Heinz Bude - Das Phänomen der Exklusion

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Heinz Bude - Das Phänomen der Exklusion

Mittelweg 36 4/2004

Heinz Bude

Das Phänomen der Exklusion

Der Widerstreit zwischen gesellschaftlicher Erfahrung

und soziologischer Rekonstruktion

Den Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen bildet das Unbehagen

an der klassischen Sozialstrukturanalyse, die ein ums andere Mal

den Nachweis führt, daß sich in der Ordnung sozialer Ungleichheit im

letzten halben Nachkriegsjahrhundert eigentlich nichts geändert hat. 1

Im Negativen bedeutet dies, daß sich Form wie Umfang der Vererbung

sozialer Nachteile trotz großer Bildungsreformen kaum gewandelt

haben; im Positiven lautet die Botschaft, daß das soziale Haus

mit seinen verschiedenen Etagen des besseren und schlechteren Lebens

trotz der Individualisierung der Lebensläufe und der Pluralisierung der

Lebenswelten in seinen Grundfesten nach wie vor von Bestand ist.

Weitgehend entscheidet die Herkunft immer noch über die nach Einkommen,

Bildung und Beruf definierten Lebenschancen des Einzelnen;

und die Soziallagenverbundenheit bestimmt bis heute die Gemeinschaftsgefühle

der Leute. Also sind alle politisch gewollten Kompensationsmaßnahmen,

die in Zeiten des Wohlfahrtsstaats vor allem mit

dem Ausbau des Bildungssystems verbunden waren, mehr oder minder

fehlgeschlagen; und die Vervielfältigung der Lebensentwürfe hält sich

aufs Ganze gesehen in den Bahnen und im Rahmen des überkommenen,

nach oberen und unteren Lagen geordneten Gefüges der Lebensweisen.

Dieser wesentlich strukturkonservativen Aussage, wonach alles

empörend ungerecht, zugleich aber beruhigend gleichförmig geblieben

ist, widersprechen nur die öffentlich zum Ausdruck gebrachten und

unter der Hand weitergegebenen Empfindungen. Sie nämlich konstatieren,

daß das soziale Band unter höchster Spannung steht und Zugehörigkeit

immer prekärer wird. 2 Die Überzeugung, man stehe im Berufsleben

egal in welcher Position immer zur Disposition und habe es

in unserer Gesellschaft mit einer wachsenden Zahl von Überzähligen

und Aussortierten zu tun, ist sowohl in zufälligen Gesprächen als auch

bei gezielten Umfragen sofort abrufbar. In dem Maße, wie die Ansprüche

an die Produktivität im Beruf und an die Funktionalität im

1 Die beiden neueren Studien, die in diesem Zusammenhang genannt werden, sind Robert

Eriksson und John H. Goldthorpe, The Constant Flux, Oxford 1992, sowie Yossi Shavit

und Hans-Peter Blossfeld, Peristent Inequality, Boulder, Col. 1993.

2 In Deutschland kümmert sich in erster Linie Wilhelm Heitmeyer, siehe nur die von ihm

herausgegebenen Bände Was treibt die Gesellschaft auseinander? und Was hält die Gesellschaft

zusammen? (Frankfurt am Main 1997), um diese Empfindung.

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Alltag wachsen, fallen all jene heraus, die mit der gesteigerten Mobilisierung

(»employability« und »total quality management«) und Subjektivierung

(»Teamfähigkeit« und »soziale Kompetenz«) nicht mithalten

können. 3 Man kann sagen: Die Sozialstrukturanalyse tradiert das Bild

alter sozialer Ungleichheiten, während sich das Gesellschaftsempfinden

auf neue Spaltungen fixiert. 4 Da stellt sich natürlich die Frage, wer recht

hat: die spezialisierte Beobachtung von oder die gefühlte Teilnahme an

der Gegenwartsgesellschaft? Oder noch zugespitzter: die Soziologie oder

die Gesellschaft?

I

Aus den 90er Jahren ist uns ein neuer soziologischer Begriff überliefert,

der sich diesem Widerspruch widmet: Es ist der Begriff der sozialen

Exklusion. 5 Der Ursprung dieses Begriffs liegt eigentlich im politischen

Raum, wo er der Kennzeichnung neuartiger sozialer Probleme

dient, die den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaften gefährden.

In den französischen Vorstädten 6 genauso wie in den entvölkerten Gebieten

Ostdeutschlands 7 wachsen »gefährliche soziale Klassen« heran, die

aufgrund sozioökonomischer Marginalisierung, lebenskultureller Entfremdung

und sozialräumlicher Isolierung den Anschluß an den Mainstream

unserer Gesellschaft verloren haben. In ihrer trostlosen Existenz,

bar aller Vorstellung von Größe, Rang und Bedeutung, werden sie öffentlich

nur noch als periodisch sich zusammenrottende »Meute« bemerkbar.

8 Solche plötzlich ausgelösten »riots« beschäftigen dann die Medien

und lassen die Soziologen bei der Frage nach möglichen Ursachen dumm

dastehen.

