Heidi Zenz Prozesskunst – Katalog - alexander huemer

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Heidi Zenz Prozesskunst – Katalog - alexander huemer

HEIDI

ZENZ

P R O Z E S S K U N S T


Heidi Zenz

Bergstetten 7

A-5142 Eggelsberg

heidi.zenz@aon.at

+43 7748 6078

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Über die Sichtbarmachung

von Lebens-Spuren in Natur und Kunst

Lange bevor ich Heidi Zenz persönlich begegnete, fielen mir ihre Arbeiten auf.

Das besondere daran war, dass sie an bestimmte Orte in der Natur gebunden

waren, an Wiesen oder Laubwälder, und das konstant, beinah jährlich. Hier kamen

ihr die bemerkenswerten Aktionen der Gemeinde Eggelsberg, Kunstobjekte

in der Natur auszustellen und dort als und für die „Stillen Besucher“ wirken

zu lassen, zu Gute.

Sich an der Natur als Gestaltungselement orientierend, zählen Wind und Wetter

zu ihren Stilmitteln, was naturgemäß ihre Ausstellungsrate in Galerien und

anderen Institutionen senkt. Ihre Bilder, die in Galerien damals zu sehen waren,

handelten auch von Natur, davon, was sie hervorbringt und von etwas, das

Menschen in ihren Hintergrund stellen: die Mythen.

Seit langem agiert Heidi Zenz in einem ausgedehnten künstlerischen Betätigungsfeld,

sie zeichnet, malt, skulpturiert und baut Installationen in die

Landschaft. In der Praxis geht es ihr dabei nicht primär um das Beherrschen

diverser künstlerischer Techniken, vielmehr ergeben sich diese durch eine

relativ zwingende Auswahl von Materialien. Letzteres erschließt sich aus der

leidenschaftlichen Sammeltätigkeit, die so gut wie vor ihrer Haustüre beginnt

und in Stollen, Gebirgen oder Wüsten fernerer Länder, wie beispielsweise der

bergigen Südtürkei, Cyperns oder Jordaniens, endet.

Vor längerer Zeit ergab es sich, dass ich in ihrem Bergstettener Haus Einblick

nehmen konnte in ihr Atelier. In dem kleinen, nach draußen abgeschirmten

Refugium, herrschte penible Ordnung, kein Wunder, denn der Verdacht, mich

eher in einer Produktionskammer einer Alchimistin, denn in einer traditionellen

Werkstatt einer zeitgenössischen Kunsttreibenden vorzufinden, bestätigte

sich schnell. In hohen Regalen waren da unbestimmte Mengen von ganzen und

zerschlagenen Steinen, Rinden, Erden, getrockneten Pflanzen und anderem

abgestorbenen Gewerk aus der Natur, jeweils sortiert nach ihren besonderen

Beschaffenheiten, zu sehen. Diese zerstieß und rieb sie mit großer Passion, und

wie in einem meditativen Akt, um daraus Pigmente für ihre Zeichnungen und

Malereien zu gewinnen.

In der Darstellung hält die Naturverbundene sich an Gesehenes in ihrer näheren

Umgebung oder in exotischen Orten im Süden, das sie aus der Erinnerung teils

streng abstrahiert wiedergibt, sich andererseits dabei aber auch an konkrete

Formen hält. Typisch für die im Eggelsberger Kunstraum Schaffende ist, dass sie

sich in Formbestimmungen und Formveränderungen von Naturobjekten wie

Blättern, Salzsteinen u.a. formbildend einmengt und keine freie Formen „erfindet“.

Sie passt sich ständig der Eigendynamik des Naturmaterials an.

Dieser Schaffensvorgang ist besonders gut in der Bearbeitung und Darstellung

von Blättern, einem Lieblingssujet von Heidi Zenz zu beobachten. Die schönsten,

in gesättigten Farben und ungewöhnlichen, oft monumentalen Größen

liest sie auf, präpariert sie und bringt sie zur Darstellung. Sie collagiert sie oder

extrahiert ihre Farben und garnt sie als täuschend gute Abbildung in bunte Liniennetze

ein oder fixiert sie als originale Malerei auf antiquierte Notenblätter,

auf denen z.B. Schubert-Lieder, in denen die Natur gepriesen wird, vom Blatt

zu singen oder spielen wären.

