004_2013_005_0_106_109_zeit_lowres_ds - WordPress.com

savedaughters19.files.wordpress.com

004_2013_005_0_106_109_zeit_lowres_ds - WordPress.com

eportage Indien

» Ich

hoffe,

jemand

macht

Indien ist für Mädchen das

gefährlichste Land der Welt. Sie

werden ermordet, vergewaltigt –

oder gar nicht erst geboren.

Mitu Khurana, 34, stellt sich

dagegen: Als erste Frau in Indien hat

sie ihren Mann wegen versuchten

Mordes angezeigt. Er wollte sie

zwingen, ihre Zwillinge abzutreiben

– nur, weil sie Mädchen sind.

Mit dieser Anzeige riskiert

sie ihr Leben

Text Beatrix gerstberger

Foto Sami Siva/Redux/Laif

weiter,

wenn

ich

ermordet

werde

»

Mitu Khurana,

34, ist Kinderärztin. Sie hat gegen

den Willen ihres Mannes und

ihrer Schwiegermutter ihre heute

siebenjährigen Zwillingstöchter

zur Welt gebracht. Mit ihnen lebt

sie mittlerweile bei ihren Eltern.

Das Gerichtsverfahren gegen

ihren Mann wird Jahre dauern.

Als Mitu Khurana in der 16. Woche

ihrer Schwangerschaft war, ließ

ihr Mann ihr einen Kuchen mit

Eiern backen. Er wusste, dass sie allergisch

gegen Eier ist, er wollte, dass sie

davon krank wird. Mitu aß den Kuchen.

Es ging ihr schlecht. Sie verlangte nach

ihren Medikamenten. Die Familie gab sie

ihr nicht. Sie kam in ein Krankenhaus.

Ihr Mann überzeugte den Arzt, einen

Ultraschall vorzunehmen. Das hatten er

und Mitus Schwiegermutter seit Wochen

gewollt: dass sie eine Ultraschalluntersuchung

macht, um das Geschlecht

ihres Kindes zu bestimmen. Mitu hatte

sich stets geweigert, aber jetzt wurde sie

mit Medikamenten ruhiggestellt. Statt

der vermeintlichen Nierenuntersuchung

wegen der Allergie wurde das Geschlecht

der Kinder bestimmt. Zwei Mädchen.

Als man es ihr sagte, wusste sie: Man

wird sie zur Abtreibung zwingen.

Inmitten des asiatischen Wirtschaftsbooms

geht es für Mädchen in Indien

ums Überleben. Seit fast zwanzig Jahren

gibt es dort Ultraschalluntersuchungen,

seitdem können die Familien auch das

Geschlecht des Kindes frühzeitig erfahren.

Und deshalb wurden zwölf Millionen

Mädchen – vor allem im reichen

Süden und in den großen Städten, wo

viele sich einen Ultraschall leisten können

– nicht geboren, weil ihre Familien

lieber einen Jungen wollten. Sie wurden

abgetrieben, im Klinikmüll entsorgt.

Nicht aus Not und Armut, sondern weil

sie für ihre Familien vor allem eins bedeuteten:

weniger Geld für ihre eigenen

Wünsche – ein Apartment, ein neues

Auto, eine schöne Reise.

Geschlechtsselektive Abtreibung ist

verboten, trotzdem werben die vielen,

vor allem privaten Abtreibungskliniken

dafür: „Zahl jetzt 1000 Rupien – und

spare später 100 000.“ Denn Mädchen

brauchen bei ihrer Verheiratung eine

Mitgift, und die Hochzeitsfeier, die die

Familie der Braut ausrichten muss, kostet

viel Geld. „Ein Mädchen großzuziehen

ist wie Nachbars Garten zu wässern“,

lautet ein indisches Sprichwort.

Die UN haben Indien zum weltweit gefährlichsten

Land für Mädchen erklärt.

Denn es werden nicht nur Millionen

Brigitte.de 5/2013 107


weiblicher Föten abgetrieben. Jede

Stunde wird eine Frau ermordet, weil die

Fami lie ihres Mannes es nur auf ihre

Mitgift abgesehen hat. In der modernen

Hauptstadt Delhi wird alle 18 Stunden

eine Frau vergewaltigt. So wie am 16. Dezember

eine 23-jährige Studentin in einem

Bus von sechs Männern – auf so brutale

Art, dass sie 13 Tage später starb.

