für den „normalen“ Opern- und Konzertbetrieb eines<br />

Repertoirehauses engagierte.


(c) Unitel<br />

TAKT 1 27


zum tod von carlos kleiber<br />

Als Wolfgang Sawallisch 1969 nach<br />

dem Tod von Joseph Keilberth an die<br />

<strong>Bayerische</strong> <strong>Staatsoper</strong> kam, um eine<br />

neue Ariadne auf Naxos für die Festspiele<br />

einzustudieren, hatte Carlos<br />

Kleiber bereits einige Aufsehen erregende<br />

Aufführungen dirigiert. Günther<br />

Rennert hatte ihn von Stuttgart nach<br />

München geholt. 1970 leitete er seine<br />

erste Neuproduktion: Wozzeck in der<br />

Inszenierung von Günther Rennert mit<br />

Theo Adam in der Titelrolle. Wolfgang<br />

Sawallisch erinnert sich.<br />

das war der aufregendste Wozzeck, den ich je gehört<br />

habe. Er dirgierte aus der Partitur des Vaters, der ja<br />

der Uraufführungsdirigent gewesen war, und bezog<br />

daraus sicher ein großes Wissen, aber das allein war es<br />

nicht, was diese Faszination ausmachte. 1982 habe ich ihm<br />

dann eine neue Produktion angeboten mit Dieter Dorn als<br />

Regisseur und Jürgen Rose als Ausstatter, aber leider gefiel<br />

ihm keiner der zahlreichen Sänger, die wir ihm für die Titelrolle<br />

vorgeschlagen haben. Bereits Anfang der 80er Jahre<br />

konnte er sich nur noch sehr schwer zu etwas Neuem entschließen.<br />

Für das Repertoire blieb er uns noch bis in die<br />

späten 80er Jahre treu erhalten und dirigierte bis zu 30 Vorstellungen<br />

pro Saison, mehr als heute so mancher Generalmusikdirektor.<br />

Carlos Kleiber hat unzählige Male den Rosenkavalier<br />

dirigiert und die Fledermaus. Er konnte ja durchaus<br />

auch zeigen, dass ihm die Aufführung Freude bereitete,<br />

wenn ich nur an seine legendären Faschingsdienstag-<br />

Verkleidungen denke. Einmal hatte er sich ganz spontan<br />

vor dem dritten Akt der Fledermaus in der Damenmaske<br />

eine Perücke aufsetzen lassen (ich glaube, er trug auch ein<br />

rotes Kleid dazu). So kam er dann auch ans Pult. In den<br />

nächsten Jahren wurde der Spaß Methode: Er erschien als<br />

Ajatollah, als Boris Becker oder als MAN-Arbeiter, als unsere<br />

Bühnenmaschinerie nicht funktionierte. Anfang der 80er<br />

Jahre hatte ich für Rosenmontag ein Akademiekonzert mit<br />

Faschingsprogramm geplant. Lange im Voraus hatte ich<br />

Carlos gefragt, ob er als Überraschungsgast auftreten würde,<br />

in der Maske von Johann Strauss. Das tat er dann auch,<br />

erschien mit Perücke, Schnurrbart und Geige und dirigierte<br />

Johann Strauss. In solchen Dingen war er völlig zuverlässig,<br />

auch wenn er in seiner ganzen Zeit an der <strong>Bayerische</strong>n<br />

<strong>Staatsoper</strong> keinen einzigen Vertrag unterschrieb. Auch als<br />

ich ihn fragte, ob er beim Gedenkkonzert für Karl Böhm mitwirken<br />

würde, sagte er sofort zu. Er war pünktlich zur ersten<br />

Probe zur Stelle. Darum stimmt es eigentlich nicht, wenn<br />

28 TAKT 1<br />

man ihn als kapriziös bezeichnete. Er machte es sich selbst<br />

schwer und damit anderen auch. Je älter er wurde, desto<br />

mehr zweifelte er. Er hatte geradezu Angst vor sich selbst,<br />

Angst, die hohen Erwartungen, die er ja selbst durch seine<br />

phänomenalen Leistungen aufgebaut hatte, einmal nicht<br />

erfüllen zu können oder sie immer erfüllen zu müssen. Es<br />

kam nicht nur einmal vor, dass ich ihn mehr oder weniger<br />

ans Pult zwingen musste. Einmal hatte er sich vor dem<br />

3. Akt des Rosenkavalier im Abenddirigentenzimmer eingeschlossen<br />

und weigerte sich, heraus zu kommen. Der damalige<br />

Chefinspizient Horst Wruck und ich standen ziemlich<br />

ratlos vor der Tür, die er erst nach langem Bitten und Drohen<br />

öffnete, dann an uns vorbei ans Dirigentenpult stürzte und<br />

so schnell begann, dass das Publikum nicht einmal klatschen<br />

konnte. Ich kann heute besser nachempfinden als<br />

damals, welch ungeheuere Belastung diese Angst, dem<br />

eigenen Maßstab nicht zu genügen, für sein Leben bedeutete.<br />

Wenn er am Pult stand, faszinierte er wie kein anderer.<br />

Wie er die Partituren zum Klingen bringen konnte, war unvergleichlich.<br />

Dabei probierte er genau und minutiös, fast<br />

besessen. Er hat die Partituren und ihre Strukturen wirklich<br />

gekannt und nicht nur Melodien verfolgt, er studierte sie immer<br />

wieder aufs Neue. Seine bedingungslose Hingabe an<br />

die Musik hat mich immer berührt, wie jeden echten Musiker.<br />

Dafür hat ihn das <strong>Bayerische</strong> Staatsorchester geliebt.<br />

Das machte ihn natürlich auch sehr empfindlich. Ich erinnere<br />

mich noch genau, warum er Otello in München nicht mehr<br />

dirigieren wollte. Domingo war als Besetzung für die Festspiele<br />

angekündigt, doch es sprach sich herum, dass er andere<br />

Verpflichtungen hatte. Daraufhin sagte Kleiber ab, und<br />

Lorin Maazel sprang ein. Die Münchner Presse schrieb eine<br />

Hymne. „Carlos Kleiber – schnell vergessen“ war zu lesen.<br />

Ich konnte seine Enttäuschung nur allzu gut nachempfinden.<br />

Es war fast ein Wunder, dass er überhaupt zurückkam.<br />

Er war ein Rätsel. Häufig erschien er unangekündigt zu<br />

Proben, das habe ich bei anderen Kollegen nie erlebt. Aber<br />

wir konnten uns über alles unterhalten, nur nicht über Musik.<br />

Wir haben mit ihm einen ganz großen Musiker verloren.<br />

Protokolliert von Ulrike Hessler<br />

Carlos Kleiber an der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />

Das von ihm in München am häufigsten dirigierte Werk war der<br />

Rosenkavalier (82 Vorstellungen), gefolgt von der Fledermaus<br />

(71 Vorstellungen), La traviata (41 Vorstellungen), Otello (22 Vorstellungen),<br />

