Schweizer Junglandwirte besuchten Tschechien Die ... - UFA-Revue

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Schweizer Junglandwirte besuchten Tschechien

Die Schweizer Junglandwirte reisten auf Einladung des Verbandes der privaten Bauern vier

Tage nach Tschechien. Herr Stehlík und sein Team organisierten eine informative Reise

durch Tschechien mit verschiedenen Betriebsbesuchen. Hauptbestandteil war ein Erntefest

für Familien, wo die Junglandwirte die Schweizer Landwirtschaft präsentierten und Schweizer

Landwirtschaftsprodukte zur Degustation anboten. Die Reise erlaubte einen vertieften

Einblick in die tschechische Landwirtschaft und die aktuellen Herausforderungen und war

geprägt von grosser Gastfreundlichkeit.

Zwischen Kommunismus und Globalisierung

Tschechien

Die Tschechische Landwirtschaft hat seit dem Fall der Mauer einen starken Umbruch erlebt.

Mit der Vergangenheit ist noch nicht abgeschlossen, wie der Besuch der Schweizer

Junglandwirte zeigte.

24 Jahre nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des kommunistischen

Regierungssystems sind die Nachwirkungen noch immer spürbar. Wer die komfortablen

Autobahnen Tschechiens verlässt, befindet sich auf dem Land schnell auf unebenen

Teerstrassen. Alte Betonbauten aus kommunistischen Zeiten mit weiss gestrichenen

Wänden prägen das Bild vieler Landwirtschaftsbetriebe. So auch auf dem Weg zu Josef

Stehlík, dem Präsidenten der privaten Bauern von Tschechien (ASZ). Herr Steklík wohnt mit

seiner Familie im kleinen Dorf Chodouň, 50 km westlich von Prag. Sein Haus, das mehrere

hundert Meter vom Betrieb entfernt im Dorfzentrum liegt, hat einen Innenhof, der durch

verschiedene Gebäude und Mauern gegen aussen begrenzt ist. Die Begrüssung ist sehr

freundlich und die Gäste werden in die warm eingerichtete Stube eingeladen. Herr Stehlík

serviert Kaffee und Würstchen und fügt scherzend bei, heute sei er Chef im Haus, da seine

Frau auswärts arbeite. Die drei Kinder gehen noch zur Schule, wobei der Älteste zurzeit

Landwirtschaft studiert und am Wochenende auf dem Betrieb mithilft.

Pelletheizung zur Diversifizierung

Nach dem Begrüssungskaffee lädt Herr Stehlík zum Betriebsrundgang ein. Ein neuer

Betriebszweig befindet sich gleich im gegenüberliegenden Gebäude im Innenhof, wo eine

neue Pellet-Heizung mit automatischer Beschickung steht. «Aus der nahegelegenen

Getreidesammelstelle führen wir den Besatz ab und pressen diesen zu Pellets», berichtet


Stehlík stolz und ergänzt: «Bereits in 14 Häusern in der Region wird damit geheizt.» Ein

Mitarbeiter ist für die Herstellung der Pellets und den Unterhalt der Heizungen zuständig.

«Die Kosten sind rund 25% tiefer als bei einer Gasheizung. Das Ziel ist weitere Kunden für

das Projekt zu gewinnen», so Stehlík. Das Projekt erlaubt den Betrieb auf ein weiteres

Standbein abzustellen und wurde zu 55% von der EU mitfinanziert.

Direktverkauf für höhere Preise

Der Rundgang geht mit dem Auto weiter zum Landwirtschaftsbetrieb. Neben Grasland

werden auf dem Betrieb auch Mais, Getreide, Raps und Kartoffeln angebaut. Der erste

Eindruck zeigt keine enormen Unterschiede zum Schweizer Mittelland. Die Landschaft ist

hügelig und teilweise bewaldet, aber die Besiedelungsdichte ist geringer und die Parzellen

sind grösser. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass Bäume oft entlang der Strassen zu sehen

sind, nicht aber auf den Feldern. Extensiver genutzt werden kleine Parzellen und Abschnitte,

die mit den Maschinen schlecht bearbeitet werden können. Der Stall ist einfach eingerichtet

und die Umgebung aufgeräumt. Die Laufgänge werden mit dem Traktor ausgemistet und die

Fressachse befindet sich ausserhalb des eigentlichen Gebäudes mit den Liegeplätzen und

dem Melkstand. Gefüttert wird vor allem Gras- und Maissilage sowie Heu. Die Milch verkauft

Herr Stehlík an Danone und erhält dafür 37 Rappen pro Kilogramm. «Etwa ein Viertel der

Milch verkaufen wir selbst und lösen damit einen besseren Preis», so Stehlík. Neben der

