Zur PDF Ausgabe der "arche nova" - Leopold Kohr Akademie

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Zur PDF Ausgabe der "arche nova" - Leopold Kohr Akademie

Editoral

Liebe Leserinnen und Leser!

Das äußere Erscheinungsbild der ARCHE NOVA hat sich

etwas verändert, da auch das beste Cover-Design nach 6

Jahren etwas an Originalität verliert.

Die erste Nummer im neuen Jahr widmen wir Robert

Jungk, dem Präsidentschaftskandidaten, der als einziger

kein Politiker, sondem ein Weiser und Staatsmann ist. Im

Gegensatz zu den anderen Kandidaten verf aßt Robert Jungk

seine Texte und Wahlreden selber. Er braucht keine Ghostwriter,

keine Einredner, er ist autonom.

Um den Lesern, die nicht so sehr mit seiner Gedankenwelt

vertraut sind, etwas Einblick in sein Schaffen imd Denken

zu geben, haben wir verschiedene Texte aus verschiedenen

Jahren hier abgedruckt.

Wir hoffen, daß Robert Jungk in die Stichwahl kommt, und

so eine Revolution der Hoffnung in Österreich auslöst.

EVIPRESSUM: ARCHE NOVA ist die Vereinszeitung des Salzburger Kulturvereines

ARCHE NOVA. Sie versteht sich im Sinne des Vereinszweckes als Informationszeitung, die

auf zukünftige kulturelle Entwicklungsmöglichkeiten hinweisen wiU.

Redaktion: Für den Inhalt hn Smne des Pressegesetzes verantwortlich, sofern nicht anders

gekennzeichnet Hehnut Grub«, Dr. Günther Witzany. Produktion: Wilhehn Hasenauer.

Verlags- und HersteUungsort: 5020-Salzburg. Kontakt: ARCHE NOVA, Komstemplatz 1,

A-5400-HaUem.

Bankverbindung und Spendenkonto: Salzburger Sparkasse, RamerstraBe, S020-Salzburg.

Konto Nr. 249 151


Die Revolution der Hoffnung

Zur Präsidentschaftskandidatur Robert Jungks

Körmen Sie sich einen Staat der Welt vorstellen, in dem ein weiser

Mann zur Präsidentschaftskandidatur antritt? Kein anerkannter Literat

(der dann doch vehement für die Atomkraft ist), kein BerufspoUtiker,

kein Militarist, kein Bürokrat, kein Technokrat, kein Zyniker,

sondem ein weiser Mann. Beispiele aus der Geschichte sind ebenso

rar. Und die Reaktionen aus allenBevölkerungsschichten tragen dem

Rechnimg. Robert Jungk bricht aus der Selbstisolation der Grünalternativen

Partei aus. DeutUchstes Zeichen: Bei den Veranstaltimgen

Robert Jungks rechneten die Organis atoren mit etwa hundert Leuten.

Es kamen aber tausend.

Kein Militarist, kein Bürokrat, kein Berufszyniker, sondern

ein weiser Mann. Kein Politiker sondern ein Staatsmann

Robert Jungk ist für Österreich eine Revolution der Hoffnung. Die

derzeitige Hoffnungslosigkeit ist allen vier Parlamentsparteien zu

verdanken, die mangels qualifizierter couragierter Politiker immer

melu' zu grassieren scheint. Der politische Zynismus ist an der

Tagesordnung, etwa wenn Gesetze zum Schutz der Umwelt erlassen

werden, die eigentHchnicht die Umwelt sondem die Industrie tmd die

Autofahrer entlasten, wenn von sozialem Wohnbau gesprochen

wird, tmd Gesetze erlassen werden, die es Spekulanten weiter ermöglicht

ihre Gewinne auf Kosten und ztmi Schaden des Gemeinwohles

zu machen. Oder wenn von Demokratiereform gesprochen wird tmd

im gleichem Atemzug alle vier Parlamentsparteien einer Vorlage

einstimmig zustimmen, die einen vertieften Zugriff auf Steuergelder

zur Parteienfinanzierung erlaubt. Direkte Denokratie? Davor haben

zumindest drei Parteien in diesem Land hölUsche Angst, weil sie

nicht für die Bürger arbeiten, sondem diese als Stinunviehherde

halten und melken.

Wider die Hoffnungslosigkeit der Immer-so-weiter-Macher

In diesem Klima der Aussichtslosigkeit tmd Hoffiiungslosigkeit, für

das diese Parteiendemokratur verantwortUch zeichnet, ist die Präsidentschaftskandidatur

Robert Jimgks eine Revolution der Hoffntmg.

Im Vergleich zu den anderen Kandidaten ist er, was die moraUschethische

Autorität, das Charisma, die Glaubwürdigkeittmd Wahrhaftigkeit

betrifft, meilenweit voraus. Rudolf Streicher, der sozialistische

Kandidat (pardon:d.h. jetzt sozialdemokratisch) ein traditioneller

PoUtiker im schlechtesten Sinne, der einen Transitvertrag als

Erleichtenmg ausgibt, der tatsächhch eine Mehrbelastimg bringt,

Thomas Klestil ein bislang anonymer Diplomat, dem man ansieht,

daß er sich von der Rolle eines ersten Staatsmaimes von Haus aus

überfordert sieht und Heide Schmidt, der verlängerte Arm und

Uberales Aushängeschild einer nicht übertrieben liberalen Partei.

Und Robert Jimgk, eine integre, für demokratische Gesinnung vorbildliche

und dafür intemational auch anerkannte Autorität in S achen

Verantwortung, Zukunft, Hoffnung.

Zu Robert Jungk gibt es keine Alternative

Es wird zu einer S tichwahl kommen, da in dem Land mit der höchsten

Parteibuchdichte der Welt (und insofem dem intensivsten Parteibuchpostenschacher)

der Kandidat, den die Mehrzahl der Parteibuchinhaber

wählen werden nicht auf Anhieb die absolute Mehrheit

erlangen wird. Außerdem ist da zwischen Politikern und Wählern

noch eine Rechnung offen, gerade in Wien. Die EG/EWR-Rechnung.

S ie leitet sich aus der beghchenen Zwentendorf-Rechnung und

der nur teilweise beghchenen EXPO-Rechnung ab. Nachdem die

Wiener gegen die EXPO gestimmt haben wird der Bürokomplex

trotzdem gebaut. Stadtrat Hans Mayr "Es wurde ja über die EXPO

abgestimmt und nicht über die Baulichkeiten". Die Mehrzahl der

Österreicher ist zu Recht EG-kritisch eingestellt und nicht besonders

begeistert, daß zig Millionen Steuergelder für eine Propagandamaschine

verwendet wird, die ümen das Blaue vom EG-Himmel runterlügt.

Der Kandidat des bürgerlich-konservativen Lagers ist im derzeitigen

pohtischen Klima sicher nicht in der Lage auch nur annähemd

Chancen auf eine solche Mehrheit zu haben. Und Frau Heide

Schmidt wir zwar den Haider-Bonus nutzen können, aber Protestwähler

haben eine bessere Altemative: Robert Jungk.

Wer kommt In die Stichwahl?

So wird die Stichwahl zwischen Rudolf Streicher und ... Wem?

stattfinden. Ich glaube, daß Robert Jungk das Zeug und die Überzeugungskraft

besitzt, knapp aber doch die Stichwahl zu erreichen und

dann, daim wird er die Stichwahl auch gewinnen, weil schon das

Erreichen der Stichwahl die eigentliche Sensation dieser Wahl wäre

und die Revolution der Hoffiiung eine breite Bevölkerungsmehrheit

für sich gewirmen würde.

Robert Jungk ist ja eigentlich ein parteifireier Kandidat. Er spricht

jung und alt, Mann und Frau, Inländer und Ausländer, er spricht alle

Menschen quer durch alle Schichten an, die hoffnungswillig und

hoffnungsfähig sind. Er hat nur eine Bedingung an seine Wähler; Die

Hoffnung nicht aufzugeben, die Augen aufzumachen, und erkennen,

daß viele Initiativen in Österreich der lebendigste Beweis für eine

berechtigte Hof&iimg auf Änderung sind, undnatürhch der dauernde

Bhck auf scheitemde Hoffnung wiederum selbst nur Hoffnungslosigkeit

gebären kann,

Robert Jungk hat nur eine Bedingung an seine Wähler:

Die Hoffnung nicht aufgeben

Vielen Memnschen gerade in Österreich (ganz im Gegensatz zu

Deutschland) ist Robert Jungk noch zu wenig bekannt. Die kommerziellen

Medien gehen auch nicht gerade zimperhch mit ihm um, oder

vertuschen und verschweigen tunhchst den sensationellen Zulauf

und Zu-Spruch bei seinen Veranstaltungen (besonders in der WAZ-

Gmppe involvierte Medien, die streng auf EG-Linie sind). Wir

wollen deshalb in dieser Nummer der ARCHE NOVA Robert Jungk

zu Wort kommen lassen. Es handelt sich imi eine willkürliche

Auswahl von Texten, Textstellen aus seinem publizistischen Schaffen,

seinenRedenundInterviews, seinen Ansprachen undZwischenrafen.

Zu diesem Zweckhaben wir uns mit der Internationalen Bibliothek

für Zukunftsfragen der Robert Jimgk-Stiftung in Verbindung gesetzt

und trafen dort Mathias Reichet vom Begegnungszentrum für

aktive Gewaltlosigkelt aus Bad Ischl, der gerade ein Buch mit

solchen Texten von Robert Jimgk vorbereitet ("damit wir nicht

untergehen...". Edidtion Sandkom, Kapuzinerstr. 38, 4020-Linz.

erscheint im März 92'). Mathias Reichet hat uns freundlicherweise

einen Vorabdmck einiger Texte gestattet


£iKle


Die sich so stark geben

"Die sich so stark geben, sind in Wahrheit schwächer als sie auftreten,

und diejenigen, die meinen, sie seien zur Ohnmacht verurteilt, sind

stärker als sie vermuten. Die Mächtigen von heute sind geplagt von

inneren Widersprüchen, verwirrt durch Irrtümer, tief verunsichert

von nagenden Zweifeln.

Die Ministerien, Verwaltungsgebäude, Kasernen, Kernkraftwerke,

Chemiefabriken, Startbahnen, Manövergelände, Arsenale, Testanlagen,

Raketenstellungen, Sende- und Lauscheinrichtungen, Laboratorien

und Deponien werden physisch immer stärker befestigt und

isoUert Doch die Insassen dieser heutigen Festungen und Sperrkreisekönnennichtso

vollständig abgeschirmt werden, daß jeder Einfluß

von ihnen femgehalten wird.

Man kann Menschen vielleicht gegen feindhche Ideologien immun

machen. Aber ihren Letjensinstinkt wkd man nicht dauerhaft tjetäuhen,

iliren Überlebenswillen nicht fUr immer brechen können".

Viele Archen bauen

Wie denn ohne Hof&iung? Ohne Atem kein Leben, ohne Licht kein

Tag, ohne Erwartung kein Handehi. Wer das Wimder sucht, wird es

nicht aufden alten ausgetretenen Pfaden finden. Wer Rettung herbeisehnt,

kann sie nicht bei denen finden, die aus träger Gewohnheit auf

sinkenden Schiffen verharren.

Ich kenne viele, die heute Archen bauen. In zahllosenZukunftsWerkstätten

wird an ihnen gezimmert mit dem Mut, den Verzweiflung

gibt, mit der Phantasie, die andere Wirkhchkeiten entdeckt. Da sind

nicht nur die Analytiker am Werk, sondem die Entwerfer, nicht mehr

die Planer, sondem die Schöpfer.

Meine Hoffnung sind die Vielen, die bisher stumm gebheben sind,

die Zornigen, die sich empören, sind die Spinner, die ganz andere

Träume wagen. Mitten in der schlechten Gegenwart, die von Konkurrenz

und Rivahtät beherrscht ist, entstehen Keimzellen brüderhcher

und schwesterlicher Gememsamkeit. Dem Verfall setzen sie

Regeneration entgegen, der zentral gesteuerten Monotonie überraschende

Vielfalt. Nicht Härte, sondem Zärthchkeit findet man da,

nicht die Kälte der Macher, sondem die Wärme der Liebenden.

All das wird mit dem soziologischen Etikett "neue soziale Bewegungen"

zu ungenau gekennzeichnet. Das Rettende tritt in so viel

verschiedenen Erscheinungsformen auf, an so unerwarteten Plätzen,

bei so gegensätzlichen Gmppen, daß jede genaue Ortung, jede exakte

Beschreibung zu sehr vereinfacht wird. Doch eines läßt sich mit

Sicherheit sagen: Bei diesen mannigfachen Versuchen, sinnvolles

Leben und freudiges Leben dem drohenden Untergang entgegenzusetzen,

spielen Frauen eine ausschlaggebende Rolle, prägen einen

neuen humanen Stil des Umgangs der Menschen mit den Menschen,

der Menschen mit der Natur. In ihrer Umarmung wird die Hoffiiung

wiedergeboren". (16.12.1986)

Rede gegen den Krieg

Erste These: Ein hundertjähriger weltweiter Konflikt hat begonnen.

Der Golfkrieg ist die bisher gefährlichste Episode in einem fünfzig-

, vielleicht sogar hundertjährigen Konflikt zwischen der armen

Mehrheit und der reichen Minderheit einer rapide anwachsenden

Weltbevölkerung.

Zweite These: Geduld und pohtische Phantasie gegen sture Gewalt.

Nur mit sehr viel Geduld, Scharfsinn tmd politischer Phantasie kann

diese weltweite Auseinandersetzung zwischen Süden und Norden

gedämpft vmd einer großen Anzahl von notwenigen Lösimgen nähergebracht

werden.

Dritte These: Die Friedensbewegung als "dritte Macht".

In der Friedensbewegung findet sowohl die Angst der Völker wie

ihre Seiinsucht nach einer humanen Zukunft ihren Ausdruck. Sie ist

nicht nur eine "Anti"-Bewegung sondem auch eine "Pro"-Bewegung.

Vierte These: Waffen und Heere können keinen Frieden gründen.

Nach zwei Weltkriegen, in denen Millionen starl)en, sind wir nun in

den dritten großen Krieg hineingeraten. Solange es Waffen und

2,2.1991 in Wien, Heldenplatz (8 Thesen von Robert Jungk)

Streitkräfte gibt, wird eine gute Zukunft nicht möglich sein. Daher ist

das Verbot der Rüstungsproduktion und die Kontrolle aller Rüstungen

das erste tmd dringendste Ziel der Friedensbewegungen.

Färfte These: 1991 ist nicht 1939

Gegen Hitler hatte der Einsatz von Waffen noch einen pohtischen

Sinn. Aber md en seither vergangenen fünf Jahrzehnten haben sich

die Waffen zu Massenvemichtungsmitteln entwickelt, die einen

"Sieg" unmöglich machen, sondem eskaherend zu einer Bedrohung

der Menschheit und ihrer natürlichen Lebensgrundlagen werden

müssen.

Sechste These: Die Friedensbewegten als Verteidiger der Zukunft

Die neuen sozialen Bewegungen - ökobewegung, Frauenbewegung,

Bürgerinitiativen tmd Friedensbewegung - fühlen sich durch ihre

Regierungen nicht mehr vertreten. Sie nehmen ihr Schicksal mehr

und mehr m die eignen Hände. Allein in der dritten Welt gibt es seit

Anfang der 60er Jahre tausende regionale tmd lokale Bewegimgen,

die sich von den zentralen meist militärisch dirigierten Gewalten

ihrer Länder losgesagt haben. Immer melir Menschen in allen fünf

Erdteilen erleben sich als Gestalter einer anderen, letjensfiretmdhcheren

Gegenwart und als Bewahrer der ZukunfL


Siebente These: Österreichs Rolle als Friedensstifter

In diesem großen Konflikt haben Gemeinden, Regionen tmd kleine

Länder eine besondere Rolle zu spielen. Ihre größere Menscheimähe

imd Überschaubarkeit kann bewirken, daß siedle wirldichen Bedürfnisse

und Wünsche der Menschen besser kennen als die Großmächte.

Östeneich, das sich wie andere westUche Nationen durch Waffenexporte

mitschuldig am Ausbnich des Golfkrieges gemacht hat, muß

durch Rückkehr zur integralen Neutralität und das Setzen immer

neuer Friedensbeispiele die Schuld seiner skrupellosen Wirtschaftsverbrecher

wiedergutzumachen versuchen.

Achte These: Das neue Jahrtausend wird eine neue Zivilisation

gründen.

Wir - besonders die jungenMenschen - brauchen begeistemde Ziele.

Wir sollten heute schon im Zusammenwirken vieler Bürger tmd aller

Völker gedanklich tmd experimentell eine neue Zivilisation vorl»-

reiten, die auf Solidarität, Humanität und Kreativität gegründet ist.

Dieser Traum kann der WirkUchkeit näherkommen, wenn wir nicht

resignieren, wenn wir nicht aufgeben.

