Das letzte Dorf (Schweiz, NZZ Online) - STNet.ch
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Mittwo<strong>ch</strong>, 16. Juli 2008, 15:01:46 Uhr, <strong>NZZ</strong> <strong>Online</strong><br />
Na<strong>ch</strong>ri<strong>ch</strong>ten › <strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong><br />
15. Juli 2008, Neue Zür<strong>ch</strong>er Zeitung<br />
<strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong> extrem (1)<br />
<strong>Das</strong> <strong>letzte</strong> <strong>Dorf</strong><br />
Cavaione, der jüngste Ort der <strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong>, wartet aufs<br />
Sterben<br />
<strong>Das</strong> Bergdorf Cavaione thront wie auf einem Adlernest im südli<strong>ch</strong>en<br />
Grenzgebiet des Pus<strong>ch</strong>lavs, mit prä<strong>ch</strong>tigem Blick auf das Veltlin.<br />
Cavaione kam 1863 als <strong>letzte</strong>s <strong>Dorf</strong> zur <strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong>. Seine Bewohner<br />
waren beseelt vom Wuns<strong>ch</strong>, vergessen zu werden. Er prägt sie bis<br />
heute.<br />
In Cavaione, dem<br />
jüngsten <strong>Dorf</strong> der<br />
<strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong>, leben no<strong>ch</strong><br />
fünf Mens<strong>ch</strong>en. (Bild:<br />
<strong>NZZ</strong>/C. Beutler)<br />
kru. Cavaione, 14. Juli<br />
Zwei Jahrhunderte lang trugen die Cavaionesi ihre Toten hinunter ins Tal, 700<br />
Höhenmeter den Säumerweg hinab dur<strong>ch</strong> di<strong>ch</strong>ten Wald. Eine Kapelle gibt es<br />
zwar oben am Berg, Santa Croce, erbaut 1777, do<strong>ch</strong> für einen Friedhof fand<br />
si<strong>ch</strong> kein Platz. Erst 1964 wurde eine Zufahrtsstrasse erstellt, und seither<br />
wird, wer von Cavaione Abs<strong>ch</strong>ied genommen hat, bequem hinuntergefahren.<br />
Es waren viele, die für immer gingen. Nur no<strong>ch</strong> fünf Mens<strong>ch</strong>en leben im Ort,<br />
vier davon sind pensioniert. Es werde so weit kommen, sagt Claudio Plozza,<br />
mit 67 Jahren der Zweitjüngste unter ihnen, dass Cavaione aussterbe und<br />
wieder zu dem werde, was es bis ins 18. Jahrhundert war: eine Ansammlung<br />
von Maiensässen, ein Rückzugsort in heissen Sommertagen für einige<br />
Bewohner des unteren Pus<strong>ch</strong>lavs und von Tirano.<br />
Keine Steuern, kein Militärdienst<br />
Die Häuser von Cavaione krallen si<strong>ch</strong> in den steilen, in fernen Tagen<br />
terrassierten südli<strong>ch</strong>en Abhang des Giümelin oberhalb von Brusio. <strong>Das</strong> untere<br />
Pus<strong>ch</strong>lav verneigt si<strong>ch</strong> Ri<strong>ch</strong>tung Tirano; kein <strong>Dorf</strong> geniesst einen derart weiten<br />
Ausblick ins Veltlin und ins Adamello-Massiv wie Cavaione in seinem Adlernest<br />
auf 1300 Metern über Meer. Nationale Bedeutung hat der Ort aber ni<strong>ch</strong>t als<br />
Aussi<strong>ch</strong>tsterrasse, sondern als historis<strong>ch</strong>es Unikum erlangt. Die Familien, die<br />
ab dem 18. Jahrhundert fürs ganze Jahr na<strong>ch</strong> Cavaione hinaufzogen, allen<br />
voran die Plozzas und Balsarinis aus dem Veltlin, profitierten von<br />
Grenzstreitigkeiten, gaben si<strong>ch</strong> einmal als Österrei<strong>ch</strong>er, später als Italiener<br />
oder <strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong>er aus. Sie zahlten weder Steuern an den einen oder andern<br />
Staat, no<strong>ch</strong> leisteten sie Militärdienst. Als si<strong>ch</strong> das Veltlin 1797 von den drei<br />
rätis<strong>ch</strong>en Bünden löste, blieb Cavaione vergessenes Niemandsland, quasi ein<br />
winziger Staat von eigenen Gnaden mit minimalem Organisationsgrad: mit<br />
