Zur PDF Ausgabe der "arche nova" - Leopold Kohr Akademie

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Small is beautiful

Im so ungewöhnlich ereignisreichen Jahr 1990 standen zwei diametral

entgegengesetzte Ereignisse im Vordergrtmd: auf der einen Seite

der Zerfall des sowjetischen Staatsverbandes tmd auf der anderen die

Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Welche Entwickltmg

wird wohl positiver beurteilt? Welche könnte dem Weltfrieden

dienhcher sein? Auf den ersten Bhck ist die Antwort kaum zweifelhaft

Selbstverständlich wird ein Zusammenschluß eher begrüßt als

ein Auflösungsvorgang. So smd unsere Denkgewohnheiten seit

langem programmiert. Genaugenommen seit dem 19, Jahrhundert, m

dem der Gedanke der nationalen Einheit Wunsch tmd Ziel wurde.

Und als dann diese Nationen einander in furchtbare Kriege verstrickten,

hieß es nachher: Nim müssen wir die kontmentale, wenn nicht

sogar die globale Einheit anstreben. Dann wkd endhch der ewige

Weltfriede einziehen.

Müssen wir die globale Einheit anstreben?

Stimmt das? Ist das nicht em tmerfüllbarer, ja vielleicht sogar ein

gefährUcher Traum? Bringt das Zusammenwachsen von Städten zu

Regionen, von Regionen zu Nationen, von Nationen zu internationalen

Organisationen womöghch mehr Risiko als Gewinn, weil damit

alle Schwierigkeiten und Konflikte, die auftauchen, größer, umfassender

tmd damit auch schwerer zu beschränken tmd zu kontroUieren,

oder gar verbindlich zu regeln sind?

Dem Querdenker, der seit fast einem halben Jahrhtmdert solche im

Ijequemen tmd, wie manche meinen, verrückten Fragen stellt sind

die folgenden Ausführungen gewidmet. Er heißt Leopold Kohr. Er

schreibt spricht, diskutiert ntm schon ein Leben lang auf deutsch,

englisch tmd wallisisch über die politischen, sozialen tmd kultureUen

Schicksalsfragen unserer Zeit Aber sein Werk ist obwohl es im

Druck vorliegt in weiten Kreisen kaum bekannt vermuthch weil es

den akzeptierten Denkweisen widerspricht tmd eigensmnig eine

Grtmdtendenz dieser Epoche bekämpft: den blinden Drang zu

Wachstum und Größe.

Leopold Kohr widerspricht den akzeptierten Denkwelsen

Im Originaltext den er immer wieder abwandelt lautet Kohrs Devise

so: "Wie Physiker unserer Zeit versucht haben, eine einzige integre

Theorie zu erarbeiten, die nicht nur einige, sondem aUe Phänomene

des physischen Universums erklärt habe auch ich - auf einer anderen

Ebene - versucht eine einzige Theorie zu entwickeln, mittels der

nichtnur einige, sondem alle Phänomene des Universums auf emen

gememsamen Nenner gebracht werden können... Sie beruht darauf,

daß alle Formen sozialen Elends nur eme Ursache haben: ihre Größe

... Es scheint das zentrale Problem der Schöpfung zu sein. Wo immer

etwas fehlerhaft ist ist es zu groß... Erkrankt der Organismus eines

Staates am Fieber der Aggression ,„, so geschieht das nicht weil er

einer schlechten Führung oder geistigen Verwirrung zum Opfer

gefallen ist, sondem weil menschhche Wesen, die als Individuen

oder als kleine Gmppe so reizvoll sein können, in hochkonzentrierte

soziale Emheiten zusammengefaßt wurden, etwa in Horden, Gewerkschaften,

Kartelle oder Großmächte, die als solche in tmkontrolherbare

Katastrophen hineinschhtterten. Denn soziale Probleme

haben... die unglückhche Neigtmg, sich im Verhältnis zum Wachstum

jenes Organismus, dessen Teil sie sind, in geometrischer Reihe

zu entwickeln, während die Fähigkeit des Menschen, mit ihnen fertig

zu werden, nur in arithmetischer Reihe wächst. Die Probleme emer

Gesellschaft die sich über ihre optimale Größe hinaus entwickelt

wachsen also mit der Zeit rascher als die menschhche Fähigkeit mit

ihnen fertig zu werden ... Da moralisches, physisches oder pohtisches

Unheil ntu- von der Dimension abhängt..., liegt die einzige

Löstmg dieses Problems darin..., den Organismus, der seine natürhche

Größe überschritten hat zu reduzieren... Die Lösung heißt

deshalb nicht Zusammenschluß, sondem Teilung".

Die Lösung heißt nicht Zusammenschluß, sondem Teilung

Welch ketzerisches Bekenntnis, zuerst so umfassend formuliert im

Jahre 1957, aber dann mit immer größerer Intensität wiederholt bis

zum im Febmar 1986 verkündeten Apodiktum: "Klem sein oder

nicht sein, das ist hier die Frage!"

Wer so etwas hest oder hört ohne den zu kennen, der es schreibt oder

sagt könnte meinen, er habe es mit einem zur Pathetik neigenden

Fanatiker zu tun. Eine begreifhche, aber der Wirkhchkeit des Menschen

Leopold Kohr in keiner Weise entsprechenden VorsteUung.

Denn der ist ein geselhger, gemütUcher, heiterer Österreicher, dessen

Humor tmd menschliche Wärme jeden, der ihm begegnet sofort zum

Fretmd macht mit dem man gerne zusammensitzt Anektoten austauscht

tmd "ein tmentbehrhches Glaserl Wein" trinkt

So ist auch nicht der Seminarraum oder der Vorlestmgssaal für ihn

der ideale Platz für geistige Auseinandersetztmgen, sondem das

"akademische Wirtshaus", in dem man spontan streitet spinnt tmd

laut lachend nachdenkt. "Konvivial" hat Ivan Dllch, emer der vielen

berühmten Fretmde Kohrs, diesen lebendigen Stil der gemeinsamen

Wahrheitssuche genannt der Geist und Leben nicht voneinander

trennen mag.

Das "akademische Wirtshaus" als "konvivialer" Ort des

gemeinsamen Phllosophlerens

Wer ntm, wie es gelegenthch geschehen ist Kohr zum "Stammtisch-

Philosophen" herabstuft irrt sich wiederum. Der 1909 nahe Salzburg

geborene hat die Universitäten hmsbmck, Wien tmd Paris l)esucht

inskribierte an der berühmten wirtschaftswissenschafthchen Ehteschule,

der "London School of Economics", ehe er dann selber in den

USA zum Lehrstuhlinhaber für Philosophie an der Rudgers University

von New Jersey tmd danach an der Universität von Puerto Rico

wurde. Seine beiden Hauptwerke "The Breakdown of Nations" tmd

"The Overdeveloped Nations" hat er auf enghsch geschrieben. Sie

zeugen sowohl vonseinergroßenBelesenheitimdGründhchkeit wie

von semer Originalität. Ungewöhnhch wie sem Denken war auch der

Lebenweg des Arztsohnes aus der zweiundzwanzig Kilometer von

Salzburg entfemten Kleinstadt Obemdorf. Freiwilhg gmg er m die

Emigration, als Hitler seme Träume von deutscher Größe mit Gewalt

durchzusetzen begarm, tmd hielt sich als Berichterstatter über Was-

So nahm er als Korrespondent einer französischen Nachrichtenagentur

auf republikanischer Seite am spanischen Bürgerkrieg teil, ein

Erlebnis, das für seine geistige Entwickltmg entscheidender gewesai

sein dürfte als die vorangegangenen Universitätsstudien. Deim in der

umkämpften Hauptstadt Kataloniens, Barcelona, machte er sowohl

Bekanntschaft mit den engagierten Vorkämpfem einer tmterdrUckten

regionalen Kultur wie mit den m dieser imgewöhnlichen Metropole

besonders stark vertretenen Anarchisten, Und hier hat er auch

emen damals noch kaum bekannten englischen Schriftteller kennen-

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