WARUM GLAUBEN? - Lutherkirche Wiesbaden

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WARUM GLAUBEN? - Lutherkirche Wiesbaden

Mit dem Leben, das ist eine komische Sache. Wir wissen

nicht, woher wir kommen und nicht, wohin wir

gehen.

Wir wissen nicht, wie unser Leben verlaufen wird, wie lange

wir leben, wann sich etwas in unserem Leben grundlegend

ändern wird und überhaupt … Das einzig Sichere im

Leben ist der Tod. Alles Leben, was entsteht, vergeht. Darauf

ist Verlass. Und doch macht uns das meistens ziemlich

zu schaffen, wenn wir begreifen, dass auch wir, also

ich selbst, meine Kinder und meine Liebsten, aus dem

Leben gehen werden und zwar auch mal unerwartet und

ungeplant und viel zu früh und auch mal ganz tragisch

oder nach sehr leidvoller Zeit. Das alles gehört zum normalen

Leben und trotzdem regt sich in mir Widerstand. Es

tobt ein Zwerg in mir und ruft: »Ich will das nicht akzeptieren!

Ich will nicht tragisch enden! Keines meiner Kinder

soll vorzeitig sterben oder schlimm erkranken! Nicht mein

Mann, nicht meine Freundinnen …! Nein! So soll das Leben

nicht sein!«

Ich erinnere mich an einen Gottesdienst, den ich im Norden

Deutschlands besucht habe, bei dem der Pfarrer für

einen kürzlich verstorbenen jungen Mann betete, der zwei

kleine Kinder und Frau und Familie hinterlassen hatte.

Der Pfarrer gab uns danach als Gemeinde

im knappen Satz zu bedenken,

dass wir alle einmal sterben

müssten. Diese Zusage an der

genannten Stelle des Gottesdienstes

gab mir ein Gefühl

großen Trostes. In dem

Moment gelang es mir, diese

Selbstverständlichkeit des Todes

vollkommen zu akzeptieren. Die Be-

troffenheit durch den frühen Tod des jungen Vaters wandelte

sich direkt in ein Gefühl der Ruhe und der Annahme

der Dinge. Es ist alles, wie es ist. Punkt.

Und trotzdem ist es eine seltsame Sache mit dem Leben

und dem Lauf der Dinge. Erst sind wir so klein, zu vielem

unfähig und hilflos, werden groß, können so viel, sind

stark und manchmal übermütig, wollen die Welt erobern,

verlieren dann von unserer Kraft und merken, dass das Leben

auch schwer und traurig sein kann. Dass man auch

Federn lässt und Kraft sammeln muss für einen Neubeginn.

Und dass es immer wieder Neubeginne gibt, nach

dem Hinfallen ein erneutes Aufstehen, manchmal mit

Krücken. Ich bewundere oft alte Menschen, die vieles nicht

mehr können, die Schmerzen haben und Gebrechen und

ihr Leben damit annehmen, tapfer jeden Tag aufstehen

und so machen, wie sie können. Alles, was sie tun, dauert

eine Ewigkeit. Vieles ist wie bei kleinen Kindern geworden.

Es schließt sich ein Kreis.

Haben Sie schon einmal wache, neugeborene Babys beobachtet?

Aus welchem fernen, wissenden Blick sie die

Menschen und die erste Umgebung außerhalb des Mutterleibes

betrachten? Als kämen sie von einem anderen

Ort und wüssten eine ganze Menge über Dinge, die wir

nicht wissen.

Doch was ist das für ein ferner Ort, wo sie herkommen,

und wie sind sie dort hingekommen? Wenn sich ein Kreis

mit dem Altern schließt, könnte es ja sein, dass der Kreis

den Menschen wieder zum Ursprung führt. Zum fernen

Ort. Und dass dort alles gut ist.

Und vielleicht ist der ferne Ort gar nicht so fern, sondern

mitten unter uns, ohne dass wir es uns vorstellen können.

Möglich ist auch, dass irgendwie alles miteinander

zu tun hat: das All, das Leben, das Sterben, der Mensch,

die Tiere, die Natur, die Mathematik und alle Gesetze, die

es gibt. Dass hinter allem die eine, gleiche Kraft steht, die

alles schuf und weiter am Laufen hält. Möglich auch, dass

sich immer alles zu Kreisläufen schließt. Aus dem Vergehen

wird in der Natur neues Leben. Die neuen Samen bei

Pflanzen und Bäumen bilden sich meistens am Verblühten

und Vertrockneten. Ein Leben endet und birgt in sich das

neue. Verrottetes Biomaterial, wie Laub, wird zum fruchtbaren

Dünger. Jedes Unkraut und Geäst, faules Obst und

Gemüse, totes Material auf einen Haufen geworfen, verwandelt

sich nach einiger Zeit in mineralreiche, Nahrung

spendende, wohl riechende dunkle Erde. Alles in der Natur

verwandelt sich beständig und bleibt durch den Kreislauf

in irgendeiner Weise erhalten. Warum sollten wir Menschen

dann verloren gehen?

Unbegreiflich, dieses große Wunder, und wir mittendrin.

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himmel und erde | November – Februar 2013

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