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2006 Weihnachten - Nikolaus - Cusanus - Haus

2006 Weihnachten - Nikolaus - Cusanus - Haus

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Nikolaus-

Cusanus-Haus

Freies Altenheim e.V.

Lebensgemeinschaft im Alter

Hauszeitung



Bewohner- und

Angehörigenbefragung

Vegetarische Ernährung

Weihnachten 2006


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Hauszeitung

INHALT:

Seite

Aktuelles in Kürze aus dem NCH ............................................................. 6

Neue Bewohner .................................................................................................. 11

Der allererste Weihnachtsbaum ................................................................. 12

Mitarbeiter ............................................................................................................. 16

Bericht vom Ethik-Kongress in Berlin .................................................. 19

Totengedenken ..................................................................................................... 21

„Hoffest“ am 13. September 2006 ........................................................... 22

Veranstaltungen .................................................................................................. 25

„Echo“ aus unserem Kulturleben .............................................................. 28

Martinimarkt im Nikolaus-Cusanus-Haus ........................................... 35

Frau Pichts Zwerge ........................................................................................... 38

Die Weihnachtsgans ........................................................................................ 40

„Unsere kleine Stadt“ nach Thornton Wilder ................................... 42

Neue Bücher in unserer Bibliothek ......................................................... 46

Unsere Jubilare ................................................................................................... 55

Herausgeber: NIKOLAUS-CUSANUS-HAUS,

Freies Altenheim e.V., Lebensgemeinschaft im Alter,

Törlesäckerstraße 9, 70599 Stuttgart-Birkach

Telefon 0711 / 45 83 - 0

Auflage Nr. 46: 800

Redaktion: Stefanie Heckle, Annedore Hennig, Andrea Nickel,

Ursula Schütt, Heinz Bollinger, Sören Hirning,

Eckehard Rauch

Für die Beiträge unserer Bewohnerinnen und Bewohner

danken wir herzlich.

Spendenkonto: Nr. 100 555 004 Volksbank Esslingen (BLZ 61190110)


Weihnachten 2006

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Es waltet die Nacht –

Was dämpfet die Wesen

Im endlosen Raum

Zu lastendem Nichts?

Es weset das All –

Was waltet, sich hüllend

Im Dunkel der Gründe,

Verborgen atmend?

Es ahnet des Geistes

Erbrennendes Dursten

In Welten die Wesen,

In Wesen die Welten.

Rudolf Steiner


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Hauszeitung

Sehr verehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser,

es ist schon wieder etliche Jahre her, dass wir unter dem Titel „Aber bitte nicht erst

mit 80“ einen mehr oder weniger dezenten Aufruf an die Interessenten unseres

Wohnheimbereiches gerichtet haben, sich möglichst frühzeitig für den Einzug in das

Nikolaus-Cusanus-Haus zu entschließen. Rückblickend muss leider festgehalten

werden, dass dieser Versuch eindeutig gescheitert ist. Auch wir konnten uns nicht

gegen den allgemein zu beobachtenden Trend, immer später einziehen zu wollen,

durchsetzen. Denselben Aufruf müsste man heute fast schon unter der Überschrift

„Aber nicht erst mit 90“ schreiben, wollte man unseren Erfahrungen aus den letzten

Wochen folgen.

Was ist passiert? Noch in unserer Michaeli-Ausgabe konnten wir auf die historische

Höchstbelegung Anfang August hinweisen. Und obwohl wir auch aktuell (nahezu)

voll belegt sind, ist es uns im Oktober nicht ganz leicht gefallen, ein freigewordenes

Appartement des Typs VII mit 62,63 m Wohnfläche zeitnah an ein Ehepaar im

Wohnheimbereich zu vermieten. Hunderte von Vormerkungen füllen unsere Karteien

mit Absichtserklärungen der Interessenten. Wie sind sie im „Ernstfall“ für uns

verwertbar? In dem konkreten Fall haben wir mit ca. 15 „Bewerbern“ persönlich gesprochen,

telefoniert, das Appartement gezeigt, Schriftverkehr geführt – und immer

wieder sinngemäß gehört: „Ja, es ist ein wunderschönes und großzügiges Appartement,

wir sind Ihnen für das Angebot sehr dankbar, aber es geht uns immer noch

relativ gut, wir können noch zu Hause bleiben, einziehen wollen wir erst so spät wie

möglich!“

Wurde hier vielleicht der richtige Zeitpunkt verpasst? Sind manche Menschen

bereits in einem Alter, in welchem sie sich kaum noch selbstständig und vor allem

aus eigener Überzeugung entscheiden können? Sind es wirtschaftliche Ängste, jahrzehntelange

Gewohnheiten oder die Anpassung an den in unserer Gesellschaft zu

beobachtenden allgemeinen Trend, die sie zu dieser Haltung bewegen? Wir wissen

es nicht, können nur Vermutungen anstellen und müssen uns zusätzlich selbstkritisch

fragen, was wir falsch gemacht haben. Denn wir haben in ein bis zwei Fällen

auch von Menschen gehört, die sich bereits für andere Einrichtungen entschieden

haben, weil sie aufgrund unserer früheren Äußerungen in öffentlichen Führungen

oder bei anderen Kontakten für sich den Rückschluss gezogen hatten, bei uns auf

Jahre hinaus chancenlos zu sein!


Weihnachten 2006

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In der nächsten Zeit werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit verstärkt Zweizimmer-Appartements

im Wohnheimbereich anbieten können. Um unsere Konzeption

aufrecht erhalten zu können – von der wir alle, Sie, sehr verehrte LeserInnen, ebenso

wie wir, nach wie vor überzeugt sind –, brauchen wir mehr denn je „Nachrücker“ in

einem Alter, in dem sie sich noch aktiv einbringen können und wollen.

Wo sind die entsprechenden Ehepaare, Geschwister oder Partnerschaften unter unserer

Leserschaft, die hierfür in Frage kommen? Sie tun nicht nur uns, sondern auch

sich selbst keinen Gefallen, wenn Sie den Zeitpunkt Ihres geplanten Einzugs von

Jahr zu Jahr weiter nach hinten verschieben! Fragen Sie doch einmal eine(n) unserer

Bewohner(innen), ob sie der Meinung sind, selbst zu früh eingezogen zu sein! Sprechen

Sie vor allem auch uns an, und halten Sie uns bitte über Ihre aktuellen Vorstellungen

und Planungen auf dem Laufenden!

In der Hoffnung auf zahlreiche positive Rückäußerungen von Interessenten ab dem

Pensionsalter wünschen wir allen unseren Leserinnen und Lesern ein frohes und

gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2007.

Heinz Bollinger

Ursula Schütt


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Hauszeitung

Aktuelles in Kürze

aus dem Nikolaus-Cusanus-Haus

Begünstigt durch einen wunderschönen Herbst, der uns bis in den Dezember hinein

mit Licht und Wärme verwöhnte, konnten Besucher und Bewohner eine herrliche

Farbenpracht in unserem Garten bewundern. Mit den Jahren ist hier eine

Oase entstanden, deren Bedeutung für unser körperliches, seelisches und geistiges

Empfinden und damit Wohlergehen nicht hoch genug eingeschätzt werden kann und

somit immer wieder einmal erwähnt werden darf.

Das prachtvolle Wetter war auch ein weiterer Garant dafür, dass unser traditionelles

Hoffest am 13. September bei unseren Nachbarn, den Familien Lederer und Schwaiger,

wiederum als sehr gelungen bezeichnet werden darf und so erneut ein voller Erfolg

wurde. Nach Kaffee und Hefezopf erfreute sich ein zünftiges Vesper – und hier

vor allem die Schmalzbrote – begeisterten Zuspruchs, musikalisch von dem Akkordeon

spielenden Ehepaar Meisenbacher begleitet. Eine Bildnachlese finden Sie ab

Seite 22.

Seit vielen Jahren findet am Tag der Deutschen Einheit die beliebte Gesellige Versammlung

unseres Fördervereins statt. Mitglieder und Bewohner nutzten so auch

dieses Jahr am 3. Oktober bei Kaffee und Kuchen die Gelegenheit zu Information

und Meinungsaustausch über das Leben im Haus. Für den musikalischen Rahmen

zeichnete diesmal das Eulenspiegel Hornquartett verantwortlich. An die in der Vergangenheit

hohe Spendenbereitschaft der Mitglieder anknüpfend, wies für den Vorstand

Herr Veil auf die immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen

hin.

Am 10. Oktober verwöhnte unser schweizerischer Koch Marcel Furrer die BewohnerInnen

anlässlich unserer herbstlichen Begegnung im Restaurant mit seinem schon

legendär gewordenen selbstgebackenen Zwiebelkuchen. Natürlich durfte auch ein

Glas Süßmost ebenso wenig fehlen wie die musikalische Begleitung durch unseren

Altenpfleger Stephan Backert. Beiden sei an dieser Stelle herzlich gedankt, wie

natürlich allen anderen HelferInnen auch.

Jedes Jahr aufs Neue stellt unser Martinimarkt einen Höhepunkt im Jahreslauf dar.

Immer wieder gelingt es unseren veranstaltenden BewohnerInnen, ein farbenfrohes,

qualitätvolles, vielfältiges und wohlschmeckendes Angebot zusammenzustellen und

nahezu problemlos restlos zu verkaufen. Kein Wunder, dass so einmal mehr ein


Weihnachten 2006

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ansehnlicher Betrag an Spenden für das Haus zusammenkam. Zumindest als genauso

wichtig und erfreulich darf jedoch auch die wundervolle Atmosphäre bezeichnet

werden. Auf den Seiten 35 bis 37 versuchen unsere Fotos vom 4. November, für Sie

ein wenig von der Stimmung wiederzugeben. Lassen Sie sich inspirieren – und besuchen

Sie uns nächstes Jahr, falls Sie nicht ohnehin schon zu unseren „Stammgästen“

gehören sollten!

Im Rahmen seiner jahrzehntelangen Theaterarbeit unter der bewährten Leitung des

engagierten Pädagogen Eberhard Riese war das Paracelsus-Gymnasium Hohenheim

im November mit Thornton Wilders Stück „Unsere kleine Stadt“ in unserem

Festsaal zu Gast. Seit 1994 finden die Aufführungen nun schon alljährlich im

Nikolaus-Cusanus-Haus statt und bieten so auch einer Vielzahl von Gästen die

Möglichkeit, uns und unsere Arbeit kennenzulernen. Für uns ein unschätzbarer Beitrag

zur Integration in das gesellschaftliche Leben, der hilft, Berührungsängste erst

gar nicht aufkommen zu lassen! Überdies, und darauf darf zum wiederholten Male

hingewiesen werden, entscheiden sich jedes Jahr einige Schüler des PGH dazu,

ihren Zivildienst bei uns abzuleisten.

