Evolution der Gewalt

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Evolution der Gewalt

NATHALIe KÜSST

Dass ein einziger Kuss das gesamte Leben verändern kann, machen die Regie-Brüder

David & Stéphane Foenkinos auf romantische Weise deutlich

Nur wenige Schauspielerinnen schaffen

es, Kinopublikum und Filmkritiker

gleichermaßen zu begeistern.

Audrey Tautou gelingt dieses Kunststück

seit ihrem internationalen Durchbruch in

„Die fabelhafte Welt der Amélie“ immer

wieder – auch in ihrem aktuellen Film. Als

Titelheldin in „Nathalie küsst“ schlüpft das

Ausnahmetalent in die Rolle einer feinfühligen

aber willensstarken jungen Frau, die

mit ihren Rehaugen und dem mädchenhaften

Charme sogar Eisberge zum Schmelzen

bringt. Ein solcher ist Markus: Der hünenhafte

Büro-Angestellte ist zwar eine imposante

Erscheinung, optisch aber das Gegenteil

eines Märchenprinzen. Unscheinbar

und unauffällig schleicht er als graue Maus

durchs Leben, ist jeden Tag als erster im

Büro, um pünktlich nach Dienstschluss zu

Hause bei seinen Eltern zum Abendessen

zu sein. Völlig anders sieht der Alltag seiner

attraktiven Chefin aus, die sich nach dem

Unfalltod ihres Mannes ganz auf ihre Karriere

konzentriert, um ihren inneren Schmerz

in Arbeit zu ersticken. Kurz: Nathalie und

Markus haben nichts gemeinsam – bis auf

einen unbedachten Kuss, der das Leben der

beiden für immer verändert.

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Eindrucksvoll führen die Gebrüder Foenkinos

vor, wie fruchtbar die (filmische) Zusammenarbeit

von Blutsverwandten sein kann:

Während David das auf seinem gleichnamigen

Roman basierende Drehbuch schrieb,

sorgte Stéphane für die leinwandgerechte

Umsetzung.

intelligente twists Das Resultat ist

eine bezaubernde Tragikomödie, die mit

Wortwitz und intelligent platzierten Plottwists

gekonnt zwischen Drama und (Romantik-)Komödie

balanciert. Mit großer Sorgfalt

stellt das französische Filmemacher-Duo die

Liaison des ungleichen Protagonisten-Paars

auf jenen dramaturgischen Boden – der Tod

von Nathalies Ehemann –, auf dem später

eine neue Liebe sprießt. Aber was wäre

eine Leinwand-Romanze ohne Intermezzo?

An dieser Stelle kommt Bruno Todeschini

ins Spiel: Als intriganter Nebenbuhler, der

schon seit Langem ein Auge auf Nathalie

geworfen hat, verzweifelt der virile Feschak

auf sympathisch-bemitleidenswerte Weise

an Markus’ menschlichen Qualitäten.

„Er hat etwas von dem Gogol-Charakter

an sich. Er vereint in sich diese groteske

Zartheit von Figuren aus osteuropäischen

Romanen, die mich stark beeinflussen. Physisch

war er perfekt für die Rolle. Ich hatte

aber Befürchtungen, Damiens sei vielleicht

zu extrovertiert, denn Markus ist schüchtern

und diskret“, erzählt David Foenkinos über

das Casting für die männliche Hauptrolle.

Eine unbegründete Sorge, denn François

Damiens, der zuletzt in „Nichts zu verzollen“

zu sehen war, erweist sich dank markanter

Physiognomie und seinen Ecken und

Kanten als Idealbesetzung, um seiner Rollenfigur

Tiefgang und Wärme zu verleihen.

Gemeinsam mit der feenhaft wirkenden

Audrey Tautou ist es die schauspielerische

Leistung des belgischen Humoristen, die die

märchenhafte Botschaft des Films mit jener

Authentizität auflädt, die man im Blockbuster-Mainstream

zumeist vermisst: wahre

Schönheit kommt von innen – in „Nathalie

küsst“ von François Damiens.

� Jürgen Belko

NATHALIE KÜSST

F 2011. Regie: David & Stéphane

Foenkinos. Mit: Audrey Tautou,

François Damiens, Bruno Todeschini.

FILMSTART: 11. 05. 2012

celluloid 3a/2012 11

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