Alban Bergs Wozzeck (14 Vorstellungen) sowie Vorstellungen<br />

von La bohème und Madama Butterfly. Carlos Kleiber<br />

reiste 1974 mit der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong> zum Gesamtgastspiel<br />

nach Japan. Mit dem <strong>Bayerische</strong>n Staatsorchester<br />

führte er mehrere Tourneen durch. Das letzte öffentliche Konzert<br />

des <strong>Bayerische</strong>n Staatsorchesters unter seiner Leitung fand im<br />

April 1996 in Ingolstadt statt. Im gleichen Jahr dirigierte er das<br />

<strong>Bayerische</strong> Staatsorchester noch bei einem Konzert in Ravenna<br />

und einer geschlossenen Aufführung im Herkulessaal.


Sir Peter Jonas: Ich kann mir nicht<br />

vorstellen, dass auch nur einer von<br />

uns es sich mit seiner Erinnerung an<br />

ihn bequem machen kann. Diese<br />

Erinnerung wird lebendig bleiben durch<br />

die Musik, die uns verfolgt, die bereits<br />

unser inneres Ohr infiziert hat.<br />

durch den Tod von Carlos Kleiber hat die Welt den begabtesten<br />

Dirigenten des 20. Jahrhunderts verloren.<br />

Dass auch zahlreiche Dirigenten sich dieser scheinbar<br />

selbstverständlichen Aussage anschließen, verwandelt ein<br />

prosaisches Epitaph in ein wunderbares Statement des<br />

Staunens, der Bewunderung und Verblüffung seitens der<br />

professionellen Musiker wie auch des Publikums. Mit Carlos<br />

Kleiber verlor die Kunstform Musik einen großen interpretierenden<br />

Diener. Die Gemeinschaft Musik und Theater hat<br />

sogar noch mehr verloren: eine unberechenbare Ikone der<br />

Individualität, der Exzentrik und der künstlerischen Freiheit.<br />

Ich traf Carlos Kleiber zum ersten Mal Mitte der 1970er Jahre<br />

durch einen gemeinsamen Freund. In den darauf folgenden<br />

dreißig Jahren sind wir stets in engem Kontakt geblieben.<br />

Wir sprachen die selbe Sprache; Englisch war ebenso seine<br />

Muttersprache wie Spanisch, und die deutsche Sprache<br />

erlernte er so perfekt, dass sie in Feinheit und Kreativität<br />

einer Muttersprache in nichts nachstand. Wir teilten unsere<br />

Neigung zu Wortspielen, für den literarischen Stil des New<br />

Yorker und für abstruse Winkel der englischsprachigen<br />

Literatur. Carlos Kleiber, das wurde mir schnell klar, war einer<br />

der brillantesten Literaturkenner, die mir je begegnet waren.<br />

Schon bald schmiedeten wir Pläne für sein Dirigentendebüt<br />

in den USA, das ich für ihn beim Chicago Symphony Orchestra<br />

arrangierte, wo ich in den 1970er Jahren Künstlerischer<br />

Leiter war. Nicht ohne komplexe Verhandlungen und stets<br />

begleitet von nervenaufreibender Ungewissheit fand sein<br />

amerikanisches Debüt am 12. Oktober 1978 statt; auf dem<br />

Programm standen die Ouvertüre zu Webers Freischütz,<br />

Schuberts D-Dur-Symphonie Nr. 3 und Beethovens Fünfte.<br />

Carlos Kleibers enorme, wenn auch bizarre europäische<br />

Reputation war ihm damals noch nicht voraus geeilt; das Internet-Zeitalter<br />

hatte noch nicht begonnen, und Nachrichten<br />

über erstaunliche neue Talente brauchten ihre Zeit, um den<br />

Atlantik zu überqueren. Die Gewalt und die Wucht von<br />

Carlos Kleibers Aufführungen wirkten daher wie ein Schock,<br />

sogar für die symphonisch anspruchsvollen Zuhörer und<br />

Kritiker in Chicago: Sie waren schlichtweg eine Offenbarung.<br />

Einige Spielzeiten später folgten außergewöhnliche Darbietungen<br />

von Butterworths First English Idyll, eine Art Geschenk<br />

für mich als Butterworth-Fan, und zur großen Überraschung<br />

vieler dirigierte Carlos Kleiber das Werk später auch in<br />

München. Neben Mozarts B-Dur Symphonie (Nr. 33) stand<br />

im Mittelpunkt dieses Programms eine Interpretation voll<br />

glühender Leidenschaft von Brahms’ zweiter Symphonie.<br />

Ich glaube nicht, jemals vergleichbare Aufregung im Umfeld<br />

von Konzerten erlebt zu haben. Die Wucht der geballten<br />

Emotionen, die wir alle damals in der Orchestra Hall Chicago<br />

fühlten, zu erklären oder zu beschreiben ist kaum möglich.<br />

Diese Aufregung und Spannung wiederholten sich, ohne an<br />

Intensität je nachzulassen, bei jeder der zahlreichen Opernund<br />

Konzertvorstellungen, die ich unter der Leitung dieses<br />

Dirigenten erleben durfte.<br />

Man hatte immer das Gefühl, dass Carlos Kleibers musikalische<br />

Einsichten, sein Talent für musikliterarische Metaphern,<br />

sein starker Sinn für Unabhängigkeit, seine beißende Artikulation<br />

und seine Tendenz, seine verschiedenen persönlichen<br />

und professionellen Welten und Freundschaften durch<br />

artischockenartig übereinander gelegte Schutzschichten<br />

abzuschirmen, – dass dies alles symptomatisch für den<br />

Druck war, dem er sich persönlich ohne Zweifel ausgesetzt<br />

sah. Seine schwersten Belastungen, vermute ich, waren<br />

seine ihm von Gott gegebenen Talente und seine bestechende<br />

Intelligenz, die durch seinen herben Witz in Schrift<br />

und Wort zum Ausdruck kam. Man wurde das Gefühl nicht<br />

los, dass er diese Attribute als ein Kreuz betrachtete, das<br />

zu tragen das Schicksal ihm auferlegt hatte.<br />

c<br />

arlos Kleibers starker Unabhängigkeitssinn führte ihn<br />

ipso facto zu Demonstrationen außerordentlicher Zivilcourage<br />

gegenüber der modernen Welt und der Maschinerie<br />

der Musik- und Opern-„Industrie“. Kritiker haben seine Weigerung,<br />

sich auf dieses wilde musikalische Hornissennest<br />

einzulassen, oft als Selbstzweck bezeichnet. Aber das war<br />

es nicht. Meiner Meinung nach hat er das Geschäft des<br />

Musikmachens mit allem, was dahinter steht, wirklich verabscheut.<br />

Er verachtete Speichellecker ebenso wie Kritiker und<br />

ihre mehr oder weniger subjektiven Meinungen. Oft bekräftigte<br />

er mit allen ihm zur Verfügung stehenden bemerkenswerten<br />

Kräften der Logik seine Einstellung, dass der Pfad<br />

des Einsiedlers das Leben leichter mache und außerdem ein<br />

Abweichen vom Pfad der persönlichen Integrität verhindere.<br />

Und genau das ist der springende Punkt, das Herz des<br />

„Rätsels Kleiber“: Integrität. Carlos Kleiber verkörperte<br />

künstlerische Integrität, edel und frustrierend, in guten wie in<br />

schlechten Zeiten. Wir können die Beschränktheit seines<br />

Repertoires bedauern, wir können seinen schrittweise vollzogenen<br />

Rückzug in die berufliche Inaktivität betrauern, wir<br />

können frustriert sein launisches, bisweilen sogar grausames<br />

Verhalten selbst gegenüber Kollegen reflektieren, wir können<br />

weinen um die Augenblicke des Ruhmes und um die Augenblicke,<br />

die ganz einfach hätten geschehen können. Doch<br />

Carlos Kleiber wahrte stets rückhaltlose Treue gegenüber<br />

sich selbst, seiner Vision von Musik und seiner, vielleicht exzentrischen,<br />

Sicht auf die Gesellschaft und die Welt. Genau<br />

das werden wir vermissen, wenn wir uns seiner künstlerischen<br />

Leistungen erinnern.<br />

TAKT 1 29


Generationen von Tänzern haben die<br />

Rollen der Liebenden von Verona<br />

verkörpert – Lucia Lacarra ist die neue<br />

Julia des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts,<br />

ihr Mann Cyril Pierre der neue Romeo.