In den plastischen Arbeiten von Heidi Zenz taucht ein Material durchwegs auf:

der Salzstein. Riesige Brocken, die aus Salzstollen herausgekarrt wurden, hat

sie in relativ strenge Formen geflext und gehauen und sie danach in open air-

Geländen aufgestellt, wo sie wie rastende, stumme Wesen hocken und auf ihre

Besucher warten.

Sie verkörpern das Zusammenwirken von Kunst und Natur, denn der Formzustand

zum Zeitpunkt des Aufstellens der Plastik bedeutet nicht den End-Formzustand,

da in die Oberfläche des Salzsteins durch Wettergegebenheiten wie

Regen, Frost, Hitze, Wind etc. eingegriffen wird. Je mächtiger das Ausmaß

einer Salzsteinplastik ist, umso länger kann der damit verbundene Veränderungsprozess

beobachtet werden.

Das Moment der Vergänglichkeit, des Schwindens wird dem Betrachter spätestens

dann bewusst, wenn eine Salz-Plastik sich nach einer gewissen Zeit in

Nichts aufgelöst hat und nur noch den leeren, rostigen Säulen-Podest, auf dem

er ruhte, hinterließ. Dass nicht nur Menschen vom Anblick solcher Skulpturen

in offener Flur profitieren, sondern auch Tiere, die an solchen Objekten schon

mal lecken, amüsiert die Urheberin, umso mehr als ihr Kunstverständnis ein

umfassendes, eigentlich von Natur und Lebendigem untrennbares ist.

Andere Arbeiten von Heidi Zenz repräsentieren ihre intensive Auseinandersetzung

mit dem Thema „Schlamm“. Das Gemisch aus wenig Flüssigkeit mit

feinkörnigen Sedimenten übernimmt sie wie eine traditionelle Wasserfarbe,

trägt sie auf handgeschöpftes Papier auf und überlässt seinen Verlauf der ihm

eigenen Schwerkraft, steuert außer dem Ganzen eine Richtung zu geben

wenig dazu bei. Dadurch entstehen Rinnsale, wie man sie aus der Natur in

einem Flüssigkeitsfilm auf dem Boden kennt, die den Anschein haben, als lyrisch

abstrakte Malerei entstanden zu sein.

Die vegetabilen, organisch wirkenden Fließstrukturen erinnern an jene von

Adern sowohl im menschlichen Köper als auch in Blättern, an Farne oder

Korallen. Manche Blätter presst sie gegen einen zweiten Blattuntergrund, wodurch

sie als Druck, als eine Monotypie geltend gemacht werden.

Heidi Zenz lenkt die Aufmerksamkeit auf den Reichtum der Natur und die vielfältigen

Möglichkeiten, sich produktiv-kreativ in ihren Dienst zu stellen. Es mag

gerade von dem einen Denkansatz herrühren, das Leben und die Produktion

der Natur aus einem existentiell positiven Vorzeichen verstehen zu wollen und

eben darin einen ästhetischen Ansatz zu finden, dass Heidi Zenz im weiteren zu

einer großen und leidenschaftlichen Sammlerin von „Naturalien“ werden lässt.

In dem neu gestalteten Ausstellungsraum ihres Bergstettener Atelier- und

Wohnhauses mischt sich die persönlich schöpferische Seite mit der bewusst

gemachten und wohl deshalb neu angelegten Schauseite des Sammelns. Der

Besucher gewinnt dort Einblick in eine Ansammlung spezieller Art: sie weist

den Charakter eines naturkundlichen Bestandes auf, insbesondere von jenem

Territorium, das Heidi Zenz beinah täglich durchstreift, das Ibmer Moor. Die

Künstlerin erschließt sich ihr Lieblingsgelände zunächst nach landschaftlichen

Qualitätsvorlieben und intendiert die Sichtbarmachung von aus der Natur

stammenden Relikten.

Dabei spielt sie den Blick auf von der Natur vorgegebene um nicht zu sagen:

„vorgefertigte“ Fund-Gegenstände in den Vordergrund. In der Auswahl

sind Materialbeschaffenheit und Form ausschlaggebend für die Aufnahme der

Objekte in den eigenen Sammlungsbestand. Ist er dort einmal gesichert, wird

darüber entschieden, ob der Materialzuwachs primär als Form als eine aus

dem Naturkontext distanzierte Form bestehen bleibt oder ob er gerade auf

Grund seiner Form eine neue Bedeutung erlangen kann. Umgekehrt erlaubt ihr

diese Methode des Sammelns eine differenzierte Art der Wahrnehmung ihrer

Umgebung.