einem Flurwä<strong>ch</strong>ter und einem Viehpfänder, weder fremde Behörden no<strong>ch</strong><br />
Gesetze anerkennend, sein kärgli<strong>ch</strong>es Einkommen mit Landwirts<strong>ch</strong>aft und<br />
16.7.2008 15:02
S<strong>ch</strong>muggel bestreitend. Erst 1863, na<strong>ch</strong> einer definitiven Grenzbereinigung<br />
zwis<strong>ch</strong>en der <strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong> und Italien, kam Cavaione als Fraktion der Gemeinde<br />
Brusio definitiv zur Eidgenossens<strong>ch</strong>aft. Weitere elf Jahre dauerte es, bis die<br />
damals 103 Einwohner dur<strong>ch</strong> den Grossen Rat Graubündens am 1. Dezember<br />
1874 ins <strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong>er Bürgerre<strong>ch</strong>t aufgenommen wurden. Cavaione ist damit die<br />
jüngste Orts<strong>ch</strong>aft der <strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong>.<br />
[http://map.sear<strong>ch</strong>.<strong>ch</strong>/cavaione-brusio?x=48m&y=136m&z=64]<br />
Was die Pus<strong>ch</strong>laver von den Cavaionesi hielten, erzählt ein Text des Pfarrers<br />
Leonhardi aus Brusio, der 1862 in der illustrierten Zeits<strong>ch</strong>rift für Literatur und<br />
Kunst «Die <strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong>» ers<strong>ch</strong>ien. Unter dem Titel «Ein seltsames Dörflein in der<br />
italienis<strong>ch</strong>en <strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong>» beri<strong>ch</strong>tete er von «vorsündfluthli<strong>ch</strong>en und<br />
waldursprüngli<strong>ch</strong>en Zuständen». Die Mens<strong>ch</strong>en und Tiere wohnten «mit und<br />
unter einander, Kuh, Kalb, S<strong>ch</strong>wein, S<strong>ch</strong>af, Geiss, Henne, Mann, Weib und<br />
Kinder, Hund und Katze, gewisse kleinere Thier<strong>ch</strong>en ni<strong>ch</strong>t gere<strong>ch</strong>net». Der<br />
Seelsorger des <strong>Dorf</strong>es bezei<strong>ch</strong>ne si<strong>ch</strong> als ein S<strong>ch</strong>af unter Wölfen. Folgeri<strong>ch</strong>tig<br />
baute die <strong>S<strong>ch</strong>weiz</strong> den Cavaionesi, kaum waren diese eingebürgert, zwecks<br />
Hebung der «zu niedrigen Bildungsstufe» ein S<strong>ch</strong>ulhaus. Die Abges<strong>ch</strong>iedenheit<br />
des Bergdörfleins aber blieb. Der Engadiner Oberleutnant Gian Carlo Frizzoni<br />
ma<strong>ch</strong>te sie si<strong>ch</strong> im Zweiten Weltkrieg zunutze, als er im Auftrag von Roger<br />
Masson, dem Chef des s<strong>ch</strong>weizeris<strong>ch</strong>en Na<strong>ch</strong>ri<strong>ch</strong>tendienstes, in Italien<br />
Informationen sammelte. Bei Cavaione und bei Viano auf der andern<br />
Pus<strong>ch</strong>laver Talseite unterhielt Frizzoni je ein Depot, wo er si<strong>ch</strong> jeweils<br />
italienis<strong>ch</strong> einkleidete, bevor er s<strong>ch</strong>warz über die Grenze ging.<br />
Die Abwanderung<br />
Erst 1958 tau<strong>ch</strong>te Cavaione in elektris<strong>ch</strong>es Li<strong>ch</strong>t, und bis zum Bau der<br />
Zufahrtsstrasse erhielten die Einwohner die benötigten Esswaren per Post auf<br />
Pferden, die den Säumerpfad ho<strong>ch</strong>stiegen. 45 Jahre lang, erzählt Claudio<br />
Plozza, sei seine Mutter Posthalterin gewesen. Der kleine Claudio besu<strong>ch</strong>te im<br />
<strong>Dorf</strong> die Gesamts<strong>ch</strong>ule, gemeinsam mit drei Dutzend anderen Kindern. Do<strong>ch</strong><br />
der Ans<strong>ch</strong>luss an die moderne Welt bra<strong>ch</strong>te dem Bergdorf ni<strong>ch</strong>t Aufs<strong>ch</strong>wung,<br />
sondern Abwanderung: Die meisten Jungen zogen zu Tal, um ein Auskommen<br />