allett<br />

so<br />

wilde<br />

freude<br />

nimmt<br />

ein<br />

wildes<br />

ende<br />

... und die Liebenden, in diesem Fall,<br />

trifft keine Schuld. Romeo und Julia.<br />

Ein Kriminalfall, könnte man sagen.<br />

Die Familien Montague und Capulet<br />

zu Tode verfeindet, die einzigen Nachkommen<br />

ineinander verliebt. Liebe<br />

und Tod. Die ewigen Themen der<br />

Kunst. Fünfzehnhundertvierundneunzig<br />

von Shakespeare in einem Drama<br />

beschrieben. Im Jahre 2004 im<br />

Nationaltheater gleich zweimal in<br />

Szene gesetzt. Die Premiere der Oper<br />

Gounods Roméo et Juliette fand am<br />

13. Mai statt; auf die Wiederaufnahme<br />

des Balletts Romeo und Julia in der<br />

Choreographie John Crankos, sind<br />

wir bereit, uns bis zum vierundzwanzigsten<br />

September zu freuen.<br />

liebe braucht Zeit. Julia weiß das. „Obwohl ich dein mich<br />

freue, freu ich mich nicht des Bundes dieser Nacht. Er<br />

ist zu rasch, zu unbedacht.“<br />

Dreizehn Jahre ist sie alt. Ein Mädchen. Ein Kind, aus<br />

der Entfernung von fünfhundert Jahren betrachtet. Das<br />

von einer Sekunde zur anderen, durch einen Blick nur, zur<br />

Frau wird. Julia, mannhaft entschlossen zur Liebe. Sie<br />

schickt die Amme am Ende des Balles dem, der ihr gefällt,<br />

hinterher: Geh, frag wie er heißt. Und entscheidet im gleichen<br />

Moment: Ist er vermählt, so ist das Grab zum Brautbett<br />

mir erwählt. Sie redet mit sich, erklärt ihre Liebe zu Romeo<br />

sich selber, im Garten, von Romeo heimlich belauscht. Er ist<br />

ein Schwärmer, schwermütig, doch reich an Worten. Julia<br />

wehrt alles Schönreden ab. Julia, in ihrem Liebesgeständnis<br />

ertappt, ein wenig beschämt, möglicherweise, doch ihrer<br />

Liebe ganz sicher, sagt nur das, worum es ihr geht: Gern<br />

hielt ich streng auf Sitte, möchte gern verleugnen, was ich<br />

sprach: Doch weg mit Förmlichkeit! Sag, liebst du mich.<br />

Die einzige Frage der Welt. Sie stellt sich für Shakespeare.<br />

Prokofieff. John Cranko. Was, fragt man, das, sagt man, haben<br />

sie, über Jahrhunderte hinweg, miteinander zu tun. So<br />

verschieden der Ausdruck auch sein mag. Der eine nur Sprache.<br />

Der andere Musik. Der dritte, John Cranko, Bewegung.<br />

TAKT 1 31


Obwohl er gar nicht gut tanzte. Er habe Bananenfüsse, erklärte<br />

er einmal. Er sei nur Tänzer geworden, um Choreograph<br />

werden zu können. Um mit seinen Puppen weiterzuspielen.<br />

Mit sieben Jahren in Südafrika, Johannesburg,<br />

setzte er Pfeiffenreiniger zu Figuren zusammen und ließ sie<br />

auf Pappkartons tanzen, später bastelte er Marionetten, er<br />

hatte Bananenfüsse womöglich, aber er wusste, jederzeit,<br />

wie es richtig aussehen müsste:<br />

„John! Iss‘ regelmäßig. Mit einem verstimmten Magen kann<br />

man nicht tanzen.“<br />

„Halt dich gerade!“<br />

„Wackle nicht mit den Armen.“<br />

„Dein Körper muss eine senkrechte Linie bilden.“<br />

Und trotz dieser harten Arbeit, sagt Cranko, rufen sie einem<br />

zu: Weiter, John! Du musst härter arbeiten, John! John, du<br />

gibst dir keine Mühe! Und man schaut sich im Spiegel seine<br />

Füße an, die hässlich sind und nicht können, was man von<br />

ihnen verlangt, oder man sackt bei einer Übung in der Mitte<br />

durch, obwohl man weiß, dass der Körper eigentlich fest<br />

und starr bleiben sollte, bis ich denke, dass Selbstmord der<br />

rascheste Ausweg wäre. All das schrieb er mit siebzehn, an<br />

seinen Freund Hanns Ebensten. Er war gerade dabei, seine<br />

erste Choreografie zu erschaffen und bis zu seinem Tod war<br />

noch eine lange, kurze Zeit hin. Und er fand Tänzer, die taten,<br />

was er nicht konnte: Aus sich eine senkrechte Linie zu<br />

bilden. Marcia Haydée, die Julia, in seiner, John Crankos<br />

Uraufführung, am 2. Dezember 1962 in Stuttgart. Ray Barra<br />