Die Ansammlung gibt Auskunft über Fauna und Flora eines bestimmten Landstrichs

und stellt einen Erfahrungshorizont über eine Gegend dar. Zu sehen

sind da Gesteinsbruchstücke und Mineralien, von denen so manches Teil für die

Prozedur des Zerreibens bestimmt ist. Weiters liegen da extrahierte, kunstvoll

geschwungene Wurzeln von moorendemischen Pflanzen, so wie zu kleinen

Bündeln geschnürte Fragmente von Gehölzen und Gestauden, angesengte und

verkohlte Holzstücke, Wespen- und Hornissennester, Schoten und Zapfen,

Harzstücke, allerlei Knöchelchen und Schädelchen von Kleingetier, also alles

Bestandteile aus einer bereits abgestorbenen Fauna und Flora. Diese Fund-Materialien

werden von Heidi Zenz aus ihrem Urkontext gewissermaßen entlassen

und in ein nach künstlerischen Aspekten gewähltes Arrangement gebracht, nach

Gesetzen einer neuen Ordnung, wobei Akkumulationen bevorzugt werden,

aber auch serielle Anordnungen durch Symmetrien oder Reihen formbestimmend

gestaltet werden. Dadurch, dass die Fund-Gegenstände nicht als

Bestandteile z.B. innerhalb eines Materialbildes Verwendung finden, sondern in

ihrer Bedeutung ident bleiben, gelangen die Selbstäußerungen von Heidi Zenz

in einen von sich distanzierten Bereich. Die Materialien werden dadurch mehr

als Dokumente, denn als Zeichen individueller Ausdrucksform gehandhabt, was

nicht heißt, dass der ästhetische Aspekt in der Visualisierung verloren ginge. Die

künstlerische Identifikation erfolgt hier primär nicht über die eigene Handschrift,

sondern über die Diversität der intuitiv ausgesuchten Materialien.

Ein großes Anliegen drückt sich in der Sichtbarmachung von Spuren der

Prozessualität innerhalb eines Lebensraums, in der Natur aus. Das erklärt auch,

warum es bei Heidi Zenz häufig zur Realisation von seriellen Arbeiten kommt.

Im sukzessiven Wahrnehmen von Serien aus ein und der selben Materialbeschaffenheit

spiegelt sich die Veränderung, der Faktor Zeit wie auch die Langsamkeit

als wichtiger Aspekt in der Prozesskunst. Das aneinander gereihte Sehen von

Werkstücken gleicher Materialität kann neben der ästhetischen Intention als

Gegenbewegung zum Ablauf einer Zeit verstanden werden, in der ständig und

vordergründig um Beschleunigungen gerungen wird.

Zum Kultplatz wird der Schauraum dort, wo häufchenweise in betörenden Farben

Sand und Pigmente aus exotischen Gegenden ausgestellt sind. Heidi Zenz

legt großen Wert auf die eigene Herstellung ihres Malmaterials und zelebriert

geradezu diese Art von Tätigkeit.

Als Basismaterialien dienen ihr neben den schon erwähnten Steinen und Erden

auch Rost, der in Pigmentform eine gut abdichtende und warm leuchtende

Farbwirkung abgibt. Zur besseren Veranschaulichung über den Gebrauch von

Pigmenten hat Heidi Zenz Farbkarten angelegt, die nicht nur bestimmte Farbnuancen

wiedergeben, sondern auch die Information enthalten, von welchem

Gestein die Pigmente stammen und aus welchem Ort wiederum das Gestein

stammt. Eine derartige Motivation mit quasi empirisch erforschtem Material

umzugehen, hat beinah den Charakter von Feldforschung einerseits und öffnet

andererseits eine didaktische Tür der besonderen Art in das Atelier der Künstlerin.