Gebt nicht, gebt niemals aufl"

Sehnsucht nach einer ganz anderen

Zukunft

Dankrede zum "alternativen Nobelpreis" der "Right Livelihood Foundation" 1986

InmeinemArbeitszhnmer hängt emHolzschnitt, der einenhalbnackten

Menschen zeigt, der die funkehiden Bruchstücke emer zerplatzten

Sonne zu einem neuen großen Licht zusammenzufügen sucht.

Dieser Figur - sie wurde von dem geheimnisumwitterten Schriftsteller

Traven erfunden - fühle ich mich besonders verbunden. Denn das

Sammeln von "Lichtblicken", von hoffnungsvollen Anfängen, ermutigenden

Unternehmungen, Berichten über fantasievolle einzelne

tmd Gruppen, die nicht resignieren, ist seit Jahren mein Bemühen.

Der großen Öffentlichkeit sind nur wenig von diesen Keimzellen

emer ganz anderen Zukunft bekannt, denn den auf Sensation bedachten

Medien erscheinen Krisen tmd Katastrophen interessanter als die

geduldigen Versuche, bescheidener zu leben, sinnvoller zu arbeiten,

sich gegenseitig zu helfen, spirituellen Reichtum dem Erwerb materieller

Güter vorzuziehen.

Nur langsam und zunächst kaum beachtet haben sich neben jenen

"futurists", die den Erdball und den Himmel mit überdimensionalen,

übermächtigen Projekten erobern wollten, jene Zukunftsdenker bemerkbar

machen können, die so altmodische Begriffe wie menscUiches

Maß, Bescheidenheit, Naturverbundenheit tmd Schönheit in die

kommenden Zeiten hinüberretten möchten. Leitstern ihrer Visionen

ist der Frieden. Und so war es kein Zufall, daß ein Friedensforscher,

der Skandinavier Johan Galtung, und em Quäker, der Engländer

James Wellesley-Wesley (der damals mit mir an der Vorbereitung

einer Ausstellimg alternativer Zukunftsmodelle tmter dem Titel

"Mankind 2000" arbeitete), 1967 die erste weltweite Konferenz für

Zukunftsforschung nach Oslo einberiefen.

Unser Bemühen war es, die bereits Ijegoimene, zum Tode hinführende

Krise der Zivilisation durch das Setzen anderer, lebensbewahrender

Ziele zu überwinden. Nicht Konkunenz, sondem Zusammenarl)eit,

nicht Ausbeutung von Mensch tmd Natur, sondem die Bewahrung

und Pflege der Schöpfung wie der Schöpfer sollte unseren Weg

in die ungewisse Welt von morgen bestimmen.

Altemative Netzwerke sind in den letzten zwei Jahrzehnten in fast

allen Industrienationen entstanden. Sie wollten nicht auf den "großen

Tag" einer plötzlichen revolutionären Verändertmg warten, sondem

auchheuteundhierüberzeugendeBeispieleeinesfi-iedüchen Lebens,

einer brüderhchen und schwesterhchen Gesellschaft geben. Schon

jetzt smd. sie zu einer art Lnmunsystem kranker tmd kränkelnder

Kollektivkörper geworden. Gäbe es sie nicht, würde die um sich

greifende Lähmung, die viele Menschen guten Willens angesichts

der mangelnden Lernfähigkeit der Mächtigen befallen hat, sich noch

weiter ausbreiten.

So aber erhält sich die Hoffhtmg auf Retttmg in den Köpfen tmd

Herzen von immer mehr Besorgten am Leben. Sie wollen sich den

Luxus der Resignation nicht leisten, weil ein Aufgelwn im Bemühen

um ganz andere Zukünfte den dynamischen Totengräbem des Menschengeschlechtes

freie Bahn geben würde.

Aber sind diese Vorreiter humaner tmd ökologisch tragbarer Zukünfte

nicht viel zu schwach, um sich gegen die Übermacht des Bestehenden

durchzusetzen? Da ist ein oft gehörter Einwand, der mir falsch

erscheint. Deim in einer Zeit der InstabiUtät können neue Quantitativen

entscheidend verändem. In einer Epoche der sich verschärfenden

Krisen haben Menschen, die mögUche Lösungen anzubieten

haben, wie es zum Beispiel die Teilnehmer von "Zukunftswerkstätten"

tun, überdurchschnitüich hohe Chancen,

Die Mächtigen sind heute schon in ihrer Ratlosigkeit schwächer, als

sie sich nach außen darstellen. Die sozialen Bewegungen der Alternativen

dagegen smd stärker, als sie selber ahnen. Als Verteidiger der

Ungeborenen, die keine Lobby haben, als Schützer der Ijedrängten

Umwelt, als Erfinder tmd Experimentatoren befriedeter menschhcher

Verhältnisse schaffen sie mitten in einer schlechten Gegenwart

die An^ge für gute Zukunftsmöglichkeiten. Darum sollten wir

ihnen nicht nur unsere Sympathie und Anerkennung schenken,

sondem auch stündlich und tägUch unsere tatkräftige Unterstützung.

Die altemative Zukunft hat schon begoimen.

Der Ehrenpreis, den sie mir verliehen haben, ist eine Ermutigtmg für

uns alle, die wissen: Es geht auch anders! Ich danke Ihnen, wir danken

Ihnen herzlich dafür!


Die innere Aufrüstung

Nun meine ich, es genügt nicht nur, nein zu sagen. Der zweite

tmentbehrUche Schritt ist der Kampf für ein "ja" zu emer ganz

anderenZukunft Wir müßten einen Wettlauf in eine andere Richtung

starten, nämlich einen Wettlauf auf eine menschlichere, timweltfireundUchere

Welt hin. Man sollte sich zusammensetzen, um tmter

Mitwirkung von Wissenschaftlem und Technikem große konstruktive

Gegenprojekte zu Ijeginnen tmd sich zu überlegen: Welches sind

die vierzig/fünfzig Probleme der Menschheit, die m die größte Krise

der Geschichte geraten ist (zB. Htmger, Umwelt, menschliche Beziehungen)?

Da muß gemeinsame Forschungsarbeit auf nationaler

wie internationaler Ebene geleistet werden, um dem SDI eine WPI -

eine "World Peace Initiative"- entgegenzusetzen, Oder zumindest

eine EPI - eine "European Peace Initiative", Denn ich fi^age mich, wie

viele meiner Freunde in Frankreich, Itahen, Skandinavien us w., ob es

smnvoll ist, daß Europa den Amerikanem und Japanern weiterhin

hinterherläuft, anstatt einen eigenen Weg mit Hilfe einer umweltund

menschenfreundhcheren Wissenschaft und Technologie zu

gehen?(1987)

Feindbilder, einst und heute

Ich wollte nur auf eines hinweisen. Man bekämpft immer die Übel

derVergangenheit.Dasistvielleichter,alsähnlicheHaltungenmder

Gegenwart zu bekämpfen. Das heißt, wir sinduns heute klar darüber,

daß die Verketzerung der Juden tmd die Aggression gegen die Juden

verbrecherisch war. Ich selber bin Jude, tmd ich bin dankbar dafür,

daß man das erkennt. Aber ich fühle mich auch solidarisch mit denen,

die man heute verketzt, die man heute angreift Gehen Sie mal auf

eine Demonstration der Friedensbewegimg, dann hören Sie von

Menschen, die daneben stehen: "Die müßte man an die Wand

stellen!", "Die müßte man erschießen!". Was ist damit? Sind wh

bereit, uns auch damit zu beschäftigen, tmd tun wir das wirkhch?

Indem wir nun heute endhch einmal den Gegner von gestem noch

einmal zu Boden bringen, das genügt nicht. Wir müssen uns fragen,

was müssen wh heute tun, um in der innenpolitischen Auseinandersetzung

zu einer Abrüstung zu kommen, genauso, wie wir nach außen

hin aUmähüch Abrüstungsschritte machen. Das würde aber bedeuten,

daß derjenige, der am stärksten gerüstet ist, nämlich die Exekutive,

anfängt mit der Abrüstung, daß sie ein Beispiel gibt dafür, daß

sie wirkhch Frieden will tmd nicht die andere Seite provoziert. Ich

bitte also, sich nicht nur mit der Vergangenheit der Feindbilder zu

beschäftigen, sondem mit den heutigen Feindbildern, die dann - tmd

das ist das Schreckhche - wirklich diese Feinde hervorbringen, wie

wir sie m den letzten Tagen eriebt haben, die nun wirklich das tim,

was man von ihnen sozusagen erwartet. Daß man von ihnen erwartet,

daß sie Verbrecher sind, man von ihnen erwartet, daß sie schießen.

Welche Mitschuld hat eine aggressive öffentliche Meintmg daran,

daß sie an und für sich verzweifelte friedhche Menschen zu Verbrechem

stempelt tmd schließUch zu Verbrechern macht? Das ist die

Frage, die ich sehr aufgeregt stelle. (1987)

Sachzwang

Sachzwang ist der Hanuner tmter allen Totschlaginstrumenten. Da

bleibt kein Widerspruch lebendig. Und wenn er sich dennoch regt,

dann wird ilim schlechthin jeder Whklichkeitssinn abgesprochen.

Riskiere nur einer, sich dem zu widersetzen. Er endet imNarrenstübchen,

ihm wird Verrückheit als mildemder Umstand zugebilhgt.

Denn er hat sich gegen ein Naturgesetz der Management-Welt

gestellt

Mit Sachzwängen läßt sich jeder Irrtum mächtiger Macher rechtfertigen,

werden Untaten zu Notwendigkeiten stilisiert: chemische

Vergiftung, Waldsterben, Großkatastrophen - schließhch sogar die

Erst- oder Vergeltungsschläge von Nuklearraketen, die der Welt

(einschließhch der S achzwänge) ein Ende bereiten könnten. Nur

unter schwersten Bedenken, nach langen Gewissenskämpfen müßten

diese Verbrechen angeblich begangen werden. Nicht etwa aus

Überzeugung. Das wäre doch altmodische Unterwerfung unter eine

Ideologie. Nein, es gibt beim besten Willen nicht anderes. Es mußte

sem, der Sachen Zwang diktierte es. Bedaure!

Endlich, endlich ist der große Sündenbock gefunden: Er hat einen

breiten Rücken tmd eine dicke tmdurchdringliche Haut Er stammt

aus einer Familie vorsintfluthcher Ungeheuer, zu der auch die

Prhizlpien, die Richtlinien, die ehemenNaturgesetze gehören. Das

sind die Idole der Starrköpfe, der Hartherzigen, der mit unheilbarer

Phantasielosigkeit Geschlagenen.

Und wennnim em Geschlecht der Drachentöter heranwüchse? Wenn

sie all die "Sachzwänge" als Ketten erkennen, die gesprengt werden

können, gesprengt werden müssen. Wenn sie mit der Klarsicht der

Phantasie den Sach-Zwang als Macht-Zwang entlarven, ihn als

illegitim bloßstellen, ein Bastard aus Eigenmteresse und Willkürgesetz?

Würde dann m der Tat die große Unordnimg ausbrechen, das

Wunschdenken jede gedankUche Klarheit trüben?

Ich meine, dann begänne m der Tat eine berauschende Zeit eme

Epoche der Vielfalt und der Widersprüche, der Anarchie tmd Spontaneität

Was gestem noch "unverzichtbar" schien, ist nun entbehrhch,

was "logisch" bewiesen wurde, entlarvt sich als neurotische

Ausgeburt eines Denkens, das ohne eingebildete Sicherheiten nicht

auskommen konnte.

Und dann wird deuthch werden: SachUchkeit, die Tochter des

Sachzwanges, war halbseitig gelähmt und des Gefühls beraubts Sie

htt an Ktirzsichtigkeit tmd Schwerhörigkeit, denn sie sah zuviele

Nuancen nicht überhörte alle zahllosen Neben- und Untertöne.

Sachhche PersönUchkeiten unterwarfen sich bereitwiUig den Sachzwängen,

deren Einseitigkeit sie nicht erkannten, und so gmg ihnen

die enorme Fülle der MögUchkeiten verloren. Und wenn sie ihren

Widersachemzuriefen: "Bleiben Sie dochsachlich", dann wollten sie

ihnen die gleiche Gefangenschaft aufzwingen, in der sie verkümmerten,

wollten sie in die große Schar derer zurückholen, die sich gebeugt


hatten und sich immer weiter beugen wtkden, Daß sie, diese armsehgen

Sklaven, an so vielen beherrschenden Stellen sitzen, daß sie

Gesetz undOrdntmg repräsentierend, die wenigen Freien verketzem,

ja verfolgen können, daß sie, die sich ernst noch - zu Umecht - auf

Gott beriefen und nun mit dem betrügerischen Bezug auf angebhch

eiseme Notwendigkeiten herrschen, ist ein Götzendienst der sich

zwar auf objektive Erkenntnis beruft, in Wahrheit aber einem verhängsnisvoUen

"Ichzwang" unterworfen ist tmd einmal den Weg

aller Zwinghenen gehen wird.(1987)

Schutz dem Menschen - Schutz der

Natur

"... ich bin darüber erschüttert in welchem rapiden Tempo diese

Zerstönmg Europas durch den Wiederaufbau vor sich geht- Ganze

Landstriche und Städte werden verwüstet (...) Ist es dennnotwendig,

daß unsere Flüsse vergiftet daß unsere Luft verpestet wird? Ist es

denn notwendig, daß unsere Wälder abgeholzt unsere Wiesen zu

Ödland verwandelt werden müssen? All das wäre nicht notwendig.

Es ist heute möglich, den Fortschritt tmd den Schutz der Natur

miteinander zu versöhnen, wenn man nur ein wenig guten Willen hat

wenn man nur, tmd das ist das, was unserer Zeit heute am meisten

fehlt, ein wenig Liebe hat Diese Liebe fehlt den meisten Untemehmem,

sie denken nur an Gewiim, sie wollen nur mögüchst schnell

etwas hinsteUen und sie denken nicht daran, daß sie damit ihren

Kindem und Kindeskindem etwas wegnehmen, das nicht zu ersetzen

ist Denn ein Wald, der einmal abgeholzt ist, ist abgeholzt die Wiese,

die einmal zerstört ist, em Stück Sumpfland, das um jeden Preis trockengelegt

wird, all das ist nicht wieder herzustellen. Wir haben einen

Prozeß vor uns, einen Prozeß der Naturzerstörung, und dieser Prozeß

muß uns zur Abwehr aufrafen.

Seit Jahrennehme ich am Kampf gegen die atomare Rüstung teil. Die

Atombombe ist ... in Wirkhchkeit der ausgeprägteste Ausdruck

unserer Lieblosigkeit unserer neoteclinischen Bmtalität Die Atombombe

ist das deuthchste Beispiel für einen blinen Fortschritt Und

wir, wir Menschen, denen daran hegt Fortschritt und Menbschlichkeit

miteinander zu verbinden, wir müssen für einen sehenden

Fortschritt kämpfen. Das heißt alle Attentate auf das Lebendige

abwehren, alle diejenigen, deren Motive nur Gewinn, nur die Macht

ist in ihre Schranken zu weisen." (1961)

Predigt auf das Jahr 2000

... Es ist endlich an der Zeit, den Menschen m den Mittelpunkt zu

stellen. Zwar behauptet die Wirtschaft, genau das zu tun. Aber die

Wirkhchkeit sieht anders aus. Nirgendwo steht der Mensch im

Mittelpunkt. Er wird dhigiert ausgebeutet hat seinen Mtmd zu

halten. Das Neue, das wh jetzt auf einmal erieben, ist daß die

Menschen sich dagegen wehren, als Verfügungsmasse behandelt zu

werden. Sie sagen; Wir wollen das so nicht mehr. Sie gehen auf die

Straße mit der Parole "Wir sind das Volk", und sie bewirken etwas.

Und das geschieht nicht nur im Osten Europas I Überall auf der Welt

stehen die Menschen auf tmd f ordem: Denkt nicht nur an Euch, eure

Herrschaft eure politische Macht. Denkt endUch auch an uns. Wir

wollen mitbestimmen.

Das wird dazu führen, daß die einzehien Menschen m der Pohtik

mehr Mitsprache haben werden als heute, daß man ihre Ideen, ihre

Vorstellungen anhören muß, ihre Wünsche stärker berücksichtigt.

Das heißt wir werden eine echte Demokratisienmg erleben. Der

Bthger wird nicht mehr nur alle paar Jahre einen Stknmzettel abgeben,

nicht mehr nur eine Stimme sein, die man zählt tmd dann für

seine Zwecke verwendet...