als Romeo. Mercutio, getanzt von Hugo Delavalle. In München<br />

2004 Lucia Lacarra, Cyrill Pierre, Alen Bottaini. Kunst<br />

als immer erhoffte Vollendung.<br />

Sprache, übersetzt in Bewegung.<br />

Die Musik, nicht zu vergessen.<br />

Es ist Prokofieffs Musik. Und wunderbar gleich in der ersten<br />

Szene, in der Julia erscheint. Ein Motiv, das mit ihr immer<br />

wieder auftaucht. Julia im Pas de Deux mit Romeo. Julia<br />

im Pas de Deux mit Shakespeare. Prokofieff. Und Cranko.<br />

Sterben, so schön sie auch tanzt, muss sie doch.<br />

Zufälle, scheinbar, sind schuld. Dem Romeo schon heimlich<br />

32 TAKT 1<br />

zeugen einer langen tradition:<br />

natasha trofimova und heino hallhuber<br />

als lady capulet und tybalt<br />

vermählt, wird Julia von Graf Paris zur Gattin erwählt. Der<br />

Vater stimmt zu, wendet, wenn nötig, Gewalt an. Pater Lorenzo,<br />

der die Liebenden, Romeo und Julia, längst heimlich<br />

getraut hat, versucht Julia, auch sich, seine Ehre, vor dieser<br />

zweiten Trauung zu retten. Gibt ihr einen Trank, der sie zur<br />

Scheintoten macht. Für zweiundvierzig Stunden genau. In<br />

dieser Zeit soll alles zur Rettung geschehen. Ein Happy- End<br />

ist vorgesehen. Die Liebenden glücklich vereint. Wie hätte<br />

John Cranko es choreografiert.<br />

Der Countdown läuft. Beerdigung auf offener Bühne. Julia,<br />

scheintot, sinkt in die Gruft. Pater Lorenzo schickt eine<br />

Botschaft, damit Romeo weiß, was geschehen ist. Aber wie<br />

ist zu erklären, dass Romeo nicht in Verona, sondern in<br />

Mantua ist? Und dass ihn die Botschaft Pater Lorenzos<br />

niemals erreicht.<br />

ein Duell ist daran schuld, ein sinnloses, wenn es<br />

denn ein sinnvolles gäbe: Julias Vetter Tybalt<br />

will nicht Mercutio sondern Romeo töten. Doch,<br />

durch einen falschen gemeinen Stich Tybalts,<br />

stirbt er: Mercutio. Von Romeos versöhnendem Arm niedergehalten,<br />

kann er sich gegen Tybalts Finten nicht wehren,<br />

er lacht, schneidet Grimassen, er torkelt, er tanzt, er spottet,<br />

er stirbt.<br />

Das ist eine der schönsten Szenen dieses Balletts. Man muss<br />

lachen, man weiss nicht, oder weinen. Mercutio braucht<br />

lange zum Sterben. Und Romeo, über den Tod seines<br />

Freundes zornig geworden, tötet in einem weiteren Duell<br />

den Mörder des Freundes, Tybalt. Romeo wird verbannt.<br />

Wir hoffen mit Pater Lorenzo, dass alles noch gut wird.<br />

Dass Romeo doch noch rechtzeitig erscheint, die Liebenden<br />

fliehen, die Familien sich möglicherweise versöhnen. Wir<br />

hoffen auf Liebe und Güte.<br />

Was bleibt noch zu sagen: Sie sterben. Julia, in ihrem Grab,<br />

bereit zu erwachen. Romeo, von ihrem wirklichen Leben<br />

nichts ahnend, der totgeglaubten Geliebten zuliebe, sich<br />

selber ermordend, aber noch vorher, am Grab, den Grafen<br />

Paris, den zweiten möglichen Gatten, ein Liebender ebenfalls.<br />

Romeo stößt zu, was er nicht will. Hast du Erbarmen,<br />

ruft Paris im Tode. Öffne die Gruft und lege mich zu Julien.<br />

Und Romeo tut es. Auf Ehr, sagt er, ich wills. Und tötet sich<br />

selber. Und als Julia erwacht, hat sie zwei tote Liebhaber auf<br />

beiden Seiten des Bettes, des Grabes. Da greift auch sie<br />

zum Dolch.<br />

Wohl wahr, ich rede von Träumen, sagt Mercutio, der Spötter,<br />

wohl wahr, ich rede von Träumen, Kinder eines müßigen<br />

Hirns, von nichts als eitler Phantasie erzeugt, die aus so<br />

dünnem Stoff, als wie aus Luft besteht. Und Träume sind<br />

diese Kinder. Und liegen im Tod friedlich beisammen. Nicht<br />

mehr sprechend. Nicht singend. Nicht tanzend. Und sind nur<br />

in der Kunst für alle Zeit, in Sprache, Musik und Bewegung,<br />

vereint. Birgitta Arens


Lisa-Maree Cullum (und Alen Bottaini<br />

als Partner) sind ebenfalls ein<br />

leidenschaftliches Bühnenpaar seit<br />

Marguerite und Armand. Sie geben<br />

ihr gemeinsames Debut im Oktober.