Wer diesen Ort besucht, erfährt außer den Kunstgenuss viel über den natürlichen

Kontext des Ibmer Lebensraumes, etwas über die dortige verborgene

Pflanzen- und Tierwelt, die Heidi Zenz selbst mit ihren eigenen existentiellen

Wurzeln in Verbindung bringt und sich dadurch sowohl einen natürlichen wie

auch kulturellen Hintergrund schafft.

Hiltrud Oman

Hiltrud Oman

geboren in Villach, aufgewachsen am Faaker See, lebt in Bürmoos bei Salzburg.

Studium der Romanistik und Kunstgeschichte an den Universitäten Salzburg

und zu Köln. Promovierte Kunsthistorikerin, freie Kuratorin, seit 1991

wissenschaftliche Mitarbeiterin für zeitgenössische Kunst und interdisziplinäre

Projekte an der Universität Mozarteum in Salzburg, seit 2003 Kustodin am Heimatmuseum

Sigl.Haus, 5113 St. Georgen.

Seit 2001 auch: Administratorin für den World Future Council / Welt-Zukunftsrat,

initiiert von Jakob von Uexküll (Stifter des Alternativ-Nobelpreises /

Right Livelihood Award), London/Stockholm.

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i m w e r d e n i m w a n d e l i m e n t s t e h e n

i m p r o z e s s i e r e n e i n r i t u a l e i n b e d ü r f n i s e i n m ü s s e n

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Orient und Okzident

Die Erde birgt den Schatz und du

im Rausch der Farben, findest dich

zwischen Orient und Okzident.

e i n B e d r ä n g n i s e i n e S u c h t

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e i n s e l t s a m e s w e s e n v e r b a n d e l t

v e r s c h l u n g e n v e r w i r k l i c h t i n k r a u t i g w e i s e n w ä l d e r n

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z e r s t ü c k e l n z e r t r e t e n z e r s c h l a g e n a u f h e b e n b e w a h r e n s t

o l z s e i n b i n d e n b r ö s e l n b r e c h e n z w i s c h e n h i e r u n d d o r t

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d i e z e r e m o n i e w i r d z u m r i t u a l

w i r d z u r p r o z e s s i o n

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Schlamm

Den Schlamm auf der Haut und

in den Augen und

in den Haaren und

die Sterne über dir.

Auch dein Blick versinkt,

verfangen im fließenden Geäst.

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u n d d e n k l e b r i g e n t a u t r e t e n u n d d e n g e s a n g s v e r e i n

s a m m e l n u n d a l l e s i n m i r

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t u p f t u p f t u p f t u p f t u p f t u p f t u p f t u p f t u p f t

22 23


Zeit

Im Moor steht sie fast still,

verlangsamt sich zur Ewigkeit.

Manchmal sitzt sie irgendwo fest

zwischen den modernden Stämmen.

Sie sieht dich an und lädt dich ein

zur Rast.

Im Moor ist sie der Werkmeister,

der Lehrling, der hinterlistige Gesell.

Sie formt, gestaltet, entwirft, erschafft

und spielt mit dir.

Im Moor bist du der Gast, erhaschst

die Bilder, erfasst den Augenblick und

findest dich im Sud

zwischen Leben und Tod.

r i e c h t f a u l k r i e c h t e s r a s t e t i m m o o r a s t

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m o r g e n ü b e r m o r g e n i m m e r

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Kristall

Mit der Höllenkutsche in den Berg.

Ausgeschwemmte Kathedralen

in der Dunkelheit und du schmeckst

das Glänzen des Kristalls.

Im Tageslicht ohne Bestand, nagt der

Zahn der Zeit und verformt die Spuren

der Vergänglichkeit.

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i n n t a m r a

n d q u i l l t i n s i c h ü b e r v o r u n d h i n t e r o b e n u n t e n r a u s

Wunderkammer

Lass dich finden

von der Vielfalt der Natur.

Lass sie dir passieren

auf deinem Weg.

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d e r w e g u n e n d l i c h u n f a s s b a r i m w e r d e n i m w a n d e l i m

f ü r i m m e r

w a c h s e n i m w i e d e r

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Impressum

Layout:

Alexander Huemer, alexanderhuemer.com

Text:

Dr. Clarissa Edthofer

Mit freundlicher Unterstützung von:

Land Oberösterreich

Privatbrauerei Schnaitl, Gundertshausen

Raiffaisenbank Oberes Innviertel

Spenglerei Helmut Huber, Moosdorf

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