Zu den Verändenmgen, die für einen Neuanfang an der Jahrtausendwende

wichtig werden, gehört unbedingt der Verzicht auf das falsche

Ziel des "unmer mehr" und "Immer größer". Leopold Kohr, em

Saizburger Philosoph mit großem Einfluß in den angelsächsischen

Ländem, hat schon vor Jahrzehnten, lange vor Friedrich Schumacher,

postuUert: klein Ist schön. Er sagte, alles wird unübersichtlich,

wenn eine Stadt oder ein Land zu groß geworden smd. Die Bürger

verheren den Überbhck über die Zusammenhänge der Strukturen, es

entsteht eine wuchernde Bürokratie mit Sicherheits- und MiUtärkräften

im Schlepptau, Verschwendung nimmt überhand, weil niemand

mehr einen genauen Blick auf die Dinge hat

Kohr ist dafür eingetreten, lokalen und regionalen Organisationen

eine größere Bedeutimg und Wichtigkeit zu verieüien. Das soll nun

nicht bedeuten, daß jeder selbstherrlich regional vor sich hinwütschaftet

nur mit Blick auf seinen eigenen Vorgarten. Verständigung

zwischen den einzehien Organisationen ist selbstverständhch gefragt

so wie einzelne sich ja immer miteinander verständigen, wenn

sie gemeinsam etwas schaffen wollen. Die Zentrale aber, die von

oben aus anonym dirigiert wird allmähhch als ineffizient entlarvt

werden. Mitder Folge, daß wir tatsächhch Dezentralisierung und Regionalisiemng

erleben werden. Es wird immer mehr Weiterentwicklung

von den Gemeinden ausgehen und immer weniger vom Staat.

Eine Frage ist wie man diese neuen Wege finanziert All diese

Projekte der Vermenschlichung und der Ökologisierung des Fortschrittes

kosten Geld, meist mehr Geld als die augenblicklichen

Methoden des Whtschaftens und der Problembewältigung. Sicher,

auf lange Sicht sind die neuen Modelle sparsamer. Aber wer denkt

schon m Zeiträumen von 10, 20 Jahren? Es gäbe allerdings die

Möghchkeit eme ökologisch ausgerichtete Wirtschaft zu subventionieren,

so wie in unserer GeseUschaft vieles subventioniert wird. Daß

sich eine vemünftigere Produktion, eine vemünftigere Arbeit nicht

rechnet ist kern Grand, sie als "tmwirtschafthch abzutun. Das dafür

bereitgestellte Geld wäre wirkhch für unsere Sicherheit ausgegeben,

im Gegensatz zu denMilliarden für die Waffen, mit denen die Polizei

und Armee Menschen bewachen und überwachen. (...)

Eme echte Sicherheit kann nur eine ökologische und humane Sicherheit

sein. Die Menschen müssen sicher sein, daß die Entwickltmg sie

nicht krank macht daß ihre Arbeit sie nicht krank macht daß sie

Hoffnung auf die Zukunft haben können. Emer der wichtigsten

B austeine dieser Zukunft ist das, was ich "antizipatorische Demokratie"

nenne. Demokratisch, das heißt unter Mitwirkung all derer, die

das wollen. Das bedeutet sich rechtzeitig Gedanken zu machen über

alle möghchen Folgen des politischen, des wirtschafthchen, des

technischen Handehis. Vor jeder Handltmg steht die Frage: Ist es

richtig, was ich produziere tmd wie ich es produziere? Hätte man so

schon früher gedacht wären wh heute nicht in der Lage, in der wh

smd. Wh müssen hn Zweifelsfall denen, die menschhch und ökologisch

schädhche Entscheidungen treffen, m den Arm fallen. Wir

müssen endhch mitentscheiden.


Salzburg als eine Freizone der

Phantasie

Der Mensch hat sich zu klein gesehen. Unterdrückte, vemachlässigte

Bedtlrfnisse tmd Fähigkeiten wollen durchbrechen. MiUiarden verlangen

nach mehr als Erzeugnissen, sie wollen selber zeugen. Das

Recht eines jeden auf die Befreiung, die Entwicklung und Betätigung

der eigenen Schöpferkraft wird nicht mehr nur einigen vom Schicksal

Bevorzugten, den Künsüem tmd Erfindem, den Entwerfem tmd

Planem zugestanden. Die Jtmgen aller Altersstufen, die noch Lebendigen,

die nicht frühzeitig Verschütteten tmd Erstarrten wollen

zutage fördern, was in ihnen angelegt ist. Sie verlangen danach mitzuspielen,

nicht mehr nur Zuschauer zu bleiben.

Welch eine Chance für die Stadt Salzburg! Sie köimte dem kommenden

Zeitalter der Kreation als Geburtshelferin dienen. Denn trotz

aUer Bedrängnis durch industrialisierten Massentourismus, trotz

häufiger Anpassung an den menschenfeindhchen Geist der Rationa-

Usierung, trotz mancher Einschüchtenmg durchMonsterapparaturen

imd technisierte Groß-Spektakel hat die Phantasie hier viele Prüfungen,

viele Abrisse, Begradigtmgen und falsche "Modernisierungen"

überlebt. Gierig, fast süchtig suchen die Reisenden zeitweilig ausgeschert

aus Tretmühlen imd Autokolonnen nach Überbleibseln des

Imagmären hn alten Gestein, an Fassaden, im Halblicht der Tore und

sprühendem Fontänenstrahl, in den Wolkenschatten tmd dem Glanz

der niemals ganz gleich aussehenden Dächer tmd Kuppeln, im Klang

der Musik, im Wort der Dichtung, in der Geste des Tanzes.

Aber was ntu- angestarrt wird, muß verblassen, was nur angehört

wird, verhaUt was nur vemommen wird, versteinert zum Zitat Zu

lange schon schlagen uns die Meisterwerke der Vergangenheit in

Musenbann, statt uns zu bewegen. Weim Dennis Gabor, einer der

großen noch unter uns lebenden Physiker, Zukunftsdeuter tmd Erfinder

(ihm verdanken wir unter anderem die Holographie) für die

kommenden Zeiten einen "mozartischen" Lebensstil herbeiwünscht,

so will er kerne Umkehr zu längst vergangenem, sondem die Befruchtung

und Verändertmg jener Zivihsation, der Quantität vorläufig

noch wichtiger ist als Qualität. Macht entscheidender als Grazie,

Tempo bedeutender als Tempi.

Erst langsam wird es uns heute deuthch, daß die Erneuerung der Welt

aus Phantasie tmd Vision durch erhöhte Sensibihtät und Formkraft

nicht an den sogenannten wirtschafthchen tmd gesellschafthchen

"Reahtäten" scheitern muß, wenn wir sie als das erkennen, was sie in

Wahrheit sind: Fossihen von Auffasstmgen, die früher einmal ihre

Richtigkeit gehabt haben mögen, aber mm von Interessierten hingesteUt

werden, als seien sie naturgegeben, als seien sie für immer da,

als seien sie tmüberwindhch.

Wollen wir menschlichere, lebendigere, produktivere Lebensumstände

schaffen - tmd dies ist die große Aufgabe der kommenden

Jahrzehnte - dann ist das Erfinden, Durchdenken und experhnenteUe

Durchspielen möghcher, wünschbarer, humaner Zukünfte von erstrangiger

Bedeutung.

Wir soUten Werkstätten tmd Probenbühnen schaffen, m denen die

"weit von morgen" in ersten Strichen skizziert kritisiert, m verbesserter

Form modelliert abermals diskutiert und derart auf vielfache

Weise dargestellt werden könnte. Ohne Furcht vor Interessensbindungen,

ohne Bindung an Routine tmd falsche Vorsichten, ohne jene

"Vemünftigkeit", die sich stets am schon Gewußten, schon Gekonnten

ängsüich orientiert tmd so zur Unvernunft wird.

Man frage auf der Welt herum und wird herausfmden: Gesucht wird

ein Sanktuarium, in dem die Phantasie regiert, ein Freistaat des

schöpferischen Geistes, ein Ort an dem nicht Maschinen, sondem

menschhchere Lebensumstände erfunden tmd vorgelebt werden, em

Asyl für Festhchkeit tmd Fröhlichkeit (das nicht als Exil verstanden

werden sollte, sondem als Modell), eine Atmosphäre der Befreiimg

und Entfaltung, ein Versuchsgelände, auf demBegabtmgentmdneue

menschhche Situationen erprobt werden: ein Cape Kennedy der

Ideenflüge.

Mutig in die neuen Zeiten..

Photo: Hubert Auer

Hat Salzburg Zukunft? Ja, wenn es aufhört, sich anzupassen und statt

dessen tmijestechhch bleibt in seinem QuaUtätsansprach an vergangene

undkünftigeSchöpfungen. Ja, wenn nichtnur Künstler, sondem

auch Verwalter und Ordntmgshüter sich den Botschaften der Imagination

offenen. Ja, wenn wir dieZukunf tnicht als Verlängenmg emer

schlechten Gegenwart sondem als herrliche neue Aufgabe sehen.

(aus: Salzburger Nachrichten", 25.7.1970)


Small is beautiful

Im so ungewöhnlich ereignisreichen Jahr 1990 standen zwei diametral

entgegengesetzte Ereignisse im Vordergrtmd: auf der einen Seite

der Zerfall des sowjetischen Staatsverbandes tmd auf der anderen die

Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Welche Entwickltmg

wird wohl positiver beurteilt? Welche könnte dem Weltfrieden

dienhcher sein? Auf den ersten Bhck ist die Antwort kaum zweifelhaft

Selbstverständlich wird ein Zusammenschluß eher begrüßt als

ein Auflösungsvorgang. So smd unsere Denkgewohnheiten seit

langem programmiert. Genaugenommen seit dem 19, Jahrhundert, m

dem der Gedanke der nationalen Einheit Wunsch tmd Ziel wurde.

Und als dann diese Nationen einander in furchtbare Kriege verstrickten,

hieß es nachher: Nim müssen wir die kontmentale, wenn nicht

sogar die globale Einheit anstreben. Dann wkd endhch der ewige

Weltfriede einziehen.

Müssen wir die globale Einheit anstreben?

Stimmt das? Ist das nicht em tmerfüllbarer, ja vielleicht sogar ein

gefährUcher Traum? Bringt das Zusammenwachsen von Städten zu

Regionen, von Regionen zu Nationen, von Nationen zu internationalen

Organisationen womöghch mehr Risiko als Gewinn, weil damit

alle Schwierigkeiten und Konflikte, die auftauchen, größer, umfassender

tmd damit auch schwerer zu beschränken tmd zu kontroUieren,

oder gar verbindlich zu regeln sind?

Dem Querdenker, der seit fast einem halben Jahrhtmdert solche im

Ijequemen tmd, wie manche meinen, verrückten Fragen stellt sind

die folgenden Ausführungen gewidmet. Er heißt Leopold Kohr. Er

schreibt spricht, diskutiert ntm schon ein Leben lang auf deutsch,

englisch tmd wallisisch über die politischen, sozialen tmd kultureUen

Schicksalsfragen unserer Zeit Aber sein Werk ist obwohl es im

Druck vorliegt in weiten Kreisen kaum bekannt vermuthch weil es

den akzeptierten Denkweisen widerspricht tmd eigensmnig eine

Grtmdtendenz dieser Epoche bekämpft: den blinden Drang zu

Wachstum und Größe.

Leopold Kohr widerspricht den akzeptierten Denkwelsen

Im Originaltext den er immer wieder abwandelt lautet Kohrs Devise

so: "Wie Physiker unserer Zeit versucht haben, eine einzige integre

Theorie zu erarbeiten, die nicht nur einige, sondem aUe Phänomene

des physischen Universums erklärt habe auch ich - auf einer anderen

Ebene - versucht eine einzige Theorie zu entwickeln, mittels der

nichtnur einige, sondem alle Phänomene des Universums auf emen

gememsamen Nenner gebracht werden können... Sie beruht darauf,

daß alle Formen sozialen Elends nur eme Ursache haben: ihre Größe

... Es scheint das zentrale Problem der Schöpfung zu sein. Wo immer

etwas fehlerhaft ist ist es zu groß... Erkrankt der Organismus eines

Staates am Fieber der Aggression ,„, so geschieht das nicht weil er

einer schlechten Führung oder geistigen Verwirrung zum Opfer

gefallen ist, sondem weil menschhche Wesen, die als Individuen

oder als kleine Gmppe so reizvoll sein können, in hochkonzentrierte

soziale Emheiten zusammengefaßt wurden, etwa in Horden, Gewerkschaften,

Kartelle oder Großmächte, die als solche in tmkontrolherbare

Katastrophen hineinschhtterten. Denn soziale Probleme

haben... die unglückhche Neigtmg, sich im Verhältnis zum Wachstum

jenes Organismus, dessen Teil sie sind, in geometrischer Reihe

zu entwickeln, während die Fähigkeit des Menschen, mit ihnen fertig

zu werden, nur in arithmetischer Reihe wächst. Die Probleme emer

Gesellschaft die sich über ihre optimale Größe hinaus entwickelt

wachsen also mit der Zeit rascher als die menschhche Fähigkeit mit

ihnen fertig zu werden ... Da moralisches, physisches oder pohtisches

Unheil ntu- von der Dimension abhängt..., liegt die einzige

Löstmg dieses Problems darin..., den Organismus, der seine natürhche

Größe überschritten hat zu reduzieren... Die Lösung heißt

deshalb nicht Zusammenschluß, sondem Teilung".

Die Lösung heißt nicht Zusammenschluß, sondem Teilung

Welch ketzerisches Bekenntnis, zuerst so umfassend formuliert im

Jahre 1957, aber dann mit immer größerer Intensität wiederholt bis

zum im Febmar 1986 verkündeten Apodiktum: "Klem sein oder

nicht sein, das ist hier die Frage!"

Wer so etwas hest oder hört ohne den zu kennen, der es schreibt oder

sagt könnte meinen, er habe es mit einem zur Pathetik neigenden

Fanatiker zu tun. Eine begreifhche, aber der Wirkhchkeit des Menschen

Leopold Kohr in keiner Weise entsprechenden VorsteUung.

Denn der ist ein geselhger, gemütUcher, heiterer Österreicher, dessen

Humor tmd menschliche Wärme jeden, der ihm begegnet sofort zum

Fretmd macht mit dem man gerne zusammensitzt Anektoten austauscht

tmd "ein tmentbehrhches Glaserl Wein" trinkt

So ist auch nicht der Seminarraum oder der Vorlestmgssaal für ihn

der ideale Platz für geistige Auseinandersetztmgen, sondem das

"akademische Wirtshaus", in dem man spontan streitet spinnt tmd

laut lachend nachdenkt. "Konvivial" hat Ivan Dllch, emer der vielen

berühmten Fretmde Kohrs, diesen lebendigen Stil der gemeinsamen

Wahrheitssuche genannt der Geist und Leben nicht voneinander

trennen mag.

Das "akademische Wirtshaus" als "konvivialer" Ort des

gemeinsamen Phllosophlerens

Wer ntm, wie es gelegenthch geschehen ist Kohr zum "Stammtisch-

Philosophen" herabstuft irrt sich wiederum. Der 1909 nahe Salzburg

geborene hat die Universitäten hmsbmck, Wien tmd Paris l)esucht

inskribierte an der berühmten wirtschaftswissenschafthchen Ehteschule,

der "London School of Economics", ehe er dann selber in den

USA zum Lehrstuhlinhaber für Philosophie an der Rudgers University

von New Jersey tmd danach an der Universität von Puerto Rico

wurde. Seine beiden Hauptwerke "The Breakdown of Nations" tmd

"The Overdeveloped Nations" hat er auf enghsch geschrieben. Sie

zeugen sowohl vonseinergroßenBelesenheitimdGründhchkeit wie

von semer Originalität. Ungewöhnhch wie sem Denken war auch der

Lebenweg des Arztsohnes aus der zweiundzwanzig Kilometer von

Salzburg entfemten Kleinstadt Obemdorf. Freiwilhg gmg er m die

Emigration, als Hitler seme Träume von deutscher Größe mit Gewalt

durchzusetzen begarm, tmd hielt sich als Berichterstatter über Was-

So nahm er als Korrespondent einer französischen Nachrichtenagentur

auf republikanischer Seite am spanischen Bürgerkrieg teil, ein

Erlebnis, das für seine geistige Entwickltmg entscheidender gewesai

sein dürfte als die vorangegangenen Universitätsstudien. Deim in der

umkämpften Hauptstadt Kataloniens, Barcelona, machte er sowohl

Bekanntschaft mit den engagierten Vorkämpfem einer tmterdrUckten

regionalen Kultur wie mit den m dieser imgewöhnlichen Metropole

besonders stark vertretenen Anarchisten, Und hier hat er auch

emen damals noch kaum bekannten englischen Schriftteller kennen-


gelemt der entschiedener als jeder andere gegen zentrale und obrigkeitliche

Herrschaft rebelherte: George Orwell, der später in seiner

schwarzen Utopie "1984" die einprägsamste Darstellung vom zentreal

regierten, totahtär dirigierten und überwachten Großstaatveröffentlichte,

Ist Kohr, der mindestens vier Sprachen spricht tmd schreiben kann,

in den USA, m Kanada, Großbritannien, Mexiko tmd Afrika herumreist,

und zahheiche Vorträge hält ein Kosmopoht? Ja, aber auch -

tmd das ist das Besondere an ihm - ein tief in seiner Heimat

Verwurzelter, für den Salzburg Modell und Vorbild ist dessen

Vorzüge zu beschreiben er nie müde wird.

Ist Leopold Kohr ein Kosmopolit?

Hören wir ihn selber: "An meiner Liebe zur salzburgischen Heimat

hat sich nie etwas geändert, obwohl ich seit Jahrzehnten amerikanischer

Staatsbürger bin. Meine Urbegriffe sind immer noch dieselben.