Es ist das Erscheinungsbild von wahllosem Vandalismus, kriterienlosem

Haß gegen Schwache, Fremde und Andersartige und sofortigem

Ressentiment gegen den Staat, den Bürger oder das Allgemeine, aufgrund

dessen diese Milieus für die »Mehrheitsklasse« 9, die von sich

glaubt, hart zu arbeiten, sich nach den Regeln zu verhalten und für die

Ihrigen zu sorgen, als das andere der Gesellschaft gelten. Man sucht

3 Luc Boltanski und Eve Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003, sehen

darin gar einen »dritten Geist« des Kapitalismus.

4 Dazu den Sammelband von Peter A. Berger und Michael Vester (Hrsg.), Alte Ungleichheiten

– Neue Spaltungen, Opladen 1988.

5 Siehe Martin Kronauer, Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten

Kapitalismus, Frankfurt am Main/New York 2002.

6 François Dubet und Didier Lapeyronnie, Im Aus der Vorstädte. Der Zerfall der demokratischen

Gesellschaft, Stuttgart 1994.

7 Andreas Willisch, »Drogen am Eichberg oder Feuer im Ausländerheim«, Mittelweg 36,

Jg. 8, 2000, Heft 6, S. 73–87.

8 Heinz Bude, »Empörung ohne Moral«, in: Ders., Die ironische Nation. Soziologie als Zeitdiagnose,

Hamburg 1999, S. 71–85.

9 Ralf Dahrendorf, Der moderne soziale Konflikt, Stuttgart 1992, S. 195.

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Abstand von diesen Leuten, die ausgehalten werden, ihre Zeit vor dem

Fernsehgerät verbringen und sich ansonsten um nichts kümmern. Da ist

eine andere Welt in unserer Welt entstanden, die einen Riß im Gemeinschaftsempfinden

mit sich bringt, der weder zu leugnen noch aufzuheben

ist. Man wäre ja gewillt, ihnen zu helfen, damit sie wieder auf die

Beine kommen, doch lassen sie sich einfach nicht helfen. Institutionelle

Unerreichbarkeit 10, soziale Abgeschlossenheit 11 und kulturelle Selbstausschließung

12 ergänzen sich zu einem unaufhaltsamen Prozeß der Entkoppelung

vom Ganzen.

Unter dem Blickwinkel der »Mehrheitsklasse« macht es im Prinzip

keinen Unterschied, welche Gründe für diese fundamentale Differenz

im Lebensgefühl geltend gemacht werden: ob die ethnische Herkunft

aus der islamischen Welt, die gesellschaftliche Überkommenheit aus

einer früheren Phase der Industrialisierung oder die innere Bindung an

ein realsozialistisches Menschenmodell – immer ist der Abstand so groß,

daß der Eindruck eines Unterschieds von drinnen und draußen entsteht.

Es gibt eine Mehrheit, die sich in der differenzierten Welt der Moderne

zu Hause fühlt und die Institutionen des Wohlfahrtsstaats zu ihrem Sozialeigentum

zählt, und ein weg gedrängtes und ausgeschlossenes Fünftel

der Gesellschaft, das sich von der Welt, in die es sich geworfen findet,

nichts mehr erhofft.

Daher legen die Exkludierten ein rein instrumentelles Verhältnis

zur gesellschaftlichen Allgemeinheit an den Tag. Sie ist ihnen gleichgültig,

weshalb sie sich in ihren sozialen Kreisen verschließen und von

den zentralen Austausch- und Anerkennungsverhältnissen der Gesamtgesellschaft

abschneiden. So sind sie auch bereit, rachsüchtigen Demagogen

zu folgen, die ihnen das Blaue vom Himmel versprechen. Aber

aus ebendiesen Gründen stellen sie eine Gefahr für alle dar: Sie verzehren

die Grundlagen des Wohlfahrtsstaats, bilden eine unerreichbare

Parallelwelt und fungieren als unberechenbarer Resonanzboden für populistische

Bestrebungen. Der Eindruck verfestigt sich um so mehr, als mit

den hergebrachten Mitteln der Sozialarbeit und Sozialhilfe gegen dieses

Entgleiten aus der Gesellschaft offenbar nichts auszurichten ist. Im Gegenteil:

Auf der Grundlage zuerkannter Anrechte für Bedürftige entsteht

eine »Kultur der Abhängigkeit«, auch verstärkt die Förderung von selbstorganisatorischen

Initiativen der »communities« die ohnehin schon wir-

10 Herbert J. Gans, »Workfare und die ›wirtschaftlich Überflüssigen‹« in: Sabine Lang,

Margit Mayer und Christoph Scherrer (Hrsg.), Jobwunder USA. Modell für Deutschland?,

Münster 1999.

11 William Julius Williams, When Work Disappears. The World of the New Urban Poor,

New York 1996.

12 Johannes Weiß, »Über Selbstexklusion und Verständnisverweigerung«, in: Wolfdietrich

Schmied-Kowarzik (Hrsg.), Verstehen und Verständigung. Ethnologie–Xenologie–Interkulturelle

Philosophie, Würzburg 2002, S.162–168.

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kende Tendenz zur Abschottung und Abkapselung. Schließlich mißverstehen

jene, die sich von der Allgemeinheit eh nichts mehr erwarten,

praktizierte Toleranz als desinteressierte Gleichgültigkeit.

