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Erbliche Defekte und Dispositionen beim Pferd - Vetsuisse-Fakultät ...

Erbliche Defekte und Dispositionen beim Pferd - Vetsuisse-Fakultät ...

4.3.4 Beurteilung der

4.3.4 Beurteilung der Tierschutzrelevanz von Erbdefekten des Pferdes Wird im Hinblick auf das Pferd der Begriff „Tierschutz“ genannt, so assoziiert der Betrachter dies in der Regel zunächst mit Mängeln bezüglich der Haltungsbedingungen, der Fütterung und Pflege dieser Tiere sowie mit Sportveranstaltungen wie beispielsweise Military oder auch erzwungener Leistungssteigerung durch das Barren von Springpferden. Dies sind Erscheinungen und Veränderungen, die unmittelbar wahrnehmbar sind und dementsprechend über verschiedene Informationsmedien einer breiten Öffentlichkeit in das Bewusstsein gerufen werden können. Dass auch Erberkrankungen und erbliche Dispositionen des Pferdes eine tierschutzrechtliche Qualität besitzen, erschließt sich erst bei eingehender Betrachtung dieser Erkrankungen einschließlich ihrer Ätiologie und Pathogenese sowie ihres Belastungsgrades für das Pferd. Eine grundlegende Schwierigkeit bei der Bewertung besteht in der Tatsache, dass diverse dieser Erkrankungen nicht bereits unmittelbar nach der Geburt klinisch bedeutsam werden, sondern erst mit höherem Lebensalter, und zudem oftmals in Form von erblichen Dispositionen erst nach Zusammenwirken zahlreicher Umweltfaktoren in Erscheinung treten. Dass zum Zeitpunkt des Auftretens einer Erberkrankung die Züchter, Halter und auch betreuende Tierärzte nicht immer unmittelbar Rückschluss auf eine mögliche Erblichkeit ziehen, erscheint somit zunächst nachvollziehbar. Dennoch darf dies kein Freibrief sein, um diesen Erkrankungen und den möglichen Folgen für das Individuum in Form von Schäden, Schmerzen und Leiden ihre tatsächliche Bedeutung abzuerkennen. Ganz im Gegenteil unterstreicht diese Tatsache die Notwendigkeit, den Komplex der erblichen Defekte und Dispositionen mehr in den Mittelpunkt des Interesses der beteiligten und verantwortlichen Personen zu rücken. - 78 -

Das Pferd nimmt im Hinblick auf die tierschutzrechtliche Bewertung der Zucht eine besondere Rolle ein. Dies ist vorrangig dadurch begründet, dass Pferde sowohl den Status des Nutztieres (in Europa heutzutage überwiegend im Bereich des Renn- und des professionellen Turniersports) als auch des Freizeitpartners und Hobbytieres einnehmen. Aus diesen deutlich voneinander abweichenden Nutzungsrichtungen resultieren sehr unterschiedliche Zuchtziele, deren gesundheitliche und tierschutzrelevante Konsequenzen entsprechend vielgestaltig ausfallen können. Im Pferderennsport sowie im professionellen Turniersport besteht eine grundlegende Zuchtzielsetzung im Erhalt und in der Steigerung der Leistungsfähigkeit mit der damit einhergehenden Verbesserung konstitutioneller Merkmale wie etwa Robustheit und Durchhaltevermögen. Dies allein stellt noch keine pathologische Größe dar, und so erscheint die Kluft zum Tierschutz argumentativ zunächst schwer zu überwinden. Tierschutzrechtliche Bedeutung erlangt diese Zuchtzielsetzung aber in Hinsicht auf erbliche Dispositionen, die bei Überschreiten bestimmter Parameter (beispielsweise bei Überlastungen) klinisch apparent werden und somit mit Schmerzen und Leiden einhergehen können. Der Zusammenhang stellt sich also erst mittelbar dar, was die Anerkennung bestimmter erblicher Defekte und Dispositionen im Hinblick auf ihre tierschützerische Bedeutung erschwert. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang die bereits geäußerte Forderung, neben dem Kriterium der Leistung auch dem Kriterium der Erbgesundheit gerecht zu werden und diesen Aspekt auch in die Zucht von Sportpferden zu integrieren. Vergleicht man beispielsweise ein erbgesundes Rennpferd mit einem entsprechenden Pferd, das eine Disposition für die Osteochondrosis dissecans aufweist, so mag es zwar sein, dass das erbdefekte Pferd nach den klassischen Kriterien der Leistungsprüfung dem gesunden Individuum überlegen ist. Tritt die Erkrankung jedoch auf, so bedeutet dies nicht nur eine Reduzierung der Leistung, sondern hat auch zur Folge, dass dem erkrankten Tier vermeidbare Leiden zuteil werden. Sicherlich kann in diesem - 79 -

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