Trinkmilch, welche im Dorf verkauft wird, geht ein Teil in die Hofkäserei eines Berufskollegen,

der Frischkäse herstellt. Auf die Frage, ob er auch selbst im Melkstand anzutreffen sei,

schmunzelt er und verneint. Herr Stehlík managt in erster Linie den Betrieb und ist weniger

im Stall und auf dem Feld anzutreffen, zumal er als Präsident der ASZ oft auswärtige

Termine hat. Für die Stallarbeiten ist ein Mitarbeiter angestellt. Dasselbe gilt für den

Ackerbau, wo der dritte Mitarbeiter tätig ist, der zusätzlich Lohnarbeiten ausführt und gerade

den Nachbarn beim Mais einsilieren unterstützt.

Nach der Wende das Wachstum

Herr Stehlík ist es ein Anliegen, den Besuchern den Werdegang des Betriebes näher zu

bringen: Nach dem zweiten Weltkrieg wurde in Tschechien mit dem Kommunismus jegliches

Eigentum verstaatlicht. Die Betriebe wurden zusammengelegt und neu strukturiert, so auch

in der Landwirtschaft. Nach dem Ende des Kommunismus Anfang der 90er-Jahre wurde das

meiste Landwirtschaftsland vom Staat wieder privatisiert. Wer, wie Herr Stehlík, geltend

machen konnte, dass seine Familie vor dem Kommunismus ein Landwirtschaftsbetrieb

besass, der erhielt diesen wieder zurück. Er musste jedoch die Gebäude, welche darauf

erstellt wurden und in schlechtem Zustand waren, dem Staat abkaufen. Herr Stehlík hatte


Glück und konnte den Anbindestall aus kommunistischer Zeit zweckmässig in einen Laufstall

für 60 Kühe mit einem Autotandem-Melkstand umbauen. Die Rückführung des staatlichen

Landes ins Privateigentum hatte zur Folge, dass viele Personen ohne Interesse an der

Landwirtschaft Landbesitzer wurden. Dadurch wuchsen die Betriebe schnell. Herr Stehlík

hatte ursprünglich 20 ha, aktuell bewirtschaftet er rund 200 ha, rund 50 ha mehr als der

Landesdurchschnitt. «Anfang der 90er Jahre lag der Preis für Land bei günstigen 1200 Fr.

pro Hektare», so Stehlík, «heute bewegt er sich um die 6000 Fr. und steigt jährlich etwa

10%.» Das meiste Land kann allerdings nur gepachtet werden, zu einem Preis von etwa 120

Fr./ha.

Industrielle Landwirtschaft

In Tschechien haben sich nach der Wende zwei unterschiedliche Betriebsmodelle entwickelt:

Die Familienbetriebe und die industriellen Betriebe. Familienbetriebe sind traditionellerweise

im Eigentum der Betriebsleiterfamilie. Im Gegensatz zu den industriellen Betrieben, die aus

den ehemaligen Staatsbetrieben entstanden sind und durch ein Management bewirtschaftet

werden. Letztere sind in der Regel weit grösser als 1000 ha, während die Familienbetriebe

durchschnittlich etwa 100 ha gross sind. Da die Interessen sehr unterschiedlich sind, gibt es

zwei Bauernverbände in Tschechien, einen für die industrielle Landwirtschaft, und einen für

die privaten Landwirte, deren Präsident Herr Stehlík ist. Die privaten Landwirte

bewirtschaften etwa 40% der Landwirtschaftsfläche. Der Rest wird durch industrielle Betriebe

abgedeckt.

Jahr der Familienbetriebe

Das Jahr 2014 ist das UNO-Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe. Diese Gelegenheit will

der Verband der privaten Bauern ergreifen, um die Bevölkerung und die Regierung verstärkt

auf die Chancen und Herausforderungen der tschechischen Familienbetriebe aufmerksam zu

machen. Die Familienbetriebe erbringen Zusatzleistungen für die Umwelt und die

Biodiversität, da sie kleinere Felder mit unterschiedlichen Kulturen anbauen und den Boden

schonend nutzen. Sie produzieren regionale Spezialitäten und tragen mit ihren Familien dazu

bei, dass die Dörfer auf dem Land besiedelt bleiben. Die Landflucht ist in Tschechien ein

Problem und erschwert auch die Suche nach Hofnachfolgern. Die Familienbetriebe können

zur Lösung vieler Probleme beitragen, werden zurzeit in Tschechien jedoch nicht speziell

gefördert, wie dies in der Schweiz der Fall ist.

Autor: Lukas Kessler, Junglandwirtekommission

21. Oktober 2013

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