Sie sind nicht global, nicht kontinental, nicht europäisch, nicht österreichisch,

sondem land-salzburgisch. Die Urdistanz, das Maß aller

Entfemungen, ist für mich die 22 Kilometer-Einheit, die Obemdorf

von S alzburg trennt was zeithch eine halbe S tunde per Rad oder vier

Stunden zu Fuß ausmacht. Meine Vorstelltmg vonder idealenBevölkerungszahl

einer Hauptstadt dreht sich noch immer um 36 000

herum - der Emwohnerzahl der Stadt Salzburg während meiner

Schulzeit. Diese Stadt Salzburg botuns aUes - eine Vielfalt an Kunst,

Muße, Musik und Spiel - was hätte das Herz mehr begehren können?

79 Brunnen, 36 Kirchen, fünf Klöster, vier Theater... zwei Pferdeschwemmen,

eine Felsenreitschule, eine Festung, einen Dom, eine

Musikhochschule, eine Universität, Zwerglgärten für Kinder, Museen,

Wasserspiele, Burgen, Lust- tmd Wasserschlösser in der

unmittelbaren Umgebung und schier zahllose Gaststätten und Cafes,

die ursprünglich nicht für Touristen, sondem für die Einheimischen

bestimmt waren."

Weshalb war es möglich, in emer Stadt mittlerer Größe so viel

kulturellen Reichtum anzuhäufen? S ie war nicht nur mit Naturschätzen

in der unmittelbaren Umgebung gesegnet, sondem auch tausend

Jahre lang, vom 9. bis zum 19. Jahrhundert, pohtisch weitgehend

autonom, konnte also tmabhängig vom wechselnden Schicksal der

benachbarten größeren Gemeinwesen sichdenZielen widmen, die es

zum Glück semer Bürger für erstrebenswert hielt statt die vorhandenen

Ressourcen vornehmlich ziu- Aufrechterhaltung einer kostspiehgen

Bürokratie und emes nimmersatten Heeres zu verwenden. In

einem verhältnismäßig klemen tmd daher überschaubaren Staat

können die Verwalttmgs-, Transport-, Kommunikations- und Verteidigimgsausgaben

so niedrig gehalten werden, daß der Hauptteil des

Nationalproduktes "zur Verschönerung des Lebens auf allen Gebieten

tmd für alle Schichten verwendet werden kann, über eine gewisse

GeseUschaftsgröße hinaus wird das unmöglich" - so lautet eine

Emsicht Kohrs, die immer wieder nachzuweisen er nicht müde wird.

Über eine bestimmte Gesellschaftsgröße hhiaus Ist die

Verwendung des Hauptteils des Nationalproduktes zur

Verschönerung des Lebens unmöglich

Nicht Größe, sondem "menschhchesMaß" ist laut Kohr die entscheidende

Voraussetzung humanen Lebens tmd Überlebens. Vor allem

die m ihrer Furchtbarkeit ständig gesteigerten Kriege wären unmöghch,

wenn sich nur Gememden tmd Kleinstaaten die Landschaften

dieser Erde teilen würden. Erst den Großmächten standen stets tmd

noch heute genügend Mittel zur Verfügung, um Weltkriege zu

führen. Ein kleines Land könnte sich weder Atombomben noch

Leopold Kohr, der wichtigste Nationalökonom unserer Zeit

Photo: Günther Witzany


Raketen leisten. Daher würden innerstaatliche Konflikte zwischen

"Kleinen", wenn sie nicht ganz vermieden werden können, doch

niemals so viel Leid tmd Zerstörung bewkken wie die Auseinandersetzungen

der "Großen".

Konflikte zwuschen Kleinstaaten können niemals die Ausmaße

von Konflikten zwischen Großstaaten annehmen

Mehr als anderthalb Jahrzehnte nach Leopold Kohr hat sem Fretmd

und Schüler Ernst Friedrich Schumacher m dem Buch "Small is

beautiful" dem Gedanken von den Vorzügen der Kleinheit gegenüber

der Größe zu emem ersten weltweiten Durchbrach verholfen und

damit emen Ruhm geemtet der gerechterweise ztunindest m gleichem

Maße dem um zwei Jahre Älteren gehören müßte. Als Nationalökonom

hat Fritz Schumacher überzeugend nachweisen können,

wie meffizient tmd verschwenderisch Großuntemehmen arbeiten

müssen. Die Krisenanfälligkeit der Konzem-Witschaft und das erhöhte

Risiko der von ihren Chefs bevorzugten Großtechnik trägt

wiederum ganz entscheidend dazu bei, die Weh unsicher zu machen.

Denn der ideale Ktmde dieser Mammutuntemehmen ist das Militär,

das unter dem Vor wand der Friedenserhaltung, durch den B au immer

neuer tmd unmer zerstörerischer Waffensysteme seme Erhaltung

sichert, aber zugleich jedes einmal erreichte Gleichgewicht der

Stärke wieder m Frage stellt.

Der Ideale Kunde von Mammutunternehmen ist das Militär

In emer kleinen Gemeinschaft wäre die enorme Verschwendimg von

finanzieUen, technischen, aber auch wissenschafthchen Mitteln, wie

sie Streitkräfte und ihre Verwaltungen sich leisten, kaum möghch,

weil hier die Ausgabenkontrolle der steuerzahlenden Bürger mehr

Möghchkeiten besäße, rechtzeitig hmdemd emzugreifen.

Entscheidendes zu dieser Problematik hat ein anderer Mitstreiter

Kohrs beigetragen. John Papworth entwarf das Konzept der "Vierten

Welt", in der es keine Machtballtmgen mehr geben soUte, sondem

nur noch kommtmale und regionale Veremigungen, in denen jede

Machtform der direkten demokratischenKontrolle unterworfen wäre

und kerne von der Basis weitentfemte Zentrale lebenswichtige Entscheidungen

treffen darf, welche die Interessen tmd das Schicksal

von Milhonen Individuen berühren.

In Weiterführung der Ideen Kohrs memt Papworth: "Wk von der

Vierten Welt sagen, daß sich die Menschen schämen sollten, wenn

sie die Bank im Dorf nicht kontrollieren, wenn sie nicht ihre eigene

Versicherung und das Bauwesen unter Kontrolle haben, wenn sie

nicht über die öffenthchen Schulen bestimmen können. Sie sollten

sich schämen, wennemPohzistdieStraßen ihres Dorfes patroulliert,

den sie nicht selbst bestimmt haben. Wk sollten uns schämen, daß wk

all diese Entscheidungen nicht selber fällen, daß andere es für uns

tun."

Die vierte Welt Ist die Welt der klehien

aber selbstbestimmten Einheiten

Em vierter Mitstreiter kn Bunde derer, die sich gegen den Trend zur

Größe stemmen, ist der m England lebende Nachkomme emer

großen deutschen VeriegerfamUie, Herbert Gh-ardet. Er hebt vor

allem hervor, wie die "Verstärkung" des Menschen durch knmer

kostspiehgere und potentere technische I^othesen in Wahrheit zu

ihrer Schwächung führt tmd m ihrer Verantwortungslosigkeit mit

daran Schuld ist daß so viele lebensfeindhche Entscheidimgen

getroffen werden können. Gkardet raft zu einem radikalen Umschwenken

auf, das die Regeneration der geschädigten Umwelt zu

einem ihrer erstenZiele machen sollte. Das kann aber nur geschehen,

wenn Pohtiker, Wktschaf tler. Industrielle und Wissenschaftler nicht

weit entfemt von den Btkgem wkken, sondem so nahe, daß sie die

Sorgen der Betroffenen aus eigener Anschautmg kennen und sich

nicht über die Natur setzen, sondem in ihrer Nähe mit ihr leben.

Als Leopold Kohr seme ersten Vorträge hielt tmd seine Bücher

schrieb, die solange fast tmbekannt bheben, bestand wenig Hoffnung,

daß seme den Haupts trömtmgen der Zeit so entgegengesetzten

Ideen wkksam werden könnten. Das hat sich in den letzten zwei

Jahrzehnten geändert. Nachdem die Arbeitendes "Clubof Rome" auf

"die Grenzen des Wachstums" hingewiesen hatten tmd als die Krise

der "Zivilisation des Gigantismus" sich immer deuthcher zu manifestieren

begann, setzte einMeinimgsumschwung ein, der zuerstin den

neuen sozialen Bewegimgen spürbar wurde. So smd diejenigen, die

heute für Erhalttmg des Friedens und der Umwelt emtreten, viel

wkkhchkeitsnäher als die Milhonen Mitglieder ideologischer Massenbewegtmgen

in firüheren Jahrzehnten. Sie setzen nicht so sehr auf

das quantitative Gewicht ihrer Vereinigtmgen, sondem auf deren

qualitativeBedeutimg tmd vollziehen damit - meist ohne es zu wissen

- nach, was modeme Wissenschaftstheoretiker wie der Chemiker

nya Prigogine herausgefunden zu haben memen: daß bei unstabilen

Bedingungen nicht die große Menge entscheidende Veränderangen

bewkkt, sondem eher kleine, aber entscheidend andere Emflüsse.

Die Ideen Leopold Kohrs setzen sich zunehmend durch

Wie es so oft geschieht werden die Ideen Kohrs und Schumachers

heute eher durch ihre Erfolge als durch mangelnde Anerkennung

gefährdet. Dezentralisierang ist zur Modeströmung geworden, und

gerade die großen und supergroßen Organisationen betonen gem,

daß sie nun gelemt hätten und sich zum menschlichen Maß bekennten.

Oftistdas aber nur Lippenbekenntnis, "grüne Kosmetik", welche

die von der Öffenthchkeit inzwischen bezweifelte Größe der wirtschafthchen

uned staathchen Systeme verschleiern soU.

Dennoch läßt sich beobachten, wie die Betonung der Überschaubarkeit

und KontroUmöglichkeit auch bereits hier und dort zu realen

Veränderungen führt. Nicht zufällig luden die VerekitenNationen kn

Spätsommer 1990 erstmals nicht Staaten, sondem Gememden aus

aller Welt zu sich, um im UNO-Gebäude, wo sonst vor aUem die

Großmächte das große Wort führen, über die Lösung gegenwärtiger

tmd künftiger Umeltfragen debattieren zu lassen. Und es war aufregend

zu beobachten, wie ekt Btkgermeister nach dem anderen für

seinen Verantwortungsbereich die Notwendigkeit jener Hmwendung

zum menschhchen Maß verkündete, das sie solange der Großmannssucht

geopfert hatten.

Verantwortliche Gemehidevertreter aus aller Welt bekennen

sich zum menschlichen Maß

Noch allerdings ist vorwiegend der alte Zug zur Größe am Werk. So

wkd die Auferstehung einer neuen, vor fast einem halben Jahrhundert

unrühmUch untergegangenen Großmacht kn Herzen Europas

von der Mehrheit seiner Bürger bejubelt tmd es steht tmter Ftlhrang

dieses wktschaftUchen Kolosses die Entstehung des gemekiamen

großen Marktes vor der Tür, der Emopa weniger als Kulturerdteil

deim als übermächtige Wirtschaftseinhek defmiert

Leopold Kohr hat als man ihn vor ekiigen Monaten fr agte, ob er den

Beitritt semer Heimat Österreich zur "Europäischen Gememschaft"

befürworte, mit Temperament tmd Entschiedenheh emmal mehr

riskiert gegen den Strom zu schwimmen, indem er erklärte: "Ich

glaube, daß hier eki großer Irrtum begangen wkd. Alle Probleme

unserer Zeit sind Probleme der überwuchemden, unnotwendigen

Größe menschhcher Gemekischaften. Wk soUten vieknehr ki Richtung

kleiner unabhängiger Einheiten gehen. Aufteilung braucht

Arbeitsplätze und produziert mehr Arbeitsmöglichkeiten, als es


Zusammenschlüsse tun, deren Sinn es ist Arbeitskräfte zu sparen,

was hat denn die Wirtschaftsgemeinschaft geschaffen? Mehr Butter

und Brot? Nein, Butterberge. Und Eierberge. Und Weinmeere. Und

jeder, der sich an diesen Kreislauf anschheßt, wkd vergiftet."

Was hat die EG bisher geschaffen?

Es ist noch zu frtlh, eine Frage öffenüich zu stehen, die Kohr längst

mit seinen engsten Freimden diskutiert: Wkd dieses Groß-Europa

Frieden bewahren, oder könnte es versucht sem, später einmal seine

Macht bei den globalen Konflikten einzusetzen, die uns bevorstehen?

Das könnte besonders in den drohenden künftigen Auseinandersetzungen

mit der "Dritten Welt" der FaU sem, sobald daim auch

Asien, Afrika tmd Lateinamerika, statt geteilt zu bleiben, sich zu

kontinentalen Großmächten zusammenschließen und ihre Ansprüche

mit Gewaltdrohungen durchsetzen wollen.

Wü-d das Groß-Europa dem Frieden dienen?

Glückhcherweise ist aber gerade in diesen Regionen des Südens seit

URANGATE:

1972 eine Entwickltmg kn Gange, die hoffen läßt Das von der

schwedischen Hammarskjöld-Stiftung gestützte "Institute for Develeopment

Altematives" inNyon (Schweiz) berichtet daß sich in den

Entwicklungsländem immer mehr imabhängige, lokal tmd regional

organisierte Grappen rühren, die ihr Schicksal in die eigenen Hände

nehmen wollen, statt sich weiterhin einer von den Industriestaaten

und den eigenen eingeborenen Zentrakegienmgen verfolgten EntwicklimgspoUtik

zu unterwerfen.

Dieses "dritte System", wie Marc Nerfin, der Leiter des histituts,

diese Bewegimg zur Nähe und Kleinheit hin nennt, könnte kn

kommenden Jahrtausend weltgeschichtliche Bedeutung erlangen.

Denn wenn mehr als vier Fünftel der Menschheit ki der sogenaimten

"Dritten Welt" leben, wkd es von ausschlaggebender Bedeutung

sein, ob sich diese MiUiarden für das menschhche Maß oder für den

menschhchen Ergeiz entscheiden, für bedrohliche Vereinigung oder

beruhigende Teilung. Es wkd daher, das ist fast sicher - in den

kommenden Jahrzehnten noch viel über Leopold Kohr, seine Schüler

tmd ihren hoffenthch nicht vergebhchen Beitrag zum Frieden auf

Erden diskutiert werden." (1991)

Die Auswirkungen dieser Technologie auf die Seele!

M. Greffrath: Den Begriff "Atomstaat" haben Sie ki Anlehnung an

Eugen Kogons Wort vom NS-Staat verwendet. Sind das nicht zwei

grundsätzUch verschiedene Dimensionen: ein Staat, der den Terror

wül, und ein Staat, der mit den tmbeabsichtigten Folgen einer

Technik nicht fertig wkd?

Interview mit M.Greffrath

Aufsehen nicht mehr. Im perfekten Atomstaat erfährt man ja so gut

wie nichts von den Unfällen. Die Sowjetunion ist da bereits mehr

Atoms taat als die Btmdesrepublik. Ich hatte vor kurzem einen sowjetischen

Wissenschaftler zu Besuch, der mk sagte: Ich habe erst hier

aU das erfahren, was in Tschernobyl passiert ist.

Robert Jungk: Es gibt eine Ähnhchkek. Der NS-Staat woUte den

Terror nicht in erster Linie. Eine kleine verschworene "Gemeinschaft"

woUte bestimmte ideologische und staatliche Ziele verwkkhchen.

Der Terror war ihr bevorzugtes Mittel, mit dem sie das

schaffen wollte. Auch die Menschen, die Atomenergie propagieren,

sehensich als eine Kas tevonMenschen, die es besser weiß. Sie haben

die Vision des unbeschränkten Energiereichtums, letztUch der Herrschaft

der technischen Vemunft über die Natur. Und um diese Vision

durchzusetzen, nehmen sie nicht nur ökologische, sondem auch

negative staatsbtkgerhche Nebenfolgen ki Kauf. Später ist mk klar

geworden, daß das Nebenprodukt - zumindest für ekiige - vielleicht

sogar das pohtische Hauptprodukt war. Daß sie auf dem Umweg über

eine Technologie, die man mit freitheitsbeschränkender Überwachung

absichemmuß, die HeirschafteinerKastedurchsetzenwoUen.

Mk ist das klar geworden durch Wolf Häfele, für mich der typische

Vertreter dieser missionsbesessenen Technokraten. Er hat ganz

deuthch gesagt: Wk wissen es besser, die Bikger haben keinen Einund

Überblick. Wk mtlssen ihnen sagen, wo es langgeht.

M.G.: Sie haben damals gesagt es gäbe nicht nur den GAU, sondem

den GAGU - den "Größten Anzunehmenden GeseUschafÜichen Unfall",

den Atomstaat eben, das Verschwinden von Demokratie tmd

öffenthchkeit Zehn Jahre sind vergangen, wie weit sind wk hinekigeratscht

in den Atomstaat?

R J.: Wk sind sicher ein Stück weiter auf diesem Irrweg, aber noch

nicht ganz kn Atomstaat sonst hätten wk ja dieses öffenüiche

M.G.: Als Sie damals Ihre These über den Atomstaat aufsteUten und

Ihre Untersuchungen vorlegten, herrschte bei der Kritik - auch in der

ZEIT - Unglaube. Man konnte sich das nicht vorstehen. Jetzt wo

jeden Tag neue KorraptionsfäUe bekannt werden, sind alle erschreckt

Gibt es so etwas wie Kassandras Genugtutmg?