Bereits in den geläufigen Bezeichnungen des »Ghettos«, der »sozialen

Brennpunkte« oder der »entvölkerten Gebiete« kommt die Vorstellung

einer Exklusion vom Ganzen zum Ausdruck. Man hat es mit einem

Teufelskreis von Benachteiligung und Ausschluß zu tun, der ganze Bevölkerungsanteile

aus dem Reproduktionszusammenhang der Gesellschaft

herausbricht und einer fatalen Eigendynamik überläßt: keine Ausbildung,

keine Beschäftigung, kein Einkommen, keine Familie, kein Kredit, keine

Achtung. Die Ausgegrenzten werden bestens verwaltet und höchstens

unterhalten. Dabei sollte die exkludierte Population nicht mit deprivilegierten

Unterschichten verwechselt werden: Wo diese innerhalb eines

gegliederten Systems sozialer Ungleichheit noch eine bestimmte, durchaus

identifizierbare Position beanspruchen können, sind jene schon in

einem Außerhalb gelandet, aus dem sie kaum noch zurückzuholen sind.

Dieser Vorstellung eines anderen unserer Mehrheitsgesellschaft, dem

eine politische Motivation der Dramatisierung von Phänomenen des

Risses im sozialen Band zugrunde liegt, entspricht eine Zwei-Welten-

Theorie des Exklusionsbegriffs. Er unterstellt eine Welt der Chancen und

der Berücksichtigung auf der einen und eine Welt des Ausschlusses und

der Ignorierung auf der anderen Seite. Die Linie reicht von Unterklassentheoretikern

wie William Julius Wilson und Ralf Dahrendorf 13 über

»Dual-City«-Theoretiker wie Susan S. Fainstein 14, Manuel Castells 15 oder

Hartmut Häußermann und Walter Siebel 16 bis zum systemtheoretischen

Exklusionsbegriff von Niklas Luhmann. 17 Luhmann geht sogar so weit,

in der Reduktion auf den Körper einen Endzustand von Exklusion zu

erkennen, der das Gesellschaftsmitglied, das in keinem der relevanten

gesellschaftlichen Subsysteme mehr angemessene Berücksichtigung findet

und nur noch auf seinen Mangel festgelegt wird, zu einem Menschen

in einem geradezu vegetativen und kreatürlichen Sinne werden läßt.

»Wer seinen Augen traut«, schreibt der radikale Konstruktivist in diesem

Zusammenhang, »kann es sehen, und zwar in einer Eindrücklichkeit,

an der die verfügbaren Erklärungen scheitern.« 18 Das ist dann wirklich

13 Ralf Dahrendorf, »Die Unterklasse«, in: ders., Reisen nach innen und außen. Aspekte der

Zeit, Stuttgart 1984, S. 93–103.

14 Susan S. Fainstein, Ian Gordon und Michael Harloe (Hrsg.), Divided Cities, New York 1992.

15 Manuel Castells, »European Cities, the Informational Society, and the Global Economy«,

New Left Review 204, 1994, S.18–32.

16 Hartmut Häußermann und Walter Siebel, »Die schrumpfende Stadt und die Stadtsoziologie«,

in: Jürgen Friedrichs (Hrsg.), Soziologische Stadtforschung, Sonderheft 29 der Kölner

Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen 1988, S. 78–94.

17 Niklas Luhmann, »Jenseits von Barbarei«, in: ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik,

Band 4, Frankfurt am Main 1995, S.138–150.

18 A.a.O., S.147.

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das ganz andere des kommunikativen Geschehens der Gesellschaft – die

apathische Teilnahmslosigkeit von Menschen, die gegenüber denen, die

zur Gesellschaft der Beschäftigten, Beschützten und Bekümmerten zählen,

die Kommunikation der Nicht-Kommunikation praktizieren.

II

Dieser Exklusionsbegriff, der eine Population von Entheimateten

und Abgeschriebenen im Blick hat, stützt sich auf unterschiedliche

semantische Traditionen. Im angelsächsischen Raum kann man an den

Begriff der »underclass« anschließen, und in Frankreich bildet seit den

Tagen der Französischen Revolution »les exclus« ein Appellwort im republikanischen

Diskurs. 19

Der Begriff der »underclass« versteht sich vor dem Hintergrund

des britischen Kolonialismus freilich etwas anders als vor dem des amerikanischen

Segregationismus. In Großbritannien ist die Wahrnehmung

der Existenz einer Unterklasse seit der Einrichtung des britischen Wohlfahrtsstaats

auf eine starke Vorstellung von »citizenship« bezogen, was

die Dimensionen rechtlicher, politischer und sozialer Teilhabe betrifft. 20

Die Unterklasse entsteht nach diesem Verständnis aus ungerechtfertigten

Partizipationssperren, die sich besonders für die Einwanderer aus

dem Commonwealth in subtilen Formen rechtlicher, politischer und

sozialer Apartheid manifestieren. Nicht die Spaltungslogik des Klassenkampfs,

sondern die Inklusionslogik des Wohlfahrtsstaats erklärt hier den

Ausschluß einer ethnisch gefärbten Gruppierung von Beleidigten und

Zukurzgekommenen.

In den USA steht als Meßlatte hinter dem Unterklassenbegriff die

meritokratische Mittelklassekultur des verdienten Lebens und der erworbenen

Positionen. Dadurch wird die Unterklasse zum Negativ der

Mittelklasse, das Ghetto zur Perversion der gepflegten Vorstadtgemeinde.

Der lethargische schwarze Mann oder die von »welfare« lebende junge

schwarze Mutter, die sich von verschiedenen Männern hat schwängern

lassen, bilden die Schreckgespenste für die weißen Statussucher und

Pyramidenkletterer, die gewöhnlich die Werte der Familie und der Nation

hochhalten. Von daher wird verständlich, warum sich die amerikanischen

Untersuchungen zur Unterklasse – und zwar in rechter 21 wie in linker 22

Variante – um die normative Verirrung durch wohlfahrtsstaatliche Abhängigkeit

kümmern. Es war zuletzt Bill Clinton, der mit seiner Politik

19 Zum Folgenden Hilary Silver, »National Conceptions of the New Urban Poverty: Social

Structural Change in Britain, France and the United States«, International Journal of

Urban and Regional Research 17, 1993, S. 336–354.

20 Thomas S. Marshall, Bürgerrechte und soziale Klassen. Studien zur Soziologie des Wohlfahrtsstaats,

Frankfurt am Main/New York 1992.

21 Charles Murray, Loosing Ground, New York 1984.

22 William Julius Williams, The Truly Disadvantaged, Chicago 1987.

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der Umstellung von »welfare« zu »workfare« diesem Denken Ausdruck

verliehen hat.

Die dahinterstehende Frage lautet: Wie kommt es im »Gelobten

Land«, wo jeder der Verfassung gemäß sein Glück machen kann, zu

diesen, auf bestimmte Räume und Gruppen konzentrierte Prozesse der

Benachteiligung? Der amerikanische Begriff der Unterklasse zeugt von

der unverminderten Bedeutung zugeschriebener Merkmale wie Hautfarbe,

ethnischer Zugehörigkeit und religiöser Herkunft für die Lebenschancen

und das Lebensschicksal des einzelnen. Da sitzt der Stachel im

Fleisch des liberalen Individualismus.

In Frankreich heißen die Ausgeschlossenen »les exclus« und bilden

die Parias der Nation. Der französische Exklusionsbegriff kreist um die

Vorstellung eines Zentrums der Republik, das von neuen »gefährlichen

Klassen« in Frage gestellt wird. Der hymnische Republikanismus der

französischen Tradition mit seiner klassischen Verbindung von kultureller

Mission und nationaler Suggestion kann namhaft gemachte

Exklusion nicht dulden. Vorstadtkrawalle genauso wie Kopftuchaffären

schlagen sich daher in erregten nationalen Debatten nieder. Die republikanische

Synthesis ist in Gefahr.

Während also der angelsächsische Begriff der Unterklasse systematische

Benachteiligung aufgrund angeborener und zugeschriebener

Merkmale von Aussehen, Zugehörigkeit oder Überzeugung zum Thema

macht, verbindet sich mit dem Exklusionsbegriff in Frankreich die

Vorstellung eines gesellschaftlichen Ausschlusses, der mit einem Mangel

des Französischseins, was Kultur, Bildung und Lebensart angeht,

zusammenhängt. Es sind also ganz unterschiedliche Konnotationen,

die sich mit dem Exklusionsbegriff verbinden. Daran läßt sich ablesen,

wie die Gefährdungsszenarien unserer Gesellschaft durch Exklusion mit

variierenden kollektiven Selbstverständnissen verkoppelt sind, und daß

der Resonanzboden solcher Vorstellungen in der jeweiligen »Mehrheitsklasse«

einer Gesellschaft liegt.

Es ist dieser implizite Wir-Bezug des Exklusionsbegriffs, der auch

der soziologischen Rekonstruktion den Anschluß an die gesellschaftliche

Selbstthematisierung sichert. In Großbritannien, in den USA und

in Frankreich kann die Soziologie der Exklusion daher unmittelbar in

die Diskussionen über das gesellschaftliche Selbstverständnis eingreifen.

Man weiß, wovon die Soziologen reden und was sie untersuchen.

Das ist in Deutschland ganz anders. Wir haben diese selbstverständlichen

Deutungsbegriffe für gesellschaftliche Gefährdungen nicht zur

Hand, und deshalb ist die soziologische Analyse sehr viel schneller in

Gefahr, sich von der gesellschaftlichen Erfahrung abzukoppeln. Was wäre

in Deutschland der Problematisierungsbegriff, der die Gefährdung des

sozialen Zusammenhalts durch den Ausschluß wachsender Teile der Gesellschaft

zum Ausdruck bringen würde?

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Dazu muß man sich klar machen, daß sich das deutsche Nachkriegskollektiv

von Anfang an als eine von Schicksalen bedrängte Gemeinschaft

gefühlt hat. Es war Helmut Schelsky, der mit Begriffen wie

»Schicksalsgemeinschaft« und »nivellierte Mittelstandsgesellschaft« 23 diesem

Lebensgefühl eines von Krieg, Gefangenschaft, Flucht und Vertreibung

betroffenen Volkskollektivs Ausdruck verliehen hat. Die ganze

Rhetorik des Wohlfahrtsstaats gehört in der Bundesrepublik zur Kriegsfolgenbewältigung,