menschen in der oper<br />

wiwo leeb, statist<br />

Wiwo Leeb – das klingt wie italienisch-deutsche Lebensbejahung.<br />

Ich wurde schon für alles Mögliche gehalten, einen Jugoslawen,<br />

einen Italiener, aber auf die Idee ist noch keiner gekommen.<br />

Das ist eine Abkürzung von Wilhelm-Wolfgang.<br />

Statist – Hobby oder Lebensform?<br />

Hobby! Das ist einfach ein Spaß, den ich mir gönne. So wie<br />

andere permanent ins Sportstudio, auf den Fußball- oder<br />

Tennisplatz gehen, so verbringe ich meine Freizeit mehr oder<br />

weniger hier.<br />

Wie wurden Sie Statist?<br />

Nach dem Abitur habe ich ein Gesangsstudium bei Kammersänger<br />

Max Lorenz begonnen. Er riet mir, bevor ich mich<br />

endgültig für diesen Beruf entscheide, mich als Statist zu bewerben,<br />

um mir den Betrieb anzuschauen und zu sehen, ob<br />

mir das überhaupt liegt. So kam ich 1971 (lacht) hierher. Lorenz<br />

starb allerdings ziemlich bald, und die Gesangsausbildung<br />

verlief im Sande. Ich habe dann Jura studiert, ein Banklehre<br />

gemacht und bin schließlich in den elterlichen Betrieb<br />

eingestiegen. Jetzt arbeite ich also als Immobilienmakler.<br />

Wie viel Zeit investieren Sie in die Statistentätigkeit?<br />

Das ist ganz verschieden. In manchen Monaten ist man<br />

jeden zweiten Tag hier. Letzten Dezember z.B. hatte ich 21<br />

Vorstellungen und in etwa die gleich Zahl an Proben. Im Juni<br />

dagegen waren es nur vier Termine. Es lässt sich also keine<br />

Regel aufstellen. Manchmal muss man mit den Terminen allerdings<br />

wirklich jonglieren, was mir als Freiberufler natürlich<br />

etwas leichter möglich ist.<br />

Was macht aus Ihrer Sicht einen guten Statisten aus?<br />

Zum einen die Fähigkeit, auf der Bühne präsent zu sein und<br />

sich bewegen zu können, sonst wird man zum toten Inventar.<br />

Zum anderen muss man eine gewisse Kenntnis des Werkes<br />

haben und Musikalität besitzen, damit man in der Lage<br />

ist, auf die Musik und die Stichworte zu hören. Es gibt Leute,<br />

die, sobald sie auf der Bühne stehen, nichts mehr hören und<br />

sehen. Außerdem muss man sich ins Ensemble integrieren<br />

können und eine gewisse Auffassungsgabe haben – der<br />

Regisseur erklärt es einem nicht 25mal.<br />

Welchen Gewinn bringt Ihnen die Statistentätigkeit?<br />

Der Gewinn ist ganz enorm. Wenn ich mir überlege, was ich<br />

hier in den letzten 33 Jahren alles miterleben konnte und mit<br />

welchen Sängern ich hautnah zu tun hatte: Astrid Varnay,<br />

Birgit Nilsson, Edita Gruberova, Pavarotti, Domingo...<br />

Ist es ein Glückgefühl, auf der Bühne zu stehen, Teil des<br />

Geschehens zu sein und vor Publikum zu spielen?<br />

Das hängt natürlich auch von der Tätigkeit ab. Eines meiner<br />

schönsten Erlebnisse war, als ich 1985 in Cardillac unter der<br />

Regie von Ponnelle den König gespielt habe. Oder im Barbier<br />

von Sevilla gebe ich seit 15 Jahren den Notar. Das sind<br />

natürlich Auftritte, die einen besonders freuen, weil man da<br />

wirklich gestalten kann. In Aida als Soldat Nummer zehn in<br />

Reihe sechs mit einer Lanze über die Bühne zu marschieren,<br />

ist vielleicht nicht so interessant.<br />

Lampenfieber?<br />

Das hatte ich früher bei gewissen Opern. Natürlich bei der<br />

Cardillac-Premiere oder auch in der alten Inszenierung von<br />

Hoffmanns Erzählungen, wo ich Giuletta und Nicklausse<br />

in der Gondel über die Bühne fahren und rechtzeitig zum<br />

Beginn der Baccarole vorne sein musste. Das waren schon<br />

immer Zitterpartien, und da hatte ich Lampenfieber. Aber das<br />

hat sich – vielleicht leider Gottes – inzwischen gelegt. Mittlerweile<br />

bringt mich so schnell nichts mehr aus der Ruhe.<br />

Hat sich die Art und Weise, wie Statisten eingesetzt werden,<br />

über die Jahre gewandelt?<br />

Der Inszenierungsstil hat sich geändert, und das schlägt sich<br />

für die Statisten natürlich auch nieder. Diese klassischen<br />

Statistenauftritte, wie etwa in der alten Turandot, also der<br />

noch vor Ponnelle: mit Rüstung und Lanze auf die Bühne,<br />

halbe Stunde stehen und abgehen – das gibt es kaum noch.<br />

Führen Sie eigentlich eine Statistik über Ihre Auftritte?<br />

Ich habe gestern in einem Buch über die Oper geblättert und<br />

bin darauf gekommen, dass ich in den letzten 33 Jahren zwischen<br />

130 und 140 Produktionen gemacht habe. Ich habe<br />

zwar nicht über jeden Auftritt Buch geführt, aber es müssen<br />

Tausende gewesen sein.<br />

Gibt es unter Statisten so etwas wie einen Ehrenkodex,<br />

Dinge, die man einfach nicht tut?<br />

Man ist nicht unzuverlässig! Wenn man in einer Produktion<br />

drin ist, versucht man, jede Vorstellung zu machen und nur<br />

dann abzusagen, wenn es wirklich gar nicht anders geht –<br />

und das unter Umständen zehn Jahre lang oder so lange<br />

diese Produktion eben läuft. Das bedeutet natürlich, dass<br />