Einen kulinarischen Höhepunkt der besonderen Art stellte unsere Österreichische

Woche in der Zeit vom 13. bis 17. November für BewohnerInnen und MitarbeiterInnen

dar. Zu welchen Schmankerln unser südlicher Nachbar in der Lage ist,

wurde von unserem Küchenteam eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Zentrales Thema unseres Gesamtangehörigenabends am 29. November war der

Umgang mit zunehmender Pflegebedürftigkeit und Demenz aus Sicht der Angehörigen.

Als ehrenamtliches Vorstandsmitglied der Alzheimer Gesellschaft Baden-

Württemberg referierte unsere langjährige Mitarbeiterin, Frau Annegret Grüninger,

die mit viel Sachkenntnis Erfahrungen aus ihrer Arbeit und ihrer persönlichen

Betroffenheit darstellte und damit vielfältige Hilfestellungen und wertvolle Anregungen

geben konnte.

Größte Bedeutung in einer anthroposophischen Altenhilfeeinrichtung hat die Totengedenkfeier,

streben wir doch ganz bewusst danach, unsere Verstorbenen weiterhin

in unser Leben einzubeziehen. Zu unserer großen Freude folgt regelmäßig die Mehrzahl

der Angehörigen der im Lauf des vergangenen Jahres von uns gegangenen

BewohnerInnen unserer Einladung, so auch dieses Jahr am 26. November.

Immer wieder haben wir auf den Stellenwert von Fortbildungen für unsere

MitarbeiterInnen hingewiesen. In einem zweitägigen Seminar unter der Leitung


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Hauszeitung

von Herrn Rolf Lang, Mitarbeiter der GAB (Gesellschaft für Ausbildungsforschung

und Berufsentwicklung), war am 6. und 7. November in unseren Schulungsräumen

das Qualitätsmanagement das große Thema. Verständlicher ausgedrückt, bewegte

uns die Frage, wie wir zukünftig die Qualität unserer Arbeit sichern und weiterentwickeln

können.

Zur Sicherung der Ausbildung von AltenpflegerInnen hat unsere Landesregierung

am 04.10.2005 die sogenannte Altenpflegeausbildungsausgleichsverordnung

(!!!) erlassen. Damit werden alle BewohnerInnen von stationären Altenhilfeeinrichtungen

mit einem jährlich neu festzusetzenden zusätzlichen Beitrag

belastet. Im Jahr 2006 betrug er Euro 0,73, ab dem 1. Januar 2007 wurde er auf nun

Euro 0,81 pro Tag neu festgesetzt. Eine maßvolle Anhebung für die Betroffenen

(Euro 29,20, auf das ganze Jahr gerechnet), für uns als Einrichtung hingegen doch

auch in gewisser Weise – aufgrund des hohen Verwaltungsaufwandes – ein Ärgernis.

Für uns handelt es sich um einen sogenannten durchlaufenden Posten, das heißt,

wir berechnen die Umlage mit unseren Monatsrechnungen, sammeln sie und führen

sie an den KVJS (früher Landeswohlfahrtsverband) ab. So weit, so gut. Zusätzlich

sind wir aufgrund bestehender Gesetze und Verordnungen aber verpflichtet, die

Zustimmung des Heimbeirates einzuholen und alle BewohnerInnen schriftlich,

spätestens vier Wochen vorher, entsprechend zu informieren. Welche immense

Zusatzarbeit hier im Detail dahintersteckt, kann man leicht erahnen, wenn man

während seines Berufslebens Erfahrungen mit der Regulierungswut unserer Gesetzgeber

und deren ausführenden Organen sammeln durfte. Und – wir hätten es fast

nicht mehr für möglich gehalten – es wird alles ständig noch komplizierter.

Apropos Heimbeirat, am 29. Oktober fand die Neuwahl dieses Gremiums für die

Jahre 2007 und 2008 statt. Mehr als erfreulich, weil längst nicht mehr üblich, dass

sich 14 BewohnerInnen für neun zu wählende VertreterInnen zur Verfügung stellten.

Zwei langjährige Mitglieder, Frau Koepf und Herr Schwarz, kandidierten nicht

mehr, ihnen sei an dieser Stelle ganz herzlich für ihr engagiertes Mitarbeiten gedankt.

Bei einer sehr guten Wahlbeteiligung von 63,16 % abgegebenen gültigen

Stimmen wurden die sieben verbleibenden seitherigen Heimbeiräte – Frau Schalk,

Frau Schmalor, Frau Schubert, Frau Schwarzwälder, Herr Müller, Herr von Stietencron

und Herr Weber – bestätigt, neu hinzugekommen sind Frau Trillhaas und Herr

Dr. Niehaus. Die Heimleitung und der Vorstand freuen sich auf die Fortsetzung

einer ebenso konstruktiven wie kritischen Zusammenarbeit und gratulieren allen

Mandatsträgern zu ihrer Wahl. Ein herzlicher Dank gilt ebenso dem Wahlvorstand,

der die Wahl vorbereitete und durchführte: Frau Bockemühl, Frau Werner und

Herrn Bockemühl.


Weihnachten 2006

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Bereits in unserer letzten Ausgabe hatten wir an dieser Stelle darauf hingewiesen,

dass wir uns mit der Frage beschäftigen müssen, wann der richtige Zeitpunkt für die

Eröffnung der Pflegezentrale auf Ebene 5 gekommen sein wird. Quasi als ersten

Zwischenschritt haben wir uns nun entschlossen, den Aufenthaltsraum im Südwestflügel

der Ebene 5 in Betrieb zu nehmen. Seit dem 20.11.2006 nehmen bis zu

acht pflegebedürftige BewohnerInnen hier ihre Mahlzeiten ein, überdies steht ihnen

dieser Raum nun für Begegnungen, Gespräche und ähnliches zur Verfügung.

Wir freuen uns, dass wir im November unseren MitarbeiterInnen erneut eine

Weihnachtssonderzahlung in Höhe von 82,14 % eines durchschnittlichen Monatsgehaltes

auszahlen konnten. Diese Tatsache ist umso bemerkenswerter, wenn man

weiß, dass kaum eine soziale Einrichtung hierzu noch in der Lage ist. Allerdings

werden auch wir uns den immer schlechter werdenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen

nicht entziehen können. In unserer letzten, zweimal jährlich stattfindenden

Mitarbeiterversammlung (Frühjahr und Herbst) haben wir darauf hingewiesen,

dass nächstes Jahr zumindest mit einer deutlichen Reduzierung gerechnet werden

muss.

Schon in unserer Osterausgabe hatten wir darauf hingewiesen, dass unsere mittelfristige

Finanzplanung bis 2010 deutlich macht, dass wir in Zukunft verstärkt auf

außerordentliche Erträge, also Spenden, angewiesen sein werden, um vertretbare

Jahresabschlüsse erzielen zu können. Die Erstellung unserer Stellenpläne und des

Gesamthaushaltes für 2007, derzeit das zentrale Thema von Geschäftsführung und

Heimleitung, stellt uns vor grundsätzliche Fragen. Unsere Einnahmen, die, wenn

überhaupt, leider nur in einem absolut vernachlässigbaren Rahmen steigerungsfähig

sind, geben im Wesentlichen unsere Ausgaben, die von der Tendenz her stetig zunehmen,

vor. Anders und verständlicher ausgedrückt: wir können nicht mehr ausgeben,

als wir einnehmen, es sei denn, wir erhalten zusätzliche Spenden und entscheiden

uns bewusst dafür, diese, zumindest teilweise, für den Ausgleich des laufenden

Haushalts einzusetzen. Trotzdem bleibt die Frage, welche Mittel an welcher

Stelle eingesetzt werden. Wir müssen im Jahr 2007 Kosten reduzieren, ob eher

Mitarbeiterkosten (Stellenreduzierungen!) oder Sachkosten (wie beispielsweise die

Pflege und Wartung von Innenhof und Garten, die Verpflegungskosten mit ihrem

Anteil von derzeit ca. 23 % an biologischen Lebensmitteln oder diverse Instandhaltungskosten)

betroffen sein werden, bleibt den laufenden Gesprächen mit den

Bereichsleitungen und dem Vorstand vorbehalten. Wir erwarten dabei einen

durchaus schmerzhaften Prozess, hat doch seither jeder ausgegebene Euro seine

Berechtigung, und lassen sich gegen jede Reduzierung mühelos gute und treffende

Argumente finden.


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Hauszeitung

Sorgen bereitet uns derzeit auch noch die für das erste Quartal 2007 vorgesehene Installation

der von der Brandschutzbehörde geforderten Brandmeldeanlage. Abgesehen

von einer massiven und leider unvermeidlich starken Beeinträchtigung unserer

BewohnerInnen durch die Baumaßnahmen ist der Umfang und die Art der Ausführung

abschließend noch nicht völlig klar. Die ursprüngliche Forderung der Behörden

bezog sich nur auf unsere Flure, wir sind jedoch der Auffassung, dass die

gleichzeitige und freiwillige Installation in den Appartements nicht nur die Sicherheit

für Leib und Leben unserer BewohnerInnen ganz wesentlich erhöht, sondern, in

einem Zuge ausgeführt, auf Dauer auch ganz wesentlich Kosten spart. Dies deshalb,

weil mit einer gesetzlich vorgeschriebenen Nachrüstungspflicht spätestens in wenigen

Jahren ohnehin fest zu rechnen ist, die dann im Vergleich zu heute nur deutlich

teurer zu bewältigen wäre. In zwei Bewohnerversammlungen im November 2006

haben wir über den Einbau der Brandmeldeanlage ausführlich informiert und sind

auf breite Zustimmung gestoßen. Der Heimbeirat wurde selbstverständlich ebenfalls

mit einbezogen, auch er hat keine grundsätzlichen Bedenken. Voraussichtlich werden

die Arbeiten bereits Mitte Januar 2007 beginnen und ca. 8 bis 10 Wochen andauern.

Rechtzeitig vorher werden wir jedem Bewohner/jeder Bewohnerin noch eine

ausführliche schriftliche Information zukommen lassen.