RJ.: Genugtuung und Enttäuschung. Denn ki Wkklichkek wiU

Kassandra ja gehört werden. Was mich bescheiden machen muß, ist,

daß ich so wenig bewkkt habe. Denen, die meme Wamungen damals

als Phantastereien abtun woUten, ist das gelungen. Und sie konnten

das, weil es mk tmd den anderen Kritikem nicht möghch war, unsere

Informanten aus dem Inneren des Systems preiszugeben. Wk hatten

damals nur die Wahl: Sollen wk vertrauen, verraten oder das Odiiun

auf uns nehmen, daß wk Gefahren aufbauschen, wenn nicht gar

erfinden. Ich habe selbstverständhch meme Informanten geschützt.

Es ist vieUeicht nicht ganz uninteressant heute daranzu erinnem, daß

es damals in Karlsruhe eine Grappe von Wissenschaftlem gab, die

mit Btmdestagsabgeordnten über ihre Bedenken sprechen wollten.

Da erschien Volker Hauff, damals Bundeswissenschaftsminister,

hieU eme Straijjredigt und verbot ihnen das. Sie durften sich also mit

ihren Vorbehalten nicht einmal an die eigenen Volksvertreter wenden.

M.G.: Ist die Auskunftswühgkeit besorgter Atomwissenschaftler

gestiegen?

R J.: Eigentlich nicht. Immer noch wkd jemand, der auf Gefahren


hmweist gestraft. Und das ist eine perverse Verkehrang des wissenschafthchen

Prinzips, der Skepsis und der Kritik. Das Estabhshment

hat Methoden, den, der die Verschwönmg des Schweigens durchbricht

zu bestrafen. Methoden, die sehr subtil sind tmd gegen die man

auchkaum vorgehenkann. Dagibtes nichtnur Entlassung, gegen die

arbeitsrechtUch Klage möghch wäre, sondem auch Versetztmg,

Verketzenmg.koUegialeMißachtung. Man schneidet jemanden von

Informationen ab, spaicht ihm von einem Tag auf den anderen die

wissenschafthche Seriosität ab, stößt ihn de facto als Ketzer aus der

Gelehrtemepublik aus. Das ist heute nicht nur in der Atomindustrie

so, sondem an vielen SteUen, an denen riskante Entwickltmgen vor

sich gehen und Mkarbeiter Zweifel haben. Und hier muß sofort etwas

geschehen: Es müssen Informationskanäle geschaffen werden,

MögUchkeiten, daß Menschen, die in emem Betrieb sind, wo lUegales

geschieht, sich ohne Furcht vor BenachteiUgimg an die Öffenthchkeit

wenden können. Wk brauchen Regelungen, daß Menschen,

welche betriebliche Mängel öffenthch aufzeigen, nicht bestraft,

sondem belohnt werden. Wenn es so wäre, wüßten wk vermuthch

schon viel mehr über unseren neuesten Atomskandal. So wie Abgeordnete

Immunität genießen, so müßte man sichersteUen, daß Wissenschaftler,

Techniker oder Beamte, die mit lebensgefährdenden

Dingen umgehen, öffenthch Kritik üben können, oime berafliche

Nachteile zu erleiden.

M.G.: Wie kann man tmter Bedmgungen privatwirtschaftlicher

Ausbeutung der Wissenschaft em solches Recht institutionalisieren?

RJ.: Mekier Ansicht nach wäre das eine Sache des Gesetzgebers.

Wk haben doch auch ein Arbeitsrecht das Betriebsräte schützt. Es

sind in den pohtischen Kämpfen früherer Jahrzehnte StreUaechttmd

Streikkassen durchgesetzt worden. Wo gibt es heute so selbstverständliche

Hilfen für einen Ingenieur oder einen Wissenschaftler, der

die Wahrheit sagt, damit der Gesellschaft emen großen Dienst

erweist aber dann als iUoyal entlassen wkd? Da gibt es einen dringenden

rechthchen Nachholbedarf.

M.G.: Das setzte voraus, daß genug Wissenschaftler da wären, die

Zweifel haben.

R J.: Ich glaube, es gibt viel mehr als wk wissen. Es ist doch so: Die

meisten, die nicht zu kritisieren waren, wollen doch vor allem weiter

als Wissenschaftler arbeiten tmd "keinen Ärger haben". Sie reden

sich deshalb ein, daß alles nicht so schlimm sei, daß es schon gehen

würde, aber die Sensibleren gehen dabei innerlich kaputt Ich habe

einmal mit dem Atomwissenschaftler Lew Kowarski darüber gesprochen,

der sagte: "Die Tatsache, daß wk heute so viel weniger

wissenschafthche Kreativkät haben als firüher, hat damit zu tun, daß

wk Wissenschaftler ztmehmend ki geregelte, oft bedrückende Organismen

eingepaßt smd. Da verhert man aUmähhch die Fähigkek der

schneidenden Kritik und der radikalen Phantasie, des freien Sprechens,

ohne die echter Fortschritt in den Wissenschaften unmöghch

ist

M.G.: Es gibt eme blinde Gradlkiigkeit in der Entwicklung der

Atomenergie, eme Unfähigkeit sich Altemativen vorzustellen. Was

istderKem dieser mit Scheuklappen versehenen Atombesessenheit?

RJ.: Das ist keine spezieUeBesessenheit was dahinter steckt ist die

Haltung des "immer mehr mit immer weniger Einsatz". Der neuzeit-

Uche Optknierungsrausch. Es sah ja so phantastisch aus: daß man

soviel Energie mit so wenig Emsatz erzielen könnte! Man hat doch

damals immer die Lastzüge mit Kohle mit den kleinen Uran-Banen

verghchen, aus denenman dieselbe Energiemenge gewinnenkönnte.

Hkiter dieser "Besessenheit" steckt ein tmgezügelter, tmerschütterhch

dogmatischer Fortschrittsglaube. Den soU man nicht tmterschätzen

in seiner Stärke. Das ist ja eme Sekten-Religion.

M.G.: "Atome für den Frieden ist prinzipieU nichts anderes als

Atome fürBomben" haben Sie damals geschrieben. Haben Sie damit

nur die Gefahr der Weiterverbreitimg gememt?

R J.: Nein, mehr. Ich habe sehr bald zu erkennen gemeintdaß das

Eisenhower-Programm '.'Atome für den Frieden" nichts anderes war,

als eme Tamung für Atomrüstung. Wenn man sich ausrechnet

wieviel diese Energie wkklich kostet und mit wieviel negativen

Komponenten man zu rechnen hat, dann ergibt nur der Zweck der

Verwendung für äußere - und innere! - Rüstungszwecke eine gewisse

Plausibihtät Diese ganzen pohtischen Schwierigkeiten, diesen ganzen

Rattenschwanz ökologischer tmd sozialer Probleme lädt man

sich doch gar nicht auf, damit man eine EnergiequeUe hat die

angebhch etwas bUUger tmd etwas länger verfügbar ist als Kohle!

Das reicht doch als Motivation nicht aus. Ich meine, daß aU diese

Opfer gebracht worden sind, weU man damit die m der Öffenthchkeit

tmpopuläre "militärische Option" erhalten tmd weiterentwickehi

woUte,

M.G.: Sie waren nicht der einzige, der diese Befürchtungen über die

Nähe der mihtärischen zur zivilen Nutzimg gehabt hat. Auch Heisenberg

befürchtete ähnliches ki Bezug auf das Kemforschtmgszentram

in Karlsruhe. Aber es sind immer nur Indizien tmd Vermutungen

geäußert worden. Der schlüssige Nachweis, daß es den deutschen

Wunsch nach der eigenen Bombe gab, ist weder Urnen noch jemand

anderem gelungen.

RJ.: Nem, aber man kann zum Beispiel immerhin festhalten, daß

sich das Institut für Naturwissenschafthch-Technische Trendanalysen

(INT) der Fraunhofer GeseUschaft damals noch in Stohl, über

Kiel mit Problemen der Atomwaffentechnik beschäftigte, obwohl

das von der Btmdesregierang abgestritten wurde. Der Politikwissenschaftler

Hubertus Hoffinann veröffenthchte 1986 mi wehrtechnischen

Verlag Bemard und Gräfe die 547 Seiten starke Studie "Atompartner

Washington - Bonn", in der festgestellt wkd: "Spätestens im

Dezember 1979 (wufde)die Epoche einer deutschenZuschauerrroUe

in der Behandlung von nuklearen Fragen beendet." Der Verfasser beschwört

die Deutschen "sie dürften nicht vor der nuklearen Verantwortung

ausweichen".

Es gab historisch nachweisbar den deutschen Versuch, den Weiterverbreitungsvertrag

zu hintertreiben tmd ihmnicht beizutreten. Über

siebizig CDU/CSU-Abgeordnete waren daran IjeteUigt, darunter

auch Manfred Wörner. Es gab die Entschärfung der KonttoUmechanismen

des Atomwaffensperrvertrages auf deutsches Drängen.

Es gab die offene Forderung nach dem "deutschen Finger am

atomaren Drücker" von Herm Koller, der CSU-Polizeipräsident in

München ist tmd ähnhche Forderungen von Todenhöfer im Deutschen

Bundestag. Ich soU ja schon längst ein Buch über all das

schreiben, aber nur aufgrund von Indizien wollte ich es nicht Ich

habe immer gewartet daß noch mehr rauskommt. Jetzt ist das der

Fall, tmd es wkd wohl noch viel mehr rauskommen. Auch sollte man

doch endhch in der neuen parlamentarischen Untersuchungskommision

die Frage stellen, was genau im Plutonium-Bunker von Alkem

gehortet wkd tmd weshalb man eki Abkommen über die strengste

Kontrolle durch die Intemationale Atombehörde bis jetzt verweigert

hat.

M.G,: Heißt das, Sie befürchten ganz konkret, daß solche Pläne für

eine deutsche Bombe exstieren?

RJ.: Man muß das in emem weiteren Zusammenhang sehen. Hinter

solchen Absichten steckt der deutsche Drang, in der Weltpohtik


gleichberechtigt mitsprechen zu können. Das ist ein großer Unterschied:

Ich spreche nie von der Bombe, ich spreche immer nur von

der deutschennuklearen Option. Man will seinen Parlnemund seinen

Gegnern sagen köimen: Wk haben die wissenschafÜiche tmd technische

Fälligkeit wk haben das Personal, wk könnten jederzeit Bombenmachen.

Aber wk halten uns bis 1995 noch anden Weiterverbreitungsvertrag.

Wie genau? frage ich mich, nach dem, was wk in den

letzten Wochen gehört haben. Schon vor Abschluß des deutschfranzösischen

Vertrages über die erhöhte wehrtechnische Zusammenarbeit

von voriger Woche sind aus der Bundesrepublik Brennelemente

von Alkem zur Bestrahlimg kn ausschUeßlich für die

Herstellung von Waffenplutonium genutzten Schnellen Brüter

"Phenix" an die Franzosen gehefert worden.

Wenn im engeren deutsch-französischen Btkidnis der deutsche Partner

nicht sagen kann: Wk können in der Atomwaffentechnik auch

das, was ihr könnt, bleibt er ewig Juniorpartner. Solche Überlegtmgen

beleuchten die wahren Motive der "Entspaimtmgspohtik" von

Franz Josef Strauß. Ich bki davon überzeugt daß er an der amerikanisch-sowjetischen

Detente vor aUem deshalb interessiert ist weü er

dann mit größerer Berechtigung verlangen köimte: Wir Europäer

müssen unsere eigene Nuklear-Streitmacht haben, hier entsteht ein

Vakuum, da müssen die Eiu-opäer einspringen. Aber was passiert

dann, wenn diese deutsch-französische Partnerschaft emmal anMeinungsverschiedenheiten

zerbricht so wie es bei der geplanten gemekis

amen Entwickltmg anderer Waffen schon geschehen ist? Dann

gibt es auf emmal nicht mehr die europäische, dann ist es die deutsche

Bombe. Man soUte solche Gedanken nicht wieder einmal als "Spinnerei"

abmn, sondem ernsthaft erwägen. Ich jedenfaUs halte es für

notwendig, mit ein ktkiftiges atomgertlstetes Btmdesdeutschland

vorzustehen. Wackersdorf läßt mich Schlknmes vermuten.

M.G.: In diesen Wochen hören wk ständig von neuen Plutonium

Mengen, die hin - und hertransportiert werden, in der Gegenwart und

in der Vergangenheit. Kriegt man diese Situation überhaupt noch in

den Griff?

RJ.: Man kriegt es mit jedem Monat weniger in den Griff. Heute

kann man es vieUeicht noch, wenn auch schon sehr schwer. Aber in

einem, in zwei Jahren wkd es schon wieder schwieriger geworden

sein. Der allseits angesehene, imabhängige enghsche Atomexperte

Walter C. Patterson hat in seinem Buch "The Plutonium-Business"

gezeigt wie spranghaft die Plutoniummenge mit der Zunahme der

Wiederaufarbeitung Jahr um Jahr steigen wkd. Der einzige Weg, die

Sicherheit zu erhöhen, wäre eine an müitärischen Vorbüdem orientierte

Kontrolle aller am "Plutonium-Geschäft" Beteihgten. Aber

diese Leute werden sich solche strickten Maßnahmen nicht gefaUen

lassen. Es hat jetzt schon Proteste gegeben aus dem Kemforschtmgszentram

Jühch gegen die Ankündigung schärferer KonkoUen. Wenn

es darum ging, Protestierer "kn Griff" zu behalten, war man bei den

Betreibem bereit atomstaatliche Gewalt als "unverzichtbar" zu

entschuldigen. Aber nach den Vorfällen in Hanau müssen sich ntm

aUe AngesteUten der Atomindustrie, alle Wissenschaftler und Techniker,

aUe Arbeiter tmd nicht zuletzt alle Manager darauf gefaßt

machen, daß sie in Zukunft schärfer überprüft werden. Die Frage ist

ob sie mitspielen. Ich habe da meine Zweifel.

M.G.: Selbst wenn wk, wie es so schön heißt aussteigen aus der

Atomenergie, haben wk ja noch immer die strahlenden Reste. Wk

werden also den Atomstaat gar nicht hiehr los ...

R J.: Ja, aber es macht doch schon einen Unterschied, ob die Atomenergie

weiterhin im Zentrum der staathchen tmd wktschafthchen

Aktivität steht oder ob man nur noch die Reste eines Irrtums

verwaltet. So wie die Dinge jetzt liegen, wkd die Atomenergie bis

zum Jahr 2000 höchstens 13 Prozent der Welt-Energieproduktion

decken. Man wollte es ja ursprünghch bis zum Jahr 2000 auf 30 bis

60 Prozent bringen, dann wäre es nattkhch noch schwieriger geworden,

mit dem Problem fertig zu werden. Aber der langsame Ausstieg

steUt uns noch vor genug Probleme. Wenn man ntm ankündigt, daß

man aufhört, hat das Konsequenzen für die Quahtät der Mitarbeiter.

Es bleiben dann muner weniger gute vorwärtsstrebende Wissenschaftler

tmd Techniker in diesem s trebenden B eruf sz weig. D as kann

unter Umständen die Anfälhgkeit der weiterbetriebenen Anlagen

vergrößern. Deshalb halte ich von dem allmählichen Anstieg so

wenig. Es müßte so schneU wie möghch dem Schrecken ein Ende

bereitet werden, selbst wenn das vorübergehend Schwierigkeiten

bereitet.

M. G.: Sie können sich keine Form der Nutzimg von Atomenergie

vorsteUen, die mit Demokratie vereinbar wäre?

R J.: Nein, das kann ich mk nicht vorsteUen.

M.G.: Es gibtnichtnur Wissenschaftler-und Wirtschaftskiteressen.

Der dritte im Spiel, der schwer lernen kann, ist das Parlament. Wieso

hat es sich in diesen Fragen als so lemunf ähig erwiesen?

R J.: In den Parlamenten skzen sehr wenige Abgeordnete, die diese

wissenschaftlich-technischenZusammenhängetmdihre gesellschafthchen

Auswkkungen wkkUch verstehen. Infolgedessen beugen sie

sich den Experten und der Lobby. Aber fast jede wichtige pohtische

Entscheidung hat heute mit Wissenschaft tmd Technik zu tun.

M.G.: Selbst wenn man den kompetenteren Parlamentarier und eine

besser funktionierende Öffenthchkeit hat Es hat sich doch gezeigt

daß derBerahigungseffekt immer wieder auftritt. Selbstnach Tschernobyl,

und selbst innerhalb der Protestbewegung vergißt man sehr

schnell, frgendetwas an der Organisation unserer pohtischen öffenthchkeit

stknmt doch da prinzipieU nicht.

