Strandbad Lido, Luzern - Architektur & Technik

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Strandbad Lido, Luzern - Architektur & Technik

Strandbad Lido, Luzern

Text und Fotos: René Furer

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Kometenhaft

Luzern ist Mitspieler in der touristischen Weltliga. Die anmutige

Landschaft ist dafür die natürliche Voraussetzung; aber die

Stadt nimmt auch die damit verbundene kulturelle Verpflichtung

wahr. An der Schnittstelle zum See ist nach dem KKL auch

das erneuerte Strandbad ein Erfolg. Mit der virtuellen Spirale,

dem Unterschied zwischen Kern und Schweif, bekam es eine

kometenhafte Figur.

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Leitplanke

Die Begeisterung erwacht schon hinter der östlichen Stadtgrenze,

bei der Anfahrt von Meggen her; denn beim ersten Lichtsignal

hat das Abbiegen zum Verkehrshaus Folgen. Man wird bei

der Hand genommen, begleitend weitergeführt. Mit dem Verkehrshaus

selbst hat das nichts zu tun, sondern damit, dass das

Garderoben- und Betriebsgebäude des Strandbads auch zum

Schaulager für Lokomotiven, diesem erbaulichen Ort für Söhne

mit Väter, geleitet. Hier kommt die mögliche Ergänzung von Eigenund

Fremdnutzen zum Vorschein. Eine eigensinnige Massnahme

kann zugleich selbstlos wirken.

Dem Luzerner Lido der Architekten Max Bosshard und Christoph

Luchsinger begegnet man zuerst als lange Wand, und da ist

Schwung drin. Als mächtige Raumgrenze tritt sie als vorrangige

Setzung schon im Lageplan deutlich hervor. Sie trennt am Uferbereich

des Vierwaldstätter-Sees das Davor vom Dahinter, den

Aufenthalt am Strand von der Ankunft im beschatteten Park. Die

Wand schmiegt sich dem von Alleebäumen begleiteten Weg an;

sie ist Teil der grossen Geste, die das Bild vom Schweifstern heraufbeschwört.

Über der Wand das Dach

Von der Stadt her kommend, endet mit dem Strandbad die

Uferpromenade. Der Eingang liegt in der Nahtstelle zwischen dem

Garderoben- und Betriebsgebäude, beim Kopf des Kometen. Für

die darin enthaltenen Nebenräume ist die Wand raumhaltig ausgebildet

worden; für den Wetterschutz kommt das Dach als zweiter

Grundsatz hinzu. Mit dem Umkleiden verlassen die Gäste hier

den Alltag für einen Sonnen- und Seetag; dafür sind die meisten

hierher gekommen.

Vom Betriebs- und Garderobengebäude geht auf das Ufergelände

diese doppelte Wirkung aus: Indem es das Bad von den Autos

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Das Dach lenkt den Blick auf die Stadtsilhouette

und schafft einen schattigen Grenzbereich zwischen

der Erholung, dem Vergnügen und dem Alltag. Unter

der Bodenplatte suchen Pfähle tief im Untergrund

Halt.

abschirmt, wird das Gebiet mit der Front in ein Dahinter und Davor

aufgeteilt. Als Flucht ist der 300 m lange Bau zugleich ein Wegund

Strandbegleiter. Während auf der Strassenseite, bei der

Ankunft, die Wand den Vorrang hat, wirkt auf der Seeseite das

helle Dach als Schattenspender. Das Dahinter für den ruhenden

Verkehr ist mit seiner Hohlform eine Bucht, die Liegewiese davor,

mit ihrer konvexen Vollform, ein ebenso sanftes Kap. Diese Verhältnisse

wecken Erinnerungen an den Beitrag von Otto Bartning

zur Siemensstadt in Berlin, 1929. Es ist auch ein Widerhall der

Crescents im südenglischen Bath.

Karl Egender in Küsnacht/ZH

Als Teil der Freizeitgestaltung hat die umfassende Körperpflege

im 20. Jahrhundert eine beeindruckende Geschichte. In den Seeund

Flussstädten bauten Zimmerleute um 1900 Badanstalten.

Das Strandbad, mit seinem Garten für die Liege- und Spielwie-

se, kam mit der Moderne, um 1925, als nächster Schritt. Das dazu

gehörende Garderobengebäude blieb in der Regel ein Leichtbau.

Für den jungen Sigfried Giedion waren das Strandbad und das

Hallenschwimmbad 1929 Ergänzungen zum «Befreiten Wohnen»;

das zeigte der weltberühmte Schweizer Kunst- und Architekturhistoriker

in seinem damals erschienen Buch gleichen Namens

auf den Seiten 84 und 85.

Im Sommer 1929, unmittelbar vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise,

hatte das Luzerner Lido seine erste Saison. Die

ursprüngliche Anlage von Arnold Berger scheint im Lageplan von

Bosshard und Luchsinger immer noch durch. Als Nachfolger traten

die Architekten entspannt in die Fussstapfen ihres geistigen

Grossvaters. Annette Gigon & Mike Guyer haben in Davos mit

dem Sportzentrum den vorausgegangenen Eisbahnbau von Rudolf

Gaberel (vgl. Jubiläumsausgabe 20 Jahre Architektur & Technik)

auf die gleiche Art fortgesetzt.

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Vom gleichen Geist

wie das Lido beseelt ist

das im Jahr 1927 fertig

gestellte Strandbad

Küsnacht am Zürichsee

von Karl Egender und

Adolf Steger.

Pfahlbau

Beim Betrachten der Ablagerungen stossen wir am Seeufer von

Luzern auf erdgeschichtliche Zeiträume. Vor diesem Hintergrund

hat das Lido auch bautechnisch sein eigenes Profil. Von der aufwendigen

Pfahlgründung bis zum Dach ist das eine folgerichtige

Baumeisterarbeit. Im Querschnitt ist zu sehen, wie die Gründung

die Gebäudehöhe um das Fünffache unterragt. 127 Betonpfähle,

die in Rammrohre mit Bewehrungskorb eingegossen wurden,

übertragen die Lasten über die Reibung und Baugrundverdrängung

auf die Endstation. Die Pfähle beeindrucken schon mit

ihrem Eigengewicht von 700 t insgesamt.

Flächentragwerk

Das fugenlose Dach ist ein Flächentragwerk von 300 m Länge.

Das Verhältnis zwischen dem Dach und den tragenden Schäften,

zwischen welchen Spannweiten von bis zu 12,5 m gemessen

werden, ist als Rhythmus in der Rückwand abgebildet. Zum

Strand hin kragt das Dach sechs Metern weit aus. Das bedingt

eine Vorspannung der Dachplatte in beiden Richtungen. Die damit

bewirkte Verdichtung des Betons erübrigt einen zusätzlichen Belag.

Die Bauingenieure der Wyss AG in Rothenburg mussten für die

Wechselwirkung zwischen dem Lasten und Tragen optimieren. Mit

der grossen Spannweite wurden Pfähle gespart; aber das hatte

im Mehraufwand für die bewehrte Dachdecke seinen Preis. ■

Bauherrschaft:

Stadt Luzern

Architektur:

Max Bosshard & Christoph Luchsinger, dipl. Architekten ETH/BSA/SIA,

Luzern

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