Wie jedes Jahr verzeichneten wir auch dieses Jahr in der Adventszeit eine Vielzahl

von größeren und kleineren Veranstaltungen, die das kulturelle Angebot bereichern

und überhaupt nicht wegzudenken wären. Adventsgärtchen, gemeinsame Adventsfeiern

und Benefizkonzerte (Trio Opus 8) gehörten ebenso dazu wie kleine Innenhofkonzerte

und unsere Adventskaffees, die dieses Mal erstmals nicht mehr in

unserem Restaurant, sondern in unserem Café stattfanden und sich so mehr hin zur

offenen Mitte unseres Hauses entwickeln konnten. Die Übernahme unseres Cafés in

Eigenregie, das soll abschließend an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, kann

nach etwa einem halben Jahr in Betrieb aus verschiedenen Gründen als voller Erfolg

bezeichnet werden. Sozial-kulturell verfügen wir heute über deutlich mehr Nutzungsmöglichkeiten,

weil es gelungen ist, das Café als Begegnungsstätte wesentlich

besser in das Haus zu integrieren, es zu einem Teil des Ganzen zu machen.

Heinz Bollinger


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Hauszeitung

Der allererste Weihnachtsbaum

Der Weihnachtsmann ging durch den Wald. Er war ärgerlich. Sein weißer Spitz, der

sonst immer lustig bellend vor ihm herlief, merkte das und schlich hinter seinem

Herrn mit eingezogener Rute her.

Er hatte nämlich nicht mehr die rechte Freude an seiner Tätigkeit. Es war alle Jahre

dasselbe. Es war kein Schwung in der Sache. Spielzeug und Esswaren, das war auf

die Dauer nichts. Die Kinder freuten sich wohl darüber, aber quieken sollten sie und

jubeln und singen, so wollte er es, das taten sie aber nur selten.

Den ganzen Dezembermonat hatte der Weihnachtsmann schon darüber nachgegrübelt,

was er wohl Neues erfinden könne, um einmal wieder eine rechte Weihnachtsfreude

in die Kinderwelt zu bringen, eine Weihnachtsfreude, an der auch die Großen

teilnehmen würden. Kostbarkeiten durften es auch nicht sein, denn er hatte soundsoviel

auszugeben und mehr nicht.

So stapfte er denn auch durch den verschneiten Wald, bis er auf dem Kreuzweg war.

Dort wollte er das Christkindchen treffen. Mit dem beriet er sich nämlich immer

über die Verteilung der Gaben.

Schon von weitem sah er, dass das Christkindchen da war, denn ein heller Schein

war dort. Das Christkindchen hatte ein langes weißes Pelzkleidchen an und lachte

über das ganze Gesicht. Denn um es herum lagen große Bündel Kleeheu und

Bohnenstiegen und Espen- und Weidenzweige, und daran taten sich die hungrigen

Hirsche und Rehe und Hasen gütlich. Sogar für die Sauen gab es etwas: Kastanien,

Eicheln und Rüben.

Der Weihnachtsmann nahm seinen Wolkenschieber ab und bot dem Christkindchen

die Tageszeit. „Na, Alterchen, wie geht’s?“ fragte das Christkind. „Hast wohl

schlechte Laune?“ Damit hakte es den Alten unter und ging mit ihm. Hinter ihnen

trabte der kleine Spitz, aber er sah gar nicht mehr betrübt aus und hielt seinen

Schwanz kühn in die Luft.

„Ja“, sagte der Weihnachtsmann, „die ganze Sache macht mir so recht keinen Spaß

mehr. Liegt es am Alter oder an sonst was, ich weiß nicht. Das mit den Pfefferkuchen

und den Äpfeln und Nüssen, das ist nichts mehr. Das essen sie auf, und dann

ist das Fest vorbei. Man müsste etwas Neues erfinden, etwas, das nicht zum Essen


Weihnachten 2006

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und nicht zum Spielen ist, aber wobei alt und jung singt und lacht und fröhlich

wird.“

Das Christkindchen nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht; dann sagte es:

„Da hast du recht, Alter, mir ist das auch schon aufgefallen. Ich habe daran auch

schon gedacht, aber das ist nicht so leicht.“

„Das ist es ja gerade“, knurrte der Weihnachtsmann, „ich bin zu alt und zu dumm

dazu. Ich habe schon richtiges Kopfweh vom vielen Nachdenken, und es fällt mir

doch nichts Vernünftiges ein. Wenn es so weitergeht, schläft allmählich die ganze

Sache ein, und es wird ein Fest wie alle anderen, von dem die Menschen dann weiter

nichts haben als Faulenzen, Essen und Trinken.“

Nachdenklich gingen beide durch den weißen Winterwald, der Weihnachtsmann mit

brummigem, das Christkindchen mit nachdenklichem Gesicht. Es war so still im

Wald, kein Zweig rührte sich, nur wenn die Eule sich auf einen Ast setzte, fiel ein

Stück Schneebehang mit halblautem Ton herab. So kamen die beiden, den Spitz hinter

sich, aus dem hohen Holz auf einen alten Kahlschlag, auf dem große und kleine

Tannen standen. Das sah wunderschön aus. Der Mond schien hell und klar, alle

Sterne leuchteten, der Schnee sah aus wie Silber, und die Tannen standen darin,

schwarz und weiß, dass es eine Pracht war. Eine fünf Fuß hohe Tanne, die allein im

Vordergrund stand, sah besonders reizend aus. Sie war regelmäßig gewachsen, hatte

auf jedem Zweig einen Schneestreifen, an den Zweigspitzen kleine Eiszapfen, und

glitzerte und flimmerte nur so im Mondenschein.

Das Christkindchen ließ den Arm des Weihnachtsmannes los, stieß den Alten an,

zeigte auf die Tanne und sagte: „Ist das nicht wunderhübsch?“ „Ja“, sagte der Alte,

„aber was hilft mir das?“

„Gib ein paar Äpfel her“, sagte das Christkindchen, „ich habe einen Gedanken.“ Der

Weihnachtsmann machte ein dummes Gesicht, denn er konnte es sich nicht recht

vorstellen, dass das Christkind bei der Kälte Appetit auf die eiskalten Äpfel hatte. Er

hatte zwar noch einen guten alten Schnaps, aber den mochte er dem Christkindchen

nicht anbieten.

Er machte sein Tragband ab, stellte seine riesige Kiepe in den Schnee, kramte darin

herum und langte ein paar recht schöne Äpfel heraus. Dann fasste er in die Tasche,

holte sein Messer heraus, wetzte es an einem Buchenstamm und reichte es dem

Christkindchen.


14

Hauszeitung

„Sieh, wie schlau du bist“, sagte das Christkindchen. „Nun schneid mal etwas Bindfaden

in zwei Finger lange Stücke, und mach mir kleine Pflöckchen.“ Dem Alten

kam das alles etwas ulkig vor, aber er sagte nichts und tat, was das Christkind ihm

sagte. Als er die Bindfadenenden und die Pflöckchen fertig hatte, nahm das Christkind

einen Apfel, steckte ein Pflöckchen hinein, band den Faden daran und hängte

den an einen Ast.

„So“, sagte es dann, „nun müssen auch an die anderen welche, und dabei kannst du

helfen, aber vorsichtig, dass kein Schnee abfällt!“ Der Alte half, obgleich er nicht

wusste, warum. Aber es machte ihm schließlich Spaß, und als die ganze kleine Tanne

voll von rotbäckigen Äpfeln hing, da trat er fünf Schritte zurück, lachte und sagte:

„Kiek, wie niedlich das aussieht! Aber was hat das alles für’n Zweck?“

„Braucht denn alles gleich einen Zweck zu haben?“ lachte das Christkind. „Pass auf,

das wird noch schöner. Nun gib mal Nüsse her!“ Der Alte krabbelte aus seiner Kiepe

Walnüsse heraus und gab sie dem Christkindchen. Das steckte in jedes ein Hölzchen,

machte einen Faden daran, rieb immer eine Nuss an der goldenen Oberseite

seiner Flügel, dann war die Nuss golden, und die nächste an der silbernen Unterseite

seiner Flügel, dann hatte es eine silberne Nuss und hängte sie zwischen die Äpfel.

„Was sagst nun, Alterchen?“ fragte es dann. „Ist das nicht allerliebst?“ „Ja“, sagte

der, „aber ich weiß immer noch nicht ...“ „Komm schon!“ lachte das Christkindchen.

„Hast du Lichter?“ „Lichter nicht“, meinte der Weihnachtsmann, „aber ’nen

Wachsstock!“ „Das ist fein“, sagte das Christkind, nahm den Wachsstock, zerschnitt

ihn und drehte erst ein Stück um den Mitteltrieb des Bäumchens und die anderen

Stücke um die Zweigenden, bog sie hübsch gerade und sagte dann: „Feuerzeug hast

du doch?“

„Gewiss“, sagte der Alte, holte Stein, Stahl und Schwammdose heraus, pinkte Feuer

aus dem Stein, ließ den Zunder in der Schwammdose zum Glimmen kommen und

steckte daran ein paar Schwefelspäne an. Die gab er dem Christkindchen. Das nahm

einen hellbrennenden Schwefelspan und steckte damit erst das oberste Licht an,

dann das nächste davon rechts, dann das gegenüberliegende. Und rund um das

Bäumchen gehend, brachte es so ein Licht nach dem andern zum Brennen.

Da stand nun das Bäumchen im Schnee; aus seinem halbverschneiten, dunklen Gezweig

sahen die roten Backen der Äpfel, die Gold- und Silbernüsse blitzten und funkelten,

und die gelben Wachskerzen brannten feierlich. Das Christkindchen lachte

über das ganze rosige Gesicht und patschte in die Hände, der alte Weihnachtsmann

sah gar nicht mehr so brummig aus, und der kleine Spitz sprang hin und her und

bellte.


Weihnachten 2006

15

Als die Lichter ein wenig heruntergebrannt waren, wehte das Christkindchen mit

seinen goldsilbernen Flügeln, und da gingen die Lichter aus. Es sagte dem Weihnachtsmann,

er solle das Bäumchen vorsichtig absägen. Das tat der, und dann gingen

beide den Berg hinab und nahmen das bunte Bäumchen mit.

Als sie in den Ort kamen, schlief schon alles. Beim kleinsten Hause machten die

beiden halt. Das Christkindchen machte leise die Tür auf und trat ein; der Weihnachtsmann

ging hinterher. In der Stube stand ein dreibeiniger Schemel mit einer

durchlochten Platte. Den stellten sie auf den Tisch und steckten den Baum hinein.

Der Weihnachtsmann legte dann noch allerlei schöne Dinge, Spielzeug, Kuchen,

Äpfel und Nüsse unter den Baum, und dann verließen beide das Haus so leise, wie

sie es betreten hatten.

Als der Mann, dem das Häuschen gehörte, am andern Morgen erwachte und den

bunten Baum sah, da staunte er und wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Als er

aber an dem Türpfosten, den des Christkinds Flügel gestreift hatte, Gold- und Silberflimmer

hängen sah, da wusste er Bescheid. Er steckte die Lichter an dem Bäumchen

an und weckte Frau und Kinder. Das war eine Freude in dem kleinen Haus wie

an keinem Weihnachtstag. Keines von den Kindern sah nach dem Spielzeug, nach

dem Kuchen und den Äpfeln, sie sahen nur alle nach dem Lichterbaum. Sie fassten

sich an den Händen, tanzten um den Baum und sangen alle Weihnachtslieder, die sie

wussten, und selbst das Kleinste, das noch auf dem Arm getragen wurde, krähte,

was es krähen konnte.

Als es helllichter Tag geworden war, da kamen die Freunde und Verwandten des

Bergmanns, sahen sich das Bäumchen an, freuten sich darüber und gingen gleich in

den Wald, um sich für ihre Kinder auch ein Weihnachtsbäumchen zu holen. Die anderen

Leute, die das sahen, machten es nach, jeder holte sich einen Tannenbaum und

putzte ihn an, der eine so, der andere so, aber Lichter, Äpfel und Nüsse hängten sie

alle daran.

Als es dann Abend wurde, brannte im ganzen Dorf Haus bei Haus ein Weihnachtsbaum,

überall hörte man Weihnachtslieder und das Jubeln und Lachen der Kinder.

Von da aus ist der Weihnachtsbaum über ganz Deutschland gewandert und von da

über die ganze Erde. Weil aber der erste Weihnachtsbaum am Morgen brannte, so

wird in manchen Gegenden den Kindern morgens beschert.

Hermann Löns


18

Hauszeitung

ICH SPRECHE ZU DEN ENGELN

MEINER ERWACHSENEN KINDER

Ich spreche zu den Engeln meiner erwachsenen Kinder:

Folgt ihr ihnen immer noch?

Tragt ihr ihre Wünsche in euren Händen?

Wißt ihr etwas von ihrer Einsamkeit, die voll innerer Kämpfe ist?

Und wenn sie euch und das Leben verneinen,

wendet ihr euch ab und weint,

aber bleibt doch?

Sie brauchen euch,

mehr als früher, als sie noch klein waren,

sie brauchen euch verzweifelt,

denn die Jugend ist die schwerste Zeit.

Alles soll auf eigenes Risiko entschieden werden,

man soll sich losreißen,

alles selbst durchdenken,

will nichts wissen von Engeln.

O, ihr Engel meiner erwachsenen Kinder!

Eine Mutter darf nicht länger eingreifen.

Aber ihr dürft.

Eine Mutter kann nicht länger Rat geben,

aber eure Weisheit kommt von Gott.

Haltet aus an der Seite meiner erwachsenen Kinder, ihr Engel.

Helft ihnen, im Dickicht zu wandern,

den rechten Weg zu finden,

ihren einzigen Weg.

Viola Renvall (Finnland)


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Bericht vom Ethik-Kongress in Berlin

vom 24. – 26. November 2006

Dieser vierte Kongress unter dem Motto Ethik des Sterbens – Würde des Lebens

stellt das Thema „Tödliches Mitleid – Tod und Liebe“ in den Mittelpunkt; dabei

wurden ethische Fragen im Kontext von passiver und aktiver Sterbehilfe, von

Selbsttötung, Abtreibung und Pränataldiagnostik bewegt.

Veranstalter waren das Nikodemus-Werk, der Verband für Anthroposophische Pflege,

Vertreter und Mitarbeiter der Hospizbewegung, der Diakonie und staatlicher

Einrichtungen, die Medizinische Sektion am Goetheanum in Dornach, der Verband

der Sozialwerke der Christengemeinschaft unter Mitwirkung der Bundesarbeitsgemeinschaft

Selbsthilfe.

Teilgenommen haben daran ca. 500 Menschen aus verschiedenen Berufs- und

Lebensgruppen, angereist aus ganz Deutschland und den Nachbarländern. Neben

sehr interessanten, berührenden und impulsierenden Vorträgen waren auch Arbeitsgruppen

und Foren gebildet worden, dadurch war punktuell die Möglichkeit gegeben,

inhaltlich tiefer einzusteigen und Fragen zu bearbeiten.

Herausragend war für mich persönlich der Vortrag von Dr. Matthias Girke, Arzt am

Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe. Deshalb möchte ich Ihnen gerne in Kurzform

einen Abschnitt daraus zusammenfassen:

Das Thema des Vortrages lautete: Ärztliche Begleitung am Lebensende – was

heißt das?

„Zunächst gibt es kein allgemeingültiges Umgehen mit Sterbenden, denn jeder

Mensch stirbt in seiner ganz individuellen Art und Weise. Deshalb ist jede Begleitung

eines sterbenden Menschen neu und einzigartig. Sie ist geprägt von der Qualität

der Ichbegegnung. Als Begleiter auf diesem Weg fragen wir uns, wie können wir

helfen? Was hilft?

Zunächst führt jede schwere Erkrankung den Menschen in die Einsamkeit. Eine

gewisse Zeit wird er von dem vertrauten Menschen besucht oder angerufen. Dann

aber, wenn immer klarer wird, dass der Weg zum Sterben hinführt, hört das häufig

auf. Ein neuer Menschenkreis bildet sich um ihn, und so sind es neue Wegbegleiter,

die ihm zur Seite stehen.


20

Hauszeitung

Was ist zu tun? Unser Tun muss nicht wirksam, sondern für den Sterbenden gut

sein. Wie finden wir heraus, was gut für ihn ist?

Kommt ein Mensch zum Sterben, wird die Therapie häufig auf ein Minimum beschränkt.

– „Wir können nichts mehr für ihn tun.“ Eine größere Spannweite kann

man sich angesichts der maximalen Bedürftigkeit in dieser Situation kaum vorstellen.

Jemand sagte einmal: „Der Patient muss sterben, weil der Helfer schon lange

gestorben ist.“ Dies weist darauf hin, wie wichtig unsere lebensbejahende Haltung in

der Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden ist – und zwar bis zuletzt. Wunden,

die sich zeitnah am Tode schließen, zeigen, dass die heilenden Kräfte bis zuletzt

entwickelt werden wollen. Die Aussage einer Patientin: „Selbst wenn ich

sterbe, werde ich doch gesund.“

Wir können auch darauf schauen, wie der Mensch seinen letzten Lebensabschnitt

gestaltet. Vielleicht erzählt er uns, wenn wir uns einmal Zeit nehmen, ihm zuzuhören,

zusammengefasst sein ganzes Leben. Oder sein Blick weist auf nicht erledigte

Aufgaben hin, und er erlebt innerlich Schuld. Vielleicht sind Begegnungen notwendig,

Menschen, denen der Sterbende noch einmal die Hand reichen möchte. Es kann

sich darin der Wunsch ausdrücken, auszugleichen oder Unvollkommenes zu vollenden.

Wir können also helfen, Sinn im Sterben zu finden, Beziehung zu gestalten und die

Willensbekundung des Sterbenden wahrzunehmen und ihn darin zu unterstützen.“

Liebe Bewohnerinnen und Bewohner, liebe Leserinnen und Leser, der Vortrag von

Herrn Dr. Girke führte noch viel weiter. Ich habe lediglich einen kleinen Abschnitt

gewählt und ihn mit meinen Worten zusammengefasst. Es wird jedoch eine Zusammenfassung

des gesamten Kongresses geben, darin sind die Vorträge im Original

abgedruckt. Zur gegebenen Zeit kann ich Sie darüber in der Bewohnerversammlung

informieren, wenn Sie dies möchten.

Zum Schluss noch ein Zitat, welches Herr Dr. Girke in seinem Vortrag erwähnte:

Die Lebenden sind dazu da, den Sterbenden die Augen zu schließen.

Die Sterbenden sind dazu da, den Lebenden die Augen zu öffnen.

Dankbar für all die guten Anregungen, Gedanken und Impulse grüßt Sie alle ganz

herzlich

Renate Matthees


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Hauszeitung

„Hoffest“ am 13. September 2006


Weihnachten 2006

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Hauszeitung


Weihnachten 2006

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V e r a n s t a l t u n g e n

W e i h n a c h t e n 2 0 0 6 b i s Os t e r n 2 0 0 7

Sonntag

Dienstag

Sonntag

24.12.2006 16.30 Uhr Weihnachtsfeier

26.12.2006 16.00 Uhr Märchenspiel

Der Königsohn, der sich vor nichts fürchtet

Ein Märchen der Brüder Grimm

Eurythmeum Stuttgart - Märchenensemble

Leitung: Michael Leber

31.12.2006 16.30 Uhr Silvesterfeier

Donnerstag 04.01.2007 16.30 Uhr Oberuferer Weihnachtsspiele

Dreikönigspiel

Reutlinger Kumpanei

Sonntag

Samstag

Mittwoch

Sonntag

07.01.2007 17.00 Uhr Das Traumlied von Olav Åsteson

gesungen von Marion Tudge

Christengemeinschaft Stuttgart

in der Kapelle

13.01.2007 17.00 Uhr Konzert für Oboe und Streichquartett

Ensemble Fugato

Marco Bindelli, Oboe

Julia Glocke, Violine

Cornelia Dreißig, Violine

Angela Back, Viola

Daniela Udert, Cello

17.01.2007 17.00 Uhr Klavierabend

Daniel Röhm

mit Werken von Robert Schumann,

Frédéric Chopin und Franz Liszt

21.01.2007 16.00 Uhr Ausstellungseröffnung

Heide Danne-Pfeiffer

Glasobjekte und Malerei

Die Ausstellung ist bis 15.04.2007 zu sehen.


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Hauszeitung

Samstag

Mittwoch

Samstag

Dienstag

Mittwoch

Samstag

Dienstag

Mittwoch

27.01.2007 19.00 Uhr Orchesterkonzert

Akademisches Orchester der Uni Tübingen

Leitung: Tobias Hiller

Antonin Dvoák: Violoncello-

Konzert h-moll op. 104

Nikolai Rimsky-Korsakoff: Scheherazade

Symphonische Suite aus 1001 Nacht op. 35

Gemeinsame Veranstaltung des

Bürger- und Kulturvereins und des NCH

Kulturreihe Birkach 2007

31.01.2007 17.00 Uhr Eurythmie-Aufführung

Eurythmeum Stuttgart

Choreographie: Michael Leber

03.02.2007 17.00 Uhr Gerald Friese zitiert Heinrich Heine

Die Regentschaft der Esel

oder Die Launen des Heinrich Heine

Ein Einakter zum 150. Todestag

06.02.2007 19.00 Uhr Vom Geist der Bergpredigt Jesu Christi

Soziale Utopie oder brennende Aktualität

Vortrag von Johannes Lenz, 1. Teil

07.02.2007 17.00 Uhr Vortrag von Johannes Lenz, 2. Teil

17.02.2007 17.00 Uhr Streichquintett

Stefan Knote, Gesa Jenne-Dönneweg,

Violine

Irina Bockemühl, Janis Lielbardis, Viola

Fionn Bockemühl, Violoncello

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)

Streichquintett c-moll KV 406

Streichquintett g-moll KV 516

20.02.2007 17.00 Uhr „Heitere Eurythmie“

Eurythmeum Stuttgart

Choreographie: Michael Leber

28.02.2007 17.00 Uhr „Die erste Waldorfschule“

Vortrag von Dietrich Esterl


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Samstag

Samstag

Samstag

Mittwoch

Sonntag

Samstag

03.03.2007 17.00 Uhr „Die Entwicklung der

Waldorfschulbewegung“

Vortrag von Dietrich Esterl

10.03.2007 19.00 Uhr „Herr Puntila und sein Knecht Matti“

von Berthold Brecht

Gastspiel Theater Lindenhof

Veranstaltung des

Bürger- und Kulturvereins Birkach

Kulturreihe Birkach 2007

17.03.2007 17.00 Uhr Kammermusik

Lieder und Kammermusik mit Werken von

J. J. Abert und Ludwig Schuncke

Ausführende: Abert-Quartett

Martin Nagy, Tenor

Roswitha Sicca, Sopran

Veranstaltung der Abert-Gesellschaft Stgt.

21.03.2007 17.00 Uhr „Auf Wegen des Wortes“

Marie Steiner-von Sievers

Eine Dichtung von Wilfried Hammacher

Rezitation, Eurythmie und Harfe

25.03.2007 17.00 Uhr Orchesterkonzert

mit Werken von Luigi Boccherini,

Johann Nepomuk Hummel und Joseph Haydn

Orchestervereinigung Möhringen

Leitung: Sergei Jussow

Solist: Ulrich Hermann, Fagott

31.03.2007 17.00 Uhr Konzert am Vorabend zu Palmsonntag

Johannes Brahms: „Ein deutsches Requiem“

Chor und Orchester der Filderklinik

Leitung: Monica Bissegger

Sonntag

bis Samstag

01.04. bis

07.04.2007

täglich

17.00 Uhr

Lesung

aus Emil Bock „Die drei Jahre“

in der Kapelle

– Änderungen vorbehalten –


28

Hauszeitung

„Echo“ aus unserem Kulturleben

Ein „Goldener Oktober“ entschädigte

für den kühlen, verregneten Sommer.

Die warmen und sonnigen Tage begleiteten

uns noch weit über die Hälfte des

Monats November, sehr zur Freude

von Spaziergängern, Landwirten und

Winzern.

Die Meteorologen und Klimaforscher

sehen das anders.

Auf der Klimakonferenz in Nairobi

mahnten sie wieder – und immer

dringlicher – vor der von Menschen zu

verantwortenden Klima-Erwärmung.

Der Kohlendioxid-Gehalt der Luft hat

Rekordhöhe erreicht; das Ozonloch

über der Antarktis wächst. Das

Schmelzen großer Eisflächen in der

Arktis schreitet voran. Die ehemals

von der Schifffahrt gefürchtete Nord-

West-Passage ist gefahrlos geworden.

Riesige Eismassen brechen ab, driften

nach Süden. In der Schweiz ziehen

sich Gletscher dramatisch zurück. Die

„Eiskappe“ des Kilimandscharo wird

in 50 Jahren verschwunden sein.

So gesehen können wir uns an den

geschenkten Sonnentagen im November

nicht uneingeschränkt freuen.

Nun sind die Wälder kahl. Der letzte

Gründünger ist untergepflügt – das

Birkacher Feld ruht. Am Himmel ziehen

lange graue Wolkenbänke. Nur

noch selten türmen sich die wunderbaren

Wolkengebirge des Sommers

auf.

Die entlaubten Büsche und das zarte

Geflecht der Zweige „meiner“ Birke

geben mir wieder den Blick auf die

Wege frei. Im Sommer war ich völlig

eingewachsen.

An den großen Ligusterbüschen sind

die dicken, dunkelblauen Beeren von

den Vögeln noch nicht geerntet. Sie

sind Vorrat für die kalten Tage.

Dann hüpfen Amseln wieder auf dem

Liguster herum. Ob die mit dem

weißen Fleck auf dem Köpfchen noch

lebt? Zwei Jahre lang beobachtete ich

sie.

Doch nun zu den Berichten!

Die Sommerpause des Kulturlebens im

Nikolaus-Cusanus-Haus war wie ein

tiefes Atemholen vor den zahlreichen

Veranstaltungen in den letzten Monaten

des Jahres.

Es drängten sich wieder die Plakate am

Schwarzen Brett. Unmöglich, alles zu

besuchen!

Zum ersten Konzert am 23.09.2006

„Swing, Swing, Swing ...“ der „LE

BIGBAND mit den FOUR CATS“

unter der Leitung von Albi Häfele beeilte

ich mich, 30 Minuten vor Beginn

noch einen guten Platz zu ergattern.

Doch der Festsaal füllte sich nur zur

Hälfte. Schade, denn es spielten ganz

ausgezeichnete Musiker – Melodien


Weihnachten 2006

29

von Glenn Miller, Benny Goodmann,

Count Basie u. a. Wie bei Jazz-

Konzerten üblich, wurden Solis aus

den Gruppen der Trompeten, Posaunen

und Saxophone in die Stücke

eingefügt. Lebhafter Beifall belohnte

sie.

Nach der Pause konnte ich leider nicht

mehr dabei sein.

Den schwachen Besuch des swingenden

Konzerts kann ich mir nur so erklären:

„Unsere“ Musik aus den Jahren

nach dem Krieg interessiert die heutige

Jugend wenig. Die Entwicklung in der

Musik geht unaufhaltsam weiter. Und

von der Generation der bei Kriegsende

Zwanzig- bis Fünfundzwanzigjährigen

haben sich viele in der Musik umorientiert

oder sind nicht mehr unter

uns.

Jedes Jahr im Spätsommer lädt der

Förderverein des Nikolaus-Cusanus-

Hauses Mitglieder, Bewohner und Interessierte

ein. Bei Kaffee, Kuchen und

Musik wurden Erfahrungen und Gedanken

ausgetauscht. Natürlich dient

der Nachmittag auch der Werbung

neuer Mitglieder.

Die Tätigkeit des Fördervereins hat

schon viele Dinge im Haus ermöglicht.

Sie waren nicht zwingend notwendig,

vermehrten jedoch den Komfort und

auch die Schönheit des Hauses im weitesten

Sinn (Restaurierung des Restaurants,

Kauf von Gartenmöbeln und

Bildern aus Ausstellungen u. a.) ... das

Sahnehäubchen .

Am 03.10.2006 war es wieder so weit.

Die Tische auf Ebene 2 füllten sich

rasch. Alte Bekannte trafen sich und

hatten nach einem Jahr reichlich Gesprächsstoff.

Menschen, die noch nie

im Nikolaus-Cusanus-Haus waren, bewunderten

die freundliche, helle Architektur.

Der Geräuschpegel stieg an,

Professor Joachim Veil begrüßte die

Gäste, wünschte ein paar heitere Stunden.

Dann begann die Musik zu spielen.

Das „Eulenspiegel-Horn-Quartett“ war

gewonnen worden, uns durch den

Nachmittag zu begleiten. Die Musiker

haben sich mit der Vorbereitung große

Mühe gegeben, ein Programm gedruckt

und zu jedem Komponisten auf

der Rückseite interessante Einzelheiten

aus dessen Musikerleben zusammengetragen.

Lautsprecher waren installiert –

alles ohne Erfolg. Es ging die schöne

Musik, die eines störungsfreien Konzerts

würdig war, im allgemeinen

Lärm unter. Vielleicht kann das

Quartett eingeladen werden, noch

einmal ins Nikolaus-Cusanus-Haus zu

kommen.

Von Herrn Dr. Grube verabschiedet,

löste sich die Versammlung nur langsam

auf, mit der Aussicht auf ein Wiedersehen

im Jahr 2007.

Fünf junge Damen, Mitglieder des

Radio Symphonie Orchesters Stuttgart,

haben sich zum „Boccherini-Streichquintett“

zusammengetan – Gabriele

Turk und Helke Bier, Violine, Teresa

Hansen, Viola, Irene Genal, Violoncello,

und Astrid Stutzke, Kontrabass.

Am 08.10.2006 gaben die Künstlerinnen

im Nikolaus-Cusanus-Haus ein


30

Hauszeitung

Kammerkonzert. Sie spielten drei Werke,

zwei von Georges Onslow, eines

von Antonín Dvoák.

Georges Onslow (1784 – 1853) wird in

Deutschland wenig gespielt, ist weithin

unbekannt. In Frankreich, wo er lebte,

werden seine Kompositionen noch

häufig zur Aufführung gebracht.

Noch der Romantik verbunden, schrieb

er klangschöne, harmonische Streichquintette,

die von den fünf Künstlerinnen

mit Sensibilität wiedergegeben

wurden.

Sie erhielten lebhaften Beifall.

Assia Cunego kam am 11.10.2006 mit

ihrer Harfe zu einem kleinen, feinen

Konzert ins Nikolaus-Cusanus-Haus.

Mit erst 23 Jahren hat sie schon große

Erfolge, gewann 15 Wettbewerbe mit

der Bestnote. Konzertreisen führten sie

durch ganz Europa. 2003 debütierte sie

in Nürnberg vor 55.000 Zuhörern bei

einem „Open Air“.

Die Harfe wird in der Bildenden Kunst

oft von einem Engel gespielt. Daran

musste ich denken, als die junge blonde

Frau im roten Abendkleid die Bühne

betrat und sich an ihr mächtiges

dunkelbraunes Instrument setzte.

Zuerst spielte sie von Johann Sebastian

Bach die „Englische Suite“ in a-moll,

anschließend von Friedrich Smetana

die „Moldau“. Gleichermaßen wunderbar

anzuhören wie auch anzusehen war

das Spiel der jungen Künstlerin. Die

Harfe erklingt in der „Umarmung“

warm und voll. Die Hände huschen

über die Saiten. Meine Gedanken

schweiften ab. – Wie beschwerlich

mag das Reisen mit dem großen Instrument

sein? Oder vertraut die Künstlerin

die wertvolle Harfe einem Transporteur

an?

Abschließend unternahm Assia Cunego

noch einen Ausflug in die Jazz-

Musik, sehr zur Freude des Publikums.

Mit Blumen und Beifall beschenkt,

verabschiedete sich die Künstlerin.

Übrigens – den Musikerinnen des

Leierkreises im Haus dürfte beim Spiel

der „großen Schwester“ der Leier das

Herz höher geschlagen haben.

Der Bildhauer Manfred Welzel ist den

Menschen freundlich zugewandt. Kindern

gilt seine besondere Liebe.

Davon zeugen viele Bronze-Plastiken,

die er im Nikolaus-Cusanus-Haus vom

15.10.2006 bis 07.01.2007 zeigte. Sie

sind gegenständlich – nicht naturalistisch

– auf einfache Formen reduziert.

Es geht ein ganz eigener Zauber von

ihnen aus. Kleine Augenblicke aus

dem Alltag hat der Künstler genau beobachtet

und eine Miniaturwelt daraus

erschaffen. Seine Menschlein sind

schlank, grazil, haben eine friedliche

Ausstrahlung. Der Eindruck großer

Leichtigkeit in ihren erstarrten Bewegungen

ist schön. Sie zum Fortsetzen

ihres Tuns zu bringen – ein Gedankenspiel.

Drei „Kinder-Szenen“ möchte ich herausgreifen.

Der „Kindergartenzug“

mit den in Ausdruck und Bewegung

unterschiedlich lustigen Kleinen ist

meine Lieblingsplastik. Die „Mittei


Weihnachten 2006

31

lung“ macht die Gedanken der beiden

sichtbar: das flüsternde Kind und die

lauschende Mutter. Das Kind der Plastik

„Mittelpunkt“ wird bewundert und

umhegt.

Aus weißem Carrara-Marmor sind

kauernde weibliche Figuren entstanden,

sie warten auf ihre Befreiung aus

dem Marmor-Verlies.

Ganze Holzstämme hat Manfred

Welzel in Kunstwerke verwandelt. Mit

Vorliebe schält er biblische Figuren

aus ihnen heraus. Der brennende Dornbusch

ist ein Meisterstück seiner

Schnitzkunst. Auch überlebensgroße

Büsten von Novalis und Christian

Morgenstern hat er modelliert.

Eine große Anzahl von Zeichnungen

brachte der Künstler mit. Sie zeigen

ausnahmslos Menschen. Biblische Gestalten

sind mit kraftvollen Kohlestrichen

– und Schraffuren – in Szene

gesetzt, so der „Tanz um das Goldene

Kalb“ oder der „Schlafende Jesus bei

Sturm im Boot“. Diese zwei eindrucksvollen

Bilder zeigte uns Manfred

Welzel schon vor Jahren. Sie haben

sich in mein Gedächtnis eingegraben.

Manfred Welzel wurde drei Tage nach

der Vernissage, also am 18.10.2006,

achtzig Jahre alt. Viele Freunde und

Bewunderer hat er in seinem langen

Leben gewonnen. Es kamen auch

ehemalige Kollegen und Schüler aus

seiner 14-jährigen Lehrtätigkeit an der

Waldorfschule Stuttgart-Uhlandshöhe.

Dr. I. Ziemann führte in die Ausstellung

ein. Er fasste das Lebenswerk von

Manfred Welzel in einem Satz zusammen:

„Von außen formen, herantragen – von

innen herausschälen, hauen – zaubern“.

Den würdigen Rahmen für das vorgezogene

Geburtstagsfest gab das Musizieren

von Susanne Hagemann, Flöte,

und Birgit Renter am Klavier.

Mit Bach, Vivaldi und Mozart gaben

sie dem Künstler ein Ständchen.

Eine kleine Ausstellung von acht Bildern

ist an der Wand rechts vom Eingang

zum Festsaal zu betrachten. Die

in unserem Haus lebende Malerin Susanne

Boie ist auf einer Nordsee-Insel

aufgewachsen. Das Meer, der Himmel

und der Strand mit seinen Dünen sind

überwiegend das Thema ihrer Malarbeiten.

Sie hat zu einem eigenen Stil

gefunden. Ihre Bilder beruhigen, sind

ganz einfach schön.

„Schostakowitsch – ein Wunder!“, so

wurde heute Vormittag im Radio vom

Motto eines kleinen Festivals in Mainz

berichtet. Und damit kann ich meinen

Eindruck von der „Geburtstags-Gala

des Kammerorchesters arcata für

Mozart und Schostakowitsch“ am

21.10.2006 beschreiben.

Natürlich ist Mozart das Wunder Nummer

1. Die Ohren von Menschen meiner

Generation sind in der Mehrzahl

auf die „Klassische Musik“ bis Anfang

des 20. Jahrhunderts und auf die sogenannte

U-Musik eingestellt. Vertrautes,


32

Hauszeitung

Melodiöses, von Kindesbeinen an in

unzähligen Wiederholungen Gehörtes

versperrt den Zugang zum Verständnis

ungewohnter Klänge. In der Bildenden

Kunst verhält es sich ebenso. Doch die

Übergänge sind fließend – in beiden

Disziplinen. Die Werke von Schostakowitsch

können als Brückenschlag

empfunden werden.

Zurück zum Konzert. Seit zwölf Jahren

erlebe ich Patrick Strub mit seinem

Streichorchester im Nikolaus-Cusanus-

Haus. Es war immer ein großes Ereignis.

Bei ihm hörte ich erstmals, damals

noch selten, Gesprächskonzerte.

Das glanzvolle Geburtstagskonzert für

Mozart und Schostakowitsch begann

mit der „Salzburger Symphonie“. Elegant

und straff führte Patrick Strub

sein Orchester. Nach der Pause folgte

ein Divertimento und eine Phantasie

Mozarts. Höhepunkt des Abends war

die herausragende Wiedergabe des

Klavierkonzerts Nr. 1, opus 35, für

Klavier, Solo-Trompete und Streichorchester.

Die Solisten und das Orchester

brannten ein Feuerwerk auf der Bühne

ab.

Die Pianistin Karla Haltenwanger,

29, kann schon auf ein an Abwechslung

reiches Musikerleben zurückblicken.

Im Nikolaus-Cusanus-Haus

begeisterte sie durch Leidenschaft und

völlige Hingabe bis zur körperlichen

Verausgabung in ihrem Spiel. Wolfgang

Bauer ist nach einem musikalischen

Wanderleben Professor für

Trompete an der Stuttgarter Musik

hochschule. Er fügte sich schmetternd

in das fesselnde Klavierkonzert ein.

Das Publikum, hingerissen von der

großen Leistung aller Musiker, spendete

lebhaften Beifall, gab keine Ruhe.

Zum Abschied spielte das Orchester

noch einen „Fandango“ von Christof

Willibald Gluck.

Damit endete das Konzert des „arcata“-Streichorchesters.

Uns bleibt eine

schöne Erinnerung und die Hoffnung

auf ein Wiedersehen im Jahr 2007.

Den Martini-Markt am 04.11.2006 im

Nikolaus-Cusanus-Haus zeichnete hohe

Kauflust aus.

Das war der schönste Lohn für die freiwilligen

Helfer im Haus, die ein Jahr

lang gearbeitet haben.

Gestricktes, Genähtes, Sterne aus Seidenpapier,

Gefaltetes und Geklebtes,

Gebackenes, Gehäkeltes, ca. zwanzig

Zentner Bücher, Marmelade und Honig

– alles und noch viel mehr wartete auf

die Kauflustigen. Und gegen Mittag

war mancher „Anbieter“ schon ausverkauft.

Nicht allein das Einkaufen machte

Spaß. Der Martini-Markt ist zugleich

ein beliebter Treffpunkt geworden. Er

hat sich herumgesprochen. Und so

drängten sich schon eine halbe Stunde

vor der Eröffnung die Käufer in den

Gängen. Bei den Alpaka-Strickwaren

aus Peru schauten sich Ratsuchende

nach modischer Beratung um. Ein Stau

entstand. In die Bücherecke hinein

hatte sich ein Rollstuhlfahrer gewagt


Weihnachten 2006

33

und traute sich nicht mehr, hinauszufahren.

Vor dem Korb mit den wertvollen

Puppen stand sinnend eine Besucherin.

„Ja oder Nein“ war ihre

Überlegung. Nicht so bei den bunten

Wollsocken. Sie gingen weg wie

warme Semmeln.

Jedes Jahr locken prächtige Bildbände

mit Spottpreisen zum Kauf. Ihr Erwerb

bedeutet oft die Wanderung von einem

Bücherregal im Haus in das benachbarte.

Vorsorglich mitgebrachte Taschen

füllten sich. Sie wogen schwer. Eltern

suchten ihre Kleinen. Die kauerten –

friedlich und unbewegt vom Getümmel

– am Goldfischteich.

Ermüdet vom Einkauf saßen Besucher

des Martini-Marktes in den Korbsesseln

am Teichrand. Dort wurden

frischgebackene Crêpes angeboten.

Und am Nachmittag öffnete unser neugestaltetes

Café, mit seiner besonderen

und gemütlichen Atmosphäre, seine

Pforten zum Trost für zu spät gekommene

Enttäuschte! – Sie werden im

nächsten Jahr für noch mehr Gedränge

auf dem Martini-Markt im Nikolaus-

Cusanus-Haus sorgen.

Aus der „Wohnkultur“ ist Erfreuliches

zu berichten, eine Initiative der

Bereichsleitung der Ebene 4.

Im Speisesaal der Ebene 4 wurde das

Gedränge unerträglich. Einige pflegebedürftige

Bewohner mussten zu jeder

Mahlzeit von Ebene 5 auf 4 heruntergeholt

werden. Und ihre Anzahl stieg.

Auf Ebene 5 bot sich der über dem

Speisesaal der Ebene 4 gelegene Raum

für eine Lösung an. Gedacht – getan.

Ausgeräumt, gesäubert, die Wände mit

rosaroter Farbe gespachtelt, erstrahlt

der neue Speisesaal in einem wunderbar

warmen Licht. Gemütliche, elegante

Sesselchen, der lange Tisch am

großen Fenster mit den zartrosa Vorhängen

tragen dazu bei, dass die BewohnerInnen

in der Pflege ihre Mahlzeiten

gerne hier einnehmen.

Am Samstag, 25.11.2006, am Tag vor

Totensonntag, war das „Festliche Benefizkonzert

des Trio Opus 8“ –

Michael Hauber, Klavier, Eckhard

Fischer, Violine, und Mario de Secondi,

Violoncello – krönender Abschluss

der musikalischen Veranstaltungen des

letzten Jahresviertels.

Wer schon lange im Nikolaus-Cusanus-Haus

wohnt, konnte den Werdegang

der drei Musiker miterleben.

Eckhard Fischer war Schüler unserer

vor zwei Jahren verstorbenen Bewohnerin

Hedwig Kuch. Jedes Jahr Anfang

Dezember brachte er ihr mit seinen

Kollegen ein Geburtstagsständchen,

ein Triokonzert.

„Trio Opus 8“ ist immer besser geworden

und konzertiert weltweit.

Michael Hauber hat eine Professur in

Stuttgart, Eckhard Fischer in Karlsruhe.

Mario de Secondi lehrt in Trossingen.

Das Besondere am Spiel der drei Musiker

ist Leidenschaft, die unter die


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Hauszeitung

Haut geht und das Publikum mitreißt.

Es war wieder ein großer Musikabend.

Das Mozart-Trio KV 564 brachten sie

bewegt, klar und innig. Die Ausdrucksstärke

bei Schumanns Trio opus 63

war wunderbar. Mit Hingabe beim

innigen, langsamen Teil und glänzendem

Feuer bei den anderen beendeten

sie das Abendkonzert. Wir bekamen

große Musik geschenkt. Herzlichen

Dank und Beifall für den Genuss. Auf

Wiedersehen!

Das Jahr 2006 geht zu Ende! Die

Hoffnungen auf Frieden in der Welt

haben sich nicht erfüllt.

Müssen wir uns damit abfinden, dass

Kriege die Menschheit für alle Zeiten

begleiten werden? Sind Menschen

überhaupt zum „Friedenhalten“ fähig?

Das Wortgebilde „Friedenhalten“ sagt:

der Friede ist verletzlich, geht leicht

verloren. Es muss festgehalten werden.

Hoffen wir, dass im Jahr 2007 die

Mächtigen unserer Welt beim Nachdenken

über Gewinn-Maximierung

und Zuwachs nicht vergessen, den

Frieden festzuhalten.

Er könnte sich bei allzu großen Verletzungen

für immer von unserem

schönen Erdball zurückziehen.

Elsbet Stübler


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Martinimarkt im Nikolaus-Cusanus-Haus

am 4. November 2006


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Hauszeitung

Frau Pichts Zwerge

Ein Beitrag zum Verständnis des NIKOLAUS-CUSANUS-HAUSES

Jedes Jahr gibt es ein Ereignis, welches

weit und breit seinesgleichen sucht: die

Zwergen-Invasion der Frau Picht!

Welch eine Freude, welch ein Strahlen

geht über jedes Gesicht! Ein Zwergen-

Strahlen! Das Picht-Strahlen!

Der größte Teil wandert sogleich in die

weite Menschenwelt hinaus, zu Kindergärten,

Familien und Kindern, ja,

wird sogar exportiert nach Amerika

und Japan. Die, denen der Weg zu weit

ist, bleiben hier im NIKOLAUS-

CUSANUS-HAUS und sind am Martini-Markt

zu bestaunen – und als Hüter

der eigenen Blumen-Fensterbank zu

erwerben.

Unglaublich, was es alles für Zwerge

gibt: Blumenzwerge, Wurzelzwerge,

Baumzwerge und Steinzwerge, wie

den Amethyst- und den Rosenquarz-

Zwerg.

Frau Picht fertigt zusammen mit ihrer

„Kollegin“, Frau Bendak, jedes Jahr

pünktlich zum Martini-Markt über

200 (!) „Zwergle“, wie sie selbst immer

sagt.

Alle sind in ihrer Gestalt und in ihrer

Farbgebung wohl abgestimmt, denn

Frau Hottinger, die Frau eines Landarztes,

hatte eine besondere Beziehung

zu den Elementarwesen, und sie hat

diese Form und farbliche Komposition

gefunden. Frau Picht hat sich dann dieser

Hottinger-Zwerge angenommen

und sogar ein Buch darüber geschrieben,

als Arbeitsmaterial für die Waldorf-Kindergärten.


Weihnachten 2006

39

Etwa fünf bis sechs Stunden werden

mit Stricken, Nähen, Stopfen und dem

Bart und Gesichtchen zugebracht, bis

ein Zwerg zum Leben erweckt wird.

Zeit, in der Güte und Weisheit geboren

werden können.

Und Frau Picht ist schon 84 Jahre alt

(12 Jahrsiebte genau). Als Kind in eine

anthroposophische Familie hineingeboren,

war sie schon 1927 im Kindergarten

der ersten Waldorfschule auf

der Uhlandshöhe in Stuttgart. Frau

Conrad, eine Mitbewohnerin hier im

NCH, saß in der Schule neben ihr – so

schließen sich Lebenskreise. Als junge

Frau war Frau Picht dann Kindergärtnerin

am Kräherwald, bis sie Mitbegründerin

des Waldorf-Kindergartenseminars

in Stuttgart wurde.

Sören Hirning

Aufs Jahr gesehen sind das über tausend

Stunden – das ist fast ein Fulltime-Job

(spätestens hier merken Sie,

dass der Autor Controller ist, die können

nämlich gar nicht anders). Und die

Logistik kommt noch hinzu: Wolle organisieren,

womöglich kaufen, überall

hin telefonieren für gute Unterbringung

der Zwerge, und letztendlich das

Hinstehen auf dem Martinimarkt.


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Hauszeitung

Die Weihnachtsgans

In einem Vorort von Wien lebten in der hungrigen Zeit nach dem Krieg zwei nette

alte Damen. Damals war es noch schwer, sich für Weihnachten einen wirklichen

Festbraten zu verschaffen. Und nun hatte die eine der Damen die Möglichkeit, auf

dem Land - gegen allerlei Textilien - eine wohl noch magere, aber springlebendige

Gans einzuhandeln. In einem Korb verpackt, brachte Fräulein Agathe das Tier nach

Hause. Und sofort begannen Agathe und ihre Schwester Emma, das Tier zu füttern

und zu pflegen.

Die beiden Damen wohnten in einem Mietshaus im zweiten Stock, und niemand im

Haus wusste, dass in einem der Wohnräume der Schwestern ein Federvieh hauste,

das verwöhnt, gefüttert und großgezogen wurde. Agathe und Emma beschlossen

feierlich, keinem einzigen Menschen jeweils davon zu sagen, aus zweierlei

Gründen:

Erstens gab es Neider, das sind Leute, die sich keine Gans leisten können; zweitens

wollten die beiden Damen nicht um die Welt mit irgendeinem der nahen oder weiteren

Verwandten die später möglicherweise nudelfett gewordene und dann gebratene

Gans teilen. Deshalb empfingen die beiden Damen auch 6 Wochen lang, bis zum

24. Dezember, keinen Besuch. Sie lebten nur für die Gans.

Und so kam der Morgen des 23. Dezember heran. Es war ein strahlender Wintertag.

Die ahnungslose Gans stolzierte nichtsahnend und vergnügt von der Küche aus

ihrem Körbchen in das Schlafzimmer der beiden Schwestern und begrüßte sie zärtlich

schnatternd.

Die beiden Damen vermieden es, sich anzusehen. Nicht, weil sie böse miteinander

waren, sondern nur, weil eben keine von ihnen die Gans schlachten wollte. „Du

musst es tun“, sagte Agathe, sprach’s, stieg aus dem Bett, zog sich rasend schnell an,

nahm die Einkaufstasche, überhörte den stürmischen Protest und verließ in geradezu

hässlicher Eile die Wohnung.

Was sollte Emma tun? Sie murrte vor sich hin, dachte darüber nach, ob sie vielleicht

einen Nachbarn bitten sollte, der Gans den Garaus zu machen, aber dann hätte man

einen großen Teil von dem gebratenen Vogel abgeben müssen. Also schritt Emma

zur Tat, nicht ohne dabei wild zu schluchzen.


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Weihnachten 2006

Als Agathe nach geraumer Zeit wiederkehrte, lag die Gans auf dem Küchentisch, ihr

langer Hals hing wehmütig pendelnd herunter. Blut war keines zu sehen, aber dafür

alsbald zwei liebe alte Damen, die sich heulend umschlungen hielten.

„Wie...wie...“, schluchzte Agathe, „hast du es gemacht?“ „Mit...mit...Veronal“,

wimmerte Emma. „Ich habe ihr einige deiner Schlaftabletten auf einmal gegeben,

jetzt ist sie ...“, schluchzend, „huhh...rupfen musst du sie...huhh huhh huhh ...“, so

ging das Weinen und Schluchzen fort.

Aber weder Emma noch Agathe konnten sich dazu entschließen. In der Küche stand

das leere Körbchen, keine Gans mehr, kein schnatterndes „Guten Morgen“, und so

saßen die beiden eng umschlungen auf dem Sofa und schluchzten trostlos.

Endlich raffte sich Agathe auf und begann den Vogel zu rupfen. Federchen um

Federchen schwebte in einen Papiersack, den die unentwegt weinende Emma hielt.

Und dann sagte Agathe: „Du, Emma, nimmst die Gans aus“, und verschwand blitzartig

im Wohnzimmer, warf sich auf das Sofa und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Emma eilte der Schwester nach und erklärte, es einfach nicht tun zu können. Und

dann beschloss man, nachdem es mittlerweile spätabends geworden war, das Ausnehmen

der Gans auf den nächsten Tag zu verschieben.

Am zeitigen Morgen wurden Agathe und Emma geweckt. Mit einem Ruck setzten

sich die beiden Damen gleichzeitig im Bett auf und stierten mit aufgerissenen Augen

und offenen Mündern auf die offene Küchentür. Herein spazierte, zärtlich schnatternd

wie früher, wenn auch zitternd und frierend, die gerupfte Gans. Bitte, es ist

wirklich wahr und kommt noch besser!

Als ich am Weihnachtsabend zu den beiden Damen kam, um ihnen noch rasch zwei

kleine Päckchen zu bringen, kam mir ein vergnügt schnatterndes Tier entgegen, das

ich nur wegen des Kopfes als Gans ansprechen konnte, denn das ganze Vieh steckte

in einem liebevoll gestrickten Pullover, den die beiden Damen hastig für ihren Liebling

gefertigt hatten.

Die Pullovergans lebte noch sieben Jahre und starb dann eines natürlichen Todes.

Autor der Redaktion nicht bekannt


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Hauszeitung

„Unsere kleine Stadt“

nach Thornton Wilder,

vom 10. bis 13.11.2006 aufgeführt von der

Theater-AG des Paracelsus-Gymnasiums Hohenheim

Ein leises, nachdenklich machendes

Stück ging vier Tage lang über die

Bühne des Nikolaus-Cusanus-Hauses.

