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Moje Weer

Pomyślnych wiatrów

+++ Das Gröpelinger Magazin +++ Nr. 33 +++ Oktober 2008 +++

+++ Themen: Polnisches Leben in Bremen +++ Gröpelinger Feuerspuren 2008 +++

Videostill aus „Strafe und Verbrechen“ von Katarzyna Kozyra

1


gröpelinger querschau

Als Gott die Welt erschuf

Andrzej Mleczko [www.mleczko.interia.pl]

... spielte er den Polen einen Streich und platzierte das Land

zwischen den Russen und den Deutschen. So jedenfalls sieht

der bekannte polnische Cartoonist Andrzej Mleczko die besondere

kulturelle und politische Situation Polens.

Seit jeher ist die polnische Geschichte eng mit der deutschen

verwoben und polnische Einwanderer prägen seit

über 150 Jahren das Gesicht deutscher Städte.

Für das Gröpelinger Magazin MOJE WEER ist es deshalb ein

lang gehegter Plan, den Spuren polnischen Lebens im Stadtteil

nachzugehen.

Die in diesem Jahr erstmals stattfindenden polnischen Wochen

sind der Anlass, sich endlich einmal dem polnischen

Leben in Bremen zu widmen. Unter dem Motto „Polen sehen“

haben viele Akteure ein umfangreiches Programm zusammen

getragen, um die „unsichtbare“ polnische Community

sichtbar zu machen. Gemeinsam mit der deutsch-polnischen

Kulturinitiative agitPolska werfen wir in dieser Moje

Weer einen Blick auf POLNISCHES LEBEN IN BREMEN, auf aktuelle

Kunst aus Polen und auf eine schwierige deutsch-polnische

Geschichte.

Das umfangreiche Programm der POLNISCHEN TAGE finden

Sie ebenfalls in diesem Heft.

Moje Weer wird herausgegeben von Kultur Vor Ort e.V., einer

Kultur- und Bildungsinitiative aus Bremen-Gröpelingen.

Diese Ausgabe wird freundlich unterstützt von

der Landeszentrale für politische Bildung und

dem Generalkonsulat der Republik Polen Hamburg.

Die Cartoons Mleczkos in diesem Heft drucken wir mit

freundlicher Genehmigung des Autors. Mehr von ihm unter

www.mleczko.interia.pl oder in der Warschauer Galerie auf

der Marszalkowska 140 oder in Krakau, nl. Sw Jana 14.

„Moje Weer“ (auf polnisch pomyślnych wiatrόw) ist

ein alter friesischer Seemannsgruß und bedeutet

so viel wie „Gutes Wetter! Gute Fahrt“

„Moje Weer“ wünschen wir Gröpelingen insbesondere

für die diesjährigen FEUERSPUREN, die Kultur

Vor Ort erneut mit dem Bürgerhaus Oslebshausen

in den letzten Herbsttagen durchführen wird. Wie

schon 2007 werden wieder Tausende aus Bremen

und dem Umland in den Bremer Westen kommen,

um dieses besondere Erzählfestival zu

erleben.

Am 7. November startet zum Auftakt

die LANGE NACHT DER ERZÄHLUNGEN und am

Samstag, den 8. November sind an 14 besonderen

Orten entlang der Lindenhofstraße über 60 Erzählungen

aus aller Welt und in vielen Sprachen zu hören

- und auf der Straße gibt es tolle Feuershows..

Kultur Vor Ort lädt auch in diesem Herbst zu zahlreichen

Ausstellungen ins ATELIERHAUS ROTER

HAHN. Insbesondere die Projekte des Kinder- und

Jugendateliers sind ein großer Erfolg und zeigen

die wertvollen künstlerischen Potentiale vieler jungen

Leute im Stadtteil. Mit Kunst kann man zu

einem ganzen Menschen werden und dies können

Sie bei den Ausstellungen der Arbeiten von Kindern

und Jugendlichen immer wieder erleben.

Anlässe für einen Besuch in Gröpelingen bietet

der Herbst mehr als genug. Seien Sie herzlich willkommen.

Bestellen Sie den Newsletter unter:

www.kultur-vor-ort.com

Impressum

Moje Weer, herausgegeben von Kultur Vor Ort e.V.

Liegnitzstraße 63, 28237 Bremen, Tel. 0421-6197727

e-mail: info@kultur-vor-ort.com, www.kultur-vor-ort.com

Konto Sparkasse Bremen BLZ 290 501 01, Kto.-Nr. 108 79 56

Anzeigen Claudia Ruthard, 0421-6169438

Redaktion Eike Hemmer (V.i.S.d.P.),

Claudia Ruthard, Claus Pöllen, Heinfried Becker, Thomas

Berger, Lutz Liffers

Mitarbeit für diese Ausgabe Iwona Bigos (agitPolska e.V.)

2

Öko in Gröpelingen?

Kein Problem!

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Tel. 39 45 20


kultur vor ort

Ein Projekt von Kultur Vor Ort e.V.

Gröpelinger Heerstraße 226

Talente brauchen Förderer

Angebote für Kids

Zwischen Himmel und Erde

Kunstwerkstatt für Kinder ab 5 Jahre

Kinder interessieren sich für die wichtigen Fragen

des Lebens: Warum müssen wir sterben? Wovon

träumen Spinnen? Wie alt sind die Steine?

In der Werkstatt entstehen Riechbücher, Kellerkisten,

Drahtinsekten, Tonbauten, Steinmännchen

und Lichtschalen.

In Kooperation mit der Volkshochschule Bremen West.

Donnerstags ab 4.9. jeweils 16:30-18:00 (für Kinder ab 7 Jahre)

Donnerstags ab 30.10. jeweils 14.30h- 16.00h (für Kinder ab 5

Jahre)

Kinder- und Jugendatelier

Atelierhaus Roter Hahn, Gröpelinger Heerstr. 226

Mobiles Atelier MOKU

Unterwegs in Gröpelingen

An drei Nachmittagen ist das Mobile Atelier von

Kultur Vor Ort und FH Ottersberg in Gröpelingen

unterwegs.

Mit Farben und Staffeleien, Ton und Ytong und

vielen weiteren interessanten Materialien und

Werkzeugen können die Kinder ihr Können erproben.

Das Angebot ist kostenlos.

In Kooperation mit dem Gesundheitstreffpunkt

West und dem Amt für soziale Dienste.

Kinder- und Jugendatelier Roter Hahn sucht KinderKunstPaten

In Bremen-Gröpelingen gibt es nur wenige Möglichkeiten für junge

Leute in direkter Nachbarschaft zu Schule und Familie ihre gestalterischen,

kreativen und musischen Stärken zu entwickeln. Kultur Vor

Ort e.V. ermöglicht Kindern und Jugendlichen in einem modernen

Atelier ihre Talente zu entdecken und zu entwickeln.

Im Atelierhaus Roter Hahn können sie mit Unterstützung von

Künstlern und Kunstpädagogen an frei gewählten Themen mit unterschiedlichen

Materialien arbeiten.

Die Kinder und Jugendlichen lernen einerseits den Umgang mit

Materialien wie Farbe, Ton, Ytong und andererseits mit Werkzeugen

wie Bohrmaschinen und Pinsel, Sägen und Schweißgeräten.

Kunst ermöglicht Veränderung

Für diese Arbeit suchen wir KinderKunstPaten. Mit Ihrer Patenschaft

geben Sie jungen Leuten am Stadtrand neue Chancen und helfen,

das Gesicht der Vorstädte zu verändern.

Das Kinder- und Jugendatelier im Stiftungsdorf Gröpelingen ist dabei

Teil der vielfältigen Bemühungen von Kultur Vor Ort, junge Leute

in Kontakt mit Kunst zu bringen.

Alle Projekte werden von ausgebildeten KunstpädagogInnen, KünstlerInnen

und KunsttherapeutInnen begleitet.

KinderKunstPaten unterstützen die Arbeit im offenen Kinder- und

Jugendatelier im Atelierhaus Roter Hahn. Mit Ihrer regelmäßigen

Spende ermöglichen Sie offene Angebote und Intensivkurse für besonders

talentierte Kinder und Jugendliche. Sie helfen beim Aufbau

einer künstlerischen Produktionsstätte für Kinder in einem Stadtteil

mit schwacher kultureller Infrastruktur.

Dienstags: Schulhof Fischerhuder Straße ab 15h

Donnerstags: Bibliotheksplatz, Lindenhofstraße ab 15h

Samstags: Marienwerderstraße ab 15h

www.kultur-vor-ort.com

Informationen: Kultur Vor Ort

Liegnitzstr. 63, 28237 Bremen

T 0421-6197727, info@kultur-vor-ort.com

3


Kultur Vor Ort

Tandem

Junge Talente der Johann-Heinrich-Pestalozzi-Schule und

Gesamtschule West (Gröpelingen) haben gemeinsam mit

den bildenden Künstlern des Jugendateliers Gröpelingen

über mehrere Monate an Bildhauerobjekten für den öffentlichen

Raum gearbeitet. Die Jugendlichen haben sich mit

ihren Wünschen und der Frage, was sie der Öffentlichkeit

mitteilen möchten, auseinandergesetzt. Nun werden die

Skulpturen an verschiedenen Orten aufgestellt um so eine

Spur durch Gröpelingen zu legen.

Ausstellungseröffnung: Mi., 8.10., 17 h

Rundgang durch den öffentlichen Raum

Treffpunkt unter www.kultur-vor-ort.com

Gefördert vom Fonds Soziokultur

Ina Raschke – Zwei Bäume

Bäume gehören zum festen symbolischen Vokabular der

Menschheit. Wurzel, Stamm und Krone spielen eine große

Rolle in den Mythen vieler Kulturen. Ina Raschke arbeitet mit

diesem inhaltlichen Potenzial und verbindet in ihrer Ausstellung

in Gröpelingen zwei Baumstämme so miteinander,

dass die Wurzeln jeweils zur Krone der gegenüberliegenden

Wurzeln werden. Daraus entsteht ein gleichzeitig absurdes

und poetisches Bild von gegenseitiger Verwurzelung, das

durchaus symbolisch interpretiert werden sollte.

Ausstellungseröffnung Do. 9.10., 19 h

9.10. bis 7.11., Öffnungszeiten Mo-Fr. 8-18 h

Atelierhaus Roter Hahn, Gröpelinger Heerstr. 226

In Kooperation mit dem Gerhard-Marcks-Haus

Die verflixte Dreizehn

und die Unendlichkeit

Mathematisch-philosophische

Kunstwerkstatt

Preisträger im Bundeswettbewerb „Mathe

erleben!“ zum Jahr der Mathematik

Über 40 Kinder aus den KITAS Pastorenweg,

Kinder leben e.V., St. Nikolaus und

dem Spielkreis Danziger Straße starten

am 8. September in ein neues Kunstprojekt

im Kinder- und Jugendatelier

von Kultur Vor Ort.

Aus Anlass des Jahres der Mathematik

bauen und gestalten die Kinder ein

eigenes Mathe-Buch, in dem es um

solche Fragen geht wie:

- Warum gibt es Zahlen und wer hat

sie erfunden?

- Gibt es unterschiedliche Zahlen in

unterschiedlichen Ländern?

- Gibt es auch Pechzahlen?

- Welche Zahlen hat mein Körper?

- Was ist unendlich?

- Und haben Tiere auch etwas mit

Zahlen zu tun?

Mit Zeichnungen, Collagen, unterschiedlichen

Hochdruckverfahren und

einer Fotoralley philosophieren und

rechnen die Kinder rund um mathematische

Grundfragen.

Zum Ende des Projektes lernen die

Kinder, wie man ein Buch bindet und

produzieren so ihr erstes, eigenes

Mathe-Buch.

Ausstellungseröffnung: Sa., 11.10., 11 h

Stadtbibliothek Bremen-West, Lindenhofstr. 53

11.10.-25.10.2008

Mo 13-18 h, Di+Do 11-18 h, Fr 11-17 h, Sa 10-13 h

Mehr zum Jahr der Mathematik unter:

www.jahr-der-mathematik.de

Die verflixte 13: Kinder aus sechs verschiedenen

Kitas sind dabei.

4


+++ Thema in der Moje Weer +++

Polnisches Leben in Bremen

+++ Alltag, Kunst, Geschichte +++

Polen bilden eine der größten Einwanderergruppen in Bremen.

Doch über ihre Kultur, ihre Sprache, ihr Leben, ihre Ansichten und

ihren Alltag wissen die wenigsten Bremer etwas.

Das Meinen über Polen erschöpft sich meist in Schlagzeilen über

angeblich marode politische Zustände oder polnische Konkurrenz

auf dem Spargelarbeitsmarkt.

Moje Weer spürt in dieser Ausgabe dem polnischen Leben in Bremen

nach:. Was denken polnische Einwanderer über das Leben in

Deutschland? Wie ist die Geschichte der polnischen Einwanderung

mit der Geschichte der deutschen Industrialisierung verwoben?

Vielleicht erfährt man am meisten über Polen, wenn man sich mit

zeitgenössischer polnischer Kunst beschäftigt. Wir bieten Streiflichter.

Wer mehr wissen will und die Begegnung sucht, sei auf das umfangreiche

Programm des Festivals POLEN SEHEN verwiesen oder

aber auch auf die Feuerspuren, wo agitPolska mit einer eigenen Erzählstation

tief in die polnische Seele blicken lässt.

Festivalprogramm ab Seite 31

5


thema

Polnische Einwanderung

nach Bremen

Ein fast vergessener Beitrag zur Stadtentwicklung

Die Geschichte der polnischen Einwanderung

nach Bremen ist eng verknüpft

mit der beginnenden Industrialisierung

Bremens seit den 70er Jahren

des 19. Jahrhunderts auf der einen Seite

und auch mit der schwierigen deutschpolnischen

Beziehungsgeschichte der

letzten 150 Jahre auf der anderen Seite.

Letzteres trägt wesentlich mit dazu

bei, dass der Anteil der Polen an der Bremischen

Industriegeschichte heute nur

wenig bekannt ist und die Polen als traditionelle

und älteste Einwanderungsgruppe

in der jüngeren Geschichte Bremens

kaum wahrgenommen werden.

Ihre Integration gilt für die Zeit vor 1945

als gelungen, so dass ihr Verschwinden

nach 1945 nicht weiter verwundert.

Als klassische Gastarbeiter tauchen

seit den 60er Jahren nur Türken,

Italiener, Griechen und andere Südeuropäer

auf, obgleich es auch nach Bremen

seit der zweiten Hälfte der fünfziger

Jahre einen steten, wenn auch nicht

sehr starken Zufluss von Menschen aus

Polen nach Bremen gab. Es handelte

sich dabei um deutsche Spätaussiedler,

doch in den siebziger und achtziger Jahren

nahm die polnische Prägung dieser

6

Menschen stark zu, und vor allem durch

neue Migranten aus Polen in den neunziger

Jahren stellen Polen im Jahre 2007

mit rund 6.800 Menschen die drittgrößte

Ausländergruppe nach Türken

und Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien

in Bremen, 1 wobei die Dunkelziffer

und die Anzahl der Menschen

mit einem deutsch-polnischen Hintergrund

bzw. einem polnischen Kulturhintergrund

aber deutschen Papieren deutlich

höher sein dürfte - ähnlich wie auch

bei den Menschen aus der früheren Sowjetunion.

Ziel dieses kurzen Beitrages ist es, einen

kurzen Überblick über die Geschichte

der polnischen Migration nach Bremen,

ihre Besonderheiten und ihren Beitrag

zur Stadtentwicklung zu geben. Dabei

erfolgt eine Konzentration vor allem auf

die Zeit bis 1918 (I), bevor in weiteren Abschnitten

auf die Zwischenkriegszeit (II),

die Nachkriegszeit (III) und die Periode

ab 1989 (IV) Bezug genommen wird. Das

III. Reich und die Ausbeutung von Polen

als Zwangsarbeiter in Bremen, z.B. beim

Bau des U-Boot-Bunkers Valentin verdient

eine eigene Betrachtung und wird

hier daher ausgeklammert.

Aufgrund der ungenügenden Literaturlage

und des Umstandes, dass intensivere

Archivstudien nicht möglich waren

und zudem kaum polnische Quellen,

d.h. Materialien zur Binnenperspektive

der polnischen Migranten vorliegen,

kann der vorliegende Beitrag nur ein

knapper, essayistischer Auftakt zu ei-

1 Siehe www.statistik.bremen.de/sixcms/media.

php/13biz2008.pdf

Für die polnischen Einwanderer wurde 1898

die katholische Kirche St. Marien in Walle

gebaut. [Foto: Geschichtskontor / Kulturhaus

Walle Brodelpott]

ner gründlicheren Erforschung der polnischen

Migrationsgeschichte in der historischen

Längsachse in Bremen sein.

I. Von WanderarbeiterInnen zu

MitbürgerInnen: Die Anfänge der

polnischen Migration

Mit prägend für die Industrialisierung

Bremens waren neben Schifffahrt und

Häfen sowie der Metallindustrie auch

die Textilindustrie. Die Gründung der

Bremer Wollwäscherei in Lesum 1872,

der Bremer Wollkämmerei und der

Norddeutschen Wollkämmerei und

Kammgarnspinnerei, der sog. Nordwolle

in Delmenhorst 1883/84, der Bremer

Jutespinnerei und –weberei in Bremen-

Hemelingen 1873, der Jutespinnerei und

–weberei Bremen im Westen der Stadt

und der Hanseatischen Jutespinnerei

und –weberei 1870 in Delmenhorst sowie

die Gründung weiterer Industriebetriebe

bedingten die Anwerbung und

den Zuzug von Tausenden von Arbeitern

aus Schlesien, Polen und Böhmen, für die

nach englischem Vorbild Arbeiterhäuser

errichtet wurden. 2 Im Bremer Norden

war es vor allem die Bremer Wollkämmerei

(BWK), die sich schnell zum

größten Betrieb ihrer Art in Deutschland

entwickeln sollte. Mit zu diesem

Erfolg trugen auch polnische Arbeiter

bei, von denen im Februar 1886 die ersten

in der BWK eingestellt wurden. Von

den etwas mehr als 2.300 Arbeitern im

Jahr 1899 waren nach einem Bericht der

Regierung fast die Hälfte Polen. In Blumenthal,

Rönnebeck und Lüssum, kleine

Dörfer, die vor Gründung der BWK vom

Niedergang von Handwerk und Schifffahrt

betroffen waren, war mehr als ein

2 Vgl. die knappe Darstellung bei Herbert

Schwarzwälder, Geschichte der Freien Hansestadt

Bremen. Bd. II. Von der Franzosenzeit bis

zum Ersten Weltkrieg (1810-1918), erw. u. verb.

Aufl. Bremen 1995, S. 342ff.


Polnische Einwanderinnen

in Berlin auf

dem Weg zum Bahnhof,

von wo aus sie in die

Landwirtschafts- und

Industriegebiete des

Deutschen Reiches

verschickt wurden.

[Foto: Doku Blumenthal]

Drittel der Bevölkerung aus Polen, etwas

mehr als 2.000 Menschen. Aber

auch diese Zahlen geben den ganzen

Umfang der Migration nicht wieder, da

viele Polen zunächst als Saisonarbeiter

angeworben wurden, sie sich aber bald

durch Familiennachzug in Bremen sesshaft

machten. 3 Auf dem Höhepunkt der

Ansiedlung der polnischen Bevölkerung

wurden 1912 im Kreis Blumenthal 7.000

Polen gezählt, im Ort Blumenthal rund

33% der Bevölkerung. 4

Ein weiterer Betrieb, der aufgrund der

niedrigeren Löhne auf die Anwerbung

polnischer Arbeiter setzte, war die Bremer

Jutespinnerei und –weberei in Bremen-Hemelingen.

Wenn man sogenannte

Inlandspolen aus dem Posener

Gebiet und andere Polen zusammenzählt,

waren im Jahr 1900 von den rund

1.000 Arbeitern mehr als 75% ausländische

Beschäftigte, d.h. überwiegend

polnische Frauen. Auch die Delmenhorster

Hanseatische Jutespinnerei und

–weberei, 1871 gegründet, und die bereits

erwähnte Nordwolle deckten weit

mehr als die Hälfte ihres Arbeitskräftebedarfs

mit ausländischen Arbeitskräften,

überwiegend Polen, aber im Fall

der Nordwolle auch Menschen aus Böh-

3 Vgl. Friedrich Jerchow, 1883-1983. Die Geschichte

der Bremer Woll-Kämmerei zu Blumenthal.

Ein Jahrhundert im Dienst der Textilwirtschaft,

Bremen 1983, S. 31ff.

4 Vgl. Diethelm Knauf, Blumenthal 1860-1945,

Bremen 1998, S. 17.

men und Kroatien. 5 Ein wichtiger Zweig

der Bremischen Industrialisierung wurde

demnach mit Hilfe polnischer Frauen

und Männer vorangetrieben, die nicht

nur die ethnische, sondern auch die

konfessionelle Zusammensetzung vormals

kleiner Dörfer änderten. Dennoch

scheint der Zusammenhalt auf der Arbeit

trotz dieser Unterschiede funktioniert

zu haben. Darauf deuten zumindest

gemeinsame Streiks in der Bremer

Jutespinnerei und auch in der Delmenhorster

Nordwolle hin, wo polnische,

böhmische und deutsche Arbeiter in der

Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gemeinsam

für bessere Arbeitsbedingungen

mehrfach streikten. Auch der gewerkschaftliche

Organisationsgrad war trotz

der genannten Heterogenität hoch und

erreichte z.B. 1913 in Hemelingen über

50%. 6

Sowohl im Bremer Norden als auch im

Bremer Westen entstanden mit der St.

Marien-Kirche in Blumenthal und der St.

Marien-Kirche in Walle 1892 bzw. 1898

neue Gotteshäuser für die stark gestiegene

Anzahl an Katholiken. Polnische

Pfarrer, die mehrfach für einige Wochen

in dieser Zeit nach Blumenthal kamen,

wie auch das Engagement einheimischer

Seelsorger trugen zur Verwur-

5 Vgl. Marlene Ellerkamp, Industriearbeit,

Krankheit und Geschlecht. Zu den sozialen Kosten

der Industrialisierung: Bremer Textilarbeiterinnen

1870-1914, Göttingen 1991, S. 30ff.

6 Vgl. ebd., S. 227ff.

zelung der Polen bei, zumal es auch damals

polnische Gottesdienste gab. 7

Die Industrialisierung zog natürlich

nicht nur durch die Textilindustrie, sondern

besonders auch im Baugewerbe

und in der Metallindustrie ausländische

Arbeiter und hier vor allem Polen nach

Bremen und ins Umland.

Insgesamt waren nach der Statistik des

Deutschen Reiches im Jahr 1907 in Bremen

rund 1.300 Personen aus dem Posener

Gebiet, 1.000 aus Pommern, rund

1.700 aus Schlesien, 2.500 aus West- und

Ostpreußen beschäftigt. Hinzu kommen

noch rund 6.500 Menschen aus

dem Ausland. Dabei gab es auch spezifische

Verteilungen auf die einzelnen

Branchen. So waren in der Textilindustrie

zum damaligen Zeitraum 27% aus

dem Posener Gebiet (10%) bzw. aus dem

Ausland, wobei letztere auch in starkem

Maße Menschen aus Böhmen betraf. 8

7 Vgl. für die Entwicklung der beiden Gemeinden

St.-Marien 100 Jahre St. Marien. Erlebte Geschichte

einer-Gemeinde Bremen (Hrsg.), Kirchengemeinde

im Bremer Westen 1898-1998,

Bremen 1998; sowie Kath. Kirchengemeinde St.

Marien in Blumenthal (Hrsg.), 1854-2004. Der

Weg einer Diasporagemeinde. Chronik St. Marien

Blumenthal, Bremen 2004.

8 Vgl. für die Zahlen Karl Marten Barfuss, Gastarbeiter

in Nordwestdeutschland 1884-1918,

Bremen 1985, S. 247.

7


Arbeiterinnen auf der Jute in Walle. [Foto: Geschichtskontor / Kulturhaus Walle Brodelpott]

Hinzu kommen natürlich noch Familienangehörige.

Siedlungsschwerpunkte

der polnischen Bevölkerung waren die

Gebiete mit entsprechenden Industrieansiedlungen,

also vor allem Bremen-

Nord, Walle und Hemelingen.

II. Zwischen Rückkehroption,

Integration und Assimilation in den

zwanziger Jahren

Die Wiederentstehung des polnischen

Staates nach 1918 brachte für die Polen

in Bremen wie auch in ganz Deutschland

einschneidende Veränderungen,

da sich nun eine Rückkehroption in einen

eigenen Staat anbot, eine Möglichkeit

von der rund ein Drittel der Polen

in Deutschland Gebrauch machten.

Viele wanderten auch in die Kohlegebiete

Frankreichs oder in die USA weiter.

Aus Blumenthal kehrte gleichfalls rund

ein Drittel der Polen in ihre alte Heimat

zurück. 9 Für die Verbliebenen Polen bedeutete

dies einen stärkeren Assimilierungsdruck,

wenngleich nach offiziellen

Zahlen trotz des deutlichen Rückgangs

1933 noch ca. 440.000 polnisch

sprechende Menschen in Deutschland

wohnten. 10 Nach statistischen Angaben

waren in Bremen 1925 noch rund 1.100

Menschen mit polnischer Staatsangehörigkeit

gemeldet, nach den Personen

9 Vgl. Knauf, Blumenthal, a.a.O., S. 19.

10 Vgl. Zdzisław Krasnodębski, Die polnische

Minderheit in Deutschland als Forschungsobjekt,

in: Ders. / Nele Krampen (Hrsg.), Polen in

Bremen. Eine unsichtbare Minderheit?, Bremen

2001, S. 13-25, hier S. 20.

8

mit tschechoslowakischer Staatsangehörigkeit

(1.821) die zweitgrößte Gruppe

von Ausländern. Im Jahr 1933 lebten

dann noch 882 Menschen mit polnischer

Staatsangehörigkeit in Bremen, wobei

der Ausländeranteil an der Wohnbevölkerung

von 3% im Jahr 1910 auf 1,1% im

Jahr 1933 zurückgegangen war. 11 Nicht

erfasst werden von diesen Zahlen aber

Menschen mit einem polnischen kulturellen

Hintergrund, so dass die eigentliche

Polonia etwas größer gewesen

sein dürfte.

Unter diesen veränderten Bedingungen

wurde der Zusammenhalt der Polen

in der Weimarer Zeit vor allem durch

die Gemeinschaft am Arbeitsplatz und

durch die katholische Konfession begründet.

Hier konstituierte sich Gemeinschaft,

fand ein Engagement in katholischen

Arbeitervereinen, christlichen

Gewerkschaften oder katholischen Jugendgruppen

statt. 12 Der Druck der Nationalsozialisten

auf die Kirchen und ihre

Organisationen und schließlich auch

der Zweite Weltkrieg selber zerschlugen

dann diese Gemeinschaft. Die für die katholischen

Polen wichtigen Bekenntnisschulen

wurden Ende der dreißiger Jahre

in Bremen aufgelöst, wenngleich die

katholische Kirche weiterhin Anlaufstation

für viele Polen war und in der Waller

St. Marienkirche auch noch im Krieg

11 Vgl. Barfuß, Gastarbeiter, a.a.O., S. 255.

12 Vgl. für das Waller Juteviertel Gerda Krüger,

Leben im Juteviertel in Walle 1910-1933, in: Arbeiterbewegung

und Sozialgeschichte, Bd. 5,

2000, S. 18-30.

Beichten auf Polnisch abgenommen

wurden. Durch polnische Zwangsarbeiter

im Krieg wurde die Nachfrage nach

katholischer Seelsorge zudem größer,

wenngleich der Gottesdienstbesuch für

sie ab 1941 offiziell verboten war. 13 Zweifellos

kamen die polnischen Zwangsarbeiter,

die in der Textilindustrie eingesetzt

wurden, auch mit den dortigen

polnisch stämmigen Arbeitern in Berührung,

aber hierfür liegen leider keine

Erkenntnisse oder autobiographische

Ausführungen vor. Dabei war die Zahl

der Zwangsarbeiter in Bremen bzw. im

Gau Weser-Ems erheblich und wurde

von der Deutschen Arbeitsfront (DAF)

für das Jahr 1943 auf etwa 100.000 geschätzt,

davon zu diesem Zeitpunkt etwa

30.000 in Bremen. Im Sommer 1941

waren rund 7.300 polnische Zwangsarbeiter

in Bremen und ihre Zahl dürfte

zunächst noch weiter gestiegen sein. 14

Allein beim Bau des U-Boot-Bunkers Valentin

in Bremen-Farge kamen deutlich

über 100 Polen ums Leben, wobei die

endgültigen Opferzahlen wahrscheinlich

nie in Erfahrung zu bringen sein

werden. 15

III. Nachkriegszeit

Das Kriegsende brachte für die polnischen

Zwangsarbeiter die Freiheit

und damit auch die Rückkehr der katholischen

Seelsorge. Die Chronik der Pfarrgemeinde

St. Marien in Blumenthal berichtet

von massenhaften polnischen

Trauungen nach dem Kriege, 16 was dafür

spricht, dass eine große Zahl der

Zwangsarbeiter zunächst in Bremen

blieb. Wie viele sich davon dauerhaft in

Bremen niederließen ist leider nicht zu

ermitteln. Allerdings bestimmten nach

1945 vor allem die Vertriebenen als Binnenmigranten

die Zuwanderung und

nicht mehr Polen oder Tschechen. Mit

den Polen hatten sie oft die alte Heimat

gemeinsam und ihre Zahl nahm in den

13 Vgl. 100 Jahre St. Marien, a.a.O., S. 56.

14 Vgl. Herbert Schwarzwälder, Geschichte der

Freien Hansestadt Bremen. IV Bremen in der

NS-Zeit (1933-1945), Bremen erw. u. verb. Aufl.

1995, S. 502ff.

15 Zur Diskussion der Opferzahlen vgl. Heiko

Kania, Neue Erkenntnisse zu Opferzahlen und

Lagern im Zusammenhang mit dem Bau des

Bunkers Valentin, in: Arbeiterbewegung und Sozialgeschichte,

Bd. 10, 2003, S. 7-31.

16 Vgl. 100 Jahre St. Marien, a.a.O., S. 53f.


Moje Weer 115x60 Phase 3:Layout 2 19/8/08 15:19 Page 1

ersten 15 Jahren nach dem Krieg beständig

zu, von ca. 32.000 Vertriebene im

Jahr 1949 auf mehr als 84.000 im Jahr

1959. Deutlich ablesbar ist in den Statistiken

auch die politische Konjunktur

zwischen Ost und West. So stieg die Zahl

der Zuzüge aus den ehemaligen Ostgebieten

des Deutschen Reiches in den

Jahren 1957 und 1958 kurzfristig auf 1210

bzw. 2901, um dann wieder auf einige

Hundert bzw. nur einige Dutzend in den

sechziger Jahren zurückzugehen. 17 Ähnlich

wie in den fünfziger Jahren kam es

auch Mitte der siebziger Jahre zu einem

kurzfristigen Anstieg der Zuzugszahlen,

in beiden Fällen aufgrund von Regierungsvereinbarungen

über die Familienzusammenführung.

Je später allerdings

der Zuzug aus den ehemaligen deutschen

Ostgebieten erfolgte, desto stärker

war bei den Spätaussiedlern auch eine

kulturell polnische Identität vorhanden

und mit der Verschlechterung der

ökonomischen Situation in der Volksrepublik

Polen ab Mitte der siebziger Jahre

und dann vor allem nach der Verhängung

des Kriegsrechts am 13. Dezember

1981 kamen mehr und mehr Polen

wieder nach Bremen, teils indem sie eine

deutsche Abstammung geltend machen

konnten, teils als politische Flüchtlinge.

Ökonomische Motive und der

Wunsch, Lebenschancen in Deutschland

zu suchen, spielten bei vielen sicherlich

auch eine nachvollziehbare Rolle – ähnlich

wie bei den ersten polnischen Zuwanderern

100 Jahre zuvor.

IV. Gemeinsames Europa: Rückkehr

der polnischen Minderheit?

Der politische Wandel in Polen 1989 bedeutete

auch für die Migration von Polen

nach Deutschland einschneidende

Veränderungen. Die Berufung auf politisches

Asyl oder auf deutsche Vorfahren

fielen als Begründungen für die

Migrationsentscheidung nun weg und

auch Arbeitserlaubnisse für polnische

Arbeitnehmer sind bis heute nur in bestimmten

Branchen zu erhalten. Dennoch

wird die Freizügigkeit von Au-pair-

Mädchen und von Studierenden genutzt.

17 Vgl. Statistisches Handbuch für das Land

Freie Hansestadt Bremen 1950-1960, Bremen

1961, S. 16 u. S. 30.

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B R E M E N

Hinzu kommt, dass ein Teil der in den

achtziger Jahren nach Bremen gekommenen

Polen in der Stadt geblieben ist

und sich nun wieder stärker einer polnischen

Identität zuwendet.

Verändert hat sich nach 1989 auch die

Binnenstruktur der Gruppe und ihr Auftreten

nach außen. Viele der Spätaussiedler

aus den 80er Jahren behielten

mit ihrem polnischen Pass 18 auch einen

Teil ihrer kulturell polnischen Identität,

wenn sie sich in der Öffentlichkeit

auch oft nicht dazu bekannten. Durch

den Zuzug neuer Migranten aus Polen

nach 1989 und das sich allmählich verbessernde

Image Polens als eines demokratischen

Staates sollte sich das ändern.

Man hört wieder Polnisch in den

Straßenbahnen, vor den katholischen

Kirchen oder auch an den Universitäten

des Landes. Polnische Kulturvereine

machen mit Lesungen, polnischem

Kino und Theater auf sich aufmerksam

und präsentieren das Nachbarland interessant

und kulturell kreativ. Die Spannungen

zwischen „progressiven“ Bremer

Katholiken und „konservativen“

polnischen Katholiken, die in manchen

18 Vgl. die Angaben von Christoph Pallaske,

Migrationen aus Polen in die Bundesrepublik

Deutschland in den 1980er und 1990er Jahren.

Migrationsverläufe und Eingliederungsprozesse

in sozialgeschichtlicher Perspektive, Münster,

New York, Berlin 2002, S. 39 u. 56f.

www.waterfront-bremen.de

Bremer Gemeinden für Unruhe gesorgt

haben, 19 scheinen der Vergangenheit

anzugehören. Aufschlussreicher sind

da schon die unterschiedlichen Traditionen

innerhalb der polnischen Gruppe

in Bremen, zwischen Arbeitsmigranten

und einem kleinen intellektuellen Milieu

von sehr gut ausgebildeten Polen,

die ihr Land nicht mehr nur nach traditionellen

Mustern vertreten, sondern

als modernes europäisches Land. Unabhängig

davon, was die Politik heute

feststellt oder wie der rechtliche Status

definiert ist, kann heute demnach wieder

von einer polnischen Minderheit in

Bremen gesprochen werden. Allerdings

sind heute die Voraussetzungen für eine

Integration unter Beibehaltung der kulturellen

Identität der Polen in Bremen

besser als vor 100 Jahren.

Dr. Stefan Garsztecki

Universität Bremen

19 Ausführlicher dazu Nele Krampen, Zuwanderung

aus Polen und die katholische Kirche in

Bremen. Migration und Religion in der modernen

Gesellschaft, Hamburg 2005.

9


thema

Zwischen Polenstolz und europäischer

Gespräch mit drei polnischen Einwanderern über Identitäten

und das schwierige Verhältnis zu Deutschland

Fühlen Sie sich mehr als Pole (Polin) oder

als Deutscher (Deutsche) oder spielt das

für sie keine Rolle?

Magda Ziomek-Beims Ich fühle mich

mehr als Polin. Ich spreche mit meiner

Familie polnisch, mit meinen Freunden

polnisch und Deutsch (wenn ich kann,

bevorzuge ich es Polnisch zu sprechen).

Aber es ist alles gemischt.

Polnisch ist praktisch um einen bissigen

Kommentar zu machen, den nur Deine

Freundin verstehen soll. Ich spreche

auch oft polnisch zu Polen, auch wenn

sie Deutsch sprechen und auch wenn

es mehrere Leute im Raum gibt, die

kein Polnisch verstehen. Ich nehme mir

einfach das Recht, Polnisch zu sprechen,

obwohl das bestimmt manchem unhöflich

vorkommt.

Urszula Wöltjen Ich habe nur einen

einzigen Pass und der ist polnisch. Um

10

Gotteswillen, ich fühle mich überhaupt

nicht als Deutsche. Ich kann mir das gar

nicht vorstellen. Ich fühle mich absolut

wie eine Polin, zu hundert Prozent.

Piotr Sudol Ich fühle mich als Europäer.

Ich war auch der einzige, der bei der Fußball-Europameisterschaft

eine EU-Flagge

am Auto hatte. Ich spreche mit meinen

Freunden teils polnisch, teils deutsch.

Mit meinen Eltern polnisch, mit meiner

Freundin, die auch Polin ist, deutsch.

Haben Sie enge Beziehungen zu Polen?

Magda Ziomek-Beims Ich habe sehr

enge Beziehung zu Polen. Mit meiner

Mutter telefoniere ich sehr oft, ich bin

auch oft dort. Sowohl beruflich, als

auch im Urlaub oder um meine Eltern

zu besuchen. Ich habe dort Freunde, mit

denen ich in Kontakt bleibe,

Urszula Wöltjen Ich bin sehr glücklich

verheiratet mit einem deutschen Mann,

einem Bremer, Feuerwehrmann. Wir haben

auch eine 17jährige Tochter. Ich habe

einen deutschen Mann, aber das hat

keinen Einfluss auf meine Identität. In

der Familie spreche ich beides, deutsch

und polnisch. Mit meiner Tochter von

Anfang an fast nur polnisch. Mein

Mann unterstützt das sehr stark. Maria

ist zweisprachig aufgewachsen. Mein

Mann versteht sehr viel auf polnisch. Ich

habe weiter enge Beziehungen nach Polen.

Meine ganze Familie lebt dort. Wir

machen immer Urlaub in Polen. Auch

damit Marias Sprachkenntnisse weiter

verbessert werden. Das ist ein großer

Gewinn für unsere Tochter. Sie hat dort

Freunde und viele Kontakte.

Piotr Sudol Ich bin so vier bis fünfmal

im Jahr in Polen, aber seltener auf Familienbesuch,

sondern eher geschäftlich

für irgendwelche Projekte.


Vision

Pflegen Sie in Deutschland die polnische

Kultur, Sitten und Gebräuche?

Magda Ziomek-Beims Mich interessieren

neue Bücher, Musik und Film. Ich

lese manchmal polnische Zeitungen

(aber nicht die von hier wie Agora oder

andere Schmierblätter, wenn dann Internet).

In erster Linie aber bin ich eine

Europäerin.

Ich pflege in Deutschland polnische Kultur.

Ich sehe das als meine Arbeit. Mit

ein Paar Freundinnen haben wir den

Verein agitPolska gegründet. Es macht

wirklich Spaß, im Kulturaustausch aktiv

zu sein. Pflege ich polnische Sitten und

Gebräuche? Eher nicht. Manchmal

koche ich was polnisches, aber extrem

selten.

Piotr Sudol Für mich persönlich sind

die polnischen Sitten eher fremd.

Aber meine Eltern bringen das mit.

Weihnachtsfeiern z.B. werden immer

noch streng polnisch gehandhabt. Nur

den schönen polnischen Aberglauben,

den habe ich mir von meiner Mutter

bewahrt. Der ist in Polen ohne Ende

verbreitet. Wenn man etwa aus dem

Hause geht und zurückkommt, weil

man etwas vergessen hat, muss man

sich kurz hinsetzen. Sonst bringt es

Unglück. Ich bin eigentlich ein Mensch,

der an so etwas nicht glaubt, aber in

meinem Kopf ist das so gespeichert,

dass, wenn ich zurückkomme – auch

wenn keiner da ist – denke: ‚setz Dich

hin. Schaden kann´s ja nicht’.

Urszula Wöltjen Der Begriff ‚Europäisierung’,

den man heutzutage so

oft benutzt, ist soziologisch, politisch

und vielleicht auch kulturell unentbehrlich.

Für mich aber ist der Begriff

„Europäisierung“, „Europäer“ oder

„Pazifist“ oder „Mensch der Welt“ ohne

Bedeutung. Ich bin überall zu Hause.

Ich bin offen für alle Menschen, ich

lebe gerne, ich liebe die Menschen. Für

mich spielen solche Begriffe keine Rolle.

Heute lebe ich in Deutschland, Wenn

ich in Frankreich ein Angebot bekommen

hätte, hätte ich ohne zu überlegen

zugegriffen.

Welche Rolle spielt die Religion für Sie?

Magda Ziomek-Beims Ich bin Atheistin.

Religion spielt für mich keine Rolle.

Urszula Wöltjen Die Religion ist wichtig

für mich. Ich bin katholisch. Nicht alle

Polen sind katholisch. Jeden Sonntag um

13 Uhr besuche ich den Gottesdienst.

Das ist ein fester Punkt in unserer Familie.

Mein Mann ist evangelisch, der bleibt

dann zu Hause. Er kocht.

Piotr Sudol Die Religion spielt für mich

keine Rolle. Außer bei den Familienfeiern.

Da zieht man immer fleißig mit.

Wenn man in Polen ist und es gibt

einen religiösen Anlass, will man auch

nicht der Außenseiter sein. Da wird

extrem drauf geachtet. Wenn ich in der

Familie sagen würde, ich bin Heide und

mach da nicht mit - oha dann brauchte

ich gar nicht nach Polen zu fahren.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen

Zuwanderern aus Polen und den

Deutschen?

Magda Ziomek-Beims Das Verhältnis

ist verschieden. Je nach Mensch, je nach

Ausbildung, je nach Persönlichkeit.

Manche können in deutschen Gewässern

schwimmen, die anderen vermissen

nur Polen.

11


Piotr Sudol Mein Gefühl ist seit Jahren,

dass sich das Verhältnis zwischen

Deutschen und Polen bessert. Durch

die Grenzöffnung entstehen immer

mehr Verbindungen. Wenn man früher

durch Frankfurt/Oder fuhr, gab es

immer zwei Gruppen. Man merkte

sofort, wer Pole ist und wer Deutscher.

Jetzt vermischt sich das immer mehr.

Das finde ich herrlich. Damals hat man

immer noch eine Art – Feindseligkeit ist

übertrieben – Differenz bemerkt. Mir

fällt auf, dass in Polen Deutsche immer

mehr akzeptiert werden. Früher stand

der Deutsche auf einer anderen Stufe,

verdiente besser. Das war die allgemeine

Einstellung. Die existiert fast gar

nicht mehr. Das Selbstbewusstsein der

Polen hat sich enorm gesteigert. Wenn

man Anfang der 90er Jahre nach Polen

gefahren ist, wurde man behandelt,

wie aus einem UFO gestiegen, wie

ein Außerirdischer mit genug „Kohle“.

Dadurch, dass immer mehr Polen

hier arbeiten, auch legal arbeiten mit

eigenen Firmen, wissen die, dass es hier

auch nicht so rosig aussieht. Das macht

die Menschen gleicher.

Es spielt auch eine Rolle, dass es in

Polen inzwischen eine gut ausgebildete

Schicht gibt, die für sich Aufstiegschancen

sehen. Was fehlt, sind die Handwerker,

die sind weg. Die Hochschulabsolventen

sind noch im Land, aber die

Handwerker sind weg. Man versucht

Urszula Wöltjen, geboren in Łόdź, Zentralpolen, Industriestadt,

zweitgrößte Stadt Polens, 50 Jahre alt. Gründerin

einer deutsch-polnische consulting-Firma. Arbeitet vor

allem im Kulturbereich, organisiert Ausstellungen und

Veranstaltungen in Polen wie in Deutschland. Verheiratet

mit einem Deutschen, eine Tochter.

„Ich kam im Januar vor 19 Jahren nach Bremen. Aus meiner

Familie gab es vorher keine Zuwanderer nach Deutschland.

Meine Schwester ist nach Kanada emigriert. Ich habe

hier meinen Ehemann kennen gelernt und damit fiel die

Entscheidung, in Deutschland zu bleiben. Zwei, drei Jahre später habe ich ein

Studium an der Universität aufgenommen. Ich hatte vorher schon ein Studium in

Slawistik in Zagreb (Kroatien, damals noch Jugoslawien) absolviert. Hier konnte

ich damit nicht viel anfangen. Dann habe ich in Bremen Kulturgeschichte Südosteuropas

studiert, als Nebenfächer Soziologie und Polonistik. Nach Beendigung

meines Studiums suchte ich Arbeit, habe aber nichts für mich gefunden. Deswegen

habe ich mich entschieden, mich selbständig zu machen.“

mit allen Mitteln, sie wieder ins Land

zu holen. Beispiel ist mein Cousin, der

Bergbau studiert hat. Der arbeitet bei

Kattowitz, hat eine supergute Stelle auf

dem Gebiet des Umweltschutzes. Ich

habe letzte Woche mit ihm telefoniert

und da kam wieder die alte Schiene:

‚Bei Euch gehts wieder besser. Ihr habt

Bei der Durchsicht des

Haushaltsetats: „Leider

können wir uns in unser

gegenwärtigen Lage nur

ein gestohlenes Auto

leisten.“

Anspielung auf das vor

allem auch in Deutschland

verbreitete Vorurteil,

dass viele Autos von

Polen gestohlen würden.

Cartoon von

Andrzej Mleczko

doch sowieso alle Arbeit. Da läuft alles

super’. Dabei verdient er gutes Geld,

hat ein Haus, ein dickes Auto, drei

Kinder, eigentlich ein perfekt eingelebter

Mensch – aber trotzdem stellt

er mir Fragen, wo ich denke: Wenn Du

mal herkommen würdest und mich

für 8 Euro die Stunde arbeiten sehen

würdest, dann wüsstest du, in Polen ist

es für dich besser.

Urszula Wöltjen Die Polen, die hierher

gekommen sind, sind eine sehr heterogene

Gruppe, sie unterscheiden sich.

Und so unterschiedlich reagieren auf

sie die Deutschen.

Es gibt Polen, die sind zufrieden, dass

sie hier sind. Es gibt welche, die seit 20,

30 Jahren hier leben, immer unzufrieden

sind und trotzdem hier bleiben. In

den ersten Jahren, als ich nach Bremen

kam, war die Atmosphäre etwas anders

gegenüber Ausländern als heute.

Offener, etwas menschlicher. Heute stehen

soziale, finanzielle oder kulturelle

Probleme mehr im Vordergrund. Als ich

vor 20 Jahren kam, fühlte ich mich hier,

von der Bevölkerung (nicht von den

Beamten) willkommen.

12


Spüren Sie von Seiten der Deutschen

Vorurteile oder Diskriminierung?

Magda Ziomek-Beims Es ist nicht

einfach nach Deutschland zu kommen,

sich hier heimisch zu fühlen. Meine

Anfänge waren auch eher brutal. Klar

habe ich schwarz gearbeitet und habe

das heilige deutsche Gesetz damit gebrochen.

Aber das Gefühl, dass es nicht

so viele deutschen Freiwillige gibt, die

um vier Uhr morgens aufstehen um die

Büros für damals 10 DM zu putzen, hat

mich bis jetzt nicht verlassen.

Piotr Sudol, geboren am 31.3.1976 in Szczecin (Stettin)

Student der Freizeitwissenschaften, wohnt in Gröpelingen.

Piotr (von den meisten Peter genannt) kam 1985 aus

wirtschaftlichen Gründen nach Bremen. Seine Eltern bewirtschafteten

einen kleinen Laden, im kommunistischen

Staat keine einfache Sache.

„Es reichte zum Leben. Aber meine Eltern wollten mir eine

bessere Zukunft sichern und sahen sie eher hier als in

Polen. Sie haben alles stehen lassen - den Laden konnte

man nicht verkaufen - und sind erst einmal ohne mich

gefahren. Ich bin ein Jahr später nachgekommen. Das

war nicht so einfach. Ich bin quasi illegal über die Grenze gekommen, ohne die

nötigen Papiere.“

Piotrs Eltern bekamen eine Aufenthaltsgenehmigung, weil seine Großmutter

lange in Nazi-Deutschland als Zwangsarbeiterin bei einem Bauern in der Nähe

von Hannover gearbeitet hatte. Sie konnte immer noch etwas deutsch. Das hat

die Aufenthaltsgenehmigung für seine Eltern erleichtert. „Merkwürdigerweise

hat das für mich nicht geklappt. Deshalb musste ich hinten auf der Ladefläche

eines LKW nach Deutschland einreisen.

Urszula Wöltjen Als ich mit meiner

kleinen Tochter in der Straßenbahn saß

und mit ihr polnisch redete, sprachen

mich öfters ältere Damen an: „Was für

eine Sprache sprechen Sie?“ „Polnisch,

ach so. Und sagen Sie, sind Sie schon

lange hier?“ Einfach ältere Damen, die

sich gerne unterhalten wollten. Und oft

kam die Frage: „Sind Sie hier zufrieden

oder glücklich? Haben Sie einen deutschen

Mann?“ oder „Wie sehen Ihre

Schwiegereltern das?“ Dann habe ich

immer gedacht: was sollen die Fragen?

Was soll ich antworten? Ich habe einen

lieben Ehemann, eine gesunde Tochter,

wir sind alle gesund, wir haben keine

finanziellen Probleme, haben ein Haus,

fahren in Urlaub, warum soll es mir hier

schlecht gehen?

Wenn sie mich in Polen gefragt hätten,

wie geht es mir in Polen, wenn mein

Mann arbeitslos wäre, meine Tochter

krank, dann würde ich sagen: mir geht

es schlecht. Also es ist nicht so, dass es

mir hier gut geht, weil die Deutschen

gut oder schlecht sind. Ich lebe hier

zufrieden, nicht weil ich Deutschland

als Land so toll empfinde, sondern weil

ich privat glücklich bin.

Ich bin hier zufrieden, aber das heißt

nicht, dass ich nicht sehe, dass es viele

Probleme zwischen Polen und Deutschen

gibt. Ich denke, es funktioniert

immer weniger. Im europäischen

Kontext, laut Medien, funktioniert

die Integration immer besser. Aber im

deutsch-polnischen Verhältnis passieren

Sachen, die wirklich nicht gut

sind. Und sie werden nicht nur durch

die Medien immer wieder angespitzt.

Gleich was in Polen auf der deutschpolnischen

Ebene passiert, wird gerne

als antideutsch gesehen. Es genügt ein

einziger Pressebericht, z.B. im Express,

einer Zeitung, die ich nie im Leben auf

die Idee käme zu kaufen, so wie hier die

Bildzeitung.

Spielt die schmerzliche Vergangenheit

zwischen den beiden Völkern für Sie eine

Rolle?

Magda Ziomek-Beims Die Vergangenheit?

Meinen ersten Streit mit meinem

Mann hatte ich nach dem wir „Die

letzten Tage der Menschheit“ gesehen

haben. Ich war so wütend, als am

Ende der deutsche Wehrmachtsoldat

auf weißem Pferd, nackig, vor sich hin

jammert: ‚Wir waren nur Soldaten, wir

haben das alles nicht gewollt’. Ich hätte

den erwürgen können. Mein Mann hatte

aber die gleiche Meinung wie dieser

Soldat. Wir haben uns vier Stunden

lang nur angeschrieen.

Ja, die Vergangenheit spielt weiter für

uns Polen eine große Rolle

Piotr Sudol Die frühere Geschichte

hat für mich keine Bedeutung, für viele

Polen aber immer noch eine. Die ältere

Generation oder Leute vom Land hängen

noch an der Vergangenheit. Aber

mein Bekanntenkreis ist mit einer offenen

Weltauffassung groß geworden.

Urszula Wöltjen Die deutsch-polnische

Geschichte ist nicht einfach

gewesen und sie ist heute sehr kompliziert.

Es sind von Anfang an Fragen

und Probleme nicht aufgearbeitet und

nicht aufgeräumt worden. In dem Kontext

ist die europäische Vereinigung,

EU mit der gemeinsamen Verfassung

ein Kitsch, ein Versöhnungskitsch.

Noch vor einigen Jahren haben die

Deutschen das Gefühl gehabt oder nur

die Meinung vertreten, dass sie in der

Geschichte versagt haben und dass sie

noch viel gutzumachen haben. Heute

ist es nicht mehr so.

Nach der Wende überwog das Gefühl

uns bei dem EU Beitritt zu helfen.

Ist auch ok. Nun, die Hilfe soll allgemein,

nicht in Form der Belehrung

von dem deutschen Besserwisser zu

uns kommen. Als die Kaczynskis an

die Regierung kamen, oder wie man

es hier abwertend nannte „Kartoffel-

Regierung“, habe ich oft gehört, dass

wir Polen, die diese Regierung selbst

gewählt haben, vor der „Zwillingsdiktatur“

gerettet werden müssen, und am

besten von den Deutschen. Man muss

den Polen beibringen, was Demokratie

ist. Warum müssen sie uns das beibringen?

Wir bringen uns selbst bei, was die

Demokratie ist. Wir gehen unseren polnischen

demokratischen Weg. Vielleicht

ist das ein Umweg und dauert etwas

länger. Deutschland hat 50 Jahre De-

13


mokratie gelernt und ausgeübt, und….

sind hier alle glücklich? Dieses ständige

Gefühl der deutschen Überlegenheit.

Das ist etwas, was ich noch vor einigen

Jahren nicht so stark gefühlt habe,

denn die Beziehung der Deutschen

zu sich selbst war anders. Da gab es

zwischen den Deutschen das Gefühl

des schlechten Gewissens und das hat

den Kopf der Deutschen etwas gebeugt.

In den letzten Jahren hat sich in

dieser Sicht sehr viel verändert, in der

Selbstfindung der Deutschen. Heute

hört man, dass die Deutschen auch

Opfer des Krieges sind, dass sie sich als

Opfer des Krieges und der Vertreibung

fühlen. Vor 10, 15 Jahren hörte man das

Wort „Vertreibung“ nicht. Das waren

doch „Flüchtlinge“.

Können nach Ihrer Ansicht die Zuwanderer

aus Polen eine Brücke zwischen den

beiden Völkern bilden und hat für die Veränderung

im Verhältnis der Menschen der

Beitritt Polens zur EU eine Rolle gespielt?

Magda Ziomek-Beims Wir von agit-

Polska sind das beste Beispiel für einen

solchen Brückenschlag.

Piotr Sudol Die Zuwanderer aus Polen

spielen die Rolle einer Brücke eher

nicht. Für mein Gefühl haben diese Rolle

eher die Deutschen, die nach Polen

gehen. Polen gab es schon immer hier.

Sie haben nicht wirklich eine Brücke

gebildet im Sinne von kulturellen Verbindungen

oder gemeinsamen Aktivitäten.

Ich glaube, dass Deutsche, die

nach Polen gehen, sei es zum Arbeiten

oder zum Studieren, eher eine Brücke

schlagen können.

Spüren Sie persönlich Diskriminierung?

Urszula Wöltjen Ich habe nach Beendigung

meines Studiums Arbeit im

öffentlichen Dienst gesucht. Ich dachte

als man über die europäische Vereinigung

sprach und den Beitritt Polens zur

EU, man brauche Menschen mit einer

derartigen Ausbildung und Sprachkenntnissen

(Südslawistische Studien

in Jugoslawien Kulturgeschichte Ost

–Mitteleuropas, Polonistik, Soziologie

an der Uni Bremen). Aber immer wieder

stieß ich auf das Argument, dass ich

keine deutsche Staatsangehörigkeit

besitze. Wenn ich einen Antrag schrieb,

habe ich immer wieder eine negative

Antwort bekommen. Eine Bekannte aus

diesem Bereich sagte: ‚Die Situation ist

wie sie ist. Wenn wir auf den Tisch 15

Bewerbungen auf eine Stelle bekommen

und wenn da drei ausländische

Namen sind, dann finde ich meinen

Kandidaten unter den Zwölf, die anderen

mach ich nicht mal auf’. Ich fühlte

den Atem des Geistes, der hier in der

Bremer Jutefabrik im 19 Jh. geherrscht

hat, wo die Polen abgestempelt waren

als Ausländer, als Wanderer, ebenso

Magdalena Ziomek-Beims, 34, Kunsthistorikerin, Kulturschaffende,

Mitbegründerin agitPolska e.V., Tresenkraft,

gelegentlich Übersetzerin, zur Zeit angestellt beim

Ortsamt Mitte / Östliche Vorstadt, geboren in Białogard.

„Ich habe mit 26 in Posen meinen Mann kennengelernt.

Er machte zusammen mit seiner Schwester in Posen Urlaub.

Sie hat polnisch gesprochen, da sie mit 16 ein Jahr in

Polen als Austauschschülerin verbracht hat. Ich habe mich

mit ihren Bruder auf Englisch unterhalten. Das war Liebe

auf den ersten Blick.

Nach zwei Tagen bin ich mit den beiden nach Bremen gefahren.

Es lag auf dem Weg nach Lingen, wo ich auch wegen meiner Dienstreise

sein musste (ich habe für Cordes Greaf in Polen gearbeitet).

Ich habe mich in Bremen auch auf den ersten Blick verliebt und entschieden hierher

zurück zu kommen. Nach einem halben Jahr habe ich meine Arbeit in Polen

gekündigt und bin in Bremen gelandet.“

wie später die Spanier, Türken oder

Griechen: einsetzbar nur für bestimmte

Arbeiten, aber wenn es um etwas mehr

geht, dann spielt die Staatsangehörigkeit

eine wichtige Rolle.

Ich habe vor kurzem eine Veranstaltung

gemacht, eine Veranstaltung mit

einem Konzert über Arthur Rubinstein,

und ein paar Monate später eine große

Ausstellung über die polnische Buchkunst.

Für kurzfristige Projekte, die ich

selbst schaffe, bin ich schon gefragt,

aber dass ich eine feste Stelle in diesem

Bereich bekomme, das gibt es leider

nicht.

Ich habe mal gehört, wie eine deutsche

Sozialarbeiterin, die in Osterholz Tenever

für internationale Integrationsprojekte

der hiesigen Ausländer zuständig

ist, sagte, was für tolle Projekte sie dort

machen. Aber als ich sie gefragt habe,

wie viele Ausländer beruflich dabei

tätig sind, sagte sie: keine. Wo gibt es

das, dass man Projekte über Ausländer

ohne Ausländer realisiert.

Da sieht man, das Gerede von den deutschen

Bemühungen um die Integration

der Zuwanderer ist nur Rhetorik. Ich

glaube daran nicht. Wenn ich komme

mit meiner polnischen Herkunft und

dazu meine Meinung anders ist als die

deutsche Meinung - und die liegt ab

und zu quer – das wird hier nie als eine

Bereicherung oder Herausforderung

gesehen. Wozu sollen die Ausländer die

deutsche Geschichte oder die deutsche

Demokratie und die deutsche Sprache

lernen, wenn man sie in Wirklichkeit

nicht hören möchte.

Magda Ziomek-Beims Diskriminierung?

Ich finde das lustig, wenn Leute

enttäuscht sind, dass ich aus Polen

komme. Sie finden polnische Abstammung

so banal…

Seit dem EU-Eintritt muss man nicht

mehr mit der Ausländerbehörde was zu

tun haben. Was jeder Mensch bestimmt

begrüßt. Ich habe mich nie so elendig

gefühlt wir dort. Mein Pass wurde von

eine Beamtin auf den Fußboden geworfen

usw. Ich habe mich wie Dreck gefühlt

und geheult, schon, als ich wusste,

dass ich dorthin musste. Werden die

Leute, die in Ausländeramt arbeiten in

Psychoterror geschult?

14


Piotr Sudol Der EU-Beitritt war sehr

wichtig. Es gibt allerdings in Polen

noch stärkere nationale Strömungen

als hier. Ich hatte hier nie Probleme

mit Rechtsextremisten, mit nationalistischer

Gewalt. Aber in Polen spürt man

das schon in manchen Gegenden, besonders

in ländlichen Gebieten, wenn

Leute mitkriegen, man ist Deutscher,

kann es schon problematisch werden.

Allerdings habe ich persönlich keine

Gewalttätigkeiten erlebt.

In Polen gab es lange Zeit eine Geschichtssicht,

die die Polen ausschließlich als Opfer,

die Deutschen als die Bösen sah. Gibt

es da neue Entwicklungen?

Piotr Sudol Ich kann natürlich nur

aus meinem Bekanntenkreis sprechen.

Da sind alle schon so weit offen für die

Einsicht, dass auch von Polen schlimme

Sachen verübt wurden. Sie waren nicht

nur Opfer sondern auch Täter gegenüber

den Juden. Das ist natürlich meine

Altersklasse. Wenn ich das meiner

Oma erzählen würde, die geriete völlig

aus dem Häuschen. Da gibt es jetzt

richtige Spannungen in Polen. Es gibt

immer mehr Bücher über Gewalttaten

von Polen an Juden, was bisher ein

Tabuthema war. Einer der bekannten

Autoren hat zahlreiche Morddrohungen

erhalten. Dieser Nationalismus und der

Opfermythos spielt immer noch eine

große Rolle. Es gibt immer Menschen,

die große Angst haben davor, dass die

Deutschen wiederkommen und uns

unser Land wegnehmen. Das ist natürlich

auch eine Masche, um bei der EU

Geld einzufordern. Aber ich meine, dass

die Menschen, die heute hier arbeiten,

nicht mehr die Untaten der Nazis auftischen

sollen. Ich bin kein Verfechter

davon, dass die Vergangenheit unter

den Tisch gekehrt wird. Denkmäler und

die Behandlung der Nazizeit im Geschichtsunterricht

muss es geben. Aber

mit finanziellen Zahlungen dafür muss

mal Schluss sein. Man muss selbst die

Fähigkeit und den Stolz haben, etwas

aufzubauen.

Das Schweigen

Es muss die Hölle für das kleine Mädchen gewesen

sein, in der Schule und von den Kindern im

Viertel als „Polackin“ verhöhnt und ausgegrenzt

zu werden. Wenn Marianne Schneider aus der

Bromberger Straße in Gröpelingen von ihrer polnischen

Mutter erzählt, begreift man, warum die

Geschichte der frühen Einwanderer aus Polen nahezu

vergessen ist.

Ihr Großvater, Stanislaus Kuzmin, wurde am 15.

Februar 1889 in Hutka/Tschenstochau geboren.

Stanislaus Kuzmin war arm. Auf der Suche nach

Arbeit kam er 1914 nach Bremen. Er arbeitete auf

der Norddeutschen Hütte wie viele seiner Landsleute.

1914 bestand die Hälfte der Belegschaft aus

polnisch sprechenden Arbeitern.

Seine Tochter, Kasimira wurde 1920 geboren. Sie hat sich immer als Außenseiterin

gefühlt, berichtet Marianne Schneider. Sie schämte sich, Polin zu sein und versuchte

ihre Herkunft mit allen Mitteln zu verbergen. Kasimira ließ sich „Else“ nennen.

Eine Heirat mit ihrer großen Jugendliebe verschmähte sie. Denn ihr Liebster

hieß Wenzel Krupczak und war ebenfalls Pole. Stattdessen ehelichte sie einen

Deutschen. Die Ehe wurde später geschieden. Erst als sie 60 Jahre alt wurde, und

ihre alte Liebe mit einem großen Rosenstrauß wieder auftauchte, haben beide zusammengefunden.

Mutter, Tochter und Großvater

wohnten gemeinsam in

der Bromberger Straße. Aber

über die polnische Herkunft

wurde in der Familie wie im

Verwandten- oder Bekanntenkreis

nicht gesprochen.

„Ich habe mich auch nicht dafür

interessiert, weil das alles

so negativ besetzt war,“ sagt

Marianne Schneider. Es fanden

sich auch nur ganz wenige

Dokumente aus dem Leben ihres Großvaters. Ein Entlassungsschein der Norddeutschen

Hütte vom 31. Dezember 1954. Laut diesem Dokument war Stanislaus Kozmin

41 Jahre als Kokereiarbeiter mit der gefährlichen und schmutzigen Arbeit an

den Koksöfen beschäftigt.

Ein 1970 ausgestellter Fremdenpass ist noch vorhanden. Stanislaus Kozmin ist nie

deutscher Staatsangehöriger geworden. Sonst existiert kein Foto, kein schriftliches

Zeugnis. Stanislaus Kozmin konnte weder lesen noch schreiben. So ist dieser Teil

der Familienbiographie untergegangen. Ebenso wie viele deutsch-polnische Familiengeschichten,

die nie erzählt wurden, weil unter dem Diskriminierungsdruck der

Mehrheitsgesellschaft die ehemaligen polnischen Einwanderer sich ihrer Herkunft

schämten.

Eike Hemmer

Die Fragen stellten

Iwona Bigos und Eike Hemmer

Abbildungen: Spärliche Erinnerungsstücke an Stanislaus Kozmin: der Fremdenpass, in dem

alle zwei Jahre die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis bescheinigt wurde, der Entlassungsschein

der Norddeutschen Hütte nach 41 Jahren Arbeit als Kokereiarbeiter und die

Todesanzeige des Werkes mit dem Dank für „treue Dienste“.

15


thema

Abb. rechts: Rafał Jakubowicz „Arbeitsdisziplin“,

aus der Ausstellung „Nachbarn. Deutsche Motive

in der polnischen Gegenwartskunst.“

Keine schöne Überraschung

Nachbar Deutschland in der jungen polnischen Kunst

Im Sommer 2007 präsentierte agitPolska

e.V. während des Festivals der Kulturen

altonale9 in Hamburg die Ausstellung

„Nachbarn. Deutsche Motive in

der polnischen Gegenwartskunst“. Die

Ausstellung wurde von Jarosław Lubiak

und Kamil Kuskowski kuratiert. Das

Thema erschien uns aufgrund der damaligen

angespannten politischen Lage

zwischen Polen und Deutschland sehr

aktuell.

Ich wusste allerdings nicht, wie sehr sich

meine Vorstellung über dieses Thema,

ich bin eine seit Jahren in Deutschland

lebenden Polin, von der tatsächlichen

künstlerischen Wirklichkeit unterscheidet.

Die Kuratoren wählten Arbeiten

bekannter polnischer Künstler aus, die

sich in ihren Werken mit dem Thema

„deutsch“ und „Deutschland“ beschäftigt

haben. Dabei griffen sie nicht auf

die gegenwärtig gängigen Themen zurück,

sondern setzten sich vor allem mit

der deutschen Vergangenheit, Nationalsozialismus

und Krieg, auseinander.

Die präsentierten Arbeiten wurden

nicht gezielt für die Ausstellung angefertigt,

sondern nur durch die Kuratoren

dafür ausgewählt. Mit der Ausnahme

von Józef Robakowski sind es Arbeiten

von Künstlern der jüngeren Generation,

die von dem Kriegstrauma nicht direkt

berührt wurden. Desto überraschender

war, dass „Das Deutschtum“ überwiegend

mit dem Nationalsozialismus und

dem Holocaust gleichgesetzt wurde.

Wenn man die Auswahl der Werke als

repräsentativ für die wichtigsten deutschen

Motive in der polnischen Gegenwartskunst

betrachtet, stellt sich die

Frage warum überwiegend das Faschistische

Deutschland?

Ist weiterhin das Bild des Deutschen im

polnischen Bewusstein dem Mann in

SS-Uniform gleichzusetzen?

Warum kommt beim Anblick des Stacheldrahts

in der Arbeit von

Rafał Jakubowicz (siehe Abbildung

oben) sofort die Assoziation

mit dem Konzentrationslager

auf?

Warum sind solche Gedankenverknüpfungen

noch 60

Jahre nach dem Krieg weiterhin

so präsent?

Sind dies die Folgen unserer

antideutschen Erziehung,

angefangen mit der Legende

über die Wanda, die den

Deutschen nicht wollte,

über die populären Witze

aus der Reihe „Pole, Russe und der Deutsche“,

bis zu beliebten Kinderserien wie

„Vier Panzerfahrer und ein Hund“ oder

„Oberst Kloss“.

Oder sind diese Arbeiten, die sich mit

dem Motiv der Shoa auseinandersetzen,

ein Teil des gegenwärtigen Trends der

letzen Jahre? In denen der Holocaust

wieder in der Kunst, nicht nur in Polen

sondern auch in anderen Ländern des

Westens modern wurde?

Mit Sicherheit zwingen die berühmten

Arbeiten von Zbigniew Libera „Die Einwohner“

und „Radfahrer“, oder die seitenverkehrte,

geknebelte Swastika von

Leszek Knaflewski zu einer tiefen Reflexion

über diese so wichtige Zeit der

deutschen Geschichte. Sie hinterließen

bei den Ausstellungsbesuchern einen

enormen Eindruck, so enorm und tiefgreifend,

dass einige erschütterte Gäste

die Vernissage nach wenigen Minuten

verließen, ohne den kleinsten Versuch

zu starten sich auf eine künstlerische

Diskussion einzulassen.

Iwona Bigos

agitPolska e.V.

Teilnehmende Künstler:

Tomasz Bajer / Marcin Berdyszak / Arti Grabowski

/ Rafał Jakubowicz / Paweł Jarodzki /

Łódż Kaliska / Grzegorz Klaman / Leszek Knaflewski

/ Kamil Kuskowski / Leszek Lewandowski

/ Zbigniew Libera / Robert Maciejuk / Monika

Kowalska, Grzegorz Kowalski Zbigniew Sejwa

/ Aleksandra Polisiewicz / Józef Robakowski

/ Przemysław Truściński / Wunderteam

Abb. links: Leszek Knaflewski, Good mit uns, 2004

16


Strafe und Verbrechen

Oben: Videostill aus: Strafe und Verbrechen

Ausstellung von Katarzyna Kozyra

10.10.2008-16.11.2008

Neues Museum Weserburg

Eröffnung: Freitag, 10.10.2008 um 19 Uhr

Die 45-jährige polnische Künstlerin Katarzyna Kozyra eckt wie kaum eine andere Künstlerin an. Mediale Berühmtheit

erlangte sie durch ihre Diplomarbeit Tierpyramide (1993), inspiriert durch das Märchen Die vier Stadtmusikanten

der Gebrüder Grimm. Das Kunstobjekt besteht aus aufeinander gestellten toten, ausgestopften Tieren - einem Pferd,

einem Hund, einer Katze und einem Hahn. Im Jahr 1995 hat sie eine Serie großformatiger Fotos mit dem Titel „Blood

Ties“ kreiert, die nackte Menschen vor dem Hintergrund religiöser Symbole inszeniert. Nun ist sie mit einer aktuellen

Arbeit im Neuen Museum Weserburg zu sehen.

Die Videoinstallation von Katarzyna Kozyra

- Strafe und Verbrechen, die 2003

zum ersten Mal in New York präsentiert

wurde, basiert auf unterschiedlichen Widersprüchen:

Zwischen dem, was wir erwarten

und dem, was wir tatsächlich bekommen.

Zwischen dem, was wir sehen

möchten und dem, was wir wahrnehmen

können. Zwischen dem, was wir sehen

und dem, was wir wissen. Zwischen

dem was wir wissen, und dem, was wir

lesen. Zwischen dem, was wir lesen und

dem, was wir erwarten zu lesen. Schon

der Titel „Strafe und Verbrechen“ ist

ein Spiegelbild des Titels eines anderen

Werkes, das immer im Bewusstsein des

durchschnittlichen Lesers präsent ist. Es

erscheint uns als ein Fehler, als ein Widersinn

zu unseren Gewohnheiten und

der Logik. Warum zuerst die Strafe und

dann das Verbrechen? Und welches Verbrechen?

Das Verbrechen erkennt man

sofort in den letzen Filmszenen auf der

großen Leinwand. Und es ist kein happy

end, die Protagonisten brechen nicht in

Richtung der untergehenden Sonne auf.

Und auch wenn die Sonnenstrahlen die

Räume zwischen den Baumzweigen beleuchten,

bestrahlen sie auch die an ihnen

schwebenden Gestalten der Aufgehängten.

Die Strafe sieht und hört

man auf der zweiten großen Leinwand.

Der Kurzfilm, komponiert wie ein Trailer,

zeigt nur starke Akzente, den zersprengten

Schuppen, den in die Luft gehenden

Wagen, die Explosion, das Feuer,

die Patronengürtel der Maschinengewehre

und die Flammenwerfer. Die Protagonisten

tragen gleiche pin up girl –

Masken, Perücken und die Patronengürtel

wie Halscolliers. Von Zeit zur Zeit bei

verlangsamten Lauf des Filmes nimmt

man die Schönheit der zerstörerischen

Aktivitäten wahr.

Man kann versuchen den Sinn dieser

Taten zu verstehen, indem man die auf

fünf Fernsehern laufenden Filme sich

ansieht. Jeder Film ist eine zweistündige

Aufzeichnung der Tätigkeiten: Detonationen,

Explosionen und Schüsse, die

in den gezeigten Trailern benutzt wurden.

Die Konstruktion (das Aufstellen

des Schuppens, Vorbereitung des Autos)

führt zu der Destruktion – Zerstörung.

Was ist die Wirklichkeit und was ist der

Film? Was ist Dokument, was ist die Phantasie?

Welches Geschlecht haben die

Protagonisten und wozu tragen sie diese

niedlichen Frauenmasken? Das weibliche

Grundelement mischt sich mit dem

männlichen. Wo ist die Wahrheit, und wo

das Falsche? Und ist dieses Feuerwerk eine

Mystifikation oder ist es das wirkliche

Dynamit?

In ihren Arbeiten bewegt sie sich im Bereich

kultureller Tabus und nimmt Bezug

auf die körperliche Natur des Menschen,

die Stereotypen und Verhaltensweisen

im sozialen Kontext. Sie hinterfragt

und überwindet sie, in dem sie Kontroversen

entfacht und sich (gewöhnlich)

selbst der Kritik der empörten Kritiker

stellt. Sie zwingt uns zum Überdenken

und Überprüfen der festgelegten Wertordnungen

durch die Enthüllung der Realität.

Hanna Wróblewska

Übersetzung: Iwona Bigos

www.katarzynakozyra.com.pl

17


Licht(h)aus

Ausstellung im LICHTHAUS

Hermann Prüser Str. 4

Bremen-Gröpelingen

26.09.2008-12.10.2008

Eröffnung: Freitag 26.09.2008,

20.30 Uhr

geöffnet: Dienstags - Sonntags

20.30-23.00 Uhr

Licht(h)aus

Aktuelle Kunst aus Polen und Bremen in Gröpelingen

Die von agitPolska e.V. kuratierte Ausstellung

„Licht(h)aus“ führt ausgewählte

künstlerische Werke aus Bremen und

der Partnerstadt Danzig zusammen, die

sich mit dem Thema Licht auseinandersetzen.

Bei „Licht(h)aus“ geht es um

Licht als Quelle künstlerischer Ideen,

als Ausgangspunkt differenzierter

Empfindungen und als technische

Voraussetzung zur Erschaffung neuer

Wirklichkeiten.

Angefangen mit dem Licht als Helligkeitsquelle

in der Installation von

Dominika Skutnik, über Fotografien

von Anna Solecka als Dokumentation

eines Lichtmomentes oder von Jan

Meier als Ablichtung der Wirklichkeit,

die einerseits reale Orte darstellen,

anderseits als Film-Location fungieren.

Gezeigt wird auch die andere Seite des

Lichts, als Mittel zur Erschaffung der

beindruckenden Schatteninstallationen

von Constantin Jaxy und weiter

als Ausgangspunkt für ein interaktives

Lichtobjekt von Dorota Walentynowicz.

An die Metapher des Wortes „Licht aus“

knüpft die Videoinstallation sterbender

Einkaufspassagen des Künstlerinnenpaares

Karska&Went an.

Der ideale Ort dieser Ausstellung ist

das Lichthaus in Bremen, das ehemalige

„Arbeiteramt“ der A.G. „Weser“,

welches nicht nur Pate für den Namen

der Veranstaltung ist, sondern mit

seinen besonderen Lichtverhältnissen

auch inhaltlich zum Thema der Ausstellung

wird.

Die Ausstellung wird nur nach Sonnenuntergang

präsentiert.

Teilnehmende Künstler

Constantin Jaxy (Bremen), Jan Meier (Bremen),

Alicja Karska und Aleksandra Went (Danzig), Dominika

Skutnik (Danzig), Anna Solecka (Bremen),

Dorota Walentynowicz (Danzig)

Eine Ausstellung von agitPolska e.V. – die Polnisch-Deutsche

Initiative für Kulturkooperation.

Mit freundlicher Unterstützung

der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit,

des Generalkonsulats der Republik Polen in

Hamburg,

der Stadt Danzig

des Senators für Kultur Bremen

Nordmedia

und der Lichthaus Verwaltungsgesellschaft mbH

Unser besonderer Dank gilt der Bremischen

Bürgerschaft und der Bremer Heimstiftung, den

Ausrichtern des Bremer Kunststipendiums.

18


Ein ständiges Abenteuer

Der Verein agitPolska e.V. vermittelt zwischen deutscher und polnischer Kultur

Ein persönlicher Blick in die Arbeit des jungen Teams

Die Gründer von agitPolska e.V. kommen aus Polen, haben aber Deutschland als ihre Lebensmitte gewählt. Sie haben

sowohl einen lebendigen Kontakt zu ihrem Herkunftsland als auch einen geschärften Blick für die kulturellen

Phänomene in ihrer Wahlheimat. Sie gehen als Kunsthistoriker, Polonisten und Theaterwissenschaftler die Fragen

einer internationalen Begegnung individuell und unterschiedlich an. Dennoch sind sie sich darin einig, dass die Begegnung

zwischen Deutschland und Polen über den Weg der Kunst und Kultur intensiviert werden kann.

Da war ich also: Hermann Prüser Straße

Nummer 4 – das Lichthaus. Glücklicherweise

hatte Iwona mir im Vorfeld eine

Wegbeschreibung gegeben, denn sonst

hätte ich es wahrscheinlich nie gefunden,

so weit außerhalb von der Innenstadt.

Nun musste ich in diesem Haus

das Büro von agitPolska finden. Ich hatte

mir ein großes, helles Zimmer vorgestellt.

Das agitPolska-Büro entsprach

dem nicht ganz. Zunächst einmal befindet

sich das Büro im Keller des Lichthauses.

Ganz hell ist es auch nicht, denn

Licht fällt nur durch Oberlichter herein.

Es ist immer noch sehr ungewohnt für

mich, wenn Menschen an unseren Bürofenstern

vorbeigehen - denn ich kann

nur ihre Füße sehen! Aber das alles sind

Dinge, die unseren Büroalltag nur lustiger

machen. Ich werde nie den Gesichtsausdruck

eines verwirrten Besuchers

vergessen, als er uns beim Hereinkommen

erblickte. Während draußen

die Sonne schien und das Thermometer

30 Grad im Schatten zeigte, saßen

wir in Pullovern, mit heißem Tee in

der Hand vor unseren Computern. Denn

in so einem Kellerbüro bleibt es einfach

kalt, egal wie warm es draußen ist.

Gearbeitet wird unter hohem Druck.

Gestresst sind wir am meisten, wenn

die Projekte endlich stattfinden. Man

möchte sich am liebsten in mehrere

Teile teilen, um überall sein zu können,

denn man wird überall gebraucht. Aber

das alles macht uns nichts aus, denn

wir wissen, wofür wir das alles tun. Wir

möchten die polnische Kultur den Deutschen

näherbringen und andersrum,

Vorurteile und Stereotypen abschaffen

und die Menschen für die ausländische

Kultur begeistern.

Wir arbeiten für die Kulturverständigung

zwischen Deutschland und Polen,

indem wir Feste, Ausstellungen, Lesungen

etc. organisieren. Anfang 2006

fand eine Veranstaltungsreihe unter

dem Titel „Junges Polen“ im Rahmen

des deutsch-polnischen Jahres und der

Städtepartnerschaft zwischen Bremen

und Danzig, statt. In Kooperation mit

anderen Organisationen wurden eine

Ausstellung „comics nach polnischer

art. komiksy po polsku“, ein Hip-Hop-

Konzert, ein polnisches Kurzfilmfestival

und ein Jazz-Konzert organisiert.

Im Juni 2007 organisierte agitPolska eine

große Ausstellung unter dem Titel

„Nachbarn. Sąsiedzi.“ Die Ausstellung

zeigte die Verarbeitung von Deutschlandbildern

in der polnischen Gegenwartskunst.

Ein Projekt, das jährlich organisiert wird

und grossen Zuspruch beim Publikum

findet, ist die „Jazzbridge“. Hier findet

ein Kulturaustausch zwischen Musikern

aus Bremen und Danzig statt. Dieses

Jahr kamen zwei weitere deutsche Städte

dazu: Hamburg und Berlin.

Das nächste Projekt, das bereits in den

Startlöchern steht, ist „POLEN SEHEN“

in Bremen, ein Kulturfestival vom 5. bis

12. Oktober. Bei keinem anderen Projekt

wird für die Bremer so viel Polen geboten:

Konzerte, Lesungen, Ausstellungen,

polnische Küche, Fußballspiele und noch

vieles mehr. Und nicht zu vergessen die

imponierende Ausstellung im LICHT-

HAUS, dem Sitz von agitPolska.

Olga Rudi

Mehr über agitPolska unter: www.agit-polska.de

Kleines Team, effektive Strukturen

Meine wichtigsten Ansprechpartner

während meines Praktikums sind die

beiden Vorsitzenden Magdalena Ziomek-Beims

und Iwona Bigos, und die

Schatzmeisterin Camilla Kloß. Die meisten

Büroalltage laufen ähnlich ab, Milla,

Iwona, ich und Iwonas Hund Cudna

sind im Büro und mit unseren Aufgaben

beschäftigt. Gegen Mittag kommt Magda,

die am frühen Morgen meist schon

wichtige Telefonate erledigt und wichtige

Partner getroffen hat.

Der Vorstand von agitPolska, v.l.n.r.: Iwona Bigos, Camilla Kloß, Magdalena Ziomek-Beims

19


Interview mit Pfarrer Zdzisław Turek

Polnische Katholische Mission

Eine eigene polnische Kirche

wäre ein Traum

Jedes Wochenende besuchen in Bremen über 1.000 polnischsprachige

Katholiken die drei polnischen Messen, die in Bremen gefeiert

werden. Die polnische Mission zählt mit ihren mehr als 4.500

offiziellen Gemeindemitgliedern zu der mit Abstand größten ausländischen

Gruppe von Katholiken in Bremen. Aber die geschätzte

Zahl von Katholiken, die einen polnischen Hintergrund haben,

geht weit darüber hinaus. Prof. Krasnodębski spricht von 10.000 -

30.000 Menschen in Bremen mit einem polnischen Hintergrund.

Wie viele dieser Menschen zu den 62 581 katholischen Einwohnern

in Bremen gezählt werden, bleibt Spekulation. Schaut

man sich die Namen in den katholischen Gemeinden in Bremen

an, sieht man jedoch deutlich, dass der polnische Hintergrund

sich nicht nur auf die Mitglieder der Polnischen Mission

beschränkt.

Die katholische Kirche in Bremen ist durchgängig von der Zuwanderung

aus diesen Gebieten geprägt. Bereits die zweite Kirche

in unserer Stadt, die St. Marien Kirche in Walle wurde 1898

auf Grund der Zuwanderung von polnischen Textilarbeitern

und -arbeiterinnen in der Bremer Jute und im Hafen gebaut.

Die historischen Wurzeln der Mission beziehen sich direkt auf

die Nachkriegszeit, als ehemalige polnische Zwangsarbeiter

als Displaced Persons in Lagern untergebracht wurden und die

Pfarrer, die sich unter diesen Menschen befanden, ihren Schicksalgefährten

die Sakramente auf Polnisch ermöglichten. Erst

nach 1949 werden polnische Messen auch außerhalb der Lager

gefeiert.

1977 wurde die heutige Polnische Katholische Mission offiziell

gegründet. Durch die Zuwanderungswellen in den achtziger

Jahren wuchs die Gemeinde auf ihre heutige Stärke. Seit 2006

wird sie von dem Pfarrer Zdzisław Turek betreut.

Zdzisław Turek war von 2001-03 in der Polnischen Katholischen

Mission in Hannover als Kaplan tätig und von 2004-06 als Sekretär

in der Delegatur der deutschen Bischofskonferenz unter der

Leitung vom Delegaten Pfarrer Stanisław Budyń, dem Vertreter

der deutschen Bischofskonferenz für die polnischsprachige Seelsorge

in Deutschland. Er kam als Nachfolger von Pfarrer Kownacki

nach Bremen.

Sie sind vor zwei Jahren von Hannover nach Bremen

gekommen. Nehmen Sie Unterschiede wahr?

Zu meiner wichtigsten Aufgabe in der Katholischen

Mission zählt die Seelsorge. Die Betreuung,

die Katechese sowie die Sakramentenvorbereitung

der Gemeindemitglieder. Diese Aufgaben

sind in jeder Gemeinde sehr wichtig und ähneln

sich auch. Die Vorbereitung der Kinder zur

Kommunion, Firmung. Eheschließungen, Taufen,

Begräbnisse.

Wie groß ist Ihre Gemeinde?

Über 4.000 Gemeindemitglieder mit polnischem

Pass. Ca. 4.000 Leute aus der Diözese Osnabrück

und 700 bis 800 aus der Diözese Hildesheim, die

wir auch betreuen. Insgesamt sind in Bremen also

mehr als 4.500 Katholiken mit polnischem Pass.

Aber zu den Hl. Messen kommen neben ihnen

auch Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft,

oder solche, die auch nur einen deutschen Pass

haben. In die Kirche kommen alle, die das Bedürfnis

haben auf Polnisch zu beten. Auch Ostpreußen

und Schlesier.

Wie viele Menschen nehmen an den Gottesdiensten

teil?

Ca. 1000 Menschen. Dann gibt es noch die Katechese,

zu der sich die Kinder um 12.00 Uhr im

Gemeindehaus auf der Domsheide und in der St.

Johannisschule treffen und im Anschluss mit den

Katecheten um 13.00 Uhr in die Kirche kommen.

Wir feiern drei Gottesdienste in Bremen: St.

Johann, St. Elisabeth (die Kirche gehört nach der

Neuordnung jetzt zur Gemeinde St. Johann, und

seit kurzem in der St. Nikolaus Kirche in Gröpelingen.

Wir freuen uns, dass wir dort die Hl. Messe

feiern können.

20


Bei so einem aktiven Gemeindeleben,

gibt es da nicht den Wunsch nach einer

eigenen Kirche?

Das ist ein Traum. So ist es ja normalerweise

in einer Gemeinde, dass man

einen Ort hat. Zurzeit sind wir eine

Personalgemeinde, die sich aus vielen

Menschen aus dem gesamten Stadtgebiet

zusammensetzt. Wir freuen uns

sehr, dass wir Gäste in den Gemeinden

sein dürfen, aber es wäre natürlich

wünschenswert, wenn wir eine eigene

Kirche hätten. Das ist ja ganz normal,

dass eine Gemeinde einen Ort haben

möchte.

Gibt es Beispiele von polnischen Missionen

mit einer eigenen Kirche?

Ja, die gibt es. In Hannover wurde z.B.

nach dem Krieg eine Kapelle von ehemaligen

polnischen Zwangsarbeitern

gebaut. Nachdem das Lager aufgelöst

und in der Nähe eine neue Kirche

erbaut wurde, erhielten die polnischen

Gläubigen eine eigene Kapelle. Später

wurde auch ein Pfarrheim erbaut, was

nachträglich wesentlich vergrößert

wurde und in dem sich bis heute das

Gemeindeleben der polnischen Mission

abspielt.

Vor dem Hintergrund, dass es in den letzten

Jahren keine großen Zuwanderungswellen

mehr gegeben hat, wie sehen sie

die Zukunft der Gemeinde?

Bislang sind es nicht weniger Gemeindemitglieder

geworden. Es kommen

auch immer noch neue Gemeindemitglieder

dazu. Zum Beispiel halte ich von

Mai bis August einen Gottesdienst für

die polnischen Saisonarbeiter in Sulingen

60 Kilometer von hier, der von 60

bis 200 Gläubigen besucht wird.

Oben: Polnische Frömmigkeit: symbolischer Besuch des Grabes jesu vor Ostern.

Unten: Katholischer Gottesdienst in polnischer Sprache - immer gut besucht.

[Fotos: Polnische Katholische Mission]

Welche Funktion hat die polnische Mission

in Bremen. Ist sie eine dauerhafte Einrichtung

oder ein Instrument des Übergangs?

Hier geht es um die Frage von Integration

oder Assimilation. Die polnischsprachigen

Leute sind sehr gut integriert.

Sie haben sich nicht abgeschottet und

sprechen auch sehr gut deutsch. Aber

sie möchten auf Polnisch beten. Die

polnische Messe „schmeckt“ ihnen

einfach besser. Das ist auch so, wenn

21


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operiert in einem Zukunftsmarkt. Im Rahmen unserer Expansion im

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Deutsche im Ausland wohnen. Auch Ankunftsgesellschaft. Daraus entwickelt

sich das, was man als dritten Wert

die freuen sich, wenn sie auf Deutsch

beten können.

bezeichnet. Sie bleiben loyal gegenüber

dem Land, in dem sie leben und

Und wie steht es dann mit der nächsten arbeiten. So bereichert es nicht nur das

Generation, die in Deutschland geboren Individuum, sondern die ganze Gesellschaft.

wird und aufwächst?

Auch die zweite Generation gräbt in Die Polnische Mission ist ein Ort an

den kulturellen Schätzen der eigenen dem das Kirchliche und das kulturell

Herkunft. Sie nehmen das Gute aus Polnische eine Verbindung eingehen.

der Herkunftsgesellschaft und der Wie der Schlussstein in einem go-

BLG_2008-09-06_Nachwuchs_MW_sw:_ 04.09.2008 15:51 Uhr Seite 1

tischen Gewölbe verbindet sie beides.

Das Kirchliche aber auch die polnischen

Feste, Speisensegnung, polnische

Traditionen und polnisches Liedgut. Wir

haben in diesem Jahr zum ersten Mal

„Grab Gottes“ durchgeführt. Neben der

Speisesegnung am Samstag vor Ostern

ist es auch in jeder Kirche Polens üblich,

symbolisch das Grab Jesu zu besuchen.

Fast 5.000 Mitglieder der polnischen Mission

und 1.000 Besucher der polnischen

Messen am Wochenende - verwischt diese

große Anzahl nicht das Profil der katholischen

Kirche in Bremen?

Die Katholische Kirche ist eine einzige.

Sie ist nicht deutsch. Sie ist nicht

polnisch. Außerdem kann man das

auch mal historisch betrachten: Woher

kommen die Katholiken in Bremen? Aus

Oberschlesien oder aus Posen. Nach

dem Zweiten Weltkrieg, aber auch

schon früher. Die Migration bringt ihre

Kultur mit. In Bremen hat die Migration

die katholische Kirche mitgebracht.

Schauen sie sich die Namen in den

katholischen Gemeinden an. Das sind

Menschen aus der ganzen Welt und vor

allem aus Schlesien und Danzig.

Ich habe gehört, dass auch die St. Marienkirche

hier in Walle auf Grund der

Zuwanderung gebaut wurde. Schon im

19. Jahrhundert, weil in der Waller Jute

viele zugewanderte Katholiken auch

aus Polen arbeiteten. Vor dem zweiten

Weltkrieg gab es in dieser Region Dörfer

mit nur zwei katholischen Familien

und ähnliches. Das hat sich durch die

Migrationsströme nach dem Zweiten

Weltkrieg verändert. Und jetzt hat mir

der Pfarrer von Gröpelingen „Herzlich

Willkommen“ gesagt, weil durch die

polnischen Gottesdienste in Gröpelingen

das Christentum deutlich präsenter

ist. In dieser Tradition sieht man, dass

die Polnische Mission kein Ghetto ist,

keine Unterkirche sondern eine Brücke.

Prof. Krasnodębski schätzt, dass es in Bremen

etwa 30.000 Menschen aus Polen gibt ?

30.000! Das mobilisiert mich zur

seelsorgischen Tätigkeit, und zeigt uns

wie sehr wir als Polnische Katholische

Mission in Bremen für die Gläubigen,

gebraucht werden.

22


Er spricht von einer unsichtbaren Minderheit

und einem spezifischen Anpassungsdruck.

Hat das Auswirkungen z.B. auf die Polnischkenntnisse

der zweiten Generation?

Die Kinder sprechen deutsch. Es ist ja

auch normal, dass es ihre erste Sprache

ist. Aber viele verstehen noch polnisch.

Familienfeiern und Feste

Tagungs- und Seminarräume

Empfänge und Präsentationen

Ist das nicht schwierig für die Polnische

Mission, wenn die nachwachsende Generation

kein polnisch mehr spricht?

Nicht nur für die Kirche. Es ist auch

wichtig für die Familien. Wie ist denn

das, wenn die Kinder nach Polen fahren

und nicht mit ihren Großeltern sprechen

können. Deshalb sage ich immer,

die Kinder sollen beide Sprachen lernen.

Jede Sprache ist ein Schatz. Wenn man

schon zu Hause zwei Sprachen gelernt

hat und dazu die Sprachen, die in den

Schulen gelehrt werden, gewinnt man

dazu. Goethe hat schon gesagt, „wer

fremde Sprachen nicht kennt, weiß

nichts von seiner eigenen.“ Mit jeder

Sprache gewinnt man ein Land dazu.

Kann sein, dass diese Gesellschaft polnisch

nicht so anerkennt. Der Osten ist

immer schlecht angesehen im Vergleich

zu den USA oder Spanien. Das macht es

für polnische Zuwanderer schwerer sich

offen zur Herkunftskultur zu bekennen.

Aber das ändert sich zurzeit.

Die Frage: Wer bin ich? ist eine schwierige

Frage. Das ist auch schwer für die

Kinder. Aber das ist etwas anderes als

Glauben und Beten.

Beim Beten ist es manchmal eine reine

Geschmackssache. Die Gebete kennt

man aus der Kindheit. Sie können vielleicht

sogar auf Deutsch beten, aber ein

bestimmtes Gefühl stellt sich nicht ein.

Torhaus Nord

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Die Gottesdienste bei den Deutschen sind

ja auch nüchterner.

Ich kritisiere nicht die eine oder andere

Form. Es ist einfach anders. Und da

gibt es ein Bedürfnis, nach bestimmten

Weihnachtsliedern. Oder es kommt

Besuch aus Polen und dann kommt die

ganze Familie in den polnischen Gottesdienst.

Es ist einfach ein Bedürfnis,

dem die Kirche nachkommt.

Aber Gott versteht alle Sprachen. Und

das ist das Wichtigste.

Das Gespräch führte Nele Krampen

23


Arbeiterinnen auf der Jute [l.]

In der Jutefabrik (r.)

Geschichte

Auf der Jute

wurde polnisch gesprochen

Die Jute-Spinnerei und -weberei AG – Frühe Arbeitsmigranten im Bremer Westen

öffnet. Da sich im zollfreien Gelände

keine verarbeitende Industrie ansiedeln

durfte, wurde wenig später der Holzund

Fabrikenhafen gebaut, an dem

sich u. a. die Großmühlen „Roland“ und

„Hansa“ ansiedelten. Hier konnte das

mit dem Schiff gelieferte Korn sofort zu

Mehl verarbeitet, verpackt und mit der

Bahn abtransportiert werden. Als größtes

Industrieunternehmen wurde mit

dem Hafenausbau schon 1888 die „Jute-

Spinnnerei und -weberei AG Bremen“

gegründet. Das Gelände der „Jute“ lag

in Nähe des Europahafens zur Nordstraße

hin, ungefähr auf der Höhe zwischen

Elisabeth- u. Grenzstraße, direkt neben

dem „Heimatviertel“, das damals – auch

1888 – vom gemeinnützigen Bremer

Bauverein gebaut wurde.

Unter den ersten Aktionären der „Jute“

befanden sich bekannte Bremer und

Waller Namen wie Bernhard Loose, Senator

Achelis, Stefan Lührmann und Ed.

Wätjen.

Die ersten 636 Arbeiterinnen und Arbeiter

begannen an Spinnmaschinen und

240 Webstühlen den Rohstoff Jute zu

verarbeiten, der aus dem damaligen Britisch

Indien mit Schiffen der Hansalinie

„Unsere Schule liegt in einer Vorstadt,

im Arbeiterviertel. Nicht weit davon sind

die Häfen. Die Fabriken mit ihren großen

Schornsteinen qualmen über die Häuser

dahin. Da liegen z.B. die Jutespinnerei,

die Hansa- und Rolandmühle, Kaffee

Hag, die Bremen-Besigheimer Ölfabrik,

die Ölfabrik Groß-Gerau, die Union-Brauerei,

die Betriebe der Konsum-Genossenschaft

Vorwärts, der Lokomotivschuppen

der Reichsbahn. Das Wahrzeichen für unseren

Stadtteil ist der Wasserturm, der

mit seinen 61 Metern alle Häuser überragt,

nur nicht die Rolandmühle, die noch

zehn Meter höher ist.“(1) So haben Schüler

der Versuchsschule an der Helgolander

Straße 1927 ihren Stadtteil Walle gesehen.

Was für sie schon Alltag war, entstand

erst 40 Jahre vorher mit der Industrialisierung

und dem Hafenausbau:

ein ganzes Viertel zwischen Nordstraße,

Lloydstraße und Steffensweg, in

dem viele Industriearbeiter, Hafenarbeiter,

Handwerker und Gewerbetreibende

wohnten.

Nachdem sich Bremen dem deutschen

Zollgebiet angeschlossen hat, wurde

1888 der Freihafen auf dem ehemaligen

Gelände der Stephanikirchenweide ernach

Bremen gebracht und im Hafen gelöscht

wurde. Acht Jahre nach der Gründung

vergrößerte sich der Betrieb um

das Doppelte. Um die Jahrhundertwende

waren schon 2.000 Arbeiterinnen

und Arbeiter auf der „Jute“ beschäftigt.

Die Erzeugnisse bestanden aus Säcken,

Seilen und Linoleumgewebe. Abnehmer

des Garnes waren z. B. Kabelfabriken,

Seifereien, Teppichfabriken.

Trotz der Wirtschaftskrisen (1924, 1929),

die auch die „Jute“ zu spüren bekam, florierte

das Unternehmen weiter. 1931 fusionierte

die Jutespinnerei mit der Hanseat-Jutespinnerei

und –weberei Delmenhorst.

1938 erzeugten beispielsweise

2.400 Arbeiterinnen pro Tag 60.000

kg Garn und 45.000 kg Gewebe. Im II.

Weltkrieg wurde das Bremer Werk an der

Nordstraße stark zerstört, wurde nach

dem Krieg aber noch bis in die 50er Jahre

vor Ort weiter geführt und dann vollständig

nach Delmenhorst verlagert.

„Komm Matga, die Jute pfeift!“

Auf der „Jute“ gab es im Gegensatz zu

anderen Industriebetrieben einige Besonderheiten:

Ca. 70 % der Beschäf-

24


tigten waren Frauen, überwiegend verheiratet.

Der größte Teil wanderte seit

der Gründung der „Jute“ aus Böhmen,

Mähren, Galizien und dem Eichsfeld

ein. In diesen überwiegend ländlichen

Gebieten mit zum Teil alten Webereizentren

war die Bevölkerung sehr verarmt

und die „Jute“ suchte hier gezielt

nach neuen Arbeitskräften. Der Werbung

folgten viele Familien auf der Suche

nach besseren Lebensverhältnissen.

Auf der einen Seite war ihnen die Technik

des Webens bekannt, auf der anderen

Seite galten sie dennoch als ungelernte

Arbeitskräfte und erhielten wenig

Lohn, sogar weniger als ihre einheimischen

Kolleginnen.

So wurde auf der „Jute“ und im Wohngebiet

um die „Jute“ herum überwiegend

polnisch gesprochen. Die Arbeitsbedingungen

waren hart und belasteten die

Gesundheit, die Wohnverhältnisse eng,

aber dennoch waren die Lebensbedingungen

für viele Eingewanderte besser

als in ihrer alten Heimat.

Die „Jute“ baute werkseigene Wohnungen

und Straßenzüge, so die Fabrikenstraße

(später umbenannt in Albert-Hasemann

Straße) und Am Syndikushof,

wo ausschließlich auf der „Jute“

Beschäftigte wohnten. Und in den angrenzenden

Straßen ( Wormser-, Gerhard-Rolfs-,

Gutenberg- und Gabelsberger

Straße) waren viele „Jute“ Familien

zu Hause.

In einer Untersuchung von 1907 galt

das Wohngebiet um die „Jute“ als das

dicht besiedelste in ganz Bremen. Die

Wohnungen waren überbelegt, da außer

den Familien noch „Schlafgänger“

und Logierer“ untergebracht wurden,

d.h. es wurden zusätzlich Zimmer oder

einzelne Betten für wenig Geld vermietet,

meistens an Arbeiter der Jute. Für

„Jute“-ArbeiterInnen war es kaum möglich

Eigentum zu erwerben; sie wohnten

vergünstigt in den werkseigenen Wohnungen,

erhielten wenig Lohn, und zählten

innerhalb der Arbeiterschaft zur untersten

„Kaste“.

So grenzte man sich als Hafenarbeiter

oder Handwerker auch von den auf der

„Jute“ Beschäftigten ab. Nicht nur die

Sprache und der soziale Status waren eine

Barriere, auch die Religion spielte um

die Jahrhundertwende eine große Rolle:

Viele der „Jute“-Familien waren katholisch,

so dass sich schon 1898 die katholische

Gemeinde in Bremen zum Bau der

St. Mariengemeinde in Walle am Steffensweg

entschied, um den Bedarf der

wachsenden katholischen Bevölkerung

im Westen zu decken. Hier wurde der eigenen

kulturellen Identität Raum gegeben,

hier wurde geheiratet, gefeiert und

getrauert, und sogar die Gottesdienste

fanden mehrsprachig statt. (Man muss

sich vergegenwärtigen, dass es damals

nicht denkbar war, dass Katholiken und

Evangelen z.B. heirateten.). Zur St. Mariengemeinde

gehörten auch Kinderheim

und Schule. (Die St. Mariengemeinde

baute trotz der starken Zerstörung nach

1945 auf dem gleichen Gelände am Steffenweg

ihre Kirche und Gemeindehäuser

wieder auf.)

Kinder- und Säuglingsheim der „Jute“

Da die Lebensbedingungen im Fabrikviertel

um die „Jute“ ausgesprochen

schlecht waren und da viele Frauen, die

auf der „Jute“ beschäftigt waren, etliche

Kinder hatten, die kaum beaufsichtigt

werden konnten, wurde 1907 ein großzügig

angelegtes Kinderheim der „Jute“

eröffnet: Das Heim, direkt an der Nordstraße

gelegen, war modern eingerich-

25


„Gruß aus Bremen“ Postkarte mit Motiven der

Waller Jute

tet mit einer Säuglingsstation, Stillstube,

einer Spiel- und Warteschule, einem

Jungen- und Mädchenhort für schulpflichtige

Kinder bis zum 14. Lebensjahr

und stand ausschließlich den Kindern

der „Jute“-Arbeiterinnen zur Verfügung.

Es hatte offiziell 250 Plätze, war aber in

der Regel überbelegt. Für die Frauen der

„Jute“ war das Kinderheim sicherlich

eine große Entlastung, waren die Kinder

doch nun besser als vorher untergebracht,

auch das Säuglingsheim trug

zum Rückgang von Kindersterblichkeit

und Krankheiten bei. Gleichzeitig bedeutete

diese soziale Versorgung auch

eine starke Bindung der Familien an die

Fabrik und sicherte dem Unternehmen

eine verlässliche Arbeiterschaft. Mehrere

Generationen von „Jute“-ArbeiterInnen

wuchsen so fast auf dem Werksgelände

auf. Es kam häufiger vor, dass

über mehrere Generationen hinweg Eltern

und Großeltern und Urgroßeltern

auf der „Jute“ beschäftigt waren.

„Unsere Jute“?

Trotz eines 10-Stunden Tages, trotz der

schweren Industriearbeit (hohe Luftfeuchtigkeit,

Lärm etc.) und auch trotz

stattfindender Streiks für die Verbesserung

der Arbeitsbedingungen und für

Lohnerhöhungen, haben ehemalige JutearbeiterInnen

erzählt, dass es „ihr“

Betrieb war, und wenn zum Geburtstag

niemand von der „Jute“ mit dem Präsentkorb

kam, dann war es kein richtiger

Geburtstag…

Die Einwanderungswelle zum Ende des

vorletzten Jahrhunderts hatte wirtschaftliche

Gründe. Nach dem 1.Weltkrieg

1919 gab es polnische Familien,

die mit der Gründung des polnischen

Staates zurück in ihre Heimat gingen; es

wurde berichtet, dass diese Rückwanderung

sogar in den Waller Schulen deutlich

spürbar war. Manch einer kam enttäuscht

wieder zurück. Andere blieben

und in alten Adressbüchern erinnern

Namen wie Urbanski, Drabinski oder

Kratky an ihre kulturellen Wurzeln.

Und so kommt es heute noch vor, dass

Kinder oder Enkelkinder fast zufällig bei

der Beschäftigung mit ihrer Familiengeschichte

auf Groß- oder Urgroßeltern

stoßen, die damals der „Jute“ nach Bremen

folgten.

Cecilie Eckler-von Gleich,

Geschichtskontor Kulturhaus Walle Brodelpott

Literatur

– Unsere Schule, Schülerzeitung der Versuchsschule

an der Helgolander Straße, VI.Jahrgang,

Nummer 3, Bremen März 1927

Marlene Ellerkamp und Brigitte Jungmann:

Frauen in der „Jute“, in: Beiträge zur Sozialgeschichte

Bremens, Heft 6, Universität Bremen

Elke Reining: Arbeitsbedingungen und Arbeitskämpfe

in der Bremer Jute 1924-1933, in: Beiträge

zur Sozialgeschichte Bremens, Heft 6, Universität

Bremen

Bildnachweise

Alle Abbildungen: Geschichtskontor / Kulturhaus

Walle Brodelpott, Bildarchiv (Tel.3887078)

26


Aus den „Polenberichten“ des Blumenthaler Landrats Berthold

„Mit einem Schlage waren

unleidliche Verhältnisse eingetreten“

Polnisch, katholisch und schlecht bezahlt –

mit der Ankunft polnischer Arbeitskräfte auf

der Blumenthaler Wollkämmerei begann ein

schwieriges Kapitel Migrationsgeschichte

[Foto: Doku Blumenthal]

„Das Boot ist voll“, mit dieser Begründung

rechtfertigte die Schweiz in den

1940er Jahren einst die Übergabe jüdischer

Flüchtlinge an deutsche Grenzer.

Heute findet die Parole eine neue

Verwendung bei der Abwehr europäischer

Migration. In der Bremer Industrialisierung

um 1900 gab aber es eine

Wanderung von Arbeitskräften, die zudem

noch mit einem komplizierten Nationalitätenkonflikt

verquickt war.

Als die Bremer Textilindustrie vor 1900

ihre Arbeitskräfte rund um Posen zu rekrutieren

begann, kamen damals keine

„Ausländer“. Seit der polnischen Aufteilung

an die derzeitigen Großmächte

gab es schon über 100 Jahre keinen

polnischen Staat mehr, die Zuwanderer

waren inzwischen waschechte preußische

Staatsbürger. Und die Industrie

in Bremen-Nord, mit Ausnahme Vegesacks

damals zum preußischen Landkreis

Bumenthal gehörig, bediente sich

mit Vorliebe der billigen Arbeitskraft

aus den polnischen Dörfern. Rund um

den Grohner Industriebezirk und die

Blumenthaler Wollkämmerei stammte

plötzlich jeder vierte Einwohner aus den

polnischen Gebieten.

Für den beschaulichen Kahnschiffer-Ort

war das eine Verkehrung der bisher geordneten

Verhältnisse. Landrat Paul Berthold

berichtete an seine Stader Bezirksregierung

vom „Entsetzen“ der Alteingesessenen:

„Viele Ankömmlinge galten

als eine Art von Halbwilden, weil

sie weder Vorhänge an die Fenster, noch

Blumenstöcke auf die Fensterbretter taten,

die hier sonst selbst im Armenhause

nicht fehlten.“ Die Arbeiterhäuser der

Fabrik erschienen den Blumenthalern

derartig exotisch, daß ihre Siedlung vom

Volksmund „Klein-Kamerun“ getauft

wurde. Das größte Ärgernis bildeten

Liebschaften, die als „Einbürgerung der

wilden Ehe“ verpönt waren. Andererseits

verstanden sich die Blumenthaler

aber auch zu arrangieren, der Mangel

an geeigneten Wohnungen führte

zu einem rasanten Anstieg der Mieten.

„Was hier an Raum in den vorhandenen

Gebäuden überhaupt verfügbar war, die

elendesten und ungesundesten Gelasse,

nackte Bodenräume, alle nur irgendwie

entbehrlichen Ställe oder Scheunen,

notdürftig zu Wohnzwecken hergerichtet,

wurde bis auf den letzten Winkel

[...] ausgenutzt“, klagte der Landrat. Mit

einem Wort: „Unleidliche Verhältnisse.“

Als 1905 die überwiegend polnische Belegschaft

der Wollkämmerei eine Lohnerhöhung

forderte und in den Streik

trat, war das für den Landrat Auftakt zu

einer Serie von alljährlichen „Polenberichten“,

die ein Schlaglicht auf die sozialen

Spannungen zwischen Arbeiterbewegung,

Nationalitäten, Kirchen und

der Staatsmacht werfen. Als Vertreter

von Ruhe und Ordnung kritisiert er vor

allem das „völlig unbegreifliche“ Verhalten

des BWK-Chefs, Kommerzienrat Ullrich.

Der hatte seiner Meinung nach eine

„gerechtfertigte Arbeitszeitverkürzung

und Lohnerhöhung“ verweigert.

So waren plötzlich über 1000 Arbeiter

27


und vor allem Arbeiterinnen in die sozialdemokratische

Gewerkschaft eingetreten.

Die in großem Umfang mit Polinnen

arbeitenden Bremer Textilfirmen

galten bis dahin stets als das „Schmerzenskind“

der Gewerkschaften. Die SPD-

Zeitung urteilte: „Die Herren der Wollkämmerei

halten es lieber mit der sozialen

Rückständigkeit des Krautjunkers,

der im Reichstag rief: ‚Die dümmsten Arbeiter

sind uns am liebsten!‘ Darum ziehen

sie ihre Arbeitssklaven aus dem wilden

Osten heran, aus dem Schlaraffenland

der Ausbeuterei, aus den schwärzesten

Winkeln des Aberglaubens.“

Saal-Freiheit für Polen

Trotz solcher Attacken traten die BWK-

Arbeiterinnen jetzt in die Gewerkschaft

ein – damit begann auch die Suche nach

Versammlungsräumen. Auf Betreiben

des Landrats weigerten sich die beiden

Blumenthaler Wirte aber, ihre Säle für

solche Veranstaltungen zu öffnen. Sie

bauten auf die Zusage des Landrats, die

BWK werde den Verdienstausfall ausgleichen.

Als die Arbeiter die Gaststätten

aber über mehr als drei Monate boykottiert

hatten, knickte der Kommerzienrat

von der BWK ein. Besorgt über die

Erbitterung, mit der seine Belegschaft

den Boykott durchführte und interessiert

an der Wiederherstellung des Betriebsfriedens

widerrief er seine Zusage

und ließ damit den Landrat im Regen

stehen. Landrat Berthold musste die

„Saal-Freiheit“ für die Polen anerkennen,

in seinem Bericht kann er nur diagnostizieren,

Ullrich sei „nervös überreizt“.

Alle Jahre wieder bis zum Ersten Weltkrieg,

und nicht nur auf die BWK bezogen,

kritisiert er das Verhalten der

Unternehmer seines Kreises. Angeblich

würden sie ihren Belegschaften zu

nachgiebig gegenüber treten. Bei jeder

Konjunkturflaute moniert er, jetzt

sei die Gelegenheit gekommen, die „Rädelsführer“

aus den Betrieben zu entfernen.

Letztendlich geht es ihm darum,

jegliche organisatorische und politische

Eigenständigkeit mit polnischem

Einschlag zu verhindern. Auch Konflikte

zwischen den katholischen Polen und

ihren deutschen Geistlichen um die Rituale

im Gottesdienst tauchen in seinen

Berichten auf. Die national orientierten

polnischen Sokόł-Turnvereine werden

Objekt seiner Kontrolle und eine Polenfreundliche

Wahlrede eines Sozialdemokraten

empfindet er als Landesverrat.

Einen Auftritt des späteren Reichpräsidenten

Ebert kommentiert er mit

den Worten, dieser habe „in geradezu

ehrloser Weise um die polnischen Stimmen

gebuhlt.“

Polnischer Nationalismus gegen

Germanisierungspolitik

Diese Wahrnehmung ist jedoch keine

Marotte eines beliebigen preußischen

Landrats. Als die Polen 1906 eine eigene

Bremer Zeitung gründen, berichtet das

Osterholzer Kreisblatt: Ihr Ziel bestünde

darin, „die in der Bremer Gegend lebenden

Polen vor der Germanisierung zu

schützen und sie im katholischen Glauben

zu erhalten.“ Tatsächlich dachten

auch polnische Vereinsgründer nicht nur

an die Pflege von heimischen Liedgut

und Volkstänzen. Inzwischen regierte

das Zeitalter von Kolonialismus und Nationalismus.

Damit entbrannte ein Nationalitätenkonflikt

mit den über 2,5 Millionen

Polen im preußischen Osten.

Preußen steuerte tatsächlich einen Kurs

der „Germanisierung“, es verbannte

die polnische Sprache aus den Schulen,

Briefe mit polnischer Adresse mußten

nicht zugestellt werden und mit

immensen Summen versuchte es, polnischen

Grund und Boden in deutsche

Hand zu bringen. Der polnische „Schulkinderstreik“

für den Unterricht in der

polnischen Muttersprache erhitzte das

politische Klima und zahlreiche Vereine

auch im Westen Deutschlands hielten

den Wunsch nach einem eigenen Staat

lebendig. Die preußischen Polizeipräsidenten

unterhielten ein Übersetzungsbüro,

um den Inhalt polnischer Zeitungen

zu überwachen. Wenn der Bochumer

Verein „Wiarus Polski“ seine

„Zehn Gebote für Polen“ veröffentlichte,

bekamen die Landräte die Übersetzung

zugeschickt. Dort las dann Landrat Berthold

neben der Aufforderung, nur polnische

Produkte zu kaufen, auch das religiös

eingefärbte Erste Gebot „Du sollst

kein anderes Vaterland haben neben

mir. Du sollst kein fremdes Land mehr

lieben als mich.“

Aus preußischer und Reichsperspektive

bekamen die polnischen Bestrebungen

damit den Charakter einer Sezessionsbewegung.

Geschürte Ängste

Germanisierungspolitik und polnischer

Nationalismus schaukelten sich gegenseitig

hoch. So kommentierte das Osterholzer

Kreisblatt die polnische Zeitungsgründung

in Bremen auch prompt: „Für

die Unverfrorenheit der polnischen

Propaganda ist diese Zeitungsgründung

sehr bezeichnend.“ Und der Blumenthaler

Landrat sah in der polnischen

Nationalbewegung, die zudem noch

mit der Sozialdemokratie liebäugelte,

die „größte Gefahr“ für seinen industriell

geprägten Landkreis: „Wird dieser

Fremdkörper, der mehr als 10 % der Bewohner

des Kreises umfasst, mehr und

mehr auf gefährliche Bahnen geleitet

[...], so kann im gegebenen Moment eine

ganz verhängnisvolle Explosion herbeigeführt

werden.“

Der tatsächliche Verlauf der Geschichte

zeigt, die preußischen Ängste beruhten

auf Einbildung. Mit dem Ende des

Ersten Weltkrieges entstand wieder

ein polnischer Staat, die Polen im Bremer

Norden aber blieben. Sie hatten ein

besseres Leben fern ihrer armen Dörfer

gesucht und gefunden. Zwei, drei Generationen

nach der Ankunft bei ihrer

BWK gehörten sie genauso zu den Blumenthalern

wie die Arbeitskräfte, die

einst aus Ostfriesland oder anderen Regionen

zu den neuen Arbeitsplätzen gewandert

waren.

Achim Saur

Die „Polenberichte“ des Landrats und zahlreiche

andere Unterlagen zur Geschichte der Industrialisierung

in Bremen Nord findet man im Dokumentationszentrum

Blumenthal, Heidbleek 10.

Anfragen unter 603 90 79.

28


Zur Arbeit nach Bremen verschleppt

Polnische Zwangsarbeiterinnen und –arbeiter

in Bremer Betrieben während der Nazizeit

„Mein Vater arbeitete als Zwangsarbeiter

auf einem Bauernhof in Hamburg-

Wedel. Er ist geflohen und hat es geschafft

nach Hause zurück zu kommen.“

So wie Urszula Wöltjen berichten ausnahmslos

alle unsere polnischen Gesprächspartner

dieser Moje Weer-Ausgabe

von Eltern, Großeltern oder Verwandten,

die die Nazis nach der Besetzung

Polens nach Deutschland verschleppten.

Wer blieb, musste ebenfalls

damit rechnen, für die Besatzer arbeiten

zu müssen. Urszula Wöltjen berichtet

vom Schicksal ihrer Mutter, „die auch ihren

Weg durch die deutsche Hölle gemacht

hat“. Zunächst als Zwangsarbeiterin

einer Fabrik. Dann wurde sie als

Mitglied einer Untergrundorganisation,

die falsche Dokumente für englische

Fallschirmspringer fabrizierte, verhaftet,

ins Gefängnis und später ins Lager

eingesperrt.

2 Millionen Zwangsarbeiter aus Polen

Etwa zwei Millionen Polen wurden während

des Krieges ins Deutsche Reich verschleppt.

Ab Oktober 1939 vermittelten

die Landesarbeitsämter über Bremen

zivile landwirtschaftliche Arbeitskräfte

aus Polen zumeist an Bauern im Bremer

Umland. Im Herbst arbeiteten aber

auch schon Polen in der Industrie. Ausländische

Arbeitskräfte mussten zunehmend

die Lücken füllen, die durch die

Einziehung deutscher Arbeiter an die

Front in den Betrieben entstanden. Ein

Bericht der Deutschen Arbeitsfront geht

für Sommer 1943 von 41 000 „Fremdarbeitern“

im Bremer Stadtgebiet aus.

1942 betrug ihr Anteil bei der Deschimag

AG „Weser“ 12,7 Prozent der Belegschaft,

bei Weserflug und Borgward mehr als

30 Prozent. Alle, auch die kleinsten Betriebe

wie Handwerker und Bäcker beschäftigten

ausländische Arbeiter. Man

vermutet, dass 1945 jeder vierte bis fünfte

Einwohner der Stadt Ausländer war.

Die Nationalsozialisten behandelten

Aushang von vollzogenen Bestrafungen im

Betrieb

Arbeiter aus den besetzten westlichen

Gebieten weitaus besser als Polen und

„Ostarbeiter“ aus der Sowjetunion.

Während die ersteren in der Regel deutschen

Arbeitern gleichgestellt waren,

erhielten Polen und „Ostarbeiter“ nur

ein Taschengeld.

Für die Polen bestand Kennzeichnungspflicht.

Sie mussten sichtbar das Abzeichen

P auf der Kleidung tragen, ein violettes

P auf gelbem Grund. Wer das Abzeichen

verdeckte oder gar entfernte,

wurde bestraft. Alle Vorschriften zielten

darauf ab, die polnischen Menschen von

den Deutschen zu separieren und sie als

minderwertige Rasse zu diskriminieren.

Dazu gehörten Ausgehverbote, Verbot

des Kirchgangs, der Benutzung öffentlicher

Grünanlagen bis zum Verbot, Friseurgeschäfte

zu betreten.

In Polen entwickelten die Nazis die ersten

Umrisse eines gigantischen Umsiedlungs-

und Vernichtungsplan in den

eroberten Ostgebieten. Im Kern sah der

so genannte „Generalplan Ost“ die Deportierung

von 31 Millionen „Fremdvölkischen“

nach Osten und deren Vernichtung

vor. In den annektierten Gebieten

sollten einige Millionen Deutsche angesiedelt

werden. Namhafte deutsche

Wissenschaftler hatten bereits in den

1920er Jahren die Grundlagen für die

„Germanisierungspolitik“ des Ostens

geliefert. Ein Bestandteil dieser Sammlung

„deutschen Blutes“ war es auch, in

den unterworfenen Gebieten die Menschen

herauszufiltern, die nach den rassischen

Kategorien der Nazis „eindeutschungsfähig“

waren.

Rassitisch und Frauenverachtend

In ihrem rassistischen Wahn verfolgten

die Nazibehörden unter drakonischen

Strafandrohungen geschlechtliche Beziehungen

zwischen polnischen und

Ostarbeitern und deutschen Frauen. In

einer vertraulichen Anordnung an die

Landesarbeitsämter warnt der Reichsarbeitsminister

im November 1939: „Der

Einsatz volksfremder Arbeitskräfte und

die Unterbringung der großen Massen

polnischer Gefangener in Deutschland

erfordern eine intensive Aufklärung

des Volkes über die Gefahr einer

Vermischung mit Fremdvölkischen. Die

Reinerhaltung deutschen Blutes ist nationalsozialistisches

Gebot. Wer sich dagegen

versündigt, verliert Ehre und Achtung.“

Über eine Hinrichtung berichtet

Christoph Schminck-Gustavus: Ein

polnischer Landarbeiter starb auf der

Bahrsplate am Galgen, weil er etwas

mit einem deutschen Mädchen gehabt

haben soll. Das Mädchen musste bei der

Exekution mit kahl rasiertem Kopf daneben

stehen 1 .

Die polnischen Zwangsarbeiter sperrte

man zum größten Teil in Lager. Für das

Jahr 1944 ist die Existenz von 200 Bremer

Lagern bezeugt, die über das gesamte

Stadtgebiet verteilt lagen. In

der Nachkriegszeit wurde das Schicksal

der Menschen aus diesen Lagern weitgehend

verdrängt. Viele Firmen, die

Zwangsarbeiter beschäftigt hatten, be-

29


Auch auf der Norddeutschen Hütte, den Stahlwerken in Gröpelingen, arbeiteten Zwangsarbeiter

aus Polen

haupteten, dass die Unterlagen darüber

verschwunden seien.

Durch einen glücklichen Zufall wurde

beim Nachfolgebetrieb der Norddeutschen

Hütte, den Bremer Stahlwerken,

eine Kartei der Zwangsarbeiter entdeckt,

die genauere Angaben über Zusammensetzung

und Lebensumstände

der ausländischen Arbeiter während der

Nazizeit erlaubt. 2

437 polnische Arbeiterinnen und Arbeiter

arbeiteten zwischen 1939 und 1945

auf der Norddeutschen Hütte bei der

Koks- Eisen- und Zementherstellung. Sie

stellten das größte Kontingent ausländischer

Arbeiter. Nur 34 von ihnen konnten

bei Privatleuten wohnen, die anderen

waren in verschiedenen Lagern, entweder

auf dem Gelände der Hütte oder

an der Grambkermoorer Landstraße untergebracht.

Die Lager waren eingezäunt

und wurden bewacht.

Die Verpflegung war trotz der schweren

Arbeit auf der Hütte äußerst mangelhaft.

Essen für Polen und Ostarbeiter

wurde zwar ebenfalls in der Werkskantine,

aber gesondert von dem der Deutschen

und Westarbeiter gekocht. Ein

deutscher Augenzeuge berichtet über

das Essen: „Da war Spinat, unzerkleinert

in langen Stängeln, und so schlecht gekocht,

dass es nicht die Schweine fressen

würden.“ Die Polen und Ostarbeiter

waren deshalb immer auf der Suche

nach etwas Essbaren, versuchten Kartoffeln

oder Rüben aus der Küche oder

von den Äckern der Bauern mitzunehmen,

um sie nachts im Lager zu kochen.

Wer erwischt wurde, erhielt empfindliche

Geldstrafen. Diese betrieblichen

Strafen wurden zur Abschreckung im

Betrieb ausgehängt. Unter Umständen

aber wurde auch die Gestapo eingeschaltet.

So erging es dem ukrainischen

Arbeiter Alexej Ponomarjow. Er zapfte

sich auf dem Weg von der Arbeitsstelle

ins Lager aus der Milchkanne eines Bauern

etwas Milch ab, wurde erwischt und

von der Gestapo ins KZ Neuengamme

eingewiesen.

„Arbeitserziehungslager“ für

Flüchtlinge

Wer die bitteren Lebensumstände nicht

mehr aushielt oder von Heimweh ergriffen

versuchte nach Hause zu kommen,

wurde ebenfalls von der Gestapo

verfolgt. Die Zwangsarbeiterkartei

der Norddeutschen Hütte enthält bei

97 polnischen Arbeitern den Vermerk

„Bummeln“, bei 34 den Hinweis „abgerückt“

und bei weiteren 24 die Eintragung

„über Urlaub“. In all diesen Fällen

verschwanden die Betreffenden von der

Arbeitsstelle oder kamen aus einem Urlaub

nicht nach Bremen zurück. Wurden

sie erwischt, kamen die Unglücklichen

in der Regel in ein Arbeitserziehungslager.

Wer nach einigen Wochen in den

Betrieb zurück überwiesen wurde, war

häufig vollkommen abgemagert und

zerschlagen. Auch Haft ist in einigen

Fällen von den Personalbearbeitern der

Hütte vermerkt worden. Drei Karteikarten

tragen die Bemerkung „Gestapo“, 24

den Vermerk „in Haft“.

Die Nazi-Behörden verschleppten auch

ganze Familien nach Deutschland. Im

Dezember 1939 hatten die Besatzungsbehörden

in Polen die Arbeitspflicht

auch für vierzehnjährige Kinder festgelegt.

In der Kartei der Norddeutschen

Hütte findet sich der Name von Terese

Ludkowski aus Marianova, Kreis Konin

in der Nähe von Poznan. Sie war 14 Jahre

alt, als man sie mit ihren Eltern zur Arbeit

auf der Hütte zwang. Alle Drei fingen

am 6. Juli 1944 im Betrieb an und

wohnten im Lager auf dem Hüttengelände.

Sie verließen den Betrieb, als die

britischen Truppen am 27. April 1945 Bremen

besetzten. Wo die jüngeren Geschwister

von Terese, Josef und Kasimir,

damals acht und drei Jahre alt geblieben

sind, ist auf den Karteikarten nicht

vermerkt. Lebten sie im Lager, waren sie

in Polen zurückgeblieben?

Eine erhebliche Zahl polnischer Arbeiterinnen

und Arbeiter sahen die Heimat

nicht wieder. Die Kartei der Hütte verzeichnet

15 Todesfälle. Bei einigen notierten

die Personalsachbearbeiter auch

die Todesursache: gestorben durch Arbeitsunfälle

oder durch Fliegerbomben.

Eine unbekannte Zahl starb in Haft oder

wurde hingerichtet, so wie der 16jährige

Walerjan Wróbel, der aus Heimweh

den Hof des Bauern anzündete, bei dem

er arbeiten musste, in der naiven Hoffnung,

dann nach Hause abgeschoben

zu werden. Er wurde zum Tode verurteilt

und hingerichtet. Christoph Schminck-

Gustavus hat ihm in dem Buch „Das

Heimweh des Walerjan Wróbel“ eine

bewegende Erinnerung gewidmet.

Eike Hemmer

Anmerkungen

1 Christoph Schminck-Gustavus, Hungern für

Hitler, Erinnerungen polnischer Zwangsarbeiter

im Deutschen Reich 1940-1945

2 Vgl. Hemmer/Milbradt, Bei Bummeln drohte

Gestapohaft, Zwangsarbeit auf der Norddeutschen

Hütte während der NS-Herrschaft

30


POLEN SEHEN

Polnische Kunst und Kultur aus Polen und Bremen

5.–12. Oktober 2008 - Das Programm

31


5.–12. Oktober 2008 - Das Programm

Sonntag, 05.10.2008

Eröffnung der Polnischen Tage

16:00 Uhr

Performance Bremer Stadtmusikanten

Dienstag, 07.10.2008

11:00 - 11:45, 14:00 – 14:45, 17:00 – 17:45 Uhr

Folklore – Musik „Die Kowalski´s”

Bühne Rathausplatz

17:30 Uhr

Offizielle Eröffnung in der Oberen Rathaushalle

¬- Tymon Tymański Yass Ensemble

Jazzkonzert

19:00 Uhr

Richtig Polen!

Schallplatten aus Polen aufgelegt von Tomek

Woźniakowski auf dem Marktplatz

ab 21:00 Uhr

Visualisierung - Videokunstpräsentation „playtime.

s and 2 zeros“ von Dorota Walentynowicz

am Marktplatz

ab 16:00 Uhr

Informationsbörse und Kulinarische Präsentation

am Marktplatz

18:00 Uhr

Mikołaj Trzaska Trio

Jazzkonzert

Kunsthalle/Cage-Raum, Am Wall 207, 28195

Bremen

19:00 – 22:00 Uhr

Hevelius Brass, Gdańsk

Dixie – Musik

Bühne Marktplatz

20:00 Uhr

„Herr Cogito - Alchemist der Halluzinationen“

Zbigniew Herbert Abend mit Teatr Okazjonalny

und Erik Roßbander

Lesung und Tanzperformance

Concordia Theater, Schwachhauser Heerstraße

17, 28203 Bremen

20:00 Uhr

„Aktion“

Tanzperformance des polnischen Tanztheaterkollektivs

Good Girl Killer nach einem Stück von

Sam Shepard

Schwankhalle Bremen, Buntentorsteinweg 112,

28201 Bremen

Mittwoch, 08.10.2008

10:00 - 20:00 Uhr

Revitalisierung postindustrieller Areale - Erfahrungen

in Gdańsk und Bremen

Tagung

Speicher XI in der Überseestadt, Roter Salon

Am Speicher XI, 28217 Bremen

11:00 - 11:45, 14:00 – 14:45, 17:00 – 17:45 Uhr

Folklore – Musik „Die Kowalski´s”

Bühne Marktplatz

16:00 – 16:35 Uhr

Jugendchor Bremen

Polnische Lieder

Bühne Marktplatz

19:00 Uhr

Polnische Literatur von Mikołaj Rej bis Dorota

Masłowska

Literaturabend

Zentralbibliothek, Am Wall 201, Wall-Saal, 28195

Bremen

19:00 – 22:00 Uhr

Hevelius Brass

Dixie – Musik

Bühne Marktplatz

Montag, 06.10.2008

11:00 - 11:45, 14:00 – 14:45, 17:00 – 17:45 Uhr

Folklore – Musik „Die Kowalski´s”

Bühne Rathausplatz

21:00 Uhr

„Ijon Tichy: der Raumpilot“ frei nach „Sterntagebücher“

von Stanisław Lem

Filmvorführung, anwesend Regisseur und

Hauptdarsteller Oliver Jahn und Regisseur Denis

Jacobson

zakk klubraum Sielpfad 11, 28203 Bremen

16:30 Uhr

Eröffnung der Ausstellung von Olga Szubartowicz

„… dem Schicksal kann man sich widersetzen…“

06.10.2008-19.10.2008

Roland Klinik, Ambulantes Zentrum, Niedersachsendamm

72/74, 28201 Bremen

Polnische Animations- und Spielfilme unter dem

Motto „Die Polen und der Patriotismus“

18:00 Uhr

1.Teil der Anthologie des Animationsfilms

20:00 Uhr

Spielfilm „Langes Wochenende“ (Regie: Robert

Gliński, 2004)

Kino Schauburg, Vor dem Steintor 114, 28203

Bremen

32


Donnerstag, 09.10.2008

11:00 - 11:45, 14:00 – 14:45, 17:00 – 17:45 Uhr

Folklore – Musik „Die Kowalski´s”

Bühne Marktplatz

16:00 – 16:35 Uhr

Jugendchor Bremen

Polnische Lieder

Bühne Marktplatz

16:00 - 19:00 Uhr

Der polnische (Personal) Markt

Vorträge und Erfahrungsberichte

Handelskammer Bremen, Am Markt 13, Haus

Schütting, 28195 Bremen

19:00 – 22:00 Uhr

Hevelius Brass

Dixie – Musik

Bühne Marktplatz

Im Reisebüro: Wir wollen in ein nettes Land ohne Lustration

Andrzej Mleczko

20:30 Uhr

Filmland Polen

Spielfilm „Tricks“ (Regie: Andrzej Jakimowski,

2007)

Kino 46, Waller Heerstr. 46, 28217 Bremen

22:30 Uhr

Piotr Lemańczyk International Quartet

Jazzkonzert

Schwankhalle Bremen, Alter Saal, Buntentorsteinweg

112, 28201 Bremen

Freitag, 10.10.2008

Lustration meint die Praxis in Postkommunistischen Staaten, Menschen, die mit dem früheren Regime

zusammenarbeiteten, zu entlarven und von öffentlichen Ämtern auszuschließen. In Polen wurde

das Thema im Jahre 2005 erneut angeheizt, als ein Journalist eine Liste mit 160 000 Namen aus

dem Institut für Nationale Erinnerung veröffentlichte. Das Institut ist eine ähnliche Einrichtung wie

die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen in Deutschland. Zu denen, die in der jüngsten Kampagne

verdächtigt werden, mit der Staatssicherheit des kommunistischen Regimes zusammengearbeitet zu

haben, gehören auch zwei frühere Staatspräsidenten: Aleksander Kwaśniewski und Lech Wałésa.

17:00 Uhr

Sportlicher Vergleich von Junioren und Juniorinnen-Mannschaften

Fußball

Sportanlage am Weserstadion, Platz 12, 28205

Bremen

19:00 Uhr

„Städtebilder: Bremen-Danzig-Riga“

Buchpräsentation

Janusz-Korczak-Haus, Osterdeich 6, 28203 Bremen

11:00 - 11:45, 14:00 – 14:45, 17:00 – 17:45 Uhr

Folklore – Musik „Die Kowalski´s”

Bühne Marktplatz

14:00 - 17:00 Uhr

Von der Solidarność zur III. Republik - unabhängige

politische Satire und politische Opposition in

den achtziger Jahren

Filmprojektion, Vortrag, Eröffnung der Ausstellung:

15.30 Uhr Forschungsstelle Osteuropa

14:30 Uhr

Verleihung des Preises des Generalkonsuls der

Republik Polen Andrzej Osiak für die beste Abschlussarbeit

über Polen

Forschungsstelle Osteuropa, Osteuropagebäude

der Universität Bremen, Klagefurterstrasse 3,

28359 Bremen

17:00

„Kochen wie ein Pole“

Kochkurs polnische Küche

Bühne Marktplatz

19:00 Uhr

Adam Gusowski und Piotr Mordel Leutnant-

Show

Show mit dem „Club der Polnischen Versager“

aus Berlin

Kulturzentrum Schlachthof, Findorffstr. 51,

28215 Bremen

19:00 – 22:00 Uhr

Hevelius Brass

Dixie – Musik

Bühne Marktplatz

19:00 Uhr

Eröffnung der Ausstellung Katarzyna Kozyra

„Strafe und Verbrechen“

11.10.2008 bis 16.11.2008

Neues Museum Weserburg, Teerhof 20, 28199

Bremen

20:00 Uhr

“Galaktisches Gewitter - Galaktyczna Burza“

Buchpräsentation

Janusz-Korczak-Haus, Osterdeich 6, 28203 Bremen

20:30 Uhr

Music Bridges präsentiert:

Radio Bagdad (Gdańsk) und urban noise discount

(Bremen)

Konzert

Lila Eule, Bernhardstr. 10, 28203 Bremen

16:00 – 16:35 Uhr

Jugendchor Bremen

Polnische Lieder

Bühne Marktplatz

22:00 Uhr

Jackpot Entertainment Amon & Alako und

Friends spielen ihre Tracks

Konzert

Kulturzentrum Schlachthof, Findorffstr. 51,

28215 Bremen

33


5.–12. Oktober 2008 - Das Programm

Sonntag, 12.10.2008

11:00 - 11:45, 14:00 – 14:45, 17:00 – 17:45 Uhr

Folklore – Musik „Die Kowalski´s”

Bühne Rathausplatz

17:00

„Kochen wie ein Pole“

Kochkurs polnische Küche

Bühne Rathausplatz

Montag, 13.10.2008

Polnische Animations- und Spielfilme unter dem

Motto „Die Polen und der Patriotismus“

18:00 Uhr

2. Teil der Anthologie des Animationsfilms

Samstag, 11.10.2008

11:00 - 12:00 oder 12.00 - 13:00 Uhr

Volksgruppe Polonia

Bühne Marktplatz

14:00 – 14:45, 17:00 – 17:45 Uhr

Folklore – Musik „Die Kowalski´s”

Bühne Marktplatz

16:00 Uhr

Bremer Leselust: Polnische Märchen mit Olga

Rudi

Märchen Lesung

Böttcherstraße, Kunst&GeschichtenLaden, Sieben-Faulen-Hof,

28195 Bremen

20:00 Uhr

Spielfilm: „Morgen gehen wir ins Kino“ (Regie:

Michał Kwieciński, 2007)

Kino Schauburg, Vor dem Steintor 114, 28203

Bremen

Sonntag, 19.10.2008

11:00 Uhr

Małgorzata Walentynowicz

Klavierkonzert

12:00 Uhr

„Polnischer Spaziergang durch das Focke-Museum“

Schwachhauser Heerstraße 240, 28213 Bremen

Montag, 20.10.2008

Polnische Animations- und Spielfilme unter dem

Motto „Die Polen und der Patriotismus“

18:00 Uhr

3. Teil der Anthologie des Animationsfilms

20:00 Uhr

Spielfilm „Die Ulanen kommen“ (Regie: Sylwester

Chęciński, 2005)

Kino Schauburg, Vor dem Steintor 114, 28203

Bremen

16:00 – 16:35 Uhr

Siegerehrung des Fußballspiels Vergleich von

Junioren und Juniorinnen-Mannschaften

Bühne Marktplatz

19:00 Uhr

Katarzyna Sowula „Auftrieb“

Lesung in polnischer und in deutscher Sprache

Böttcherstraße, Kunst&GeschichtenLaden, Sieben-Faulen-Hof,

28195 Bremen

19:00 - 20:00 Uhr

Volksgruppe Polonia

Bühne Marktplatz

23:00 Uhr

Music Bridges präsentiert:

Konzert: Skinny Patrini (Gdańsk), Goldfish und

der Dulz, Karolin Mueller (Hi Freaks, Bremen)

Videoperformance: „Cavalleris“ von Maciej Szupica

(Gdańsk)

Tanzperformance: „Verwucherter Verstand“ von

Leon Dziemaszkiewicz (Gdańsk)

Spedition am Güterbahnhof, 28195 Bremen

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Ausstellungen:

Licht(h)aus

Ausstellung - Licht und „umzu“

26.09.2008-12.10.2008

Eröffnung: Freitag, 26.09.2008 um 20:30 Uhr

Lichthaus, Hermann Prüser Strasse 4, 28237

Bremen, Gröpelingen

Von der Solidarność zur III. Republik – unabhängige

politische Satire und politische Opposition in

den achtziger Jahren

10.10.2008-31.10.2008

Eröffnung: Freitag, 10.10.2008 um 15:30

Forschungstelle Osteuropa

Osteuropagebäude der Universität Bremen, Klagefurterstrasse

3, 28359 Bremen

„Gemeinsam aber getrennt“

Kunstausstellung

27.09.2008 – 12.10.2008

Postamt 5, An der Weide 50, 3.OG

Eröffnung : Samstag, 27.09.2008 um 17:00 Uhr

„Strafe und Verbrechen“

Ausstellung von Katarzyna Kozyra

10.10.2008-16.11.2008

Eröffnung: Freitag, 10.10.2008 um 19:00 Uhr

Neues Museum Weserburg, Teerhof 20, 28199

Bremen

Weiteres:

Kulinarische Woche „Polnische Küche“

06.10.2008– 12.10.2008

Chopin das Restaurant

Dammweg 1, 28211 Bremen

Weitere Informationen:

www.polen-sehen.de

Licht(h)aus, Ausstellung - Licht und „umzu“

26.09.2008-12.10.2008

„Tor zur Welt. Die Häfen Danzig und Gdynia in

der polnischen Malerei des 20. Jahrhunderts.“

Eine Gemäldeausstellung in Kooperation mit

dem Zentralen Meeresmuseum Danzig

28.09.2008 bis 26.10.2008

Eröffnung: Sonntag, 28.09.08 um 11:00 Uhr

Hafenmuseum Speicher XI; Roter Saal 3.OG, Am

Speicher XI 1, 28217 Bremen

Olga Szubartowicz

Ausstellung

06.10.2008- 19.10. 2008

Eröffnung: Montag, 06.10.2008 um 16:30 Uhr

durch Olga Szubartowicz.

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 08:00 Uhr

bis 17:00 Uhr

Roland Klinik, Ambulantes Zentrum, Niedersachsendamm

72/74, 28201 Bremen

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Feuerspuren 08

„Ihr braucht keine Angst mehr zu

Ab heute entscheidet Ihr

Am 8. November steht Gröpelingen wieder ganz im Zeichen der Erzählkunst

An 14 besonderen Orten erwarten über 30 Erzählerinnen und Erzähler ihr Publikum.

Zu hören sind Geschichten für Kinder und Erwachsene in vielen verschiedenen Sprachen.

Schon immer versammelten sich

Menschen in den dunklen Winterwochen

am Feuer, um sich Geschichten zu

erzählen.

Im flackernden Schein brachten die

Erzähler ihre Zuhörer zu sehnsuchtsvollem

Seufzen, lautem Gelächter oder

atemlosen Schaudern.

Heute ist diese Kunst des freien Erzählens

fast verloren gegangen. Bei den

Feuerspuren 08, dem Erzählfestival von

Kultur Vor Ort und dem Bürgerhaus

Oslebshausen lebt dieses großartige

alte Mundwerk wieder neu auf.

Kaum ein anderer Stadtteil eignet sich

für ein Erzählfestival so gut wie Gröpelingen

im Bremer Westen. Menschen

aus über 120 Nationen leben hier, mehr

als 40 Sprachen werden hier gesprochen.

Am 7. und 8. November 2008 wird diese

Vielfalt zum Klingen gebracht. Als

Abschlussveranstaltung des Mundwerk

Erzählfestivals heizen auf der

Straße Feuerkünstler ihrem Publikum

ein, während sich die Zuhörer in der

Moschee über die Weisheiten des Nasreddin

Hoça amüsieren, im Copy-Shop

Greutsch gesprochen wird und man

bei Bauer Gäbel Geschichten aus dem

Schweinestall hört.

Entlang der Lindenhofstraße, der alten

Dorfstraße des Quartiers, sind gemeinsam

mit Initiativen und Einzelhändlern

14 besondere Orte entstanden, an

denen im 45-minütigem Rhythmus

Geschichten erzählt werden.

Das Besondere an Feuerspuren ist die

Zusammenarbeit von Profierzählern

aus dem deutschsprachigen Raum mit

begeisterten Erzählern aus dem Quartier.

Unter der künstlerischen Leitung

von Stefanie Becker mit Unterstützung

der Volkshochschule Bremen-West haben

im Vorfeld verschiedene Aktivisten

ihre eigenen Stories und Geschichten

erarbeitet, mit denen sie sich während

der Feuerspuren präsentieren.

Feuerspuren 08

36

Das internationale Erzählfestival in Gröpelingen


haben.

selbst, wen ich fresse ...“

Kultur Vor Ort hat auch Schulklassen

die Möglichkeit gegeben, in Workshops

ein Programm für die Feuerspuren zu

erarbeiten. Die Kinder verschiedener

Gröpelinger Schulen werden in diesem

Jahr im Balance-Restaurant ihre Bühne

haben.

Auch auf der Straße wird erzählt. Kurze

Geschichten im Vorübergehen sind

zu hören, während allerlei seltsame

Gestalten die Straße bevölkern oder die

Feuerkünstler ihr bestes geben.

Am Juchtershof laden die Bewohnerinnen

wieder zum gemütlichen Tee am

Lagerfeuer ein und wer hier spontan

selbst eine Geschichte erzählen will, ist

herzlich willkommen .

Das umfangreiche Programmheft mit

dem markanten Design der Gruppe für

Gestaltung dient als Wegweiser durch

das vielseitige Erzählprogramm. So

kann man sich schon im Vorfeld sein

ganz persönliches Programm zusammenstellen.

Im Programmheft finden

sich auch Hinweise darauf, welche Erzählorte

besonders für kleinere Kinder

geeignet sind.

Wer einfach spontan über die Lindenhofstraße

flaniert, erkennt die Erzählorte

an den auffälligen bunten Stelen,

die jeweils den Eingang markieren.

Ein wichtiger Anlaufpunkt für Kinder

ist der Bibliotheksplatz. Hier erwartet

das Mobile Atelier von Kultur Vor Ort

die jüngsten Feuerspurenbesucher.

Gemeinsam mit den Künstlerinnen des

Ateliers verwandeln die Kinder die alte

Kastanie in einen glitzernden Feuervogel.

(siehe Seite 39)

Schon am Vorabend zum Straßenfestival

werden in der Langen Nacht des

Erzählens die Besten der Zunft im Saal

des LICHTHAUS zu hören sein. (siehe

Seite 38)

Das HörBuch zum Festival

Feuerspuren

Die Welt zu Hause in Bremen –

Geschichten und Musik

Die besten Geschichten der Gröpelinger

Feuerspuren hat Kultur Vor Ort für

dieses Hörbuch zusammengestellt:

Melonen im Space-Park, Geschichten

von kleinen Teufelchen und polnischen

Prinzessinnen, vom Kochkessel,

der ein Kind bekam und die

Antwort auf die Frage, warum überall

in der Welt ein bisschen Weisheit

anzutreffen ist.

Mit Julia Klein, Marco Holmer, Magdalena

Ziomek-Beims, Willy Schwarz

u.v.a.

Erhältlich während des Festivals zum Vorzugspreis

von 5 Euro.

Aktuelle Informationen:

www.kultur-vor-ort.com

www.mundwerk-nordwest.de

Gefördert vom Senator für Kultur

Dieses Projekt wird

von der Europäischen

Union kofinanziert

37


Freitag, 7. November, 19-24 Uhr, Auftakt zu den Feuerspuren 08

Die lange Nacht des Erzählens

Martin Ellrodt (Nürnberg) ist in der

Welt zu Hause. Der polyglotte Geschichtensammler

und Erzähler entdeckt

überall kleine und große Themen

und wechselt in atemberaubenden

Tempo zwischen Sprachen und Situationen,

zwischen uralten Erzählstoffen

und postmodernen Storys.

Mehmet Dalkiliç (Engerwitzdorf) ist

gebürtiger Türke und lebt in Österreich.

Womöglich ist es diese Verbindung, die

die traditionellen Nasreddin-Hoça-Geschichten

der Türkei aus seinem Munde

zu einem wunderbar erfrischenden

Erlebnis werden lassen: Wenn Mehmet

zwischen breitem oberösterreichisch

und türkisch hin und her wechselt, ist

er schon fast selbst ein witziger und

überaus moderner Nasreddin.

Tormenta Jorbateh (München) wurde in

Gambia von der alten Griot-Familie Jorbateh

adoptiert. Griots sind die Musiker

und Geschichtenerzähler Westafrikas

und Tormenta reist seitdem als bisher

einziger weißer Griot um die Welt. Er

erzählt in Deutsch und manchmal auch

in Madinka und begleitet sich dabei

selbst auf der Kora, einer 21-saitigen

Harfenlaute.

Julia Klein (Bremen) ist dem Bremer

Publikum als Geschichtenhändlerin

Amalia bestens bekannt. Sie betritt den

Raum mit einem charmanten Lächeln

und einem Anglersitz, in dem sich alles

befindet, was sie zum Erzählen braucht.

Bald ist der Raum erfüllt von abgründigen

oder witzigen, alten und noch nie

erzählten Geschichten.

Wenn der italo-amerikanische Sänger

und Komponist Willy Schwarz die Bühne

betritt, dann bringt er eine Menge

Instrumente aus aller Welt mit. Willy

Schwarz erzählt in seinen Balladen und

Songs von den vielen Begegnungen, die

er auf seinen musikalischen Expeditionen

um die Welt erleben konnte. Und

so blitzen in seiner Musik die Spuren

unterschiedlichster Menschen an unterschiedlichen

Orten auf – alles andere

als gefällige Mainstream-Weltmusik.

Ausklang an der Feuerspuren-Lounge

LICHTHAUS, Hermann Prüser Straße

Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 4 Euro.

Familienkarte: Zwei Erwachsene + Kinder: 10

Euro

Kartenvorverkauf: Kultur Vor Ort

T. 0421-6197727

38


Feuerspuren auf der Straße

Feuerwerk am Winterhimmel

Samstag, 8. November, 15-19 Uhr

Feuervögel und Lichtermeer

Auf der gesamten Lindenhofstraße

dreht sich am 8. November alles ums

Feuer. Während in den Erzählstationen

das Publikum bei mollig-warmen Temperaturen

gebannt den Geschichten

lauscht, verwandelt sich die Straße in

einen feurigen Parcour: Flammende

Walking Acts, nervöse Feuerwehrleute,

jahreszeitbedingte Engel und Zwerge,

Stegreifgeschichten aus dem Hinterhalt

und Tee und Geschichten am Lagerfeuer

im Juchtershof.

An der Stadtbibliothek West verwandeln

Kinder gemeinsam mit dem

Mobilen Atelier MOKU die alte Kastanie

in einen riesigen Feuervogel und grillen

zwischendurch ein Stockbrot am wärmenden

Feuer.

Feuerkunst am dunklen

Winterhimmel

Höhepunkt auf der Straße sind die

Feuershows, die in den Pausen zwischen

den Erzählacts stattfinden:

Feuerbälle an Ketten wirbeln durch die

Luft und malen flammende Bilder in

den dunklen Nachthimmel. Brennende

Seile durchschneiden wie Schwerter die

eiskalte Luft.

Aber die zwölfköpfige Crew von

FLAMBAL OLEK kann noch mehr: Überraschend

entsteht aus den Feuerperformances

eine Geschichte, poetischsinnliche

Bilder wechseln mit gewitzter

Interaktion und das Publikum ist

plötzlich mittendrin in einer komischen,

überraschungsvollen Geschichte voller

Rhythmus und Slapstick.

Unterstützt wird Flambal Olek durch

Künstler der Gruppen ZENIT und

LENN FEI, die schon während der vergangenen

Feuerspuren ihr Publikum

mit poetischen Shows verzauberten.

Höhenfeuerwerk zum Finale

Mit Unterstützung der WATERFRONT

enden die Feuerspuren 08 mit einem

grandiosen Höhenfeuerwerk über der

Weser. Vom Bibliotheksplatz werden

die Feuerspuren zur Waterfront ziehen

und dort vom Gröpelinger Feuerwerker

Norbert Holzapfel empfangen, der auf

der alten Vogelinsel ein atemberaubendes

Feuerwerk zünden wird.

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Feuerspuren 08

Das internationale Erzählfestival

7./8. November 2008 / Bremen-Gröpelingen

Feuerspuren 08 –

Die lange Nacht der Erzählungen

7. November 2008

19 Uhr bis Mitternacht

LICHTHAUS, Hermann Prüser Straße 4

Feuerspuren 08 –

Das Erzählfestival

8. November 2008, 15 bis 19 Uhr

Lindenhofstraße

Aktuelle Informationen:

www.kultur-vor-ort.com

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