zu finden. 1971 s<strong>ch</strong>loss die S<strong>ch</strong>ule, dann die Post, der Laden, die Beiz; die<br />
Postautoverbindung wurde gestri<strong>ch</strong>en. 19 bes<strong>ch</strong>riftete Postfä<strong>ch</strong>er finden si<strong>ch</strong><br />
heute no<strong>ch</strong> am <strong>Dorf</strong>eingang; Zweitwohnungen, wenige Ferienhäuser. <strong>Das</strong> <strong>Dorf</strong><br />
ist vom Aussterben, do<strong>ch</strong> ni<strong>ch</strong>t vom Zerfall bedroht, denn die meisten<br />
Gebäude sind gut erhalten. Die abgewanderten Cavaionesi kommen herauf,<br />
um zu heuen oder si<strong>ch</strong> zu sonnen. Dann gehen sie wieder.<br />
Einzug der Fremden<br />
Vor elf Jahren ges<strong>ch</strong>ah es, dass eine Firma aus dem Aargau den Ort für ein<br />
Seminar entdeckte, darob derart ins S<strong>ch</strong>wärmen geriet, dass daraus die<br />
Stiftung Pro Cavaione entstand, wel<strong>ch</strong>e das <strong>Dorf</strong> mit neuem Leben zu füllen<br />
su<strong>ch</strong>te. Die Stiftung kaufte ein Haus im kleinen Ortskern und su<strong>ch</strong>te per<br />
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Inserat junge Bauern, um Land zu bewirts<strong>ch</strong>aften. Sie fand Ree Hamann und<br />
ihren Partner Christian Lehmann aus dem Kanton Bern und unterstützte sie in<br />
der Pionierphase finanziell. Erst ging alles gut, denn die Cavaionesi sind<br />
freundli<strong>ch</strong> und hilfsbereit. Na<strong>ch</strong> zwei Jahren kauften die beiden Berner der<br />
Stiftung das Haus ab, arbeiteten und wohnten mit Kühen, S<strong>ch</strong>afen, Geissen,<br />
Hühnern, Esel und Pferden, Mann und Frau. «Wir haben bewiesen, dass man<br />
in Cavaione leben kann», erzählt Ree Hamann. Trotzdem hielten sie und ihr<br />
Freund es na<strong>ch</strong> gut se<strong>ch</strong>s Jahren ni<strong>ch</strong>t mehr aus. «Wäre Cavaione ni<strong>ch</strong>t<br />
besiedelt, wir wären no<strong>ch</strong> immer dort», sagt sie bitter. Einige Mens<strong>ch</strong>en im<br />
<strong>Dorf</strong> hätten sie als dauernde Mitbewohner ni<strong>ch</strong>t akzeptiert, do<strong>ch</strong> wolle sie die<br />
Ges<strong>ch</strong>i<strong>ch</strong>te, in der viel Herzblut und S<strong>ch</strong>merz stecke, ruhen lassen. Ja, ja,<br />
bestätigt Claudio Plozza, es habe Meinungsvers<strong>ch</strong>iedenheiten gegeben, mit<br />
gewissen Leuten im <strong>Dorf</strong> sei es ni<strong>ch</strong>t mehr gegangen, selbst unter den<br />
Cavaionesi habe es Streit gegeben. Nun sind die Fremden wieder weg, die<br />
Stiftung ist aufgelöst. «Die Alten werden sterben, die Jungen werden die<br />
Häuser unter si<strong>ch</strong> verteilen», sagt Ree Hamann. «Es wird nur no<strong>ch</strong><br />
genommen, ni<strong>ch</strong>t mehr gegeben.»<br />
Die Kapelle Santa Croce, Hausnummer 808, ist verriegelt. Ein Kirs<strong>ch</strong>baum<br />
spendet S<strong>ch</strong>atten. Eide<strong>ch</strong>sen hus<strong>ch</strong>en über die Mauer, S<strong>ch</strong>metterlinge fliegen<br />
in grosser Vielfalt. Zirpende Grillen, raus<strong>ch</strong>ender Ba<strong>ch</strong>. Kein Laut dringt herauf<br />
vom Rest der Welt. «Die Spannungen unter den <strong>Dorf</strong>bewohnern sind<br />
überwunden», sagt Claudio Plozza. Was wollen die fünf verbliebenen<br />
Cavaionesi s<strong>ch</strong>on miteinander streiten. Sie sind wieder unter si<strong>ch</strong>.<br />
((info-box))<br />
Diesen Artikel finden Sie auf <strong>NZZ</strong> <strong>Online</strong> unter:<br />
http://www.nzz.<strong>ch</strong>/na<strong>ch</strong>ri<strong>ch</strong>ten/s<strong>ch</strong>weiz/das_<strong>letzte</strong>_dorf_1.783868.html<br />
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