womit immer schon ein integrativer sozialer Sinn

jenseits seiner politischen Artikulation gegeben war. Das in den 60er

und 70er Jahren formulierte Teilhabemodell des »Arbeitnehmers« versuchte

dann diese Nachkriegskollektivität in einen Begriff von Anrechten

und Obligationen zu fassen. Der Arbeitnehmer genoß eine an der Produktivitätsentwicklung

orientierte Entlohnung und eine durch den Ausbau

des Wohlfahrtsstaats garantierte Absicherung. Ausschluß und Ausgrenzung

waren nach dieser Vorstellung eigentlich nur in Gestalt von

Randgruppen denkbar, für die man dann sehr schnell diverse Resozialisationsprogramme

entwickelte. So wie die katholischen Mädchen vom

Lande im Zuge des Ausbaus wohlfahrtsstaatlicher Förderungsprogramme

mehr und mehr in das Bildungs- und Erwerbssystem integriert wurden,

wandte sich der Blick auf bestimmte Randgruppen, die die Integrationsaufgabe

des Wohlfahrtsstaats von seinen Rändern her herausforderten.

In der Soziologie entstand dazu ein ganzer Betrieb von Bindestrichdisziplinen,

die sich mit Schwererziehbaren, Alkoholkranken, Bildungsfernen

beschäftigten. Nicht Exklusion, sondern Abweichung war der Begriff

für den Rand der Gesellschaft, von dem die Mitte unberührt blieb.

Das ist heute offensichtlich anders. So stellt sich der Soziologie nun die

Aufgabe, eine Begrifflichkeit zu entwickeln, die das Aufkommen von Verwundbarkeiten

erfaßt, die als soziale Phänomene eine Verbindung zwischen

Mitte und Rand der Gesellschaft herstellen.

III

Interessanterweise entstand die erste soziologische Konzeptualisierung

dieses Problems im Umkreis von 1968. Es war die von Claus Offe

und anderen zuerst auf dem legendären Frankfurter Soziologentag von

1968 vorgetragene Disparitäten-Theorie 24, die auf Gefährdungen aufmerksam

machte, die sich dem klassentheoretischen Normalmodell nicht

fügen wollten. Ihr zufolge existieren in spätkapitalistischen Gesellschaften

Krisenbezirke, die für den Kapitalverwertungsprozeß nur periphere

Bedeutung haben, weshalb sie durch politische Reparaturmaßnahmen

23 Die entsprechenden Aufsätze sind in Helmut Schelsky, Auf der Suche nach Wirklichkeit.

Gesammelte Aufsätze zur Soziologie der Bundesrepublik, München 1979, enthalten.

24 Joachim Bergmann, Gerhard Brandt, Klaus Körber, Ernst Theodor Mohl, Claus Offe,

»Herrschaft, Klassenverhältnisse und Schichtung«. Referat auf dem Soziologentag 1968, in:

Verhandlungen des Deutschen Soziologentags, Stuttgart 1969, S. 67–87.

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zwar notdürftig daran gehindert werden, weitere Störungen für das Gesamtsystem

zu produzieren, im übrigen aber sich selbst überlassen bleiben.

Offe und seine Kollegen hatten neben den in den Asylen festgehaltenen

Randgruppen schon die aus zukunftslosen Wirtschaftszweigen freigesetzten

und in strukturellen Armutsgebieten lebenden Populationen im

Blick. Diese nach ihrer Meinung neuen Gegebenheiten der Disparität

von Lebensbereichen könnten systemtranszendierenden Bewegungen als

politischer Konfliktstoff dienen.

Das war im Ton der Zeit natürlich alles auf Revolte gestimmt, hatte

aber schon ein analytisches Gespür für Problemlagen, die von den Rändern

her in die Mitte drängen und das ganze System irritieren. Man

sprach von problematischen Situationsgruppen, die von der traditionell

vertikalen Semantik der verschiedenen Ungleichheitsmodelle nicht erfaßt

wurden. Allerdings blieb die Disparitätentheorie noch ganz einer

Zentrums-Peripherie-Vorstellung verhaftet. Die Gefährdungen kommen

von außen und reichen in die Mitte. Daß es aus der Mitte selbst heraus

Entkoppelungen vom gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhang

geben könnte, war noch nicht gedacht.

Claus Offe hat dem sehr viel später noch eine bemerkenswerte Wendung

gegeben, als er aus einer spieltheoretischen Erörterung von Zugehörigkeitsvarianten

heraus die Gewinner-Verlierer-Konstellation traditioneller

Industriegesellschaften von der heutigen Inklusions-Exklusions-Konstellation

unterschied. 25 Die potentiellen Verlierer der Industriegesellschaft

sind immer noch im Spiel und artikulieren über ihre Interessenorganisationen

die Ansprüche, die den prinzipiellen Gewinnern abgerungen

werden können. Im Marxschen Schema gesagt, stehen die Gewinner auf

der Seite des Kapitals und die Verlierer auf der Seite der Arbeit. Aber

der »institutionalisierte Klassenkampf« (Theodor Geiger) vollzieht sich

in Verhandlungssystemen zwischen Gewinnern und Verlierern, die in geschlossenen

Nationalökonomien Gewinne für beide Seiten als möglich

erscheinen lassen. Doch was ist mit denen, die noch nicht oder nicht

mehr im Spiel sind, weil sie keine Verhandlungsposition innerhalb der

regulierenden Verhandlungssysteme besetzen? Das sind für Offe die »Exkludierten«

unserer Gegenwartsgesellschaft, die des Rückhalts in mächtigen

Organisationen oder gefestigten Lebenswelten entbehren. Man muß

hier vor allem an die Migranten der sich herstellenden Weltgesellschaft

denken, die mit den »Vertriebenen und Flüchtlingen« der Nachkriegszeit

nichts mehr zu tun haben.

Folgt man den spieltheoretischen Überlegungen Offes, dann gibt es

zwei Logiken der Exklusion: Man kann aufgrund prinzipieller Kriterien

25 Claus Offe, »Moderne ›Barbarei‹: Der Naturzustand im Kleinformat?«, in: Max Miller

und Hans-Georg Soeffner (Hrsg.), Modernität und Barbarei – Soziologische Zeitdiagnose

am Ende des 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1996, S. 258–305.

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des Ausschlusses, die mit dem Legalitätsstatus, der Sozialkompetenz, dem

Bildungsabschluß oder der Kulturaffinität zusammenhängen, gar nicht

erst ins Spiel kommen, man kann andererseits aber auch durch bestimmte

Umstände der Stigmatisierung, Degradierung und Ignorierung

aus dem Spiel fallen. Ein Beispiel für den ersten Fall sind die »Ausländer«

innerhalb unserer vergrößerten Welt, die relativ gesicherte Anrechte

gegen reichlich ungesicherte Angebote eingetauscht haben und dabei auf

unüberwindliche Barrieren stoßen. Ein Beispiel für den zweiten Fall

sind die »Inländer« einer hergebrachten Welt, die sich durch biographische

Fehlkalkulationen, handlungslogische Schrittfehler und persönliche

Rückzüge ins soziale Aus manövriert haben. Im letzteren Fall handelt

es sich um Erfahrungen, die offensichtlich nicht mehr auf die

Ränder beschränkt sind, sondern auch die Mitte der Gesellschaft erfaßt

haben. Die »Mehrheitsklasse« in allen OECD-Ländern sieht sich heute

als Zeuge eines Wechsels in der herrschenden Meinung über das Soziale,

bei dem eine »Kultur der Wahl« (Ulrich Beck) auf Grundlage statusbezogener

Anrechtssicherungen durch eine »Kultur des Zufalls« (Robert

Castel) auf Grundlage persönlicher Optionen und Entscheidungen ersetzt

wird. Damit gewinnen die »nicht-normativen«, das heißt unvorhersehbaren

und folglich auch nicht kalkulierbaren »Lebensereignisse« 26

im positiven wie im negativen Sinne Macht über das persönliche Lebensschicksal.

Die andere Seite des »positiven Individualismus« jubilierender

Selbstverwirklichung ist der »negative Individualismus« gnadenloser

Selbstzurechnung.

Die Erfahrung des Kontingentwerdens der eigenen Biographie hängt

heute mit einer gefühlten institutionellen Paradoxie in den Sozialsystemen

zusammen: Der Wohlfahrtsstaat, der soziale Sicherheit für alle verspricht,

ist für viele zu einer Quelle sozialer Unsicherheit geworden. Es

handelt sich um einen nervösmachenden Widerspruch zwischen Erwartungen

und Erfahrungen. Was man mit dem Wohlfahrtsstaat erlebt, sagt

einem, daß man sich da auf nichts verlassen kann. Anscheinend machen

die dynamische Inkonsistenz seiner Maßnahmen und die apriorische

Selektivität seiner Vergünstigungen vor niemandem halt. Wer gerade noch

in den Genuß der Regelungen zur Frühverrentung gekommen ist, darf

sich zu einer »glücklichen Generation« zählen; wer demgegenüber von

der Veränderung der Versorgungsberechtigungen in der Sozialhilfe oder

von der Umstellung der Finanzierungsarten in der Pflegeversicherung

betroffen ist, muß sich einer »geprellten Generation« 27 zurechnen. Es

wäre schon fast wieder beruhigend, könnte man sich auf einen kontinuier-

26 Walter R. Heinz (Hrsg.), Übergänge. Individualisierung, Flexibilisierung und Institutionalisierung

des Lebenslaufs, Weinheim 2000.

27 So ein glücklicher Ausdruck von Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen

Urteilskraft, Frankfurt am Main 1979.

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lichen Niedergang in den Gestalten von Sozialabbau und Anrechtsreduktion

einstellen. Doch werden in Wahrheit immer wieder neue Übergangsregelungen

für prinzipiell Anspruchsberechtigte und neue Sonderrechte

für benachteiligte Gruppen erlassen, was sich für die Nachfolgenden wohl

nur als Gnade einer früheren Geburt darstellen kann. Aus diesen Widersprüchen

zwischen wohlfahrtsstaatlichen Langfristbindungen und altersgruppenspezifisch

erfahrenen Kurzfristfolgen entstehen die Sozialstaatsgenerationen,

die seit den 80er Jahren die Geschichte der sozialen Sicherung

in allen Wohlfahrtsgesellschaften kennzeichnen.

An dieser Stelle berührt sich das Phänomen der Exklusion mit dem

der Generation. Am Beispiel von Populationen, die gestern noch zu den

Begünstigten von Regelungen und heute zu den Betroffenen von Zumutungen

gehören, zeigt sich, wie die diachrone Disparität eine Neuverteilung

von Zonen der Integration, der Verwundbarkeit und der Exklusion

28 nach sich zieht. Wer sich mit einer geschickten Kombination

von stabilisierenden Transfereinkommen, zusätzlicher Eigenarbeit und

verschwiegenen Renditeeinkommen in einem bestimmten wohlfahrtsstaatlichen

Arrangement eingerichtet hatte, wird von der »Reform« des

Wohlfahrtsstaats unvorbereiteter und unausweichlicher getroffen als Spätere

und Jüngere, die in einen anhaltenden Devolutionsprozeß frisch einbezogen

werden.

Hier erweist sich besonders das mittlere Alter als Zone extremer biographischer

Verwundbarkeit, wo Erfahrungen der Degradierung durch

Praktiken der Aktivierung einen Prozeß fortschreitenden Erleidens und

nachlassenden Handelns in Gang setzen können. 29 Die nie auszuschließenden

Wunder eines biographischen Aufbruchs durch eine »aktivierende

Sozialpolitik« werden mit erwartbaren Abstürzen ins soziale Nichts erkauft.

Hier ist eine ganze Phänomenologie der Exklusion zu erschließen,

die sich dem entzeitlichten Instrumentarium der Sozialstrukturanalyse

entzieht.

IV

Die Formel von der »Ich-AG« bringt die zeitgenössische Problematik

der Exklusion auf den Punkt. Das unternehmerische Selbst soll für

diejenigen die Rettung bringen, die in der Gefahr stehen, den Anschluß

zu verlieren. Damit treten uns die beiden Seiten der herrschenden Meinung

über das Soziale vor Augen: die Zumutungen für den unternehmerischen

einzelnen wie die Befürchtungen der Flexiblen und Mobilen,

überflüssig zu werden. So legt sich in den Alltagstheorien sozialer Selbst-

28 Diese Unterscheidung macht Robert Castel, Die Metamorphose der sozialen Frage. Eine

Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2000.

29 Heinz Bude, »Die Überflüssigen als transversale Kategorie«, in: Peter A. Berger und

Michael Vester (Hrsg.), Alte Ungleichheiten – neue Spaltungen, Opladen 1998, S. 363–382.

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einstufung über die alte, keineswegs überholte Unterscheidung von oben

und unten eine neue, die Leute ungemein beunruhigende Unterscheidung

von drinnen und draußen. An der Schlüssigkeit dieser nicht mehr

nur kategorialen, sondern durchaus auch existentiellen Unterscheidung

hängt die Möglichkeit einer Wiederannäherung von Soziologie und Gesellschaft

im Blick auf die Grundfrage nach sozialer Exklusion.

Selbstverständlich ist ein absolutes Außen der Gesellschaft nicht

denkbar. Bekanntlich kann man nicht nichtkommunizieren, weshalb

allein schon die Ansprechbarkeit des Phänomens der Exklusion einer

Widerlegung seiner Existenz gleichkäme. Man präferiert daher in der

Soziologie der Exklusion Zonen- oder Übergangsmodelle, die gestatten,

problematische Zustände und ausschlaggebende Schwellenwerte zu identifizieren.

Wie aber lassen sich die Mischungen von Inklusionsbezügen

und Exklusionspassagen erfassen?

Eine normativ unproblematische Mischung ist die Ambivalenz von

Chancen und Risiken. Dynamische Arbeitsmärkte, mobilisierende Sozialpolitiken,

enttraditionalisierte Lebenswelten und destandardisierte Berufsbiographien

binden neue Chancen an unbekannte Risiken. Es gibt

keine Garantie dafür, daß das Projekt des »eigenen Lebens« gelingt. Es

kann sich herausstellen, daß die Chancen nicht realisierbar und die Risiken

nicht beherrschbar sind. Aber ohne die Bereitschaft, Altes aufs Spiel

zu setzen, kann nichts Neues entstehen. Für einen Propheten der Tätigkeitsgesellschaft

wie André Gorz 30 sollte die Gesellschaft so eingerichtet

sein, daß die Formen prekärer, diskontinuierlicher und pluraler Erwerbsarbeit

nicht länger zum Zerfall der Gesellschaft führen, sondern neue

Formen des kollektiven Zusammenlebens und des gesellschaftlichen Zusammenhalts

ermöglichen. Jenseits des Normalarbeitsverhältnisses von

qualifikationsadäquater, lebenslanger und vollzeitlicher Beschäftigung,

jenseits der Normalfamilie mit männlichem Haupternährer und jenseits

des Standardlebenslaufs durch Bildung, Beschäftigung und Verrentung

werden die Biographien unwahrscheinlicher und die Lebensformen irregulärer.

Armuts- und Arbeitslosigkeitspassagen, Beschäftigungs- und Beziehungswechsel

gehören nach diesem Bild zum normalen Exklusionspotential

variabler Inklusionsverläufe.

Eine zweite Art der gesellschaftlichen Reaktion auf festgestellte Exklusion

ist Kompensation. Das kennzeichnet den Umgang mit allen Formen

definierter Behinderung in unserer Gesellschaft. Insbesondere fordert ein

»natürlich« gegebener Ausschluß aus allgemein als relevant erachteten

Tätigkeitsbereichen und Beziehungsweisen einen »gesellschaftlichen« Ausgleich.