Worin bestand die Faszination, die

manche Bewohner zu einem zweiten

Besuch der Aufführung verlockte?

War es die Spiegelung des Lebensgefühls

der späten dreißiger Jahre, ihrer

Jugendzeit?

Oder war es das Angerührtsein von

den, weit über den gespielten Alltag

hinausgehenden, Weisheiten und Erkenntnissen,

die im Text verborgen

sind?

Fesselte sie die Leichtigkeit, mit der

die jungen Spieler in ihre Rollen

schlüpften, wie in eine zweite Haut?

Die Wahl des Stücks war ein Glücksfall,

sie führte zu einer der besten Aufführungen

der unter Leitung von Eberhard

Riese bestehenden Theater-AG.

Aus den in diesem Jahr sehr kurzen

Probezeiten und ihrem unvermeidlichen

Chaos erwuchs das Spiel wie

Phönix aus der Asche. Dem Stress vor

dem Premieren-Abend folgte die verdiente,

spürbare Entspannung. Alles

hatte geklappt.

Notwendig wurde die Kürzung des

Stücks auf 90 Minuten. Sie hat dem

Inhalt nicht geschadet.

Die behutsame Aktualisierung der

Sprache und die Versetzung der Handlung

in unsere Zeit wurde vom Spielleiter

angekündigt. Silas Breiding führte

fast professionell durch das Spiel.

Seine Sprache, seine Bewegungen und

Gesten waren gefeilt und dennoch

locker. Eine Glanzleistung!

Ich verzichte auf weitere Namen, da

die meisten Rollen doppelt besetzt

waren.

Der gestresste und grüblerische Dr.

Gibbs und der großtuende, joviale Mr.

Webb zeigten, beängstigend echt, das

„Männerbild“ vor dem Zweiten Weltkrieg.

In uns alten Menschen ist die Erinnerung

daran noch wach, wie auch

an die „Rolle der Frau“ in dieser Zeit.

Mrs. Gibbs, die elegante, etwas hysterische

Arztgattin, und Mrs. Webb, die

arbeitsame Hausfrau, waren hervorragend

getroffen. Sie sangen gemeinsam

mit anderen Damen „unserer kleinen

Stadt“ im Kirchenchor und schwatzten

anschließend noch ein wenig zusammen.

Emily Webb und George Gibbs spielten

die Wanderung durch die Jahre

zwischen Kindheit und Erwachsensein,

mit all deren Nöten, bedrückend gut.

Das Noch-Kind Emily lässt im Zwie-


Weihnachten 2006

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gespräch bei Mondschein mit George,

dem Schulkameraden, schon etwas von

der Mystik des dritten Aktes ahnen.

Wie zu erwarten, heiraten die beiden.

Eine kleine, wunderbare Szene:

George spricht mit sich selbst und in

Gedanken mit seiner Mutter. Er will ja

noch nicht heiraten, fühlt sich zu jung,

hängt an ihr. –

Zwischen den Szenen immer wieder

der Spielleiter. Mal sitzt er auf einer

Requisite, oder er lehnt lässig-elegant

an einer Wand. Er überbrückt die Zeitsprünge,

sein Sprechen ist klar und eindringend.

Wenn er an die Bühnenrampe

tritt, nimmt er Blickkontakt mit

Zuschauern auf. –

Die Szene der Trauung in der Kirche,

die unerwartet weltliche Moral-Predigt

und die urkomische Mrs. Soames –

dann, in Zeitumkehrung, das scheue

Sichverlieben von Emily und George

in einer Eisdiele – sind durchweg

glänzend eingefühlt und gespielt.

Jahre später, im 3. Akt, ist in die kleine

Stadt das unberechenbare Schicksal

eingebrochen. Emily ist im Kindbett

gestorben. Auf dem Friedhof, in blaues

Dämmerlicht gehüllt, klagen die Lebenden.

Die tote Emily erbittet sich

eine Rückkehr, wenn auch nur für

kurze Zeit. Der (klassische) Chor der

Toten warnt sie. Sie darf zurückkehren,

ist nur ein Schatten, wird nicht wahrgenommen.

Enttäuscht, schicksalsergeben

steigt sie in ihr dunkles Grab

hinab! Zurück bleibt der trauernde

George. –

„Unsere kleine Stadt“ ist ein Schauspiel,

das unsere ganze Welt umschließt,

vom banalsten Alltag bis hin

zu den Fragen: „Woher kommen wir,

wohin werden wir gehen?“

Stephan Bronsert hat mit seinen Bübis

ein wandlungsfähiges, schönes Bühnenbild

gemalt und auf Holzrahmen

gespannt. Die leichten Teile zeigten

durch Drehen oder Umstellen jeweils

den zur Situation passenden Hintergrund:

die kleine Stadt, die Kirche und

– besonders dramatisch und trostlos –

den Friedhof mit vielen Grabkreuzen.

Zwischen den Akten, auch die Szenen

untermalend, spielte am Klavier der

begabte Alexander Einholz.

Regie führte Christiane Kurz, die seit

Jahren mit Eberhard Riese arbeitet.

Seit über 15 Jahren leitet Eberhard

Riese seine Theater-AG. „Spielend“

begeistert er junge Menschen für die

Stücke, die er mit ihnen erarbeitet.

Wenn auch das Auswendiglernen und

die Proben manchmal hart sind, am

Premieren-Tag das Herz der Hauptdarsteller

rast – fällt der letzte Vorhang,

erfasst alle Mitwirkenden eine Welle

von Beifall und Jubel. Sie sind glücklich,

gemeinsam etwas geschaffen zu

haben. „Spielend“ wurden sie in die

Welt der Teamarbeit eingeführt.

Theaterspielen in der Schule ist der

ideale Ausgleich zur puren Wissensanhäufung.

Auf einer Bühne sprechen,

sich frei bewegen stärkt das Selbstwertgefühl.


44

Hauszeitung

Lebenserfahrung kann Eberhard Riese

nur teilweise vermitteln. Seine jungen

Schauspieler kommen aus einer anderen

Generation. Viele „Grundbausteine“

für ihre Zukunft haben sich geändert.

Auf das Leben vorbereiten, dazu

trägt er ein gutes Stück bei.

„Wir müssen das Leben lieben, um es

zu leben und – wir müssen das Leben

leben, um es zu lieben“ (Spielleiter in

„Unsere kleine Stadt“).

Elsbet Stübler


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In der Frühe

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,

Dort gehet schon der Tag herfür

An meinem Kammerfenster.

Es wühlet mein verstörter Sinn

Noch zwischen Zweifeln her und hin

Und schaffet Nachtgespenster.

- Ängste, quäle

Dich nicht länger, meine Seele!

Freu’ dich! schon sind da und dorten

Morgenglocken wach geworden.

Eduard Mörike


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Hauszeitung

Neue Bücher in unserer Bibliothek (eine Auswahl)

Literatur / Romane

Amos Oz

Liv Ullmann

Franca Magnani

Bernward Vesper

Irene Dische

Günter Grass

Reiner Kunze

Michael Ende

Peter Härtling

Isabel Allende

Donna Leon

Günter Kunert

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Briefe an mein Enkelkind

Eine italienische Familie

Die Reise

Großmama packt aus (Großdruck)

Beim Häuten der Zwiebel

Selbstgespräch für andere

Das Gefängnis der Freiheit

Nachgetragene Liebe

Das Geisterhaus

Das Gesetz der Lagune

Gast aus England

Biographien

Helmut Eschwege

Fremd unter meinesgleichen

I. Bachmann / H.W. Henze Briefe einer Freundschaft

Derek Gill

Elisabeth Kübler-Ross

Maurice Chevalier

Chanson meines Lebens

Oskar Kokoschka

Mein Leben

Alfons Rosenberg

Johann Friedrich Oberlin

Erika Mann

Mein Vater der Zauberer

Gerhard Wehr

Jean Gebser

Alice Schwarzer

Marion Dönhoff


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Weihnachten 2006

Anthroposophie

Ekkehard Meffert (Hg.)

Tatjana Kisseleff

Peter Selg

Thomas Marti

Michael Debus

Walter Streffer

Kultus und Erkenntnis

Ein Leben für die Eurythmie

Michael Bauer

Die Lebenswelt der Käfer

Auferstehungskräfte im Schicksal

Magie der Vogelstimmen

Verschiedenes

Rupert Neudeck

Ich will nicht mehr schweigen (Palästina)

Günter de Bruyn

Die Finckensteins

Anna Katharina Emmerich Das bittere Leiden unseres Herrn Jesus Christus

Marc Chagall Katalog Baden-Baden 2006

Sebastian Haffner u. a. Preußische Profile

Hannah Arendt

Über das Böse

Konrad Dietzfelbinger (Hg.) Apokryphe Evangelien aus Nag Hammadi

Boethius

Trost der Philosophie

Michael Bargent u. a. Verschlußsache Jesus

I Ging

Das Buch der Wandlungen

Götz Blome

Das neue Bach-Blüten-Buch

Marion Gräfin Dönhoff Von Gestern nach Übermorgen

Martin Buber

Moses

Christa Wolf

Die Dimension des Autors

Laotse

Tao Te King

Christian Graf Krockow Die Elbreise

Angelika Schrobsdorff Jerusalem war immer eine schwierige Adresse

Werner Spies (Hg.)

Picassos Welt der Kinder


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Hauszeitung

Pst!

Es gibt ja leider Sachen und Geschichten,

Die reizend und pikant,

Nur werden sie von Tanten und von Nichten

Niemals genannt.

Verehrter Freund, so sei denn nicht vermessen,

Sei zart und schweig auch du.

Bedenk: Man liebt den Käse wohl, indessen

Man deckt ihn zu.

Wilhelm Busch


Geburt Christi

Hättest du der Einfalt nicht, wie sollte

dir geschehn, was jetzt die Nacht erhellt?

Sieh, der Gott, der über Völkern grollte,

macht sich mild und kommt in dir zur Welt.

Hast du dir ihn größer vorgestellt?

Was ist Größe? Quer durch alle Maße,

die er durchstreicht, geht sein grades Los.

Selbst ein Stern hat keine solche Straße.

Siehst du, diese Könige sind groß,

und sie schleppen dir vor deinen Schoß

Schätze, die sie für die größten halten,

und du staunst vielleicht bei dieser Gift –:

aber schau in deines Tuches Falten,

wie er jetzt schon alles übertrifft.

Aller Amber, den man weit verschifft,

jeder Goldschmuck und das Luftgewürze,

das sich trübend in die Sinne streut:

alles dieses war von rascher Kürze,

und am Ende hat man es bereut.

Aber (du wirst sehen): Er erfreut.

Rainer Maria Rilke

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