DEUTSCHE BAUZEITUNG

delibra.bg.polsl.pl

DEUTSCHE BAUZEITUNG

DEUTSCHE BAUZEITUNG

Dresden und die Schau

„Deutsche Erden“.

Von Cornelius Gurlitt.

er die S traB en d er a lte n S tad t-

teile D resd en s d u rch w andert,

w ird n ic h t eben viel B au ten

fin d en , die ihn an die V erg

a n g e n h e it erinnern. D ie alte

1 ^ '' 1 E lb b riick e, dereń P feiler in

d as friihe M ittelalter zurtick reich ten , is t zu

A n fan g d e s 18. J a h rh u n d e rts u m g e b a u t u nd

d an n zu A n fan g des 20. ab g eb ro ch en und

d u rch eine neu e B riicke e rse tz t w orden. D as

k u rfiirstlich e SchloB ste h t zw ar noch. A ber

n u r w enige T eile m ahnen a n die Z eit seiner

E rb a u e r, an die M itte des 16. Ja h rh u n d e rts ;

das 19. Ja h rh u n d e rt h a t es fa s t gan z durch

B ereicheru n g a n B au g lied em u m g e sta lte t. In

d er A lts ta d t, also dem au f dem lin k en E lbufer

lieg en d en T eil, is t k au m n och ein H aus

in d er G estalt, die ihm d as 16. u n d 17. J a h r ­

h u n d e rt gaben. W eniges n u r ist d a n n aus dem

18. J a h rh u n d e rt e rh alten . trb erall, au ch in

sta a tlic h e n G ebauden, m ach en sich L aden

breit, is t beim A n w ach sen d er B ev o lk eru n g

„ a u fg e s to c k t“ w ord en — ein W o rt, das der

S cheuB lichkeit der S ache w o h ltu en d ent-


spricht. V on d en K irchen

h a t n u r eine ihre m ittelalterliche

F orm b eh a lte n , freilich

au ch hier m it stilvollein

A u fp u tz des 19. J a h rh u n ­

d erts. In d er N eu stad t,

re c h ts d er E lbe, h ab en sich

einzelne alte W o h n h au ser

erh alten. G em einsam is t ihr

m it d er A lts ta d t die planmafóige

A n lag e: die N eus

ta d t is t ein W erk des

e n d en d en 17. Ja h rh u n d e rts ,

g esch affen m it kunstlerischen

A bsichten, das W erk

des A rc h ite k te n K 1 e n g e 1,

die A lts ta d t eine S chopfung

d er S ta d tb a u k u n st des 13.

J a h rh u n d e rts , d er deutschen

S ied ler im S law enland, eine

M a rk tsta tte am Z ugang zur

E lbbriicke, jenem W underw

erk so friiher Zeit. S ta d t

u n d B riicke bilden eine w irtsch

aftlich e E in h eit: die S ta d t

w a r m ith in auch lan g e Y erw

a lte rin d er B riicke.

U nd in dieser S tadt

steh en eine A nzahl von

W e rk e n d er Z eit seit d er

W ende zum 18. Ja h rh u n d e rt,

also d er Ja h re , in denen in

S ach sen die K urfiirsten Jo -

h a n n G eorg II. bis Jo h a n n

G eorg IY . u n d die beiden zu

K o n ig en v o n P o len gew ord

en en A u g u stę herrsch ten .

D er S chicksalsm ann fiir

D resd en w a r d er erste v on

diesen beiden, August

der Starkę. L etzth in besu

ch te m ich ein er d er fiihrend

en A rc h ite k te n aus dem slaw

ischen S iidosten. A uf die

F ra g e , w as ihm bei seinen

W an d e ru n g e n in D resden

GrundriB und Pavillon

des Zwingers in Dresden.

A rchitekt: Matth&us Daniel

P 0 p p e 1 m-a n n.

r» i* r“ r* f* i* f* r“


esonders aufgefallen sei, a n tw o rte te er: „M ehr ais der fo rd erte, so von Jed em . W er sp aren d G eld anhauftc.