man auch mal eine Einladung absagen muss oder seinen<br />

Urlaub entsprechend plant.<br />

Schon mal einen besonderen Bock geschossen?<br />

Ja! Und mir wird heute noch anders, wenn ich daran denke.<br />

Das war im Rosenkavalier, und zwar bei der Rosenüberreichung.<br />

Wir stellen uns direkt in der Mitte auf. Ich trete vor,<br />

und die Jungfrau Marianne legt die Rose in die silberne<br />

Schatulle, die ich bei mir trage. Ich schließe die Schatulle,<br />

gehe zurück und gebe sie dem Haushofmeister. Bei besagter<br />

Vorstellung trete ich also auf, und die Rosenüberreichung<br />

beginnt. Grad’ schön war’s, ich bin entzückt und plötzlich<br />

fällt mir ein, dass ich die Schatulle vergessen habe. Oh Gott!<br />

Was mache ich jetzt? Abgehen konnte ich nicht, dafür stand<br />

ich viel zu exponiert. Das hätte die ganze Szene ruiniert.<br />

Aber ich konnte ja auch nicht die Rose mit bloßer Hand dem<br />

Haushofmeister übergeben. Dann schob mir wirklich in letzter<br />

Sekunde Kammersänger Friedrich Lenz, der es bemerkt<br />

hatte, die Schatulle von hinten unter den Arm. Mir ist vor<br />

Entsetzen das Wasser unter der Perücke rausgelaufen.<br />

Interview Detlef Eberhard<br />

TAKT 1 35


spielplan<br />

17. september bis 28. oktober<br />

Un ballo in<br />

maschera<br />

oper<br />

WOCHE DER<br />

FRANZÖSISCHEN OPER<br />

17., 20., 23. Sept.: 19.00 Uhr<br />

26. September: 18.00 Uhr<br />

Roméo et Juliette<br />

Marcello Viotti; Angela-Maria<br />

Blasi, Anna Bonitatibus, Anne<br />

Pellekoorne; Marcus Haddock,<br />

Francesco Petrozzi, Christian<br />

Rieger, Nikolay Borchev,<br />

Ramaz Chikviladze, Maurizio<br />

Muraro, Steven Humes<br />

18., 21., 25., 28. September,<br />

2. Oktober: 19.00 Uhr<br />

Pelléas et Mélisande<br />

Paul Daniel; Catherine Wyn-<br />

Rogers, Joan Rodgers; Clive<br />

Bayley, Garry Magee, Robert<br />

Hayward, Solist des Tölzer<br />

Knabenchors, Gerhard Auer,<br />

Nikolay Borchev<br />

19. September: 18.00 Uhr<br />

22. September: 19.00 Uhr<br />

Carmen<br />

Jacques Delacôte; Chen Reiss,<br />

Daniela Sindram, Denyce<br />

Graves, Aga Mikolaj; Steven<br />

36 TAKT 1<br />

Humes, Nikolay Borchev, Mario<br />

Malagnini, Jean-Luc Chaignaud,<br />

Christian Rieger, Ulrich Reß<br />

Vortrag im Institut français de<br />

Munich, Kaulbachstraße 13<br />

24., 25. September: 20.00 Uhr<br />

„O horch, Musik! –<br />

Suchers Leidenschaften<br />

très français“<br />

C. Bernd Sucher und Mitglieder<br />

des Jungen Ensembles der<br />

<strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />

30. September,<br />

5. und 8. Oktober: 19.00 Uhr<br />

Un ballo in maschera<br />

John Fiore; Georgina Lukacs,<br />

Jane Henschel, Chen Reiss;<br />

Walter Fraccaro, Alexandru<br />

Agache, Christian Rieger,<br />

Steven Humes, Gerhard Auer,<br />

Francesco Petrozzi, Manolito<br />

Mario Franz<br />

3., 6. und 14. Okt.: 18.00 Uhr<br />

10. Oktober: 17.00 Uhr<br />

17. Oktober: 16.00 Uhr<br />

Die Frau ohne Schatten<br />

Peter Schneider; Luana DeVol,<br />

Jane Henschel, Chen Reiss,<br />

Anna Gabler, Daniela Sindram,<br />

Deborah Polaski, Norma<br />

Raccichini, Helena Jungwirth,<br />

Barbara Heising; Jon Fredric<br />

West, Eike Wilm Schulte, Kevin<br />

Conners, Jan-Hendrik Rootering,<br />

Christian Rieger, Alfred<br />

Kuhn, Ulrich Reß, Rüdiger<br />

Trebes, Steven Humes<br />

9. Oktober: 20.00 Uhr<br />

16. und 19. Oktober: 19.30 Uhr<br />

Madame Butterfly<br />

Marco Armiliato; Angela-Maria<br />

Blasi, Daniela Sindram, Aga<br />

Mikolaj; Roberto Aronica, Paolo<br />

Gavanelli, Ulrich Reß, Christian<br />

Rieger, Steven Humes, Rüdiger<br />

Trebes, Nikolay Borchev, Gerhard<br />

Auer<br />

20. und 23. Oktober: 18.30 Uhr<br />

26. Oktober: 18.00 Uhr<br />

Rodelinda, Regina<br />

de’ Longobardi<br />

Ivor Bolton; Susan Gritton, Sara<br />

Mingardo; Michael Chance,<br />

Paul Nilon, Christopher Robson,<br />

Umberto Chiummo<br />

25. und 28. Oktober: 18.30 Uhr<br />

Lulu<br />

Stefan Anton Reck; Margarita<br />

De Arellano, Katarina Karnéus,<br />

Ulrike Helzel, Anne Pellekoorne;<br />

Alfred Kuhn, Will Hartmann,<br />

Tom Fox, John Daszak, Franz<br />

Mazura, Jacek Strauch, Robert<br />

Wörle, Thorsten Stepath, Nikolay<br />

Borchev, Rüdiger Trebes<br />

ballett<br />

24. September,<br />

15. und 18. Oktober: 19.30 Uhr<br />

Romeo und Julia<br />

Lucia Lacarra; Cyril Pierre;<br />

(24.9.; 15.10.)/Lisa-Maree<br />

Cullum; Alen Bottaini (18.10.);<br />

Solisten und Ensemble des<br />

<strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

Myron Romanul<br />

29. September,<br />

4. und 7. Oktober: 20.00 Uhr<br />

Portrait Mats Ek<br />

A Sort of…/ Apartment<br />

Solisten und Ensemble des<br />

<strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

Myron Romanul<br />

24. Oktober: 14.00 Uhr, 19.30<br />

