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SERIE

3

Besser lernen mit dem Clicker-Training:

AUSBILDUNG

Neue

Dimensionen

des Führens

Warum Spielautomaten süchtig machen, was Sie mit

einer Fliegenklatsche alles anstellen können und warum

es Ihnen passieren kann, dass Ihr Pferd sich künftig

begeistert auf alle Plastikplanen stürzt, die ihm begegnen –

das alles erfahren Sie in Teil 3 unserer Serie über das

Clicker-Training.

Grundvoraussetzung für

die weitere Arbeit: Das

Pferd folgt dem Zielobjekt

und lässt sich führen.


AUSBILDUNG

Text: Gisela Rau

Fotos: Lothar Lenz

(www.pferdefotoarchiv.de)

Wahrscheinlich kann es Ihr

Pferd inzwischen kaum noch

erwarten, dass Sie endlich mit

dem Training weitermachen. Es ist

ganz typisch für «clicker-trainierte»

Pferde, dass Sie mit sehr viel Motivation

und Begeisterung mitarbeiten. Bitten

Sie es noch um einen Moment Geduld

– wir müssen noch einmal kurz

zur Theorie zurück!

Das Prinzip der

variablen Bestärkung

Jetzt, wo Ihr Pferd die Bedeutung des

Clickers kennt und die ersten «Zielobjekt-Übungen»

mit unserer Fliegenklatsche

erfolgreich absolviert hat, ist

es Zeit, ein weiteres wichtiges Grundprinzip

des Lernens durch positive Bestärkung

kennen zu lernen: Die variable

Bestärkung. Das fortgeschrittene

Pferd erhält nicht mehr für jede richtige

Reaktion «Klick» und Belohnung,

sondern nur noch für jede zweite, dritte,

fünfte oder x-te, und zwar ohne für

das Pferd erkennbare Reihenfolge und

voraussehbares System. Der Sinn des

Ganzen ist zweierlei: Das Spiel wird

für das Pferd noch viel spannender und

es wird sich mehr anstrengen, folglich

wird sich seine Leistung weiter verbessern!

Belohnen wir das Pferd über

lange Zeit immer wieder für eine Sache,

die es schon kann und verstanden

Eine Schwierigkeitsstufe

höher:

Führen Sie das

Pferd mit der

Fliegenklatsche im

Slalom um Pylonen.

hat, lässt die Genauigkeit seiner Ausführung

irgendwann nach. Es wird sozusagen

schlampig und deutet die richtige

Reaktion irgendwann vielleicht

nur noch gerade so an, weil es ja weiss,

dass die Belohnung ohnehin gleich

kommt. Auch wird es verständlicherweise

irgendwann langweilig, wenn

man ständig für etwas gelobt wird, das

man ja schon kann. Stellen Sie sich ein

kleines Kind vor, das gerade Fahrradfahren

lernt: Unser begeistertes Lob

für die ersten erfolgreichen Versuche

lassen es strahlen, machen es stolz und

überglücklich. Wenn wir aber nach

vier Wochen immer noch «toll!»

schreien, wo das Kind inzwischen doch

schon ganz alleine souverän über den

Hof radelt, findet es seine Eltern wahrscheinlich

irgendwann ziemlich komisch.

Da es dem Pferd nicht anders

geht, belohnen wir eine Übung, die es

schon gut beherrscht, ab sofort nur

noch unregelmässig. Bleibt die gewohnte

Belohung (zum Beispiel für das

Berühren der Fliegenklatsche mit der

Nase) nun zum ersten Mal aus, ist das

Pferd vermutlich überrascht oder sogar

unmutig. «Nanu», wird es sich fragen,

«was ist nun los, das hat doch

sonst immer funktioniert?» Die Wahrscheinlichkeit

ist sehr hoch, dass es die

Fliegenklatsche nun überdeutlich mit

der Nase anstupft, als wollte es sagen:

«Hast du denn das eben nicht gesehen,

dass ich es richtig gemacht habe?

Schau mal, so!» Jetzt bekommt es seine

Belohnung – und wir haben eine

bessere Leistung bestärkt. Wenn das

Pferd nicht weiss, wann die nächste Belohnung

kommt, wird das «Spiel» für

es auch sehr viel spannender. In

Büchern über positive Bestärkung

wird oft das anschauliche Beispiel vom

Spielautomaten zitiert: Regelmässige

Bestärkung ist wie ein Getränkeautomat.

Wir werfen Geld hinein und wissen

bzw. erwarten, dass Kaffee herauskommt.

Das ist weder spannend

noch erwähnenswert, es sei denn, es

kommt einmal kein Kaffee – dann werden

wir wütend. Sicher möchten Sie

von Ihrem Pferd nicht behandelt werden

wie der Kaffeautomat, den man

mit Fusstritten traktiert, wenn der bezahlte

Kaffee aufgrund einer Störung

einmal nicht kommt. Ein Spielautomat

im Casino hingegen basiert auf dem

Prinzip der variablen Bestärkung –

man weiss nie, wann man einen Treffer

landet. Es könnte immer beim

nächsten Mal sein. Genau dies ist

spannend, macht so schnell süchtig

und ist der beste Beweis für die Kraft

der variablen Bestärkung! Spätestens,

wenn Sie diese in das Training mit

Ihrem Pferd einbauen, werden Sie erleben,

wie auch Tiere nach dieser Art

von Arbeit regelrecht süchtig werden

können!

