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DIE ZEIT, 05.07.2007 Nr. 28 - 05. Juli 2007

http://www.zeit.de/2007/28/M-Epo

D O P I N G

Superheld für acht Tage

Mit Epo spritzen Spitzensportler sich übernatürliche Kräfte. Aber die Wirkungsweise

ist noch ein großes Rätsel. Wie fühlt sich das Hormon im Körper an? Ein

Selbstversuch

VON TOBIAS HÜRTER

Zürich, Mittwoch, 20. Juni 2007 Was mache ich hier? Gute Frage für einen 35-

jährigen, ledigen und gesunden Mann – in einer Praxis für Gynäkologie und

Geburtshilfe. Ich sitze im Wartezimmer des Frauenarztes Christian Breymann in

Zürich. Er will mir ein Medikament verabreichen, das er sonst gebärenden Müttern

nach starken Blutverlusten gibt: das Hormon Erythropoetin, kurz Epo.

Furore machte Epo fernab seines zugedachten therapeutischen Zwecks: als eines

der wirkungsvollsten Dopingmittel in der Geschichte des Sports. Im Radsport

begann eine neue Zeitrechnung, als Ende der achtziger Jahre rekombinantes,

also mittels genetisch veränderter Bakterien hergestelltes Epo verfügbar wurde.

Neue Fahrer tauchten wie aus dem Nichts auf, zogen den alten Granden davon.

Ein Jahrzehnt lang, bis zum Festina-Skandal bei der Tour de France 1998,

spritzten sich viele Radprofis so viel Epo, wie sie kriegen konnten, nahezu ohne

Strafrisiko. Inzwischen sind die Kontrollen deutlich schärfer, die Dosierungen

deutlich vorsichtiger. Doch der Spuk ist keineswegs vorbei. Die jüngste Serie von

Epo-Geständnissen deutscher Radprofis und Betreuer, zuletzt die Beichte von

Jörg Jaksche im Spiegel, lässt das Ausmaß des Dopingsystems ahnen. Bewegt

haben die Bekenntnisse wenig. Es wäre ein Wunder, wenn die Tour de France am

nächsten Samstag nicht Epo-beschleunigt starten würde.

Breymann interessiert sich nicht sonderlich für Sport, aber sehr für die Wirkungen

von Epo. Seit Anfang der neunziger Jahre erforscht er die physiologischen Effekte

des Hormons. Derzeit führt der Epo-Experte gemeinsam mit dem Sportphysiologen

Urs Boutellier von der Universität Zürich eine Studie an 40 Hobbysportlern durch,

die den leistungssteigernden Effekt von Epo klären soll.

Wir alle sind von Natur aus Epo-getrieben. Jede gesunde Niere produziert das

Hormon und schüttet mehr davon aus, wenn der Körper starken Sauerstoffmangel

erfährt. Daher ist der traditionelle (und legale) Weg für Sportler, ihren Epo-

Spiegel zu steigern, das Training in großen Höhen: »mindestens 2650 Meter

über Meeresniveau«, sagt Boutellier, »sonst wirkt es nicht«. Mit der Spritze geht

es komfortabler. Erfahrene Doper berichten, dass Epo schon schneller und

ausdauernder macht und die Erholungsfähigkeit verbessert, bevor es sich messbar

auf die Blutzusammensetzung auswirkt. Warum der Epo-Kick so schnell kommt,

können Mediziner noch nicht sagen.

Gewiss ist nur, dass die übliche Erklärung für den Dopingeffekt von Epo zu

einfach ist. Die zusätzlichen roten Blutkörperchen erhöhten die Sauerstoff-


Transportfähigkeit des Bluts, mithin wirke Epo sozusagen als Blasebalg auf die

muskulären Kraftwerke. »Diese Geschichte kann nicht stimmen«, sagt Boutellier.

Zumindest kann sie nicht mehr als die halbe Wahrheit sein. Denn der beste

Blasebalg hilft wenig, wenn nicht auch die Brennstoffzufuhr und die Kapazität

der Kraftwerke erhöht werden. Aus Tierversuchen und der klinischen Praxis ist

bekannt, dass Epo viel mehr bewirkt, als die roten Blutkörperchen zu vermehren.

Es steigert den Blutdruck und den Tonus der Blutgefäße, fördert die Bildung

feinster Blutgefäße in Muskeln und Gehirn. Seine physiologische Aufgabe ist es,

die wertvollsten Gewebe des Körpers vor Sauerstoffmangel zu schützen. Darunter

auch die Fortpflanzungsorgane: Zellen in Hoden und Gebärmutter tragen Epo-

Rezeptoren.

Die Sportwelt diskutiert über ein Hormon, dessen Wirkmechanismen noch

ein Rätsel sind – und über dessen subjektive Wirkung jene, die sie kennen,

schweigen. Über Erfahrungen mit Heroin, Cannabis und anderen Drogen findet

man ganze Bücher. Aber weltweit Hunderttausende Epo-User bleiben wortkarg.

Wie wandelt sich das Körperempfinden, wenn der Epo-Spiegel steigt? Ich will

es in einer einwöchigen Epo-Kur herausfinden. Zwar bin ich kein Spitzensportler

mit geschultem Gespür für seine körperlichen Leistungsgrenzen, sondern nur ein

halbwegs gut trainierter Hobbyradler. Aber Boutellier kündigt mir an: »Auch Sie

werden es deutlich merken, und sehr schnell.«

Es gibt zwei Möglichkeiten, Epo zu spritzen: entweder subkutan mit einer

kurzen Nadel ins Unterhautgewebe, das ist der bequeme Weg für Do-it-yourself-

Doper. Oder direkt in die Blutbahn, dann kommt die Wirkung schneller, die

Bioverfügbarkeit ist höher. Deshalb wählt Breymann diesen Weg. Er legt mir

eine Infusionskanüle in eine Vene der linken Armbeuge. Ehe ich mich versehe,

zirkulieren 10.000 internationale Einheiten Epo in meiner Blutbahn – ungefähr

das 300-Fache des Normalwerts. Es folgt ein spannender Moment, denn manche

Patienten und Versuchspersonen reagieren allergisch auf Epo-Gaben. Auch von

Radprofis ist bekannt, dass sie das Hormon schlecht vertragen haben, von Erik

Zabel zum Beispiel.

Breymann schickt eine Dosis Eisenlösung hinterher. Nun wird das Epo ins

Knochenmark wandern und dort die Bildung neuer roter Blutkörperchen ankurbeln.

Dieser Prozess verbraucht viel Eisen, deshalb die Zusatzmedikation. Anfang der

2000er Jahre arbeitete Breymann an der Entwicklung eines Nachweisverfahrens

für Epo-Doping mit, das weitaus sensibler ist als die lange übliche Messung

des Hämatokritwertes, also der Konzentration der roten Blutkörperchen. Weil

der Körper zur Bildung der Blutzellen Eisen braucht, zeigt die künstliche Epo-

Zufuhr sich in zurückgehenden Eisenreserven und sogenannten hypochromen

(eisenarmen) Blutkörperchen mit charakteristischer Form. Das Internationale

Olympische Komitee und der Sportgerichtshof CAS haben das Breymannsche

Verfahren alsbald übernommen. Der Weltradsportverband hingegen sträubte

sich und blieb weiter bei der viel weniger verlässlichen Hämatokritmessung.


»Hämatokrit kann man vergessen«, urteilt Breymann. Schon ein Kopfstand kann

den Wert verfälschen, weil er die Körperflüssigkeiten durcheinandermischt.

Dabei könnte alles so einfach sein. Die Hersteller könnten ihr Epo mit chemischen

Markern versehen, die den Nachweis von Missbrauch zum Kinderspiel machen

würden. Dass das noch nicht geschehen ist, kann durchaus mit wirtschaftlichen

Interessen zu tun haben. Epo ist eines der weltweit umsatzstärksten Medikamente.

Im Radsportland Nummer eins Italien würde die verkaufte Menge für die

Versorgung von 40.000 Patienten reichen, haben Experten vor ein paar Jahren

geschätzt. Tatsächlich leben dort nur 3000 Therapiebedürftige.

Auf dem Rückweg zum Flughafen im Taxi steigt eine leichte Euphorie in mir auf,

ein belebtes Gefühl, welches ich an solch hektischen Reisetagen nicht an mir

kenne. Hatte Breymann nicht erwähnt, dass auch im Gehirn Rezeptoren für Epo-

Moleküle sitzen?

Breymann hat mir eine weitere Spritze mit 10000 Einheiten Epo mitgegeben.