Uhr; 27. Oktober: 20.00 Uhr<br />

Dornröschen<br />

Valery Ovsyanikov; Natalia<br />

Kalinitchenko, Lukas Slavicky<br />

(24.10, 14.00); Lisa-Maree<br />

Cullum, Roman Lazik (14.10.,<br />

19.30); Lucia Lacarra, Cyril<br />

Pierre (27.10.); Solisten und<br />

Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n<br />

Staatsballetts<br />

Ballett extra<br />

2. Oktober: 9.45 - ca. 16.00 Uhr<br />

Tag der offenen Tür<br />

Ein Arbeitstag beim <strong>Bayerische</strong>n<br />

Staatsballett: Training, Proben,<br />

Gespräche, Begegnungen<br />

21. Oktober: 20.00 Uhr<br />

Masterclass<br />

Peter Appel arbeitet mit Solisten<br />

des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

an Dornröschen<br />

Die Frau ohne Schatten


konzert<br />

Nationaltheater<br />

11., 12. und 13. Okt.: 20.00 Uhr<br />

1. Akademiekonzert<br />

des <strong>Bayerische</strong>n<br />

Staatsorchesters<br />

Felix Mendelssohn Bartholdy:<br />

Meeresstille und Glückliche<br />

Fahrt, op. 27; Benjamin Britten:<br />

Four Sea Interludes aus der<br />

Oper Peter Grimes, op. 33a;<br />

Carl Maria von Weber: Rezitativ<br />

und Arie der Rezia Ocean!<br />

Thou Mighty Monster aus der<br />

Oper Oberon; Maurice Ravel:<br />

Une Barque sur l’Océan;<br />

Claude Debussy: La Mer;<br />

Hector Berlioz: Ouvertüre zu Le<br />

Corsaire, op. 21. Jun Märkl (Leitung);<br />

Janice Watson (Sopran)<br />

Einführung vor den Konzerten<br />

am 11. und 12. Oktober,<br />

19.15 Uhr, in der ehemaligen<br />

Abendkasse<br />

Allerheiligen Hofkirche<br />

3. Oktober: 11.00 Uhr<br />

5. Oktober: 20.00 Uhr<br />

1. Kammerkonzert<br />

des <strong>Bayerische</strong>n<br />

Staatsorchesters<br />

Werke von Michael Praetorius,<br />

Astor Piazzolla, Peter Warlock,<br />

Michael Clothier, Enrique Crespo,<br />

Leonard Bernstein u.a.<br />

OperaBrass – Die Blechbläser<br />

der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />

Hubertussaal im Schloss<br />

Nymphenburg<br />

29. September: 19.30 Uhr<br />

Konzert<br />

des Jungen Ensembles der<br />

<strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong>, der<br />

Orchesterakademie des <strong>Bayerische</strong>n<br />

Staatsorchesters und<br />

der Jungen Münchner<br />

Philharmonie<br />

Mats Ek: Apartment<br />

Werke von Georg Friedrich<br />

Händel, Antonio Salieri und<br />

Wolfgang Amadeus Mozart<br />

Mark Mast (Leitung), Norma<br />

Raccichini (Sopran), Barbara<br />

Heising (Mezzosopran), Nikolay<br />

Borchev (Bariton), Matthias<br />

Wippich (Bass), Verena-Maria<br />

Fitz (Violine), Adrian Mustea<br />

(Viola)<br />

Konzert für die Freunde des<br />

Nationaltheaters e.V.<br />

forum<br />

Nationaltheater, Königssaal<br />

Das „Bayern 4 Klassik-Forum“<br />

in der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />

21. Oktober: 19.00 Uhr<br />

„Innenansichten eines<br />

Streichquartetts“<br />

Artemis-Quartett; Moderation:<br />

Siegfried Höfling (Psychotherapeut),<br />

Jürgen Seeger (Programmchef<br />

Bayern 4 Klassik)<br />

führungen<br />

Führungen durch das<br />

Nationaltheater finden an<br />

den folgenden Tagen jeweils<br />

um 14.00 Uhr statt:<br />

September: 15., 18., 19., 20.,<br />

21., 22., 23., 24., 26., 27., 28.,<br />

29., 30.; Oktober: 2., 3., 4., 5.,<br />

6., 8., 10., 11., 12., 13., 14. ,<br />

15., 16., 17., 18., 19., 20., 23.,<br />

26., 28., 30. und 31.<br />

„Maestro Margarini“<br />

extra Führung für Kinder von<br />

4-7 Jahren:<br />

3. Oktober: 14.00 Uhr<br />

„Abenteuer Oper“<br />

extra Führungen für Kinder von<br />

7-12 Jahren:<br />

26. September und<br />

17. Oktober: 14.00 Uhr<br />

Visite guidée en français<br />

19 septembre: 14.00 heures<br />

Tag der offenen Tür<br />

9. Oktober ab 12.30 Uhr<br />

13.00-13.30 Uhr Technikshow 1<br />

14.30-15.00 Uhr Technikshow 2<br />

Opernkino, Malwerkstatt, Publikumsschminken,<br />

Chorproben,<br />

Schlagzeugvorführungen,<br />

Podiumsdiskussionen und<br />

vieles mehr<br />

premierenvorschau<br />

31. Oktober: 19.00 Uhr<br />

Die Zauberflöte<br />

Wolfgang Amadeus Mozart<br />

Ivor Bolton; Diana Damrau,<br />

Juliane Banse, Anna Gabler,<br />

Daniela Sindram, Chen Reiss;<br />

Kurt Moll, Rainer Trost, Markus<br />

Marquardt, Hanno Müller-<br />

Brachmann, Francesco Petrozzi,<br />

Ulrich Reß, Steven Humes,<br />

Alfred Kuhn, Gerhard Auer,<br />

Rüdiger Trebes, Peter Wagner,<br />

Walter von Hauff, Abbas Maghfurian,<br />

Solisten des Tölzer<br />

Knabenchores<br />

Impressum<br />

TAKT 1<br />

September/Oktober 2004<br />

Herausgeber:<br />

<strong>Bayerische</strong> <strong>Staatsoper</strong> München<br />

Staatsintendant Sir Peter Jonas<br />

Ballettdirektor Ivan Lisˇka<br />

Max-Joseph-Platz 2, 80539 München<br />

Redaktion:<br />

Dr. Ulrike Hessler (verantwortlich);<br />

Detlef Eberhard, Wilfried Hösl,<br />

Katrin Pischetsrieder<br />

<strong>Bayerische</strong> <strong>Staatsoper</strong>;<br />

Bettina Wagner-Bergelt,<br />

<strong>Bayerische</strong>s Staatsballett;<br />

Anschrift wie Herausgeber;<br />

takt@st-oper.bayern.de<br />

Gestaltung:<br />

Anzinger | Wüschner | Rasp<br />

Agentur für Kommunikation<br />

Titelfoto:<br />

Wilfried Hösl<br />

Fotos:<br />

Alle Fotos von Wilfried Hösl außer:<br />

S. 19: S. Brauer Photos (4)<br />

S. 30, 33: Charles Tandy<br />

Lithographie:<br />

MXM Digital Service<br />

Alpenstr. 12a<br />

81541 München<br />

Druck:<br />

J. Gotteswinter GmbH<br />

Joseph-Dollinger-Bogen 22<br />

80807 München<br />

Anzeigen:<br />

G. o. MediaMarketing GmbH<br />

Verdistraße 16, 81247 München<br />

Telefon: 089/89 12 88 - 0, Fax: - 90<br />

verantwortlich: Angela Großmann<br />

Das Magazin TAKT erscheint achtmal<br />

pro Saison und kann zu einem Preis von<br />

15 EUR abonniert werden bei:<br />

Marketingbüro der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong>,<br />

Max-Joseph-Platz 2, 80539 München<br />

Die <strong>Bayerische</strong> <strong>Staatsoper</strong> dankt allen<br />

Firmen, die durch ihre Inserate die Publikation<br />

ermöglicht haben. Namentlich gekennzeichnete<br />

Beiträge unserer Mitarbeiter<br />

stellen nicht unbedingt die Meinung der<br />

Herausgeber dar.<br />

VKZ: B31146<br />

Redaktionsschluss 28. Juli 2004<br />

TAKT 1 37


38 TAKT 1<br />

zuschauer raum<br />

richard gaul<br />

liebt die oper und<br />

kann sich auch beruflich<br />

für sie engagieren<br />

„Das Automobil, das heute entschieden wird, kommt in drei<br />

Jahren auf den Markt, wird sieben bis acht Jahre gebaut<br />

und fährt dann noch zehn bis zwölf Jahre. Das heißt also,<br />

wir müssen rechtzeitig eine Vorstellung davon bekommen,<br />

wohin sich die Welt entwickelt.“ Darum, so Richard Gaul,<br />

Leiter der Konzernkommunikation bei BMW, sei eine Offenheit<br />

für Kultur als Frühindikator für Veränderungen unerlässlich.<br />

Der Mann muss sich für diesen Brückenschlag von industrieller<br />

Produktionskalkulation zu Kultur nicht verbiegen.<br />

Als begeisterter Operngänger, als Geburtshelfer von Oper<br />

für alle und angesichts seines über zehn Jahre gepflegten<br />

Engagements für die Biennale für neues Musiktheater mit bis<br />

heute noch enger Beziehung zu dessen ehemaligem spiritus<br />

rector Hans Werner Henze ist Kultur für Richard Gaul so<br />

selbstverständlich wie Mobilität für unsere Gesellschaft.<br />

Dabei wurde ihm die Liebe zur Oper nicht in die Wiege gelegt.<br />

Mittelmäßige Aufführungen in der Jugend führten ihn<br />

mehr schlecht denn recht heran an ein Genre, das im Geiste<br />

seiner 68er Studienzeit auch noch den Ruf des Konservativen,<br />

wenn nicht Reaktionären erhielt. Erst die Begegnung<br />

mit seiner stark an Wagner interessierten Frau – gerade hat<br />

sie ein viel beachtetes Opus über Minna Wagner vorgelegt –<br />

ließ ihn letztendlich zur Oper finden. Heute ist er fasziniert<br />

von dieser Kunstform, unternimmt Reisen zu Aufführungen<br />

und legt dafür auch mal Termine um. Mit Oper, so befindet<br />

der ehemalige Journalist, ist es wie mit gutem Wein: „Der<br />

Geschmack kommt erst mit einer gewissen Kennerschaft“ –<br />

und er preist die Einzigartigkeit dieser Kunstform, die sich allein<br />

schon im Faktum der Ouvertüre zeige. „Wo sonst gibt es<br />

das: Sie werden abgeholt!“, zitiert er selbstironisch Managerdeutsch.<br />

Bei den Opern Richard Wagners ist Gaul verständlicherweise<br />

breit aufgestellt. Darüber hinaus bezeichnet er<br />

sich als vorliebens- aber auch hassfrei. „Es gibt keinen Komponisten,<br />

den ich mir nicht anhören würde.“ Zum Begriff des<br />

Kultursponsoring geht der BMW Mann ein wenig auf Distanz,<br />

spricht lieber von Engagement, das auf keinen Fall beabsichtigen<br />

dürfe, über Inhalte mitzubestimmen: „Wenn wir uns als<br />

Unternehmen engagieren, dann müssen wir wissen, dass wir<br />

die Kunst völlig frei halten. Unser Anliegen ist es, Dinge zu<br />

ermöglichen, die es ohne uns nicht gäbe.“ Stellt sich die<br />

Frage nach der Motivation für solches Engagement, die Gaul<br />

mit einem Standortplädoyer beantwortet. München habe<br />

nicht so eine tolle Oper, weil sieben Dax-Konzerne hier angesiedelt<br />

sind, sondern es sei umgekehrt. Also eine Bedingtheit<br />

der Präsenz von Spitzenindustrie durch den Faktor kulturelle<br />

Attraktivität. Zudem sei ein kulturell hoch stehendes Angebot<br />

die Voraussetzung für eine wache Gesellschaft, die in Vielfalt<br />

denke. Daher auch das Credo des 2003 zum Presse-Profi<br />

des Jahres gekürten Richard Gaul: „Die Oper hier wird nicht<br />

subventioniert – das ist eine Investition, eine Investition in die<br />

Zukunft Bayerns und Deutschlands.“ Detlef Eberhard

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