NARR. BILDER DIE WELT MIT TINTEN- FISCHAUGEN SEHEN

julimagazin

NARR. BILDER DIE WELT MIT TINTEN- FISCHAUGEN SEHEN

NARR.

Drei Studenten lancieren ein Literaturmagazin und erklären

den Narrativismus als Literaturströmung.

VON CORDELIA OPPLIGER

SEITE 26

BILDER

VON MONICA URSINA JÄGER

SEITE 27 & 37

DIE WELT MIT TINTEN-

FISCHAUGEN SEHEN

Was es braucht, damit Kinder und Jugendliche beginnen,

die Welt der Bücher zu entdecken.

VON SVENJA HERRMANN

SEITE 34 / 35

FEDERLESEN

SUSANNE JÄGGI UND BRUNO MEIER ÜBER DAS BUCHGESCHÄFT

AUFGEZEICHNET VON ANDRINA JÖRG

SEITE 28 / 29

EXIL / LOG

SANDRA GYSI AUS KAIRO

SEITE 30

TAUCHSIEDER

EIN GEHIRN WÄSCHT DAS ANDERE

VON BRUNO MAURER

SEITE 31

BILDSCHIRM

DANIEL SCHIBLI

SEITE 31 – 33

BLIND HINGESCHAUT

LEBENDIGKEIT DURCH GESCHICHTEN

VON NICOLE MATHYS

SEITE 36

KLEIN & FEIN

LIBRIUM

VON MELANIE BORTER

SEITE 38

«HIDEOUT.26», 75 X112 CM, 2011

NR

21

25

BÜCHERWELTEN

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Buch? Wog es schwer

in der Hand? Vielleicht haben Sie das Umblättern der

Seiten noch vor sich, das erzeugte Geräusch im Ohr,

eine vage Vorstellung vom Geruch? Möglicherweise

waren Sie als Kind in der Bibliothek, durften stöbern

und «wildern», um an den unbekannten Abenteuern

hinter den Buchdeckeln teilhaben zu können. Vielleicht

sind Sie auch heute noch oft dort anzutreffen. Im

Aargau gibt es aktuell verschiedene Projekte, die Kinder

animieren wollen, in Bibliotheken zu verweilen,

um die Welt der Bücher zu entdecken und literarisches

Lesen und Schreiben kennen zu lernen.

Wer zwischen Fantasie und Realität mäandriert,

entwickelt seine Vorstellungskraft. Und diese wird für

Problemlösungsstrategien in Zukunft wohl auf allen

Ebenen mehr und mehr gebraucht. Wer spielerisch mit

Worten experimentiert, stärkt zudem sein Sprachgefühl,

welches eine gute Grundlage ist, um souverän mit

geschriebener Sprache umgehen zu können. Laut der

eben erschienen PISA-Studie schneidet die Schweiz,

was die Lese- und Schreibkompetenz angeht, im internationalen

Vergleich mittelmässig ab. Höchste Zeit

also, die Wichtigkeit eines kreativen und kompetenten

Umgangs mit Schriftsprache anzuerkennen. Aber

abgesehen von jeglichem Zweckdenken ist das ziellose

Schweifen in Bibliotheken, das Schmökern in Büchern

ein Erlebnis für sich, bei dem man immer wieder auf

Überraschendes und Neues trifft.

Werden sich kommende Generationen in ähnlicher

Art und Weise an Bibliotheken erinnern wie wir?

Oder werden Sie eher an Multimediadienstleistungsstellen

und Touchscreen denken? Zurzeit kaufen

vor allem Grosseltern Kinderbücher, weil sie für ihre

Enkel diese Form der Erzählung bewahren möchten.

Bücher in Papierform müssen tatsächlich immer schöner,

aufwändiger und besser werden, um auf dem

Markt neben dem digitalen Angebot bestehen zu können.

Im Vergleich zu den Produktionskosten werden

viele von ihnen seit mehreren Jahren meist zu billig

verkauft. Eine Massnahme, um die Preise nicht noch

weiter zu drücken – aber auch um unverhältnismässig

hohe Preise zu vermeiden, ist die Einführung der

Buchpreisbindung in der Schweiz. Bei diesem Modell

legt der herausgebende Verlag fest, wie hoch der Preis

eines Buches sein soll. Im März können wir darüber

abstimmen, ob wir das neue Gesetz annehmen wollen

und damit für eine Vielfalt der Bücher einstehen. Damit

das Schmökern spannend bleibt.

Madeleine Rey, Andrina Jörg, Redaktion


NARR.

DAS NARRA -

TIVISTISCHE

LITERATUR-

MAGAZIN

Drei Studenten lancieren erfolgreich ein

Literaturmagazin, schaffen eine Plattform

für Jung-Schreibende und erklären

den Narrativismus als Literaturströmung.

Von der Wahnidee zum Narr.

VON CORDELIA OPPLIGER

Im Oktober 2010 stehen drei Studenten – Lukas Gloor

(26), Daniel Kissling (24) und René Frauchiger (30) –

während einer Pause des Seminars «Literaturbio grafie»

vor der Uni in Basel. Sie rauchen, diskutieren über

Goethe, Zeitschriften und expressionistische Literatur.

Es windet, sie frieren, gehen ins Café, diskutieren

weiter, über ihr eigenes Schreiben, über die fehlende

Plattform für junge Autorinnen und Autoren, über

Strömungen in der Literatur, die es nicht mehr gibt.

Was wäre, wenn es in der Schweiz ein Literaturmagazin

mit jungen Texten gäbe? Texte wie ihre eigenen?

Was, wenn sie die Herausgeber wären?

Das erste «Narr. das narrativistische literaturmagazin»

erscheint am 25. Juni 2011. Nach zwei Monaten

sind alle 250 Exemplare verkauft. Ein Literaturmagazin

ohne Werbung, ohne bekannte Namen, mit Machern

ohne Ahnung vom Verlags-

Narr #3 ist Ende Dezember wesen wird ein Erfolg.

2011 erschienen, im Aargau «Es war eine Wahnidee»,

erhältlich bei:

sagt Daniel. Und diese

· Buchhandlung Kronen­

führte sie zum Narr. Über

gasse, Aarau

· Buchhandlung Librium, den Punkt nach dem Narr.

Baden

haben sie lange und kontro-

· Bücher Doppler, Baden vers diskutiert. Einig war

· Buchhandlung am Rathaus, man sich dagegen, dass sie

Lenzburg

kein Online-Magazin pro-

Texte können jederzeit duzieren wollten. «Für mich

eingereicht werden. ist Literatur verbunden mit

www.dasnarr.ch

dem gedruckten Buch», sagt

Lukas. «Ein Buch hat ein

Anfang und ein Ende», sagt Daniel. Und auch René findet:

«Mir fehlt die persönliche Beziehung zum E-Book –

und ins Gestell kann ich es auch nicht stellen.» Alle drei

träumen vom Narr in der 5-Jahres-Jubiläum-Sammelbox.

2015.

Um die 90 Seiten dick ist das A5-grosse Magazin,

das man gerne in die Hand nimmt, weil sich gedruckte

Literatur auch im Zeitalter der Smartphones und

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Tablets wunderbar anfühlt. «Die gedruckte Form

zwingt uns, eine Auswahl zu treffen», sagt Lukas. Die

Textauswahl führt zu intensiven Diskussionen. René

sagt: «Wir haben unterschiedliche Vorlieben, da gibt es

einige Streitpunkte.» Er mag Texte, die eine zweite

und dritte philosophische, autobiografische oder auch

religiöse Ebene haben – und sich aber auch nur auf

der 1. Ebene verständlich lesen lassen.

«Die Sprache muss stimmen», findet Lukas. Und

doch: Es soll keine Kopfliteratur sein, keine, die sich

nur Germanistikstudierenden erschliesst. Die Texte

sollen eine Geschichte erzählen, ob szenisch, lyrisch

oder prosaisch. Schliesslich haben sie sich der – eigens

kreierten – Strömung «Narrativismus» verpflichtet.

Und sie erzählen selber gerne: Daniel in der Literaturkolumne,

René in der dramatischen Kolumne und

Lukas im Vortext. Auch Valeria Moser, Layouterin und

Zeichnerin beim Narr., erzählt mit ihren Bildern Geschichten

und schreibt Geschichten über die Bilder.

Selbst die Autorenangaben erzählen Kür zest ge schich ten.

Wer hinter den Geschichten steckt, wissen die

Herausgeber meistens nicht. Einige Schreibende lernen

sie aber an der Release-Party kennen, die sie nach

jedem Heft organisieren: Erstlesungen mit Musik im

Coq d’Or in Olten. Mit den Literaturveranstaltungen

ermöglichen sie Begegnungen zwischen Leser und

Schreiberin, regen den Austausch zwischen Autorin

und Autor an und präsentieren die literarischen Entdeckungen

der Öffentlichkeit.

Das Narr. wird finanziell vom Aargauer Kuratorium

und Kulturdünger unterstützt. Doch mit dem Geld

lässt sich nur der Druck bezahlen. Alles andere – Organisieren,

Redigieren, Lektorieren, Ver treiben, Verschicken,

Abrechnen, Website betreuen – machen sie

ehrenamtlich. Und alle lesen alle eingereichten Texte

– bis jetzt 25 bis 30 pro Ausgabe, Tendenz steigend

– und fügen jedem abgelehnten Text eine konstruktive

Kritik bei. Sie schreiben ihre eigenen Texte, diskutieren

sie zu dritt, überarbeiten sie, oft bis spät in die

Nacht, fürs eigene Literaturmagazin liefert man nur

das Beste.

«Manchmal ist es ein Riesenstress», sagt Lukas.

«Aber dann freuen wir uns wieder über jeden eingesandten

Text, über jede konstruktive Kritik auf das

eigene Schreiben... und natürlich über jedes druckfrische

Narr.» «Und», fügt Daniel an, «die Herausgabe

vom Narr. ist ein Eintrittsticket in den Literaturbetrieb.

Wir sind plötzlich nicht mehr einsame Schreiberlinge,

sondern werden beachtet und ernst genommen.» Im

Stillen hoffen sie, dass ein Narr-Autor oder eine Narr-

Autorin den Sprung in die Bestsellerliste schafft – und

dass der Narrati vismus als neue Literaturströmung in

die Geschichte eingeht.

Cordelia Oppliger arbeitet als Projektleiterin in der

Kommunikation des Umwelt- und Gesundheitsschutzes

der Stadt Zürich und wohnt in Aarau.

—› Monica Ursina Jäger arbeitet im Bereich Zeichnung und

Installation. Sie lebt in London und Zürich. Ihre Arbeiten

sind vom 25. Januar bis 25. März im Kunstraum Baden in der

Gruppenausstellung «mobile Territorien» zu sehen.


«Aftermath #5» 2007, 40 x 50 cm, Pigmenttransfer auf Papier


FEDERLESEN

SUSANNE JÄGGI

UND BRUNO MEIER

ÜBER DAS

BUCHGESCHÄFT

NACHGEFRAGT UND AUFGEZEICHNET VON ANDRINA JÖRG

Susanne Jäggi, du führst

seit mehreren Jahrzehnten die

Buchhandlung LIBRIUM in

Baden. Kannst du etwas über

den Werdegang des Geschäftes

erzählen?

SJ Wir waren drei Frauen, die eine

Buchhandlung mit alternativem Programm

eröffnen wollten. Via Marktanalyse

verschlug es uns Ende der

1970er-Jahre nach Baden. Das Buchgeschäft

war damals ausschliesslich

in Männerhand und im Familienbetrieb.

Die Vertriebsstrukturen für

linke und feministische Bücher waren

erst am Entstehen, einschlägige

Bücher wurden wie heisse Ware unter

der Theke gehandelt. Wir hatten

von Anfang an Erfolg mit unserem

Laden, hatten über die Jahre aber

auch immer wieder wirtschaftliche

Engpässe, bei denen wir nicht wussten,

wie es weitergehen sollte.

Bruno Meier, du hast einen

Verlag gegründet ...

BM «hier + jetzt» gibt es seit 1998. Wir

waren zu dritt und wir hatten die

Idee, eine Verlagsboutique mit etwa

acht Büchern pro Jahr anzufangen.

Nebenbei arbeiteten wir selbständig

an anderen Projekten. In den Jahren

03 / 04 war der Verlag derart gewachsen,

dass wir Leute in Lektorat und

Grafik einstellen konnten. Heute

sind wir acht Personen und produzieren

etwa 30–35 Bücher pro Jahr,

unterdessen ein mittelgrosser Verlag.

Wir haben unsere Nische, die wir

von Anfang an gesucht haben, gefunden:

das kulturhistorische Sachbuch

in der Schweiz.

Wie kam es dazu, dass es praktisch

keine unabhängigen

Buchhandlungen und Verlage

mehr gibt?

SJ Die mittelgrossen Buchhandlungen

mit 20 bis 50 Angestellten sind

sozusagen ausgestorben. Es existieren

nur noch Buchketten wie Orell

Füssli und Buchshopping, die entstanden

sind, um die Buchläden aufzukaufen,

welche sonst eingegangen

wären. Daneben gibt es pro Stadt im

Schnitt eine kleine, unabhängige

Buchhandlung. Die Lohn- und Mietkosten

der mittleren Unternehmen

waren nicht mehr zahlbar. Bücher

sind einfach zu billig! Seit 40 Jahren

werden Bücher immer billiger.

BM Wie bei den Buchhandlungen gibt

es in gewissen Regionen in der

Schweiz mittlerweile keine Verlage

mehr. Auch hier sind viele traditionelle

Unternehmen aus dem Markt

gefallen. Wir sind deshalb auch ein

Walliser, ein Bündner und ein Zentralschweizer

Verlag. Der Schweizer

Buchhandel ist im Vergleich zu Österreich

und Deutschland seit etwa

fünfzehn Jahren hoch konzentriert

mit den grossen Ketten. Aber den

grossen Anbietern geht es nicht mehr

so gut wie auch schon. Die Belletristik

ist stark unter Druck, es wurden

wichtige Häuser an deutsche Konzerne

verkauft und viele kleine Ver-

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lage arbeiten nahe an der Grenze zur

Selbstausbeutung. Dem Sachbuchbereich

geht es hingegen nicht so

schlecht. Es hat sich viel verändert:

Neue Verlage wurden gegründet,

«Kein und Aber» oder «echtzeit» zum

Beispiel. Sie funktionieren mit guten

Konzepten und klaren Profilen.

Welches sind eure Strategien,

um im schwierigen Geschäft

bestehen zu können?

SJ Unsere Philosophie ist über die

Jahre immer dieselbe geblieben: Wir

verkaufen nur Bücher, die wir selber

lesen würden. Dadurch haben wir

uns von Anfang an spezialisiert. Wir

möchten zudem ein Treffpunk sein.

Im LIBRIUM findet Kultur statt, hier

sollen sich die Kunden wohl fühlen

wie in einem Salon. Wir haben sechzig

Stunden offen pro Woche, man

kann auch einfach nur sitzen und

Bücher anschauen. Unser Geschäft

lebt von unserem Idealismus. Wenn

wir nicht mehr mögen, dann geht die

Buchhandlung ein. Die Leute kommen

auch wegen der Stimmung zu

uns, wegen dem Engagement. So simpel

ist das. Wir haben keinen Rappen

von nirgends und wir wissen nie, wie

es Ende Jahr aussieht. Wir kontrollieren

praktisch jeden Tag die Buchhaltung.

Das muss man fest im Griff

haben, sonst «lüpft» es einen.

BM Wir leben vom Buchhandel, von

der Förderung und vom Direktkundengeschäft,

auch wenn dies die

Buchhandlungen nicht gerne hören.

Ein Sachbuchverlag hat andere Betriebswege

als der klassische Belletristikverlag,

der sich heute noch zu

etwa 95 % über den klassischen Handel

finanziert. Wir brauchen bei neun

von zehn Büchern eine finanzielle

Absicherung, wenn wir mit einem

Projekt starten. Ein Grossteil meiner

Arbeit besteht aus Fundraising.


2007 wurde die Buchpreisbindung

aufgehoben.

Susanne, kannst du sagen,

was das konkret bedeutet?

SJ Lange wurde aufgrund eines Abkommens

der Buchpreis in der

Schweiz vom Verlag festlegt. Der

SBVV (Schweizer Buchhändler- und

Verlegerverband), in dessen Zentralvorstand

ich bin, wollte dies gesetzlich

verankern wie in den umliegenden

Ländern, aber es kam zum Referendum.

Am 11. März wird darüber

abgestimmt. Kulturpolitisch bin ich

sehr für die Buchpreisbindung, weil

sie eine grössere Vielfalt der Bücher

garantiert. Zudem hätten wir keine

Discountpreise mehr in der Schweiz,

wenn das Gesetz der Buchpreisbindung

durchkommt. Das wäre sehr

gut, denn die Bücher sind wie gesagt

ohnehin schon viel zu billig.

Ein anderer Weg, um die Vielfalt

der Bücher zu erhalten,

wäre die Unterstützung durch

den Bund, analog der Filmförderung

in der Schweiz.

SJ In der Vernehmlassung der Kulturbotschaft

ist die Forderung nach

einer adäquaten Buchförderung so-

FEDERLESEN

zusagen diskussionslos durchgefallen.

Der Vorstoss wird voraussichtlich

nochmals vorgebracht mit dem

Ziel, dass er 2016 in die Kulturbotschaft

aufgenommen wird. Ich kann

mir nicht genau erklären, warum der

Vorschlag so hochaus durchgefallen

ist. Wir haben im SBVV jahrelang im

Auftrag des Bundesamtes für Kultur

an dieser Vorlage gearbeitet.

BM Die Förderung für Bücher funktioniert

in der Schweiz traditionellerweise

vor allem auf kantonaler und

lokaler Ebene. Es gibt die Autorenförderung

und die Werkbeiträge. In

der Schweiz können nur etwa ein

Duzend Autorinnen und Autoren

von den Tantiemen leben. Es gibt wenig

private Förderung, wenig Stiftungen,

die im Buchgeschäft fördern.

Ein Buch ist ein schlechtes Mittel,

um sich zu profilieren. Ich fände es

wichtig, dass der Bund ein kulturpolitisches

Zeichen setzen würde, die

Preisbindung wäre ein solches, auch

wenn Preisabsprachen aus liberaler

Sicht nicht von Gutem sind. Der

Buchhandel wird immer noch primär

als Wirtschaftsunternehmen gesehen,

bei dem der kulturelle Auftrag

nicht unbedingt im Vordergrund

steht. Wenn ich Geld für ein Projekt

suche, bekomme ich von privaten

Stiftungen oft die Antwort zu hören,

sie könnten keine kommerziellen

Unternehmen unterstützen. Rein

theoretisch ist das richtig, aber die

Realität sieht anders aus. Wir funktionieren

nicht anders als ein gut aus -

gelastetes Theater, welches über eine

hohe Eigenfinanzierung verfügt.

Welche Veränderungen wird

die Digitalisierung des Buchmarktes

mit sich bringen?

SJ Die Entwicklung des Internet hat

den Verkauf und den Vertrieb von

Büchern in den letzten Jahren stark

verändert. Früher hatte der Buchhändler

die Hoheit über die Informationen,

die Kunden waren ihm ausgeliefert.

Heute können sie selber

googeln. Wir müssen uns genau überlegen,

welchen Grund es für einen

Käufer, eine Käuferin gibt, zu uns zu

29

kommen. Ich vermute, die digitale

Entwicklung des Buches wird am

Buchhandel vorbeigehen. Die Kunden

kommen, weil sie an einem Buch

riechen, weil sie es anfassen wollen,

weil sie vielleicht auch noch nicht

genau wissen, was sie möchten. Wir

machen sehr viele Zusatzkäufe, weil

die Leute bei uns einfach stöbern.

Zum Glück sind wir auf Sparten spezialisiert,

die nicht so anfällig sind

für ebooks. Literatur, Belletristik,

Kinderbücher und Architektur sind

unsere Standbeine. Kinderbücher

werden zurzeit vor allem von Grosseltern

gekauft. Sie haben Angst, dass

ihre Enkel den Zugang zu den traditionellen

Büchern verlieren.

BM In Zukunft wird es sicher mehr

digitale Bücher geben. Das ebook

wird sich aber zu einem neuen Medium

entwickeln; es verdrängt nicht

a priori das traditionelle Buch. In

seiner spezifischen Qualität wird das

herkömmliche Buch noch besser

werden: Die Typografie, die Gestaltung,

der haptische Aspekt wird

wichtiger. Das ebook wird in Zukunft

ein interaktives Medium sein. Text,

Film, Audio, Hyperlinks: alles wird

vernetzt. Ich sehe im ebook ein Potenzial

und eine Herausforderung für

Verlage. Die elektronische Welt kann

ein Schlaraffenland sein. Die Frage

ist nur, wie mans verkauft und ob die

User, beziehungsweise die Leser/innen,

bereit sind, etwas dafür zu

bezahlen.

Susanne Jäggi gründete 1979 die

unabhängige Buchhandlung LIBRIUM

in Baden. Sie lebt in Aarau und ist

Mitglied des Zentralvorstands des SBVV.

Bruno Meier ist Mitgründer und Partner

im Verlag hier+jetzt, daneben

ist er selbständig tätig als Historiker

und Autor. Er lebt in Baden.

www.librium.ch

www.hierundjetzt.ch

www.sbvv.ch


SANDRA GYSI

AUS KAIRO

28. NOVEMBER 2011

Damals, als ich anfing, Arabisch zu lernen, hörte ich Lieder

des ägyptischen Sängers Abdel Halim Hafez an, die,

obwohl er schon in den siebziger Jahren gestorben ist,

noch immer überall gespielt werden. Ich lernte die Texte

auswendig und realisierte plötzlich: Im Alltag werden

bei jeder Gelegenheit seine Verse zitiert, um dem Gesagten

Nachdruck zu verleihen.

Das war die erste Begegnung mit einer Mündlichkeit,

die der arabischen Kultur so eigen ist: die grossartige Fähigkeit

des Erzählens, des Zitierens, des Zuhörens. Wir

hingegen kämpfen bestenfalls erst nach der ersten Strophe

mit der Erinnerung an den genauen Wortlaut, wenn

wir aufgefordert sind, ein Schweizer Lied zu singen.

Der Beginn der Recherchen zum Dokumentarfilm

«Sira – Wenn der Halbmond spricht» basierte auf dieser

Faszination für die Mündlichkeit. Die mündlich überlieferte

«Sira», das monumentalste und wichtigste Epos in

der arabischen Welt, ist für den Orient so wichtig wie

Homers Odyssee für den Westen. Doch das Epos, das

geschätzte fünf Millionen Verse umfasst, wurde bisher

nur in Auszügen schriftlich festgehalten. Es lebt vom öffentlichen

Vortragen, das sich je nach Situation und Publikum

ändert. Auch die Odyssee habe aus mündlich

überlieferten Geschichten bestanden. Der Moment der

Verschriftlichung bedeutet Konservierung, im positiven

Sinne wird ein Text so der Nachwelt überliefert, im negativen

verliert er seine Lebendigkeit.

Für den Film konnten wir den letzten lebenden, rund

80-jährigen «Sira»-Interpreten Sayyed el-Dawwy gewinnen,

der, selbst Analphabet, die unzähligen Verse der

«Sira» auswendig kennt bzw. ihre Versform so verinnerlicht

hat, dass er über die Geschichten improvisieren

kann. Er trägt die «Sira» singend vor: Melodiöse Teile

werden von einem erstaunlich modernen Rap abgelöst,

die Geschichten baut er dramaturgisch geschickt auf, er

beendet die einzelnen Teile ähnlich Soap-Operas mit

Cliff-Hängern, so dass das Publikum gebannt auf die

Fortsetzung der Geschichte wartet. El-Dawwy widmet

sein ganzes Leben der «Sira», eine Lebensweise, die

asynchron zur heutigen Zeit ist.

An einer Vorstellung von el-Dawwy in seinem Dorf

begab ich mich unter das «Sira»-begeisterte Publikum.

Als er eine umstrittene Geschichte vortrug, mischte sich

das Publikum engagiert ein. In diesem Tumult erstaunte

mich die Tatsache, dass ein 700-jähriges Epos noch

heute die Gemüter derart bewegt. Ich fand mich gedanklich

wieder bei Mani Matter und seinem «Si hei der Wilhälm

Täll ufgfüert im Löie z’Nottiswil». Erzählt hier

nicht Matter von einer Aufführung des Willhelm Tell,

bei der das halbe Dorf mitspielt, die Aufführung ausser

EXIL / LOG

30

Kontrolle gerät und sich plötzlich die verschiedenen

Fraktionen des Dorfes bekämpfen, als ob sie Teil der Geschichte

wären?

Heute versucht el-Dawwy, die «Sira» seinem 25-jährigen

Enkel Ramadan weiterzugeben. Ramadan ist des

Schreibens und Lesens kundig, doch besitz er die grosse

Gedächtnisfähigkeit seines Grossvaters nicht. Und eigentlich

interessiert er sich mehr für modernere Interpretationen

der «Sira», die er auf Youtube findet. Die

«Sira» ist eine lebendige Tradition und wenn die traditionelle

Vortragsform im Begriff ist zu verschwinden, so

ist es eine Chance für die «Sira», dass sie neu interpretiert

wird. So wurde beispielsweise der auf einer Geschichte

der «Sira» beruhende Popsong «Yunis» des ägyptischen

Sängers Mohamed Mounir von vielen jungen

Ägyptern als Klingelton auf ihrem Mobile verwendet.

Die Mündlichkeit bleibt wichtiger Bestandteil der

ägyptischen Kultur. Auf dem Kairoer Tahrir-Platz, auf

dem dieser Tage wieder heftig für einen richtigen Demokratisierungsprozess

demonstriert wird, werden neben

politischen Slogans und neuen Liedern nicht nur passende

Songs eines Abdel Halim Hafez gesungen, sondern

es wird mündlich ausgetauscht: per Telefon, SMS. Und

auf den Smart-Phones werden Twitter und Facebook abgerufen,

einer neuen Art der Mündlichkeit.

Sandra Gysi ist in Aarau geboren und lebt als freie Filmemacherin

in Zürich und Ägypten. 2011 erhielt sie den «Werkbeitrag

Film» des Aargauer Kuratoriums.

Ihr Film «Sira – Wenn der Halbmond spricht» läuft an den Solothurner

Filmtagen (Samstag, 21.1.2012, 12 Uhr im Palace).

www.sira-film.com


TAUCHSIEDER BILDSCHIRM

EIN GEHIRN

WÄSCHT DAS ANDERE

VON BRUNO MAURER

Ich muss nachher noch schnell einkaufen. Hab also nicht lange Zeit.

Die meisten arbeiten fünf Tage in der Woche, etwa acht

Stunden pro Tag. Da bleiben zwei volle Tage plus fünf mal zwei

Drittel übrig. Und diese immer raffinierteren Gerätschaften

nehmen uns sogar noch zeitraubende Tätigkeiten ab. Wir müssten

ja Zeit zur Verfügung haben, dass es klöpft und tätscht. So

viel Freizeit zum Ausruhen, Entspannen und Nichtstun. Doch

wir sind gestresst, gehetzt, rastlos, ke Ziit sorry. Ein Teufelszeug

ist das. Und ein beklemmendes Gefühl.

Aber wir müssen schliesslich in diesen zwei vollen Tagen

plus fünf mal zwei Drittel auch noch unsere Poweryogastunden

und Zeitmanagementkurse unterbringen. Die Antifalten­

und Bräunungscreme auftragen, den Nachwuchs ins Frühenglisch

bringen und möglichst stündlich all unseren Facebookfreunden

erzählen, welcher Furz uns gerade entfahren ist.

Jo Gottfried Stutz, der Kapitalismus hat uns ein cheibe

schönes Lebensgefühl beschert: Wir müssen unsere Tage und

Stunden so intensiv wie möglich nutzen, um den angestrebten

Platz in der Gesellschaft zu erklimmen. Und überhaupt müssen

wir immer mehr in immer kürzerer Zeit erleben, immer

mehr Möglichkeiten ausschöpfen, immer das Neueste nutzen,

konsumieren, Zeit sparen, um noch schneller noch mehr in

unser Hirni zu beigen. Und ja nie stehenbleiben, sonst fällt

man zurück. Der Reichtum des Lebens bemisst sich an der Anzahl

an Erfahrungen und Erlebnissen! Hafechäs.

Dieser Informationsberg, dieser Tsunami von Reizen

macht uns nicht klüger und erst recht nicht weiser. Denn unser

Gehirn benötigt Zeit, um Zusammenhänge festzustellen.

Es fällt uns immer schwerer, jeden Reiz zu beachten und

Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

Im Grunde funktionieren wir doch immer noch wie in der

Steinzeit. Bei einem Rascheln im Gebüsch, einem Schatten eines

Raubtieres, liessen unsere Urahnen instinktiv von ihrer

Arbeit ab und richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Reizquelle.

Das war überlebenswichtig.

Das ist auch heute noch so. Nur sind die Reize heute das

«Drrrtdrrrt» einer SMS oder das «Sboing» einer neuen E­Mail,

Dinge die keine Gefahr bergen, uns aber kribbelig machen und

unsere Aufmerksamkeit fesseln. Diese Reize machen süchtig.

Und so gieren wir ständig nach Neuem und befinden uns in ständig

anwesender Abwesenheit, in einem Strudel der Rastlosigkeit.

Wir sollten mehr nichts tun. Denn wenn wir nichts tun,

tauchen wir ab in unser Wissen.

Da kann das Gehirn neue Verknüpfungen schaffen. Vielleicht

verknüpft es ja eine alte Idee mit einem Satz aus einem

Buch und einem Gesprächsfetzen von gestern zu einem Geistesblitz.

Wir alle kennen das. Wir haben einen Namen vergessen.

Wir martern das Gedächtnis, ohne Ergebnis. Zwei Stunden

später spuckt das Gehirn den Namen aus. Einfach so. Wir

müssen das Gehirn nur in Ruhe lassen.

So. Ich muss. Einkaufen. Ich brauch noch Dings, was war

es jetzt auch schon wieder? Äh, Seich, Dings.. Zeugs.. Was war

es doch gleich?

Bruno Maurer (31) ist Komiker und schreibt momentan

an seinem ersten Soloprogramm. Er war 12 Jahre mit

Pasta del Amore unterwegs. In dieser Zeit hat er diverse

Projekte auf der Bühne, im Film und in der Musik realisiert.

Er lebt auf dem Land in der Nähe von Oberkulm.

31

DOPPELTE

WIRKLICHKEIT

Die sinnlichen und bewegt erscheinenden Bildwelten in

Daniel Schiblis Arbeiten sind verführerisch. Täuschen

sie auf den ersten Blick eine spielerische Idylle vor, so

entlarven sie sich bei genauerem Hinschauen in ihrer

Konstruiertheit gleich selber wieder. Das Zeigen doppelter

Realitäten ist in den wie auch immer gebauten

Bildräumen also bereits angelegt. Der 1963 geborene

und in Wettingen und Zürich arbeitende Künstler öffnet

in seinen Arbeiten, ob Malerei, Fotografie, Video oder

Installation, stets einen ambivalenten Blick, pendelnd

zwischen Präzision und Bastelei, abgründigem Schauer,

Magie und Üppigkeit.

Abbildung nächste Doppelseite:

Oel auf Holz, 2011, 110 x 180 cm

Daniel Schiblis Arbeiten sind aktuell im Aargauer Kunsthaus,

Aarau, an der Auswahl 11, Aargauer Künstlerinnen

und Künstler, vom 3.12.2011 – 8.1.2012 zu sehen.

www.aargauerkunsthaus.ch


DIE WELT MIT

TINTENFISCHAUGEN

SEHEN

Was braucht es, damit Kinder und

Jugend liche beginnen, die Welt der Bücher

und des literarischen Schreibens

zu entdecken? Und warum sind die

Erfahrungen beim «Schatzsuchen» in

Bibliotheken und im Schreibprozess

wichtig?

VON SVENJA HERRMANN

Mit diesen Fragen beschäftigen sich hochtourig Leseforschung,

Bildungsplanung und Institutionen der

Literaturvermittlung. Ich will aus meiner Sicht Antworten

suchen. Häufig fragen sich Lehrpersonen,

was denn der Mehrwert von literarischer Förderung

für Schüler und Schülerinnen sei, wenn sie ohne -

hin schon das Fach Deutsch belegen. Deutsch-Lehrpersonen

unterrichten in der Regel kein «Kunstfach»

und literarisches Schreiben und das Er-Lesen von

literarischen Texten, ohne dass gleich eine didaktische

oder wissenschaftliche Fragestellung daran

gehängt wird, sind keine Schulfächer. Literaturvermittlung

ist die Vermittlung eines künst lerischen

Prozesses. Kreativität, Poesie und die Freiheit der

Imagination sind wichtige Voraussetzungen für literarisches

Schreiben und Lesen.

Der Begriff der «Kreativität» ist leider ein inflationär

gebrauchtes Wort und von der Wirtschaftswelt

längst annektiert. Wir alle sollen «kreativ» sein, was

auch immer wir tun, in welcher Rolle auch immer

wir uns befinden, sonst ist möglicherweise unsere

Arbeitsstelle gefährdet. Kreativität ist unkalkulierbar

und ambivalent und für die schulische Didak tik ein

schwieriges Terrain, will sie doch oft von vornherein

wissen, in welche Richtung es geht, wie das Ende

aussieht, was das Ziel ist, und ob es erreicht wurde. Diesen

Prozess können Kulturschaffende vermitteln und

hier sind sie zusammen mit den Vermittlungsstellen

und -institutionen notwendige Brücken.

Schmökern in Bibliotheken und literarische Schreibversuche

bringen für Kinder, Jugendliche (und auch

für Erwachsene) das Entdecken von neuen Welten und

anderen Wirklichkeiten mit sich. Beides sind potenziell

kreative Tätigkeiten, da sie möglicherweise zu neuen

Ideen führen, also sich mit dem eigenen Vorwissen

so ergänzen, dass tatsächlich ein neuer Gedanke, ein

Geistesblitz entstehen kann, der die Tür zu Weiterem

öffnet und eben nur vordergründig zu «nichts» geführt

hat. Deshalb ist es meines Erachtens so wichtig, dass

wir immer wieder Erfahrungen machen dürfen von hoch

produktiver Zwecklosigkeit; von dem Segen der intrinsischen

Motivation, die uns an andere Orte führt,

als die Orte, die das System für uns vorsieht, in die

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wir ganz ordentlich hineinzupassen haben.

Bibliotheken können zum Schmökern explizit anstiften

neben Einführungen ins zielgerichtete Suchen

von Titeln und dem Recherchieren. Vermittlungsinstitutionen

und Bibliotheken können mit dem Prinzip

«Schmökern» Antworten geben, Berührungsängste und

Barrieren abbauen helfen. Dasselbe gilt für Literatur-

Workshops in Schulen, die zum literarischen Schreiben

anstiften und zu der wichtigen Erfahrung führen, mit

der eigenen «Stimme» Sprache gestalten zu können

und es auch einmal in einem Versuchsstadium zu

belassen.

Als Bibliotheksbesucherin, Dichterin und Förderin

von sprachinteressierten Kindern und Jugendlichen

träume ich davon, dass es in Schulen noch selbstverständlicher

wird, Kinder und Jugendliche an einen

künstlerischen Prozess heranzuführen. Wenn die Tür

für die Begegnung mit Literatur schaffenden vermehrt

geöffnet wird, können Kinder und Jugendliche die

Welt der Bücher und des literarischen Produzierens

intensiver, anders und auf ihre Weise entdecken,

zum Beispiel über unvorhersehbare Wege des Schmökerns

oder erste literarische Schreibversuche. Wenn

nämlich Kinder und

Jugendliche sich als

selbsthandelnde Indi viduen

erleben, ist schon

viel gewonnen: Die Lese -

vorlieben und die eigenen

Bilder im Kopf zählen,

und was geschrieben

oder gelesen wird, zählt.

Und hierbei spielt

wiederum die Fantasie

eine grosse Rolle, ohne

Fantasie kann ich

mir nicht vorstellen, was

mich interessieren

könnte, welchen Verlauf

eine Geschichte nehmen

müsste, damit sie

mich packt, das gilt

für das Lesen wie für das Schreiben. Kürzlich sagte

eine jugendliche Schreibwerkstatt-Teilnehmerin

zu mir: «Ich liebe das Schreiben, weil ich lauter Happy

Ends schaffen kann, wann ich will!» Das ist ihr persönliches

Interesse und die Schule, der Deutschunterricht,

können ihr dabei nicht helfen, aber eine

Bibliothek, in der sie schmökern darf, und wenn sie

notfalls das «Verbotenste» tut und nur die Enden liest.

Das ist ihre Lesespur und im besten Fall entdeckt sie

dabei was «gute», was eher schlechte Happy Ends sind.

Das Mäandrieren von Kindern zwischen Fantasie

und Wirklichkeit zu fördern und sie darin zu bestärken,

ist für das Schreiben- und Lesenlernen, neben dem

Erlernen des Entzifferns und Zusammensetzen von

Schriftzeichen, von zentraler Bedeutung. Die Freiheit,

sich eine andere Welt schaffen zu dürfen und zu können,

jenseits der Welt der Eltern oder Lehrpersonen,

hilft, sich als selbständiger Mensch wahrzunehmen


und dementsprechend zu handeln. Der künstlerische

Prozess, der den Fokus auf das Entstehen und den

Prozess legt, der niemals von didaktischen Zielen aus -

geht, ist es, den ich als

so genannten «Teaching

Artist» in die Schulen

bringe.

Wenn ich ein solches

Projekt in der Schule

leiten darf, dann ist mir

wichtig, dass wir eine

kreative Atmosphäre

schaffen. Darauf bin ich

angewiesen. Es müssen

Orte zugänglich sein,

wo das Erfinden, Erforschen,

Imagnieren,

Spintisieren Platz hat.

Entdecktes und Erlerntes

fliesst in die von

Kindern geschriebenen

literarischen Texte ein,

wird zu Poesie gewoben. Es entsteht ein Patchwork von

bereits Gelesenem, Erfundenem und Imitiertem.

Die Schüler verweben ihr Vorwissen zu einem eigenen

Text und bringen ihre Fantasie zu Papier, und dabei

wissen sie ziemlich genau, was sie tun, wie ein schönes

Zitat einer elfjährigen Schreiberin deutlich macht:

«Schreiben ist wie ein zweites Leben auf Papier».

Der poetische Schreibprozess ist nicht nur der Schreib -

prozess, der intensiv von der Wissenschaft bearbeitet

wird, sondern eben auch der Funke «Kunst», ein Funke

«Gestaltung», DER Funke, der einen Satz flirren lässt.

Und gerade Kinder können das spüren, es hören, wenn

jemand da ist, der begeistert vermittelt und hellhörig

ist für das Literarische in Kindertexten.

Svenja Herrmann hat Germanistik und Rechtsgeschichte studiert.

Sie ist Schriftstellerin, Expertin für Begabungsförderung,

Gründerin von «Schreibstrom», Leiterin des Ateliers

LITERA und lebt in Zürich.

www.svenjaherrmann.ch

www.schreibstrom.ch

Dieser Text ist auf Grundlage der Rede «Die Welt mit Tintenfischaugen

sehen» für den Aargauer Bibliothekstag 2011 entstanden.

35

Rezept

Du lässt acht Arme beim Fahrradfahren

fliegen

umzingelst die Krabben

ziehst Kreise um die Meeresspinnen

und nimmst dich in Acht vor den Netzen

Streifst Riesenschnecken auf ihrem Trip

feuerst sie an mit deinen Leuchtorganen

führst Schildkröten hinter ihren Panzer

schnürst Aale ein – stellst den Strom ab

Haifischen zischst du nachts

zwischen die Zähne

tarnst dich sekundenschnell zum

Plattfisch

machst dich dünn, verschwindest

in Höhlen

und lässt dich tagsüber runterhängen

Plankton ist überall

nimm es auf, das schärft den Blick

und vergiss die Wimpertierchen nicht

im Strudel um nichts

Und halt inne, saug dich fest

wenn du zwei Seesterne

tanzen siehst

Die Welt mit Tintenfischaugen sehen.

Aus: Herrmann, Svenja, Ausschwärmen,

Gedichte, Wolfbach Verlag, Zürich 2011.


LEBENDIGKEIT

DURCH GESCHICHTEN

BILD UND TEXT VON NICOLE MATHYS

Wir leben in einer ausgeprägt visuellen Welt. Nicole Mathys

kann sich nicht blind auf ihre Augen verlassen, denn sie ist

blind. – Sie nimmt an verschiedenen Veranstaltungen im

Aargau teil und schreibt anschliessend darüber, was sie «gesehen»

hat: in der fünften und letzten Folge darüber, wie

wichtig die Begleitung beziehungsweise die Vermittlung in

einem Museum ist. Sie besuchte dazu das Historische Museum

in Baden. Blind knipste sie die Foto.

Das Historische Museum Baden steht da, wie es sich für

ein altes Schloss gehört, in würdevoller Stille und etwas

ab vom Schuss. Einzig unsere Schritte hallen durchs

Gemäuer an jenem Donnerstagnachmittag.

Langsam, nach und nach mit jedem Wort, erwacht

diese Leere und füllt sich mit bedeutungsvollen Erkenntnissen.

Es sind die Geschichten, die mir erzählt werden

und diese Brücke zur Lebendigkeit schlagen:

Durch Geschichten werden die reglos dastehenden

und undurchdringbar scheinenden Schaukästen zum Leben

erweckt. Über das Erzählte, das sich rund um ein Ausstellungsobjekt

rankt, erhalte ich Zugang zu dem Gezeigten.

Mein Begleiter schleust mich durch das Museum und

weiss einiges zu erzählen. Es ist spannend, von jemandem

zu erfahren, der selber bei Ausgrabungen mitgearbeitet

hat und erzählen kann, wie genau der Prozess von einzelnen

Splittern bis hin zum zusammengesetzten Krug vor

sich geht. So war es der Trialog, die Begegnung zwischen

Begleiter, Ausstellungsobjekten und mir, die den nötigen

BLIND HINGESCHAUT

36

Auftrieb gab und mich zum Fliegen brachte. In der Sonderausstellung

zu den Flugpionieren fand ich makaber

zwar, aber am beeindruckendsten die Darstellung des

Flugzeugabsturzes eines Flugpioniers. Ein verkohltes

Portemonnaie, einige Kleidungsfetzen aus dem Jahre

1912... das blieb von diesem Aargauer Helden übrig.

Im belarussischen Provinznest Pinsk verweilte ich

einmal über zwei Stunden in einem klitzekleinen Museum.

Dabei sass ich die ganze Zeit mit der Museumsdirektorin

in ihrem Büro und sie erzählte mir, was man

alles im Museum sehen kann. Zu allem gabs eine ausführliche

Geschichte. Das war spannend. Dank dieser

Geschichten habe ich das Museum berührt, hat es mich

berührt, habe ich es erlebt, fand eine Begegnung statt.

Damit ein Museum für Blinde interessant ist, braucht

es gar nicht viele Ausstellungsobjekte. Es braucht einige

wenige, die man anfassen kann und von denen ausgehend

man in Geschichten entführt wird: Der Zusammenhang

vom Kleinen zum Grossen erschliesst sich, Türen

gehen auf, das, was unter den Schaukästen ist, beginnt

sich zu bewegen und erhält eine Gestalt. Das regt mich

an und reizt mich, weiter zu graben.

Nicole Mathys ist Russistin und Ethnologin. Sie lebt in Ostermundigen.

Die Ausstellung im Historischen Museum Baden «Überflieger

hierzulande. Flugpioniere in der Region Baden-Wettingen»

dauert noch bis 12. Februar 2012.

www.museum-baden.ch


«hideout.13», 53 x 40 cm, 2011 von Monica Ursina Jäger


KLEIN & FEIN

BUCHSUCHT LIBRIUM,

EIN GESTÄNDNIS

Librium, so nennt sich die Buchhandlung beim Theaterplatz

4 in Baden. Librium ist eigentlich eine Arznei zur

Behandlung akuter und chronischer Spannungs- und

Angstzustände. Sie wird heute nicht mehr hergestellt

wegen der zahlreichen und schwerwiegenden Nebenwirkungen.

Die psychische und körperliche Abhängigkeit

schon nach kurzer Anwendung ist nur eine davon. Auch

die Buchhandlung Librium macht süchtig, ich weiss das

aus eigener Erfahrung.

Immer wenn ich einen Nachmittag zu meiner freien

Verfügung habe, aber auch dann, wenn es nur ein paar

Stunden sind, zieht es mich ins Librium, unweigerlich,

meist grundlos, denn oft liegt zu Hause noch ein offenes

Buch, das mir gefällt, das ich erst beenden möchte. Ich

öffne die Glastür, kein Klingeln, kein Angestarrtwerden

von einer übermotivierten Verkaufsperson. Ich betrete

also diese Buchhandlung, als käme ich nach Hause, als

gehörte ich zu den Büchern, die geduldig darauf warten,

gelesen zu werden. Es sind nur wenige Erlesene, die aufgeschlagen

oder mit dem Cover nach vorne gerichtet

eine Sonderstellung einnehmen, die meisten kehren mir

den Rücken zu. So trete ich vor die Regale, kehre der realen

Welt ebenfalls den Rücken zu, während ich entscheide,

welchem dieser Bücher ich meine Stimme geben

möchte. Meine Stimme wird das Geschriebene erst

zum Leben erwecken, ich wähle deshalb ein Buch, als

wäre es eine Vermählung, die stattfinden soll. In diesen

Momenten bin ich froh, dass mich niemand stört, im

Wissen darum, dass ich Hilfe bekäme, wenn ich sie forderte.

Manchmal kommt es vor, dass ich mich für keines

der Bücher entscheiden kann. Ich weiss, im Librium

schüttelt niemand ungläubig den Kopf, wenn ich mich,

ohne ein Buch gekauft zu haben, davonstehle, als wäre

ich gerade fremd gegangen. Hier versteht man mich, und

so werde ich wieder kommen, bald schon, werde ein

Buch suchen, das ich kaufen und auf den Stapel noch

ungelesener Bücher legen werde. Buchsucht nennt sich

das wohl.

Nächste Veranstaltung in der Buchhandlung Librium

in Baden: Monica Cantieni liest aus «Grünschnabel»

19.01.2012, 20 Uhr. www.librium.ch

Melanie Borter arbeitet als freie Journalistin für verschiedene

Printmedien. Sie studierte Germanistik und Psychologie und

lebt mit ihrer Familie in Ennetbaden.

VON MELANIE BORTER, BILD VON SARAH KELLER

38


KULTURKONTAKT

AARGAU-BELARUS 1991–2011

Von 1991 an bestand ein kultureller Austausch

zwischen dem Kanton Aargau und

Belarus, der 2011 zum Abschluss geführt

wurde. Zahlreiche Aktivitäten in den Sparten

Musik, Bildende Kunst, Theater und Literatur

konnten realisiert werden. Viele

Kulturschaffende aus dem Aargau und aus

Belarus erhielten durch dieses Projekt die

Möglichkeit, das andere Land kennen zu

lernen. Im Zentrum des Austausches stand

neben der gemeinsamen kulturellen Leistung

immer auch die Begegnung. Zum Ende

dieses 20­jährigen Engagements ist eine

Broschüre erschienen, die Einblicke in die

interkulturelle Tätigkeit gibt. Im Weiteren

machen lyrische Texte von jungen belarussischen

Autoren in deutscher Übersetzung

auf sich aufmerksam – im Westen nach wie

vor ein Geheimtipp. Eindrückliche Fotoreportagen

von Thomas Kern und Andrei Liankevich

ergänzen die verschiedenen Texte,

und auf DVD kann die Theateraufführung

«Erste Liebe» des Theater Marie mit

belarussischen Theaterschaffenden noch

einmal nacherlebt werden.

Wer sich für die Broschüre «Kulturkontakt

Aargau-Belarus 1991–2011»

interessiert und sie gerne beziehen

möchte, wendet sich per Mail an:

belarus_kultur@gmx.ch

BANDXAARGAU 2012

JETZT ANMELDEN!

Träumst du schon lange davon, mit deiner

Band auf einer Bühne zu stehen und vor

Publikum zu spielen? Und brennst du darauf

zu wissen, wie eine Fachjury euren

Auftritt einschätzt? – Bands mit jungen

Musikerinnen und Musikern im Alter von

12 bis 23 Jahren können sich für die Teilnahme

am bandXaargau 2012 anmelden.

Wer sich früh genug anmeldet, erhält die

Möglichkeit mitzumachen. Deshalb: Richtlinien

und Teilnahmebedingungen lesen

und nichts wie los!

Die Vorausscheidungen finden im März

2012 in Aarau, Baden, Brugg und Lenzburg

statt, das Finale am 12. Mai im KiFF, Aarau.

Anmeldefrist: 6. Januar 2012

Anmeldeformular und Infos unter

www.bandxaargau.ch

HINWEISE

SWISSLOS-FONDS BEITRÄGE

EINGABETERMINE 2012

Der Regierungsrat entscheidet vierteljährlich

über Gesuche für Projekte aus dem kulturellen,

sozialen und künstlerischen Bereich in

Form von Beiträgen, Defizitgarantien und

zinslosen oder verzinslichen Darlehen. Die

Projekte müssen einen wohltätigen oder gemeinnützigen

Zweck verfolgen sowie von regionaler

oder gesamtkantonaler Bedeutung

sein. Der Antrag sollte mindestens drei Monate

vor der Durchführung des Projekts gestellt

werden. Die Förderung erfolgt ergänzend

zu jener des Aargauer Kuratoriums.

Nächster Eingabetermin: 10. Januar

2012. Die weiteren Termine: 10. April,

10. Juli, 10. Oktober 2012

Projektdokumentation inkl. Budget

und Finanzierungsplan einreichen an:

Swisslos-Fonds Kanton Aargau, BKS,

Abteilung Kultur, Bachstrasse 15,

5001 Aarau

NEUE ANGEBOTE FÜR

SCHULKLASSEN

«Kultur macht Schule» präsentiert im Januar

die aktuelle Auswahl für die Zeit von Februar

bis Juli 2012. Vielfältige Veranstaltungen

und Workshops aller Kultursparten

warten auf Begegnungen mit Schülerinnen

und Schülern. Die breite Palette animiert,

ein Konzert, ein Museum oder ein Theater

zu besuchen, einen Workshop zu buchen

oder ein Künstleratelier kennen zu lernen.

Die Angebote wurden von ausgewählten

Veranstalterinnen und Veranstaltern auf die

Bedürfnisse von Schulen ausgerichtet. Lassen

Sie sich vom Programm inspirieren und

bereichern Sie den Schulalltag mit einem

kulturellen Ereignis.

www.kulturmachtschule.ch

› Angebote für Schulklassen

39

DAS AARGAUER KURATORIUM

GEHT MIT VIELEN

NEUERUNGEN INS 2012

Zum Abschluss ihres Engagements als Präsidentin

für das Aargauer Kuratorium informierte

Irene Näf­Kuhn über eine Reihe

von Neuerungen: Das Kuratorium erhält

ein neues Leitbild, ein revidiertes Erscheinungsbild

und einen neuen Präsidenten.

Als Nachfolger von Irene Näf­Kuhn übernimmt

Rolf Keller im Januar den Vorsitz

des Kuratoriums. Keller ist Leiter des Studienzentrums

Kulturmanagement der Universität

Basel und lebt in Aarau.

Mit dem neuen Leitbild sind auch

strukturelle Änderungen und Anpassungen

an das revidierte Kulturgesetz verbunden.

Neu wird in sieben Fachbereichen gefördert:

Bildende Kunst und Performance,

Film, Jazz und Rock/Pop, Klassik, Literatur,

Regionale Kulturveranstalter, Theater

und Tanz. Die Fachgruppe Spartenübergreifendes

und Jugendkultur wird aufgelöst.

Gesuche aus dem Bereich der Jugendkultur

können neu in den entsprechenden

Fachbereichen eingegeben werden.

Erster Eingabetermin 2012 für Gesuche

aus allen Bereichen: 15. Januar

2012

Das neue Leitbild kann als gedruckte

Publikation kostenlos auf der Geschäftsstelle

bezogen oder als PDF von

der Website heruntergeladen werden.

www.ag.ch/kuratorium


Heute Vorstellung...

Masterprogramm

Kulturmanagement

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das kulturfernsehen im netz

Studiengang 2012 - 2014, Beginn Oktober 2012

Informationsveranstaltung

Dienstag, 24. Januar 2012, 18.30 bis 20 Uhr

Alte Universität, Rheinsprung 9, Hörsaal 118

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Di-Fr: 09.00 - 12.00 h

14.00 - 18.30 h

Sa: 09.00 - 16.00 h

Effingerhof AG

Druck – Verlag – Neue Medien

Storchengasse 15

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T +41 56 460 77 77

F +41 56 460 77 70

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