Der empfindliche Wirkstoff muss unbedingt gekühlt bleiben, erst recht an diesem

heißen Tag, deshalb besorge ich mir in einer Confiserie am Flughafen eine

Thermotüte, in einem Schnellrestaurant einen Beutel Eiswürfel. Das improvisierte

Kühlpaket passiert glatt die Sicherheitskontrolle. Im Flugzeug verstaut die

Stewardess das Medikament gern im Bordkühlschrank und gibt mir für die

letzte Etappe nach Hause ein Stück Trockeneis mit. Die mobilen Apotheken der

Tour-de-France-Teams sind professioneller ausgestattet. Insider erzählen von

Scheintouristen in Wohnmobilen mit extragroßen Kühlschränken. Jörg Jaksche

beschrieb einen Staubsauger mit getarntem Kühlfach.

Nussdorf, Donnerstag, 21. Juni 2007 Das leicht beschwingte Gefühl ist über Nacht

geblieben. Sollte es wirklich aus der Nadel kommen? Auch Probanden der Zürcher

Studie erzählen von einem belebenden Schub durch Epo. »Manche erschienen

geradezu euphorisiert zu den Tests«, sagt Simon Annaheim, Doktorand bei Urs

Boutellier und maßgeblicher Betreuer der Studie. Andere Epo-Tester hingegen

spürten nichts oder berichteten über ein »grippiges« Gefühl, wieder andere fühlten

sich auffällig müde – »teigig«, sagt einer von sich.

Wenn Epo die Schutzmechanismen des Körpers gegen Sauerstoffmangel aktiviert,

dann ist es kein Wunder, dass es auch auf die nährstoffhungrige Hirnmasse wirkt.

Die Wirkung kommt mir nicht stärker vor als die einer Tasse Kaffee mit einem

Schuss Cognac, aber angenehm genug, um auf Dauer abhängig zu machen.

Jaksche spricht von der Doperei als »Fixertum«, und es ist kein Zufall, dass

Radprofis die langjährigen Doper unter ihnen als »Epo-Junkies« bezeichnen.

Nicht wenige von ihnen entwickeln eine klassische Suchtstruktur, die auch dann

fortbesteht, wenn die Dopingmittel abgesetzt werden. Der italienische Radheld

Marco Pantani starb vor drei Jahren an einer Überdosis Kokain – Suchtwechsel

nennen Mediziner so etwas.


Mein Versuchsprogramm unter Epo läuft vorsichtig an, mit einer kurzen Bergtour

in den bayerischen Voralpen. Meine ungedopten Bergkameraden können mühelos

Schritt halten und sind auch nicht schlechter gelaunt als ich.

München, Freitag, 22. Juni 2007 Nach dem Lehrbuchwissen über Epo sollte

es heute noch zu früh sein für leistungssteigernde Effekte. Mein Blutbild sollte

noch keine Veränderungen zeigen – allenfalls Spuren der Zechtour am Abend

zuvor. Ich setze mich aufs Mountainbike und erlebe eine Überraschung. Die

Beine signalisieren Unternehmungslust. Ich nehme die steilsten Anstiege des

Isar-Hochufers in Angriff, wühle mich durch tiefen Schotter und holpere über

glitschige Wurzeln. Auch ein heftiger Gewitterschauer vermag mich nicht zu

stoppen. Abends injiziert mein Vater (er ist Arzt) mir die aus Zürich mitgebrachten

10.000 Einheiten Epo und das Eisen dazu. Doping am Wohnzimmertisch – einfach

wie eine Grippeimpfung. Und es wird zusehends einfacher und effizienter. Der

amerikanische Konzern Amgen hat inzwischen Varianten aus fusionierten Epo-

Molekülen entwickelt, die stärker und länger wirken. Der letzte Schrei unter

Sportbetrügern ist genetisches Doping; die künstliche Zufuhr von Epo-Genen, aus

denen sich dann im Körper der eigentliche Wirkstoff bildet – und in Dopingtests

nur mit großem Aufwand nachweisbar ist. Der Traum jedes Dopers wäre Epo zum

Schlucken. Bald könnte er Wirklichkeit werden. Mehrere Konzerne arbeiten an

Pillen, die das Hormon durch den Verdauungstrakt in den Stoffwechsel schleusen.

München, Samstag, 23. Juni 2007 Diesmal spüre ich nichts von einem

Euphorieschub wie nach der ersten Injektion. Dennoch steigere ich die

Belastung. Auf dem Straßenrennrad an einem Anstieg überholt mich eine Gruppe

von Lizenzfahrern eines Münchner Vereins, die dort gerade ein inoffizielles

Ausscheidungsrennen fährt. Ich trete an und kann mit den beiden Führenden

mitgehen. Hätte ich das auch clean geschafft? Schwerlich. Zum Ende der Ausfahrt

liefere ich mir noch mit brennenden Beinen ein Sprintduell mit einem Freund,

der mich in dieser Disziplin gewöhnlich schlägt. Diesmal gewinne ich. Das

Brennen kommt von der Milchsäure, die die Muskeln bei intensiven Belastungen

produzieren. Epo stimuliert die Produktion von Hämoglobin, das diese Säure

abpuffert. »Du hast nicht weniger Schmerzen«, beschrieb Jörg Jaksche das

Fahrgefühl unter Doping, »aber die Schmerzgrenze liegt höher.«

Rosenheim, Sonntag, 26. Juni 2007 Ruhepause auf dem Fahrrad: Ich

rolle gemächlich über die 107 Kilometer der Kurzstrecke eines kleinen

Radmarathons – im Touristentempo von 27 Kilometern pro Stunde. So kann ich

die sonnenbestrahlte Chiemgauer Landschaft genießen, und das Klassement der

Breitensportveranstaltung wird nicht durch Doping verzerrt.

Zürich, Montag, 25. Juni 2007 Christian Breymann verabreicht mir die dritte

und letzte Dosis Epo. »Machen Sie hier Doping?«, fragt eine Patientin, die

mitbekommen hat, dass wir mit Epo hantieren. »Wir machen einen Versuch«,

antwortet Breymann.

Anschließend mache ich einen Leistungstest im Universitätslabor. Nur mit

einer Radhose und Schuhen bekleidet, sitze ich auf einem Standrad. Simon


Annaheim verkabelt mich. Pulsgurt um die Brust, Blutdruckmanschette um den

Arm, Infrarotsensor an den Zeigefinger – und leider auch einen Schnorchel

zur Atemluftanalyse in den Mund. Während der nächsten halben Stunde steigt

der Tretwiderstand des Standrads stufenweise, bis ich nicht mehr treten kann.

Währenddessen entnimmt Annaheim immer wieder Blutproben aus meinem

Ohrläppchen, um später darin das Laktat, ein Zerfallsprodukt der Milchsäure,

zu messen. Bei 400 Watt Tretleistung muss ich abbrechen – ungefähr dem

Energiebedarf eines Mixers.

Genau den gleichen Test hatte ich fünf Tage vorher, unmittelbar vor der

ersten Epo-Spritze gemacht. Die Eckdaten – maximale Dauerleistung und

Abbruchleistung – haben sich in dieser Zeit kaum verändert, dazu ist es noch zu

früh, denn die Bluteffekte von Epo entfalten sich erst allmählich. Dennoch schlägt

die Hormonkur sich schon jetzt in den Messwerten nieder. Puls und Laktat steigen

langsamer mit der Belastung. Zudem ist der sogenannte respiratorische Quotient

gesunken, das Verhältnis zwischen ausgeatmetem Kohlendioxid und verbrauchtem

Sauerstoff. Irgendwie hat der Epo-Schub bewirkt, dass meine Muskeln besser Fett

verbrennen und so ihre Kohlenhydratvorräte schonen können.

Ich wüsste es gern genauer, aber die Experten ziehen ratlose Gesichter. »Ich

vermute, dass die wahre Erklärung für die Leistungssteigerung durch Epo in

den Muskeln liegt«, sagt Urs Boutellier, »aber ich habe keine Ahnung, wie sie

lautet.« Die Steigerung des Hämatokritwerts ist demnach aus Dopersicht eher

nebensächlich – womöglich sogar schädlich. Tatsächlich sinkt der Hämatokritwert

bei Ausdauerathleten mit zunehmender Form, weil der Körper nicht nur neue

Blutkörperchen bildet, sondern auch das Plasmavolumen erhöht. So hält er das

Blut leicht flüssig.

Hingegen droht bei zu hoher Dichte an roten Blutkörperchen das sogenannte

Sludge-Phänomen. In kleinen Adern verklumpt das Blut und kann die

dahintergelegenen Gewebe nicht mehr versorgen. Besonders groß ist die Gefahr

von Gerinnseln nachts, wenn das Herz das verdickte Blut langsamer durch die

Gefäße pumpt. Während der Epo-Hochphase in den neunziger Jahren versagte

den Radprofis reihenweise das Herz im Schlaf. Willy Voet, ein ehemaliger Pfleger

des Skandal-Teams Festina, beschrieb vor einigen Jahren, wie Rennfahrer

während der Epo-Hochphase mit Pulsmessgeräten schliefen, die bei zu niedriger

Herzfrequenz Alarm schlugen.

Sollte der Schlüssel zur Wunderwirkung von Epo wirklich in den Muskeln

liegen, dann ist er gut versteckt. Die Erkenntnisse darüber, was Epo in unseren

vortriebswirksamen Geweben anstellt, sind nicht nur lückenhaft, sondern auch

widersprüchlich. Einerseits haben Radsportler während ihrer monatelangen Epo-

Kuren die Erfahrung gemacht, dass das Mittel die Muskeln schwinden lässt –

womöglich als eine Sparmaßnahme gegen Sauerstoffverschwendung –, und

nehmen es inzwischen in Kombination mit Wachstumshormonen. Andererseits

wollen Forscher einen anabolen – also muskelaufbauenden – Effekt an Menschen

und Tieren beobachtet haben.


Abends mache ich eine halbe Stunde Krafttraining. Meine Muskeln fühlen sich

williger an als sonst. Pro Maschine schaffe ich ein bis zwei Wiederholungen mehr,

und trotz eines erweiterten Übungsprogramms ermüde ich langsamer. Überhaupt

fällt mir auf, dass meine gefühlte Ermüdungskurve unter Epo flacher abfällt.

Annaheim und Boutellier beobachteten bei den Probanden ihrer Studie einen

dramatischen Anstieg der Ausdauerleistung. Manche von ihnen, die bei intensiver

Belastung auf dem Standrad schon nach einer Viertelstunde schlappmachten,

wollten unter Epo gar nicht mehr absteigen.

München, Dienstag, 26. Juni 2007 Zur Abwechslung mal Laufen: 17 Kilometer

mit einem Freund durch den Forstenrieder Park im Münchner Süden. Für mich

fühlt es sich nicht flotter an als sonst, für meinen Freund, der nichts von meinem

Selbstversuch weiß, offenbar schon. »Bist du gedopt?«, fragt er mich. Verlegen

murmele ich etwas von »B-Probe abwarten«.

München, Mittwoch, 27. Juni 2007 Sportlicher Ruhetag, irgendwann muss

auch dieser Artikel geschrieben werden. Forscher des Max-Planck-Instituts für

Experimentelle Medizin und des DFG-Forschungszentrums Molekularphysiologie

des Gehirns fanden im vergangenen Jahr heraus, dass Epo die kognitive Leistung

von Schizophreniepatienten verbessert – vermutlich weil es die Nervenzellen vor

der Degeneration schützt und das Wachstum neuer Neuronen und Synapsen

anregt. Obwohl sich solche Befunde, und ähnliche bei Schlaganfallpatienten, nicht

ohne Weiteres auf Gesunde übertragen lassen, ist Epo inzwischen in den Ruf

eines Hirndopingmittels geraten und zu einem Modemittel der Anti-Aging-Szene

avanciert. Ich merke nichts davon, dass mir das Schreiben leichter von der Hand

ginge als sonst.

Schäftlarn, Donnerstag, 28. Juni 2007 Nun müsste die Kur voll anschlagen. Die

ersten zusätzlichen roten Blutkörperchen müssten herangereift und aus dem

Knochenmark in die Adern gespült sein. Epo regt diesen Prozess nicht nur an,

sondern beschleunigt ihn auch. Ich mache die Probe und messe meine Zeit an

einem Berg von zwei Kilometern und ungefähr 100 Höhenmetern, für den ich in

meiner vorherigen Form stets länger als viereinhalb Minuten brauchte. Die Uhr

bleibt bei vier Minuten, drei Sekunden stehen – Bestzeit, und ich bin oben weitaus

weniger außer Atem als nach meinen Testfahrten vor Epo.

Letztes Jahr hatte ich so fleißig trainiert, dass ich an manchen Bergen immerhin

mit Profis der dritten Garnitur mithalten konnte. Dieses Jahr bin ich faul – aber nicht

langsamer. Drei Spritzen zu ein paar Hundert Euro haben mir mehrere Tausend

Trainingskilometer erspart. Ich beginne zu verstehen, was Epo im Radsport bewirkt

hat.

Und gleichzeitig beginne ich, mich auf den Rückgang meines Epo-Pegels auf

Normalniveau zu freuen. In vier Monaten wird die Wirkung verflogen sein, so lange

leben rote Blutkörperchen im Organismus. Ich habe erfahren, wie pervers einfach

Doping sein kann, und wie groß die Verlockung in einem System sein muss,

in dem es fast alle tun. Eine Zeitlang lebt es sich ganz gut mit übernatürlichen

Kräften. Lieber aber bin ich wieder ganz ich selbst.


ZEIT ONLINE 2007

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