Das Pferd wird Ihnen unter variabler

Bestärkung Reaktionen von höherer

Intensität anbieten, als wenn Sie es regelmässig

bestärken würden, denn es

Wichtig: Aufhören, wenn es am schönsten ist.

Beenden Sie eine Übungseinheit immer dann, wenn Ihr

Pferd noch motiviert ist. Warten Sie nicht ab,

bis Langeweile oder Überforderung einkehrt!

strengt sich besonders an, um beim

nächsten Mal die ersehnte Belohnung

zu bekommen. Die ganz besonders gut

gelungenen Ausführungen sollten Sie

mit einem «Jackpot» belohnen, das

heisst einer besonders guten und

schmackhaften Belohnung. Statt einer

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AUSBILDUNG

Möhrenscheibe gibt es zum Beispiel

eine ganze Handvoll Müsli

vermischt mit klein geschnittenem

Apfel – hmmm! Wetten, das

bleibt dem Pferd in Erinnerung?

Zurück zur Praxis:

Führen mit dem

Zielobjekt

Nicht fürs Brot allein…

…lebt der Mensch, so heisst es – und

das kann man auch aufs Clickertraining

mit Pferden übertragen. Je mehr Sie auf

diese Weise mit Ihrem Pferd arbeiten,

desto stärker werden Sie feststellen,

dass es gar nicht mehr die Futterbelohnung

alleine ist, für die das Pferd sich

anstrengt. Auch ein Delfin würde auf

Dauer nicht einen doppelten Salto rückwärts

nur deshalb machen, weil es hinterher

einen doofen Fisch gibt. Vielmehr

ist es das positive Erlebnis des eigenen

Erfolges, das so stark motiviert, und

beim Clickertraining hat das Pferd andauernd

Erfolgserlebnisse! Es gibt kein

«Falsch», im schlimmsten Fall nur keine

Belohnung. Erfolg beflügelt, Sie werden

es erleben!

Motivation pur: Auch einen

Korb kann man als Zielobjekt

verwenden, dem das Pferd

begeistert folgen wird –

und dabei ist nicht mal was

zum Fressen drin.

Zielobjekt wie die berühmte Möhre an

der Angel vor ihm her tragen. Auch hier

reichen anfangs wenige Schritte. Mit

kleinen Schritten kommen Sie schneller

ans Ziel als mit grossen Sprüngen!

Versuchen Sie als nächstes einen kleinen

Slalom um drei Pylonen oder das

Überqueren einer Plastikplane. Am

schönsten ist es, wenn Sie mit freiem

Pferd ohne Führstrick auf eingezäuntem

Platz arbeiten, denn so entfällt für

Sie die Versuchung, doch am Strick zu

ziehen. Wenn Sie alles richtig

machen und Ihr Pferd nicht

mit zu grossen Schritten auf

einmal überfordern, wird es

auch ohne Strick freiwillig bei

Ihnen bleiben. Und dann

macht es beiden erst richtig

Spass!

Verfeinern der

Führarbeit

Bitte denken Sie jetzt nicht, wer

Clickertraining mache, müsse

künftig ständig eine Fliegenklatsche

mitschleppen, um sein Pferd zu

führen. Sie dient uns nur als vorübergehende

Lernhilfe, um uns dem Pferd leichter

verständlich zu machen. Im vorhergehenden

Teil der Serie haben wir ja bereits

kurz besprochen, dass ein Wortkommando

erst als letzter Baustein einer

Übung eingeführt wird, wenn alles andere

schon sitzt. Für das Führen heisst

das, dass Sie erst dann beginnen,

«Komm» zu sagen (oder zu schnalzen

oder was auch immer Ihr Kommando für

«Mitkommen» ist), wenn Ihr Pferd die

Übung schon zuverlässig beherrscht. Sie

machen das Kommando einfach zu einem

zusätzlichen Kriterium, das ab sofort

erfüllt sein muss, damit das Pferd seine

Bestärkung erhält. Vielleicht fragen

Sie jetzt, warum man denn das Kom-

Wenn Ihr Pferd die Fliegenklatsche

zuverlässig unter variabler

Bestärkung mit der Nase

berührt, können wir zum nächsten

Schwierigkeitsgrad übergehen.

Wichtig dabei: Immer, wenn Sie eine

Übung um einen Schritt schwieriger

machen oder etwas Neues beginnen,

müssen Sie wieder zur regelmässigen

Bestärkung (für jede richtige Reaktion)

zurückkehren. Erst, wenn eine Übung

verstanden ist, kommt die variable Bestärkung

wieder als «Feinschliff» zum

Einsatz. Sie halten die Fliegenklatsche

Ihrem Pferd jetzt nicht mehr in Armlänge

entfernt vor die Nase, sondern

stellen sich ein paar Meter entfernt von

ihm hin und halten sie mit ausgestrecktem

Arm zur Seite. Kommt es

gleich bis zu Ihnen und berührt das Objekt,

prima! Wenn nicht, müssen Sie

wieder so nah herangehen, bis das

Pferd die richtige Reaktion zeigt und

Sie es belohnen können. Nun können

Sie Ihr Pferd auch führen, indem Sie das

Scheutraining leicht gemacht: Ein «Klick» belohnt jede Annäherung an

die Plastikplane – nach kurzer Zeit steht «Paul» auf der Plane...

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AUSBILDUNG

mando nicht gleich von Anfang an mit

dazunehmen kann. Die getrennte Reihenfolge

hat aber einen guten Grund:

Wissenschaftler haben in vielen langen

Versuchsreihen mit den verschiedensten

Tieren herausgefunden, dass ein optischer

konditionierter Reiz (in unserem

Fall die Fliegenklatsche) und ein akustischer

konditionierter Reiz (in unserem

Fall das Wort «Komm») sich gegenseitig

behindern, wenn das Tier sie beide gleichzeitig

lernen soll. Dabei wird das visuelle

Signal, das man dem Tier gegeben hat,

stets das gesprochene Kommando überschatten

– sprich, es lernt die Übung nur

aufgrund des Sichtzeichens, das man ihm

gibt und lernt die Bedeutung des Wortkommandos

überhaupt nicht. Das Wortkommando

wird vom Sichtzeichen

blockiert, beides auf einmal ist zu viel. Da

das Sichtzeichen für das Tier das leichter

zu verstehende ist, beginnt man den Lernprozess

damit und führt das Wortkommando

(oder «Hörzeichen») erst später

ein. Wenn die Übung bereits auf das

Sichtzeichen hin zuverlässig ausgeführt

wird, hat das Tier den Kopf frei, um jetzt

auch das Hörzeichen zu lernen.

Für unsere Arbeit heisst das: Üben Sie

anfangs allein mit der Fliegenklatsche

und sagen Sie erst dann «Komm», wenn

das Pferd dieses neue Spiel schon kennt.

Haben Sie es bis hierher geschafft und

konsequent gearbeitet, können Sie jetzt

einfach die Fliegenklatsche nach und

nach weglassen und durch Ihre ausgestreckte

Hand ersetzen (anfangs überdeutlich

zur Seite weggestreckt, später

immer näher zu Ihrem Körper getragen).

Sie verfeinern Ihre Signale immer mehr,

bis Sie für Aussenstehende kaum noch

wahrnehmbar sind! Wenn Sie etwas

Neues anfangen, wie zum Beispiel das

Führen über eine Plastikplane, machen

Sie es dem Pferd wieder einfacher und

nehmen das Hilfsmittel Fliegenklatsche

wieder mit dazu.

Erwarten Sie aber nicht, dass Ihr

Pferd Ihnen und der Fliegenklatsche sofort

über die ganze Plane nachläuft.

Clicken und belohnen Sie bei einem

ängstlichen Pferd schon die erste

Annäherung, wenn es zum Beispiel den

Kopf zum Beschnuppern der Plane

senkt. Klappt das gut, verschärfen Sie

die Kriterien und es gibt den nächsten

«Klick» erst dann, wenn ein Huf die

Plane berührt, dann erst, wenn er darauf

stehen bleibt, dann, wenn der zwei-

Nicht vergessen:

te Huf hinzukommt und so weiter. Zum

Schluss gibt es «Klick» und Belohnung

nur noch für das Überqueren der

ganzen Plane und Ihr Pferd hat in Windeseile

und ganz ohne Zwang etwas

Jedesmal, wenn Sie die Übung einen Schritt schwieriger

machen oder ein zusätzliches Kriterium einfügen wie z.B.

das Wortkommando, müssen Sie wieder regelmässig bestärken,

das heisst für jede richtige Ausführung belohnen.

Lernbegierig: Was machen wir

jetzt? «Paul» kann kaum erwarten,

dass es weitergeht.

sehr Nützliches gelernt! Jetzt sind Ihrer

Phantasie keine Grenzen gesetzt, was

Sie noch alles nach dem gleichen Prinzip

anstellen können: Über einen Holzsteg

gehen, die Vorderhufe auf ein Podest

stellen, über eine Reihe Cavaletti

traben... Seien Sie kreativ, aber wundern

Sie sich nicht, wenn auch Ihr Pferd

plötzlich kreativ werden sollte und

beim nächsten Ausritt ausprobieren

möchte, ob das Überqueren der Siloplane

auf Bauer Meiers Wiese ihm nicht

auch eine Belohung einbringt… ■

...und überlegt, was man sonst noch damit anstellen kann!

Diese Kreativität ist für «Clickerpferde» typisch!

Nächste Folge:

«Gib Huf» und «Steh» – Praktisches

für den Alltag.

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