RJ.: Ich glaube, es geht dabei noch um etwas anderes. Es ist

unzumutbar tmd fast unmöglich, daß die Menschen ständig die ganze

ungeheuerliche Größe der Gefahr präsent haben. Das kann man

einfach nicht ertragen. Daß wk das immr wieder beiseite schieben

tmd vergessen wollen, ist durchaus menschlich. Ist ein Teü unserer

Menschhchkeit. Nicht nur die Demokratie ist unvereinbar mit diesen

neuen hochriskanten Techniken, sondem der Mensch selbst Nicht

nur die biologischen Wkkungen der Strahlungen sind schädhch,

sondem auch die Ausstrahlungen dieser gefährhchen Technologien

auf die Seelen. Niemand kann heutzutage seines Lebens richtig froh

werden, weil man eigentlich immerzu etwas Schrecklicheres erwarten

muß. Die seehsche Beeinträchtigimg im Schatten kommender

Katastrophen schekit mk noch unmittelbarer, noch tmvermeidhcher

zu sein, als die biologischen Schäden, die wk durch radioaktive

Strahlung riskieren.

M.G.: Der Durchmarsch in die Depression?

RJ.: In die begründete koUektive Depression, die knmer größer,

immer unheübarer wkd und leider immer berechtigter, solange die

Devise heißt: weiter so!

M.G.: Ist es dann noch richtig, werm die Kritiker der Kritiker sagen:

Ihr woUt nicht nur das Risiko mindern, die Unfall- tmd Strahlengefahr

bekämpfen, sondem ihr woUt eine andere GeseUschaft?

R J.: Wk woUen noch mehr: nicht nur eine andere GeseUschaft,

sondem em maßvoUes verantworthcheres Denken tmd Handeln. Mit

diesen Ansprüchen, die man ihm jetzt ekiredet macht der Mensch ja


nicht nur die Welt ktqjutt damit kann er nicht leben, damit wkd er

tmglückhch tmd krank; damit geht er zugrunde.

M.G.: Im Atomstaat,..

R J.: Ja, al>er der Atomstaat ist nur eine der vielen Möglichkeiten,

Damit geht es auch in den gentechnologischen Zuchtstaat Und m den

Computerstaat. Das gehört doch aUes zusammen. Das ist die eine

möghche Richtung: Man macht weiter wie bisher und versucht die

Unsicherheitsfaktoren immer mehr zu kontrolUeren, Die hauptsächhchen

Unsicherheitsfaktoren, die Menschen, muß man dann berechenbar

machen, muß sie zwingen, berechenbar zu werden. Die

Altemative: Mansieht ein, wkwoUenMenschen bleiben mitunseren

tmvorhersehbaren Schwächen und tmvorhersehbaren Stärken, die

noch auf ganz anderen Gebieten hegen, als denen der Naturbeherrschtmg

und -ausbeutung.

M.G.: Technisch können wk das meiste, wenn wk es wollen. Nur

gesellschafthch sind wk schwach.

R.J.: Ich meine, daß wk von einem Zeitalter der technischen

Erfindungen ins Zeitalter der geseUschafÜichen Erfindungen gelangen

müssen. Es muß uns gelingen, Institutionen zu erfinden, die es

möghch machen, daß eine wachsende Zahl von Menschen auf dieser

Erde in einem Zustand der Gerechtigkeit als aktiveMitgestalterihres

S chickals leben kann. Dazu braucht man enorm viel geseUschaftliche

Phantasie tmd Durchsetzungskraft GeseUchafÜiche Phantasie ist in

unserer Zeit kaum entwickelt worden. Die Pohtik der Demokratien

wkd offizieU von einer gesellschafthchen Erfindimg bestimmt die

eine ganze Weüe lang ausreichte, dem Parlament. Das Parlament ist

im 17. und 18. Jahrhtmdert entwickelt worden. Was haben wk seither

an adäquater geseUschaftlicher Repräsentation für die enorm gewachsene

Zahl von Menschen erfunden?

M.G.: Haben Sie einen Vorschlag?

RJ.: Ichhabe nichtnur einen Vorschlag.Ich erprobejaauch bereits

eme Praxis, mdem ich versuche, ständig neue "Zukunfts Werkstätten"

zu veranstalten, bei denen interessierte Btkger eigene Vorschläge

machen tmd Projekte entwerfen. Das wkd jetzt schon in der Btmdesrepublik,

in der Schweiz, ki HoUand tmd England tmd auch in den

USA erprobt. Letzten Sommer ist diese Bewegtmg auf die Sowjetunion

übergesprungen. Da ist erst kürzlich ein Mann namens Genadij

P. Alferenko aufgetaucht, der letzten Sommer in Moskau eine Stiftung

für soziale Erfmdungen eröffnet hat Der Erfolg war enorm. Er

hat ganz offen in den Spalten der kommunistischen Jugendzeitimg

den MiUionen Lesem zugerufen: "Wk smd vöUig erstarrt. Wk

müssen den SoziaUsmus emeuem!"

Und wie steht es bei uns? Obwohl wir mehr Freihek haben, als "die

da drüben", obwohl wk es anders hätten machen können, laufen wk

in denselben Gleisen wie früher. Das heißt; Wk überlassen die

wktschafüiche tmd pohtische Macht kleinen, engstirnigen "Ehten".

Wk haben eine repräsentative Demokratie, die nicht mehr repräsentativ

ist wk hängen an unseren veralteten gesellschafthchen Formen

und versuchen nicht einmal experimenteU neue geseUschafÜiche

Formen zu entwickeln.

M.G.: Es geht um die Rettung der Natur, es geht um die Bewähnmg

der Demokratie durch neue Ins titutionen, und es geht - der S atz findet

sich am Ende Ihres Buches "Der Atomstaat - um ein "Überleben in

Würde". Was heißt das?

R. J.: Daß der Mensch sich nicht bückt, daß er nicht verkleinert wkd,

daß ernichtverkrüppelt wkd. Daß er nichtDinge tunmuß, dieer nicht

tun wiU-etwas, das heute diemeistenMenschenimBeraf ständig tun

müssen. Wtkde heißt, daß man nur das tut von dem man das Gefühl

hat, daß es anderen nicht schadet Das halte ich für Würde. Dieses

DoppeUeben, das die meisten Menschen führen, nämhch bei Aufgaben

mitzutun, die sie eigentlich nicht gutheißen und sich sagen u

müssen: Ich kann ja nicht anders, werm ich meinen Job behalten wiU,

kann es mk nicht leisten, auszuscheren - das halte ich für tmwtkdig."

(1988)

Nur mit Würde läßt sich das Industriezeitalter in ein Humanzeitalter überführen

Photo: Hubert Auer


Kultur als Lebens sinn

Vortrag von Prof. DDr. Robert Jungk bei der Tagung "Kultur auf dem Land" auf Schloß Goldegg, am 10.11.1990

Heimat ist ein vielfach mißbrauchter Begriff, aus dem man

auch nationalistische Impulse ziehen wollte, „Heimat" ist

aber nur dann sinnvoll, wenn es zugleich ein Zuhause ist,

aber ein offenes Zuhause. Nicht eine Abgrenzung gegen

Andere, Fremde, die man daraus vertreiben will, sondern

im Gegenteil, ein Haus, in dem man auch andere Völker

aufnimmt. Und ich weiß, daß wir in dieser Zeit des zuende

gehenden Jahrhunderts, des zuende gehenden Jahrtausends

immer öfter unsere Häuser werden öffnen müssen,

für Menschen, die vertrieben worden sind, die gehen müßten,

und wir werden dies zu leisten haben, daß wir ihnen

etwas Sicherheit und etwas Wärme geben können und ich

meine, das ist eine sehr wichtige Aufgabe, der wir uns

unterziehen müssen.

Ich habe dieses Thema, die Frage nach dem Sinn und die

Frage nach der Kultur gewählt, weil es die Frage ist, ob es

nicht vielleicht das ist, was uns heute wieder helfen kann.

Ich habe dieses Thema gewählt, weil ich in der Tat meine,

daß die Frage nach dem Sinn, das Problem des Sinnverlustes,

eines der bedrängendsten Probleme unsererZeit ist.

Wir haben infrüherenZeiten mit Recht die Frage nach dem

materiellen Leben, Überleben und Welterleben sehr stark

in den Mittelpunkt unseres Tuns gestellt. Aber gerade in

den Gesellschaften, in denen nun das materielle Leben gesichert

zu sein scheint, stellt sich heraus, daß man nach der

Stillung des Hungers nach Materiellem merkt, daß das

nicht genügt, merkt, daß es mehr geben muß, und mehr

gibt, als die Stillung des materiellen Hungers. Es gibt eine

Sehnsucht nach einem Sinn des Lebens, nach einem Sinn

des eigenen Arbeitens, des eigenen Handelns, und ich

Es gibt eine Sehnsucht nach einem Sinn des Lebens

meine, daß wir selten in einer Zeit gelebt haben, in der man

sich so unsicher war darüber, welches dieser Sinn sein

könnte. Und selten hat es eine Zeit gegeben, in der die

Menschen so unter Sinnverlust gelitten haben. Früher

erschien der Sinn als etwas ganz selbstverständliches, es

gab die festgefügten familiären Bedingungen, es gab die

Gemeinschaft des Ortes, an dem man lebte, es gab die berufliche

Gemeinschaft, es gab die Religion. All diese Bindungen

sind im Laufe dieses stürmischen Jahrhunderts -

ich nenne es das rasende Jahrhundert - zerstört worden,

und wie geht es aber weiter, wie finden wir zu etwas, was

ganz essentiell ist im Leben des Menschen? Sie wissen

wahrscheinlich, daß der Psychologe Viktor Franke! die

Sinnfrage als das wichtigste Element herausgearbeitet

hat, daß der Mensch auf der Suche nach Sjnn etwas

braucht, wasihm Sicherheit und Hoffnung geben kann. Wir

leben aber in einer Zeit des Sinnverlustes.

Ich möchte nun im ersten Teil meines Vertrages mich fragen

und sie fragen, und ch bitte Sie, mit mir mitzudenken,-

woher kommt dieser Sinnverlust, wie sieht dieser Sinnverlust

aus. Ich möchte aber, wie ich dies immer tue, bei der

Schilderung der Krise und der Analyse dieser Krise nicht

steckenbleiben, sondern mich und uns vor allen Dingen

fragen, wie kann man aus dieser Krise herauskommen, wie

ist es möglich, neue Wege zu gehen, neue Sicherheiten zu

finden, neue Projekte zu entwerfen, neue zu bauen? Wir leben

in der Tat mitten in einer Landschaft nicht nur der Naturzerstörung,

sondern wir leben auch in einer Zeit der

Menschenzerstörung. Menschen haben sehr viel verloren,

was sie zuvor besaßen, ich habs schon kurz erwähnt, die

Frage ist, wie man aus dieser Zeit der Menschenzerstörung

in eine Zeit kommen kann, wo viele Menschen sich an

dem Bau einer neuen Zivilisation beteiligen. So oft wird

heute davon gesprochen - und das ist ein Grund des Sinnverlustes

- daß wir vielleicht das Ende der Menschheit vor

uns haben, daß Zukunft schon heute für uns verloren zu

sein scheint, daß wir in der Zukunft keine Hoffnung mehr

sehen, sondern »Zukunft« mit Angst besetzt ist. Der wesentliche

Moment des Sinnverlustes ist, daß viele Menschen

nicht mehr das Gefühl haben, daß sie in eine andere

»Zukunft« ist mit Angst besetzt

bessere Zukunft hineinleben, sondern nur noch in eine

schlechte Zukunft, daß sie sich fragen - das geht fast Allen

so, in der Stadt und auf dem Land - „wozu tue ich das alles

noch? Es wird ja doch nicht bestehen bleiben, es geht ja

doch alles unter" Diese, oft nicht einmal eingestandene,

Angst, die viele Menschen erfaßt vor dem möglichen

Untergang, daß ist sicherlich eine der wichtigsten Gründe

dafür, daß Menschen keinen Sinn mehr in ihrem Leben und

ihrem Arbeiten sehen. Nun, wenn wir wieder eine Zukunft

vor uns haben können, für die es sich zu leben lohnt, wo

das, was wir begonnen haben, weiterentwickelt werden

kann, wo das, an das wir glauben, vollendet werden kann,

nur wenn wir uns das vorstellen können, werden viele Leute,

ie heute an dem Sinn ihres Lebens oderlodes verzweifeln,

wieder einen solchen Sinn finden. Das erste Moment

dieses Sinnverlustes ist also das Gefühl, keine Zukunft zu

haben. Aber es ist doch heute auch so, daß viele Menschen

sehen, daß auch ihre Vergangenheit zerfällt. Schauen wir

uns doch einmal an, wie in den historisch gewachsenen

Orten, Städten oder Dörfern das, was geschaffen war, zerstört

wird, zersiedelt wird durch neue Siedlungen, durch

Straßen zerstört wird, oder durch Luftverschmutzung: Wie

wichtige historische Gebäude zerfallen. Sie haben der Zeit

standgehalten, aber diesem Jahrhundert können sie nicht

mehr standhalten. Wenn sie sich heute anschauen, wie die

großen architektonischen Errungenschaften der Vergangenheit

in den Kulturstädten Europas gefährdet sind, dann

muß man sich fragen, was ist da geschehen? Hier ist auch

wieder ein Sinnverlust da, das alte Erbe ist leichtsinnig beschädigt

worden, es ist noch nicht aufgegeben worden.

Das alte Erbe ist leichtsinnig beschädigt worden

und wenn es "nicht gelingt, dieses Erbe zu erhalten, das

Erbe wieder deutlich sichtbar zu machen, dann wird dieser

Sinnverlust noch verschärft.

Also einmal Zukunftsverlust, andererseits Vergangenheitsverlüst,

das sind zwei Elemente dieser Sinnkrise. Ich

habe zu Beginn von diesem Begriff „Heimat" gesprochen.

Viele von uns haben noch ein starkes Heimatgefühl. Wieviele

von uns werden .durch die Mobilität in die diese Gesellschaft

hineingeraten ist, von ihr entfernt, wie viele wer-


den z,B. allein durch ihren Beruf immer mehr gezwungen

wo anders hinzugehen, etwas was firüher eine Lust war,

man ging woanders hin um wieder nach Hause zurückzu-'

kehren, mit den Erfahrungen die man in der Fremde gesammelthatte.

Heute müssen viele viele Menschen von einem

Ort zum anderen, kennen keinen festen Ort mehr,

und wenn sie an einem festen Ort sind, dann -gerade eben

weil sie mit diesem Phänomen der Zerstörung zu tun haben

- dann fliehen sie so oft wie möglich von diesem Ort.

Der moderne Tourismus ist so etwas wie eine Flucht, eine

ständige Flucht, man ist immerzu unterwegs, man will

immerzu woanders hin, weil man sich zu Hause nicht mehr

wohlfühlt, weil man da eben nicht mehr wirklich verankert,

verwurzelt ist. Es kommt leider noch weiter dazu, daß die

Identität der meisten Orte, an denen Menschen leben,

immer mehr verwischt, daß überall auf der Welt schon

ähnlich gebaut wird, daß die modernen Siedlungen kein

Gesicht mehr haben, daß in den Dörfern und in den Städten

Quartiere entstehen, die keine eigene Identität mehr

besitzen, die durch keine besondere kulturelle Prägung

mehr ein eigenes Gesicht bekommen. Diese Gesichtslosigkeit,diese

Monotonie, die schlägt sich dann'nieder in einer

Gleichgültigkeit, Ich habe einmal mit einem Städteplaner

aus Detroit, so einem der wichtigsten Produktionsorte

bis vor kurzem, gesprochen. Er hat mir gesagt, „wissen Sie,

was den Menschen hier am meisten fehlt, ist Schönheit. Es

gibt so etwas wie Durst nach Schönheit", In einer Stadt wie

Detroit, die ein Produkt des 19. und des 20. Jahrhunderts

Hunger nach Schönheit

ist, eine haßliche Stadt ist, wo die Menschen sich nicht

mehr wohl fühlen können, weil eben jede Schönheit fehlt,

kommt es auch zu einer weitgehenden Sinnentleerung,

die Menschen - wie bei uns - arbeiten nicht mehr gerne,

weil sie gar nicht mehr wissen, wozu eigentlich, weil man

auch hier aus diesem Schönheitsverlust zu einer Gleichgültigkeit

kommt, einer Uninteressiertheit, einer Verzweiflung.

Diese unterschwellige Verzweiflung, die diese moderne

Zivilisation prägt - unterschwellig age ich deshalb,

weil die meisten sie ja nicht zugeben - weil sie auch von jenen,

die dieseZivilisation am meisten beherrschen am wenigsten

zugegeben wird, weil sie so tun, als lebten wir in einem

Zeitalter des Fortschritts und des Es-muß-unsimmer-besser-gehen,

diese untergründige Verzweiflung,

die muß man hervorholen, nicht um in ihrzu versinken, sondern

um daraus einen Anstoß zu einem anderen Handeln,

zu einem anderen Leben zu finden.

Ein weiterer Punkt, der mit diesem Sinnverlust zu tun hat,

ist die Tatsache, daß die Menschen in ihrem Beruf, in ihrer

Arbeit und auch als Bürger sich weitgehend machtlos fühlen.