Zwinger der B auherr, d er ihn g esch affen h at. So ein w ar ein „F ilz“, v erach tlich u n d ein S chadling am

Bauherr muBte einm al w ieder k o m m e n !“

V olksw ohl; w er viel ausgab, w eil er viel einnahm , w ar

Dresden h a tte d u rch den D reiG igjahrigen K rieg,

ob


sprechende A usfuhr von Gold. E s w ar kein G old im

L ande, d. h. m an h a tte bei gutem G eschaftsgang kem e

Z ahlungsm ittel. D as M ittel, d er A uslan d sk o n k u rren z

zu begegnen, w ar das E rzeugen entsprechencier W aren

im Inland. U nter A u g u sfs R eg ieru n g w urde L eipzig

d u rch seine M essen zum W elth an d elsp latz, u n te r m m

erhielten K u n st u nd G ew erbe die R ich tu n g au f „Q ualiy

its“arbeit, w uchs eine Industrie hervor, die im G ebiet

ais „friv o l“ k en n zeich n ete. W en n A u g u st M aitressen

h a tte , so so rg te er dafiir, daB sie n ic h t h a m ste rte n , sondern

sie w aren ihm ein M ittel dazu, G eld auszustreuen.

E s blieb ja n ich ts in seinen H an d en , er gab ja n u r aus,

w as er einbekam .

U nd so e n tw ick e lte sich au s dem K reislau f des

G eldes d as H erau sw ach sen des B iirgertum s, auf dem

d er K rieg am sch w ersten g e la s te t h a tte . W er Geld

d er W eberei und T opferei Sachsen in eine der ersten

S tellen hob. A u g u st schuf selbst „M anufakturen“.

Man k la g te dariiber, dafi d ereń Y erw altu n g schlecht

gew esen sei. Sehr rich tig vom S ta n d p u n k t des Y erw

altu n g sb eam ten u n d K aufm anns. A u g u st w ollte ab er

d urch sie nich t G eld verd ien en , sondern G eld w irksam

ausgeben, in U m satz bringen. So n a n n te er eine Seidenw

eberei, die er einrichtete, ein „Sem inarium fu r °-eschickte

K iin stler11.

A us diesem G ed an k en k reis w uchs das D resden

des 18. Ja h rh u n d e rts heraus, d as das 19. Ja h rh u n d e rt

368

einnahm , su ch te seinen W e rt fiir sich zu b ehalten. W ir

w issen h eu te, w as d as heiB t: S achw erte zu schaffen.

W elcher S ach w ert is t a b e r sich erer, ais bei sta rk austeig

en d er B ev o lk eru n g , b ei e n tschiedener W ohnungsn

o t ein stad tisch es H aus. U nd w as so llten G utsbesitzer

u n d B auer m it d en v e re in n a h m te n D u k a te n m achen

ais B auen, d as G u t v erb essern . E in e w ah re B auw ut

g in g dam als d urch d as sach sisch e L an d . K aum zu einer

a n d eren Z eit sind auch so v iel Strafóen im K tm igreich

S ach sen g e b a u t w o rd en , ais in d e r v o r den K riegen

F rie d ric h ‘s des G rofien.


Das geistige L eben zu je n e r Z eit zu schildern,

wiirde zu w eit fiihren. T ief d u rch d ru n g en w a r das

Land von der p ietistisch en B ew egung, die v o n S pener

ausging. Die K am pfe d er stre n g e n L u th e ra n e r gegen

diese w aren nich t bloB A u sd ru ck eines U bereifers, sondem

tiefgreifender seelisch er B ew egungen. D as

Kirchenlied h a tte in S achsen im 17. J a h rh u n d e rt sich

zu hoher Bliite erhoben. N un setzte die K irch en m u sik

ein: Es geniigt n ich t, den N am en S eb astian B ach ’s zu

nennen. Man muB auch die a n d eren K a n to re n u n d O rga

nisten jener Z eit b each ten . W ie sie m tihelos schufen.

wie ausN ihnen m it u n e rh o rte r S elb stv erstan d lich -

keit die Tiefe der E m p fin d u n g h erv o rd ran g . W ir A r­

chitekten denken zunach st a n bau lich es G estalten . Di >

b u n g en am H of zu D resden und a n der U n iv ersitat

L eipzig w ieder aufgenom m en w urden, die zur K larh eit

des D eutschem pfindens fiih rten : L essing, F ich te, T heod

o r K o rn er, T reitsch k e sind aus diesem G ed an k en k reis

in S achsen gereift.

D as ist d er G eist, d er um die R este des alten

D resden w eht. So lan g e m an im B aro ck u nd R okoko

„Z opf“ erblickte, so lange m an A u g u st den S tark en

nach den A nsam m lungen von H o fk latsch iiber ihn beu

rteilte, so lange m an ihn lediglich vom S ta n d p u n k t der

G eschlechtsm oral ab k an zelte, k o n n te m an n ich t verstehen,

daB er ein zw ar m it F eh lern b e la ste te r M ann

w ar, ab er eine d er g eistvollsten, śorgsam sten F iirsten -

g estalten , in d er die g lanzenden E igen sch aften w eitaus

Die GroBherzogliche M ajolika-M anufaktur in K arlsruhe.

Hans Thoma: „Meerweib,"

Erfindung einer p ro testan tisch en , einer ausd riick lich

lutherischen K irchenform ist das E rg eb n is je n e r Zeit.

Semper erk an n te das im A n b lick d er F rau en k irch e

Dresdens, des SchluB w erkes v on G eorge B ah r’s tief

greifendem S treben n ach S elb sta n d ig k e it im A u sd ru ck ,

nach echt kiin stlerisch er E rfiillu n g einer beso n d eren ,

dem A rchitekten g estellten A u fg ab e. Mir sch ein t v on

ihm die Sache am rich tig en Z ipfel erfaB t zu sein, w enn

er einen neuen G ru n d g ed an k en au fn ahm u n d au f die

formale A usbildung w en ig er achte te.

D aneben w irk ten d ie B estreb u n g en fiir das

D eutschtum , u n te r den K u n stle rn d a s w ach sen d e Selbstfindigkeitsgefiihl

dem A u slan d geg en iib er. A b er auch

unter den W issen sch aftlem . T h o m asiu s und L eibniz

sind L eipziger, aus S achsen. W ie w iin sch en sw ert w are

angesichts der V erlo tte ru n g n am en tlich d er S p rach e der

deutschen W issenschaft, daB ihre S ch riften g egen die

Sprachm engerei den G elehrten zu g efiih rt, jgne B estre-

5. August 1922.

iiberw ogen; dazu eine bezeichnende G e sta lt sein er Z eit,

die sich v on L udw ig X IV . nam en tlich d ad u rch u n te r­

sch eid et, daB die u n te r ihm sich en tw ick eln d e G lanzzeit

geistig en L ebens in F ra n k re ic h d er T a tig k e it eines

O olbert und an d e re r M inister, in S achsen a b er dem unerm

iidlichen FleiB A u g u s fs selb st zu v e rd a n k e n ist.

D ie V e ra n sta lte r der Schau „D eutsche E rd e n “ haben

d as em pfunden. D as 19. J a h rh u n d e rt v e rle g te die

L an d esb ib lio th ek in d a s Ja p a n isc h e P a la is, d as m it

P o rzellan k u n stle risc h a u sz u s ta tte n A u g u s fs B estreben

w ar. E r sam m elte solches u n d b e a u ftra g te seine

M eiBner M an u fak tu r, den S ch atz zu erzeu g en . Ich

k en n e n och die Z eit, die d ariib er k la g te , daB m an das

„zopfige Z eug“ doch au fh eb en miiBte u n d fro h w ar,

w enn d e r R aum g efu n d en w u rd e, in d enen die Z eugen

von A u g u s fs „frivoler V ersch w en d u n g des V olksverm

ogens" v e rs ta u t w u rden. H eu te is t m a n dabei, den

W e rt d ieser S am m lungen w issen sch aftlich u n d w irt-

369


schaftlich abzuschatzen: Das letztere, indem die Regierung

Doppelstiicke versteigern lieB. Denn was braucht

ein Museum zweimal denselben Gegenstand? Fiir

dieses sind ja die Dinge zur Erforschung da. Fiir

August waren sie ein Mittel, seine Schonheitsfreude zu

erftillen. Seit aus der Versteigerung Millionen eingingen,

haben auch die wirtschaftlich Denkenden erkannt,

dafi der alte Prinz doch so dumm nicht war, ais

er Porzellan kaufte, Sachwerte um sich sammelte, statt

das Geld in den Kasten zu sperren. Heute umstreichen

Sammler und Handler die Porzellane mit der Hoffnung.

Die Kosten dieser Veranstaltungen hat der Verbraucher

zu zahlen. August wiirde eine -solche W irtschaft fiir

verwerflich gehalten haben. Er forderte die heimische

Arbeit jene, die mit heimischen Rohstoffen arbeitete.

Er feierte (len Tag, ais ihm ein Kastorhut geliefert

wurde, der mit allem Ausputz in Sachsen hergestellt

worden war. Der Hut kam ihm gewifi teuer, teurer ais

ein aus Paris bezogener: August war eben ein „Verschwender!“

Ist Luxus volkswirtschaftlich berechtigt? Das ist

eine Frage, die auch dem Architekten nahe geht. Ein

'

/ i ł

/ ' i %

' r ./ 4

%; ■ i > *

te ? j , ■ /

* f;


Zur Geschichte der Grofiherzoglichen Majolika-Manufaktur in Karlsruhe.

(Hierzu die Abbildungen S. 369 u. 370).

ad isch e B la tte r v ero ffentlich ten

v ó r ein ig er Z eit eine am tliche

M itteilung, n ach w elcher eine

A k tiengesellschaft „Grofiherzogliche

M ajolika-M a­

nufaktur Karlsruhe11 m it

einem A k tie n k a p ita l v on 3 Mili.

M ark D egriindet u n d in das H and

elsreg ister e in g etrag en w ord en

sei. A is G e g enstand des U nternehmens

w urden b ezeich n et die H erstellu n g u nd d er V ertrieb

von keram ischen E rzeu g n issen aller A rt, die V erh

a t, eine tro tz d er E rsch w eru n g en d er unm ittelb aren

N ach k rieg szeit schone, an ein P ra c h tw e rk gem ahnende

V er6ffentlichung*)? d er auch die diesen A usfiihrungen

beigegebenen A bbildungen entnom m en sind, die Zeugnis

ab leg en von d er hohen k u n stlerisch en und technischen

L eistu n g sfah ig k eit dieses au sg ezeich n eten U nternehm

ens, das a u s einer urspriinglich k leinen k u n stk

eram ischen W e rk s ta tte , d ereń G riindung au f H ans

Thoma zu riick g eh t u nd zu dereń ersten M itarbeitern

der M eister selb st zabite, im L auf w eniger Ja h re eine

M anufaktur gew orden ist, die w eit iiber die G renzen

des b ad isch en L andes ihre E rzeugnisse v ersen d et und

Josef Waekerle: „Jager zu i*ferd“. (Slehe die Fiillung S. 372).

wertung besonderer V erfah ren und d er V ertrieb von

Waren aller A rt. D as ist die n eu este P h ase eines k u n stgewerblichen

U nternehm ens, d a s ein st von dem k u n stsinnigen

GroB.herzog Friedrich I. von Baden

in kleinen A nfangen begonnen, b ald im b ad isch en

Kunstleben eine b ed eu tende R olle spielen sollte. W ir

besitzen seit 1920 eine m o n o g rap h isch e D a rste llu n g d er

Geschichte der M ajolika-M anufaktur in K arlsru h e, die

Nicola M o u f a n g au f G ru n d d er A k te n , u n te r Benutzung

von M itteilungen von H ans Thomain K a rlsruhe,

von Prof. W ilhelm S ii s in M annheim u n d von

A rchitekt H ans GroBmann in K a rlsru h e g esch rieb en

,r> *) Nicola Moufang. Die G roSherzogliche Majolikao

mU!a, UT 'n .K arlsruhe Mit 73 T afeln in Sepiatondruck,

larem in V ierfarbendruek und m ehreren Textabbildungen.

eiaelberg 19-20. Karl W inter. P reis bei E rscheinen des

Werkes 140 M. —

sich ihren k u n stlerisch en R uf b e g riin d e t h at. Mit A usnahm

e des P o rzellan s h a t sich die A n sta lt m it d er H erstellu

n g sam tlich er A rte n k eram ischer E rzeugnisse,

T e rra k o tta , S tein g u t, F ay en ce, M ajolika, S teinzeug,

befaB t und n eben d er b eso n d eren P flege des k u n stk

eram ischen E in zelstiick es au ch groBe b au k eram isch e

A u fg ab en k iin stlerisch gelost. Zu den fiir die M anufa

k tu r ta tig e n M alern u n d B ildhauern g e h o rte n u. a.:

A dolf A m b e r g , F ritz B e h n , H erm an n B i n z ,

H ans A dolf B ii h 1 e r , H einrich E h e h a 1 1 , H ellm ut

E i c h r o d t , B enno E 1 k a n , H erm ann Fory,

W ilhelm G e r s t e 1, G eorg Grasegger, U lfert

J a n B e n , K a rl Kraus, A lfred K u s c h e , H ans

M e i d , W illy M ii n c l i , F ra n z N a a g e r , A dolf

N i e d e r , E m il Pottner, Ivo Puhonny, W ilhelm

Sus, G eorg Schreyogg, K o n ra d T a u c h e r ,

H an s Thoma, H ans v o n V o 1 k m a n n , Jo se f

5- August 1922. 371


W a c k e r 1 e , E. R. W e i 6 , K arl M axim ilian W ii r -

tenberger u n d die A rch itek ten P a u l Baumgarten,

G erm an Bestelmeyer, H erm ann Billing,

K arl Elkart, M artin ElsaeBer, T heodor

Fischer, H ans GroBmann, W ilhelm Kreis,

Jo h n Martens, E m il Schaudt, E u g en G.

Schmohl, F ritz Schumacher, H einrich

Schweitzer usw .

sondern an zw ei k lein eren P la tz e n des T au n u s, in

O berursel und in C ronberg. A is H ans T h o m a noch in

F ra n k fu rt lebte, sa h er einrnal einem einfachen H afnerm

eister in O berursel bei seiner A rb eit zu. E r fand

G efallen an ihr, lieB sich T eller d reh en und h errichten,

k ra tz te in den w eiBen U berzug eine Z eichnung ein und

lieB diese T eller glasieren u n d bren n en . Die T eller,

w elche die Ja h re sz a h l 1895 u n d 1896 tra g e n , schm iick-

3

3

a

=r

>

53

o

Cd

Die A nlage h a t, ais sie aus den kleinen A nfangen

h era u stra t, ihre S ta tte gefunden au f dem so g en an n ten

H olzhof im H ard tw ald nordlich des groB herzoglichen

Schlosses. D as G elande is t dom anen-ararisch es E igentu

m u nd w ar zunachst au f 20 J a h re an die A n sta lt verp

ach te t, es ist aber nach der B ildung der A ktiengesellschaft,

an d er d er badische S ta a t b eteilig t ist, ais Sacheinlage

von diesem a n die neue G esellschaft tiberg

eb en w orden.

D er S chauplatz d er ersten V ersuche, d er Vorlauferinnen

unseres U nternehm ens, la g n ich t in B aden,

ten die W o h n u n g von H ans T hom a, in d er sie der Maler

W ilhelm S ii s aus C ro n b erg sah. D ieser, ein Schiiler

E d u a rd v o n G eb h ard ts, h a tte sich 1893 in der Malerkolonie

C ro n b erg im T a u n u s an g esied elt. A ngeregt

von den V ersuchen T hom as, k a u fte er sich einen

kleinen M uffelofen u n d b eg an n selbst, das keram ische

V erfahren zu e rlern en u n d zu d urchforschen. Ein

friiherer In g en ieur, K a rl Y o g e 1 , ein eifriger Sammler

a lte r K eram ik , h a tte sich C ro n b erg ais R uhesitz

g ew ah lt; er sah die e rsten A rb eiten v o n Sus u nd m achte

diesem den Y orsch lag , gem einsam m it ihm zu topfern.

372 Nn. 62.


Vo°-el erm oglichte die E in ric h tu n g ein er T opferei in

einem G artenhauschen, w o S us von 1898 ab eine

emsige T a tig k e it e n tfa lte te , ajn d er auch d er P orzellanmaler

W ilhelm Becker, d er friiher an d er M eifiener

1’orzellan-M anufaktur b e sc h a ftig t w ar, teiln ah m . O ber

jene erste Zeit hoffnung8freudigen S chaffens sa g t ein

Brief von Sus: „In C ro n b erg am T a u n u s schlugen im

G arten m eines F reundes die A m seln. D ie bliihenden

Zweige schauten in die F e n ste r d er n e u e rb a u te n kleinen

W erk sta tt, die erfiillt w ar von dem D urcheinainder al 1

Hermann Billing: „Bnunnen in der

der G erausche, w elche frOhliche A rb e it m it sich b rin g t;

der Motor brum m te, die T o p fersch eib e ra u sch te , T reibriemen

k latsch ten , u n d in d en B o ttic h e n , m it goldbraunem

T onschlam m gefiillt, hiipfen die k lein en W ellen

in der Sonne, u n erm u d lich v o n H olzp en d eln in Bewegung

g ehalten. G etrag en v o n d e r B e g eisteru n g fiir

alte F ayencen, b eseelt v on dem W u n sch e, es jen en

Meistern n achzutu n im G e sta lte n farb fro h lich er und

form schoner GefaBe, n ach zu eifern d e r k o stlich en rahm -

weiBen G lasur d er a lte n Ita lie n e r u n d dem L eu ch ten der

blauen L uster, die w ie p ra c h tig e K a fe r irisieren , d as

alles h a tte m ich unw iderstehlicli an die K eram ik getrieben.

W ie ein A lchim ist h a tte ich im d u n k len K ellergew

olbe a u s dem gliihenden R achen einer kleinen

M uffel die ersten O berraschungen k eram isch er T a tig k e it

h erv o rg eh o lt, u nd diese D inge, w underlich g enug und

doch so v ielversprecliend, h a tte n m einen F re u n d K arl

V ogel u nd m ich E n d e d er neu n zig er J a h re zusam m eng

efiih rt zu gem einsam er A rb eit.“

W ah ren d T h o m a v ered elte B auerntopferei anstreb

te, h a tte Siis die T echnik d er italien isch en Majoliken

d er R en aissan ce im A uge,

die dem M aler u nd B ildhauer

zugleich ein T a tig k e itsg e b ie t erschlieBen

sollten. Am m eisten

b esch aftig te dam als Siis die Gesta

ltu n g groB ere r W andbilder fiir

bauliche Z w ecke. A is die K aiserin

F ried rich ihr SchloB bei

C ronberg bezog, tr a t Siis in Beziehung

zu ihr und erfuhr durch

sie reg e T eilnahm e an seinen

,V ersuchen. D iese w urd en durch

eine A u sstellu n g in F ra n k fu rt am

M ain b ald auch in w eiteren

K reisen b ek an n t. Inzw ischen w ar

1900 d er M itarbeiter K arl V ogel

u n erw artet gesto rb en . 1899 w ar

H ans T hom a nach K arlsru h e

iibergesitedelt u nd reg te aisDaid

an, die M ajo lik a-W erk statte von

C ronberg nach K arlsru h e zu verlegen.

E ine A u sstellu n g Cronb

erg er M ajoliken im K u n stv erein

in K arlsru h e b o t G elegenheit,

die E rzeugnisse dem k u n stsinnigen

G rofiherzog F riedrich 1.

zu zeigen, d er von den A rbeiten

so erfre u t w ar, dafi er beschloB,

die W e rk s ta tte in K arlsru h e anzusiedeln.

E s w ar beab sich tig t,

M alern u n d B ildhauern, die sich

au f dem G ebiet d er K u n stk eram

ik b e ta tig e n w ollten, die A usfiihrung

solcher A rb eiten d ad u rch

zu erleich tem , daB ihnen M ateriał

u n d A nw eisung fiir die H erstellu

n g gegeben w urden. M an

d ach te dabei in erster L inie an

die schw ierige L ag e ju n g e r B ildh

au er, die au f te u e re Stoffe w ie

M arm or o d er B ronze angew iesen

w aren ; sie so llten d urch die

Pflege d er K u n st d er M ajolika

leich ter in die L ag e v e rsetz t w erden,

selb stan d ig e W erk e zu

schaffen. D er M aler W ilh. S ii B

w u rd e beru fen , d u rc h F ried r.

R a t z e 1 w urde a n d er Hoffu

n d Stabel-S traB e ein G ebaude

e rric h te t u n d h ier die „GroB-

Jierzoliehe M ajolika-M anufaktur

K a rlsru h e '1 beg riin d et. Sie setzte

die C b erlieferungen d er durch

M arkgraf C arl F riedrich begriind

e te n „ F a b rią u e des so g en an n ten

F ay e n c e -P o rz e lla n s“ in D u rlach

fort. A m 1. O ktober 1901 w urde

der B etrieb eróffnet. 1901— 1908

w u rd en die JaJhre des R ingens, d ie n eb en b ed eu te n d en

k u n stle risc h e n E rfo lg en m an ch e E n tta u sc h u n g e n b rach -

ten . 1908 b eg a n n die zw eite P erio d e d er E n tw ic k lu n g ,

in d er au s d er besch eid en en K u n stle rw e rk sta tte allm

ahlich ein au sg e d e h n te s u nd vielseitiges U nternehm en

w urde. In d e r e rsten P erio d e w a r ein sta rk e s k iin stlerisches

E reig n is die im A pril 1904 erfo lg te B erufung

des au s dem b ad isch en O berland stam m en d en Bildh

au ers K a rl M axim ilian Wurtenberger. D och zu

einem b e m erk ensw erten m e rk a n tile n A b satz k am es

v o rlau fig n ich t, selb st n ich t, ais m an n eb en d er H er-

5- August 1922. 373


stellu n g selb stan d ig er K u n stw erk e die E rzeu g u n g

kunstgew erblicher N utzg eg en stan d e in E rw ag u n g gezogen

h a tte .'

Am 28. Septem ber 1907 starb G roB herzog F ried ­

rich L, d er G riinder u n d hauptsach lich ste F o rd e re r a e r

M anufaktur. F iir diese v e ra n d e rte n sich nun d ie Y e r-

haltn isse so w esentlich, daB m an sich gezw ungen sah,

die nach ste Z u k u n ft d e r A n sta lt in B e tra c h t zu ziehen.

H ierfiir ergaben sich zw ei W ege. M an k o n n te den Beb

edeutsam en E n tw ick lu n g zuzufuhren. V on 1908 ab

w urde die M anufak tu r G roB unternehm en.

Im F riih jah r 1909 stellte sich infolge um fangreich

er A u ftrage b ereits die N o tw en d ig k eit heraus, die

A nlage raum lich zu vergroB ern. D a d as e rste G ebaude

in der H off-StraB e schon w egen seiner L ag e nicht

zw eckentsprechend vergroB ert w erd en k o n n te, en tstan d

d er P lan , eine neue, um fan g reich ere W e rk s ta tte zu erb

au en u nd neben d er M ajolika au ch die H erstellung

Wilhelm SUs: „Ritter G e o rg " .

trieb au ch w eiterhin in engen G renzen h alten,' ja ihn

vielleicht w ieder v erk lein em u n d die A ufgabe der

M anufaktur w ieder a u f die H erstellu n g rein kiinstlerischer

A rbeiten besch ran k en . O der m an g ab dem

U nternehm en k aufm annischen C h arak te r, su ch te die

bisherigen E rzeugnisse im w eitesten U m fang zu vertreib

en u nd schloB die bisher w enig b each tete Bauk

eram ik in die F a b rik a tio n ein. M an en tschied sich

u n te r B ereitstellu n g erheblicher M ittel u n d u n te r Y ergroB

erung des B etriebes fiir den zw eiten W eg, um auf

v e ra n d e rte r G rundlage das U nternehm en einer w eiteren

von T e rra c o tte n u n d S te in g u t zu pflegen. H ierzu

stellte G roB herzog F ried rich II. einen T eil des im

H a rd tw a ld g eleg enen H olzhofes zu r V erfiigung, w obei

d er M anufak tu r aus den a n g ren zen d en v erein ig ten tech ­

nischen W erk en d er H o fv erw altu n g (F em heizw erk,

E le k triz ita ts- u n d W a sserw erk e) L ich t, K ra ft, W asser

un d D am pf g eliefert w erd en k o n n ten. A uch eine

s p a te re b au lich e V e rg r6 8 e ru n g w a r m oglich. D iesen

w irtsch aftlich en V o rte ile n sta n d je d o c h d er N achteil

g egeniiber, daB die rau m lich e V erb in d u n g d er M anufaktu

r m it d er A k ad em ie d e r b ild en d en K iin ste v erloren

374 vr« CO


ging. Es trat mit dem neuen B etrieb eine sta rk e re

Verwendung der heimischen U rstoffe ein u n d neben

Holz wurde Steinkohle in den Betrieb ein g efiih rt. D as

frei gewordene Haus in der H off-StraB e w u rd e zu einer

Ausstellungs- und Verkaufshalle durch H ans GroBm

a n n umgebaut. An die breitere O ffen tlichkeit w ar

die Manufaktur inzwischen durch die M ajoliken des

legen. D ie F olgę w a r eine a n d a u e rn d e Z unahm e der

b au k eram isch en A u ftra g e u n d eine w ied erh o lte E r-

w eiteru n g d er A n sta lt. E s w u rd en g esch u lte A rb eiter

aus S ach sen u n d B ohm en h eran g ezo g en u n d in B erlin,

M unchen, sow ie in a n d eren S ta d te n K o n to re u n d

M u sterlag er erric h te t. W a h re n d sich in den A nfangsja

h re n v o r A llem K arlsru h er K u n stle r d er P flege des

Hans yon Yolkmann: rPfanenplatte“.

Hans Thoma: „Die Quelle“'

Thoma-Museums in der Kunsthalle in Karlsruhe getreten.

Die Anstalt wurde auch durch eine Untersuchungs-Abteilung

vergrofiert. Hermann B i 11 i n g ,

P f e i f e r und GroBmann in Karlsruhe, Heinrich

Schweitzer, Kayser und von G r o 6 h e i m

u- a. fiihrten ihr bedeutende baukeramische A u ftra g e

zu und bei einer Ausstellung Karlsruhe-Cadinen in

Berlin zeigten sich die Karlsruher Erzeugnisse tiber-

5- August 1922.

k u n stk e ra m isc h e n E inzelstiick es g ew id m et h a tte n ,

sin d in d en fo lg en d en J a h re n zah lreich e a u sw a rtig e

K u n stle r h in z u g e tre te n . A is n eu e G eb iete w u rd e n

G rab m al- u n d G a rte n k u n s t au fgenom m en. N ach voriib

erg ehender V e re in ig u n g d er K a rls ru h e r M a n u fa k tu r

m it d e r in D a rm sta d t, n a c h dem ste tig e n A n w ach sen

d e r A u ftra g e , n a c h d en Z w ischenfallen des K rieg es

und n ach d e r A n d eru n g d e r B e sitz v e rh a ltn isse n ach

375

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine