Beratung und Begleitung von Senioren mit Sehverlust - Deutsche ...

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Beratung und Begleitung von Senioren mit Sehverlust - Deutsche ...

„Rat und Hilfe bei Sehverlust im Alter“

Abschlussbericht des Projektes „Beratung und Begleitung von älteren sehgeschädigten

Menschen im Landkreis Marburg-Biedenkopf und angrenzenden Landkreisen“

(01.02.2012 – 31.07.2013)

Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (blista)

Ein Förderprojekt der Deutschen Fernsehlotterie


Endfassung: November 2013

Berichterstattung durch:

Deutsche Blindenstudienanstalt e.V.

Am Schlag 8-12

35037 Marburg

Verfasser des Berichts: Jürgen Nagel (Leiter der Rehabilitationseinrichtung der blista)

Dorothee Suin de Boutemard (Projektleiterin und Seniorenberaterin)

Sabine Lauber-Pohle (Wissenschaftliche Mitarbeiterin der

Rehabilitationseinrichtung der blista)

Kontakt: Tel. 06421- 606 505

E-Mail:

seniorenberatung@blista.de


Inhalt

VORWORT 7

EINLEITUNG 8

1 DIE AUSGANGSLAGE DES PROJEKTES 11

1.1 Sehbehinderung im Alter 11

1.1.1 Die häufigsten Augenerkrankungen im Alter 12

1.1.2 Auswirkungen einer Sehbehinderung oder Erblindung im Alter 13

1.1.3 Konsequenzen für die Beratungsarbeit mit blinden- oder sehbehinderten Senioren 16

2 CHARAKTERISTIKA VON BERATUNGEN ÄLTERER MENSCHEN IM LÄNDLICHEN

RAUM 19

2.1 Allgemeine Ausgangslage im ländlichen Raum 19

2.2 Spezifische Herausforderungen der Beratungsarbeit mit älteren Menschen im

ländlichen Raum 21

3 KONZEPTION DES BERATUNGSANGEBOTES „RAT UND HILFE BEI SEHVERLUST

IM ALTER“ 23

3.1 Inhalte und Ziele des Beratungsangebots 23

3.2 Beratungsbogen 24

3.2.1 Daten zur Beratung 25

3.2.2 Demographische Daten 26

3.2.3 Sehbehinderung/Sehbeeinträchtigung 27

3.2.4 Zugangswege zu Kommunikation und Informationen 29

3.2.5 Orientierung und Mobilität 31

3.2.6 Lebenspraktische Fähigkeiten (Selbstversorgung) 32

3.2.7 Interpersonelle Interaktion und Beziehungen 33

3.2.8 Psychosoziale Faktoren 34

3.2.9 Zusammenfassung der Beratung und weitere Vereinbarungen 35

3.3 Qualifikation der Beraterin 36

3.4 Ausstattung einer mobilen Beratungstasche und eines Beratungsordners 37

4 AUSWERTUNG DER BERATUNGSDATEN VON FEB. 2012 – JULI 2013 41


4.1 Beratungsbedarf 41

4.1.1 Dauer der ersten Kontaktaufnahme und Dauer der Beratungsgespräche 43

4.1.2 Wegstrecke zu den Hausbesuchen 44

4.1.3 Anwesende beim „Ersten Hausbesuch“ 45

4.1.4 Anwesend beim „Zweiten Hausbesuch“ 45

4.1.5 Wichtigste Bezugspersonen 46

4.1.6 Abstand der Hausbesuche zueinander 48

4.2 Demografische Daten 48

4.2.1 Altersverteilung 48

4.2.2 Geschlechterverteilung in der Beratung 49

4.2.3 Familienstand 50

4.2.4 Wohnform 51

4.2.5 Wohnsituation 52

4.3 Geographische Verteilung/Wohnort 54

4.4 Infrastrukturelle Gegebenheiten 56

4.5 Medizinische Daten 58

4.5.1 Art der Augenerkrankung 58

4.5.2 Visus und Grad der Sehbehinderung 59

4.5.3 Beginn der Sehbehinderung 60

4.5.4 Verlauf der Sehbehinderung 61

4.5.5 Teilnahme an einer Low Vision Beratung und Sehhilfenanpassung 61

4.6 Allgemeine gesundheitliche Situation 62

4.6.1 Angaben zur Pflegestufe 62

4.6.2 Multimorbidität 64

4.7 Zugang zu Kommunikation und Informationen 66

4.7.1 Lesbarkeit von Schwarzschrift 67

4.7.2 Umgang mit offiziellen Schreiben, Vereinbarung von Terminen etc. 68

4.7.3 Nutzung eines Bildschirmlesegeräts 69

4.7.4 Nutzung eines Daisyplayers 70

4.7.5 Nutzung der Blindenbibliotheken 72

4.7.6 Telefonnutzung 74

4.7.7 Fernsehnutzung 75

4.7.8 Radionutzung 75

4.7.9 Umgang und Erfahrungen mit dem PC 76


4.7.10 Umgang und Erfahrung mit Punktschrift 76

4.7.11 Zusammenfassung des Themenbereiches Zugang zu Kommunikation und Information 76

4.8 Beantragung von Unterstützungsleistungen 77

4.8.1 Schwerbehindertenausweis 78

4.8.2 Sehbehinderten- bzw. Blindengeld 78

4.9 Beleuchtung, Kontraste und Markierungen 80

4.10 Orientierung und Mobilität 81

4.10.1 Orientierung in der Wohnung 81

4.10.2 Orientierung und Bewegungsmöglichkeit außerhalb der Wohnung 82

4.10.3 Wunsch nach der Erhöhung der Mobilität 83

4.11 Selbstversorgung und Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF) 84

4.11.1 Einkaufen gehen 84

4.11.2 Selbständige Nahrungszubereitung und Nahrungsaufnahme 86

4.11.3 Orientierung im Kleiderschrank und Anziehen der Kleidung 88

4.11.4 Eigenständige Körperpflege 89

4.11.5 Reinigung der Wohnung 90

4.12 Thematische Schwerpunkte in der Beratung 91

4.12.1 Thematische Inhalte bei der ersten Kontaktaufnahme 92

4.12.2 Thematische Inhalte der zweiten Beratungsgespräche 94

4.12.3 Zusammenfassung: Wichtigste Beratungsthemen 96

5 ERGÄNZENDE PROJEKTBAUSTEINE 99

5.1 Öffentlichkeitsarbeit 99

5.2 Wie haben die Klienten vom Beratungsangebot erfahren? 100

5.3 Offene Informationsstelle für Ratsuchende 102

5.4 Netzwerkarbeit 102

5.4.1 Netzwerkarbeit in der Region 103

5.4.2 Netzwerkarbeit zu sehbehinderten und blindenspezifischen Fachdiensten 107

5.5 Multiplikatorenschulung: „Einführung und Sensibilisierung in die Beratungsarbeit

mit blinden und sehbehinderten SeniorInnen“ 111

5.6 Eine Sensibilisierungseinheit mit Schülern der Stadtschule Marburg-Biedenkopf 113


5.7 Projektbegleitende Gruppenangebote für blinde und sehbehinderte Senioren 114

5.8 Tag der offenen Tür im Reha-Beratungszentrum (RBZ) der blista 116

6 FAZIT UND VERSTETIGUNG DES BERATUNGSANGEBOTS: „RAT UND HILFE BEI

SEHVERLUST IM ALTER“ 117

7 LITERATUR 120

8 ANHANG 122

Beratungsbogen Seniorenberatung 122


Vorwort

Die demographischen Zahlen einer immer älter werdenden Gesellschaft sowie die

Prognosen der zunehmenden Augenerkrankungen im Alter weisen auf einen

zunehmenden Beratungsbedarf für Menschen mit einer altersbedingten

Augenerkrankung hin. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) schätzt

in ihrem „Weißbuch zur Situation der ophthalmologischen Versorgung in

Deutschland“, dass bereits heute 1,6 Millionen Deutsche von einer AMD betroffen

sind und weitere 2,6 Millionen Senioren eine AMD im Frühstadium (Drusen) haben

(vgl. DOG 2012: 8). Bis zum Jahre 2030 wird mit einer Zunahme der Senioren an der

Bevölkerung von fast 50% gerechnet, was wiederum auch eine Zunahme der

altersbedingten Augenerkrankungen um 20 bis 30 % erwarten lässt (vgl. DOG 2012:

27). Diese doch sehr hohen Zahlen machen deutlich, dass es sich hier nicht um

Einzelfälle handelt, sondern um eine große Gruppe von Senioren, für die es bisher

kein spezifisches Beratungsangebot gab.

Die Idee war es, eine mobile Beratung für Senioren mit Sehverlust anzubieten, um

sie ganz gezielt dahingehend zu beraten und zu unterstützen, dass sie trotz des

Sehverlustes weiterhin selbständig und selbstbestimmt ihr Leben führen können.

Dank der finanziellen Unterstützung der Deutschen Fernsehlotterie konnte diese

Beratungsidee in einer Projektphase von 1,5 Jahren erprobt werden. Im Mittelpunkt

der Beratungsarbeit steht die Seniorenberaterin, die die Senioren in ihrer häuslichen

Umgebung (mehrmals) aufsucht, sie berät, unterstützt und begleitet.

Zusätzlich wurde außerhalb der Projektfinanzierung durch Frau Lauber-Pohle ein

Dokumentationsbogen entworfen, der es ermöglichte, die Beratungsarbeit

durchzuführen, zu dokumentieren und zu evaluieren. Ebenfalls hat Frau Lauber-

Pohle die, sehr umfangreiche, statistische Datenauswertung am Ende des Projektes

durchgeführt, die in diesem Bericht enthalten ist.

7


Einleitung

Ziel des Modellprojektes der Deutschen Blindenstudienanstalt e.V. (blista) „Beratung

und Begleitung von älteren sehgeschädigten Menschen im Landkreis Marburg-

Biedenkopf und angrenzenden Landkreisen“, welches durch die Deutsche

Fernsehlotterie gefördert wurde und eine Laufzeit vom 01.02.2012 bis 31.07.2013

hatte, war es, ein zugehendes Beratungsangebot für Menschen im ländlichen Raum

mit einem Sehverlust im Alter zu entwickeln, zu erproben und zu etablieren, um den

individuellen Bedarfs- und Problemlagen von sehbehinderten und erblindeten

Senioren aktiv und konstruktiv zu begegnen. Die Idee entstand, weil es zunehmend

Anfragen an die blista e.V. von Senioren gab, die nach einer Beratungs- und

Unterstützungsmöglichkeiten für die Bewältigung des Alltags gesucht haben.

Die blista e.V. fühlt sich der Behindertenrechtskonvention (BRK) und seinem Ziel,

allen Menschen mit Behinderung die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft

zu ermöglichen (vgl. Artikel 1 der Behindertenrechtskonvention) in hohem Maße

verpflichtet. Mit der Entwicklung eines mobilen Beratungsangebotes für

sehbehinderte und blinde Senioren 1 soll im Verständnis des Inklusionsgedankens

gewährleistet werden, dass Senioren trotz eines Sehverlustes die Möglichkeit der

gesellschaftlichen und sozialen Teilhabe haben und ihnen der Zugang zu

Kommunikation und Informationen erhalten bleibt. 2 Dies sind wesentliche Aspekte,

die ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben ausmachen. Hierin die Senioren

zu unterstützen, gemeinsam nach geeigneten Wegen zu suchen und vorhandene

Ressourcen zu unterstützen, soll Aufgabe der mobilen Seniorenberatung sein.

Die Entwicklung eines zugehenden Beratungsangebots scheint hierfür sehr gut

geeignet, denn häufig sind die Senioren in ihrer Mobilität bereits schon eingeschränkt

und könnten so das Angebot nicht wahrnehmen. Darüber hinaus bietet eine mobile

Beratung die Möglichkeit, die Betroffenen in ihrer Lebenswelt kennenzulernen und

dabei wichtige Hinweise über die aktuelle Lebens- und Wohnsituation zu erfahren.

1 Wenn in diesem Zwischenbericht vonSenioren“ gesprochen wird, dann ist damit die weibliche Form

mit eingeschlossen.

2 Dabei bezieht sich das entwickelte Beratungsangebot auf mehrere Artikel (z. B. Artikel 19:

„Unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in der Gemeinschaft“; Artikel 20: „Persönliche

Mobilität“, Artikel 24 „Bildung“, Artikel 26 „Habilitation und Rehabilitation“, Artikel 30 „Teilhabe am

kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport“) der Behindertenrechtskonvention und

setzt sie im entwickelten Beratungskonzept um.

8


Also z. B. mit wem die betroffenen Senioren zusammenleben, wie sind die

Lichtverhältnisse in der Wohnung usw.

Da es sich bei den meisten Augenerkrankungen im Alter um progressive

Erkrankungsformen handelt, ist meist mit einer stetigen Verschlechterung des

Sehvermögens zu rechnen. Hier kommt es auf eine gezielte und mitunter

mehrmalige begleitende Beratung dieser Personengruppen an, die dazu beitragen

kann, die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten und den Verlust der

Selbständigkeit im Alltag aufzuhalten und somit einer vorzeitigen Pflegebedürftigkeit

vorzubeugen.

Der hier vorliegende Abschlussbericht gibt einen umfangreichen Einblick über die

vielfältigen Aktivitäten und Beratungsverläufe während der 1,5-jährigen

Projektlaufzeit. Im ersten Kapitel wird die Ausgangslage des Projektes kurz

umrissen. Hier werden die häufigsten Augenerkrankungen und deren Auswirkungen

sowie mögliche Umgangsstrategien mit einem Sehverlust beschrieben. Das zweite

Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, welche spezifischen Charakteristika bei der

Beratungsarbeit von Senioren im ländlichen Raum zu berücksichtigen sind. Im

dritten Kapitel wird die Konzeption des Beratungsangebotes „Rat und Hilfe bei

Sehverlust im Alter“ dargestellt. Hierbei werden die einzelnen Inhalte und Ziele des

psychosozialen Beratungsangebotes genauer umschrieben. Im vierten Kapitel

werden die konkreten Beratungsergebnisse während der Projektlaufzeit dargelegt.

Hierbei wird u. a. ersichtlich, welche Personengruppe die mobile Beratung in

Anspruch genommen hat und welcher Art die thematischen Schwerpunkte der

Beratungen waren. Im fünften Kapitel wird die während der Projektzeit geleistete

regionale sowie blinden- und sehbehindertenspezifische Netzwerkarbeit dargestellt.

Das Beratungsangebot „Rat und Hilfe von Sehverlust im Alter“ versteht sich als

behinderungsspezifisches und ergänzendes Angebot in der bereits vorhanden

seniorenspezifischen Beratungslandschaft im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Der

Abschlussbericht endet mit einem Fazit und einem Ausblick zur Verstetigung des

Projektes im sechsten und letzten Kapitel.

9


Die blista-Seniorenberatung für

Menschen mit Sehverlust im

Alter verfolgt das Ziel,

unmittelbar zu einer

Verbesserung der persönlichen

Lebenssituation von blinden und

sehbehinderten Senioren

beizutragen.

Abbildung 1 Ein Mann sitzt vor einem Buch, auf dem er sich

mit Hilfe einer elektronischen Lupe den Text vergrößert.

10


1 Die Ausgangslage des Projektes

1.1 Sehbehinderung im Alter

Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und einer „alternden Gesellschaft“ muss

mit einer starken Zunahme altersbedingter Augenerkrankungen gerechnet werden.

2004 veröffentlichte die WHO einen Artikel mit weltweiten Zahlen zu Blindheit und

Sehbehinderung (vgl. Resnikoff/Pascolini u. a., 2004). Aus diesen Zahlen lassen sich

auch Rückschlüsse auf Deutschland ziehen. So lässt sich sagen, dass in

Deutschland schätzungsweise 160.000 blinde und ungefähr 1,1 Millionen

sehbehinderte Menschen leben (Bertram 2005: 267). Davon sind allein 70% über 60

Jahre alt.

Von 1990 bis zum Jahre 2006 stieg die Zahl der Erblindeten um 9% und die der

Sehbehinderten um 80% (vgl. DBSV 2013). Umgerechnet auf den Landkreis

Marburg-Biedenkopf bedeutet das Folgendes: Der Landkreis Marburg-Biedenkopf

hat ca. 46.000 und die Stadt Marburg ca. 15.000 Senioren. Das entspricht einer Zahl

von ca. 1.800 Betroffenen für den Landkreis und ca. 600 von Sehverlust betroffenen

Senioren für die Stadt Marburg. Zieht man die angrenzenden Gebiete wie Gießen,

Frankenberg, Battenberg mit hinzu, dann erhöht sich die Zahl der von einer

Sehbehinderung betroffenen Senioren weiter.

Als sehbehindert gilt man, wenn man auf dem besser sehenden Auge selbst mit

Brille oder Kontaktlinse nicht mehr als 30% (Visus 0,3) von dem sieht, was ein

Mensch mit normaler Sehkraft erkennt. Als hochgradig sehbehindert gilt man,

wenn man auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinsen nicht

mehr als 5 % (Visus 0,05) von dem sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft

erkennt. Als blind gilt man, wenn man auf dem besser sehenden Auge selbst mit

Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr als 2% (Visus 0,02) von dem sieht, was ein

Mensch mit normaler Sehkraft erkennt. In Hessen sind Menschen mit einer

hochgradigen Sehbehinderung und mit Blindheit sehbehinderten- bzw.

blindengeldberechtigt.

Darüber hinaus führen physiologische Veränderungen des Sehapparates durch das

Alter, z. B. verminderte Kontrastsehschärfe, Blendungsempfindlichkeit und

Verlangsamung der Hell-Dunkel-Adaption in Verbindung mit einer grenzwertigen

Sehschärfe (Visus zwischen 0,5 - 0,3) dazu, dass ebenfalls schon

11


Beeinträchtigungen im Alltag zum Beispiel beim Lesen oder im Haushalt von den

Betroffenen erfahren werden, obwohl sie noch nicht als sehbehindert einzustufen

sind. Eine Beratung im Sinne einer Prävention kann hier sinnvolle Unterstützung und

Hilfe leisten.

1.1.1 Die häufigsten Augenerkrankungen im Alter

Die drei häufigsten Augenerkrankungen im Alter sind die altersabhängige

Makuladegeneration (AMD), das Glaukom und die diabetische Retinopathie. Die

altersbedingte Makuladegeneration ist die häufigste Ursache für einen Sehverlust

im Alter. Ca. 30% der 75- bis 85-jährigen sind davon betroffen. Schätzungen gehen

davon aus, dass mehr als 4 Millionen Menschen in Deutschland an einer AMD leiden

(vgl. Pro Retina 2013). Unter dem Begriff Makuladegeneration sind Erkrankungen

des Auges zusammengefasst, die die „Makula“ („der Punkt des schärfsten Sehens“)

der Netzhaut betreffen. Eine Makuladegeneration führt zu einer Verringerung der

Sehschärfe bis hin zum Verlust der Lesefähigkeit und Erblindung im zentralen

Bereich. Bei einer Makuladegeneration nimmt sowohl das Kontrastempfinden als

auch das Farbensehen ab. Menschen, die von einer Makuladegeneration betroffen

sind, leiden ebenfalls häufig unter einer hohen Blendempfindlichkeit. Die AMD tritt in

zwei Formen auf. Einmal als trockene Form, hiervon sind ca. 85% der AMD-

Patienten betroffen. Diese Form verläuft langsamer und die Sehfähigkeit

verschlechtert sich nicht so rapide. Bei einer feuchten AMD bilden sich unter der

Netzhaut flächige Gefäßmembranen, die zu Blutungen neigen. Dadurch verläuft der

Sehverlust in der Regel wesentlich schneller. Bei der feuchten Makuladegeneration

wird durch Injektionen in das Auge versucht, die Blutungen zum Stillstand zu bringen.

Beim Glaukom, umgangssprachlich auch bekannt als „Grüner Star“, kommt es zu

einer Schädigung des Sehnervs infolge von erhöhtem Augeninnendruck oder

Durchblutungsstörungen. Bekannt ist, dass in Deutschland etwa 800.000 Menschen

an einem Glaukom erkrankt sind und bereits ca. 3 Millionen unter einem zu hohen

Augeninnendruck leiden, der therapiert werden muss. Ein zu spät erkannter oder

nicht therapierter zu hoher Augeninnendruck führt meistens zur Erblindung 3 .

Eine weitere Augenerkrankung ist die Diabetische Retinopathie, die eine

Folgeerkrankung der Diabetes mellitus ist und Schädigungen an der Netzhaut

3 vgl. http://www.dbsv.org/infothek/augenerkrankungen/gruener-star/ Stand 15.01.2013

12


hervorruft. Die Diabetische Retinopathie zählt zu einer der häufigsten

Erblindungsursachen in den westlichen Industriestaaten. In Deutschland leiden

schätzungsweise über 1 Millionen Diabetiker an einer diabetischen Retinopathie 4 .

Für die Betroffenen sind alle irreversiblen Augenerkrankungen mit physischen und

psychischen Auswirkungen verbunden. Darüber hinaus kommen im höheren Alter

häufig weitere körperliche Erkrankungen hinzu, wie z. B. eine Verminderung des

Hörvermögens und bedingt durch Durchblutungsstörungen auch ein verminderter

Tastsinn. Beides entscheidende Sinnesorgane, mit denen sich sonst ein Sehverlust

etwas kompensieren lässt. Durch diese zusätzlich auftretenden Beeinträchtigungen

sind die Betroffenen weiteren Belastungen ausgesetzt. Welche physischen und

psychischen Auswirkungen eine Sehbehinderung oder Erblindung im Alter haben

kann, wird im nächsten Abschnitt ausführlicher betrachtet.

1.1.2 Auswirkungen einer Sehbehinderung oder Erblindung im Alter

Die Auswirkungen einer Sehbehinderung oder Erblindung im Alter sind sehr

unterschiedlich. Neben den Sehschwierigkeiten im Nahbereich kommen weitere

Schwierigkeiten hinzu. Hier einige Beispiele:

„Schlechtes Sehen auf Distanz, schlechte Wahrnehmung bei

ungünstigen Licht- und Kontrastverhältnissen, schlechte oder keine

Farbenerkennung, ein eingeschränktes Gesichtsfeld, Blendung etc.

Diese Schwierigkeiten haben behindernde Effekte zur Folge, zum

Beispiel bei der Orientierung an fremden Orten, bei der Fortbewegung,

beim Erkennen von Schildern oder beim Auffinden von Türen.

Personen, Handzeichen (auch Gebärdensprache), Mimik und

Lippenbewegungen werden nicht mehr erkannt“ (Spring 2012: 11).

Ein und dieselbe Augenerkrankung kann, je nach Schweregrad und Verlauf, ganz

vielfältige Folgen für das Leben der betroffenen Personen und ihr soziales Umfeld

haben. Mit Abstand am häufigsten und am schmerzlichsten empfunden wurde in der

Beratung der Verlust der visuellen Kommunikationsfähigkeit. Das heißt, die

Möglichkeit Informationen über das Auge aufzunehmen wird immer schwieriger.

Gerade Lesen und Fernsehen sind oft die ersten Bereiche, in dem die

Seheinschränkung wahrgenommen wird. Verbunden ist damit häufig die Angst eines

fortschreitenden Sehverlustes.

4 vgl. http://www.dbsv.org/infothek/augenerkrankungen/diabetische-retinopathie/, Stand 15.01.2013

13


Wenn die Lesefähigkeit zunehmend eingeschränkt ist, wird der Zugang zu

Informationen immer schwieriger. Auch die Teilnahme an Veranstaltungen, in denen

die Lesefähigkeit gefordert ist, schränkt sich zunehmend ein. Die betroffenen

Senioren müssen das Autofahren einstellen, was ein immenser Verlust der

individuellen Mobilität und damit der Selbständigkeit und Unabhängigkeit, gerade im

ländlichen Bereich, darstellt. Wenn die Möglichkeit des Lesens und Fernsehens

wegfällt, weil das Fernsehbild oder Schriftbild nicht mehr richtig erkannt wird, ist das

häufig sehr dramatisch für die Betroffenen, weil sie das, was sie ausfüllt, nicht mehr

ausführen können und es nicht immer eine Alternative dafür gibt.

Werden die Beratenen gefragt,

welche Einschränkungen sie

durch die Sehbehinderung

erfahren, dann ist das zentrale

Thema der Verlust der Fähigkeit,

selbständig zu lesen und zu

schreiben und so von

wesentlichen Teilen der visuell

basierten Alltagskommunikation

ausgeschlossen zu sein.

Abbildung 2: Ein Mann sitzt vor einer Tageszeitung und verwendet eine Standlupe,

um sich den Text zu vergrößern.

Eine weitere Auswirkung des Sehverlustes ist die Mobilitätsbeeinträchtigung.

Wenn zum Beispiel aufgrund der Augenerkrankung unterschiedliche

Bodenbeschaffenheiten nicht mehr richtig erkannt werden, steigt die Gefahr von

Stürzen an, die Unsicherheit, sich alleine im Straßenverkehr zu bewegen wächst

stark an und die letzte Konsequenz ist dann, dass sich die betroffenen Personen fast

gar nicht mehr oder nur noch in Begleitung nach draußen wagen. Die Möglichkeit

einer Schulung in Orientierung und Mobilität (Schulung in den Gebrauch eines

Langstocks) ist kaum bekannt und wird häufig aus „Schamgründen“ erst mal

abgelehnt. Dieser Rückzug führt zu einer Vereinsamung und langfristig zu einer

Passivität, weil durch die Mobilitätseinschränkungen und den Sehverlust viele

14


körperliche und geistige Aktivitäten nicht mehr ausgeführt werden können. Die

Alzheimer Gesellschaft weist darauf hin, dass durch „körperliche Aktivität“ und

„geistige Regsamkeit“ einer Demenzerkrankung vorgebeugt werden kann 5 . Das heißt

also, dass Menschen mit einem Sehverlust im Alter auf Hilfe, Unterstützung und die

nötige Aufbereitung von Informationen (Großschrift, Daisy-Format 6 , Vorlesesystem 7

etc.) angewiesen sind, damit auch sie körperlich und geistig rege bleiben können, um

so einer Demenzerkrankung vorzubeugen und einem schnelleren körperlichen

Abbau entgegenzuwirken.

Menschen, die einen Sehverlust erleiden, erleben häufig auch Schwierigkeiten im

sozialen Umfeld. Ist die Sehfähigkeit so stark eingeschränkt, dass man keine

Gesichter mehr erkennen kann oder nur noch die Umrisse, dann heißt das, dass

man die Nachbarn oder Bekannten auf der Straße nicht mehr erkennen kann und

wenn man angesprochen wird, nicht weiß, wer es ist. Dadurch können

Missverständnisse und Unstimmigkeiten entstehen. Gerade in ländlichen Gegenden

erleben die Betroffenen das sehr häufig als unangenehm und wissen nicht recht, wie

sie mit der Situation umgehen sollen. Es besteht auch eine Hemmung, offen mit dem

Sehverlust umzugehen und den Nachbarn und Bekannten offen zu sagen, dass man

sie nicht mehr erkennen kann. Auch innerhalb der Familie kann es zu

Schwierigkeiten und Herausforderungen kommen. Wenn z. B. die Ehefrau ausfällt,

weil sie den Herd nicht mehr bedienen kann oder der Ehemann nicht mehr

Autofahren kann, dann sind das nicht nur für den Betroffenen Einschränkungen,

sondern die ganze Familie muss sich mit den Auswirkungen des Sehverlusts

auseinandersetzen. Sehr häufig ist ein Sehverlust auch mit depressiven

Verstimmungen verbunden, weil der Verlust des Sehens als sehr gravierend und

bedrohlich erlebt wird. Vor allem die Angst, dass die Augen noch schlechter werden

können und eine vollständige Erblindung eintreten könnte, ist sehr groß. Mitunter ist

5 vgl. http://www.deutsche-alzheimer.de/index.php?id=202, Stand 30.1.2013

6 „DAISY ist der Name eines weltweiten Standards für navigierbare, zugängliche Multimedia-

Dokumente. Die Abkürzung DAISY steht für Digital Accessible Information System.“ (Quelle:

http://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Accessible_Information_System, Stand 10.9.2013).

7 Man unterscheidet zwischen offenen und geschlossenen Vorlesesystemen: Geschlossene

Lesesysteme, sind in der Regel Scanner, die den Text einscannen und dann vorlesen. Hierbei gibt

es verschiedene Modelle, es gibt welche, die die Bücher speichern und über die Menü-Tastatur

kann man jederzeit wieder auf die Bücher zurückgreifen oder es gibt welche, die können nur die

jeweilige Seite, die gescannt wurde, vorlesen. Ein offenes Lesesystem besteht aus einem PC,

einer Texterkennungseinheit und einer Vorlesesoftware. Durch die Texterfassung mit einer Kamera

können beliebige Vorlagen erkannt werden und per Sprachausgabe oder Braillezeile ausgegeben

werden.

15


es ein langjähriger Prozess bis die Betroffenen, aber auch die Angehörigen, sich mit

der neuen Lebenssituation arrangiert haben.

Letztendlich lässt sich festhalten: Senioren, die einen Sehverlust erleiden, haben

nicht nur mit den körperlichen Auswirkungen zu kämpfen, sondern der gesamte

Alltag und das soziale Umfeld sind davon betroffen. Hier ist eine gezielte Beratung

enorm wichtig, denn viele wissen wenig bis gar nichts über die Hilfs- und

Unterstützungsmöglichkeiten, die es im blinden- und sehbehindertenspezifischen

Bereich gibt und die dazu beitragen können, dass trotz Blindheit oder

Sehbehinderung ein (einigermaßen) selbständiges, unabhängiges und zufriedenes

Leben möglich ist. Auch die Möglichkeit über den Sehverlust mit einer externen

Person frei und offen sprechen zu können, bringt sehr häufig eine Entlastung.

Menschen mit einem Sehverlust im Alter entwickeln unterschiedliche Strategien, wie

sie damit umgehen. Durch die Beratungsarbeit im Projekt lassen sich erste

Umgangsstrategien beschreiben.

1.1.3 Konsequenzen für die Beratungsarbeit mit blinden- oder

sehbehinderten Senioren

Einen Sehverlust zu erleiden ist für die Betroffenen ein einschneidendes Erlebnis und

löst die unterschiedlichsten Gefühle aus - von Trauer, Angst, Wut, Hilflosigkeit und

Resignation bis hin zur Annahme der Situation und einer positiven Bewältigung des

Sehverlustes. Zu berücksichtigen gilt, dass die Senioren jahrzehntelange sehende

Vorerfahrungen mitbringen, auf die in der Beratung aufgebaut werden kann. In der

Beratung zeigt sich, dass der persönliche Umgang mit einem Sehverlust sehr

unterschiedlich verläuft und mitunter nicht abhängig vom verbleibenden

Sehvermögen ist. Mitentscheidend ist, wie die Betroffenen den Sehverlust annehmen

können. Je mehr die Menschen in ihrem Alltag von dem Sehverlust betroffen sind,

desto größer ist das Verlustgefühl, das sie erleben. Es zeigt sich, dass biographische

Erfahrungen im Umgang mit Schwierigkeiten und Problemen entscheidend dafür

sind, welche Strategien die Betroffenen entwickeln, um mit dieser neuen Situation

umgehen zu können. 8 Als ein wichtiger Punkt, der die Verarbeitung eines

8 Hierin liegt häufig auch eine Chance, denn gerade die Generation der um 1920-1940 Geborenen hat

im Laufe ihres Lebens einige Herausforderungen und Schwierigkeiten gemeistert und dadurch

Ressourcen und Strategien entwickelt, die es in Erinnerung zu rufen gilt bzw. die einer (Neu)-

Aktivierung bedürfen und die bei der Bewältigung eines Sehverlustes helfen können.

16


Sehverlustes positiv beeinflusst, ist der Zugang zu blinden- und

sehbehindertenspezifischen Informationen und Hilfsmitteln anzusehen. Wer weiß,

welche Hilfsmittel es gibt und wo er sie erproben und erwerben kann, hat die

Möglichkeit sich trotz Sehverlustes ein hohes Maß an Selbständigkeit und

Unabhängigkeit zu erhalten, was wiederum zu einem positiven Verarbeitungsprozess

der Erkrankung und zu einer Erhöhung der Lebensqualität beiträgt. Wer keinen

Zugang zu diesen Informationen und Hilfsmitteln hat, ist erstens benachteiligt und

zweitens ist es schwieriger, ein selbständiges und unabhängiges Leben ohne

blinden- und sehbehindertenspezifische Hilfsmittel zu führen.

Neben dem Zugang zu Informationen und Hilfsmitteln kommt es auch auf die

ökonomischen Ressourcen der Betroffenen an. Gerade im Bereich der blinden- und

sehbehindertenspezifischen Hilfsmittel gibt es eine breite Palette an

Unterstützungsmöglichkeiten, die den Umgang mit Blindheit und Sehbehinderung

erleichtern, z. B. Sprachausgabe für Computer und sprechende Telefon, optische

und elektronische Sehhilfen, sprechende Küchengeräte etc. Wenn genügend

finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, um sich Hilfsmittel und Schulungen

„einkaufen“ zu können, dann kann dadurch der Alltag enorm erleichtert und damit

auch der Umgang mit der Sehbehinderung positiver bewältigt werden. Darüber

hinaus kann auch der Zugang zu professionellen und nicht-professionellen

Unterstützungsangeboten einen Einfluss auf den Umgang mit der Sehbehinderung

haben. Wenn die Betroffenen eine Möglichkeit finden ihren Alltag so zu gestalten,

dass sie mit professioneller und nicht-professioneller Hilfe weiterhin ihre

Selbständigkeit erhalten können, kann der Umgang mit der Sehbehinderung besser

bewältigt werden. Hierbei kommt es auch immer auf die Betroffenen selbst an und

ihre Bereitschaft, Beratung und Unterstützung annehmen zu können.

Das Thema Blindheit und Sehbehinderung ist ein sehr sensibles Thema für die

Betroffenen. Nicht mehr richtig sehen zu können, ist häufig mit Scham besetzt. Man

möchte nicht auffallen und hilfsbedürftig sein. Aussagen wie: „Wenn ich zum

Seniorennachmittag gehe, dann möchte ich dort keine Torte oder Kuchen mehr

essen, auch den Kaffee kann ich mir nicht mehr eingießen. Ach, eigentlich gehe ich,

seitdem ich so schlecht sehe, da gar nicht mehr gerne hin.“ Oder „Ich koche nur noch

einfache Dinge, weil ich ja nicht mehr richtig sehen kann.“ kommen immer wieder;

oder viele Senioren singen z. B. seit Jahren im Chor oder in der Kirche, auch diese

Leidenschaft geben sie auf, weil sie die Liedtexte nicht mehr lesen können und dann

17


keine Umstände machen wollen, weil sie größere Texte brauchen würden oder eine

andere Lösung gefunden werden müsste.

Als Strategie wählen viele Senioren dann gezwungenermaßen den Rückzug und die

Aufgabe der bisherigen Aktivitäten, obwohl es ihnen Freude bereitet hat und sie,

wenn sie nicht einen Sehverlust erlitten hätten, diese weiter ausführen würden. Auch

das sind Beispiele, die zeigen, dass eine erzwungene geistige und körperliche

Passivität dazu führen kann, dass es zu einem schnelleren geistigen und

körperlichen Abbau kommt 9 .

Um die betroffenen Senioren in ihrem Umgang mit der Sehbehinderung positiv

unterstützen zu können, ist es wichtig, sie individuell und professionell darin zu

beraten, welche Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten es für sie gibt. Genauso

wichtig ist es, sie bei der Verarbeitung des Sehverlustes in Form von Gesprächen zu

unterstützen. Die jetzige Generation der Senioren ist es nicht unbedingt gewohnt,

über ihre Ängste und Belastungen zu sprechen, erst nach einer Weile und wenn sie

schon das ein oder andere Hilfsmittel angenommen haben, werden sie allmählich

offener, um über ihre Erlebnisse zu sprechen. Auf lange Sicht wird es immer mehr

Senioren geben, die „schlechter sehen“ und an den Augen erkranken, hier wird es

darum gehen, eine Umwelt zu schaffen, in der die betroffenen Senioren ihren Alltag

und ihre Freizeitaktivitäten weiterhin ausführen können. Im Angebot der

Seniorenberatung geht es darum, die Betroffenen in ihrem Verarbeitungsprozess des

Sehverlustes zu unterstützen, so dass ein positiver Umgang mit dem Sehverlust und

eine Erhaltung der Lebensqualität gefunden werden kann. 10

9 vgl. http://www.deutsche-alzheimer.de/index.php?id=202, Stand 30.1.2013

10 Siehe auch Kapitel 3.2.8 „Psychosoziale Faktoren” und dort die Phasen der Trauerbewältigung.

18


2 Charakteristika von Beratungen älterer Menschen im

ländlichen Raum

2.1 Allgemeine Ausgangslage im ländlichen Raum

Betrachtet man den ländlichen Raum, so lassen sich hier neben regionalen

Unterschieden durchaus auch strukturelle Ähnlichkeiten in unterschiedlichen

ländlichen Regionen erkennen, die sich auch, gerade was die professionelle und

ehrenamtliche Angebotsstruktur betrifft, wesentlich von (groß)städtischen Angeboten

unterscheiden.

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf lässt sich eher als ländliche Gegend

bezeichnen 11 , wobei hier die infrastrukturellen Angebotsstrukturen je nach regionalen

Gegebenheiten stark variieren. Der Landkreis besteht aus 9 Städten und 13

Gemeinden. Insgesamt leben 240.866 Einwohner im Landkreis, davon sind ca.

46.000 Senioren. Marburg Stadt ist mit 81.147 Einwohnern die größte Stadt und

Rauschenberg mit 4.438 die kleinste Stadt. Die Gemeinde Dautphetal ist mit 11.669

die größte Gemeinde und die Gemeinde Wohratal zählt mit 2.492 Einwohnern zu der

kleinsten Gemeinde 12 . Dies lässt schon die Variationsbreite des Landkreises

Marburg-Biedenkopf erkennen. Während es in der Großstadt, wie zum Beispiel

Frankfurt, einen kostenfreien „Fahrgastbegleitservice der Verkehrsgesellschaft

Frankfurt“ oder ebenfalls kostenfrei, einen „Begleitdienst für das Rhein-Main-Gebiet“

für Besuche bei Ämtern und Ärzten gibt, sind diese Angebote im ländlichen Raum

noch wenig bis gar nicht verbreitet. Sehr häufig sind die Betroffenen entweder auf

Angehörige oder Bekannte angewiesen oder sie müssen sich jedes Mal ein Taxi

nehmen, wenn sie irgendwo hin möchten und das stellt auf die Dauer eine finanzielle

Belastung dar. Auch die Erledigung von Bankgeschäften, Behördengängen etc.

stellen bei Sehbehinderung im Alter eine zusätzliche Herausforderung dar, denn

schon das Ausfüllen eines Überweisungsscheins oder eines Antrages ist allein fast

11 Vergleiche hierzu auch Kapitel 4.3 Geographische Verteilung/Wohnform

12 http://www.marburg-biedenkopf.de/buergerservice/wissenswertes-und-statistik/daten-undfakten/daten-und-fakten-1/;

Stand 10.01.2013

19


nicht mehr machbar. 13 Insgesamt ist die Entwicklung in den ländlichen Gegenden

zum Teil schon sehr dramatisch und zeichnet sich durch einen allgemeinen Verlust

der Infrastrukturversorgung aus.

Insbesondere infrastrukturelle Angebote, die zu einer Grundversorgung gehören,

werden in den ländlichen Regionen zunehmend weniger. Z. B. gibt es kaum mehr

Allgemeinmediziner vor Ort und wenn, dann machen diese kaum mehr

Hausbesuche. Fachärzte gibt es auch fast gar nicht mehr und kleine Krankenhäuser

werden geschlossen.

Die Möglichkeiten Lebensmittel einzukaufen sind sehr begrenzt. Ein weiteres

Hindernis im ländlichen Raum stellt die schlechte Anbindung des öffentlichen

Verkehrs an die Städte oder auch an die außerhalb der Städte/Dörfer gelegenen

Einkaufszentren dar. Hier wäre zum Beispiel ein regelmäßiger Fahrdienst, der auch

auf die Bedürfnisse blinder- und sehbehinderter Menschen eingeht, wie beim

Einkaufen zu helfen, eine Lösungsmöglichkeit. In der Regel sind auch die

Bushaltestellen und die Fahrpläne nicht barrierefrei gestaltet, das Lesen der

Fahrpläne ist aufgrund der kleinen Schrift fast überhaupt nicht möglich, ebenso wie

die Bedienung der Fahrkartenautomaten. Letztlich führt diese erzwungene

Immobilität und Passivität sowie der Verlust der Autonomie zu einer Einschränkung

der Lebensqualität. Insbesondere Menschen mit einer Sehbehinderung sind hiervon

stark betroffen, weil sie, wenn sie den Busfahrplan oder die Informationsbroschüren

nicht lesen können, keine Möglichkeit haben, davon Gebrauch zu machen. Auch

Möglichkeiten, ehrenamtliche Angebote wie Besuchsdienst, Einkaufshilfen oder Hilfe

im Alltag etc. in Anspruch zu nehmen, sind in den ländlichen Gebieten noch eher

selten vertreten, obwohl es hier durch Bürgerinitiativen eine positive Entwicklung in

einzelnen Stadtteilen bzw. Dörfern gibt, dem entgegenzuwirken.

Eine weitere Eigenheit, die eher in ländlichen Gebieten auftritt, ist, dass die Senioren

mehr in Eigenheimen leben als zur Miete. Die Häuser verfügen oft über eine einfache

Ausstattung und sehr häufig besteht das Haus aus mehreren Stockwerken mit

Treppen, was, gerade wenn eine Sehverschlechterung eintritt und weitere

gesundheitliche Beeinträchtigungen bestehen, dazu führen kann, dass das

13 Gerade ältere Menschen sind darauf angewiesen, dass es eine Bank vor Ort gibt, zu der sie

hingehen können und wo es eine Ansprechperson gibt. Möglichkeiten wie Internetbanking etc.

können nicht in Anspruch genommen werden, weil die Senioren im Umgang mit dem Computer

und dem Internet nicht geübt sind.

20


Verlassen des Hauses kaum mehr möglich ist. Dieselbe Problematik findet sich auch

in Mietshäusern, die über keinen Aufzug verfügen. Hinzu kommt, dass die älteren

Menschen in ländlichen Gebieten zunehmend alleine in den Häusern leben, so dass

sie vermehrt auf außerfamiliäre Hilfen angewiesen sind, wenn es keine Angehörigen

gibt.

2.2 Spezifische Herausforderungen der Beratungsarbeit mit älteren

Menschen im ländlichen Raum

Diese infrastrukturellen und sozialen Ausgangsbedingungen im ländlichen Raum

zeigen an, dass es bei der Beratungsarbeit in ländlichen Gebieten Spezifika zu

berücksichtigen gilt. Dies ist einmal die Erreichbarkeit des Beratungsangebots. Das

Projekt bietet eine zugehende Beratung an. Das heißt, die betroffenen Senioren

werden zu Hause beraten, so dass sich das Hindernis der Erreichbarkeit in diesem

Fall nicht stellt. Ein weiterer Vorteil der Beratung vor Ort ist, dass direkt die

Lebensumwelt der Betroffenen kennengelernt und so ein Eindruck über die

Lebensbedingungen gewonnen werden kann. Es können so erste Hinweise für die

Gestaltung des Wohnumfeldes gegeben werden und, wenn in der Region

vorhanden, Informationen und Kontakt zu möglichen Hilfs- und

Unterstützungsleistungen vermittelt werden.

Eine weitere Herausforderung der Beratungstätigkeit ist, dass ältere Menschen es

nicht gewohnt sind, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen und anzunehmen.

Menschen, die ihr Leben lang selbständig und eigenständig gelebt haben, fällt es

nicht leicht, wenn sie feststellen, dass es Lebensbereiche gibt, die sie nicht mehr so

bewerkstelligen können wie früher. Bei einer Sehbehinderung im Alter sind das

meistens genau die Bereiche, die ein hohes Maß an Selbständigkeit ausdrücken, wie

die gesamte Haushaltsführung, das Autofahren, handwerkliche Tätigkeiten, das

Lesen etc. Hier dann Hilfe annehmen zu müssen bedeutet auch, fremde Menschen

in die Privatsphäre einzulassen, was gerade auf dem Land der Gewöhnung bedarf,

denn die Bedenken, was die Nachbarn dazu sagen, sind immer noch groß. Auch die

Befürchtungen, wenn sichtbar wird, dass nicht mehr alle Lebensbereiche selbständig

bewerkstelligt werden können, in eine Pflegeeinrichtung eingewiesen zu werden,

sind sehr groß und daher werden nicht immer gleich alle Bereiche aufgezählt, in

denen es Schwierigkeiten gibt.

21


Diese Erkenntnis macht es sehr notwendig, dass die Beratungen langfristig

ausgerichtet sind, denn nur wenn die betroffenen Senioren Vertrauen aufbauen und

die Sicherheit gewinnen, dass es hier um Hilfe und Unterstützung und nicht um

„Entmündigung“ geht, sind sie bereit und auch dankbar für

Unterstützungsmöglichkeiten. Daher ist es sehr sinnvoll, wenn der Beratungskontext

so gestaltet werden kann, dass es für die Koordination der unterschiedlichen Hilfen

und Unterstützungsmöglichkeiten eine Ansprechperson gibt, zu der die Betroffenen

Vertrauen haben, die sie kennen und die die Veränderungen Schritt für Schritt

begleitet. Dies ist gerade für Senioren mit einer Sehbehinderung oder Erblindung

sehr wichtig, denn wenn man nicht mehr richtig erkennen kann, wer in die Wohnung

kommt und was die Person von einem will, kann es passieren, dass sie keine

Unterstützung mehr annehmen möchten, weil sie sich unsicher fühlen.

Neben der Beratung und Unterstützung zu sehbehinderten bzw. blindenspezifischen

Aspekten, geht es bei der ländlichen Beratung von Senioren mit Sehverlust auch

darum, den Zugang zu allgemeinen und seniorenspezifischen Informationen und

Angeboten zu gewährleisten und sicherzustellen, dass diese auch nutzbar sind. Das

heißt also z. B. Informationen in Großschrift herzustellen. Die Mobilitätszentrale in

Marburg bietet z. B. die öffentlichen Busverbindungen auch in DIN A4-Format an,

was für Menschen mit einer Sehbehinderung in der Handhabung einfacher ist und

mitunter besser gelesen werden kann. Darüber hinaus ist es Teil der

Beratungsleistung sicherzustellen, wie blinde und sehbehinderte Senioren an

Angeboten teilnehmen können, wie sie dort hinkommen und wie eine Integration in

die Angebote stattfinden kann. Hier ist eine Vernetzung der Beratungs- und

Angebotsstruktur unerlässlich, denn nur gemeinsam können die Herausforderungen

in ländlichen Regionen bewältigt werden. Auch muss eine öffentliche Sensibilisierung

für das Thema Sehverlust und die damit verbundenen Herausforderungen und

Schwierigkeiten im Alter stattfinden, um den Bedürfnissen blinder und sehbehinderter

Senioren gerecht zu werden.

Langfristig wird es darauf ankommen, durch ein gutes Netzwerk aus Nachbarschaftshilfen,

ehrenamtlichen Hilfen, professionellen Angeboten der allgemeinen und

speziellen Beratung und infrastruktureller Verbesserung, die ländlichen Gegenden so

zu vernetzen, dass die Teilhabemöglichkeiten älterer Menschen mit Sehbehinderung

auch gegeben sind, wenn sie „auf dem Land“ leben.

22


3 Konzeption des Beratungsangebotes „Rat und Hilfe bei

Sehverlust im Alter“

Seit vielen Jahren und zunehmend vermehrt, kamen über die speziellen Fachdienste

für blinde und sehbehinderte Menschen (z B. Low Vision Beratung und

Sehhilfenanpassung, Schulungen in Orientierung und Mobilität (O&M) und

Lebenspraktischen Fähigkeiten (LPF) immer wieder von einem Sehverlust betroffene

Senioren in das Reha-Beratungszentrum der blista. Im Rahmen dieser

Fachberatungen wurde zunehmend festgestellt, dass speziell diese Gruppe neben

den fachspezifischen Angeboten auch einen hohen individuellen Beratungs- und

Unterstützungsbedarf im eigenen Wohnumfeld aufweisen. Denn die sich aus dem

Zusammentreffen von Alter(n) und einsetzender Sehbehinderung ergebenden

Problemlagen betreffen unmittelbar die individuelle Lebenssituation, die auch in

Abhängigkeit vom jeweiligen Wohnort und seinen Charakteristika zu betrachten ist.

Bislang gab es für Menschen mit Sehverlust im Alter noch kein

Unterstützungs- und Beratungsangebot im Raum Marburg-Biedenkopf.

3.1 Inhalte und Ziele des Beratungsangebots

Ziel des Projektes war es, ein zugehendes Beratungsangebot zu entwickeln, zu

erproben und zu etablieren, um den individuellen Bedarfs- und Problemlagen von

sehbehinderten und erblindeten Senioren aktiv und konstruktiv zu begegnen.

Das Konzept der „Beratung und Begleitung von sehbehinderten Senioren“ umfasst

schwerpunktmäßig folgende Inhalte:

• Psychosoziales Beratungsangebot zur Verarbeitung des Sehverlustes

• Informationen zu blinden- und sehbehindertenspezifischen Hilfe- und

Unterstützungsangeboten

• Erprobung von Hilfsmitteln und Erarbeitung konkreter Lösungsstrategien,

die die Bewältigung des Alltags erleichtern

• Unterstützung bei sozialrechtlichen Fragen zur Sehbehinderung (Anträge

für Blinden- und Sehbehindertengeld, Schwerbehindertenausweis,

Beantragung von Hilfsmitteln etc.)

• Information und Vermittlung von seniorenspezifischen Angeboten vor Ort

• Klärung von Fragen zu der jeweiligen Sehbehinderung und

Augenerkrankung

23


• Austausch mit Betroffenen und Kontakt zu Selbsthilfegruppen.

Die Beratung setzt an der aktuellen Lebenssituation und den individuellen

Bedürfnissen der Betroffenen an, die sehr unterschiedlich sein können und von der

präventiven Beratung mit Schwerpunkt auf Informationsvermittlung bis hin zur Hilfe

bei der Verarbeitung der Sehbehinderung reichen. Manchmal ist es auch so, dass

die betroffenen Senioren selbst gar nicht genau artikulieren können, wo ihr

Beratungsbedarf liegt oder welcher Lebensbereich am meisten betroffen ist. Dies

kann im Rahmen der Beratungsarbeit gemeinsam eruiert werden.

Angeboten wird die Beratung in Form von Hausbesuchen, was gerade in der

ländlichen Gegend wie Marburg-Biedenkopf den Vorteil hat, dass alle Betroffenen

auch mobilitätseingeschränkte Personen das Beratungsangebot in Anspruch

nehmen können. Die Beratung kann jedoch auch in den Räumlichkeiten des Reha-

Beratungszentrums der blista stattfinden.

3.2 Beratungsbogen

Für die Beratungsarbeit und zur Dokumentation bzw. späteren Evaluation der

Beratungsarbeit wurde ein Beratungsbogen 14 entwickelt 15 , mithilfe dessen mit den

betroffenen Senioren für sie relevante Themenschwerpunkte angesprochen werden

können, um herauszuarbeiten, wo es Unterstützungsbedarf gibt und wo gemeinsam

Lösungsstrategien zu entwickeln sind. Sehr häufig kommen die Senioren darüber

auch selbst auf weitere Fragen und Anliegen und fangen an zu berichten, welche

Herausforderungen sich für sie im Alltag stellen und wie sie damit umgehen oder wo

sie Schwierigkeiten erleben.

Der Beratungsbogen umfasst folgende Themenschwerpunkte, die im Folgenden

ausführlicher beschrieben werden:

14 Der komplette Beratungsbogen findet sich im Anhang. Er basiert auf den (unveröffentlichten)

Vorarbeiten von Köwing 2009; SZBlind: ICF tool box 2010.

15 Der Beratungsbogen wurde in den ersten 15 Beratungen erprobt und danach noch mal verändert,

weil sich herausstellt, dass bestimmte Themenbereiche fehlen oder andere aus dem Bogen

herausgenommen werden konnten, weil sie sich in den Gesprächen als nicht relevant erwiesen.

Der seit Mai 2012 verwendete Beratungsbogen ist sehr umfangreich, was zur Folge hat, dass auch

die Dokumentationszeit mit ca. 60 Minuten für das erste Beratungsgespräch sehr umfangreich ist.

Für die weitere Beratungsarbeit nach Ende des Projektes wird der Beratungsbogen erneut

überarbeitet und optimiert werden, damit sich auch die Dokumentationszeit reduziert.

24


1. Daten zur Beratung

2. Demographische Daten

3. Fragenschwerpunkt: Sehbehinderung/Sehbeeinträchtigung

4. Kommunikation (Zugangswege zu Informationen)

5. Orientierung und Mobilität

6. Lebenspraktische Fähigkeiten (Selbstversorgung)

7. Interpersonelle Interaktion und Beziehungen

8. Psychosoziale Faktoren

9. Zusammenfassung der Beratung/weitere Vereinbarungen

Der Beratungsbogen dient als Leitfaden und nicht alle Bereiche müssen

gleichgewichtig bearbeitet werden, er funktioniert als Strukturierungshilfe und erweist

sich als sehr hilfreich und sinnvoll, denn er deckt die wichtigsten Themenbereiche ab,

in denen Menschen mit einer Sehbehinderung sehr wahrscheinlich

Beeinträchtigungen erleben werden. Dadurch können ganz gezielte und individuelle

Lösungsstrategien erarbeitet und Unterstützungsmöglichkeiten angeregt werden.

3.2.1 Daten zur Beratung

Hier werden die Kontakte mit dem Ratsuchenden dokumentiert, die Dauer und der

Inhalt der Telefongespräche und Hausbesuche sowie die Entfernung zu dem

Ratsuchenden. Es besteht die Möglichkeit, die thematischen Inhalte der einzelnen

Beratungsgespräche kurz zusammenzufassen. Des Weiteren wird dokumentiert, ob

weitere Personen bei der Beratung anwesend waren und wie sich das auf die

Beratung ausgewirkt hat. Die Anwesenheit Dritter bei einem Beratungsgespräch

kann unterschiedliche Auswirkungen auf einen Beratungsverlauf haben und es

lassen sich daraus Rückschlüsse auf die sozialen Beziehungen des Ratsuchenden

herstellen. Wenn Angehörige bei dem Beratungsgespräch dabei sind, dann sind es

meistens die Lebenspartner oder die Kinder. Die Motivation für die Anwesenheit

kann unterschiedliche Gründe haben. Positive Gründe sind, dass die Angehörigen an

dem Sehverlust der Ratsuchenden teilhaben und versuchen möchten, über die neu

gewonnen Informationen und Einsichten die Betroffenen bestmöglich zu

unterstützen. Gerade wenn es um die Beschaffung von Hilfsmitteln oder der

Vereinbarung von Terminen etc. geht, sind die Kinder sehr häufig eine gute

25


Unterstützung. Gleichzeitig besteht für die Beraterin die Möglichkeit, die Angehörigen

für das Thema Sehverlust zu sensibilisieren und ihnen zu verdeutlichen, was es für

den Alltag heißt, von einem Sehverlust betroffen zu sein.

Hin und wieder kann es vorkommen, dass Angehörige andere Vorstellungen davon

haben, wie die betroffene Person mit ihrer Sehbehinderung umgehen sollen. Also z.

B. wenn die Betroffenen ohne jegliche Hilfen, wie einen Blindenlangstock oder

Rollator das Haus verlassen und die Angehörigen das unverantwortlich finden, weil

die Sturzgefahr dadurch sehr hoch ist. Oder wenn die Betroffenen ihren Haushalt

selbst noch sauber machen möchten, obwohl sie den Schmutz nicht mehr richtig

erkennen können, dann sind das für die Angehörigen berechtigte Bedenken, die aber

im Rahmen der Beratung nur besprochen werden können, wenn das die betroffene

Senioren auch möchte.

Darüber hinaus wird hier dokumentiert, wie die Betroffenen von der

Beratungsmöglichkeit erfahren haben, denn damit lassen sich gut die

unterschiedlichen Wege zur Beratung nachzeichnen. Am Ende besteht die

Möglichkeit, offene Anmerkungen zu dokumentieren.

3.2.2 Demographische Daten

Hier werden die demographischen Daten, wie Name, Geburtsdatum, Geschlecht,

Wohnort, Familienstand, Wohnsituation, Anzahl Kinder, die für den Beratungsverlauf

relevant sind, gesammelt. Darüber hinaus wird hier festgehalten, wer die

wichtigste(n) Ansprechperson(en) für den Betroffenen sind. Wenn es sich im

Gespräch ergibt, werden hier auch biographische Angaben gesammelt.

So können erste Informationen über den Ratsuchenden gewonnen werden. Wie alt

ist jemand, wo lebt er, mit wem und wer sind wichtige Ansprechpersonen? Diese

Informationen liefern erste Eindrücke zum sozialen Umfeld, in dem die Person lebt.

Es ist ein Unterschied, ob jemand vor dem zweiten Weltkrieg geboren wurde oder

danach, denn die gesellschaftlichen Gegebenheiten haben Einfluss auf die

Entwicklung(smöglichkeiten) eines Menschen. Menschen, die den zweiten Weltkrieg

erlebt haben, wissen, was es heißt, mit dem Nötigsten auszukommen, sich nicht zu

beklagen und die Dinge hinzunehmen und mit dem zufrieden zu sein, „was man hat“.

Das heißt eben auch, dass der Raum für Emotionen nicht immer gegeben war. Das

kann auch Auswirkungen auf den Umgang mit einem Sehverlust haben, so dass es

26


gut ist, auch den zeitlichen Kontext, in dem eine Person gelebt hat und lebt, bei der

Beratung präsent zu haben. Bezüglich der Unterstützungsmöglichkeiten ist es auch

ein Unterschied, ob die Person alleine lebt oder mit den Kindern oder dem

Ehepartner in einem Haus lebt, ob sie in der Stadt lebt oder auf dem Land. All diese

Informationen können über diesen Dokumentationsbereich gewonnen werden.

3.2.3 Sehbehinderung/Sehbeeinträchtigung

In diesem Dokumentationsabschnitt geht es um das zentrale Thema des

Sehverlustes. Es wird erfragt, welche Augenerkrankung(en) vorliegt(en) und wie das

verbliebene Sehvermögen ist, falls das den Betroffenen bekannt ist. Dann werden

die Betroffenen dazu befragt, wann die Sehbeeinträchtigung begonnen hat und wie

der weitere Behandlungsverlauf nach Diagnosestellung war und ob sie nach wie vor

in Behandlung sind oder ob die Behandlung der Augen abgeschlossen ist und nur

noch Kontrollen durchgeführt werden. Anschließend geht es um das Thema optische

und elektronische Hilfsmittel, also welche Hilfsmittel hat die betroffene Person

bereits, wie kommt sie damit zurecht, ist das Hilfsmittel noch ausreichend, so dass

sie lesen kann? Und hat die Betroffene schon mal eine Low Vision Beratung und

Sehhilfenanpassung in Anspruch genommen oder hat sie Bedarf daran?

Es soll den Betroffenen die Möglichkeit gegeben werden, dass sie über das Erleben

ihres Sehverlustes sprechen können, denn dafür ist häufig zu wenig Zeit. Immer

wieder kommt in den Gesprächen heraus, dass sie ihre Diagnose eher nebenbei

beim Augenarztbesuch erfahren haben und sich alleine gelassen gefühlt haben und

darüber geschockt sind. Häufig sind die Betroffenen auch nicht richtig darüber

informiert, welche Auswirkungen ihre Augenerkrankung haben kann. Manchmal

möchten sie es auch gar nicht genauer wissen.

27


Durch die im Gespräch gewonnen Erkenntnisse, auch über das funktionale

Sehvermögen 16 , können die Betroffenen darin unterstützt werden, die Dinge, die im

Alltag gut laufen, weiterhin zu verstärken und bei Schwierigkeiten kann versucht

werden, Lösungen aufzuzeigen. Oder auch der Raum dafür gegeben sein, dass

akzeptiert werden muss, dass nicht mehr alles so souverän gemeistert werden kann,

wie vor der Sehbeeinträchtigung. Das Leben mit einem Sehverlust bedeutet, dass es

Grenzen gibt, wie z. B. dass das Autofahren aufgegeben werden muss, was für viele

einen großen Autonomieverlust bedeutet. Wie alle Themenbereiche gestaltet sich

auch dieser sehr individuell und richtet sich nach den Bedürfnissen und Anliegen der

Betroffenen.

Ein weiterer Bereich sind Fragen zu möglichen Unterstützungsleistungen und die

Aufklärung darüber, welchen Nutzen diese Unterstützungsleistungen haben können.

Dazu gehört der Schwerbehindertenausweis, mit der Möglichkeit der zum Teil

kostenfreien Teilnahme am ÖPNV und bei Blindheit der Möglichkeit eines

Behindertenparkausweises sowie der Rundfunkgebührenermäßigung. Des Weiteren

können hier Fragen zum Blinden- und Sehbehindertengeld beantwortet werden. Es

kann geklärt werden, ob eine Pflegestufe vorliegt oder ob eine Beantragung in Frage

kommt und wohin sich die Betroffenen dann wenden können, wenn sie diesbezüglich

Fragen haben oder es kann direkt der Kontakt z. B. zum Pflegestützpunkt hergestellt

werden. Auch die Frage nach Unterstützungsbedarf im Haushalt kann hier

besprochen werden. Wenn es sich anbietet und mitunter deuten es die Betroffenen

selbst auch schon an, kann auch der Bereich der finanziellen Mittel angesprochen

werden. Ist die Rente ausreichend? Liegt sie über dem Niveau der Grundsicherung

oder sollte ein Antrag auf finanzielle Unterstützung gestellt werden?

16 „Unter ‚funktionales Sehen‘ versteht man den tatsächlichen Einsatz der visuellen Kapazitäten einer

Person in den unterschiedlichen Lebensbereichen. Dabei spielen die subjektiven Gegebenheiten

eine wesentliche Rolle“ (http://www.vbs.eu/agfruehfoerderung/uploaded_files/lbeck_beurteilungdesfunktionalensehens.pdf,

Stand 10.9.2013).

Der Begriff „funktionales Sehvermögen“ umfasst mehr als den gemessenen Visus. Er schließt den

Umgang der Betroffenen mit dem vorhandenen individuellen Sehvermögen in alltäglichen

Situationen und den dort vorhandenen Licht- und Umgebungsverhältnissen ein. Das heißt also, die

Art und Weise wie jemand sein Sehvermögen „funktional“ einsetzen kann, hängt neben dem

gemessenen Visus ebenso von subjektiven Faktoren wie physischer und psychischer

Gesundheitszustand, aber auch von äußeren Faktoren, wie Beleuchtung, Kontraste,

Umgebungsart (fremde oder bekannte Umgebung) ab. Ziel der Beratung ist es, herauszufinden,

wie und in welchem Maße die Betroffenen ihr Sehvermögen im Alltag einsetzen und

herauszufinden, ob durch bestimmte Hilfsmittel, wie beispielsweise Markierungspunkte, Kontraste,

Beleuchtung sowie Orientierungs- und Mobilitätsunterricht eine besser Nutzung des vorhandenen

Sehvermögens erzielt werden kann.

28


Im Alter kommen häufig weitere körperliche Erkrankungen hinzu. Für die

Beratungsarbeit ist es wichtig zu wissen, welche weiteren Erkrankungen vorliegen, z.

B. wenn jemand zusätzlich stark schwerhörig ist, dann bedeutet das eine wesentliche

weitere Beeinträchtigung auch im Umgang mit der Sehbehinderung und dem

Erlernen von möglichen Strategien. Viele ältere Menschen haben

Gleichgewichtsstörungen oder sind gehbeeinträchtigt und benötigen einen Rollator,

was wiederum einen Unterricht in Orientierung und Mobilität (O&M) erschwert.

Ebenfalls in diesem Dokumentationsbereich kann sich die Beraterin Notizen machen,

wie sie die Betroffenen und ihren Umgang und das Erleben mit der Sehbehinderung

einschätzt. Daraus können weiterführende Überlegungen bezüglich möglicher

Lösungsstrategien und Unterstützungsleistungen gezogen werden.

Am Ende eines jeden Themenabschnitts besteht die Möglichkeit, diesen Bereich

zusammenzufassen und mögliche Handlungsschritte festzuhalten. Hilfreiche Fragen

sind hier: Ist-Zustand; Strategien und Ressourcen; Wichtigkeit des besprochenen

Themenbereiches; Zufriedenheit, Schwierigkeiten und Veränderungswünsche;

Möglichkeiten und Grenzen; Ziele, Planung und Prioritäten. 17

3.2.4 Zugangswege zu Kommunikation und Informationen

Die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben über den Zugang zu

Informationen und Kommunikation gilt als ein Grundbedürfnis des Menschen.

Gerade in einer Welt in der fast alles visuell aufbereitet ist, ist es für die Teilhabe

entscheidend, dass man auch Zugang zu den Informationen hat, wenn man sie

visuell nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr wahrnehmen kann.

Mittlerweile gibt es zahlreiche technische Hilfsmittel, wie sprechende Telefone,

Telefone mit großen Tasten, Bildschirmlesegeräte 18 , geschlossene

17 Die Möglichkeit, das besprochene Thema am Ende jeweils zusammenzufassen ist immer gegeben

und wird daher hier nicht jedes Mal neu aufgeführt.

18 Ein Bildschirmlesegerät (BLG), ist eine elektronische Sehhilfe. Es nimmt Schriftstücke, wie

Rezepte, Beipackzettel, Schriftstücke, Texte, Zeitungsartikel mit einer Kamera auf und gibt diese

stark vergrößert auf einem Bildschirm wieder. Mit einem Bildschirmlesegerät kann man eine

maximale Vergrößerung bis 60-fach erreichen. Bildschirmlesegeräte werden dann eingesetzt,

wenn die Vergrößerung mit optischen Hilfsmitteln nicht mehr ausreichend herzustellen ist, das ist

meistens der Fall, wenn eine 8-fache-optische Vergrößerung benötigt wird. Sinnvoll können

Bildschirmlesegeräte aber auch bei erhöhtem Kontrastbedarf sein, selbst wenn der

Vergrößerungsbedarf noch nicht so hoch ist, da man sich am BLG inversive Schriftfarben

einstellen kann. Also beispielsweise schwarzer Hintergrund und weiße Schrift. (vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Bildschirmlesegerät Stand 10.09.2013).

29


Vorlesesysteme 19 , den Daisy-Player 20 , Vergrößerungssoftwareprogramme und

Sprachausgabe für den Computer und das Handy, die es Menschen mit einer

Sehbehinderung oder Blindheit ermöglichen, weiterhin selbständig und

selbstbestimmt Informationen zu erhalten. Senioren sind häufig, gerade in diesem

technischen Bereich unerfahren, welche Möglichkeiten es alles gibt und wie sie

Zugang dazu erhalten.

In diesem Dokumentationsbereich geht es darum herauszufinden, welche Zugänge

zu Informationen und Kommunikation die Betroffenen haben. Also, z. B. ob sie die

Zeitung noch lesen können oder ob sie ihnen jemand vorliest. Ob sie das Telefon

noch benutzen können, was für Viele häufig entscheidend ist, um überhaupt mit der

Außenwelt in Kontakt zu treten. Entscheidend ist dabei auch die Frage nach den

technischen Hilfsmitteln. Hier kann überprüft werden, ob die Betroffenen spezifisch

ausgestattet sind und ob sie über alle Möglichkeiten informiert sind. Kennen sie z. B.

den Daisy-Player und das Angebot der Hörbücherei? Haben sie eine Lupe oder ein

Bildschirmlesegerät (BLG), welches ihnen hilft, Texte zu lesen? Wie kommen sie mit

der Handhabung des Hilfsmittels zurecht? Viele, die z. B. ein Bildschirmlesegerät

haben, können damit nur kurze Texte lesen oder einen Brief, aber Bücher damit zu

lesen ist sehr anstrengend. Auch das Fern sehen ist nur noch bedingt möglich und

wird häufig als anstrengend erlebt. Daher ist der Daisy-Players eine gute Alternative

und dabei sehr einfach in der Bedienung und Handhabung. Die Betroffenen haben

die Möglichkeit, sich das Gerät auszuleihen und auszuprobieren. Für einige ist das

eine sehr schöne Möglichkeit, wieder Zugang zu Informationen und Literatur zu

haben, was zu einer Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens und der

Lebensqualität beiträgt.

19 Man unterscheidet zwischen offenen und geschlossenen Vorlesesystemen: Geschlossene

Lesesysteme, sind in der Regel Scanner, die den Text einscannen und dann vorlesen. Hierbei gibt

es verschiedene Modelle, es gibt welche, die die Bücher speichern und über die Menü-Tastatur

kann man jederzeit wieder auf die Bücher zurückgreifen oder es gibt welche, die können nur die

jeweilige Seite, die gescannt wurde, vorlesen. Ein offenes Lesesystem besteht aus einem PC,

einer Texterkennungseinheit und einer Vorlesesoftware. Durch die Texterfassung mit einer Kamera

können beliebige Vorlagen erkannt werden und per Sprachausgabe oder Braillezeile ausgegeben

werden.

20 „DAISY ist der Name eines weltweiten Standards für navigierbare, zugängliche Multimedia-

Dokumente. Die Abkürzung DAISY steht für Digital Accessible Information System.“ (Quelle:

http://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Accessible_Information_System, Stand 10.9.2013).

30


3.2.5 Orientierung und Mobilität

In diesem Dokumentationsbereich geht es um die Frage der Orientierung- und

Mobilitätsfähigkeit, die aufgrund der Sehbehinderung oft eingeschränkt ist. Es geht

darum, zu besprechen, wie mobil die Betroffenen innerhalb und außerhalb ihrer

Wohnung sind und welche Einschränkungen sie aufgrund des Sehverlustes oder

anderer körperlicher Erkrankungen haben. Hierbei wird erfahren, wie die Menschen

wohnen, ob sich aufgrund der Sehbehinderung Mobilitätsschwierigkeiten in der

Wohnung ergeben und wie sich diese äußern. Je länger die Betroffenen schon vor

dem Sehverlust in ihrer Wohnung oder in ihrem Haus gelebt haben, umso besser

können sie sich innerhalb des Hauses oder Wohnung orientieren und finden sich dort

zurecht. Da die Lichtverhältnisse eine wichtige Rolle bei der Ausnutzung des

verbleibenden Sehvermögens spielen, ist die Frage nach dem Licht- und

Kontrastbedarf wichtig, um ggf. gemeinsam unterschiedliche

Beleuchtungsmöglichkeiten auszuprobieren. Auch das Thema

Markierungsmöglichkeiten in der Wohnung spielt eine Rolle. Denn durch die

Markierung z. B. der Herdschalter, der Wasch- und Spielmaschine mit roten gut

sichtbaren und tastbaren Punkten, können die Betroffenen häufig besser erkennen

oder erfühlen, wann die Schalter an oder aus sind oder wann eine bestimmte Stufe

eingestellt ist. Diese kleinen Hilfestellungen im Alltag haben mitunter eine große

Wirkung.

Da die Möglichkeit, am sozialen Leben in der Gemeinschaft teilzuhaben auch in dem

Maße dadurch bestimmt ist, dass man Angebote erreichen kann, wird erfragt, wie

sich die Betroffenen außerhalb der Wohnung orientieren können und zurecht finden.

Das beinhaltet auch die Frage, ob sie sich noch gut bewegen können oder ob es

noch andere körperliche Einschränkungen gibt, die die Bewegung einschränken. Der

Verlust von Mobilität führt häufig dazu, dass die Menschen gezwungen sind, in ihrer

Wohnung zu bleiben und kaum mehr in Kontakt mit anderen Menschen treten

können. Dies hat mitunter zur Folge, dass die Betroffenen unter dieser Passivität

leiden und sich „nutzlos“ fühlen, weil sie nicht mehr in dem Maße aktiv sein können,

wie sie es ihr ganzes Leben gewesen sind. Weiterhin kann erfragt werden, wie die

Infrastruktur rund um die Wohnung ist, also ob die Betroffenen die Möglichkeit

haben, selbständig einkaufen zu gehen, die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen

können oder auch in der Lage sind, Ärzte aufzusuchen. Bei Bedarf kann hier

gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten gesucht werden, in dem z. B.

31


außerhäusliche Unterstützungsleistungen angeregt werden, ein Besuchsdienst

(wenn vorhanden) organisiert wird oder auf die Möglichkeit einer Schulung in den

Gebrauch eines Langstocks (Orientierungs- und Mobilitätsunterricht) verwiesen wird.

3.2.6 Lebenspraktische Fähigkeiten (Selbstversorgung)

In diesem Dokumentationsbereich geht es um die Frage, in welchen Bereichen der

Selbstversorgung die Betroffenen gut zurechtkommen und wo sie Einschränkungen

erfahren, um dann gemeinsam zu überlegen, wie die Betroffenen in diesem Bereich

unterstützt werden können, damit sie sich weiterhin selbst versorgen können. Der

Bereich der Selbstversorgung ist sehr umfassend, weil er letztlich alle

lebenspraktischen Fähigkeiten beinhaltet, die das Leben zu einem unabhängigen

und selbstbestimmten Leben machen. Im hohen Alter in diesen Bereichen

Einschränkung aufgrund eines Sehverlustes zu erfahren, hat mitunter große

Auswirkungen auf die Lebensqualität und das eigene Wohlbefinden.

Es geht um die Frage, inwieweit die Betroffenen (noch) in der Lage sind, ihre

Speisen selbständig zuzubereiten bzw. ob und welche Einschränkungen sie dabei

erleben? Es geht um die Frage, ob sie die Farbe ihre Kleidung noch erkennen

können und auch erkennen können, welche Kleidung sie im Kleiderschrank haben?

Es geht darum, zu erfahren, ob sie in der Lage sind, sich selbständig anzuziehen und

auch ob sie die Körperpflege noch selbständig durchführen oder Hilfe in Anspruch

nehmen. Zur Selbstversorgung gehört auch, die Reinigung der Wohnung und hier

erleben viele Betroffene, dass sie den Schmutz einfach nicht mehr sehen und so

Schwierigkeiten haben, ihre Wohnung richtig sauber zu halten. Zu erfassen ist,

welche Strategien der Betroffene bereits für sich entwickelt hat, um seine

Selbständigkeit aufrecht zu erhalten und eventuell neue Strategien zu erarbeiten und

nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, z. B. durch den Einsatz von Hilfsmitteln wie

einem Etikettenlesegerät und Markierungssystem“. 21 Im Blinden- und

Sehbehindertenbereich gibt es die Möglichkeit, Unterricht in Lebenspraktischen

21

Das Etikettenlesegerät und Markierungssystem kann man verwenden, um Lebensmittel

(einschließlich Gefriergut), CDs, Medikamente etc. zu kennzeichnen. Es kann zum Organisieren

von Briefen und Ordnern verwendet werden ebenso wie zur Markierung von Kleidung. Dazu wird

ein kleiner Aufkleber besprochen, den man z. B. am Lebensmittel anbringt und mit Hilfe eines

elektronischen Stiftes die aufgezeichneten Informationen wieder abhören kann.

32


Fähigkeiten zu erhalten 22 und Studien zeigen (vgl. Lauber/Spenner 2012), dass

Personen, die diesen Unterricht erhalten hinterher eine höhere „Handlungssicherheit

und verbesserte soziale Interaktion“ (Lauber/Spenner 2012: .79) aufweisen und sie

wieder Bereiche im Haushalt übernehmen, die sie vorher nicht mehr gemacht haben,

wie Kaffeekochen oder Brot schmieren. Das wiederum erhöht ihr Selbstwertgefühl

und steigert die Lebensqualität.

3.2.7 Interpersonelle Interaktion und Beziehungen

In diesem Dokumentationsbereich geht es darum, zu erfahren, wie sich die

persönlichen Beziehungen der Senioren gestalten und ob sich diese aufgrund der

Sehbeeinträchtigung verändert haben. Dann geht es um die Frage, der

gesellschaftlichen Teilhabe und welche Formen davon genutzt werden, also z. B.

Mitgliedschaft in einem Verein, Teilnahme bei Veranstaltungen etc. und wie sich die

Möglichkeiten der Teilnahme durch die Sehbeeinträchtigung verändert haben. Hier

ist die Frage interessant, ob die Betroffenen noch in der Lage sind, ihren Hobbies,

wie z. B. dem Singen im Chor oder Kegeln nachzugehen oder ob sie es aufgeben

mussten. Gerade in diesen Bereichen wird die Sehbehinderung sehr spürbar für die

Betroffenen, weil sie viele Dinge, die sie in ihrer Freizeit getan haben, wie

Gartenarbeit, Mitgliedschaft in einem Sportverein, in einem Chor oder Ähnlichem

aufgeben müssen, weil sie nicht mehr durchführbar sind und die Orte nicht mehr

erreichbar sind.

Je nach geographischer Wohnlage ist es leichter oder schwerer z. B. Kontakt zur

Selbsthilfe oder zu einem Besuchsdienst herzustellen, um einen Ausgleich für den

erlebten Verlust herzustellen und so den Betroffenen neue Wege der Teilhabe zu

eröffnen. Sozialer Kontakt ist ein Grundbedürfnis der Menschen und wenn sie nicht

mehr in der Lage sind, dieses Grundbedürfnis zu stillen, dann hat das häufig fatale

Folgen für die körperliche Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden. Einsamkeit

im Alter bedeutet, dass sich die Betroffenen vom Leben ausgeschlossen und nicht

mehr dazugehörig fühlen, häufig haben sie tagelang keine Ansprache. Sie sind vom

Leben und der Interkation mit Anderen isoliert. Dies ist gerade für alleinlebende

sehbehinderte Senioren ein großes Problem und muss auch von der Gesellschaft

viel mehr wahrgenommen werden.

22 In Deutschland gibt es keine geregelte Finanzierung für eine Schulung in LPF.

33


3.2.8 Psychosoziale Faktoren

In diesem Dokumentationsbereich kann gemeinsam überlegt werden, welche bereits

verwendeten Strategien beim Umgang mit der Sehbehinderung/Blindheit nützlich und

hilfreich sind, das Stärken der bereits vorhandenen Ressourcen und welche neuen

Strategien hilfreich sein könnten, z. B. das Beschriften der Gegenstände, das

Anwenden neuer Hilfsmittel oder die Organisation von institutionellen

Unterstützungsleistungen. Und es kann gemeinsam überlegt werden, welche

Unterstützungs- und Hilfeleistungen für die Betroffenen als erstes angegangen

werden sollten.

Bei diesem sehr umfassenden Themenkomplex „Psycho-Sozial“ ist es auch hilfreich,

sich die Bewältigung eines Sehverlustes ähnlich der Phasen der Trauerbewältigung

(vgl. z. B. Kast 1982) vorzustellen, um zu verstehen in welcher Phase sich der

Betroffene eventuell gerade befindet und welches Bedürfnis dahinterliegt. Die

Phasen lassen sich in drei Hauptphasen unterteilen.

In die erste Phase, die als „Schock/Nicht wahr-haben wollen“ bezeichnet wird. Diese

Phase beginnt häufig mit der Diagnose durch den Augenarzt und dem Schock, dass

die Augen schlechter werden. Viele der Betroffenen haben die Hoffnung, dass die

Augen wieder besser werden, wenn sie endlich die richtige Brille hätten und

verhalten sich so, als seien die Augen noch nicht schlechter geworden. Sie fahren z.

B. weiterhin Auto oder haben Akzeptanzschwierigkeiten bei der Annahme von

Hilfsmitteln, die auf eine Sehbehinderung hindeuten könnten.

Die zweite Phase lässt sich umschreiben mit „Hadern mit dem Schicksal und

Abschied(e)“. Durch einen massiven Sehverlust können manche Dinge einfach nicht

mehr weiter ausgeführt werden. Dies sind Verluste, die betrauert werden müssen,

denn sie lassen sich nicht so wiedererlagen wie es einmal war. Der Lebensabend

entwickelt sich ganz anders als man es sich ausgemalt hat: Reisen scheint nicht

mehr möglich, all die ungelesenen Bücher, der Umgang mit den Enkelkindern etc. ist

durch den Sehverlust nur noch eingeschränkt möglich, was mitunter als sehr

frustrierend erlebt wird. Viele hadern mit ihrem Schicksal. Warum ich? Warum jetzt

noch, in meinem Alter“? Aussagen wie: „Ich dachte, ich brauche vielleicht mal ein

neues Knie, aber, dass meine Augen so schlecht werden hätte ich nicht gedacht“,

kommen immer wieder. Je mehr Einschränkungen die Menschen in ihrem Alltag

durch den Sehverlust erleben, desto größer ist das Verlustgefühl, das sie erleben.

Umso weniger können sie sich vorstellen, dass es noch irgendwelche Möglichkeiten

34


gibt, wieder mehr Selbständigkeit zu erlangen. Dies ist sehr häufig mit depressiven

Verstimmungen, großer Trauer und Hoffnungslosigkeit verbunden. Manchmal ist die

Sehverschlechterung, gerade im hohen Alter, auch der Beginn, sich mit der

Endlichkeit des Lebens intensiver auseinanderzusetzen.

Die dritte Phase, kann als „Neuorganisation und Neuorientierung“ umschrieben

werden. Es zeigt sich, je länger die Diagnose der Augenerkrankung zurückliegt,

desto wahrscheinlicher ist es, dass die Personen bereits Strategien im Umgang mit

der Erkrankung entwickelt haben, mit denen sie soweit zurechtkommen, dass sie ihr

Leben weiter leben können (vgl. Wahl/Heyl/Langer 2010). Untersuchungen haben

gezeigt, wenn es gelingt, die Ziele der Situation anzupassen. Also z. B. das

Erreichen einer relativ hohen Selbständigkeit im Nahumfeld und das Lösen von nicht

mehr erreichbaren Lebenszielen (Fernreisen), dann erleben die Betroffenen eine

höhere Lebensqualität (vgl. Wahl/Heyl/Langer 2010) und die Akzeptanz des

Sehverlustes steigt.

Die Phasen können sich wiederholen, sie können in einer anderen Reihenfolge

ablaufen oder Betroffene können in einer der ersten beiden Phasen „verharren“ oder

wenn sich das Sehvermögen wieder verschlechtert, wieder in eine Anfangsphase

„zurückfallen“.

Die Aufgabe der Beraterin liegt auch darin, herauszufinden, in welcher Phase sich

der Betroffene befindet und entsprechende Impulse zu setzen, die darin bestehen,

manchmal mehr zuhörend und manchmal eher aktiv zu sein und Lösungen im

Hinblick auf die Phase der Neuorientierung anzubieten und zu erarbeiten. In diesem

Dokumentationsbereich hat die Beraterin nach dem Beratungsgespräch die

Möglichkeit, aus ihrer Sicht die psychosoziale Situation der Betroffenen

einzuschätzen und festzuhalten.

3.2.9 Zusammenfassung der Beratung und weitere Vereinbarungen

Dieser abschließende Dokumentationsbereich dient dazu, noch einmal festzuhalten,

worin die Betroffenen im Moment die größte Einschränkung sehen und welche

Strategien gewählt werden können, um diese Probleme zu lösen. Darüber hinaus

wird hier festgehalten, an welche anderen Einrichtungen verwiesen bzw. direkt

Kontakt hergestellt wurde. Dann wird, wenn weitere Beratungen stattfinden,

festgehalten, welche der vermittelten Angebote angenommen wurden und wie die

Zusammenarbeit mit den Netzwerkpartnern verlaufen ist. Am Ende gibt es für die

35


Beraterin noch die Möglichkeit sich in einer Art „To-Do-Liste“ zu notieren, welche

Dinge noch erledigt werden müssen.

Ganz am Ende des Beratungsbogens hat es sich als sinnvoll erwiesen, nach der

Beratung, einen chronologischen Beratungsverlauf festzuhalten, der es der Beraterin

ermöglicht, sich zu einem späteren Zeitpunkt, einen kurzen Überblick über den

Beratungsverlauf zu verschaffen.

3.3 Qualifikation der Beraterin

Um in dieser komplexen Situation eine adäquate Beratung und Unterstützung leisten

zu können, bedarf es qualifizierter Beraterinnen. Teil der Qualifizierung ist ein

Grundwissen über das „Alter(n)“ und alter(n)stheoretische Konzepte. Die

Seniorenberatung war für die Projektlaufzeit mit einer Vollzeitstelle durch eine Diplom

Sozialpädagogin im Rehabilitationsberatungszentrum der Deutschen

Blindenstudienanstalt e.V. angesiedelt. Im Anschluss an eine intensive

Einarbeitungszeit ist sie seit März 2012 für die Umsetzung und Durchführung des

Beratungskonzeptes zuständig.

Im Februar und März 2012 erfolgte eine Qualifizierung der Seniorenberaterin in die

blinden- und sehbehindertenspezifische Thematik:

• Einführung in den Themenbereich Orientierungs- und Mobilitätsunterricht

• Einführung in den Themenbereich Lebenspraktische Fähigkeiten

• Einführung in den Themenbereich EDV und elektronische Hilfsmittel für

Blinde und Sehbehinderte

• Hospitation bei Low Vision Beratungen und Anpassung von vergrößernden

Sehhilfen

• Einführung zum Aufbau und der Benutzung optisch vergrößernder

Sehhilfen/elektronisch vergrößernder Sehhilfen

• Einführung in die unterschiedlichen Augenerkrankungen und das Themenfeld

„Low Vision“

• Einführung in das Thema Rechtsberatung durch Herrn Dr. Richter RBM

(Rechte behinderter Menschen)

• Zwei dreitägige Fortbildungskurse zum Thema „Lösungsorientierte

Kurzzeitberatung“ an der Evangelischen Hochschule Darmstadt

• Hinzu kommt ein fortlaufendes Eigenstudium in relevante Themen

36


3.4 Ausstattung einer mobilen Beratungstasche und eines

Beratungsordners

Nach den ersten Beratungen hat sich schnell gezeigt, dass es für die

Beratungsarbeit sinnvoll ist, eine „Beratungstasche“ mit kleinen alltäglichen

Hilfsmitteln wie

• sprechende Uhren,

• rote Markierungspunkte,

• Beleuchtungsmöglichkeiten,

• Blindenplaketten,

• Füllstandsanzeiger,

• Unterschriftenschablone,

• schnurloses Telefon mit Sprachausgabe,

dabei zu haben, um sie vorzuzeigen und zum Ausprobieren. Denn gerade in den

ländlichen Gegenden haben die Betroffenen häufig gar keine Möglichkeit, einen

Hilfsmittelladen aufzusuchen. Wenn Angehörige bei der Beratung dabei sind, dann

können auch sie die Informationen nutzen und die benötigten Hilfsmittel besorgen.

Bei Bedarf und speziellen Interessen, wie z. B. einer sprechenden Waage, Spiele,

Handy oder Ähnlichem kann die Seniorenberaterin diese Dinge aus dem

Hilfsmittelladen der blista besorgen und zur Ansicht und zum Ausprobieren

mitbringen.

37


Abbildung 3: Darstellung der Beratungstasche sowie einzelner Hilfsmittel, wie Telefon, rote Markierungspunkte, sprechende

Uhr, die in der mobilen Beratungstasche vorhanden sind.

Viele der Betroffenen sind an den unterschiedlichen Hilfsmitteln interessiert, weil sie

gar nicht wissen, was es alles gibt und gerade Dinge wie eine sprechende Uhr oder

rote Markierungspunkte sind von großem Nutzen für die Betroffenen.

Abbildung 4: Darstellung eines Wärmereglers am Herd mit roten Markierungspunkten

38


Ein weiter wichtiger Bestandteil in der Ausstattung der Seniorenberaterin ist ein

Daisy-Player 23 des Modells Plextalk PTN 2. Wenn das Fernsehen, das Lesen von

Büchern und Zeitungen immer mühsamer und schwieriger wird, dann bietet der

Daisy-Player eine gute Alternative, um weiterhin Zugang zu aufgelesener Literatur zu

haben. Der Daisy-Player wurde speziell für die Bedürfnisse blinder und

sehbehinderter Menschen entwickelt. Das Gerät hat viele nützliche Eigenschaften.

Für die Senioren besonders gewinnbringend ist die einfache Handhabung des

Gerätes. Die Bedientasten sind alle unterschiedlich gestaltet, und daher gut zu

ertasten. Bei jedem Bedienen der Tasten gibt das Gerät akustische Signale. Wenn

eine Daisy-CD begonnen wurde, dann spielt das Gerät jedes Mal automatisch dort

wieder ab, wo es aufgehört hatte. Ebenfalls lassen sich Sprechgeschwindigkeit,

Tonhöhe und Lautstärke individuell einstellen und regeln.

Abbildung 5: Abbildung eines Daisy-Players Plextalk PTN2 24

Durch die kostenlose Mitgliedschaft in einer Blindenhörbücherei haben die

Betroffenen Zugang zu über 20.000 verschiedenen Titeln.

Für manche Senioren ist der Daisy-Player ein großer Zugewinn in vielerlei Hinsicht.

Einmal haben sie Zugang zu Literatur und können selbstbestimmt entscheiden was

23 „DAISY ist der Name eines weltweiten Standards für navigierbare, zugängliche Multimedia-

Dokumente. Die Abkürzung DAISY steht für Digital Accessible Information System.“ (Quelle:

http://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Accessible_Information_System, Stand 10.9.2013); siehe auch

Urteil des SG Fulda, 15.05.2008, S 4 KR 572/06.

24 Es gibt auch andere Daisy-Player Modelle, beispielsweise Victor Reader Stratus 4 und 12. Der hier

abgebildete ist nur ein Beispiel.

39


sie wann hören möchten. Darüber hinaus haben sie eine gute Alternative zum

Fernsehen oder Lesen und der Daisy-Player erfüllt die freie Zeit der Senioren mit

etwas sinnvollem und bringt ihnen ein Stück Lebensqualität zurück.

Senioren schrecken immer erst mal vor neuer Technik zurück, daher ist es sehr gut,

wenn sie das Gerät zwanglos ausprobieren können und feststellen, ob die

Handhabung und die Art der Hörbücher für sie angenehm ist. Innerhalb des

Beratungsrahmens können die Senioren sich den Daisy-Player für 1-2 Wochen

ausleihen, um ganz konkret herauszufinden, ob das eine Möglichkeit für sie wäre.

Es hat sich gezeigt, dass es in vielen Beratungen bestimmte Themenbereiche gibt,

wo es sinnvoll ist, das entsprechende Informationsmaterial bzw. die Anträge gleich

dabei zu haben, um die Informationen den Betroffenen auszuhändigen oder

entsprechende Anträge wie z. B. für den Schwerbehindertenausweis gemeinsam

auszufüllen. Sehr häufig werden Informationen gewünscht zu folgenden Themen:

- Blinden- und Sehbehindertengeld

- Schwerbehindertenausweis (neu oder Beantragung neuer Merkmale)

- Mitgliedschaft in der Hörbücherei

- Informationen zur Low Vision Beratung und Sehhilfenanpassung und ggf.

Terminvereinbarung

- Informationen zu unterschiedlichen Großtastentelefonen

- Informationen zu unterschiedlichen Möglichkeiten der Beleuchtung mit

Tageslicht

- Informationen oder direkte Kontaktherstellung zu Unterstützungs- und

Beratungsstellen in den jeweiligen Regionen z. B. Pflegestützpunkt, Essen auf

Rädern, bürgerschaftliche Initiativen u.v.m.

Durch die Ausstattung einer mobilen Beratungstasche und eines Beratungsordners

kann an vielen Stellen eine konkrete Hilfestellung für die Senioren während der

Beratung direkt umgesetzt werden.

40


4 Auswertung der Beratungsdaten von Feb. 2012 – Juli 2013

4.1 Beratungsbedarf

Während der Projektlaufzeit (Februar 2012 - Juli 2013) wurden 124 Personen der

Zielgruppe beraten. 25 Das erste Gespräch fand am 13.03.2012 statt, die letzte

Fallaufnahme, die in die Auswertung einbezogen wurde, erfolgte am 12.07.2013.

Häufigkeit der persönlichen Beratungsgespräche

140

123

120

100

80

60

40

20

39

23

16 12 7 4 2 1

0

1 2 3 4 5 6 7 8 24

Abbildung 6: Häufigkeit der persönlichen Beratungsgespräche

Es wurden insgesamt 242 Hausbesuche durchgeführt und 395 Telefonate mit den

Ratsuchenden geführt. Die maximale Anzahl an Hausbesuchen lag bei 24 26 , die

maximale Anzahl an Telefonaten bei 23, wobei die 23 Telefonate nicht nur mit der

betroffenen Seniorin geführt wurden, sondern auch mit anderen Einrichtungen bzw.

Anbietern der Altenarbeit, um ein Unterstützungsnetzwerk aufzubauen.

25 Bei einer Person fand eine ausschließlich telefonische Beratung statt.

26 Dieser Fall bildet keinen typischen Beratungsverlauf ab. Bei diesen Beratungen wurden sehr viele

Elemente aus dem Bereich Lebenspraktische Fähigkeiten bearbeitet, wie z. B. besprechen eines

Adressbuches mit Hilfe eines Penfriends. (Ein batteriebetriebener, elektronischer „Penfriend“, mit

Hilfe dessen, kleine Aufkleber besprochen werden können, die später dann wieder abgehört

werden können). Oder das Entwickeln von Ordnungssystemen für ihre Kleidung etc. Letztlich zeigt

dieser Beratungswunsch jedoch, dass es viele Elemente aus dem Bereich „Lebenspraktische

Fähigkeiten“ sind, die für die Senioren wichtig sind, damit sie weiterhin selbständig und

selbstbestimmt leben können.

41


Im Durchschnitt wurden drei Telefonate und zwei Hausbesuche absolviert. In 87%

der Fälle reichten drei Beratungen zu Hause aus. Etwa weitere 10% erhielten

zwischen vier und sieben Beratungen. Langzeitberatungen mit mehr als sieben

Hausbesuchen stellen eher die Ausnahme dar. Es zeigt sich aber, dass sich

Betroffene, durchaus nach längeren Pausen von bis zu neun Monaten wieder

melden, wenn sie einen erneuten Beratungsbedarf haben oder eine Frage

aufgetreten ist.

In 71% der Fälle wurden 1-3 Telefonate geführt, nach dem Erstgespräch ging es hier

vorrangig um die weitere Termin- und Inhaltsvereinbarung für weitere Hausbesuche.

Mit weiteren 15 % wurden zwischen vier und sechs Telefonate geführt, dies war vor

allem bei der Beantragung von Unterstützungsmöglichkeiten notwendig. Lediglich in

4% der Fälle wurden mehr als sechs Telefonate geführt. Insgesamt wurde mit 29%

der Fälle nur ein Telefonat, mit 23,4% wurden zwei Telefonate geführt, mit 18,5% der

Fälle wurden drei Telefonate geführt und mit weiteren 11,3% wurden vier Gespräche

geführt. In 13,7% der Fälle fanden mehr als vier Telefonate statt.

Die telefonischen Kontakte dienten hauptsächlich der Terminabsprache. Bei einem

telefonischen Erstkontakt ging es häufig um die Art der Augenerkrankung und welche

Informationen dazu vorliegen. Es geht darum, herauszufinden, welches Anliegen die

Person hat und welche Möglichkeiten es innerhalb des Beratungsangebotes gibt.

Eine „richtige“ Beratung per Telefon wurde eher vermieden, weil sich herausgestellt

hat, dass eine persönliche Beratung wesentlich umfangreicher und detaillierter

verläuft als am Telefon. Eine persönliche Beratung hat auch den Vorteil, die

betroffenen Senioren in ihrem alltäglichen Lebensumfeld kennenzulernen und daraus

ergeben sich thematische Schwerpunkte, die am Telefon so nicht alle erfragt und

bearbeitet werden können. Hinzu kommt auch, dass viele Senioren schlechter hören

und dann sowieso nicht gerne telefonieren.

42


100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

29

23,4

Anzahl der Telefonate

(in Prozent)

18,5

11,3

4 2,4 4

1 2 3 4 5 6 7 > 7,00

7,2

Abbildung 7: Anzahl der Telefonate in Prozent

4.1.1 Dauer der ersten Kontaktaufnahme und Dauer der

Beratungsgespräche

Das Erstgespräch, das überwiegend am Telefon stattfand, dauerte durchschnittlich

6,61 Minuten, wobei der Median bei 5 Minuten liegt, d.h. 50% der Gespräche

dauerten 5 Minuten oder kürzer. Die andere Hälfte dauerte länger als 5 Minuten an.

Das kürzeste Gespräch dauerte 2 Minuten, das längste 21 Minuten. Die

Unterschiede in der Dauer begründen sich im Gesprächsinhalt und dem weiteren

Beratungsverlauf. Die kurzen Gespräche dienten der gegenseitigen Vorstellung und

der Terminabsprache für einen Hausbesuch. Insgesamt betrug die Dauer der

Erstgespräche 813 Minuten oder knapp 13,5 h.

Die durchschnittliche Dauer der Beratungen lag bei 90 Min. bei der ersten Beratung

und jeweils ca. 60 Min. bei den beiden nächsten Besuchen. Die längste Beratung

dauerte 3 Stunden, die kürzeste Beratung 15 Min.

43


Hausbesuch I Hausbesuch II Hausbesuch III

Personen 123 39 23

Mittelwert 90 Min. 60 Min. 60 Min.

Minimum 30 Min. 15 Min. 30 Min.

Maximum 180 Min. 120 Min. 90 Min.