Jeder kleine Handwerker spürt, daß das was er tut, daß

das was er beherrscht, daß er da der Meister ist, es ist ja

nicht zufällig so, daß man hier von Meisterschaft spricht, jeder

könnt ein solcher Meister werden, von dem was man

erarbeitete, und er konnte sich mit seinem Produkt identifizieren.

Die moderne Arbeitswelt hat dieses Gefühl der

Sparprogramm


Verantwortung für das eigene Produkt weitgehend abgebaut,

die meisten Menschen leben heute als und sind heute

kleine Rädchen von riesigen bürokratischen oder Produktionsmaschinen,

deren Kurs sie nicht bestimmen können,

deren Absicht sie nicht bestimmen, sie wissen nicht

Die modeme Arbeitswelt hat dieses Gefühl der Verantwortung

für das eigene Produkt weitgehend abgebaut

mehr, ob das was sie tun, wirklich sinnvoll ist oder gar sinnzerstörend

ist. Es gab in den 7üerund 80er Jahren in der

englischen Arbeiterschaft eine ganz wichtige neue Bewegung.

Die haben nicht mehr nur gesagt, wir wollen bessere

Löhne, sondern auch sinnvolle Arbeit. Wir wollen eine

Arbeit, wo wir sagen können, es hat einen Sinn, daß wir dort

so und soviele Stunden verbringen, das was wir produzieren

ist sinnvoll. Was wir abertun, wir produzieren Waffen -

das war eine große Firma, Lucas-Aerospace- das ist für uns

keine sinnvolle Arbeit. Sie haben sich damals zusammengetan

und haben gesagt „jetzt erfinden wir einmal Produkte,

von denen wir gar nicht wissen, ob sie gemacht werden

können, aber mit denen wir uns identifizieren köhnen. Wir

sind nicht gegen die technische Produktion, aber wir wollen,

daß mit der Technik wieder etwas sinnvolles produziert

wird." In mehreren Sitzungen haben sie miteinander

etwa 200 sinnvolle Produkte sich ausgedacht, für die es

sich lohnen würde zu arbeiten. Projekte, z.B. an künstlichen

Nieren zu arbeiten, von denen es viel zu wenige gibt,

oder Verkehrsmittel zu bauen, die mit wenig Lärm und wenig

Abgasen auskommen, zu versuchen die technische Zivilisation

in eine menschliche Kultur zu verwandeln.

Die Technik nicht draußen lassen, nicht zu fragen, wie

schnell, wie billig kann ich erzeugen, sondern sich zu fragen,

wie kann es zum Bestandteil der Zivilisation werden,

wie kann es zum Bestandteil einer neuen Kultur werden,

die es noch nicht gibt, diese neue Kultur, in der Alles was

hergestellt wird, sinnvoll ist und auch schön sein kann. Es

sind hier auf einmal Elemente und Werte in die Arbeit hereingebracht

worden, die man für unerheblich hielt. Da

wurde das neue Konzept der „Qualität der Arbeit" und der

„Qualität des Lebens" geboren, es genügt nicht mehr, daß

wir nur Quantität erzeugen. Ich weise darauf so gerne hin,

weil ja für viele - und auch mir ist es Jahre so ergangen - eine

ArtZweiteilung der Welt in unserer Vorstellung entstanden

ist. Es gibt auf der einen Seite Kultur, das sind Burgen,

Schlösser, das sind Musik, Literatur usw. und dann gibt es

die Arbeitswelt, die hat mit Kultur nichts zu tun, das gehört

ins Gebiet der Wirtschaft, das gehört ins Gebiet der Technik,

das ist getrennt von der Kultur. Die Frage ist, ob das

nicht genau mit zu diesem Sinnverlust geführt hat, daß das

was eigentlich unsere Zeit geschaffen hat, nämlich die

Weiterentwicklung der Technik, die neuen Produktionsmethoden,

daß das getrennt wurde vom ästhetischen und

vor allem, was Kultur ausmacht. Dadurch ist diese Zivilisation

weitgehend barbarisch gewesen, weil wir die kulturellen

Elemente zu gering geschätzt haben. Von daher ist

auch wieder etwas von dieser Sinnlosigkeit zu erklären.

Ich habe zuerst schon kurz das Problem der Machtlosigkeit

angedeutet. Die Gewerkschafter der Lucas-Aerospace

hatten eben das Gefühl keinerlei Mitspracherecht bei

den Produkten zu haben. Wir selber planen die Produkte

nicht, wir entwerfen sie nicht, wir wissen nicht, ob dafür

Geld ausgegeben wird. Und dieses Problem der Machtlosigkeit

ist auf allen Gebieten unseres Lebens festzustellen.

Wir fallen ständig in Bedingungen hinein, die wir nicht

mehr kontrollieren können, die wir kaum mitverantworten

Dieses Problem der Machtlosigkeit ist auf allen Gebieten

unseres Lebens festzustellen

können. Die Verantwortung ist anonym, es wird von irgendeiner

Stelle, von oben her bestimmt, was getan werden

soll, wer denn die Entwicklungslinien bestimmt, wer die

Produkte macht, es igt uns, den Bürgern, entzogen, wohin

die Entwicklung geht. Dieses Gefühl, daß man mitlaufen

muß, mitrennen muß, ein einem Prozeß, der - wie ich das

anfangs erklärt habe - außerordentlich gefährlich ist, in einer

Entwicklung, die auf Zerstörung hindeutet. Daß man

das scheinbar nicht beeinflußen kann, dieses Gefühl der

Machtlosigkeit ist ganz wesentlich dafür verantwortlich,

daß sich als weitere Folge das Gefühl der Sinnlosigkeit einstellt.

Denn wenn ich selber gar nicht mehr merke, ob ich

eigene Macht habe, ob ich mitbestimmen kann, dann ist es

mir auch gleichgültig, was geschieht, wie sich die Dinge

entwickeln, und dadurch ist diese weitgehende Gleichgültigkeit

entstanden, die Hoffnungslosigkeit ist entstanden

und der Mangel an Begeisterungsfähigkeit. Für mich ist

das Drogenproblem weitgehend ein resultat dieser Sinnkrise,

die sich eben aus den Elementen, die ich erwähnt

Für mich ist das Drogenproblem weitgehend ein resultat

dieser Sinnkrise

Hoffnungslosigkeit, der Verlust der Vergangenheit, der

Verlust der Macht, der Mitbestimmung über die Entwikklung,

zu erklären ist. Wenn Menschen heute Drogen nehmen,

und sich der Droge hingeben, dann wollen sie wenigstens

für kurze Momente das Gefühl haben, Macht zu besitzen,

Schönheit nd Sinn z haben. Die Droge ist ein Ersatz

für all das, was uns an Sinn fehlt, die Drogensucht wird sich

in dem Maße weiterentwickeln, wie der seelische und der

praktische Boden diese Drogensucht begünstigt, ich würde

sogar sagen, daß junge Menschen, die diesen Ausweg

wählen, empfindlicher noch sind als andere, die sichs gefallen

lassen, die sagen „es geht ja doch nichts mehr, ich

kannjadoch nichts machen", dieses weitverbreitete Wort.

Ich glaube, daß die noch weniger empfindlich sind als diejenigen,

die sagen, ich werde wenigstens versuchen über die

Droge etwas wie Sinn und Schönheit wiederzufinden, das

Gefühl der Beteiligung zu finden. Natürlich ist das ein

schrecklicher Ausweg, den die Menschen physisch nicht

ertragen können, den die Menschen seelisch nicht ertragen

können, weil, wenn sie aus ihrem Drogenparadies aufwachen,

sich ja wieder in dieser sinnlos gewordenen Welt

wiederfinden, sie wieder im Grund nur vor dem selben

Problem stehen, aber mit geschwächten Kräften, weil sie

durch die Droge einen Teil Ihrer physischen Fähigkeiten

verloren haben, ach ihrer geistigen Möglichkeiten verloren

haben, die es ihnen ermöglichen würden einen Tram z verwirklichen.

Im 2. Teil meines Vertrages komme ich dazu, daß wir diese

Situation, die ich so global beschrieben habe, dazu nützen

müßten,, zum Antrieb auf etwas neues - ich habs schon

angedeutet - daß heißt, wir müssen die Zukunftslosigkeit

bekämpfen, indem wir eigene Zukünfte uns vorstellen,

entwerfen und für sie eintreten, wir müssen die wachsende

Monotonie und Häßlichkeit unserer Welt bekämpfen,

Wir müssen die zukunftslosigkeit bekämpf en, indem wir

eigene Zukünfte uns vorstellen, entwerfen und für sie

eintreten

indem wir in diese Welt wieder Verschiedenheit, Originalität

und Schönheit hineinbringen. Wir müssen die Vorherr-


Schaft des Quantitativen bekämpfen, indem wir uns bemühen,

möglichst viel Qualität zu schaffen in einer sich

entwickelnden Zivilisation.Wir müssen aus der sinnlosen

Arbeit heraus, eine Arbeit entwerfen, mit deren Produkten

wir unsidentifizieren können, weil wir dannja auch Mitsprache

haben, und wir müssen wieder in einer ganz anderen

Weise als bisher das Gefühl haben, daß wir als Gemeinschaft

mitwirken können am Schicksal dieser Gemeinschaft,

daß wir in Bürgerforen und in anderen Projekten

versuchen können, unser Schicksal mitzubestimmen,

mehr zu bestimmen als nur ab und zu einen Stimmzettel

abzugeben, mehr zu bestimmen, als wenn wir nur ab und

zu zu einer Wahlversammlung gehen, nämlich als ein ständiger

Prozeß der aktiven Bürgerbeteiligung, des aktiven

Mitmachens und der Hoffnung, eine andere Zukunft zu

entwickeln. Wie kann das geschehen?

Ein ständiger Prozeß der aktiven Bürgerbeteiligung,

des aktiven Mitmachens und der Hoffnung eine andere

Zukunft zu entwickeln.

Werfür die Zukunft eintreten will, muß sich mit der Zukunft

beschäftigen, und wenn ich z.B, meine Bibliothek in Salzburg

- es war meine Privat bibliothek - der Öffentlichkeit zur

Verfügung gestellt habe, und gebeten habe, daß man sie

weiterentwickelt, war es, um Menschen die hier leben,

aber nicht nur hier leben, sondern auch an anderenJDrten

der Welt, ihnen zu zeigen, wie auf der ganzen WeltTieute

nicht nur Zukunftsprobleme studiert werden, negative und

gefährliche Zukunftstendenzen erkannt werden, sondern

wie überall versucht wird, etwas neues zu schaffen, neue

Zukünfte zu schaffen. Wir haben in unserer Bibliothek (Internationale

Bibliothek für Zukunftsfragen) nicht nur Informationen

über Zukunftsentwicklungen gesammelt, wir

wollen sie den Bürgern ZurVerfügung stellen, nicht nur den

Machern, nicht nur denen die Macht haben, Entscheidungen

tragen, wir wollen, daß allq Bürger sich informieren

können, wohin der Zug geht, welche Tendenzen sich

entwickeln, wie man erfahren kann, wohin sich die Wege

entwickeln. Darüberhinaus wollten wir einen Ort schaffen,

an dem Informationen über Projekte, über neue Projekte

für eine andere Zukunft gesammelt werden und verfügbar

gemacht werden. Wir haben heute bereits mehrere hundert

solcher Projektbeschreibungen aus der ganzen Welt,

Projektbeschreibungen in denen gezeigt wird, wie Menschen

mit der Landschaft anders umgehen, wo Menschen

Die Internationale Bibliothek für Zukunftsfragen - Zukunftsrelevante

Informationen für zukunftsinteressierte

Bürger

wo Menschen anders arbeiten, wo Menschen anders

bauen, wo Menschen versuchen, demokratisch Einfluß auf

die Gestalt ung ih rer Zukunft zu nehmen, ALL DAS IST KU L-

TUR, Kultur ist nicht ein Sonntagsbegriff, Kultur, ist nicht

einfach ein Schmuck, den wir uns umhängen, Kultur ist

nicht „Festspiele", sondern Kultur muß Alltag werden. Und

dieser kulturelle Alltag, der wird nur etwas werden, wenn

wir eine neue Zivilisation entwickeln. Das heißt zum Beispiel

nicht, daß wir Maschinen stürmen sollen, nicht, daß

wir Maschinen zertrümmern sollen, daß wir die Technik nur

als Feind betrachten, sondern nur, daß wir die heutige

Technik wie sie ist, veränern müssen, daß wir dieseTechnik

menschlich gestalten, sie überschaubar machen müssen,

daß wir diese Technik weniger zerstörerisch machen. Dieses

Projekt einerTechnik,die menschlich beherrschbar ist

und die nicht unmenschlich ist und nicht zerstört, die eben

Teil einer enweiterten neuen Kultur ist, das ist eines der Zukunftsprojekte,

die wir zu entwickeln haben. Man hat diese

Technik „sanfte" Technik genannt, sanfte Technik deshalb,

weil sie nicht so umweltzerstörerisch ist, weil sie die

Menschen, die mit ihr umgehen sollen, nicht kaputt macht,

dadurch daß sie weniger Lärm, dadurch daß sie nicht ein

solches Tempo hat, damit die, die mit den Instrumenten

arbeiten, nicht ständig im Streß sind, wie das heute bei den

Computern der Fall ist, wo man gesagt hat, daß ist eine

unschädliche Industrie, die bringt keine Verschmutzung,

was ja gar nicht stimmt. Man weiß heute gar nicht, wie man

z.B, alte Computer entsprgen soll, es gibt das neue Problem

des elektronischen Mülls, von dem man auch nicht

weiß, wie man mit ihm umgehen soll, alsoauch da sind genau

diese Probleme. Aber der Mensch, der heute arbeitet,

steht unter einem Tempostreß, daß er nicht mehr frei ist,

damit zu spielen, sondern unter beständigem Druck steht,

die Maschine fordert ihn und wir können allerdings diese

sehr komplizierte Kultur sehr gut in den Griff bekommen.

Ich habeselbst im Zuge einerZukunftswerkstätte in Nordrheinwestfalen

(wir haben über 20 solcher Zukunftswerkstätten

entworfen) einen Umgang mit dem Computer

angeregt, der den, der mit ihm arbeitet, nicht unterwirft,

sondern der Computer das ist, was er wirklich sein sollte,

nämlich ein Instrument, das den Menschen hilft, Dinge zu

tun oder gewisse Zusammenhänge zu erkennen, die wir

sonst nicht erkennen könnten. Also, auf der positiven Seite,

wenn wir eine andere Zikunft wollen, eine andere Zukunft,

die nicht Angst besetzt ist, eine Zukunft die zukunftsbesetzt

ist, müssen wir 2 Dinge tun: Wir müssen einmal

Widerstand leisten gegen eine Zukunft die uns zerstören

könnte, durch Krieg, die uns zerstören könntedadurch,

daß die Umwelt zugrunde geht, die uns zerstören könnte,

weil sie uns als Menschen nicht gemäß ist, nicht angepaßt

ist, weil sie vom Menschen zuviel Perfektion verlangt.

Wir müssen Widerstand leisten, gegen eine Zukunft die

uns zerstören könnte

ein Funktionieren verlangt, das unmenschlich ist. Diese

andere zukunft zu erarbeiten würde also eines der Projekte

einer neuen Kultur, einer erweiterten Kultur sein. Ich

spreche in diesem Zusammenhang ganz bewußt von der

neuen Zivilisation, an der wir arbeiten müssen. Es ist richtig,

daß, wenn die Entwicklung des 20. Jahrhunderts geradlinig

fortgesetzt wird, sie in Zerstörung und Untergang

enden muß. Aber dieser Untergang muß nicht stattfinden,

dann nämlich, wenn wir erkennen, daß hier eine ganz bestimmte

Periode der Geschichte, nämlich die Periode, als

man meinte, mit einem enorm effizienten Instrumentarium

alles machbar zu machen, verändern zu können, alles im

Griff zu haben, erkennen, daß diese Periode des Wahns

der absoluten Machbarkeit und der Tatsache, daß man

alles Leben, sowohl das Leben der Natur wie das Leben

des Menschen, diesem Machbarkeitswahn unterwerfen

kann, daß diese Periode ein Fehler, ein Fehlweg war. Der

Weg schien ein Stück weit richtig zu sein, weil er uns gewisse

Arbeiten erleichtert hat, daß aber dieser Weg in seiner

Übersteigerung zu einer - wie es Ulrich Beck, der deutsche

Soziologe genannt hat - Risikogesellschaft geführt hat, eine

Gesellschaft, die überschattet ist von der Angst, vor

ihrem eigenen Untergang.

Man hat sehr oft gesagt, Kultur ist alles, was nicht technisch

ist, und was die Arbeitswelt nicht betrifft, das ist Zivilisation.