In Indien wurden Vergewaltigungen

bisher vertuscht und verschwiegen. Kam

es doch zu Prozessen, dann wurden diese

häufig verschleppt. Diesmal aber war es

anders. Es gab wütende Massenproteste.

Vor allem gegen ein zutiefst archaisches

Frauenbild. Tausende gingen auf die

Straße, sie hielten Mahnwachen, forderten

die Todesstrafe für die Täter. Sie

ließen sich nicht aufhalten von Wasserwerfern

und Tränengas, als sie auf den

Hügel des Präsidentenpalasts marschierten

und Schilder hielten, auf denen

stand: „Kein Land für Frauen“, „Bin ich

nur ein Körper, der benutzt wird?“ oder

„Hört endlich auf, eure ungeborenen

Töchter zu töten“.

Töten solle sie ihre Kinder, hatte

auch Mitu Khuranas Schwiegermutter

gefordert. „Oder wenigstens

eines.“ Sie wurde im Haus ihres

Mannes eingesperrt, bekam kein Essen

mehr. „Vielleicht verlierst du die Kinder

ja auf diese Art“, sagte ihre Schwägerin.

Ertränken werde man die Kinder nach

der Geburt, drohte die Schwiegermutter.

Mitus Mann forderte plötzlich, dass

ein Vaterschaftstest gemacht wird. Sie

hatten Streit. Immer wieder. Während

einer Auseinandersetzung warf er sie die

Treppe hinunter. Sie hatte Wunden am

ganzen Körper, sie blutete. Sie rief ihren

Vater an. „Eher bringe ich mich um, als

meine Töchter zu töten“, sagte sie. Ihr

Vater forderte seinen Schwiegersohn auf,

seine Tochter in ihr Elternhaus zurückzuschicken.

Sie sah ihren Mann erst wieder,

als sie die beiden Kinder im siebten

Monat zur Welt brachte.

Mitu Khurana, heute 34, hat ihren

Mann und seine Familie wegen versuchten

Mordes angezeigt. Mord an ihren ungeborenen

Töchtern. Sie ist die erste

Inderin, die dies getan hat. Sie will, dass

»Ein tödlicher

Tsunami fegt über

unsere Mädchen,

aber niemand in

diesem Land regt

sich darüber auf«

Als die Kinder vier Monate

alt waren, versuchte Mitu

Khurana, ihre Ehe zu retten.

Bis ihr Mann sie hinauswarf.

Er wolle Söhne, sagte er

sich etwas ändert, will, dass die Welt erfährt,

dass es in Indien einen massenhaften

Geschlechtermord gibt. Mitu

Khuranas Mann ist Orthopäde, Sohn

eines Geschichtsprofessors und einer

ehemaligen Schuldirektorin. Mitu selbst

ist Kinderärztin. Ihre Geschichte ist die

Geschichte einer modernen, berufstätigen

Frau aus einer gebildeten Familie,

wie sie in Indien täglich passiert.

Ihre Töchter sind jetzt sieben Jahre

Nach der brutalen

Vergewaltigung

einer Studentin

protestierten

Tausende mit

Schildern, auf

denen Slogans

standen wie

„Hört endlich

auf, eure ungeborenen

Töchter

zu töten”

Mitu mit einem ihrer Babys. Die

Schwiegermutter wollte es töten

2004 heiratete

Mitu einen

angesehenen

Orthopäden.

Die Ehe war

arrangiert, die

Mitgift hoch.

Anfangs

respektierte

ihr Mann

sie noch

alt. Sie leben, obwohl ihr Vater und ihre

Großmutter ein anderes Schicksal für

sie beschlossen hatten. Vermutlich habe

Mitus Mann dem Krankenhausarzt Geld

für den Ultraschall gezahlt, sagt Mitu

Khurana heute. Tausende von Ärzten in

Indien sind käuflich. Denn offiziell ist es

seit 1996 verboten, das Geschlecht während

der Schwangerschaft zu bestimmen,

um so den Missbrauch dieser Tests zu

vermeiden. Kaum ein Arzt ist aber bisher

FOTOS DDPAP, PRIVAT (3)

wegen Geschlechterbestimmung zu einer

Gefängnisstrafe verurteilt worden.

Mitu Khurana wohnt heute mit ihren

Töchtern im Haus ihrer Eltern in Janakpuri

im Nordwesten Delhis, einem wohlhabenden

Viertel. Ihr Vater ist ebenfalls

Arzt, er unterstützt seine Tochter und

die Kinder. Sie lässt sie niemals unbeaufsichtigt.

Sie hat Angst, dass die Familie

ihres Mannes sie immer noch töten

wird. Sie hat Angst vor Rache.

Sie hatte ihren Mann für einen anständigen

Menschen gehalten. Ihre

Hochzeit im November 2004 war wie

üblich arrangiert, seine Familie verlangte

Schmuck von ihrer Familie, einen neuen

Honda, ein Apartment als Mitgift. Sie

zog zu seiner Familie. Sie glaubte, dass

alles gut sei, ihr Mann respektierte ihre

Arbeit als Kinderärztin in einem Krankenhaus,

er respektierte sie. Sie war eine

selbständige Frau, ihr Vater hatte sie und

ihre Schwester dazu erzogen. Und niemals

davon gesprochen, dass ihm ein

Sohn lieber gewesen wäre.

Mitu ging noch einmal zu ihrem Mann

zurück, als die Kinder vier Monate alt

waren. Hoffte auf sein Wohlwollen. Es

ging nicht um Liebe, es ging um das Leben

zweier Kinder, um Zukunft. Es ging

darum, dass sie einen Vater haben. Sie

wollte ihre Ehe retten. Und sie zahlte dafür,

gab ihrer Schwiegermutter all ihren

Schmuck. „Aber da gab es keine Hilfe für

mich und die Kinder. Keine Liebe und

keinen Respekt. Ich wusste nicht einmal,

ob es dort überhaupt für uns sicher war.“

Ihre Schwiegermutter versuchte, eines

der Babys in seinem Kindersitz die

Treppe hinunterzuschubsen. Aus Versehen,

sagte sie. Mitu konnte ihre Tochter

gerade noch auffangen. Zwei Jahre

blieb sie trotzdem im Haus ihres Mannes

und hoffte, dass ihre Töchter eines Tages

akzeptiert würden. Im März 2008 warf

ihr Mann sie mitten in der Nacht aus

dem Haus und beantragte die Scheidung.

Er wolle sich neu verheiraten und Söhne

bekommen, sagte er.

Sie zog wieder zu ihren Eltern. Und

sie wollte nicht länger schweigen. Sie

zeigte ihn, das Krankenhaus und die Ärzte

an, die sie illegal zum Ultraschall gezwungen

haben. „Wo ist dein Problem?

Mach deinem Mann einfach einen Sohn“,

sagte der Polizeikommissar, der ihre Anzeige

aufnahm. Später rief er bei ihrer

Mutter an, erzählte, dass Frauen wie

Mitu, die der Polizei von Problemen mit

ihrem Mann berichten, häufig vergewaltigt

werden. Eine erste Warnung.

Eine Richterin drohte ihr in den Vorverhandlungen,

ihrem Mann das Besuchsrecht

für die Kinder zu erteilen, ein

anderer schlug ihr einen Vergleich vor:

150 000 Euro, wenn sie die Anzeige zurückziehe.

Sie sagte jedes Mal Nein. Sie

verlor ihren Job. Sie wurde in ihrer eigenen

Familie, von Tanten, Onkeln, Cousinen

nicht mehr zu Festen eingeladen.

Freunde wandten sich ab. Sie wurde gemieden.

Sie solle ihren Mund halten,

sagten sie. Sie entehre die Familie mit

ihrer Anzeige, indem sie das Private nach

außen zerre. Eine Frau habe zu gehorchen.

„Für viele habe ich aufgehört zu

existieren. Wenn ich den Raum betrete,

benehmen sich sogar Verwandte so, als

sei ich nicht anwesend.“

Mitu Khurana wandte sich an

verschiedene Hilfsorganisationen,

sie schrieb einen Blog, der

Aufsehen erregte, gab erste Interviews.

Sie nahm an einer Fernsehsendung mit

einem Bollywood-Star teil. Die amerikanische

Talk-Masterin Oprah Winfrey

kam mit einem Fernsehteam zu ihr nach

Hause. Aber in der indischen Öffentlichkeit

wird Mitu bis heute kaum unterstützt.

Vor fünf Jahren bezeichnete der

Premierminister in einer Rede die Geschlechterselektion

als nationale Schande.

Passiert ist seitdem nichts.

Formell, sagt Mitu Khurana, gebe es

bis heute auch keine Hilfsorganisation,

die für sie eintritt, sie bekommt nur von

einzelnen Frauen Unterstützung, von der

„Kampagne gegen vorgeburtliche Eliminierung

von Frauen“, vom „Zentrum für

Recht und Forschung“ oder der demokratischen

Frauenvereinigung. Die Einzige,

die mehr Kritik auch aus dem

Ausland fordert, ist die Vorsitzende der

Nationalen Kommission für Kinderrechte

in Indien, Shanta Sinha: „Über

unsere Mädchen fegt ein tödlicher Tsunami,

wir erleben einen ethischen Zusammenbruch

unserer Gesellschaft, aber

niemand regt sich auf.“

Mitu hat inzwischen endlich eine Anwaltskanzlei

gefunden, die einen Richter

überzeugen konnte, die Klage gegen

ihren Mann anzunehmen. Die Anwälte

wollen kein Geld von ihr. Drei- bis viermal

im Monat muss sie nun ins Gericht.

So ein Verfahren kann in Indien zehn

Jahre oder länger dauern, da Prozesse, in

denen es um die Rechte von Frauen geht,

meist verschleppt werden. Sie will kein

Geld, sie will eine Gefängnisstrafe für

alle Beteiligten. Ihre Kinder werden erwachsen

sein, bevor es vielleicht ein

Urteil gibt. Wie werden diese Jahre für

ihre Kinder sein? „Sie wissen ohnehin

jetzt schon alles“, sagt Mitu. „Sie führen

trotzdem ein normales Leben.“

Mitu hat inzwischen einen neuen Job

in der Verwaltung eines Krankenhauses

gefunden. Sie weigert sich, sich scheiden

zu lassen. Sie möchte nie wieder heiraten,

und auch ihr Mann soll nicht die

Chance haben. „Obwohl wir nicht geschieden

sind, hat er schon eine Anzeige

in einem Kontaktblatt für Heiratswillige

veröffentlicht. Und wenn er dann eine

zweite Frau hätte, die wieder nur mit

einer Tochter schwanger würde, dann

würde er das Gleiche wie mit mir machen,

und dann mit einer dritten. Nein,

ich gebe ihm nicht die Freiheit, das zu

tun.“ Sie will weiterkämpfen.

Sie will, dass ihre Kinder, wenn sie

erwachsen sind, das Recht auf eigene

Töchter haben. Und diese Töchter eine

Chance haben, von ihren Vätern geliebt

zu werden. Trotz ihres Geschlechts. Die

Massendemonstrationen nach der Vergewaltigung

der 23-jährigen Studentin

sind vielleicht ein Zeichen, sagt sie.

„Dass sich etwas ändert, dass es endlich

ein neues Bewusstsein für die Gewalt

gegen Frauen und Mädchen gibt.“

Ihr Mann und seine Familie bedrohen

sie immer noch. Sie verlangen das Sorgerecht,

verlangen, die Kinder ohne Aufsicht

zu sehen. Sie wollen sie erpressen,

die Klage fallen zu lassen. Sie hat alle

Unterlagen zu ihrem Prozess ins Internet

gestellt (www.savedaughters19.word

press.com). „Damit jemand weitermachen

kann, wenn ich ermordet werde.“

108 Brigitte.de 5/2013

BRIGITTE.DE 5/2013 109

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine