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Erbliche Defekte und Dispositionen beim Pferd - Vetsuisse-Fakultät ...

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4.4 Kontrollmechanismen

4.4 Kontrollmechanismen zur Diagnose und Prophylaxe erblicher Defekte und Dispositionen des Pferdes 4.4.1 Leistungsprüfung und Zuchtwertschätzung Die Grundlage einer zielgerichteten Strategie zur Tilgung erblicher Defekte und Dispositionen aus der Pferdezucht besteht in der konsequenten Nutzung und dem Ausbau vorhandener Kontrollmechanismen sowie der Berücksichtigung neuer Erkenntnisse der molekulargenetischen Diagnostik. Die klassische Form der Beurteilung von zur Zucht angedachten Pferde erfolgt über die Leistungsprüfung und Zuchtwertschätzung. Voraussetzung für einen effektiven zuchthygienischen Einsatz dieser Mechanismen ist allerdings eine offiziell in den Zuchtprogrammen der einzelnen Zuchtverbände verankerte Berücksichtigungen von Erberkrankungen und der daraus resultierenden Konsequenzen wie Abkörung beziehungsweise Zuchtausschluss. MEINARDUS (1988) gibt als Bestandteile der Leistungsprüfung zum einen die Prüfung des Exterieurs, zum anderen die Prüfung der Leistungseigenschaften des jeweiligen Individuums an. Die Leistungseigenschaften beinhalten unter anderem auch das funktionale Merkmal „Gesundheit“ und schließen damit grundsätzlich auch Erberkrankungen ein. Allerdings werden derartige Erkrankungen von den einzelnen Zuchtverbänden unterschiedlich und im Modell der Zuchtwertschätzung nicht explizit berücksichtigt. Die seit Anfang der 90er Jahre in der deutschen Reitpferdezucht eingesetzte Zuchtwertschätzung dient dazu, die hereditär bedingten Leistungsdifferenzen eines Individuums im Vergleich zur jeweiligen Population festzustellen, von den durch die Umwelt bedingten Leistungsabweichungen abzugrenzen und messbar zu machen. Das heute gängige Verfahren ist eine modifizierte Form der so genannten „best linear unbiased comparison“ die in der integrierten Zuchtwertschätzung ihre Anwendung findet (BRADE 1984). Bei der - 84 -

Anwendung dieses Schätzverfahrens werden zwar die in der Leistungsprüfung gewonnenen Daten über Exterieurmerkmale und nutzungsspezifische Leistungen (Rennleistung, Springund Dressurveranlagung etc.), nicht aber solche Daten über Erbdefekte oder erbliche Dispositionen berücksichtigt. Einige für die Pferdezucht typische Kriterien wie die langen Generationsintervalle und die geringe Reproduktionsrate erschweren die Identifizierung dieser Erkrankungen sowie die Feststellung ihrer Heritabilitäten und machen eine standardisierte, langfristig angelegte Datenerfassung zu einer wesentlichen Voraussetzung für die Integration dieser Daten in die Zuchtwertschätzung. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang die Anerkennung der Notwendigkeit solcher Maßnahmen. Während leistungsbezogene Merkmale in der Pferdezucht für Züchter eine messbare wirtschaftliche Größe und somit ein legitimes Kriterium bei der Zuchtauswahl darstellen, erscheinen erbliche Erkrankungen und Dispositionen oftmals fast als „duldbares Übel“, wenn diese in der subjektiven Wahrnehmung dieser Interessengruppen überhaupt als erblich erkannt und anerkannt werden. Die Kritik richtet sich auch gegen die Tierärzteschaft, die sich auf Grundlage ihrer fachlichen Kenntnis und berufsethischen Verpflichtung bisher dieser Problematik nicht in dem notwendigen Umfang widmet. Dieser Sachverhalt ist keine neue Erkenntnis, was durch folgendes Zitat verdeutlicht wird: „[…] dass es lediglich die Schuld der Tierärzte selbst ist, wenn sie sich an die Wand drücken lassen, sobald es sich um das Gebiet der Tierzucht handelt. Beteiligen mag sich jedermann an der Tierzucht, einflussreich und leitend kann sich aber der Tierarzt auf Grund seiner wissenschaftlichen Ausbildung zur Geltung bringen […]“ (SUCKOW 1909). Von übergeordneter Bedeutung ist die Festlegung objektiver Kriterien zur Beurteilung der Tierschutzrelevanz von erblichen Defekten und Dispositionen. Ein solcher Maßstab muss von Fachleuten, beispielsweise aus dem Bereich Veterinärmedizin und Ethologie, festgelegt - 85 -

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