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Eine Landschaft im Zimmer<br />
In meinem 33. Lebensjahr habe ich die Lügen satt.<br />
Da ist keine Landschaft mehr, die in dieses Zimmer einziehen könnte.<br />
Gäste stehen an der Tür. Ihnen wächst das Gesicht wie Hirse.<br />
Sie bieten feil den Kauf von faulem Gestein.<br />
Sie zeigen ihren Zungenbelag, eine Art Ewigkeit, zerkleinert zwischen Zahnlücken.<br />
Sie oder du, ihr seid so kalt, so kalt, dass man möchte<br />
ausgespieen werden wie entweihte Bilder an der Wand.<br />
Die Erinnerung ist ein Pulk schwächelnder Adressen.<br />
Die Grannen des Herbstes sterben unter bloßem, unter goldenem Fuß.<br />
Wer hört schon, ans Fenster gelehnt, Sterne vergehen?<br />
Der Wind dieser Nacht ähnelt dem Fall von Birnen.<br />
Das leere Zimmer wird hinausgeworfen.<br />
In dem Fleisch deiner bloßen Füße geht es hin, geht es her,<br />
zergliedert wie Himmel und Wasser.<br />
Eine nasse Sonne vergisst alles im Moment des Wundschreis.<br />
Da ist keine Landschaft mehr, die eintreten könnte in dieses Stück Landschaft,<br />
um dich zu töten.<br />
Wenn der letzte Vogel gen Himmel flieht,<br />
und dort in Händen kollidiert, zu blauer Ader gefriert,<br />
da verschließt du dich.<br />
Da macht sich fest das Zimmer, das weite Echo<br />
rezitiert Finsternis,<br />
begräbt die einzige Landschaft in deinem Herzen, die einzige<br />
11<br />
Lüge.<br />
Yang Lian<br />
Der Himmlische Platz vom Irdischen Frieden<br />
(Neue Stimmen aus China).<br />
Übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Kubin<br />
Wien: Löcker, 2012