Menschenrechte heute - Behindertenbeauftragter des Landes ...

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Menschenrechte heute - Behindertenbeauftragter des Landes ...

Die Sprache regierender Politiker und tonangebender Medien verschleiert diese

Tendenzen. Es ist nicht leicht, hinter den Nebelschwaden der Propaganda die Realität

zu erkennen. Ich habe einige Zeit gebraucht, um einige der sprachlichen Tricks zu

durchschauen. Wenn man aber erst einmal dahintergekommen ist, dass die eine Seite

von Terroristen spricht und die andere von Freiheitskämpfern, wenn von denselben

Menschen die Rede ist, dann findet man sich schon leichter durch.

Was denken wir, wenn uns gesagt wird: „Wir müssen normal werden, wir müssen

endlich erwachsen werden, wir müssen wieder Verantwortung übernehmen?“ So war

es vor allem in den 1990er Jahren immer wieder zu hören und zu lesen. Gemeint

war: Die Deutschen sollen wieder zum Kriegführen bereit werden.

Oder in den letzen Jahren bei jeder Gelegenheit: „Wir müssen wettbewerbsfähig

werden“ – nachdem das vereinte Deutschland, das weitaus größte, bevölkerungsreichste,

mächtigste Land in der EU, alle anderen EU-Länder längst nieder konkurriert

hat. Wettbewerbsfähig werden – damit ist gemeint: Die Produktionskosten sollen

weiter sinken. Deshalb: weniger Lohn, geringere Sozialleistungen, noch mehr Export.

Und natürlich mehr Profit. Verschärfte Ausbeutung, um immer noch billiger produzieren,

ausländische Produzenten verdrängen zu können.

Ich möchte Ihnen einige Sätze aus dem am 29. November verkündeten Lehrschreiben

„Evangelii gaudium“ vorlesen, in dem Papst Franziskus mit seiner Autorität vieles

gesagt hat, was ich als Nichtkatholik ganz ähnlich denke und nicht besser sagen

könnte. Ich zitiere:

„Ebenso wie das Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze setzt, um den

Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ‚Nein zu einer Wirtschaft

der Ausschließung und der Disparität der Einkommen‘ sagen. Diese Wirtschaft

tötet. (...) Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach

dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht.

Infolgedessen sehen sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an

den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg. Der Mensch an

sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen

kann. Wir haben die ‚Wegwerfkultur‘ eingeführt, die sogar gefördert wird. Es geht

nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern

um etwas Neues: Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft,

in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich

nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man

steht draußen.“

Darf ich Ihnen noch ein paar weitere Sätze des Papstes vorlesen? Ich zitiere: „ Die

Ausgeschlossenen sind nicht ‚Ausgebeutete‘, sondern ‚Müll’‚ Abfall‘. (...) Einer der

Gründe dafür liegt in der Beziehung, die wir zum Geld hergestellt haben, denn friedlich

akzeptieren wir seine Vorherrschaft über uns und über unsere Gesellschaften.

Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung

eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen!

Wir haben neue Götzen geschaffen. (...) Während die Einkommen einiger weniger

exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser

glücklichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die

die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen. (...) Die

Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen. In diesem System (...) ist alles

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