4.1.2 Wegstrecke zu den Hausbesuchen

Die durchschnittliche Wegstrecke (Hin- und Rückfahrt) betrug 42 km. Um sie zu

bewältigen wurden im Schnitt ca. 50 Minuten benötigt. Ein Viertel der Wegstrecken

lagen bei bis zu 10 km und konnten innerhalb von 20 Minuten absolviert werden. Ein

weiteres Viertel lag bei 64 km und 70 Min oder mehr. Insgesamt fielen für die Wege

zu den Beratungen 5144 km und 101,55 h an. Die Gesamtzeit für Beratung (172,5 h)

und Fahrten (101,5 h) liegt damit bei 272,55 h für die „Ersten Hausbesuche“.

44


4.1.3 Anwesende beim „Ersten Hausbesuch“

Anwesend beim 1. Hausbesuch

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

35,8

19,5

4,9

21,1

3,3 4,9 4,1 4,9 1,5

Abbildung 8: Anwesend beim ersten Hausbesuch in Prozent

Bei den Beratungen waren sehr unterschiedliche Personenkonstellationen vertreten.

In ca. 1/3 der Fälle (44, 35,8%) führte die Beraterin das Gespräch mit den Senioren

alleine. Bei 24 Fällen (19,5%) waren die jeweiligen Lebenspartner anwesend. Bei 26

Ratsuchenden (21,1%) waren die (erwachsenen) Kinder oder Schwiegerkinder am

Gespräch beteiligt. Mehrfach waren auch mehrere Familienangehörige bei der

Beratung zugegen (6 Fälle, 4,9%). Des Weiteren waren die Enkel (4 Fälle, 3,3%);

andere Verwandte (6 Fälle, 4,9%); Bekannte, Freunde, Nachbarn (6 Fälle, 4,9%);

Dienstleister aus dem Bereich der Altenhilfe (5 Fälle, 4,1%) sowie andere

Heimmitbewohner (2 Fälle; 1,5%) bei dem ersten Beratungsgespräch anwesend.

4.1.4 Anwesend beim „Zweiten Hausbesuch“

Beim „Zweiten Hausbesuch“ zeigt sich eine Veränderung zum ersten

Beratungsgespräch. Der entscheidende Unterschied war, das die Senioren vermehrt

alleine die Beratung wahrgenommen haben. Außerdem haben sich die Anwesenden

insgesamt mehr im Hintergrund gehalten. Ein zweiter Unterschied besteht darin,

dass beim zweiten Hausbesuch dreimal ein Low Vision Berater vor Ort anwesend

war, um eine ambulante Sehhilfenanpassung durchzuführen. Bei 22 der beratenen

Personen (55%) war keine weitere Person außer der Beraterin anwesend. Bei 7

Fällen (17,5%) der Gespräche war der jeweilige Lebenspartner dabei. Bei 4

45


Beratungsgesprächen (10%) waren die (erwachsenen) Kinder oder Schwiegerkinder

mit anwesend. Bei 2 Gesprächen (5%) waren ehrenamtliche oder hauptamtliche

Helfende bei der Beratung vor Ort dabei. Bei weiteren 2 Gesprächen (5%) waren

mehrere Familienmitglieder anwesend. Und bei 3 Beratungsgespräche (7,5%) fand

der Termin in Kombination mit einer mobilen Low Vision Beratung und

Sehhilfenanpassung statt.

Anwesend beim 2 . Hausbesuch

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

55

17,5

5

10

5

7,5

Abbildung 9: Anwesend beim zweiten Hausbesuch in Prozent

Die Tendenz zeigt, dass auch bei nachfolgenden Beratungsgesprächen der Anteil

der anwesenden Personen weiter abnimmt. Das hat auch damit zu tun, dass die

Angehörigen nach dem ersten Beratungsgespräch die Beraterin kennengelernt

haben und das Vertrauen gegeben war, die betroffenen Senioren das Gespräch

auch alleine führen zu lassen.

4.1.5 Wichtigste Bezugspersonen

Eine Bezugsperson zu haben ist sehr wichtig. Nicht nur, weil die Senioren aufgrund

der Sehbehinderung oder Blindheit auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind,

sondern auch weil sie dadurch ein Minimum an sozialen Kontakt haben, der wichtig

ist, für ein seelisches und körperliches Wohlbefinden. Wie die Zahlen zeigen, leben

viele der vor allem weiblichen beratenden Seniorinnen alleine. Aufgrund des

Sehverlustes können sie viele alltägliche Dinge nicht mehr verrichten, was auch

46


edeutet, dass die dadurch entstehende Zeit nicht mehr richtig ausgefüllt werden

kann. Das hat häufig zur Folge, dass die Tage sehr lang sind und nicht mehr

sinnstiftend gefüllt werden können. Wenn nun Kinder, Enkelkinder, Partner oder

Nachbarn vorhanden sind, die ab und zu vorbeischauen und in Interaktion mit den

Senioren treten, dann ist das eine große Erleichterung. Daher sind auch Angebote

wie Ehrenamtliche Besuchsdienste enorm wichtig und sinnstiftend für die Senioren.

Bei den beratenden Senioren sind die Kinder 27 (36,3%) (45 Personen) und die

PartnerInnen (17,7%) (22 Personen) die wichtigsten Bezugspersonen, die sich die

„Betreuung“ auch oftmals teilen (10,5% Partner und Kinder; 4,8% Kinder und

Enkelkinder). Insgesamt stellen sie in 69,3% die wichtigsten Ansprechpartner. Auch

andere Verwandte übernehmen oft diese Funktion (Enkelkinder 4,0% (5); Neffen und

Nichten 6,5% (8); Geschwister 3,2% (4)). Daneben kümmern sich vor allem

Nachbarn und Bekannte aus dem Ort um die Senioren 7,3% (9 Personen). Für 2,4%

(3 Personen) ist das Pflegepersonal der wichtigste Ansprechpartner, 4% (5

Personen) haben überhaupt keine zentrale Bezugsperson. Bei weiteren 3,2% (4

Personen) blieb unklar, wer die wichtigste Bezugsperson ist.

Wichtigste Bezugspersonen (in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

17,7

36,3

10,5

6,6 7,3 4,8 4 3,2 2,4 4 3,2

Abbildung 10: Wichtigste Bezugspersonen in Prozent

27 Sehr häufig sind die „Kinder“ auch schon im Rentenalter.

47


4.1.6 Abstand der Hausbesuche zueinander

Die Abstände zwischen den Hausbesuchen gestalten sich recht different. Zwischen

dem ersten und zweiten Hausbesuch lagen minimal weniger als ein Monat und

maximal neun Monate. Diese große Spannweite reduziert sich, wenn man den

Abstand zwischen dem zweiten und dritten Hausbesuch betrachtet. Dort lag das

Maximum bei 3 Monaten. In beiden Gruppen liegt der typische Abstand bei 4-8

Wochen (60 % und 66,7% der Fälle). Es lässt sich festhalten, dort wo sich der

Kontakt über einen längeren Zeitraum erstreckt, intensiviert sich auch die zeitliche

Betreuung.

Die Terminvereinbarung mit den Senioren für Erst- und Folgehausbesuche richtete

sich nach dem weiteren Beratungsbedarf. Die große Nachfrage und die begrenzten

zeitlichen Ressourcen innerhalb der Projektphase erlaubten es nicht immer, pro-aktiv

Folgetermine zu vereinbaren, um den Kontakt zu halten, wenn kein offensichtlicher

weiterer Beratungsbedarf gegeben war, obwohl dies in vielen Fällen wünschenswert

gewesen wäre und dem psychosozialen Konzept der Beratung entsprochen hätte.

Stattdessen wurde die vorhandene Zeit für die Erstberatung weiterer Senioren und

offensichtliche, notwendige Folgeberatung bei konkretem Bedarf genutzt. Es ist

grundsätzlich jedoch davon auszugehen, wenn eine pro-aktive Herangehensweise

gewählt wird und die Senioren aktiv von der Seniorenberatung kontaktiert werden,

dass dann auch die Folgeberatungen steigen werden.

4.2 Demografische Daten

4.2.1 Altersverteilung

Das Durchschnittsalter lag bei 83 Jahren. Die älteste Ratsuchende war 96 alt, die

Jüngste war 63 Jahre alt. An der Tabelle wird ersichtlich, dass fast 70 % der

Senioren über 80 Jahre alt waren und somit die meisten zur Gruppe der Hochaltrigen

zählen.

48


Altersverteilung

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

8,9%

(11)

21,8%

(27)

46%

(57)

22,6%

(28)

0,8%

(1)

60-69 70-79 80-89 90-99 Keine Angaben

Abbildung 11: Altersverteilung

4.2.2 Geschlechterverteilung in der Beratung

An der Beratung haben 29 Männer (23,4%) und 95 (76,6%) Frauen teilgenommen

Geschlechterverteilung

männlich;

23,4 %

(29)

weiblich;

76,6%

(95)

Abbildung 12: Geschlechterverteilung

49


4.2.3 Familienstand

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

11,3

2,4

Familienstand

(in Prozent)

27,4

1,6

53,2

ledig in Partnerschaft verheiratet geschieden verwitwet keine Angaben

4

Abbildung 13: Familienstand in Prozent

Von den 124 Ratsuchenden sind 66 53,2% verwitwet, 27,4% (34 Personen) sind

verheiratet, 2,4% (3 Personen) leben in einer Partnerschaft, 11,3% (14 Personen)

sind ledig und gerade mal 1,6% (2 Personen) sind geschieden. Bei 4% (5 Personen)

liegen keine Angaben über den Familienstand vor. Hierbei zeigt sich ein deutlicher

Zusammenhang (p=0,00) zwischen Geschlecht und Familienstand. Die Frauen leben

häufiger alleine und sich überwiegend verwitwet.

50


100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

Verteilung Geschlecht und Familienstand (absolute Werte)

76

allein

in Partnerschaft

19

18

11

männlich

weiblich

Abbildung 14: Verteilung Geschlecht und Familienstand

4.2.4 Wohnform

Die Wohnformen lassen sich grob in vier Kategorien unterteilen: zur Miete, im

Eigentum, im Eigentum mit der Familie und in einer stationären Senioreneinrichtung.

Die meisten Senioren wohnen in ihrem Eigentum (60,5%), davon 25% zusammen

mit anderen Familienmitgliedern. 25,8% wohnen zur Miete und 12,2% in einem

Altenheim.

51


12

2

Wohnform

(in Prozent)

zur Miete

26

im Eigentum

25

im Eigentum mit der

Familie

Altenheim

35

sonstiges

Abbildung 15: Wohnform in Prozent

4.2.5 Wohnsituation

Die Wohnsituation gestaltet sich sehr unterschiedlich. Die größte Gruppe, 51

Personen, (41,1%) lebt alleine. Die nächste Gruppe mit 22 Personen (17,7%) lebt mit

dem Partner oder der Partnerin zusammen. 15 Personen (12,1%) sind alleinstehend,

leben aber in getrennten Wohnungen in einem Haus mit den Kindern. 6,5% (8

Personen) sind alleinstehend und leben im selben Haushalt wie die Kinder. Weitere 8

Personen (6,5%) leben mit ihrem Partner, der Partnerin und den Kindern in einem

Haus, jedoch in getrennten Wohnungen. Ebenfalls 15 Personen (12,1%) der

Beratenen sind in einer stationären Einrichtung untergebracht. Darüber hinaus finden

sich weitere Wohnlösungen, wie Leben mit Geschwistern oder anderen Verwandten

(insgesamt 4%).

52


Wohnsituation

(in Prozent)

allein

6,5

12,1 4

41,1

Mit Kindern in einem Haus,

getrennte Wohnungen

Im Haushalt der Kinder

Mit Partner ohne Kinder

17,7

6,5

12,1

mit Partner, im gleichen Haus

wie Kinder, getrennte

Wohnungen

Heim, stationäre Einrichtung

Sonstiges

Abbildung 16: Wohnsituation in Prozent

53


4.3 Geographische Verteilung/Wohnort

14

(11,3%)

86

(69,4%)

3 (2,4%)

1 (0,8%)

4

(3,2%)

15

(12,1%)

Abbildung 17: Landkarte von Marburg-Biedenkopf und angrenzenden Landkreisen

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Landkreis_Marburg-Biedenkopf, Stand 23.9.2013)

69,4% (86 Fälle) der Beratungsnutzer kamen aus dem Landkreis Marburg

Biedenkopf. 12,1 % (15) aus dem Landkreis Gießen und 11,3 % (14) aus dem Kreis

Waldeck-Frankenberg. Weitere Landkreise waren: Lahn-Dill-Kreis (4; 3.2 %),

Schwalm-Eder-Kreis (3; 2.4%); Vogelsbergkreis (1; 0,8 %) und Wetteraukreis (1;

0,8%).

Für die Teilnehmenden an der Beratung spielt jedoch weniger die Frage, in welchem

Landkreis sie wohnen eine Rolle, als vielmehr die Frage ob dieses Wohnen städtisch

oder ländlich geprägt ist. Dazu wird im Folgenden zwischen Stadt (z. B. Gießen),

Mittelzentrum (z. B. Frankenberg) und ländlich (z. B. Angelburg) unterschieden.

Diese „Zentren“ unterscheiden sich folgendermaßen. Als städtische Zentren zählen

jene, die über eine gute Angebots- und Infrastruktur verfügen. Das heißt, hier gibt es

eine ausreichende medizinische Versorgung, es gibt genügend

Einkaufsmöglichkeiten und auch der ÖPNV ist so gut ausgebaut, dass alle Angebote

erreicht werden können. Als Mittelzentrum werden die Gegenden bezeichnet, die

über eine durchschnittliche Infrastruktur verfügen und Ähnlichkeiten mit einem

städtischen Zentrum haben. Also, auch hier gibt es eine ausreichende medizinische

Erstversorgung. Es gibt Einkaufsmöglichkeiten und auch der ÖPNV ist zumindest

54


direkt im Mittelzentrum noch gut. Schwieriger wird es für die Ortsteile und

Wohnviertel. Hier gibt es eine schlechtere Versorgung und Anbindung. Auch die

Beratungsstruktur und Ehrenamtlichen Angebote wie Besuchs- und Begleitdienste

etc. gibt es nur sehr vereinzelt. Als ländliche Zentren oder Gebiete werden jene

Gegenden bezeichnet, die eine schlechte Infrastruktur haben. Dort ist die

medizinische Versorgung unterbesetzt, die Erreichbarkeit von Einkaufs- und

Versorgungsmöglichkeiten sind sehr eingeschränkt, weil vieles in sogenannten

peripheren Einkaufszentren gelegen ist. Auch die Beratungs- und Angebotsstruktur

ist kaum ausgebaut und die Erreichbarkeit der Angebote ist für die Betroffenen häufig

nicht gegeben. Das bedeutet, dass jene, die von einer Sehbehinderung oder

Erblindung im Alter betroffen sind und in ländlichen Zentren leben, weit größere

Einschränkungen aufgrund mangelnder Infrastruktur erfahren als andere.

Neben der geographischen Lage, in der die Betroffenen leben, spielt auch der Grad

der Sehbehinderung eine große Rolle bei der Erreichbarkeit der Angebote. Selbst

wenn jemand in einem städtischen Zentrum lebt, aber aufgrund einer starken

Sehbehinderung nicht mehr in der Lage ist, diese Angebot zu erreichen, dann erlebt

auch dieser starke Einschränkungen in seiner Selbständigkeit und Mobilität. Hier ist

es das Ziel der Seniorenberatung zu schauen, ob die Person mit Hilfe eines

Orientierung- und Mobilitätsunterrichtes wieder in der Lage wäre, die Angebote zu

erreichen oder ob es aufgrund weitere gesundheitlicher Einschränkungen gar nicht

mehr möglich ist, alleine das Haus zu verlassen. Dann müssen andere Möglichkeiten

der Unterstützung gefunden werden.

55


Wohnort

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

52,4

26,6

21

Stadt Mittelzentrum Ländlich

Abbildung 18: Wohnort in Prozent

Von den beratenden Senioren leben 26,6% (33 Personen) in einem städtischen

Umfeld, 21% (26 Personen) in einem Mittelzentrum mit teilweise eingeschränkter

Infrastruktur, insbesondere was ärztliche Versorgung und Erreichbarkeit von

Einkaufsmöglichkeiten angeht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Infrastruktur in

städtischen Gebieten zwingend besser ist. Auch eine Wohnung in einem reinen

Wohngebiet einer Stadt kann zu einer eingeschränkten Infrastruktur führen. Über die

Hälfte 52,4% (65 Personen) lebt jedoch in einem ländlichen Umfeld.

An diesem Ergebnis lässt sich auch erkennen, warum das zugehende

Beratungsangebot über die Grenzen Marburg-Biedenkopfs hinaus große Nachfrage

erfährt. Es ist davon auszugehen, wenn das Beratungsangebot in allen Regionen

Marburg-Biedenkopfs bekannter wird, die Nachfrage noch weiter ansteigen wird.

4.4 Infrastrukturelle Gegebenheiten

Wie eben beschrieben wohnen die Senioren in sehr unterschiedlichen

Wohngegenden, was dazu führt, das die Infrastruktur (Geschäfte, Ärzte, Banken) vor

Ort sich ebenfalls sehr unterschiedlich gestaltet. In 21,8% der Fälle (27 Personen) ist

die Infrastruktur vor Ort gut entwickelt und die Befragten sind auch gesundheitlich

und trotz Sehbehinderung in der Lage, diese selbständig zu erreichen. Für 18,5% (23

Personen) ist die ebenfalls gut gestaltete Infrastruktur, aufgrund von

56


gesundheitlichen Beeinträchtigungen, neben der Sehbehinderung, nicht mehr ohne

Hilfe durch Familie oder Dienstleister erreichbar. 18,6% verfügen über eine

eingeschränkte Infrastruktur vor Ort. Davon können 9,7% (12 Personen) diese

selbständig erreichen, während es für 8,9% (11 Personen) aus gesundheitlichen

Gründen nicht mehr möglich ist, die vorhandenen infrastrukturellen Angebote zu

nutzen. 22 der Senioren (17,7%) leben in Wohngebieten oder Dörfern, die über keine

oder nur eine sehr eingeschränkte Infrastruktur verfügen, so dass für alle

Besorgungen Hilfe durch Dritte in Anspruch genommen werden muss, weil es eines

PKWs bedarf, um die Geschäfte, Ärzte etc. zu erreichen. Für 23,4% (29 Personen)

der Fälle liegen keine Informationen über die lokale Infrastruktur vor.

Infrastruktur

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

21,8

vorhanden

und

selbstständig

erreichbar

18,5

vorhanden,

aber nicht

erreichbar

9,7 8,9

teils

vorhanden &

selbstständig

erreichbar

teils

vorhanden,

aber nicht

erreichbar

17,7

nicht

vorhanden

23,4

Fehlende

Angaben

Abbildung 19: Infrastruktur in Prozent

Zusätzlich lässt sich zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Struktur

des Wohnortes und der verfügbaren Infrastruktur besteht. Je städtischer das Umfeld

ist, desto besser sind die vorhandene Infrastruktur und ihre Erreichbarkeit.

57


Zusammenhang Infrastruktur und Wohnort

Prozent

18

16

14

12

10

8

6

4

2

0

Stadt Mittelzentrum ländlich

Regionaltyp

vorhanden und selbsständig

erreichbar

vorhanden aber nicht

erreichbar

teils vorhanden und

selbsständig erreichbar

teils vorhanden und nicht

erreichbar

nicht vorhanden

Abbildung 20: Zusammenhang Infrastruktur und Wohnort

4.5 Medizinische Daten

4.5.1 Art der Augenerkrankung

Ein Großteil der Beratungsteilnehmenden weist mehr als eine ophthalmologische

Erkrankung auf. (Insgesamt wurden von 119 Personen 197 Diagnosen genannt.) Die

mit Abstand häufigste Diagnose ist AMD. 85 der 119 (71,4%) sind entweder von der

trockenen oder der feuchten AMD betroffen. An zweiter Stelle finden sich bei 24

Betroffenen (20,2%) eine Glaukomerkrankung. 20 der 119 (16,8%) sind ebenfalls

von einem Grauen Star betroffen. Bei 10,1% (12 Personen) der Diagnosen treten die

Augenerkrankungen in Zusammenhang mit diabetischen Prozessen auf. Außerdem

werden noch folgende Ursachen benannt: Netzhautverkrümmungen, neurologische

Ursachen und Durchblutungsstörungen, Karzinom, Gesichtsfeldeinschränkungen

sowie RP (zusammengenommen 26,1%; 31 der Nennungen). 20 Betroffene (16,8%)

haben eine Kataraktoperation hinter sich, hier lautet die Diagnose dann

Pseudophakie (Kunstlinse).

Dies stellt ein deutlich verändertes Prävalenzmuster gegenüber der

Gesamtbevölkerung dar. Durch das hohe Alter der Stichprobe dominieren die

altersbedingten Erkrankungen wie AMD; Glaukom und Katarakt. Die verbesserte

Versorgung von Diabetes-Patienten führt zu einer Reduzierung der

Folgeerkrankungen.

58


Art der Augenerkrankung (Mehrfachnennung)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

71,4 %

20,2% 16,8 %

10,1%

16,8%

26,1%

4%

Abbildung 21: Art der Augenerkrankung (Mehrfachnennung)

4.5.2 Visus und Grad der Sehbehinderung

Der Gesamtvisus und somit der Grad der Sehbehinderung ergibt sich aus dem Visus

des besseren Auges. Die Angaben stammen aus den Angaben der Patienten oder,

wenn vorhanden, aus Arztbriefen. 29% (36 Personen) der Beratenen weisen einen

Visus von 0,02 oder weniger auf. Gesetzlich gesehen liegt hier der Status einer

Blindheit vor. Damit sind die Betroffenen in Hessen Blindengeld berechtig. 12,9% (16

Personen) verfügen über einen Visus zwischen 0,021 und 0,05. Gesetzlich gesehen

liegt hier der Status einer hochgradigen Sehbehinderung vor. Damit sind die

Betroffenen in Hessen Sehbehindertengeld berechtig. In der Gruppe mit einem Visus

zwischen 0,05 und 0,3 finden sich 33,1% (41 Personen) der Beratungsteilnehmer.

Gesetzlich liegt hier der Status einer Sehbehinderung vor. Ab einem Visus von 0,3

und kleiner bezuschussen die Krankenkassen optische und elektronische Hilfsmittel.

20,2% (25 Personen) fallen noch nicht unter die gesetzlichen Definitionen einer

Sehbehinderung, erfahren aber bereits jetzt im Alltag, durch eine erhebliche

Sehminderung, Einschränkungen und Schwierigkeiten. Bei 4,8% lagen noch keine

Angaben zum Sehvermögen vor.

In der Regel sagt man, dass man ab einem Visus von 0,4 in der Lage ist,

Zeitungsdruck zu lesen. Daher ist eine Low Vision Beratung und

59


Sehhilfenanpassung 28 enorm wichtig, denn durch eine individuelle Beratung und

Anpassung vergrößernder optischer oder elektronischer Hilfsmittel ist es häufig

möglich, die Betroffenen wieder in die Lage zu versetzen, dass sie wieder Zugang zu

Informationen und Kommunikation selbstbestimmt wählen können.

Visus/Grad der Sehbehinderung

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

29

12,9

33,1

15,3

4 5,7

Abbildung 22: Visus/Grad der Sehbehinderung

4.5.3 Beginn der Sehbehinderung

Die Angaben zum Eintritt der Seheinschränkung/Sehbehinderung beziehen sich auf

das Jahr 2013. Insgesamt ist es für die Befragten schwierig, genau zu sagen, wann

die Seheinschränkungen begonnen haben, da der Prozess der zunehmenden

Seheinschränkung oft langwierig und in Schüben verläuft und die Betroffenen eher

ungefähre Angaben machen können. Die meisten suchen die Beratung auf,

nachdem sie sich schon einige Zeit selbst mit der veränderten Sichtigkeit beschäftigt

haben. Viele weisen auch eine langjährige Vorgeschichte, teilweise seit Geburt oder

Kindheit auf.

28 Für eine ausführliche Erklärung, was unter einer Low Vision Beratung und Sehhilfenanpassung zu

verstehen ist siehe Kapitel 5.4.1.1

60


Beginn der Sehbehinderung

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

8,1

1,6

15,3 17,7

7,3

3,2

6,5

4 4

8,1

2,4

21,8

Abbildung 23: Beginn der Sehbehinderung in Prozent

4.5.4 Verlauf der Sehbehinderung

Allgemein lässt sich sagen, dass fast alle Formen der Augenerkrankungen im Alter

einen progressiven Verlauf haben, das heißt, dass sie sich stetig verschlechtern. Die

Verläufe sind sehr individuell, auch bei gleicher Diagnose können sich die Verläufe

stark voneinander unterscheiden. Daher können hier keine allgemeinen Aussagen

getroffen werden, sondern es muss der Einzelfall betrachtet werden, um Aussagen

über den Verlauf der Sehbehinderung machen zu können.

4.5.5 Teilnahme an einer Low Vision Beratung und

Sehhilfenanpassung 29

In 36,6% (45 Personen) der Fälle, hatten die Senioren eine Low Vision Beratung

innerhalb der letzten beiden Jahre. Davon haben sieben Personen, die empfohlenen

Hilfsmittel noch nicht bekommen, 14 Personen erleben gewissen Schwierigkeiten in

der Nutzung des jeweils empfohlenen Hilfsmittels, 19 Betroffene weisen eine gute

Nutzung des empfohlenen Hilfsmittels aus und erleben dadurch eine Verbesserung

der Lesefähigkeit. Bei 9% (11 Personen) liegt die Low Vision Beratung länger als

zwei Jahre zurück, davon haben 4 Personen keine Schwierigkeiten mit ihren

29 Für eine ausführliche Erklärung, was unter einer Low Vision Beratung und Sehhilfenanpassung zu

verstehen ist sie Kapitel 5.4.2.1

61


empfohlenen Hilfsmitteln. Wohingegen 7 Betroffene einige Schwierigkeiten im

Umgang mit den Hilfsmitteln haben. Das kann verschiedene Gründe haben, zum Teil

kann es sein, dass sich das Sehvermögen weiter verschlechtert hat und dass das vor

einem längeren Zeitraum empfohlene optische oder elektronische Hilfsmittel nicht

mehr das Passende ist oder die betroffene Person hatte sich eine größere

Verbesserung durch das Hilfsmittel erhofft, als letztlich eingetreten ist, was dazu

führt, dass gerade Bildschirmlesegeräte nicht genutzt werden. 22% (27 Personen)

haben eine Low Vision Beratung nach der Beratung durch die

Seniorenberatungsstelle oder einen Termin dafür vereinbart (6 Personen). 32,5% (40

Personen) hatten noch keine Low Vision Beratung, davon hatten 15 Personen

(12,2%) noch keinen Bedarf oder kein Interesse, in 25 Fällen (20,3%) wurden

Informationen zur Low Vision Beratung an die Senioren weitergegeben. Davon gab

es in 4 Fällen finanzielle Probleme, da die Low Vision Beratung nicht mehr von allen

gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, müssen zahlreiche Betroffene,

die Low Vision Beratung selbst bezahlen.

Abbildung 24: Darstellung des zeitlichen Abstandes zu einer Low Vision Beratung.

4.6 Allgemeine gesundheitliche Situation

4.6.1 Angaben zur Pflegestufe

Viele Betroffene erleben aufgrund ihrer Sehbehinderung große Einschränkungen im

Alltag und wünschen sich sehr häufig Unterstützung, z. B. beim Kochen oder bei der

Hausreinigung. Bei der Körperpflege hingegen sind sehr viele noch gut in der Lage,

sich selbst zu versorgen und zurechtzukommen, daher haben sie häufig noch keinen

Anspruch auf eine Pflegestufe, denn bei dieser muss nachgewiesen sein, dass

62


sowohl Hilfe bei der Körperpflege als auch im Haushalt benötigt wird und das ist

häufig noch nicht der Fall. Obwohl, auch im Sinne eines Präventionsgedankens, eine

Unterstützung im Alltag für viele sehr gewinnbringend wäre, um ihre Selbständigkeit

aufrecht zu erhalten und eine verfrühte Pflegebedürftigkeit aufzuhalten.

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

33,1

22,6

Pflegestufe

(in Prozent)

9,7

nein ja, Stufe 1 ja, Stufe 2 ja, Stufe 3 wird

beantragt

0,8

4 4,8

abgelehnt

25

keine

Angaben

Abbildung 25: Pflegestufe in Prozent

Nicht für alle Beratenden liegen Auskünfte über eine Pflegestufe vor. Bei 31

Personen (25%) fehlen diese Angaben. 33,1% (41 Personen) der Senioren haben

zurzeit keine Pflegestufe, was bei einem Altersdurchschnitt von 83 Jahren sehr

beachtlich ist. Bei 4,8% (6 Personen) wurde eine Pflegestufe abgelehnt, 4% (5

Personen) beantragen gerade eine Pflegestufe oder eine Höherstufung. 22,6% (28

Personen) haben die Pflegestufe 1, 9,7% (12 Personen) die Pflegestufe 2 und 0,8%

(1 Person) die Pflegestufe 3. Diese Angaben zeigen, dass sehr viele der

Ratsuchenden keine oder die Pflegestufe 1 haben, was bedeutet, dass sie körperlich

und geistig noch so gesund sind, dass sie in der Lage sind, ihren Alltag

weitestgehend selbständig zu bewerkstelligen, dass sie aber aufgrund der

Sehbehinderung zunehmend Einschränkungen in der Selbständigkeit wahrnehmen.

Sie sind aber aufgrund ihrer doch relativ guten gesundheitlichen Verfassung in der

Lage, die blinden- und sehbehindertenspezifischen Hilfsmittel und

Unterstützungsmöglichkeiten anzuwenden und umzusetzen. Dies trägt wiederum zu

einer weiteren Erhaltung der Selbständigkeit und Aktivität bei. Wenn sie mit Hilfe von

Markierungspunkten, Kontrasten oder Beleuchtung in der Lage bleiben, den Herd

63


und die Waschmaschine zu bedienen, dann erleben sie eine große Erleichterung,

verbunden mit der Hoffnung und Motivation, weiterhin alltägliche Dinge verrichten zu

können.

Darüber hinaus stellt sich in den Beratungen auch immer wieder heraus, dass

gerade Personen ohne Pflegestufe über das gesamte Themengebiet der

Unterstützungsleistungen im Alter relativ wenig wissen und kaum informiert sind, weil

sie bisher keinerlei Hilfsleistungen in Anspruch nehmen mussten. Gerne nehmen sie

daher weitere Informationen oder die konkrete Weitervermittlung durch die

Seniorenberatung an Anbieter der Altenhilfe in Anspruch.

Bei Personen ab Pflegestufe 2 stößt die Seniorenberatung teilweise an ihre Grenzen,

denn durch weitere körperliche Einschränkungen ist es manchmal für die betroffenen

Personen schwierig, mit dem entsprechenden Hilfsmittel umzugehen. Oder auch bei

Demenzerkrankungen zu erinnern, für was das Hilfsmittel nützt und wie es

angewandt wird. Die Aspekte einer psychosozialen Beratung sind bei Menschen ab

Pflegestufe 2 nicht unmöglich, aber nur sehr eingeschränkt möglich. Hier ist es

sinnvoll das Pflegepersonal oder die Angehörigen im Umgang mit blinden oder

sehbehinderten Senioren zu schulen.

4.6.2 Multimorbidität

Sehr häufig ist es im Alter so, dass mehrere Erkrankungen auftreten, diese müssen

jedoch nicht immer stark einschränkend sein, das hängt von der jeweiligen

Erkrankung ab.

64


Abbildung 26: Darstellung der zusätzlichen körperlichen Beeinträchtigungen

In dem vorliegenden Bericht wird unterschieden zwischen „guter gesundheitlicher

Verfassung“; „eine weitere Beeinträchtigung zusätzlich zur Sehbehinderung“ z. B.

Schwerhörigkeit, Herz-Kreislauferkrankung, Gehbehinderung, Rheuma etc.

„Mehrfacherkrankungen“, das heißt, neben der Sehbehinderung liegen noch

mindestens zwei weitere Erkrankungen vor, z. B. Gehbehinderung und

Schwerhörigkeit, Herz-Kreislauferkrankung und Diabetes etc. Sowie

„Multimorbidität“, hierunter fallen alle schwerwiegenden Erkrankungen, die auch die

Sehbehinderung überwiegen z. B. Krebserkrankung, hochgradige Demenz,

chronische Lungenerkrankungen, Dialysepatienten etc. Nicht mit allen betroffenen

Senioren wurden über die weiteren körperlichen Beeinträchtigungen neben der

Sehbehinderung gesprochen. Es war vor allem ein Anliegen herauszufinden, ob die

Sehbehinderung die größte Einschränkung für die Betroffenen darstellt.

65


100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

6,4

gute gesundheitliche

Verfassung

Gesundheitliche Verfassung

(in Prozent)

20,3

eine weitere

Beeinträchtigung

31

Mehrfacherkrankung

22 20,3

Multimorbidität

Keine Angaben

Abbildung 27: Gesundheitliche Verfassung in Prozent

Von den zu beratenden Personen sind 6,4% (8 Personen) in einer guten

gesundheitlichen Verfassung. 20,3% (25 Personen) haben neben der

Sehbehinderung eine weitere Beeinträchtigung. 31% (38 Personen) haben mehr als

zwei weitere Erkrankungen neben der Sehbehinderung. 22% (27 Personen) haben

neben der Sehbehinderung weitere schwerwiegende gesundheitliche

Beeinträchtigungen. Bei 20,3% (25 Personen) liegen keine genauen Auskünfte über

die weiteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen vor.

4.7 Zugang zu Kommunikation und Informationen

Die Möglichkeit, sich Zugang zu Kommunikation und Informationen über Telefon,

Zeitungen, Nachrichten, das Internet etc. zu verschaffen, zählt zu den

Grundbedürfnissen eines Menschen. Senioren, die ihr Leben lang, über eine visuelle

Kommunikationsfähigkeit verfügt haben, werden im Alter, wenn diese Fähigkeit

aufgrund einer altersbedingten Augenerkrankung nachlässt, große Verluste und

Einschränkungen erleben und auf Hilfe/Unterstützung bzw. die passenden Hilfsmittel

angewiesen sein, wenn sie den Zugang zu Kommunikation und Information aufrecht

erhalten möchten. Eines der häufigsten Themen in der Seniorenberatung ist daher

66


auch der Verlust der Lesefähigkeit, das heißt, dass normale Schriftgrößen kaum

mehr oder nur noch sehr mühsam gelesen werden kann und somit der Zugang zu

Informationen und Kommunikation zunehmend schwieriger wird. Innerhalb der

Beratungen werden verschiedene Nutzungsmöglichkeiten angesprochen, aber nicht

immer wird in jeder Beratung jede Zugangsmöglichkeit zur Kommunikation und

Information gleich gewichtet, daher gibt es nicht von allen Personen Angaben zu den

einzelnen Themen wie Telefonnutzung, Fernseh- und Radionutzung.

4.7.1 Lesbarkeit von Schwarzschrift

Lesen als Informationsbeschaffung und Freizeitbeschäftigung und „nicht mehr lesen

können“ sind immer wiederkehrende zentrale Themen in der Beratung, da diese

Einschränkung im Alltag besonders drastisch empfunden wird. Entsprechend hoch

sind die Bestrebungen, wieder besser Lesen zu können. Von den Ratsuchenden

können 12,1% (15 Personen) Schwarzschrift noch gut lesen, 8,9% (11 Personen)

kommen mit Großdruck oder einer größeren Schriftart noch aus. 35,1% (39

Personen) benötigen zum Lesen ein Hilfsmittel (entweder eine Lupe, ein BLG) 28,2%

(35 Personen) können auch mit optischen oder elektronischen Hilfsmitteln nur

äußerst mühsam lesen und 17,7% (22 Personen) können gar nicht mehr lesen, sie

haben dann entweder ein Vorlesesystem oder sind auf die Hilfe von Anderen

angewiesen, damit ihnen etwas vorgelesen wird. Für 1,6% (2 Personen) liegen keine

Angaben vor.

67


Lesbarkeit von Schwarzschrift

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

12,1

8,9

31,5

ja Ja (Großdruck) Ja, mit

Hilfsmittel

(Brille, Lupe,

BLG)

28,2

Ja, aber

mühsam

17,7

1,6

Nein, gar nicht Keine Angaben

Abbildung 28: Lesbarkeit von Schwarzschrift in Prozent

4.7.2 Umgang mit offiziellen Schreiben, Vereinbarung von Terminen etc.

Der Umgang mit der Korrespondenz und die Pflege des Terminkalenders sind

wichtige Aspekte im Erleben von Unabhängigkeit und Selbständigkeit und genau

diese Aspekte stellen häufig eine große Herausforderung für die Senioren dar. Viele

sind aufgrund fehlender blinden- und sehbehindertenspezfischer Hilfsmittel, wie z. B.

einem Penfriend zum auditiven Speichern von Terminen, auf die Hilfe anderer

angewiesen. Entsprechend wird in 53,5% (54 Personen) der Antworten angegeben,

dass sich enge Familienangehörige (Partner, Kinder, nahe Verwandten) um die

Korrespondenz kümmern oder die Senioren darin unterstützen. Weitere 1,6% (2

Personen) werden durch Freunde, Nachbarn und Bekannte und 2,4% durch

professionelle Dienstleister begleitet. In 29% (36 Personen) der Antworten wird

beschrieben, dass das Lesen und Verfassen von Briefen und die Vereinbarung von

Terminen (noch) weitestgehend selbständig erledigt wird, entweder Mithilfe von

Lupen und geeigneter Beleuchtung oder eines BLG. Typisch ist hier auch eine

Mischform, die sich durch die selbständige Bearbeitung der Korrespondenz und mit

teilweiser Unterstützung durch die Familie kennzeichnet. Bei 23,4% (29 Personen)

stellte sich im Beratungsgespräch nicht klar heraus, wie der Umgang mit der Post

und der Terminvereinbarung gehandhabt wird.

68


Umgang mit offiziellen Schreiben etc.

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

43,5

40

30

20

10

0

Hilfe durch Familie

etc.

1,6 2,4

Hilfe druch

Freunde &

Bekannte

Professionelle

Hilfe_Dienstleister

29

selbstständig

23,4

Fehlende Angaben

Abbildung 29: Umgang mit offiziellen Schreiben in Prozent

4.7.3 Nutzung eines Bildschirmlesegeräts

Wenn optische Hilfsmittel, wie Lupen nicht mehr ausreichen, weil der

Vergrößerungsbedarf höher als 12-fach ist, dann wird den Betroffenen ein

Bildschirmlesegerät 30 empfohlen, mit Hilfe dessen sie sich eine bis zu einer 60-

fachen Vergrößerung einstellen können. Nicht von allen liegen Auskünfte darüber

vor, ob sie ein BLG haben oder nicht. Für 16,1% (20 Personen) liegen keine

Ergebnisse vor. 53,3% (66 Personen) haben kein BLG, weil ihr Vergrößerungsbedarf

noch nicht entsprechend hoch war. 14,5% (18 Personen) haben ein BLG und können

es gut verwenden. 4% (5 Personen) haben zwar ein BLG, aber sie haben mit der

Handhabung Schwierigkeiten. Manchmal ist der Vergrößerungsbedarf dann schon so

hoch, dass es extrem mühsam ist, mit dem BLG etwas zu lesen. 4% (5 Personen)

wurde ein BLG empfohlen, aber sie haben sich dagegen entschieden, hauptsächlich,

weil sie vor der Technik zurückgeschreckt sind. Bei 4% (5 Personen) ist die

Beantragung für ein BLG in die Wege geleitet und ebenfalls 4% (5 Personen) hatten

ein BLG, haben es aber wieder zurückgegeben, weil sie damit nicht

zurechtgekommen sind.

30 Für die Erklärung, was ein BLG ist, siehe Fußnote 13 im vorliegenden Bericht.

69


Ein Grund dafür ist, dass die Einweisung in den Gebrauch und die Handhabung des

BLGs häufig zu kurz ist, so dass die betroffenen Senioren dann mit dem Gerät nicht

zurechtkommen. Während der Seniorenberatung bestand immer wieder die

Möglichkeit, die einzelnen Funktionen des Gerätes gemeinsam auszuprobieren und

zu üben. Ein regelmäßiger Gebrauch des BLGs ist wichtig, denn so werden die

einzelnen Funktionen selbstverständlicher und der Umgang mit der Zeit leichter. In

diesem Zusammenhang ist es auch gut, wenn die Angehörigen darüber informiert

sind, wie das BLG funktioniert und die betroffene Person auch dazu animieren,

selbständig am BLG zu lesen. Aber und das wird vor allem am BLG sichtbar, ein

Lesen, wie es vor der Augenerkrankung möglich war, wird so, auch mit BLG häufig

nicht mehr möglich sein.

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

14,5

Vorhandensein eines Bildschirmlesegeräts (BLG)

(in Prozent)

4

53,3

4 4 4

16,1

Abbildung 30: Vorhandenseins eines Bildschirmlesegeräts (BLG) in Prozent

4.7.4 Nutzung eines Daisyplayers

Senioren, die ihr Leben lang sehr gerne und viel gelesen haben, leiden sehr

darunter, dass dies nicht mehr gut geht. Auch mit Hilfe von optischen und

elektronischen Hilfsmitteln wie Lupe oder BLG ist das Lesen ganzer Bücher extrem

mühsam und anstrengend. Als brauchbare Alternative können hier Hörbücher in

Betracht gezogen werden. Aufgesprochene Literatur ermöglicht es, Menschen mit

70


einer Sehbehinderung einen breiteren Zugang zu Literatur und Informationen zu

verschaffen.

Im Rahmen der Seniorenberatung wird diese Möglichkeit sehr häufig thematisiert

und es besteht die Möglichkeit, dass sich die Senioren ein speziell für die

Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen entwickeltes Abspielgerät, einen

sogenannten Daisyplayer, auszuleihen und auszuprobieren, um zu sehen, ob sie mit

der Handhabung des Gerätes zurechtkommen und ob ihnen dieser Zugang zu

Literatur zusagt.

Mit dieser Möglichkeit sind die Senioren noch nicht so vertraut und manche scheuen

sich davor, weil sie die Befürchtung haben, mit der Technik nicht zurecht zu

kommen. Diese Hemmungen lassen sich gut abbauen, indem das Gerät als

Leihgabe ausprobiert werden kann.

Um einen Daisyplayer selbst zu besitzen, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Die

Senioren können ihn käuflich erwerben, sie können ihn durch eine monatliche

Gebühr ausleihen oder sie können versuchen, ihn als Hilfsmittelverordnung über die

Krankenkasse zu beantragen.

Bei 80 Personen (64,5%) wurde das Thema Daisy-Player während der Beratung

thematisiert und, wenn gewünscht, vorgestellt oder ausgeliehen. 6 Personen (4,8%)

aller Beratungsteilnehmer verfügen über einen Daisy-Player, weitere 4,8% (6

Personen) über ein anderes Medium z. B. Mp3 Player oder ein Computerprogramm,

mit denen Daisy-Hörbücher oder anderen Audioformate abgespielt werden können.

4,8% zeigen Interesse an einem Daisy-Player, diese 6 Seniorinnen konnten im

Rahmen der Beratung das Gerät ausprobieren. Und fast alle waren von dem Daisy-

Player begeistert und haben ihn beantragt oder käuflich erworben. Davon wurden 4

Personen bei der Beantragung des Gerätes bei der Krankenkasse durch die

Seniorenberaterin unterstützt. Der überwiegende Teil der Senioren hat keinen Daisy-

Player. Entweder weil sie kein Interesse (44,4 %; 55 Personen) oder noch keinen

Bedarf (2,4 %; 3 Personen) haben oder auch weil sie aufgrund von Hörproblemen

diese Form der Kommunikation und Mediennutzung nicht mehr verwenden können

(3,2 %; 4 Personen).

71


Vorhandensein eines Daisy-Players

(in Prozent)

35,5

4,8 4,8

4,8

3,2

Ja , Daisyplayer

Ja, anderes Gerät

Nein, aber Interesse

Kein Interesse

Kein Bedarf

Hörprobleme

Keine Angaben

2,4

44,4

Abbildung 31: Vorhandenseins eines Daisy-Players in Prozent

4.7.5 Nutzung der Blindenbibliotheken

Die Deutsche Blinden-Bibliothek stellt Bücher in Blindenschrift und DAISY-CDs zur

kostenlosen Ausleihe zur Verfügung. Menschen mit einer Sehbehinderung oder

Blindheit können dort eine kostenlose Mitgliedschaft beantragen. Im Rahmen der

Seniorenberatung bestand auch hier die Möglichkeit, darüber zu informieren und bei

Interesse auch gemeinsam einen Antrag auszufüllen. Ähnlich wie mit dem Daisy-

Player hatten die Senioren auch die Möglichkeit Hörbücher auszuprobieren, um für

sich herauszufinden, ob ihnen dieser Zugang zu Literatur und Informationen zusagt.

72


Nutzung der Blindenbibliothek

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

5,6 3,2

14,5

42,7

4,8 4

25

0

ja

Antrag

gestellt

zeigt Interesse kein Interesse

an

Informationen

noch kein

Bedarf

Hörprobleme

keine

Angaben

Abbildung 32: Nutzung der Blindenbibliothek in Prozent

Lediglich 5,6% (7 Personen) nutzen die Blindenbibliotheken bereits. Weitere 3,2% (4

Personen) haben im Rahmen der Seniorenberatung einen Antrag gestellt. Und

14,5% (18 Personen) haben in der Beratung Interesse für eine Mitgliedschaft gezeigt

und überlegen, einen Antrag zu stellen. Hier wurden das nötige Informationsmaterial

und die Anmeldunterlagen dagelassen. 42,7% (53 Personen) haben kein Interesse

an einer Mitgliedschat, 4,8% (6 Personen) sehen noch keinen Bedarf und bei 4% (5

Personen) liegen akustische Probleme vor. Bei 25% (31 Personen) der Befragten

war die Blindenbibliothek kein Thema während der Beratung.

73


4.7.6 Telefonnutzung

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

55,6

16,9

Telefonnutzung

(in Prozent)

4

ja ja, aber schwierig ja, mit Hilfe nein, gar nicht keine Angaben

5,6

18

Abbildung 33: Telefonnutzung in Prozent

Das Telefon stellt ein zentrales Kommunikationsmittel für die Seniorinnen dar. 55,6%

(69 Personen) nutzen das Telefon noch. Für 16,9% (21 Personen) ist es schon

schwieriger und häufig lassen sie sich nur noch anrufen oder haben

Kurzwahlspeicher, die sie verwenden. 4% (5 Personen) können nur noch mit Hilfe

anderer telefonieren. Lediglich 5,6% (7 Personen) geben an, das Telefon gar nicht

mehr nutzen zu können. Von 18% (22 Personen) liegen keine Daten zu diesem

Thema vor.

In der Beratung wurde vor allem die Anschaffung von Telefonen mit großen Tasten

sowohl in schnurloser Form als auch mit Schnur und eine sinnvolle Platzierung

(Standort, Beleuchtung, etc.) thematisiert. Schwierigkeiten bereiten neben der

Erkennung der richtigen Tasten die Speicherung von neuen und das Wählen

unbekannter Nummern, die nicht alle erinnert werden können. In der Beratung

konnten verschiedene Telefonmodelle ausprobiert werden, um zu sehen, ob die

Handhabung der Telefone auch im Alltag funktioniert. Die Umstellung auf ein

Großtastentelefon oder ein sprechendes Telefon bringt häufig schon eine

Erleichterung und Verbesserung im Umgang mit dem Telefon, ebenso das Anbringen

von roten, taktilen Markierungspunkten auf den Funktionstasten.

74


4.7.7 Fernsehnutzung

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

43,5

ja

6,5 8,1 5,6

ja, aber

problematisch

Fernsehnutzung

(in Prozent)

36,3

wenig oder kaum nein Keine Angaben

Abbildung 34: Fernsehnutzung in Prozent

Der Fernseher ist trotz Sehbehinderung ein wesentliches Informations- und

Freizeitmedium für die Senioren. Der Verlust dieses Mediums ist sehr groß, weil er

auch sehr häufig als Zeitvertreib eingesetzt wird, hier eine brauchbare Alternative zu

finden, ist nicht immer einfach. So nutzten 43,5% (54 Personen) weiterhin den

Fernseher und unterstützen dies durch eigene Techniken indem sie z. B. den

Abstand verkürzen und mehr hören als sehen. Hörfilme spielen keine Rolle. 6,5% (8

Personen) finden es zunehmend schwieriger den Fernseher zu nutzen und weitere

8,1% (10 Personen) nutzen ihn deshalb kaum noch. Lediglich 5,6% (7 Personen)

geben an nicht mehr fernzusehen. Für 36,3 % (45 Personen) liegen noch keine

Angaben vor.

4.7.8 Radionutzung

Das Radio hat ebenfalls einen hohen Stellenwert. Allerdings liegen bei 71 % (88

Personen) keine Daten vor. Bei den Senioren, von denen Informationen vorliegen

hören 77,8% (28 Personen) Radio (gesamt: 22,6 %). Weitere 8,3 % (gesamt 2,4 %; 3

Personen) hören wenig oder selten Radio und 13,9 % (gesamt 4 %; 5 Personen)

hören kein Radio mehr, weil es ihnen zu anstrengend ist oder sie die Sprecher

schlecht verstehen.

75


4.7.9 Umgang und Erfahrungen mit dem PC

Aufgrund des hohen Alters der Senioren hat die überwiegende Mehrzahl dieser

Personen keinen PC und hat zum Teil auch noch nie an einem PC gearbeitet. Daher

liegen bei über der Hälfte (55,6%, 69 Personen) der Befragten keine Aussagen zur

PC Nutzung vor. 11 Personen (8,8%) arbeiten mit einem PC, bei 3,2% (4 Personen)

davon wird der Umgang durch die fortschreitende Sehbehinderung zunehmend

erschwert. Mit 33,1% (41 Personen) gibt die größte Gruppe an, dass sie keinen PC

hat. Drei Personen äußern den Wunsch, PC-Kenntnisse zu erwerben (2,4 %), der

Großteil der Nichtnutzer möchte jedoch keine Kenntnisse mehr erwerben. Die

Prognose ist jedoch, dass dieses Thema an Bedeutung gewinnen wird, denn für

nachfolgende Generationen ist der Umgang mit dem PC wesentlich vertrauter.

4.7.10 Umgang und Erfahrung mit Punktschrift

Die Beratungsteilnehmenden zeigen wenig bis kein Interesse daran, die Punktschrift

zu erlernen. Das hohe Alter und die zusätzlichen Erkrankungen (Zittern,

Empfindungsstörungen in den Fingern) machen den Erwerb der Punktschrift zudem

schwierig und langwierig. Andere Medien der Kommunikation, insbesondere das

Telefon werden vorgezogen.

4.7.11 Zusammenfassung des Themenbereiches Zugang zu

Kommunikation und Information

Wie zuvor beschrieben, zählt der Zugang zu Informationen und Kommunikation über

die unterschiedlichsten Medien als ein Grundbedürfnis des Menschen. Nicht mehr

lesen zu können ist häufig eines der ersten Schwierigkeiten, die Menschen mit einer

altersbedingten Augenerkrankung erleben. Durch den progressiven Verlauf kommen

immer mehr visuelle Bereiche hinzu, bei denen Beeinträchtigungen erlebt werden. Ist

es z. B. lange Zeit noch möglich, durch die Verringerung des Abstandes Fernsehen

zu sehen, kann es sein, dass dies zunehmend schwerer wird und die Bilder nur noch

verschwommen oder in Umrissen wahrgenommen werden können. Häufig sind die

betroffenen Senioren nicht ausreichend über blinden- und sehbehindertenspezifische

Unterstützungsleistungen und Angebote wie Low Vision Beratung und Anpassung

76


vergrößernder Sehhilfen, Mitgliedschaft in der Blindenhörbücherreich und spezielle

Abspielgeräte informiert. Daher nimmt dieser gesamte Themenbereich „Zugang zu

Kommunikation und Information“ im Rahmen der mobilen Seniorenberatung einen

sehr großen und wichtigen Platz ein.

4.8 Beantragung von Unterstützungsleistungen

Ein sehr wichtiges Thema innerhalb der Seniorenberatungen sind die

unterschiedlichen Möglichkeiten von Unterstützungsleistungen. Angefangen vom

Schwerbehindertenausweis, über die Beantragung von Blinden- und

Sehbehindertengeld bis hin zu Informationen bei Pflegebedürftigkeit und zur

Pflegestufe. Der Schwerbehindertenausweis, wie auch das Blinden- und

Sehbehindertengeld stellen einen Nachteilsausgleich für blinde und sehbehinderte

Menschen dar. Blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen können z. B.

kostenfrei mit einer Begleitperson die Öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können.

Blinde Menschen mit dem Merkmal BL im Schwerbehindertenausweis haben die

Möglichkeit eine Reduzierung der Rundfunkgebühren zu beantragen. Das Blindenund

Sehbehindertengeld dient dazu, dass die Betroffenen ihren Nachteil dadurch

ausgleichen können, dass sie sich Hilfsmittel wie z. B. Lupen etc. besorgen können

oder dass sie sich andere, aufgrund der Sehbehinderung oder Blindheit benötigte

Hilfe- und Unterstützungsleistungen „einkaufen“ können.

In der Seniorenberatung wird auf diese unterschiedlichen Unterstützungsleistungen

hingewiesen und bei Interesse werden die Anträge gemeinsam ausgefüllt und

mitunter von der Seniorenberaterin auch direkt bei der Post eingeworfen.

Entsprechend der Altersgruppe waren auch Fragen zur Einstufung in die Pflegestufe

und die Nutzung von Pflegedienstleitungen und häuslicher Unterstützung wichtige

Themen. Durch die gute Vernetzung mit anderen Anbietern im Landkreis Marburg-

Biedenkopf wie z. B. dem Pflegestützpunkt konnte gerade bei diesen speziellen

Fragen zu Pflegeleistungen der Kontakt hergestellt werden, was von den Senioren

sehr begrüßt wurde.

77


4.8.1 Schwerbehindertenausweis

41,1 % (51 Personen) haben einen Schwerbehindertenausweis. Bei weiteren 16,9%

(21 Personen) läuft ein Antragsverfahren, das noch nicht abgeschlossen ist, bei 5,6

% (7 Personen) davon gab es eine Unterstützung bei der Beantragung durch die

Seniorenberatung. 20,1 % (25 Personen) haben keinen Schwerbehindertenausweis,

entweder weil sie diesen nicht benötigen (4%) oder noch keine Berechtigung besteht

(16,1 %). Bei zwei Personen ist die Situation unklar, für 20,1% (27 Personen) liegen

keine Angaben vor.

Schwerbehindertenausweis

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

41,1

16,1

11,3

ja nein Antrag ist im

Prozess

5,6

Unterstützung

bei der

Beantragung

4

nein, kein

Interesse

21,8

keine

Angaben

Abbildung 35: Schwerbehindertenausweis in Prozent

4.8.2 Sehbehinderten- bzw. Blindengeld

Anspruch auf Sehbehindertengeld besteht, wenn man auf dem besser sehenden

Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr als 5 % (Visus 0,05) von dem

sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft erkennt. Anspruch auf Blindengeld

besteht, wenn man auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder

Kontaktlinsen nicht mehr als 2% (Visus 0,02) von dem sieht, was ein Mensch mit

normaler Sehkraft erkennt. Von den beratenden Senioren erhalten 18,5% (23

Personen) bereits Blindengeld (BG). 7,3% (9 Personen) erhalten

Sehbehindertengeld (SBG). Bei 3,2% (4 Personen) ist unklar ob es sich um das

78


Blinden- oder um das Sehbehindertengeld handelt. Bei 16,2 % (20 Personen) läuft

gerade ein Antragsverfahren, oftmals angeregt durch die Seniorenberaterin. 29% (36

Personen) der Beratungsteilnehmenden sind aufgrund höherer Visusangaben nicht

Blinden- oder Sehbehindertengeld berechtigt. Bei einer Person (0,8%) wurde der

Antrag auf Blinde- oder Sehbehindertengeld abgelehnt und muss zu einem späteren

Zeitpunkt erneut beantragt werden. Bei 25,8% (32 Personen) gibt es keine Auskunft,

das hat häufig damit zu tun, dass die Betroffenen selbst nicht genau wissen, wie

hoch ihr Sehvermögen noch ist.

Blinden- und Sehbehindertengeld

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

18,5

7,3 8,9 7,3

29

3,2

25,8

Abbildung 36: Blinden- und Sehbehindertengeld in Prozent

In den Beratungen kommt es auch immer wieder vor, dass Personen, die schon

längst Anspruch auf Sehbehinderten- oder Blindengeld hätten, nicht ausreichend

darüber informiert wurden, was sie für eine Beantragung benötigen und wie das

weitere Vorgehen ist. Hier kann die Seniorenberatung sehr gut unterstützen, indem

gemeinsam die Anträge ausgefüllt werden und die nötigen Schritte in die Wege

geleitet werden.

79


4.9 Beleuchtung, Kontraste und Markierungen

Ein wesentliches Element zur Verbesserung der Orientierung in der Wohnung sowie

zur Aufrechterhaltung der Selbstversorgung sind die Themen „Beleuchtung,

Kontraste und Markierungen“. Entsprechend häufig wurden diese Aspekte in den

Beratungen thematisiert. 46% (57 Personen) erhielten eine Beratung zum Thema

Beleuchtung, 4% (5 Personen) zum Thema Markierungen. Weitere 13,7% (17

Personen) wurden zu beiden Themen beraten. Insgesamt erhielten also 63,7 % eine

Beratung zum Thema „Beleuchtung, Kontraste und Markierungen“. Die übrigen

Beratungsteilnehmenden hatten entweder kein Interesse am Thema 2,4% (3

Personen), 9,7% (12 Personen) hatten aufgrund des noch vorhandenen

Sehvermögens noch keinen Bedarf oder 6,5% (8 Personen) waren bereits gut

ausgestattet. Bei 4,8% (6 Personen) war über eine verbesserte Beleuchtung keine

verbesserte Ausnutzung des vorhandenen Sehvermögens mehr möglich. Bei 12,9%

(16 Personen) war das Thema Beleuchtung und Markierungen nicht Inhalt der

Beratung.

Thema: Beleuchtung, Kontraste und Markierungen

(in Prozent)

46

ja, Beratung Beleuchtung

2,4

12,9

ja, Beratung Markierungen

4,8

9,7

ja, Beratung Beleuchtung &

Markierungen

nein, bereits gut ausgestattet

nein, noch kein Bedarf

6,5

nein, keine

Verbesserungsmöglichkeiten

13,7

4

nein, kein Interesse

keine Angaben

Abbildung 37: Thema Beleuchtung, Kontraste und Markierungen in Prozent

80


4.10 Orientierung und Mobilität

4.10.1 Orientierung in der Wohnung

Die Fähigkeit der Fortbewegung im und außerhalb des Hauses ist die Voraussetzung

für eine unabhängige und selbstbestimmte Lebensführung. Bei einem Sehverlust

wird diese Fähigkeit zunehmend eingeschränkt. Während sich sehr viele Senioren

innerhalb ihrer Wohnung oder ihres Hauses noch gut orientieren und bewegen

können, gibt es außerhalb des Hauses zahlreiche Hindernisse, die die Fortbewegung

beeinträchtigen können. Wenn z. B. das Autofahren aufgegeben werden muss, dann

sind die Betroffenen entweder auf Angehörige oder Taxen angewiesen. Wenn sie auf

öffentliche Verkehrsmittel umsteigen wollen, dann haben sie hier häufig

Schwierigkeiten, die Busnummern oder die Anzeigentafeln zu erkennen. Die

Fahrpläne befinden sich hinter Plexiglas, was zum Teil so stark spiegelt, dass die

Zeiten nicht mehr gelesen werden können. Ebenso stellt die Bedienung der

Fahrkartenautomaten für viele Betroffene ein Hindernis und eine Stresssituation dar.

Je nach infrastrukturellen Gegebenheiten gibt es häufig keine öffentlichen

Verkehrsmittel, die die Betroffenen nutzen könnten. Wenn die blinden oder

hochgradig Sehbehinderten Senioren gesundheitlich noch in der Lage sind, sich zu

bewegen, dann lohnt sich die Überlegung, einen Schwerbehindertenausweis zu

beantragen, denn sehr häufig können sie dann kostenfrei mit den öffentlichen

Verkehrsmitteln unterwegs sein.

Bei den beratenen Senioren ergibt sich folgendes Bild: Der überwiegende Teil der

Senioren (74,2%) 92 Personen, können sich in der eigenen Wohnung gut bis sehr

gut bewegen und orientieren. 18 Personen (14,5%) erleben – vor allem nachts –

innerhalb der Wohnung Orientierungsschwierigkeiten oder Einschränkungen durch

Gehbehinderungen und Schwindelanfälle. Lediglich 4% (5 Personen) können sich

schlecht oder sehr schlecht in der eigenen Wohnung bewegen, was vor allem der

Gehbehinderungen in Kombination mit der Sehbehinderung zuzuschreiben ist. Bei 9

Personen (7,3%) liegen keine Informationen vor.

Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, die Personen in ihrem häuslichen

Umfeld, mit Hilfe von Markierungs- und Kontrastmöglichkeiten, aber auch einer

ausreichenden Beleuchtung dahingehend zu beraten und zu unterstützen, dass sie

ihre Orientierung und Beweglichkeit in der ihnen vertrauten Umgebung aufrecht

erhalten können.

81


100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

74,2

Bewegung & Orientierung in der Wohnung

(in Prozent)

14,5

gut Mit Schwierigkeiten schlecht Keine Angaben

4

7,3

Abbildung 38: Bewegung und Orientierung in der Wohnung in Prozent

4.10.2 Orientierung und Bewegungsmöglichkeit außerhalb der

Wohnung

35,5% (44 Personen) können sich außerhalb der Wohnung noch gut bis sehr gut

orientieren und fortbewegen. Dafür nutzen sie intensiv alle denkbaren Hilfsmittel

(Nordic Walking Stöcke, Gehstöcke, Rollatoren). Sie nutzen für ihre Mobilität auch

öffentliche Verkehrsmittel. 20,2% (25 Personen) können sich noch gut auf bekannten

Wegen in der näheren Umgebung des häuslichen Umfeldes fortbewegen. Oftmals

stellt hier die Gehbehinderung ein zusätzliches Hemmnis dar. Weitere 20,2% (25

Personen) können das Haus nur noch in Begleitung einer weiteren Person, häufig

Familienangehörige, verlassen und sind in ihrer Mobilität stark eingeschränkt und

abhängig von der Unterstützung anderer Personen. 12,9% (16 Personen) können

das Haus gar nicht mehr verlassen oder nur unter sehr schwierigen Bedingungen.

Für 11,3% (14 Personen) liegen keine Informationen dazu vor. Während sich

innerhalb der Wohnung ein doch erheblicher Teil der Ratsuchenden noch gut

orientieren und bewegen kann, nimmt dieser Anteil bei der Bewegung und

Orientierung außerhalb der Wohnung schon stark ab. Das hat zum Teil mit

geographischen Gegebenheiten wie Anstiegen vor dem Haus also z. B. Hanglage

oder Treppenstufen oder dem Nichtvorhandensein von Aufzügen in Wohnhäusern zu

82


tun, aber auch mit der Angst, aufgrund der Sehbehinderung zu stürzen und sich zu

verletzen, was immer wieder vorkommt.

In fremde Umgebungen wie z. B. in eine Klinik oder Ähnliches begeben sich die

allermeisten Senioren jedoch nur noch in Begleitung von Anderen.

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

Bewegung & Orientierung außerhalb der Wohnung

(in Prozent)

35,5

gut - sehr gut

20,2 20,2

eingeschränkt auf

die nähere

Umgebung

12,9

nur in Begleitung verlässt das Haus

nicht mehr

11,2

keine Angaben

Abbildung 39: Bewegung und Orientierung außerhalb der Wohnung in Prozent

4.10.3 Wunsch nach der Erhöhung der Mobilität

Prinzipiell ist der Wunsch die eigene Mobilität wieder zu erhöhen durchaus dar. Sie

ist aber nicht immer leicht zu erreichen. Wie oben geschildert hängt es einerseits

vom gesundheitlichen Zustand der Senioren wie auch von den geographischen

Gegebenheiten vor Ort ab. Eine Schulung in O&M und die Nutzung eines Langstocks

stellt ein nicht unerhebliches „Annahme“ Problem dar. Er löst bei den Senioren/innen

große Ängste und Bedenken aus. Dieses bezieht sich zum einen auf das

Selbstvertrauen, die Schulung kognitiv und körperlich bewältigen zu können und zum

anderen auf die Problematik der Sichtbarkeit der eigenen Behinderung für die

Öffentlichkeit, sobald ein Langstock benutzt wird.

Der Blindenlangstock wäre jedoch für gesundheitlich weniger eingeschränkte

Senioren eine geeignete Möglichkeit, die eigene Mobilität zu erhöhen. Lediglich drei

der Ratsuchenden (2,4%) haben derzeit einen Langstock den sie zu

Orientierungszwecken einsetzen. 2 Personen (1,6%) haben zwar einen Langstock

verwenden ihn aber nicht. 3,2% (4 Personen) haben derzeit eine Schulung bzw. eine

83


Verlängerung der Schulung beantragt und 4% (5 Personen) zeigen Interesse an

einer Schulung.

Die größere Gruppe hat jedoch keinen Langstock. Bei 11,3% (14 Personen) ist

lediglich bekannt, dass kein Langstock vorhanden ist. 16,1% (20 Personen) haben

entweder kein Interesse oder Bedenken bezüglich der Möglichkeit, den Langstock

einzusetzen, vor allem die damit verbundenen Veröffentlichung der Sehbehinderung

und das „Auffallen“ lösen Befürchtungen aus. Ein weiteres Problem stellt die

gesundheitliche Situation der älteren Menschen dar, 13,7% (17 Personen) können

aus gesundheitlichen Gründen (Gebehinderung, Rheuma, Arthrose) einen Langstock

nicht mehr nutzen. 8,9% (11 Personen) haben aufgrund des verbleibenden

Sehvermögens noch keinen Bedarf). Bei 38, 7% (48 Personen) liegen keine Daten

zu diesem Thema vor.

4.11 Selbstversorgung und Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF)

4.11.1 Einkaufen gehen

Sich selbst versorgen zu können, ist ein weiterer wichtiger Aspekt von erlebter

Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Die Preisschilder nicht mehr lesen zu können

oder sich im Supermarkt nicht mehr zurecht zu finden und auf Hilfe anderer

angewiesen zu sein ist vor allem für viele sehbehinderte oder blinde Frauen ein

Thema. 71,8% (60 Personen) gehen noch einkaufen, davon gehen 23,4% (29

Personen) noch selbständig und alleine einkaufen. Unterstützung beim Einkaufen

erfolgt überwiegend durch die Partner. Wo diese fehlen oder sie selbst krank sind,

kommt die Hilfe von Kindern, Nichten und Neffen sowie den Enkelkindern (20,2%, 25

Personen) Weitere Unterstützung bieten Nachbarn und Bekannte oder Dienstleister

(4,8%, 6 Personen). 33,1% (41 Personen) gehen gar nicht mehr einkaufen, auch

nicht in Begleitung. Dies bedeutet für sie einen hohen Verlust der Selbständigkeit

und auch der Selbstbestimmung in Ernährungs- und Kleidungsfragen und häufig

auch bei finanziellen Fragen. Für 18,5% (23 Personen) der Befragten liegen keine

Antworten zu diesem Thema vor.

84


100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

23,4 20,2

Wie gehen Sie einkaufen?

(in Prozent)

4,8

33,1

18,5

Abbildung 40: Wie gehen Sie einkaufen (in Prozent)

Darüber hinaus hat das „Einkaufen gehen“ sehr oft auch eine soziale Funktion: „Man

trifft jemanden unterwegs, man kann sich mal unterhalten, man kommt raus und hat

was zu tun.“ Diese Möglichkeit fällt für die Betroffenen weg, wenn sie nicht mehr

selbständig einkaufen gehen können. Selbst die, die noch einkaufen gehen, sind

aufgrund ihrer Sehbehinderung häufig nicht mehr in der Lage, zu erkennen, wer

ihnen über den Weg läuft und erleben häufig, dass sie nicht mehr angesprochen

werden. Das Risiko einer sozialen Isolation ist gerade für alleinlebende Senioren mit

einer Sehbehinderung sehr groß.

Die größten Probleme beim Einkaufen entstehen, weil zunächst die Preisschilder und

Mengenangaben nicht mehr gelesen werden können. Mit Fortschreiten der

Seheinschränkung können dann auch zunehmend Produkte nicht mehr erkannt

und/oder gefunden werden. Vor allem unbekannte Produkte oder neue

Produktdesigns führen zu Komplikationen. Technische Geräte wie z. B. den

Einkaufsfuchs möchten die Senioren häufig nicht beim Einkaufen verwenden, weil

sie die Befürchtung haben, dass sie damit auffallen. Schon vor dem Verwenden eine

Lupe oder einer kleinen Taschenlampe als Einkaufshilfe scheuen sich manche.

Eine weitere Quelle der Unsicherheit ist der Umgang mit Geld und die sichere

Erkennung von Münzen und Scheinen. Ein Teil der Senioren gibt an, dass sie noch

gut mit dem Abzählen des Geldes zurechtkommen. Für Einige stellt sich dies jedoch

zunehmend als Hindernis heraus. Obwohl es hierfür eine ganze Reihe von

85


Hilfsmitteln gibt, zeigen die Senioren jedoch wenig Interesse daran. Während die

Scheine meist noch lange gut erkannt werden, stellen vor allem die Münzen ein

Problem dar. Die gängige Lösung hierfür ist, den Verkäuferinnen den Geldbeutel

hinzuhalten und das Kleingeld entnehmen zu lassen.

4.11.2 Selbständige Nahrungszubereitung und Nahrungsaufnahme

Die Essenszubereitung ist ein wesentlicher Bereich der Selbstversorgung. Viele der

Teilnehmenden folgen den Mustern, die sie bereits vor der Seheinschränkung hatten.

Das bedeutet insbesondere, dass die Frauen versuchen, so lange wie möglich

selbständig zu kochen, während die Männer diese Aufgabe oft an

Familienangehörige abgeben. Fallen die Frauen für die Nahrungszubereitung aus,

übernehmen oftmals ihre Partner, gemeinsam mit den Frauen, diese Aufgabe. 21%

(26 Personen) beschreiben, dass sie noch gut selbst ihre Nahrung zubereiten

können. 10,5% (13 Personen) bereiten ihre Speisen noch selbständig zu, erleben

dabei jedoch schon erhebliche Schwierigkeiten. Das heißt, sie schränken sich in ihrer

Essensauswahl ein und kochen z. B. Pellkartoffeln anstatt geschälter Kartoffeln.

29,8% (37 Personen) können das Essen nicht mehr selbständig zubereiten. Davon

erhalten 9,7% (12 Personen) Essen auf Rädern oder vergleichbare Angebote, wie

Essen im Speisesaal bei stationären Einrichtungen. 17,7% (22 Personen) werden

von ihrer Familie versorgt, indem sie entweder mit der Familie Essen oder für sie

mitgekocht wird. 2,4% (3 Personen) haben eine Haushaltshilfe, die auch die Nahrung

zubereitet. Bei 8,1% (10 Personen) ist unklar, wer die Nahrung zubereitet. Für 30,6%

(38 Personen) liegen keine Angaben vor.

86


Selbständige Nahrungszubereitung

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

21

10,5

17,7

9,7

2,4

8,1

30,6

Abbildung 41: Selbständige Nahrungszubereitung in Prozent

Bei der Nahrungsaufnahme gestaltet sich die Situation deutlich anders. 51,6% (64

Personen) können sich noch gut bei Tisch orientieren, 14,5% (18 Personen) erleben

dabei Schwierigkeiten und bedürfen kleiner Hilfen. Nur zwei Personen (1,6%) können

die Nahrung nicht mehr selbständig zu sich nehmen, was jedoch vor allem auf

andere Erkrankungen zurückzuführen ist. Bei 1,6% (2 Personen) ist nicht genau

festzustellen, wie gut sie mit der Nahrungsaufnahme zurechtkommen. Für 30,6% (38

Personen) liegen noch keine Angaben zu diesem Thema vor.

87


Selbständige Nahrungsaufnahme

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

51,6

Allein und gut

14,5

Allein, aber mit

Schwierigkeiten

1,6 1,6

Nicht

selbstständig

unklar

30,6

Keine Angaben

Abbildung 42: Selbständige Nahrungsaufnahme in Prozent

4.11.3 Orientierung im Kleiderschrank und Anziehen der Kleidung

Beim Thema Kleidung ist zwischen der Orientierung im Kleiderschrank und der

Fähigkeit sich selbständig anzukleiden zu unterscheiden. Zur Gruppe derjenigen, die

beides noch selbständig bewältigen können, gehören 29,8% (37 Personen), weitere

9,7% (12 Personen) können sich ebenfalls noch selbständig ankleiden, erleben aber

kleinere bis mittlere Schwierigkeiten dabei. Dazu zählen, die Unterscheidung

ähnlicher und dunkler Farben, das Schließen von Knöpfen und Reisverschlüssen

oder die Orientierung im Schrank allgemein. Oftmals konnte hier mit der

Verbesserung der Beleuchtung geholfen werden. 4,8% (6 Personen) benötigen auf

Grund dieser Probleme Hilfestellung bei der Kleidung, vielfach legen Angehörige die

passende Kleidung raus, das Ankleiden erfolgt dann selbständig. 14,5% (18

Personen) benötigen regelmäßig Unterstützung sowohl bei der Auswahl der Kleidung

als auch beim Anziehen. Die Wäschepflege wird entweder selbst übernommen oder

durch die Familie erledigt. In 41,1% (51 Personen) war dieses Thema während der

Beratung kein Thema.

Die Wäschepflege wird entweder noch selbständig erledigt oder von der Familie und

selten auch vom externen Dienstleistern übernommen. Wichtiges Hilfsmittel sind

auch hier Markierungspunkte, Dosierungshilfen und Beleuchtung (z. B.

88


Taschenlampe) an der Waschmaschine, um diese Aufgabe möglichst lange selbst zu

erledigen. Auch das Bügeln und Falten der Kleidung kann durch Hilfsmittel

unterstützt werden.

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

Orientierung beim Anziehen und im Kleiderschrank

(in Prozent)

29,8

selbstständig

9,7

mit kleineren

Schwierigkeiten

4,8

14,5

41,1

mit Hilfestellung nur mit Hilfe Keine Angaben

Abbildung 43: Orientierung im Kleiderschrank und beim Anziehen

4.11.4 Eigenständige Körperpflege

36,3 % (45) der Senioren können sich noch selbständig waschen und pflegen. 6,5%

(8 Personen) erleben dabei bereits verschiedene Schwierigkeiten, wie z. B. bei der

Nagelpflege und durch hohe Einstiege in den Duschen und Wannen. 8,9% (11

Personen) erhalten Hilfe beim Duschen und Baden durch die Familie oder

Pflegedienste, können aber die alltägliche Körperpflege ansonsten selbständig

durchführen. 8,1% (10 Personen) werden regelmäßig von Familienmitgliedern und

7,3% (9 Personen) vom Pflegedienst gewaschen. Bei 33,1% (41 Personen) noch

keine Daten vor.

89


Körperpflege

(in Prozent)

100

90

80

70

60

50

40

36,3

33,1

30

20

10

6,5 8,9 8,1 7,3

0

selbstständig

mit

Schwierigkeiten

Teil-Teils

mit

Unterstützung

der Familie

Pflegedienst

keine Angaben

Abbildung 44: Körperpflege in Prozent

4.11.5 Reinigung der Wohnung

18,5% (23 Personen) können den Haushalt noch völlig selbständig oder mit kleinen

und mittleren Schwierigkeiten reinigen. Bei 22,6% (28 Personen) leisten

Familienangehörige Unterstützung oder haben die Haushaltsreinigung vollständig

übernommen. 24,2% (30 Personen) haben eine Haushaltshilfe. Die Unterstützung

durch die Familie und die Haushaltshilfen gestaltet sich recht unterschiedlich und

reicht von einmal alle 14 Tage für 2 Stunden bis 3x die Woche für mehrere Stunden.

Dort, wo noch keine Hilfe etabliert ist, finden sich drei Gruppen. Die erste Gruppe

braucht noch keine Unterstützung, da sie den Haushalt noch selbständig führen

kann. Die zweite Gruppe hätte gerne mehr Hilfe, kann sie sich aber entweder nicht

leisten oder hat es noch nicht geschafft, das zu organisieren. Die dritte Gruppe

bräuchte aus Sicht des Umfelds Hilfe, möchte dies aber nicht, um sich die

Selbständigkeit zu erhalten und Beschämung zu vermeiden. In 34,7% (43 Personen)

der Fälle wurde das Thema nicht besprochen.

90


100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

15,3

selbstständig

Reinigung der Wohnung

(in Prozent)

3,2

mit

Schwierigkeiten

22,6 24,2

34,7

Familie Haushaltshilfe keine Angaben

Abbildung 45: Reinigung der Wohnung in Prozent

4.12 Thematische Schwerpunkte in der Beratung

Wie die Datenauswertung der Beratungen zeigen, gibt es sehr vielfältige und

umfassende Themenbereiche, über die die Senioren gerne sprechen und beraten

werden möchte. Zusammenfassen lassen sich diese thematischen Schwerpunkte

noch mal folgendermaßen:

Werden die Beratenen gefragt, welche Einschränkungen sie durch die

Sehbehinderung erfahren, dann ist das zentrale Thema der Verlust der Fähigkeit,

selbständig zu lesen und zu schreiben und so von wesentlichen Teilen der visuell

basierten Alltagskommunikation ausgeschlossen zu sein (Bücher und Zeitung lesen,

Beschriftungen und Schilder wahrnehmen, Briefe lesen und beantworten etc.). Dies

ist keineswegs untypisch, da der Verlust der Lesefähigkeit oft der erste Bereich ist, in

dem die Seheinschränkung als tatsächliche Einschränkung im Alltag wahrgenommen

wird und die Hilfe anderer Personen notwendig macht.

Daher ist der Beratungswunsch zu allgemeinen blinden- und

sehbehindertenspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten bei allen gegeben. Hinzu

kommt bei vielen Beratenen eine große Angst vor der weiteren Verschlechterung des

Sehvermögens oder gar dem vollständigen Verlust. Das heißt, die psychosozialen

91


Aspekte im Umgang mit dem Sehverlust nehmen, wenn auch nicht immer sofort klar

artikuliert, einen wichtigen Stellenwert ein.

Ist die Seheinschränkung bereits weiter fortgeschritten werden auch die persönlich

wahrgenommenen Einschränkungen konkreter auf die Sehbehinderung bezogen.

Dazu zählt der Verlust der Selbständigkeit, insbesondere in der Mobilität und in der

alltäglichen Lebensführung, so dass Themen wie geeignete Techniken und

Hilfsmittel in den Vordergrund rücken. Bei einigen sind die Einschränkungen bereits

so groß, dass sie alle Lebensbereiche umfassen.

Die Seniorenberatungsstelle bietet – wie oben beschrieben – ein umfangreiches

Spektrum an Informationen, Beratungsleistungen und Unterstützung an. Gleichzeitig

werden sehr vielfältige und komplexe Fragen an die Stelle gerichtet.

4.12.1 Thematische Inhalte bei der ersten Kontaktaufnahme

Die erste Kontaktaufnahme erfolgt in der Regel über das Telefon. Entweder durch

die Betroffenen selbst, durch Familienangehörige oder durch die Weiterleitung von

anderen seniorenspezifischen Dienstleistern. Sehr häufig geht es in den ersten

Telefongesprächen darum, zu erfahren, welche Augenerkrankung vorliegt, wie das

verbliebene Sehvermögen ist, ob bereits Hilfsmittel vorhanden sind und soweit

möglich, worin der Beratungswunsch liegt. Es finden sich drei wesentliche

Ausprägungen bei der ersten Kontaktaufnahme: Die meisten wünschen sich

allgemeine Informationen zum Thema Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten im

Alltag bei Blindheit und Sehbehinderung (ca. 90 % der Nennungen). Einige konnten

bei der ersten Kontaktaufnahme noch keine konkreten Wünsche formulieren oder

waren sich unklar oder unsicher darüber, was die Beratung für sie bringen könnte.

Hier wurde ein Beratungstermin angeboten, um in einem persönlichen Gespräch die

genauen Anliegen zu klären.

In ca. 30% der Fälle wurden bereits im ersten Telefonat Wünsche und Bedürfnisse

formuliert. Das Schaubild zeigt, dass zentrale Themen dabei der Wunsch nach

Informationen zu allgemeinen Hilfsmitteln für die Orientierung und selbständigen

Gestaltung des Alltags sind. Zählt man die Beratungswünsche zu Beleuchtung,

Kontrasten, Markierungen etc. hinzu, ist das das größte Themenfeld. Dem folgt die

Beratung über den Zugang zu Informationen und Kommunikationsmöglichkeiten, mit

dem zentralen Thema „wieder lesen können“, aber auch telefonieren, hören von

92


Informationen und Hörbüchern, Unterschriften etc. Viele Personen hatten auch noch

keinen Termin bei einer Low Vision Beratung und Sehhilfenanpassung, so dass auch

dies ein weiteres wichtiges Thema ist, ebenso wie die Unterstützung bei der

Beantragung von Unterstützungsleistungen und rechtlichen Fragen. Nicht zuletzt

finden sich die Fragen nach Begleit- und Betreuungsangeboten sowie der Wunsch

nach allgemeinem und blindenspezifischem Austausch.

Abbildung 46: Thematische Inhalte bei der ersten Kontaktaufnahme

Die thematischen Schwerpunkte beim ersten Hausbesuch waren eine erste

allgemeine Beratung rund um das Thema „Hilfe und Unterstützungsmöglichkeiten bei

einem Sehverlust im Alter“, es sei denn, es wurde bereits im ersten Telefongespräch

ein bestimmtes Thema besprochen, das dann Hauptgegenstand der ersten Beratung

war. Die Form der Kommunikation richtete sich stark nach der individuellen,

psychosozialen Situation der Menschen aus. Unter dem Aspekt „Widerstände und

Ängste“ ging es darum, im Gespräch die Angst der Betroffenen abzubauen, dass sie

nicht mehr in der Lage sein werden, selbständig in ihrer Wohnung zu bleiben oder

dass die Beratung zur Einweisung/Umzug in ein Altersheim führen könnte. Für viele

ist es auch ein Wunsch, über die Sehbeeinträchtigung und die damit verbundenen

Auswirkungen zu sprechen. Auch die Themen, die zum Teil schon am Telefon

93


angesprochen wurden, waren Bestandteil des Erstgesprächs, wie der Zugang zu

Kommunikation und Information, Hilfsmitteln und Alltagshilfen, das Aufsuchen einer

Low Vision Beratung (Terminvereinbarung im RES oder in Ausnahmefällen vor Ort),

Unterstützungsleistungen und rechtliche Themen sowie die Orientierung innerhalb

und außerhalb der eigenen Wohnung. Das Thema Beleuchtung, Kontraste,

Markierungen diente dabei oftmals als Einstieg und Türöffner in die allgemeine

Beratung. Ein weiteres wiederkehrendes Thema war die Organisation und

Gestaltung von Kontakten, Austauschmöglichkeiten und Begleitservices.

Abbildung 47: Thematische Inhalte beim ersten Beratungsgespräch

4.12.2 Thematische Inhalte der zweiten Beratungsgespräche

Bei den zweiten Hausbesuchen zeigt sich eine Veränderung der

Kommunikationsstruktur in den Beratungen. Zum einen finden sich Fortsetzungen

von Beratungen zu Sachthemen, die beim ersten Besuch nicht abschließend

behandelt wurden (z. B. Mitbringen eines Daisyplayers zum Ausprobieren,

Fortführung der Korrespondenz zu Unterstützungsleistungen etc.). Es kann in den

zweiten Beratungsgesprächen auch „überprüft“ werden, ob die im ersten Gespräch

getroffenen Vereinbarungen umgesetzt wurden. Also z. B. ob eine entsprechende

94


Beleuchtung angebracht wurde oder ob der Kontakt mit dem Pflegestützpunkt

zustande kam oder ähnliches.

Zum anderen verstärkte sich im zweiten Beratungsgespräch das Bedürfnis über die

Erfahrungen mit der Sehbeeinträchtigung zu sprechen, auch unter dem Aspekt der

eigenen Biographie. Also, die Thematisierung dessen, was jetzt nicht mehr möglich

ist und früher ein großer Bestandteil des eigenen Lebens war, wie z. B. die Gartenund

Hausarbeit, das Autofahren, das Reisen etc. Dies kann als zunehmendes

Vertrauen und Einstieg insbesondere in die psychosozialen Aspekte der Beratung

und Begleitung durch die verschiedenen Phasen 31 gesehen werden. Auch sind ab

dem zweiten Beratungsgesprächen sehr häufig keine weiteren Personen mehr

anwesend, was das Kommunikationsverhalten der betroffenen Senioren ebenfalls

dahingehend verändert, dass sie mehr von sich erzählen und zum Teil offener über

ihre Schwierigkeiten im Umgang mit der Sehbehinderung sprechen.

In der Konstellation der Themen ist der Schwerpunkt ähnlich dem der ersten

Gespräche. Das Thema Orientierung und Mobilität tritt etwas verstärkter auf.

Abbildung 48: Thematische Inhalte beim zweiten Beratungsgespräch

31 Für die Unterscheidung in die unterschiedlichen Phasen siehe bitte Kapitel 3.2.8 „Psychosoziale

Faktoren“.

95


4.12.3 Zusammenfassung: Wichtigste Beratungsthemen

Abbildung 49: Darstellung der wichtigsten Beratungsthemen

Zusammenfassend lassen sich insgesamt vier zentrale Bereiche feststellen. Am

häufigsten werden Kommunikationsprobleme benannt, insbesondere der Verlust der

Lesefähigkeit und damit häufig auch der Möglichkeit zu schreiben, zu telefonieren

oder fernzusehen schränkt die Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten der

Betroffenen erheblich ein. Dieses Problem wird auch deshalb als so gravierend

wahrgenommen, da es hier keine einfache Umgehungsstrategie wie in vielen

Haushaltsdingen gibt. Der Umgang mit den Lesegeräten gestaltet sich oft schwierig,

zum einen wegen der Komplexität der Geräte und zum anderen wegen des stetig

nachlassenden Sehvermögens, das eine häufige Anpassung von Technik und

Geräten erfordert. Dies führt direkt zum zweiten Themenfeld: Hilfsmittel. Viele der

Senioren haben keinen oder nur einen unzureichenden Zugang zu geeigneten

Hilfsmitteln und auch wenig Informationen darüber, welche Möglichkeiten der

Unterstützung es gibt. Viele hatten zum Zeitpunkt der Beratung noch keine Low

Vision Beratung und Sehhilfenanpassung in Anspruch genommen. Außerdem findet

sich eine Vielzahl von selbst gekauften, oftmals nicht mehr geeigneten Hilfsmitteln in

den Haushalten. Auch das Thema Umgebungsgestaltung mit Hilfe von Beleuchtung,

Kontrasten und taktilen Markierungen ist für viele noch fremd und hat daher einen

hohen Stellenwert in der Beratung.

96


Der dritte große Themenbereich sind fehlende Informationen und Unsicherheiten bei

rechtlichen und finanziellen Fragen. Dazu zählen die Beantragung von Blinden- oder

Sehbehindertengeld und Schwerbehindertenausweis sowie eine mögliche Einstufung

in eine Pflegestufe. Aber auch die Frage der Grundsicherung bei unzureichender

Rente oder Einkommen taucht immer wieder auf.

Das vierte Thema fasst all diese Fragen zusammen und stellt sozusagen die Basis

der zentralen Problemstellungen dar, auch wenn sie in den Beratungen zumindest

am Anfang nicht explizit benannt werden. Die allgemeinen Einschränkungen durch

die Sehbehinderung führen zunächst zu einer enormen psychischen Belastung, die

aufgrund des häufig progressiven Verlaufs der Augenerkrankung ständig fortbesteht,

auch wenn schon Fortschritte in der Auseinandersetzung mit der

Sehbeeinträchtigung erzielt wurden. Eine weitere Belastung stellt die zunehmend

eingeschränkte Selbständigkeit sowohl in der Haushaltsführung dar, wobei hier viele

schon eigene Strategien entwickelt haben, auf die gut aufgebaut werden können, als

vor allem auch in der Mobilität außerhalb des Hauses, die sehr schnell stark reduziert

ist. Beides zusammen führt zu einer zunehmenden sozialen Isolation. Auch weitere

medizinische Probleme tragen zu dieser Dynamik bei. Diese gilt es in der Beratung

zu erkennen und dem ggf. entgegen zu wirken.

Mit dem Aufzeigen von blinden- und sehbehindertenspezifischen Hilfsmitteln, ist der

viel schwierigere Schritt der Akzeptanz der Hilfsmittel und der Erkrankung

verbunden. Hilfsmittel, die nach außen signalisieren, dass eine Blindheit oder

Sehbehinderung vorliegt, werden zunächst häufig abgelehnt. Das hat

unterschiedliche Gründe: Erstens sehen sich die betroffenen Senioren nicht als blind

oder sehbehindert und sie möchten auch nicht als solche stigmatisiert werden.

Zweitens haben viele der Senioren die Hoffnung, dass das Sehvermögen

zurückkehrt und sind daher noch nicht bereit, bestimmte Hilfsmittel anzunehmen.

Ein weiterer Punkt, gerade bei der Akzeptanz von optischen und elektronischen

Sehhilfen ist, dass die große Hoffnung besteht, mit einer passenden Lupe oder dem

Bildschirmlesegerät (BLG) wieder so lesen zu können wie vor der Augenerkrankung.

Wenn dies dann nicht der Fall ist, weil es sich hier um ein Hilfsmittel handelt, dann

sind viele sehr enttäuscht und verwenden insbesondere das BLG nicht mehr. Häufig

mangelt es auch an der Unterstützung in der Handhabung der optischen und

elektronischen Hilfsmittel. Wenn die Senioren über einen längeren Zeitraum z. B. in

97


den Gebrauch des Bildschirmlesegerätes eingeführt würden, dann würden sich

sicherlich Erfolge im Umgang damit einstellen.

In der Beratung ist der Umgang mit den optischen und elektronischen Hilfsmitteln ein

wichtiges Thema, was die Senioren beschäftigt. Um die Betroffenen in ihrem

Verarbeitungsprozess zu unterstützen, ist neben dem gemeinsamen Üben der

Handhabung der Sehhilfen, vor allem auch des BLGs, das Zulassen der Frustration

und Enttäuschung, dass die visuelle Kommunikationsfähigkeit nicht mehr so

wiederhergestellt werden kann wie früher ein wichtiger Schritt bei der Verarbeitung

der Augenerkrankung.

98


5 Ergänzende Projektbausteine

5.1 Öffentlichkeitsarbeit

Die Öffentlichkeitsarbeit stellt ein wesentliches Element bei der Implementierung des

Beratungsangebotes „Rat und Hilfe bei Sehverlust“ dar. Aber, wie erreicht man eine

Zielgruppe, die schlecht sieht? Für die die Tageszeitungen und ausgelegten

Informationsbroschüren kaum zugänglich sind? Die mit dem neuen Medium Internet

oft nicht vertraut sind und der zugleich die Behinderung zunehmend die

Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Austausch nimmt, weil der Weg zum

Fußballstadion, in die Gemeindehalle oder das Café beschwerlich wird, man die

Bekannten und Freunde visuell nicht mehr erkennt? Um das Beratungsangebot „Rat

und Hilfe bei Sehverlust im Alter“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen,

hat das Projekt verschiedene Ansätze gewählt.

Abbildung 50: Abbildung der Homepageseite: Quelle: http://www.blista.de/aktuelles/index.php?nr=392, Stand Juli 2013

99


5.2 Wie haben die Klienten vom Beratungsangebot erfahren?

Die Zugänge zur Beratung gestalteten sich recht unterschiedlich. Zunächst wurden

58 32 Personen angeschrieben, die in den letzten zwei Jahren an einer Low Vision

Beratung der blista teilgenommen hatten und deren Daten bereits vorlagen. Hier

wurden Personen auf direktem Wege durch einen Informationsbrief auf das Angebot

aufmerksam gemacht und telefonisch kontaktiert und es wurde ihnen die Möglichkeit

einer häuslichen Beratung angeboten. Zum anderen wurde eine intensive

Öffentlichkeitsarbeit durch Flyer, Presseberichte in Funk- und Printmedien, durch

einen Artikel auf der blista-Homepage 33 und durch Vorträge bei unterschiedlichen

Seniorenveranstaltungen betrieben.

Der im Juni 2012 hessenweit ausgestrahlte hr4-Radio-Beitrag hat weitere

Seniorinnen und Senioren auf das Angebot aufmerksam gemacht, weiterhin erschien

ein ganzseitiger Artikel in der regional verbreiteten Zeitschrift „Marburg life“ über das

Beratungsangebot.

Ein weiterer Weg der Öffentlichkeitsarbeit waren Vorträge in Einrichtungen für

Senioren und bei Seniorennachmittagen. Insgesamt wurde das Beratungsangebot

bei 10 Seniorenveranstaltungen im gesamten Landkreis Marburg-Biedenkopf

vorgestellt und dadurch mehr als 260 Seniorinnen und Senioren erreicht.

Insbesondere der Flyer erwies sich als hochwirksam, dieser wurde an alle

Augenärzte und Allgemeinmediziner, Optiker, Apotheken, ambulante Pflegedienste,

Orts- und Seniorenbeiräte im Landkreis Marburg-Biedenkopf geschickt. Die

informativen Anschreiben enthielten die Bitte, die beigefügten Projektflyer

auszulegen bzw. an die möglichen Interessenten weiterzugeben. Darüber hinaus

32 Davon haben 22 (37,9%) das Angebot einer mobilen Beratung angenommen. 21 (36,2%) Personen

hatten keinen weiteren Beratungsbedarf. 13 (61,5%) davon gaben an, dass sie mit den

erworbenen Hilfsmitteln gut zurechtkämen und auch im Alltag keinen weiteren Beratungsbedarf

hätten. 2 von den 21 leben bei ihren Angehörigen und werden von diesen auch betreut. 4

Personen waren bereits verstorben und 2 wollten, ohne Angaben von Gründen, keine Beratung. 3

Personen (5,1%) von den 58 Angeschriebenen wollten erst einen Low Vision Termin ausmachen

und sich dann ggf. noch einmal melden. Eine der drei Personen hat einen neuen Low Vision

Termin vereinbart und hatte danach erst mal keinen weiteren Beratungsbedarf. 5 Personen (8,6%)

fanden das Beratungsangebot gut und wollten sich bei Bedarf wieder melden, was sie aber bisher

nicht getan haben. 7 (12%) der 58 angeschriebenen Personen konnten mehrmals telefonisch nicht

erreicht werden. Nachdem der Weg der schriftlichen Kontaktaufnahme mit ehemaligen Kunden der

Low Vision Beratung zu Beginn gewählt wurde, wurde er im Laufe des Projektes nicht mehr weiter

aktiv verfolgt, da die Beratungsanfragen über andere Wege stetig zugenommen haben. Dennoch

stellt die „Nachbetreuung“ ehemaliger Klienten der Low Vision Beratung ein wichtiger Zugangsweg

zu betroffenen Senioren dar, der zukünftig intensiver genutzt werden kann und sollte.

33 http://www.blista.de/aktuelles/index.php?nr=392

100


wurden die Flyer u. a. an die Pflegestützpunkte Marburg-Biedenkopf und Gießen, an

die mobile ambulante geriatrische Reha in Marburg-Wehrda und an die Augenklinik

der Philipps-Universität Marburg verschickt bzw. verteilt. Entsprechend erwiesen sich

die sozialen Kontakte und wichtigen Ansprechpartner als zentraler Zugang zum

Beratungsangebot. Zu dieser Gruppe zählen in erster Linie die Angehörigen (Kinder,

Partner, Enkelkinder, andere Verwandte), Freunde, Nachbarn und Bekannte sowie

die Hausärzte und Fachärzte.

Auch die Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte (RES) der blista

selbst war ein weiterer wichtiger Multiplikator des Beratungsangebotes. Zum einen

wurden Personen, die zur Low Vision Beratung und in den blista-Shop kamen oder

an Schulungen in O&M und LPF teilnahmen, auf das Beratungsangebot

hingewiesen, zum anderen wurden die Seniorinnen auch über Mitarbeiterinnen der

blista auf das Angebot aufmerksam gemacht. Auch der LWV und die Selbsthilfe

übernahmen eine solche vermittelnde Funktion.

Abbildung 51: Darstellung, wie der Kontakt zur Beratung zustande kam

Als Fazit lässt sich festhalten, dass es die Vielfalt der eingesetzten Instrumente ist,

die die Öffentlichkeitsarbeit zum Projekt „Rat und Hilfe bei Sehverlust im Alter“

erfolgreich macht.

101


5.3 Offene Informationsstelle für Ratsuchende

Während des Projektzeitraumes gab es immer wieder Anfragen an die

Seniorenberatung über die Region Marburg-Biedenkopf hinaus. So recherchieren z.

B. viele Angehörige, deren Eltern von einem Sehverlust betroffen sind, im Internet

und gelangen so über den Internetauftritt der blista zu dem

Seniorenberatungsangebot. Die Anfragen sind sehr vielfältig, es geht zum Beispiel

um die Frage, ob es blinden- und sehbehindertengerechte Altenwohnheime in

Deutschland gibt und wenn ja, wo diese liegen. Es geht darum, herauszufinden,

welche Unterstützungs- und Beratungsmöglichkeiten es in der jeweiligen Region gibt,

wo es mögliche Low Vision Beratungen gibt und es geht um die Vermittlung von

Kontaktdaten zur Blindenselbsthilfe. Aber es kommen auch Anrufe von

Einrichtungen, wie z. B. Reha-Einrichtungen oder Altenheimen, die mit blinden und

sehbehinderten Senioren zu tun haben, die sich für Informationsmaterial und

generelle Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten interessieren. Während der

Projektlaufzeit gab es insgesamt 100 Anfragen mit einer Bearbeitungszeit von

durchschnittlich 20 Minuten. Auch hier zeigt sich, dass die Vernetzung und

Weiterleitung von Informationen über Sehverlust im Alter auch über den Landkreis

Marburg-Biedenkopf hinaus von großem Interesse ist.

5.4 Netzwerkarbeit

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Projektes war die Netzwerkarbeit. Dadurch

gelang es, sowohl die Übergänge zu blinden- und sehbehindertenspezifischen

Diensten (Low Vision Beratung und Sehhilfenanpassung, Schulung in Orientierung

und Mobilität sowie in Lebenspraktischen Fähigkeiten) herzustellen, als auch das

Angebot zunehmend engmaschig mit alters- bzw. gesundheitsspezifischen

Fachdiensten (Beratung zu Pflegeaspekten, geriatrische Rehabilitation,

Wohnberatung etc.) zu verknüpfen. Hierbei lässt sich die Netzwerkarbeit unterteilen

in die Netzwerkarbeit in der Region und die Netzwerkarbeit mit sehbehinderten und

blindenspezifischen Fachdiensten.

102


5.4.1 Netzwerkarbeit in der Region

Während der Projektzeit fand eine intensive Netzwerkarbeit im Landkreis Marburg-

Biedenkopf und zum Teil angrenzender Landkreise statt. Nachfolgend einige

Beispiele für Einrichtungen und Angebote, mit denen eine Vernetzung stattgefunden

hat:

• Pflegestützpunkte

o Beratungszentrum mit integriertem Pflegestützpunkt Marburg, BiP

o Pflegestützpunkt und BEKO Gießen

• Stadt Marburg

o Altenplanung Stadt Marburg

o Fachbereich 4 - Arbeit, Soziales und Wohnen der Stadt Marburg

o Pflegebüro Stadt Marburg

o Diakonisches Werk Marburg

• Landkreis

o Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf

o Seniorenbeiräte im Landkreis Marburg-Biedenkopf

o Diakonisches Werk Biedenkopf-Gladenbach

• Pflegedienste und Dienstleister

o Ambulante mobile geriatrische Reha des Klinikums Marburg-Wehrda

o AWO Marburg

o Verschiedene ambulante Pflegedienste in Marburg und Marburg-

Biedenkopf

• Selbsthilfe, Bürgerinitiativen u. a.

o Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen, Regionalgruppe Marburg,

Frankenberg und Gladenbach etc.

o Bürgervereine, z. B. Bürgerverein „Leben und Altwerden in Mardorf und

Umgebung“

o Seniorennetzwerk Cölbe

o Gut Älterwerden in der Marbach

o Dachverband der evangelischen Blinden- und evangelischen

Sehbehindertenseelsorge

Ein weiterer wichtiger Bestandteil, den es gerade im ländlichen Raum weiter

auszubauen gilt, ist das bürgerschaftliche Engagement, denn ohne ehrenamtliches

103


Engagement wird der Hilfe- und Unterstützungsbedarf langfristig nicht mehr gedeckt

werden können.

Jede Region, ob ländlich oder städtisch, weist regionale, kulturelle und

infrastrukturelle Unterschiede auf, die es bei der Angebotsstruktur für Senioren zu

berücksichtigen gilt. Daher erscheint eine regionale oder quartiersbezogene

Ausrichtung der Seniorenarbeit, die speziell auf die Bedürfnisse und Anliegen einer

Region ausgerichtet ist, sinnvoll. Insbesondere die gesetzliche Verankerung der

Pflegestützpunkte 34 in den Landkreisen ist ein erster Schritt, um eine zentrale

Anlaufstelle für Senioren und Ratsuchende zu schaffen. Ziel der Pflegestützpunkte

ist es, eine neutrale und unabhängige Beratung rund um das Thema Pflege für alle

Betroffenen und deren Angehörige zu gewährleisten. Daneben haben sie u. a. noch

die Aufgabe, ein leistungsfähiges Netzwerk zur Koordination und Kooperation aller

beteiligten Stellen und Fachkräfte aufzubauen sowie eine Vernetzung von

pflegerischen und sozialen Versorgungs- und Betreuungsangeboten anzuregen (vgl.

Fußnote 34., Seite 4). Der Pflegestützpunkt Marburg-Biedenkopf hat, koordiniert

durch die Stabsstelle Altenhilfe, Netzwerkkonferenzen im Landkreis-Marburg

Biedenkopf angeregt, bei denen alle ambulanten und stationären Einrichtungen und

Angebote der Altenarbeit, aber auch Initiativen des bürgerschaftlichen Engagements

die Möglichkeit haben, sich zweimal im Jahr in Form von regionalen Netzwerktreffen

zu treffen, sich kennenzulernen, sich auszutauschen, wichtige Kontakte zu knüpfen

und gemeinsame Themen zu erarbeiten. Dazu wurde der Landkreis Marburg-

Biedenkopf in fünf Regionen unterteilt:

34

„Auf der Grundlage des am 1. Juli 2008 in Kraft getretenen Gesetzes zur strukturellen

Weiterentwicklung der Pflegeversicherung (Pflege-Weiterentwicklungsgesetzt PfWG) sieht gemäß

§ 92 c Elftes Buch Sozialgesetzbuch (SGB XI) die Einrichtung von Pflegestützpunkten in der

gemeinsamen Trägerschaft der Pflege- und Krankenkassen sowie der nach Landesrecht zu

bestimmenden Stellen für die wohnortnahe Betreuung im Rahmen der örtlichen Altenhilfe und für

die Gewährung der Hilfe zur Pflege nach dem Zwölften Buch Sozialgesetzbuch (SGB XII –

Sozialhilfe) vor. Die Pflegeberatung gemäß § 7a SGB XI soll im Pflegestützpunkt angesiedelt

werden“ (Quelle: http://www.marburgbiedenkopf.de/uploads/PDF/STAH/Stuetzpunktkonzept_Endf_2010_03.pdf,

Seite 3).

104


Abbildung 52: Darstellung der fünf Netzwerkregionen in Marburg-Biedenkopf; Quelle: http://www.marburgbiedenkopf.de/senioren/pflegestuetzpunkte/netzwerkkonferenzen/,

Stand 19.11.2013

Im Rahmen der durch den Pflegestützpunkt Marburg-Biedenkopf organisierten

Netzwerktreffen war es möglich, das Projekt „Rat und Hilfe bei Sehverlust im Alter“

durch einen Kurzvortrag in den fünf Regionen des Landkreises vorzustellen.

Insgesamt konnten damit ca. 150 professionelle und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter über das Beratungsangebot informiert werden. Die Erfahrungen

zeigen, dass die Vorträge eine erhebliche Multiplikatorenfunktion entfalten und die

Vernetzung des Angebots im Raum Marburg-Biedenkopf und angrenzenden

Landkreisen verbessern.

5.4.1.1 Netzwerkarbeit mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenbund

Mit der Regionalgruppe Marburg des Blinden- und Sehbehindertenbundes Hessen

fand ein intensiver Austausch statt. So wurde auf verschiedenen Veranstaltungen der

Regionalgruppe, auf deren Mitgliederversammlung in Marburg, bei Stammtischtreffen

in Gladenbach und Frankenberg sowie beim monatlichen Nachmittagstreff in

Marburg das Beratungsangebot vorgestellt und die Zusammenarbeit angeregt. Auch

105


mit dem Angebot „Blickpunkt Auge“ der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe fand

ein Austausch und eine Zusammenarbeit statt.

Das folgende Schaubild 35 veranschaulicht noch einmal die unterschiedlichen und

vielfältigen Wege der internen und externen Netzwerkarbeit.

Ehrenamtliche

Partner

Einzelne Ehrenamtliche/

Nachbarschaftshilfen

DeBess, Dachverband der ev. Blinden- und

ev. Sehbehindertenseelsorge

Besuchsdienst

Johanniter

Blinden- u. Seh-

Behinderten-

Bund (Marburg,

Gladenbach,

Frankenberg)

Rechte

Behinderter

EDV Menschen

blista/interne

Partner

Sehr häufiger Kontakt

Häufiger Kontakt

Sporadischer Kontakt

Sehr seltener Kontakt

Richtung der Kooperation

mit Fokus auf Vermittlung

Z

Altenplanung Stadt Marburg

Sonstige

Partner

Apotheke

Uni-Augenklinik MR u. Gießen

(Sozialer Dienst und Augenarzt)

Ärzte/Apotheken/

Hilfsmittelfirmen

Hausärzte

Augenärzte

div. Hilfsmittelfirmen

Lotsin

Marburg

Beratungs- und

Koordinierungsstelle und

Pflegestützpunkt Gießen

Diakonisches Werk

Marburg und Biedenkopf-Gladenbach

(je 2 MA beim PSP)

Z

Mobile ambulante

geriatrische Reha

Sozialamt Marburg

AG Beratung

MR-Stadt

Städtische

Partner

Partner aus dem Bereich Pflege

Abbildung 53: Graphische Darstellung der Netzwerkkarte

Abschließend lässt sich festhalten: Die Beratung von Menschen mit einem

Sehverlust ist ein wichtiges Angebot in einer umfassenden Angebots- und

Beratungsstruktur, die der Landkreis Marburg-Biedenkopf zurzeit schon hat und den

es zu verfestigen gilt. Die intensive Netzwerkarbeit hat dazu beigetragen, dass

sowohl Senioren, die von einem Sehverlust betroffen sind, von anderen

35 Erstellt von: Franke, Annette/Driebold, Sonja/Himmelsbach, Ines (2013): „Das Projekt LOTSE“

Entwicklung und Evaluation eines psychosozialen Beratungskonzepts für ältere Menschen mit

Sehbehinderung: Ergebnisse der qualitativen Netzwerkanalyse bei Ratsuchenden und Beratung.

Vortrag auf dem DGGG-Kongress „Alter(n)lernen“; Symposium: „Das Projekt LOTSE - Ergebnisse

der Entwicklung und Evaluation eines psychosozialen Beratungsprogramms für ältere Menschen

mit Sehbehinderung, 20. September 2013, Ulm.

106


Netzwerkpartnern an das Beratungsangebot verwiesen werden und ebenfalls

Senioren durch die Seniorenberatung an andere Anbieter der Altenhilfe weitergeleitet

werden.

Das Thema Sehverlust im Alter ist, im Vergleich zu anderen Themen wie

beispielsweise Alzheimererkrankungen, noch sehr wenig bekannt. Es gilt eher als

„normal“, dass Menschen im Alter schlechter sehen und hören, aber welche blindenund

sehbehindertenspezifischen Hilfsmittel und Unterstützungsmöglichkeiten es gibt,

ist noch nicht flächendeckend bekannt. Daher trägt das Beratungsangebot dazu bei,

für dieses Thema zu sensibilisieren und zu informieren. 36 Letztlich muss

Netzwerkarbeit und Öffentlichkeitsarbeit im Sinne einer permanenten

Beziehungsarbeit betrieben werden.

5.4.2 Netzwerkarbeit zu sehbehinderten und blindenspezifischen

Fachdiensten

Im Rahmen der Beratungsarbeit der Seniorenberatung ist die Vernetzung zu anderen

blinden- und sehbehindertenspezifischen Beratungsangeboten und Dienstleistungen

enorm wichtig, um eine bedarfsgerechte Beratung durchführen zu können. Dazu

gehören:

1. Low Vision Beratung und Sehhilfenanpassung

2. Orientierungs- und Mobilitätsunterricht (O&M) sowie Lebenspraktische

Fähigkeiten (LPF)

3. Blinden- und sehbehindertenspezifischer Hilfsmittelshop

4. Die Deutsche Blindenbibliothek (Hörbücherei)

Im Folgenden werden die einzelnen blinden- und sehbehindertenspezifischen

Dienste kurz vorgestellt 37 und die Bedeutung für die Seniorenberatung dargelegt.

36 Vergleiche auch Punkt 5.7 Multiplikatorenschulungen zum Thema „Einführung und Sensibilisierung

in die Beratungsarbeit mit blinden und sehbehinderten SeniorInnen“ für MitarbeiterInnen in der

Altenarbeit und Altenhilfe“ in diesem Bericht.

37

Die Informationen dazu wurden der blista Broschüre: „Individuelle Beratung und Hilfe für

sehbehinderte und blinde Menschen – Reha Beratungszentrum“ entnommen und sind hier in kursiv

dargestellt.

107


5.4.2.1 Low Vision Beratung und Sehhilfenanpassung

Der Ausdruck „Low Vision“ kommt aus dem Englischen und ist ein Synonym für alle

Angebote geworden, die dazu beitragen, trotz einer verringerten Sehschärfe

weiterhin ein selbständiges Leben führen zu können. Es gibt eine breite Palette von

unterschiedlichen Sehhilfen und Angeboten, die das Lesen erleichtern, den Zugang

zu Informationen ermöglichen und bei der Bewältigung des Alltags helfen.

Zur händlerneutralen Beratung gehören:

‣ die Überprüfung der grundlegenden Sehfunktionen

‣ eine Optimierung der Brillenwerte

‣ Bestimmen und Erproben der geeigneten vergrößernden Sehhilfen

‣ Optimierung der Beleuchtung und Ergonomie am Arbeitsplatz

Eine optimal angepasste und der individuellen Bedarfslage entsprechende Sehhilfe

und/oder optische und elektronische Vergrößerungen tragen entscheidend dazu bei,

dass die Betroffenen ihr verbliebenes Sehvermögen optimal ausnutzen können. Im

Rahmen einer Low Vision Beratung und Sehhilfenanpassung werden sie hier beraten

und können die Sehhilfen ausprobieren. Im Rahmen der Seniorenberatung ist es

wichtig, zu erfahren, ob die Betroffenen optische oder elektronische Hilfsmittel

haben, ob und wie sie damit zurechtkommen und mit ihnen gegebenenfalls den

Umgang zu üben. Oder sie bei nicht vorhandenen oder nicht passenden Hilfsmitteln

über die Möglichkeiten einer Low Vision Beratung und Sehhilfenanpassung zu

informieren und dorthin weiterzuvermitteln.

5.4.2.2 Schulung in Orientierungs- und Mobilitätsunterricht (O&M) sowie

Lebenspraktischen Fähigkeiten (LPF)

Die sichere und selbständige Fortbewegung im öffentlichen Raum und innerhalb von

Gebäuden ist das Ziel der Schulung in Orientierung und Mobilität (O&M). Der

Unterricht beinhaltet eine Förderung der bewussten Wahrnehmung und den Erwerb

grundlegender Orientierungsprinzipien. Je nach individuellem Sehvermögen kommen

dabei optische Hilfsmittel und/oder der Blindenlangstock zum Einsatz. Zu den

Schulungsinhalten zählen:

‣ Vermittlung von Orientierungsstrategien

‣ Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel

108


‣ Straßenüberquerung

Lebenspraktische Fähigkeiten (LPF)

Die Schulung der Wahrnehmung spielt auch für die räumliche Orientierung im Nahund

Mittelbereich eine große Rolle. Je nach Einsetzbarkeit des funktionalen

Sehvermögens geht es beispielsweise um die richtige Beleuchtung in Räumen (…),

um die kontrastreiche Gestaltung der unmittelbaren Umgebung und die Vermittlung

spezifischer Basistechniken für die Alltagsgestaltung.

Orientierung und Mobilität und Lebenspraktische Fähigkeiten sind sehr wichtige

Themen, denn eine selbständige und sichere Fortbewegung und Orientierung sowie

ein sicherer Umgang im Haushalt sind Grundvoraussetzungen für eine

selbstbestimmte und unabhängige Lebensführung. Durch die enge Zusammenarbeit

zwischen den Rehabilitationsfachkräften für O&M und LPF und der

Seniorenberaterin ist eine unkomplizierte Weitervermittlung gegeben. Auch kann die

Seniorenberaterin durch das Gespräch mit den Kolleginnen gute Anregungen zu

Markierungsmöglichkeiten, Ordnungssystemen, Küchengestaltung etc. gewinnen

und diese an die Senioren weitergeben.

5.4.2.3 Blinden- und sehbehindertenspezifischer Hilfsmittelshop

Die vielfältige Auswahl an blinden- und sehbehindertenspezifischen Hilfsmitteln, die

im blista-Shop vorhanden sind, soll den Betroffenen den Alltag erleichtern (vgl.

www.deutscherhilfsmittelvertrieb.de).

Das Interesse an Informationen und der Umgang mit möglichen Hilfsmitteln innerhalb

der Seniorenberatung ist sehr groß. Die Senioren können die Hilfsmittel

kennenlernen, unter Anleitung ausprobieren und ausleihen. Großes Interesse

besteht z. B. an „roten, taktilen Markierungspunkten“, sprechenden Uhren,

sprechenden Haushaltsgeräten wie Küchenwaagen, Festnetztelefonen und Handys,

Blindenplaketten und Daisy-Playern.

Auch bei der Beantragung von Hilfsmitteln wie beispielsweise einem Daisy-Player

über die Krankenkasse werden die interessierten Senioren beraten und bei der

Antragsstellung unterstützt.

109


5.4.2.4 Die Deutsche Blinden-Bibliothek (Hörbücherei)

Die Deutsche Blinden-Bibliothek stellt Bücher in Blindenschrift und DAISY-CDs zur

kostenlosen Ausleihe zur Verfügung. Ihr Archiv, als wissenschaftliche

Präsenzbibliothek des Blindenwesens, umfasst ca. 50.000 Bücher und Zeitschriften

in Normalschrift sowie eine Sammlung internationaler Kinder- und Jugendbücher.

Voraussetzung für die Ausleihe von Blindenschrift- und Hörbüchern ist der Nachweis

der Blindheit oder Sehbehinderung. Der Versand der Bücher wird von der Deutschen

Post AG portofrei übernommen.

Um bei einer Sehbehinderung oder Blindheit weiterhin Zugang zu Informationen und

Kommunikation zu haben, bedarf es anderer Zugangswege. Das Lesen von

gedruckten Büchern ist auch mit Hilfe von optischen oder elektronischen Hilfsmitteln

häufig sehr mühsam oder nicht mehr möglich. Daher stellen Hörbücher im Daisy

Format und die dazu passenden Abspielgeräte (Daisy-Player 38 ) eine sehr gute

Alternative dar.

Im Rahmen der Seniorenberatung können, durch Unterstützung der Blinden-

Bibliothek, die interessierten Senioren einen Daisy-Player und die Daisy-CDs

ausprobieren und ihn für 1-2 Wochen ausleihen, um herauszufinden, ob ihnen die

Handhabung des Gerätes gelingt und ob ihnen der Zugang zu Informationen über

aufgesprochene Literatur zusagt. Bei Interesse kann im Rahmen der Beratung, die

Anmeldung für eine Mitgliedschaft bei der Blinden-Bibliothek gemeinsam ausgefüllt

werden und die Seniorenberaterin leitet die Anmeldung an die Blinden-Bibliothek

weiter.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass für die mobile Beratung von Senioren

mit einem Sehverlust die enge Zusammenarbeit mit anderen blinden- und

sehbehindertenspezifischen Fachdiensten sehr wichtig und notwendig ist. Durch den

schnellen und umfassenden Zugriff auf anderes, sehbehinderten- und

blindenspezifisches Fachwissen kann eine optimale Versorgung der Ratsuchenden

gewährleistet werden. Daher ist die Vernetzung mit diesen Diensten oder eine

38 „DAISY ist der Name eines weltweiten Standards für navigierbare, zugängliche Multimedia-

Dokumente. Die Abkürzung DAISY steht für Digital Accessible Information System.“ (Quelle:

http://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Accessible_Information_System, Stand 10.9.2013

110


Ansiedlung der Seniorenberatung für Menschen mit einem Sehverlust innerhalb der

Deutschen Blindenstudienanstalt sehr sinnvoll und gewinnbringend.

5.5 Multiplikatorenschulung: „Einführung und Sensibilisierung in die

Beratungsarbeit mit blinden und sehbehinderten SeniorInnen“

Am 15. März 2013 fand eine ganztägige Multiplikatorenschulung zum Thema

„Einführung und Sensibilisierung in die Beratungsarbeit mit blinden und

sehbehinderten SeniorInnen“ mit 21 interessierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

aus den Bereichen der stationären und ambulanten Altenpflege, vom ambulanten

Hospiz, vom Diakonischen Werk, Mitarbeiterinnen des Sozial- und

Gesundheitsamtes sowie einer ehrenamtlich Tätigen aus dem Landkreis Marburg-

Biedenkopf statt.

An diesem Tag ging es darum, die TeilnehmerInnen für das Thema „Sehverlust im

Alter“ zu sensibilisieren und ihnen einen Einblick zu geben, was es aus medizinischer

und psychosozialer Sicht heißt, im Alter an den Augen zu erkranken und dadurch

einen Sehverlust zu erleiden. Darüber hinaus ging es um die Vermittlung praktischer,

in ihrem Arbeitsalltag gut anwendbarer Unterstützungs- und Hilfsmöglichkeiten, die

die Lebensqualität der betroffenen Menschen erhöhen und sie in ihrer

Selbständigkeit unterstützen können.

Durchgeführt wurde die Multiplikatorenschulung von einem Orthoptisten, zwei

Fachkräften für Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation und der

Seniorenberaterin. Thematische Schwerpunkte waren:

(1) Einführung in altersbedingte Augenerkrankungen, die Möglichkeit einer Low

Vision Beratung und Anpassung vergrößernder Sehhilfen;

(2) Psychosoziale Auswirkungen von Sehbehinderung im Alter;

(3) barrierefreie Gestaltung des Wohnraums und die Notwendigkeit einer

optimalen Beleuchtung;

(4) sehbehindertenspezifische Schulungsangebote für Senioren;

(5) Informationen zu Nachteilsausgleichen für blinde und sehbehinderte

Menschen.

Einen wichtigen Teil der Multiplikatorenschulung stellte die Eigenerfahrung dar. Die

TeilnehmerInnen konnten unter einer Simulationsbrille, die einen Visus von unter

0,02 simulierte, einen „Kaffeenachmittag“ erleben. Hierfür wurden die Tische im

111


Seminarraum umgestellt und mit Kaffee und Kuchen ausgestattet. Bevor die

Teilnehmerinnen den Raum betraten wurden ihnen die Simulationsbrillen aufgesetzt

und so konnten sie „am eigenen Leib“ erfahren, was es für Senioren mit einer

Sehbehinderung oder Blindheit bedeutet, an einem Seniorennachmittag

teilzunehmen. Im Anschluss an die Selbsterfahrung hatten die Teilnehmenden die

Gelegenheit über folgende Fragen zu reflektieren:

1. Welche Gefühle hat die ganze Situation bei mir ausgelöst?

2. Welche Techniken habe ich angewandt, um mich im Raum zu orientieren?

3. Welche Techniken habe ich angewandt, um zu essen und zu trinken?

4. War Kommunikation am Tisch möglich? Wenn ja, wie? Wenn nein, warum

nicht?

5. Wie war meine Wahrnehmung vom Raum und vom Essen?

Der Aspekt der Eigenerfahrung in der Arbeit mit blinden- und sehbehinderten

Menschen ist ganz entscheidend, denn nur durch das eigene Erleben und Erfahren

der funktionalen Auswirkungen 39 von Blindheit und Sehbehinderung kann die nötige

Sensibilität für die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Senioren vermittelt

werden. Auf die Teilnehmenden hatte die Selbsterfahrung einen großen Eindruck

hinterlassen, weil sie so viel besser nachvollziehen konnten, wie eine alltägliche

Situation wie der Kaffeenachmittag für Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung zu

einer großen Herausausforderung werden kann. Auch die Gefühle und Emotionen,

die diese Situation bei den Teilnehmenden ausgelöst hat, lässt sie sensibler werden.

Für viele der Teilnehmenden war diese Erfahrung so beeindruckend, dass sie sich

die Simulationsbrillen ausgeliehen haben, um im Rahmen einer eigenen,

betriebsinternen Fortbildung ihre Kolleginnen und Kollegen zu schulen.

Multiplikatorenschulungen wie diese sind sehr gewinnbringend, um für das Thema

Sehverlust im Alter“ zu sensibilisieren sowie den MitarbeiterInnen in den Bereichen

der Altenhilfe konkrete Informationen und Hilfen mit an die Hand zu geben, wie sie

erkennen können, dass jemand schlecht sieht und welche Unterstützung sie dann

selbst anregen oder an wen sie weitervermitteln können. Das gibt ihnen

Handlungssicherheit und kommt letztlich den Betroffenen zugute.

39 Für eine Definition von „Funktionalem Sehvermögen“ siehe bitte Fußnote 16.

112


5.6 Eine Sensibilisierungseinheit mit Schülern der Stadtschule

Marburg-Biedenkopf

Die Schüler einer 8. Klasse der Stadtschule in Marburg-Biedenkopf haben die

Möglichkeit, sich im Rahmen eines Wahlpflichtfaches ehrenamtlich im Bereich der

Altenarbeit zu engagieren. Dafür, so die Idee, sollen sie ein Zertifikat erhalten, was

ihnen bei der Ausbildungssuche helfen kann. Im Rahmen einer Projekteinheit fand

eine Sensibilisierungseinheit mit den Schülern statt, mit dem Ziel, sie auf den

Umgang mit blinden und sehbehinderten Senioren vorzubereiten, indem sie mit Hilfe

von Simulationsbrillen und eines Altersanzuges selbst in die Situation versetzt

wurden, dass sie schlecht sehen und körperlich beeinträchtigt sind. Im Rahmen

dieser Unterrichtseinheit wurde das Thema „Sehbehinderung im Alter“ und welche

Auswirkungen ein Sehverlust im Alter haben kann thematisiert.

Im Rahmen einer Frühstückssituation hatten die 25 Schülerinnen und Schüler die

Möglichkeit unter einer Simulationsbrille, die Auswirkungen einer Sehbehinderung zu

erleben. Der Eigenerfahrung folgte eine Reflexionseinheit, bei der es darum ging, die

gewonnen Erfahrungen zu reflektieren, indem darüber gesprochen wurde, welche

Gefühle der simulierte Sehverlust bei ihnen ausgelöst hat. Es ging darum, zu

erfahren, ob eine Kommunikation mit den anderen am Tisch möglich war und wie sie

herausgefunden haben, ob noch jemand am Tisch saß. Es ging um die Frage, ob sie

bestimmte Esstechniken angewandt haben und wie sie sich den Raum erschlossen

haben. Und letztlich auch um die Frage, wie die Wahrnehmung dessen war, was sie

gerade gegessen haben.

Diese Eigenerfahrung hat einen bleibenden Eindruck bei den Schülerinnen und

Schülern hinterlassen, denn durch Erfahrung dessen, was es heißt, nicht mehr gut

sehen zu können, scheint der Lernerfolg und die Sensibilisierung für ältere

Menschen mit Sehverlust am besten.

113


5.7 Projektbegleitende Gruppenangebote für blinde und

sehbehinderte Senioren

Im November 2012 fand im Rahmen des Projektes ein Gruppenangebot für Senioren

zu dem Thema „Selbständig in der Küche trotz Sehbehinderung“ statt. Im Rahmen

eines Samstagvormittags gab es für vier sehbehinderte Seniorinnen in der

Deutschen Blindenstudienanstalt e.V. in Marburg die Gelegenheit, einen Überblick

über blinden- und sehbehindertenspezifische Küchengestaltung und

Arbeitsplatzorganisation zu gewinnen. Dafür wurden die eigens in der blista

vorhandenen Lehrküchen durch eine Rehabilitationslehrerin und die

Seniorenberaterin vorgestellt.

Anhand eines gemeinsam zubereiteten Obstsalates wurden Schneidetechniken und

die sichere Handhabung von Messer, Sparschäler und Apfelzerteiler erprobt. Die

Teilnehmerinnen haben alle jahrzehntelange Erfahrungen in der Zubereitung von

Speisen, das heißt, hier konnte auf ein großes Wissen zurückgegriffen werden um es

mit neuen blinden- und sehbehindertenspezifischen Schneidetechniken und

Ordnungssystemen zu ergänzen und zu optimieren.

Auch das Thema Arbeitsplatzgestaltung in der Küche und Beleuchtung spielt im

Zusammenhang mit einer Sehbehinderung eine große Rolle und wurde an diesem

Tag thematisiert. Wenn das Sehvermögen nachlässt, dann ist es sehr wichtig, eine

gute Beleuchtung zu haben, die dem Tageslicht sehr nahe kommt. Für die Arbeit in

der Küche und am Arbeitsplatz sind Leuchten mit einem Schwenkarm sehr

vorteilhaft, da sie auf die individuellen Bedürfnisse eingestellt werden können.

Abbildung 54: Foto eines Küchentischs mit Beleuchtung

114


Auch das Arbeiten mit Kontrasten, also beispielsweise das Verwenden einer hellen

Unterlage und einem dunklen Schneidebrett trägt dazu bei, dass das verbliebene

Sehvermögen optimal ausgenutzt werden kann.

Abbildung 55: Weißes Tischset als Unterlage eines schwarzen Brettes, zur Verdeutlichung von Kontrastmöglichkeiten sowie eine

Aufbewahrungsbox für die Schneideutensilien.

Für die betroffenen Seniorinnen bot das Gruppenangebot einen Einblick in die

vielfältigen Blinden- und Sehbehinderten-Arbeitstechniken in der Küche. Darüber

hinaus bot der Vormittag auch die Möglichkeit, sich gegenseitig kennenzulernen und

über die jeweilige Augenerkrankung auszutauschen. Dies stellte sich bei dem

Gruppenangebot als ein wichtiger Aspekt heraus, denn im Alltag haben die

betroffenen Senioren nicht immer jemanden, der ihnen zuhört oder der verstehen

kann, was es bedeutet, von einem Sehverlust im Alter betroffen zu sein. Dadurch,

dass die Gruppengröße mit vier Personen sehr überschaubar war, gab es genug

Zeit, dass jeder von sich erzählen konnte.

Generell lässt sich sagen, dass das Interesse an Gruppenangeboten zu einem

bestimmten Thema durchaus da ist, im ländlichen Raum stellt sich hier aber sehr

schnell die Frage nach der Möglichkeit, dieses ambulante Angebot auch zu

erreichen. Langfristig wäre hier eine Möglichkeit, dass man in den unterschiedlichen

Regionen vor Ort Gruppen anbietet, um so die Zugangswege zu verkürzen.

Es sind weitere Gruppenangebote geplant, vor allem das Interesse an Möglichkeiten

der Handarbeit wie Knöpfe annähen, stricken und stopfen, ebenso an den Themen

Ernährung und Augengesundheit ist sehr groß.

115


5.8 Tag der offenen Tür im Reha-Beratungszentrum (RBZ) der

blista

Am 6. Juni 2013 fand im Rahmen des „Tags der Sehbehinderten“ im Reha-

Beratungszentrum (RBZ) der blista ein Aktionstag zum Thema „Sehverlust im Alter“

statt. Die Besucher hatten die Möglichkeit, sich über die vielfältigen Angebote des

Beratungszentrums zu informieren und konkrete Anliegen mit den Fachleuten zu

besprechen. Im Low Vision Beratungsraum konnten optische und elektronische

Sehhilfen getestet werden. Viele Senioren waren erstaunt, welche technischen

Möglichkeiten es gibt, trotz Sehbehinderung oder Blindheit am Computer oder mit

dem Handy selbständig zu arbeiten. Auch Hilfen für den Alltag und Hörbücher

wurden vorgestellt. Gerade Dinge wie sprechende Uhren oder Markierungspunkte

sind kleine Hilfen, die eine große Wirkung bei der Aufrechterhaltung der

Selbständigkeit erzielen können. Da viele der etwa 50 Besucher selbst von einer

Augenerkrankung betroffen sind, sehr häufig ist es die Altersabhängige

Makuladegeneration (AMD), fand der Vortrag von Dr. Nadja Weber, Oberärztin an

der Augenklinik der Universität Marburg, über gegenwärtige und zukünftige

Behandlungsmöglichkeiten bei Makuladegeneration großen Anklang. Bereits

während des Vortrages konnten Fragen gestellt werden und im Anschluss stand

Frau Dr. Weber zur Verfügung, um die persönlichen Anliegen zu besprechen.

Viele der Besucher waren das erste Mal im Beratungszentrum und konnten für sich

neue Eindrücke und Wege kennenlernen, die es ihnen ermöglichen, trotz einer

altersbedingten Augenerkrankung weiterhin ein selbstbestimmtes und selbständiges

Leben zu führen. Aktionen wie diese tragen dazu bei, für das Thema Sehverlust im

Alter zu sensibilisieren sowie den Betroffenen zu zeigen, welche Hilfs- und

Unterstützungsmöglichkeiten es zu dem Thema Sehverlust im Alter gibt.

116


6 Fazit und Verstetigung des Beratungsangebots: „Rat und

Hilfe bei Sehverlust im Alter“

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Ziel des Projektes, ein

zugehendes Beratungsangebot für Menschen mit einem Sehverlust im Alter zu

entwickeln und zu erproben gelungen ist.

Die bisherigen Beratungszahlen von 242 Beratungsgesprächen und über 100

Anfragen von außerhalb machen dies noch mal sehr deutlich. Wesentlich dabei ist

der Aspekt der zugehenden Beratung, der von fast allen Senioren in Anspruch

genommen wurde, weil sie einerseits aufgrund eingeschränkter Mobilität kaum eine

Möglichkeit haben, das Beratungsangebot sonst in Anspruch zu nehmen und es

andererseits auch begrüßen, wenn die Beraterin sie zu Hause aufsucht, um konkrete

Hilfestellungen bei der Gestaltung der Umgebung zu geben.

Wie die umfangreiche Datenauswertung gezeigt hat, erstrecken sich die

Beratungswünsche von der konkreten Informationsvermittlung zu blinden- und

sehbehindertenspezifischen Fachdiensten wie Low Vision Beratung und Anpassung

vergrößernder Sehhilfen, über die Organisation und Beschaffung von

Unterstützungsleistungen und Hilfsmitteln, der Erarbeitung konkreter

Lösungsstrategien im Haushalt bis hin zur Unterstützung bei der Verarbeitung und

Akzeptanz des Sehverlustes.

Um dies zu erreichen fungiert die Seniorenberaterin als „Zentrum“, in welchem

Informationen gebündelt weitergegeben werden und gegebenenfalls

entsprechende Anträge gleich gemeinsam beantragt oder ausgefüllt werden.

Informationen können dabei aus einer Hand abgefragt werden, werden dann aber,

wenn nötig von den jeweiligen (Fach-)Experten ausgeführt, an die die

Seniorenberatung weiterverwiesen hat. Die Steuerung von einer Stelle aus verspricht

Klarheit und Offenheit in der zerklüfteten Struktur der Betreuung bei Sehbehinderung

im Alter und soll Parallelstrukturen vermeiden. Die Seniorenberaterin begleitet und

gestaltet den Prozess mit und fungiert als Schnittstelle für alle Beteiligten, d. h. sie

überprüft auch, ob getroffene Vereinbarungen in die Tat umgesetzt worden sind.

Darüber hinaus kann sie ganz konkret – vor Ort – mit den Betroffenen

Lösungsstrategien erarbeiten und sie bei der Umsetzung begleiten. Die

Fokussierung auf eine Beratungsperson erscheint gerade in der starken

Unübersichtlichkeit der Beratungs- und Unterstützungsangebote in Verbindung zu

117


der altersbedingten Hilflosigkeit älterer Menschen notwendig. So soll ein Kontakt

geschaffen werden, bei dem alle Informationen zusammenlaufen und zentral

koordiniert werden. In der Beratung zeigt sich, dass die betroffenen Senioren

Vertrauen fassen, wenn sie merken, dass sich etwas bewegt und verändert. Wenn

sie wissen, sie können nachfragen und um Hilfe bitten, ohne dass sie sich hilflos

fühlen müssen. Das Beratungsangebot leistet für die betroffenen Menschen einen

wichtigen Beitrag zum Erhalt von Lebensqualität und Teilhabe am Leben in der

Gesellschaft und vermeidet oder verzögert im besten Fall eine Pflegebedürftigkeit

und Heimunterbringung.

Das Beratungsangebot für Senioren mit einem Sehverlust hat sich in der Landschaft

der Seniorenarbeit etabliert, wird von allen anderen Fachdiensten, Stabsstellen,

Fachstellen und ehrenamtlich tätigen Personen hochgeschätzt. Diese Entwicklung ist

auch an der stetig zunehmenden Vernetzung zu spüren und der Weiterleitung von

betroffenen Senioren, von anderen, allgemeinen Seniorendiensten an die

Beratungsstelle. Diese gute Vernetzung stellt zudem für die Beteiligten keine

Einbahnstraße dar, da wir in jedem Einzelfall prüfen, welche allgemeinen Angebote

erreichbar sind und aus Sicht des älteren Menschen gewünscht sind und in Frage

kommen. Somit schließt die Seniorenberatung für Menschen mit Sehverlust im

Alter eine Beratungslücke.

Deshalb, und das war ein weiteres Ziel der Projektphase, spricht alles dafür, das im

Projekt entwickelte und erprobte Konzept in ein Regelangebot zu verstetigen. Dies ist

nach 1,5 Jahren Projektlaufzeit vorerst nicht gelungen.

Die blista hat jedoch, vor dem Hintergrund der großen Wichtigkeit der

Aufgabenstellung, im Sommer 2013 entschieden, die Laufzeit des Projektes mithilfe

von Drittmitteln um 5 Monate bis zum Jahresende 2013 zu verlängern. Insbesondere

in 2013 sind vielfältige Versuche unternommen worden, das Projekt über die

Kostenträger der Stadt und des Landkreises Marburg-Biedenkopf in eine

Regelfinanzierung überzuleiten. Die blista hat in diesem Prozess großartige

Unterstützung durch kommunale Vertreter aus unterschiedlichen Parteien erfahren.

Im Sommer 2013 wurden, nach Aufforderung der städtischen und kommunalen

Behörden, inhaltlich begründete Anträge für eine Regelfinanzierung an die

zuständigen Behörden gestellt. Aus laufenden Haushaltsplanungen haben uns noch

keinerlei Hinweise auf unsere Antragstellung erreicht. Die Wahl bzw. der daraus

118


folgende Wechsel an der Spitze des Landkreises ist wahrscheinlich eine Zeit, in der

keine wesentlichen Entscheidungen getroffen werden.

Neben den kommunalen Ansprechpartnern haben wir auch bestehende Kontakte der

blista zum hessischen Sozialministerium genutzt, um unser Anliegen vorzustellen

und vorzubringen. Die Zielvorstellung besteht darin, das Land, den Landkreis und die

Stadt Marburg davon zu überzeugen, dass ein gemeinsames Finanzierungsmodell

im Landkreis Marburg-Biedenkopf umgesetzt und erprobt wird. Es gilt in der Zukunft

dann auch zu prüfen, in welchem Maße eine gelungene Seniorenberatung für blinde

und sehbehinderte Senioren zu Ausgabenminderung im Bereich der Pflege und

Heimunterbringung führen und zur Erhaltung der weitestgehenden selbständigen

Lebensführung der Senioren beitragen kann.

Das entwickelte und erprobte Beratungsangebot ist darüber hinaus nicht auf die

Region Marburg-Biedenkopf beschränkt, sondern lässt sich auch auf andere Gebiete

Deutschlands übertragen.

Die Perspektive des Angebots kann zudem nicht in einem antragsbasierten

Verfahren bestehen, da bereits eine geringe Anzahl von Hausbesuchen eine

spürbare Wirkung hinterlässt. Der bürokratische Aufwand für eine individuelle

Beantragung, z. B. nach SGB 12 & 71 Altenhilfe wäre für alle beteiligten Personen

nicht zumutbar, würde die Kosten unnötig erhöhen und würde zu unverhältnismäßig

langen Wartezeiten führen.

Wir haben während der gesamten Projektlaufzeit darauf geachtet, dass Wartezeiten

lediglich in einem vertretbaren Maß entstehen und der Hausbesuch i. d. R. 1-2

Wochen nach dem ersten telefonischen Kontakt zwischen der ratsuchenden Person

und der Seniorenberaterin erfolgte. Wir sind der Überzeugung, dass der Grundsatz,

die Hilfe schnellst möglichst zu leisten nachdem der Bedarf bekannt geworden ist,

gerade in der Arbeit mit Senioren einen besonders großen Stellenwert genießen

muss.

Nur wenn eine dauerhafte, neutrale und kostenfreie Beratung von Senioren mit

einem Sehverlust im Alter möglich ist, werden sich nachhaltige Effekte einstellen.

Dieses Ziel gilt es weiterhin gemeinsam zu verfolgen.

119


7 Literatur

Bertram, Bernd (2005) In: „Der Augenarzt“, Dezember 2005, S.267-268. Quelle:

http://cms.augeninfo.de/fileadmin/PDF/0512aa_267.pdf.

Köwing, Gregor: Die ICF in der Rehabilitation späterblindeter Menschen.

Bachelorarbeit. Hochschule Esslingen. Stuttgart 2009 (unveröffentlichtes

Manuskript).

Kast, Verena (1982 34 ) Trauern: Phasen und Chancen des psychischen Prozesses.

Kreuz Verlag.

Resnikoff S, Pascolini D, Etya’ale D, Kocur I, Pararajasegaram R, Pokharel GP,

Mariotti SP, Global data on visual impairment in the year 2002, Bulletin of the

World Health Organization 82 (2004), 844-851.

Spring, Stefan (2012): Sehbehinderung und Blindheit: Entwicklung in der Schweiz.

Online Resource: http://www.szb.ch/aktuell/szb-news/publikation-zur-zahlsehbehinderter-menschen.html;

Stand 8.1.2013.

SZBlind: ICF tool box. Zu Aktivitäten und Partizipation von hörsehbehinderten und

taubblinden Menschen. Arbeitsinstrument. Erstellt von Helena Schuler und

Catherine Woodtli. SZB Beratungsstellen für hörsehbehinderte und taubblinde

Menschen. Februar 2010 (unveröffentlichtes Manuskript).

Online Ressource:

Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV):

http://www.dbsv.org/infothek/zahlen-und-fakten, Stand 30.01.2013.

DBSV: http://www.dbsv.org/infothek/augenerkrankungen/gruener-star/ Stand

15.01.2013.

DBSV: http://www.dbsv.org/infothek/augenerkrankungen/diabetische-retinopathie/,

Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.: http://www.deutschealzheimer.de/index.php?id=202,

Stand 30.01.2013.

DOG = Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (2012): Weißbuch zur Situation

der ophthalmologischen Versorgung in Deutschland.

http://www.dog.org/wpcontent/uploads/2013/03/DOG_Weissbuch_2012_fin.pdf

Landkreis Marburg-Biedenkopf: http://www.marburgbiedenkopf.de/buergerservice/wissenswertes-und-statistik/daten-undfakten/daten-und-fakten-1/;

Stand 10.01.2013. Stand 15.01.2013.

Lauber, Sabine/Spenner Katharina (2012): EVAL-LPF I : Evaluation des Konzeptes

und der Wirksamkeit des Unterrichts in Lebenspraktischen

Fähigkeiten - LPF ; Kooperationsprojekt der Deutschen

Blindenstudienanstalt e.V. und des Fachbereichs

Erziehungswissenschaften. Online Ressource: http://archiv.ub.unimarburg.de/es/2012/0019/view.html,

Stand 20.11.2013

120


Pro Retina: http://www.proretina.de/netzhauterkrankungen/makuladegeneration/altersabhaengig

e-makuladegeneration/, Stand 30.1.2013.

121


8 Anhang

Beratungsbogen Seniorenberatung

122


Beratungsbogen Seniorenberatung

123


Beratungsbogen RES - Seniorenberatung

Daten zur Beratung

1 [Kundennummer] Kundennummer

2 [Erstgespräch - Datum ] Datum des ersten Gesprächs/Telefonats

3 [Erstgespräch- Dauer]Dauer des ersten Gesprächs/Telefonats

4 Anmerkungen zum Erstgespräch/Telefonat

5 Datum des 1. Hausbesuches

6 Dauer des 1. Hausbesuchs

7 Anmerkungen zum 1. Hausbesuch

8 Wer war bei der 1. Beratung anwesend? Wie hat sich das ausgewirkt?

9 Angabe der Wegezeit für die 1. Beratung

10 Datum des 2. Hausbesuches

11 Dauer des 2. Hausbesuchs

© blista e.V., Marburg; Schuler&Woodtil 2010, SZB Schweiz; Köwing 2009

124


Beratungsbogen RES - Seniorenberatung

12 Anmerkungen zum 2. Hausbesuch

13 [Anwesende Personen] Wer war bei der 2. Beratung anwesend? Wie hat sich das

auf die Beratung ausgewirkt?

18 Datum des 2. Telefonats

19 Dauer des 2. Telefonats

20 Inhalt des 2. Telefonats

25 Wie haben Sie von der Beratungsmöglichkeit erfahren?

26 [Offene Anmerkungen]Offene Anmerkungen zum Beratungsverlauf

z.B. weitere Telefonate, weitere Besuche, etc.

© blista e.V., Marburg; Schuler&Woodtil 2010, SZB Schweiz; Köwing 2009

125


Beratungsbogen RES - Seniorenberatung

Demographische Daten

27 Wie lautet Ihr Nachname?

28 Wie lautet Ihr Vorname?

29 Wie lautet Ihr Geburtsdatum?

30 Können Sie mir bitte Ihre Adresse nennen?

31 Postleitzahl?

32 Wohnort?

33 Wie lautet Ihre Telefonnummer?

34 Haben Sie eine Handynummer?

35 Haben Sie eine E-Mailadresse?

36 Geschlecht

Bitte wählen Sie nur eine der folgenden Antworten aus:

weiblich

männlich

© blista e.V., Marburg; Schuler&Woodtil 2010, SZB Schweiz; Köwing 2009

126


Beratungsbogen RES - Seniorenberatung

37 [Sprache] Welche ist Ihre Muttersprache?

38 [Familienstand] Wie ist Ihr derzeitiger Familienstand?

ledig/allein lebend

in Partnerschaft

verheiratet

getrennt lebend

geschieden

verwitwet

Sonstiges:

39 [Kinder] Haben Sie Kinder? Wenn ja, wieviele?

Anzahl der Kinder

Im Haus?

Außer Haus?

40 [Wohnsituation] Wie gestaltet sich Ihre Wohnsituation derzeit? Leben Sie alleine?

Wer lebt noch in Ihrem Haushalt?

allein lebend

mit Partner ohne Kinder

mit Partner und minderjährigen Kindern

Im Haushalt der Kinder

Im Haushalt der Eltern

© blista e.V., Marburg; Schuler&Woodtil 2010, SZB Schweiz; Köwing 2009

127


Beratungsbogen RES - Seniorenberatung

Wohngemeinschaft

stationäre Unterbringung (Wohnheim, Altenheim, etc)

seit wann leben Sie in ihrer Wohnung/Haus?

Sonstiges:

41 [Angehörige] Wichtige Ansprechpartner und Angehörige

42 [Ärzte]

Wer ist Ihr Hausarzt?

Wer ist Ihr Augenarzt?

Welche weiteren Ärzte konsultieren Sie?

Sonstiges:

Name, Adresse, Telefon?

43 [Krankenkasse] Welcher Krankenkasse gehören Sie an?

44 [Versicherungsnummer] Wie lautet Ihre Versicherungsnummer?

45 [Medikation] Nehmen Sie Medikamente ein? Können Sie diese selbstständig

dosieren?

Code? Hilfe bei Dosierung? Kontinuität und zeitliche Einhaltung der Verschreibungen?

© blista e.V., Marburg; Schuler&Woodtil 2010, SZB Schweiz; Köwing 2009

128


Beratungsbogen RES - Seniorenberatung

46 [Gesundheit] Wie gestaltet sich Ihre gesundheitliche Vorsorge und medizinische

Versorgung?

allgemeine Vorsorge ärztliche Versorgung

47 [Biographie]

Biographische Angaben /Lebensgeschichte/Schulabschluss

48 [Berufstätigkeit] Sind Sie derzeit berufstätig?

© blista e.V., Marburg; Schuler&Woodtil 2010, SZB Schweiz; Köwing 2009

129


Beratungsbogen RES - Seniorenberatung

Sehbehinderung/Sehbeeinträchtigung

51 [Diagnose(n)] Welche Augenerkrankungen liegen vor?

Diagnose

% RA

% LA

% insgesamt

Gesichtsfeldeinschränkungen

Farbsehen

Hell/Dunkelwahrnehmung

Arztbrief? Diagnosedokumente? Eigene Messergebnisse?

52 Wie ist der aktuelle Grad der Sehbehinderung?

Bitte wählen Sie alle zutreffenden Antworten aus:

beeinträchtigt

sehbehindert

hochgradig sehbehindert

blind

Sonstiges:

beeinträchtigt, sehbehindert (über 5%), hochgradig sehbehindert (5-2%), blind (


Beratungsbogen RES - Seniorenberatung

54 [Zeitpunkt Diagnose] Wann wurde die erste Diagnose gestellt? Wann wurde die

aktuelle Diagnose gestellt?

55 [Letzter Befund] Wann wurde die letzte Diagnose gestellt und wie lautet sie?

Datum des letzten Augenärztlichen Befunds Diagnose Behandelnder Arzt/Ärzte

56 [Verlauf der Sehbeh.] Wie hat sich die Beeinträchtigung der Sehfähigkeit dann

entwickelt?

57 Wie sieht aktuell die Behandlung aus?

Medikamente? OPs? anstehende Termine?

58 [Sehhilfenanpassung] Waren Sie bereits bei einer Sehhilfenanpassung? Optiker?

Orthopistin?

59 [Low Vision Beratung]Haben Sie schon mal an einer Low Vision Beratung

teilgenommen?

ja/nein Wenn ja, wo? Welche Empfehlungen gab es? Was davon ist schon umgesetzt?

60 Welche Hilfsmittel haben Sie bereits?

Was wird wirklich genutzt? Welche Bedarfe sehen Sie?

© blista e.V., Marburg; Schuler&Woodtil 2010, SZB Schweiz; Köwing 2009

131


Beratungsbogen RES - Seniorenberatung

61 [Soziale Hilfen] Welche Unterstützungsleistungen bekommen Sie?

Schwerbehindertenausweis? (%)

Blindengeld? Sehbehindertenbeihilfe?

Pflegedienst?

Pflegestufe?

Haushaltshilfe?

Ehrenamtliche Unterstützung?

Sonstiges:

62 [Finanzielle Lage] Welche finanziellen Mittel stehen zur Verfügung? Sind diese

ausreichend?

Werden die möglichen Hilfen in Anspruch genommen? Wie ist der Informationsstand (d 870)

63 [Gesundheit allg.] Welche weiteren Beeinträchtigungen bestehen bei Ihnen?

Gehör? Mobilität? Stoffwechselerkrankungen? Weitere Erkrankungen? Einschränkungen in Bezug auf die Beratung?

64 [Sehbehinderung] Erleben und Umgang mit der Sehbehinderung (Einschätzung

der Beraterin)

65 [Pers. Interessen] Welche Hobbies, Freizeitaktivitäten, ehrenamtliche Tätigkeiten haben

Sie vor der Erblindung/dem Eintritt der Sehbehinderung betrieben?

Welche dieser Aktivitäten betreibt er jetzt noch? Welche dieser Aktivitäten möchte der/die KlientIn gerne wieder ausführen? (LPF relevant, eventuell Verweis auf LPF

Schulung) (d855, d910 – d950)

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66 [ZF: Sehbehinderung] Zusammenfassung zum Themenbereich Sehbehinderung

Möglicher Denk und Besprechungsweg: 1. Ist-Zustand, Strategien und Ressourcen 2. Wichtigkeit des Themas 3. Zufriedenheit, Schwierigkeiten und

Veränderungswünsche 4. Möglichkeiten und Grenzen 5. Hilfsmittel 6. Ziele/Planung/Prioritäten

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Kommunikation; Lernen und Wissen

67 [Informationen] Wie erhalten Sie Ihre alltäglichen Informationen? Wie muss

Information sein, damit sie aufgenommen werden kann?

Spezielle Interessen Anpassung der Umgebung, Hilfsmittel Zeitbedarf, Ermüdung, Konzentration, Stress

68 [Telefon und Handy] Nutzen Sie Telefon und/oder Handy? Welche Hindernisse

ergeben sich dabei? Wie gehen Sie damit um?

Spezielle Geräte? Hilfestellungen/Markierungen?

69 [Umgang mit PC]Umgang mit dem PC

Bitte wählen Sie die zutreffenden Punkte aus und schreiben Sie einen Kommentar dazu:

Haben Sie Erfahrungen im Umgang mit dem PC?

Wo treten Schwierigkeiten auf?

Ist es ihr/ihm möglich den PC blind zu bedienen?

Möchte der/die KlientIn die PC Kenntnisse vertiefen?

Sonstiges:

Umgang mit der PC (d3601) Weiterverweisung an Kurse, Beratung, Hilfsmittel?

70 Lesen und Schreiben

Bitte wählen Sie die zutreffenden Punkte aus und schreiben Sie einen Kommentar dazu:

Können Sie (noch) Schwarzschrift lesen?

Haben Sie ein Lesegerät? Andere Hilfsmittel?

Sind die Angebote der Blindenbibliothek bekannt?

Haben Sie Erfahrung mit Punktschrift?

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Besteht Interesse/Möglichkeit diese zu lernen?

Sonstiges:

Weiterverweisung an Kurse Punktschrift? Weiterverweisung an Hilfsmittelberatung? LPF Schulung (d 166, d170, d325,d345)

71 [Hilfsm. Kommunikation] Welche technischen Hilfsmittel zum Lesen und

Schreiben haben Sie bereits? Ist diese Ausstattung für den indiv. Bedarf

ausreichend?

Lesegerät

Daisyplayer

Schablonen

Bibliotheken

Fernseher

Radio

Sonstiges:

Ausrüstung mit Hilfsmitteln (e1251)

72 [Offizielle Kommunikation] Wie gehen Sie mit offiziellen Schreiben und

Dokumenten um? Wie gestalten Sie Ihre Zeit- und Terminplanung?

Administrative Aufgaben Termin-, Zeitplanung Kontakte zu Ämtern, Steuern Hilfebedarf?

73 [ZF Kommunikation]Zusammenfassung und weitere Entwicklung im Bereich

Kommunikation.

Möglicher Denk- und Besprechungsweg: 1. Ist-Zustand, Strategien und Ressourcen 2. Wichtigkeit des Themas 3. Zufriedenheit, Schwierigkeiten und

Veränderungswünsche 4. Möglichkeiten und Grenzen 5. Hilfsmittel 6. Ziele/Planung/Prioritäten

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Orientierung und Mobilität

74 [Häusl. Umgebung] Wie wohnen Sie zur Zeit?

Bitte wählen Sie die zutreffenden Punkte aus und schreiben Sie einen Kommentar dazu:

Wie wohnen Sie?

Wie sieht es in der Wohnung aus mit Licht, Kontrast, Markierungen?

Wie gut können Sie sich in Ihrer Wohnung bewegen?

Wie gut können Sie sich außerhalb der Wohnung bewegen?

Gibt es weitere alters- oder gesundheitsbedingte Einschränkungen?

Welche Infrastruktur gibt es vor Ort? (Ärzte, Geschäfte, ÖPNV)

Was würden Sie gerne lernen? Wo wünschen Sie sich Veränderung?

Sonstiges:

(e 150 – e 160) Mobilitätstraining? Hilfsmittel? LPF Schulung? Beratung innerhalb der Wohnung?

75 [Einkaufen] Einkaufen gehen

Bitte wählen Sie die zutreffenden Punkte aus und schreiben Sie einen Kommentar dazu:

Gehen Sie noch selbstständig einkaufen?

Können sie Preisschilder und Produkte erkennen?

Wer unterstützt Sie?

Können Sie sich beim Geld orientieren?

Gibt es Hilfebedarf?

Sonstiges:

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76 [Orientierung] Wie gut können Sie sich orientieren/fortbewegen?

Können Sie sich in unterschiedlichen Umgebungen orientieren?

Welche Probleme ergeben sich und wie gehen Sie damit um?

Möchten Sie Ihre Mobilität/Orientierung erhöhen?

Wenn ja, in welchem Bereich?

Orientierungsfähigkeit und Mobilität (d 470, d 4702, d460) häusliche Umgebung, nähere Umgebung, berufliche Umgebung, fremde Orte

77 [Bewegung] Wie gut können Sie sich bewegen? Wie verschaffen Sie sich

Bewegung?

(Alltag, spezielles Bewegungsprogramm?)

78 [Hilfe Mobilität] Nutzen Sie die Hilfe von Freunden, Verwandten oder Passanten

bei der Mobilität?

Hilfe bei der Mobilität Sehende Begleitung, Information und Schulung von Angehörigen (e 310 – e320, e340, e355)

79 [Blindenstock] Haben oder nutzen Sie einen Blindenstock? Können Sie sich die

Nutzung vorstellen?

Blindenstock (d465) Erfahrungen? Hindernisse? Schulung in O&M?

80 [ZF O&M] Zusammenfasssung und weitere Entwicklung Orientierung und Mobilität

Möglicher Denk- und Besprechungsweg: 1. Ist-Zustand, Strategien und Ressourcen 2. Wichtigkeit des Themas 3. Zufriedenheit, Schwierigkeiten und

Veränderungswünsche 4. Möglichkeiten und Grenzen 5. Hilfsmittel 6. Ziele/Planung/Prioritäten

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Selbstversorgung

81 [Tägliche Routine]

Bitte wählen Sie die zutreffenden Punkte aus und schreiben Sie einen Kommentar dazu:

Wie sieht Ihr täglicher Tagesablauf aus?

Wo erfahren Sie Einschränkungen?

Welche Hilfe nehmen Sie bereits in Anspruch?

Welche Hilfe würden Sie darüber hinaus benötigen?

Sonstiges:

Tägliche Routine (d230, d240)

82 [Essen und Trinken] Gibt es Einschränkungen beim Essen und Trinken? Wo

sehen Sie Hilfebedarf? Gibt es Hindernisse beim Kochen und zubereiten der

Speisen?

Essen und Trinken (d550, d560) Orientierung am Tisch, zu Hause, im Restaurant, bei Freunden, Kochen (d630) Zubereitungstechniken, Umgang mit Geräten und

Hilfsmitteln

83 [Kleidung] Wie orientieren Sie sich im Kleiderschrank= Können Sie sich

selbstständig ankleiden?

Kleidung (d 540) Farbauswahl, Sortierung und Markierung von Kleidungsstücken? Wäschepflege?

84 [Körperpflege] Können Sie sich selbstständig waschen und pflegen? Welche

Hindernisse begegnen Ihnen?

Code? Wer hilft? Orientierung Pflegeprodukte? Orientierung Bad? schminken/rasieren

85 [Haushaltsaufgaben] Können Sie Ihre alltäglichen Aufgaben selbstständig erledigen?

Welche Ordnungssysteme nutzen Sie? Welchen Hilfebedarf gibt es?

Bitte wählen Sie die zutreffenden Punkte aus und schreiben Sie einen Kommentar dazu:

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Reinigung von Flächen?

Umgang mit Geräten?

Ordnungssysteme?

Wäsche?

Umgang mit kleinen Kindern?

Pflege von Pflanzen und Tieren?

Sonstiges:

Haushaltsaufgaben (d6400 – d6405) Wäschepflege, Reinigung der Küche und Wohnung, Haushaltsgeräte benutzen, Müll entsorgen? LPF-Schulung? Organisation von

Hilfe?

86 [Hilfe im Haushalt]Haben Sie Hilfe im Haushalt? Wenn nein, benötigtigen Sie

welche?

Hilfe im Haushalt (e310 – e320, e340,e355) professionelle Hilfe/Pflege Haushaltsnahe Hilfe Ehrenamt Familie

87 [Technische Hilfen?]Welche technischen Hilfsmittel haben Sie bereits? Welche

Wünsche hätten Sie noch?

Technische Hilfen (e1158) tatsächliche Nutzung, Umgang, werden weitere Hilfsmittel benötigt?

88 [ZF Selbstversorgung] Zusammenfassung und weitere Schritte im Bereich

Selbstversorgung

Möglicher Denk- und Besprechungsweg: 1. Ist-Zustand, Strategien und Ressourcen 2. Wichtigkeit des Themas 3. Zufriedenheit, Schwierigkeiten und

Veränderungswünsche 4. Möglichkeiten und Grenzen 5. Hilfsmittel 6. Ziele/Planung/Prioritäten

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Interpersonelle Interaktion und Beziehungen

89 [Persönliche Bez.] Wie gestalten sich Ihre persönlichen Beziehungen?

Wer sind Ihre wichtigsten Bezugspersonen?

Wie gestaltet sich ihr familiäres Umfeld? (Kontakt, Reaktionen auf

Sehbehinderung?)

Partnerschaft/Beziehung

Freunde und Bekannte (Kontakt, Veränderungen)

Gibt es Schwierigkeiten in der Alltagskommunikation und im Umgang mit

anderen?

Gibt es konflikthafte Beziehungen? Unterstützende Beziehungen?

Weitere Infos

Freunde und Fremde nicht erkennen, Formen der Ansprache und Interaktion, Symbole und Stigmatisierung

Teilhabe an Gesprächsverlauf Sprachverständlichkeit, Wortschatz, Sprachverständnis/Höreinschränkungen

90 [Gesell. Teilhabe] Wie nehmen Sie am Alltag und am gesellschaftlichen Leben teil?

Wie gestalten Sie Ihre Freizeit?

Werden Sie zu Hause besucht?

Nehmen Sie an außerhäuslichen Veranstaltungen teil?

(sozial, politisch, kulturell, sportlich, Bildung)

Sind Sie in einem Verein, einer Selbsthilfegruppe, etc.

Wie wichtig ist Ihnen Religion, spirituelle Zugänge?

Sind Sie politisch interessiert?

Wunsch nach Austausch? Wenn ja, wären Sie mobil?

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91 [ZF Interaktion] Zusammenfassung der Fragen zur interpersonellen Interaktion

und Beziehungen

Möglicher Denk- und Besprechungsweg: 1. Ist-Zustand, Strategien und Ressourcen 2. Wichtigkeit des Themas 3. Zufriedenheit, Schwierigkeiten und

Veränderungswünsche 4. Möglichkeiten und Grenzen 5. Hilfsmittel 6. Ziele/Planung/Prioritäten

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Psychosoziale Faktoren

ICF 2, ICF 7,8,9

92 [psychische Situation] Einschätzung der psycho-sozialen Situation aus Sicht der

Beraterin.

94 [Persönlichkeit] Fragen zur Persönlichkeit

Welche Gewohnheiten haben sich mit Eintritt der Sehbehinderung

verändert?

Welche Strategien im Umgang mit der Sehbehinderung haben Sie

entwickelt?

Sonstiges:

Persönlichkeit (d2402, d2302, d2303)

93 [Einstellungen] Wie erlebt Sie die Einstellungen verschiedener Bezugspersonen

Ihnen gegenüber? In der Familie, bei Freunden, Kollegen, Arbeitgeber? Hat sich

aufgrund Ihrer Augenerkrankung etwas verändert?

Einstellungen (e 410 – e415, e420, e430)

95 [Soziale Unterstützung] Wo bekommen Sie derzeit Unterstützung? Ist diese Hilfe

aus Ihrer Sicht ausreichend? Wo nehmen Sie Defizite wahr?

Familie

Freunde und Bekannte

Ehrenamt

Haushaltsnahe Hilfen

Professionelle Hilfe

Professionelle Hilfe? Familie? Freunde? Haushaltshilfe? Unterstützung und Beziehungen (e 310 – e320, e340, e355)

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96 Institutionelle Unterstützung? Hilfen außer Haus?

Welche Unterstützungsformen kennen Sie?

Welche institutionelle Unterstützung nehmen Sie bereits in Anspruch?

Welche Erfahrungen haben Sie damit bisher gemacht?

Welche weiteren Informationen werden benötigt?

97 Zusammenfassung und weitere Faktoren der Kategorie Psychosoziale Faktoren

Möglicher Denk- und Besprechungsweg: 1. Ist-Zustand, Strategien und Ressourcen 2. Wichtigkeit des Themas 3. Zufriedenheit, Schwierigkeiten und

Veränderungswünsche 4. Möglichkeiten und Grenzen 5. Hilfsmittel 6. Ziele/Planung/Prioritäten

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Zusammenfassung

98 Zusammenfassung der Beratung

Worin sieht der/die KlientIn derzeit die größten Einschränkungen?

Welches dieser Probleme sollte am ehesten angegangen werden?

Wo kommt derzeit die meiste Unterstützung her?

Wobei möchte er/sie mehr Unterstützung haben?

Gibt es etwas, was wir noch nicht besprochen haben?

Sonstiges:

99 An welche anderen Einrichtungen wurde verwiesen bzw. Kontakt hergestellt?

100 Welche der weitervermittelten Angebote wurden angenommen? Wie war die

Zusammenarbeit mit anderen Netzwerkpartnern?

101 Zusammenfassung des Beratungsgespräches

To-Do Liste

102 Weitere im Laufe der Beratung hinzugekommene Themen und Vermittlungen

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