Man hat alles was einem kulturell nicht gepaßt hat

auf dieZivilisation abgeschoben. In Wirklichkeit gibt es das

nicht. In Wirklichkeit müssen wir eineeinheitliche Gesamt-


kultur entwickeln, auch das was heute als zivilisatorisch

abgetan wird, abgeschoben wird, nach ähnlichen Maßstäben

messen, wie das kulturelle: Nach Maßstäben des Wertes,

des Sinnes, der Schönheit, Maßstäbe die bisher nur an

Kunstwerke angelegt wurden. Ein weiterer Versuch: Wenn

wir versuchen, die gefährliche Zukunft durch eine Praxis

des anderen Umganges mit den Instrumenten unserer Zivilisation

wie zum Beispiel der Technik, wie zum Beispiel

dem Verkehr, wie zum Beispiel unsere organisatorischen

Lebensformen, versuchen, das zu verändern, dann bedeutet

das auch, daß wir uns zurückbesinnen können, auf das,

was uns einmal selbstverständlich schien, nämlich die Verschiedenheiten,

die Originalitäten. Die Vielfalt muß wieder

möglich werden, es muß jedeeinzelneStadt,jedeeinzelne

Ortschaft ihr eigenes Profil entwickeln, sie muß das Projekt

Die Vielfalt muß wieder möglich werden

derer sein, die in ihr leben, die in ihr arbeiten, und daher

würde ich gar nicht nur von Kultur auf dem Land sprechen,

sondern überall im ganzen Land muß eigene kulturelle

Identifikation möglich sein. Man muß wissen; in meinem

Ort wurde etwas besonderes geschaffen, mein Ort ist unverwechselbar

im Vergleich mit anderen Orten. Es geht

nun aber nicht darum, aus dieser Originalität etwas zu machen,

das ist das Beste, das ist das Schönste und da will ich

dazugehören, die Anderen schieben wir weg, sondern es

geht darum, sich zu öffnen, um in Austausch zu treten mit

anderen Kulturen, die ihre Eigenheiten haben, um von

ihnen zu lernen, unter Umständen von ihnen auch etwas zu

übernehmen, nicht sich einer Massenkultur zu fügen, die

von irgendwelchen wirtschaftlichen Interessen dirigiert

wird, die von irgendwelchen fremden Mächten, von Designern,

die wir gar nicht kennen, nach Interessen, die wir gar

nicht kontrollieren können, entworfen wird, das kann auf

diese Art nicht weitergehen. Wenn die Bewohner eines

Dorfes, einer Kleinstadt, einer Mittel- oder einer größeren

Stadt, eines ganzen Landes nicht mehr die Möglichkeit haben,

selber ihre eigenen Vorstellungen, ihre eigenen Hoffnungen

in dieser Heimat, in diesem Dorf, in dieser Stadt, in

diesem Land verwirklicht zu sehen, wenn sie nicht das Gefühl

haben, daß sie daran mitarbeiten und daß sie auch das

kontrollieren können, dann wird es keine neue Zivilisation

geben. Die heutige Zivilisation ist dadurch geprägt, daß sie

von weitgehend anonymen Mächten dirigiert wird, z.B.

sind es heute die Werbewirtschaft, Elemente, die sie in die

Wirklichkeit hineinbringt, die Planer, deren Entwürfe uns

nie vorher vorgelegt werden, oder so spät vorgelegt werden,

daß wir unter Umständen nur noch gerade einen

über uns bestimmen dürfen, sondern wir wollen mitreden.

Nun sind ja leider die organisierten Mächte - wir habens ja

in Deutschland erlebt - wieder sehr schnell in der Lage,

dies in den Griff zu bekommen. Sie haben sehr schnell versucht,

diesen Aufstand des Volkes in, wie sie sagen, »geregelte

Bahnen« zu führen, und haben im Grunde damit diesen

Impuls der dort begonnen hat, eigentlich wieder

Sie haben sehr schnell versucht, diesen Aufstand des

Volkes in, wie sie sagen, »geregelte Bahnen« zu führen

zerstört. Genauso, wie nach dem letzten Krieg versäumt

worden ist, diesen neuen Impuls einer neuen Kultur zu

entfalten, wo man wieder etwas nachgemacht und reproduziert

hat von früher, genauso ist es jetzt wieder zunächst

wenigstens - gescheitert. Und hier kommt für mich die

wichtigste Perspektive, die den Menschen wieder Sinn geben

kann. Mit den Menschen kann man nicht dauernd

umgehen, wie mit Gegenständen. Der Mensch ist die wichtigste,

lebendige, phantasievolle, einfallsreiche und kritische

Ressource, wichtiger als jede materielle Ressource,

wichtiger als irgendein Rohstoff, dieser lebendige Mensch

läßt sich nicht auf Dauer belügen.

Es gibt am Land wenig Informationen, die über die unmittelbare

Umgebung hinausgehen. Heute ist Bildung und

Wissen vorhanden, die früher nicht vorhanden waren. Vielleicht

nicht genügend, aber die »dumpfe« Provinz, die gibt

es kaum mehr. Ich komme ja sehr viel rum, und wenn man

mich einlädt und ich die Wahl habe, zwischen einer großen

Stadt, wo ich mit den Menschen reden kann, oder einer

Die heutige Zivilisation ist dadurch geprägt, daß sie von

weitgehend anonymen Mächten dirigiert wird

Einwand erheben können und der Einwand wird dann als.

Hindernis für die Planung angesehen. Die Planung geschieht

nicht zusammen mit den Bürgern sondern wird

von oben aus dirigiert und ist nicht unsere Planung. Hier ist

der Machtfaktor ganz entscheidend. Der Bürger, die Bürgerin

muß die Möglichkeit haben hier mitzutun und auch zu

sehen was geschieht und auch ja zu sagen und nein zu sagen.

Wenn wir etwas erlebt haben in diesem letzten Jahr,

dann haben wir erlebt in ganz Europa den Aufbruch des

individuellen Wollens, aber wir haben nicht nur gesagt,

„Wir sind das Volk!", sondern sie haben auch gesagt „Ich

bin der Mensch!" und will mitreden. Wir sind das Volk, das

sind nicht irgendwelche Funktionäre die uns weiter dirigieren

dürfen, das sind nicht irgendwelche Unbekannte, die

Photo: AndrS Kertisz


kleineren, gehe ich fast immer in die kleinere Stadt. Ich gehe

gern in die Provinz, weil ich weiß, da sind Menschen, die

hungrig sind nach Informationen. In der großen Stadt, da

gibt es ein so großes Angebot, daß die Leute gar nicht

mehr richtig aufmerksam pind. In der kleineren Stadt, im

Dorf, da ist noch ein großer Informationsbedarf und da ist

auch die Bereitschaft da, etwas zu tun, da ist es noch möglich,

Dinge noch zu sehen und zu übersehen, wenn man nur

will. Und hier ist eben doch - neben diesen Vereinnahmungstendenzen

- von denen ich gesprochen habe, etwas

NEUES im werden.

Ich war vor fünf oder sechs Wochen eingeladen zu einer

Konferenz der Vereinten Nationen in New York und da kamen

zum ersten mal in die Vereinten Nationen nicht Staaten,

sondern sie haben Städte eingeladen und zwar nicht

nur große Städte, sondern auch kleine Städte. Sie haben

gesagt - es ging um die Fragen der Umweltgestaltung - in

jeder Gemeinde ist es möglich, daß die Menschen selber

wissen, was man tun könnte um die Umwelt zu verändern.

Da können sie noch genau prüfen, was geschieht und was

nicht geschehen soll. Da ist es möglich, durch die Veränderungen

noch zu spüren, und auch zu merken,'wenn man

solche Veränderungsvorschläge macht, wie sich das auswirkt,

und wie das aussieht. Das scheint mir ein ganz wichtiger,

positiver Ansatz zu sein, daß man immer mehr merkt

heute, daß die Veränderungen hinzu einer Kultur die sinnvoll

ist, und in der der Mensch wieder eine Rolle spielen

kann, daß eine solche Kultur vor allen Dingen, von unten

aus der Heimat, aus den Individuen, aus den Dörfern, aus

den kleinen Städten, schon weniger aus den großen Städten,

her kommt. Also nicht mehr von Oben, aus den Staaten,

oder sogar aus den großen internationalen Vereinigungen

kommen kann, oder aus den internationalen Konzernen.

Heute ist es ja so, daß weitgehend von IBM von General

Electric und Siemens unsere eigene Lebenswelt geprägt

wird. Das muß jetzt wieder von unten kommen, das

muß von denen kommen, wo das Leben wirklich ist, wo

man die Kultur noch mit Händen greifen kann, oder die

Unkultur mit den Händen greifen kann, die Häßlichkeit und

das was man gegen die Häßlichkeit tut, die Verschmutzung

und das was man gegen die Verschmutzung tut, die

Zerstörung durch die Straßen, die Landzerstörung und

was man dagegen tun kann. Die neue Zivilisation wird eine

Zivilisation gein müssen, der Vielfalt, der demokratischen

Beteiligung, und des Mitmachens an der Zukunftsgestaltung.

Es scheint, daß das eine Kultur sein könnte, die sinn-

Die neue Zivilisation wird eine Zivilisation sein müssen,

der Vielfalt, der demokratischen Beteiligung und des

Mitmachens an der Zukunftsgestaltung

voll ist, die nicht nur sinnvoll ist, sondern auch etwas neues

in die .Geschichte einbringt, denn bisher war es ja in allen

geschichtlichen Perioden anders, sogar in denen, in denen

manches von den Zerstörungserscheinungen des 19. und

des 20, Jahrhunderts noch nicht sichtbar war, wo der

durchschnittliche Mensch ja kaum einen Eigenanteil nehmen

konnte. Das neue ist jetzt, daß er jetzt diesen Anteil

haben kann und haben soll. Die französische Revolution

von 1789 ist ja in Wirklichkeit nie durchgeführt worden, hat

ja nie die Folgen gehabt, die sich die Menschen erwartet

haben, Sie hat gesagt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit,

Sie hat in vieler Hinsicht die Freiheit nicht verstärkt, sie hat

viele Menschen in neue Abhängigkeitsverhältnisse gebracht,

sie hat bestimmt keine Gleichheit gebracht, weil

gleiche Chancen keineswegs gegeben waren und bis heute

nicht gegeben sind, und sie hat schon gar nicht Brüderlichkeit

oder Schwesterlichkeit gebracht, weil sie Konkurrenzdenken

gebracht hat und nicht Gesellschaften, in denen

sich die Leute gegenseitig zuarbeiten und gegenseitig

helfen, und sich nicht gegenseitig zerstören.

Diese neue Zivilisation, in der die Versprechungen der

französischen revolution wahr gemacht werden, in der es

wirklich Freiheit gibt, in der es wirklich Gleichheit gibt,

Gleichheit die nicht Gleichmacherei bedeutet, sondern die

Möglichkeit für jeden, sich zu erfüllen und eine Zivilisation

in der Solidarität, Gemeinschaft und Brüderlichkeit und

Schwesterlichkeit möglich ist, diese neueZivilisation müßte

versuchen, sich die Ziele zu setzen, die nicht nur materieller

Natur sind. Das Signum der Zivilisation die nun zu

Ende geht, war die Vorherrschaft des Materiellen, die Vorherrschaft

des Geldes, das alles bestimmt und von dem

Das Signum der Zivilisation die nun zu Ende geht, war

die Vorherrschaft des Materiellen, die Vorherrschaft

des Geldes

abgehangen hat. Auch hier ist eine Gegenbewegung in

Gang; Ich war Anfang Oktober in Amsterdam bei einer

großartigen Tagung und zwar hatten die Musik- die Kunst

und Theaterschulen aus ganz Europa sich zusammengefunden,um

zum Ausdruck zu bringen „Wir wollen eine europäische

Vereinigung gründen, damit das Europa, das

1992 beginnen soll, nicht nur das Europa des gemeinsamen

Marktes ist, sondern ein Europa in dem die Kultur einen

anderen Stellenwert bekommt", einen hervorragenden

Stellenwert, einen Stellenwert bekommt, daß sie nicht

nur am Rande bleibt, daß sie nicht nur Verzierung ist, Daß

sie nicht nur 3% des Budgets bekommt, wie das jetzt im

Land Salzburg ist und mit Freude verkündet wird „wir haben

fast 3% Kulturbudget". 3% Kulturbudget sind jn einer

Zeit, in der Kultur um wieder Lebenssinn zu geben, in der

Kultur um wieder ein Gefühl zu haben, für das was man tun

könnte und tun sollte, wo man hingehen will, wo man den

Sinn des eigenen Lebens und den Sinn einer Geschichte

wieder entdecken kann, jämmerlich wenig.

3% Kulturbudget sind jämmllch wenig

Und wir haben erlebt, gerade jetzt, wie die angebliche

Abhängigkeit der Kultur vom Geld allein, die Kultur sei sozusagen

nur der Überbau, wie diese Ansicht doch nicht

ganz stimmen kann. Die kulturelle Sehnsucht der Menschen

bringt sie dazu, daß sie sagen, wir wollen das nicht

mehr, wir wollen etwas anderes und die Mittel dafür müssen

bereitgestellt werden. Sie werden noch nicht bereitgestellt,

aber sie werden immer stärker verlangt werden, wöil

Menschen, die keinen Sinn haben, die keinen Lebenssinn

haben, die keine Zukunftsziele haben, die keine Zukunftshoffnungen

haben auf die Dauer nicht leben können, und

sich ihr Lebenswille und ihr Lebensmut darin ausdrücken,

daß sie einesolche andere oderkulturgeprägteZivilisation

sich vorstellen, von menschlichen Werten geprägt, eine Zivilisation

in der der Mensch als Schöpfer wieder anerkannt

wird und sich bewegen kann;wo jeder Mensch, ganz gleich

werer ist, seineSchöpferkraft wieder einbringen kann und

einbringen soll und man wieder hinschaut und nicht auf

irgendwelche gestaltlosen Prinzipien, nicht auf irgendwelche

Produktionsstati$tiken, nicht auf irgendwelche

größenwahnsinnigen Konglomerate, sondern wo das Kleine,

und ich stelldas bewußt an das Ende, wieder eine Wichtigkeit

hat. Für mich ist in den letzten 20 Jahren meines Lebens

das was Leopold Kohr, ein Salzburger, formuliert hat,

vielleicht das Allerwichtigste, die allerwichtigste Erkenntnis

geworden, Leopold Kohr hat deutlich gesagt, daß nur


Für mich Ist in den letzten 20 Jahren meines Lebens das

was Leopold Kohr, ein Salzburger, formuliert hat, vielleicht

das Allerwichtigste, die allerwichtigste Erkenntnis

geworden

dort, wo die Menschen ihre Verhältnisse noch überblicken

können, wo nicht das Große, sondern das Kleine, Übersichtliche

zum Prinzip wird, daß nur dort ein echter kultureller

Fortschritt möglich ist. Überall wo das nicht geschieht,

überall wo die Mittel abwandern um eine riesige

Betriebsamkeit zu entfalten,Bauten zu bauen, die nicht

notwendig sind, Armeen zu bezahlen, die man nicht

braucht, Sicherheitsdienste zu finanzieren, die im Grunde

dem Bürger nur seine Freiheit nehmen, überall dort, wo

man das nicht mußte, hat sich Kultur entfaltet. Er hat gerade

Salzburg als Beispiel gebracht und hat sich gefragt, wie

kommt es, daß Salzburg sich so entwickeln konnte, ein verhältnismäßig

kleiner Raum so viele Kirchen herstellen

konnte, so viele Schlösser, so viele architektonische

Schönheiten bringen konnte, daß es dort so viel Theater

gibt, so viel Musik, so viel kulturelle Tätigkeit, Er hat gesagt,

das ist es eben, weil wir unsere Mittel nicht verschwendet

haben für Armeen, für Bürokratie, für gestaltlose Organisationsformen,

sondern weil wir noch eine Ahnung von

dem hatten, wofür das Leben sein soll, und was die wichtigsten

Grundsätze und Ziele einer Zivilisation sein sollen, Diß

Bedeutung Leopold Kohrs wird immer mehr steigen, in

dem

Die Bedeutung Leopold Kohrs wird immer mehr steigen

wie Menschen erkennen werden, daß seine Lehre keine

Lehre ist der Kleinstädterei, des Kantönligeistes, sondern

eine Lehre des Menschen der mit der WIRKLICHKEIT lebt,

der nicht Irgendwelchen abstrakten Einheiten angehört,

der sich nicht irgendwelchen Ideologien unterwirft, sondern

der das sichtbare, gestaltbare, erlebbare für wichtig

hält. Ich meine, daß dieser Leopold Kohr für die neue Zivilisation

an der der arbeiten sollten und arbeiten müssen, eine

ganz entscheidende Rolle spielen wird, daß er einen

Ich meine, daß dieser Leopold Kohrfür die neueZivilisation,

an der wir arbeiten sollten und arbeiten müssen, eine

ganz entscheidende Rolle spielen wird

ganz entscheidenden Gedanken vorgedacht hat, und Ich

möchte ihm von hier aus danken, daß er den Mut gehabt

hat, in einer Zeit, wo man geglaubt hat - man glaubt es ja bis

heute-daßdasZusammentunvon immergrößeren Einheiten

die Zivilisation weiterbringt (wir erlebens ja jetzt In

Deutschland wieder) daß er in dieser Zeit den Mut gehabt

hatzu sagen, nein, die glückliche Kultur, die glücklicheZivilisation

entsteht dort, wo sie überschaubar ist und jeder

mitmachen und mittun kann. Ich danke Ihnen.

Auch Kunstschaffen ist ein Teil der Kultur

Photo: Günther Witzany

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