So erklärt sich, daß die Anerkennung einer prinzipiellen Exklusion

die beste Voraussetzung für eine sekundär vermittelte Inklusion darstellt.

Die Anormalen werden gerade nicht aus-, sondern eingeschlossen.

30 André Gorz, Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt am Main 2002.

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Mittelweg 36 4/2004

Allerdings beschränkt sich die Kompensation auf den nationalstaatlichen

Rahmen der Sozialpflege. Einem illegal sich in Deutschland aufhaltenden

Rollstuhlfahrer wird man die Benutzung eines Aufzuges zum Bahnsteig

des S-Bahnhofes nicht verwehren, aber Leistungen eines Physiotherapeuten

wird man ihm selbst bei dringendem Bedarf verweigern.

So verfestigt die Kompensation von Exklusion die Inklusion.

Eine gefährliche Mischung von In- und Exklusion stellt die Paradoxie

dar. Man gehorcht den Imperativen der Inklusion und verfängt

sich gerade deshalb in den Fallstricken der Exklusion. Dieser Verlauf läßt

sich am Beispiel des »aktiven Verlierers« 31 verdeutlichen. Der macht alles

falsch, weil er alles richtig machen will. Die Entkoppelung kommt in

der Biographie dieses Typs so zustande, daß er zu schnell zu viel riskiert

und sich dadurch alle Rückkehroptionen auf vorherige Positionen und

frühere Konstellationen nimmt. Exklusion macht sich hier als ein paradoxer

Effekt geltend, der auf ein »falsches« timing von »richtigen« Einsätzen

zurückgeht. Setzt man alles auf eine Karte und die Dinge laufen

dann schief, steht man schnell vor dem Nichts. Das Schicksal des »aktiven

Verlierers« besteht darin, nicht zu begreifen, was ihm widerfahren

ist, weil er doch alles so gemacht hat, wie es verlangt wird. Er – und die

männliche Form ist insofern korrekt, als die Fälle dieses Typs in der Tat

meistens Männer sind – hat die Botschaft von Flexibilisierung und Mobilität

ernstgenommen, hat sich umschulen lassen, ist umgezogen, hat

sich scheiden lassen, um ganz neu anzufangen, und ist trotzdem aus

dem Spiel gefallen. Der neue Arbeitgeber hat die dot.com-Krise nicht

überlebt, die neue Freundin hat sich wieder von ihm getrennt, für die

Arbeitsvermittlung war er ein Fremdkörper, und in der fremden Umgebung

hat er keinen neuen sozialen Kontakt gefunden. Diese kleine Vignette

einer Exklusionskonstellation zeigt, wie man trotz hoher Qualifikation,

starker Motivation und fragloser Kompetenz den Anschluß

verlieren und in einem »schwarzen Loch« des Systems verschwinden

kann. Der von Paradoxien heimgesuchte »aktive Verlierer« fühlt sich ab

einem bestimmten Punkt seiner Lebensgeschichte mehr als Erleider von

Effekten denn als Bewirker von Wirkungen. Er fühlt sich aus der Welt

der Chancen verbannt und in die Welt des Ausschlusses geworfen.

Eine vierte Art der Mischung von Inklusion und Exklusion ist die

Polarisierung. Damit wird der Raumaspekt der Entkoppelung angesprochen.

Wo ist man, wenn man seinen Platz in der Welt verloren hat?

Polarisierung geschieht durch Praktiken der Sichtung, Säuberung und

Sicherung. Öffentliche Orte werden so zu Räumen für die zweifelsfrei

Inkludierten gemacht, in denen die von Exklusion Bedrohten keine Auf-

31 Andreas Willisch und Kai Brauer, »Aktive Verlierer und passive Gewinner. Die Wahrnehmung

individueller Aufstiegschancen und ihre integrative Kraft«, in: Berliner Debatte

INITIAL, Heft 2/3, 1998, S.117–123.

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Summary

enthaltsberechtigung mehr haben. Auf der sonnigen Seite der Straße will

man gutgelaunte, fit erscheinende und erfolgsgewohnte Leute sehen. Die

aussortierten und abgehängten Gestalten sollen sich zu ihresgleichen

verziehen oder ganz von der Bildfläche verschwinden. Polarisierung ist

ein Prozeß der stillen Reinigung des öffentlichen Raums, der eine Zonierung

der Lebenswelt mit sich bringt: in Deutschland ist es nicht das

öffentliche Ghetto, sondern es sind die privaten vier Wände, wohin sich

die Exkludierten zurückziehen. Der Nachbar, der vom vielen Weißbrot,

der fettigen Wurst und den gezuckerten Getränken außer Fasson gerät,

weil er die meiste Zeit des Tages vor dem Fernsehgerät verbringt, ist die

Figur des »Überflüssigen«, an welcher der deutschen Gesellschaft das

andere ihrer selbst vor Augen tritt.

This article aims to elucidate exclusion in the face of discrepancies between perception

of the phenomenon in society and sociological reconstructions. At a time

when people increasingly dramatize the »new« gap between inside and outside,

analysts of social structure uphold the »old« inequality of top and bottom. Shifting

the focus of attention to diachronic disparities will make sociology receptive for

experience in society and open society for sociological reconstruction.

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