Pfingstmesse in Lubiayi

emk.graz.at

Pfingstmesse in Lubiayi

Lubiayi, 19. Mai 2013

Pfingstmesse in Lubiayi

Seit 2 Wochen bin ich jetzt im Norden der Provinz Katanga. Ausgehend von Kongolo am oberen

Kongo, der Fluss ist hier etwa so breit wie die Donau, haben wir Kabongo erreicht, wo nächste

Woche ein Kompost-Workshop stattfinden wird. Knapp 400 km, verteilt auf 3 Etappen, liegen hinter

uns, 16 Stunden Fahrzeit, ergibt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 km/h - der Routenplaner

von Google Maps schlägt 7 h 12 min vor - obwohl wir mit einem einheimischen Chauffeur unterwegs

sind, der die Strecke in-und-auswendig kennt und dementsprechend fährt.

Im Vergleich zum Süden ist der Norden der Provinz Katanga völlig vernachlässigt, hier gibt es keine

Bodenschätze und somit auch kein besonderes staatliches Interesse an der Region. Die Straßen sind

nur während der Trockenzeit und selbst da nur mit robusten Geländefahrzeugen befahrbar,

funktionierende staatliche Einrichtungen gibt es so gut wie keine, die wenigen Schulen und

Krankenstationen werden meistens von Ordensschwestern bzw. der lokalen Caritas unterhalten. Die

Diözese Kongolo umfasst mit 44.000 km² (= Stmk., OÖ und NÖ zusammen) 13 Pfarrbezirke, 5 haben

wir in den letzten Tagen besucht, seit Freitag sind wir in der Pfarre Christ-Roi von Lubiayi, einer

ehemaligen Missionsstation, gegründet 1944.

Die Pfingstmesse beginnt um 8.30 h, die Kirche ist längst bis auf den letzten Platz gefüllt, von der

nebenan liegenden Schule werden noch Bänke gebracht, ich bekomme einen Ehrenplatz auf einem

roten Plastikstuhl. Ich schätze 600-700 Menschen, alle festlich gekleidet, viele Farben und Muster,

Frauen im Wickelrock oder in eleganten Kleidern, Männer in Hose und Hemd, manche mit Sakko und

Krawatte, entsprechend der Bevölkerungsverteilung sehr viele Kinder und junge Menschen, eher

wenig ältere Personen.

Der Einzug zu Beginn erinnert mich an David vor der Bundeslade, die Ministranten singen und hüpfen

zur einsetzenden Musik, dahinter die Priester, viel Weihrauch der die einfallenden Sonnenstrahlen

verstärkt, die Kirche erbebt vom immer mehr anschwellenden Gesang. Der Zug bewegt sich langsam

nach vorne, dahinter schließt sich der Gang mit tanzenden Frauen die immer wieder ein Ajijijiji

Freudengeheul anstimmen, das Fest beginnt. Nach etwa 10 Minuten legt sich die Musik, 5 Priester

und 12 Ministranten haben vorne Aufstellung genommen. Mittlerweile verstehe ich einige Worte

Swahili, durchsetzt mit französischen Wörtern und biblischen Begriffen, der Ritus folgt unseren

katholischen Gottesdiensten - nur dauert er etwas länger.

Die erste Stunde vergeht mit viel Gesang, unterbrochen von kurzen Lesungen, begleitet von

Keyboard, Bassgitarre und Trommeln, für den Strom sorgt der Generator der Pfarre, gleichzeitig

werden an allen verfügbaren Steckdosen Handys geladen. Die Melodien folgen dem typischen

Schema der kongolesischen Musik auf der Basis C-E-G-E-C, je nach Rhythmus entsprechend

wiederholt, abgewandelt und ineinander übergehend, der Gesang geht hin und her, mehrere

Tonlagen, der Chor singt vor, die Gemeinde antwortet oder singt nach, der Gesang wogt hin und her,

alle klatschen und singen. Nach etwa einer Stunde die Predigt, eine gute halbe Stunde, kein

einseitiger Vortrag sondern immer wieder rhetorische Zwischenfragen oder ein Halleluja, auf das die

Gemeinde mit Amen antwortet. Anschließend die Opfergaben, Musik setzt ein, vorne stehen 2

Ministranten und nehmen in großen Körben die Geldscheine entgegen, Münzgeld gibt es hier nicht.

Einstweilen haben sich im rückwärtigen Eingangsbereich viele Frauen versammelt, an der Kleidung

als einfache Bäuerinnen erkennbar, in den Händen und auf dem Kopf bringen sie die Früchte ihrer

Arbeit - Kübel voller Erdnüsse, Maniok und Mais, getrocknete Fische, Palmfrüchte, Yamswurzeln,

Plantain (Kochbananen), Bananen, Avocados und Ananas aber auch Schüsseln mit Holzkohle, Seife,

Kaffeefrüchte, Hasen und Hühner, eine Ente.


Die Bevölkerung hier ist im Vergleich zum Süden deutlich ärmer. Der Grund sind die schlechten

Transportwege, wodurch die Bauern keine Möglichkeit haben ihre Produkte auf den Märkten der

großen Städte im Süden zu verkaufen. Dementsprechend niedrig ist das Preisniveau für

landwirtschaftliche Produkte und entsprechend hoch sind die Preise für Handelswaren. Fahrende

Händler transportieren auf Fahrrädern bis zu 200 kg Fracht in das rund 600 km entfernte Kolwezi,

Palmöl und getrocknetes Wildpret gegen Fahrradreifen, Handywertkarten und Benzin aus Angola,

etwa 1 Monat sind sie unterwegs - in eine Richtung.

Nach Predigt und Opfergaben folgen eine Segnung der Mitglieder der charismatischen Gemeinde -

ein kluger Schachzug der katholischen Kirche der dem Singbedürfnis der Bevölkerung entspricht und

gleichzeitig ein Abwandern an andere charismatische Kirchen unterbindet - Eucharistiefeier mit viel

Weihrauch und Kommunion. Am Vortag haben wir dem Präfekten unsere Ankunft bekannt gegeben

(Stoff für eine eigene Geschichte), der Präfekt ist heute ebenfalls anwesend. Beim Friedensgruß eilt

sein Leibwächter mit umgehängter Maschinenpistole auf mich zu um mir die Hand zu schütteln, den

grimmigen Blick kriegt er wohl nicht mehr weg aber irgendwie sieht auch er fröhlich aus.

Am Ende der Messe werden noch die Gäste der Caritas-Delegation vorgestellt, womit auch das Rätsel

um den heute anwesenden Muzungu (=Weißer auf Swahili) gelöst ist - großer Jubel, am Anfang war's

noch etwas ungewohnt, mittlerweile hab ich mich daran gewöhnt.

Der Gottesdienst endet nach etwas mehr als 3 Stunden so wie er begonnen hat, Priester und

Ministranten ziehen im Weihrauchnebel aus, die Kirche bebt vom Gesang und Freudengeschrei.

Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass die Zukunft der Kirche in Afrika und Lateinamerika liegt. Gut

vorstellbar.

Liebe Grüße

Georg

Nachtrag:

30. Mai 2013

Seit 2 Tagen wieder zurück in Lubumbashi, wo ich Franc, einen befreundeten Belgier getroffen habe,

der soeben aus Mbuji-Mayi zurückgekommen ist und mir von dort erzählt hat.

Mbuji-Mayi, mit geschätzten 3 Millionen Einwohnern 2-größte Stadt der Demokratischen Republik

Kongo nach Einwohnern, größter Produzent von Industriediamanten weltweit - in Wirklichkeit ein

großes Dorf, ohne Stromversorgung, ohne funktionierende Straßenanbindung, die Versorgung mit

Grundnahrungsmitteln, Benzin/Diesel, Holzkohle etc. erfolgt weitgehend mittels Fahrrädern (!) die

bis zu 250 kg geladen haben und oft über hunderte Kilometer durch den Busch geschoben werden -

Franc hat erzählt dass sie manchmal geholfen haben die Fahrräder zu schieben, was angesichts des

sandigen Untergrundes oder steil aufwärts führender Strecken oft eine ziemliche Schinderei war.

Die Diamantenförderung erfolgt fast ausschließlich artisanal, d.h. händisch, durch Männer, Frauen

und Kinder, die den Untergrund aufgraben und in Schüsseln waschen, die Diamanten werden von

Zwischenhändlern aufgekauft und an der zwar existierenden, de facto aber nicht vorhandenen,

staatlichen Kontrolle vorbei außer Landes gebracht. Hintermänner und Handelswege sind unbekannt.

Nur ein Beispiel von vielen aus einem Land das aufgrund seines Rohstoffreichtums seit Jahrzehnten

im Zentrum der Weltwirtschaft steht und von der jeweiligen Regierungskaste einzig und allein als

Selbstbedienungsladen zur persönlichen Bereicherung betrachtet wurde bzw. wird.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine