Elia - ein Mann in tiefer Depression - Ethos

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Elia - ein Mann in tiefer Depression - Ethos

Erschöpft, frustriert

und lebensmüde –

Elia , ein Mann in

tiefer Depression

Waren Sie auch schon mal in einer Lage, wo alles dunkel und

hoffnungslos schien und Sie nichts anderes begehrten, als

weg zulaufen oder gar zu sterben? Dann befinden Sie sich in guter

Gesellschaft. Die Bibel erzählt uns von einem Mann, Elia, der

ein mächtiges Werkzeug in der Hand Gottes war. Er war treu, schien

unbesiegbar, bis – ja, bis er den Blick auf Gott, die Quelle seiner

Kraft, aus den Augen verlor. Seine verzerrte Sicht der Dinge führte

dazu, dass er in eine tiefe Depression fiel.

Lernen wir die Mechanismen kennen, die auch uns in eine exis ten -

tielle Krise führen können.

Selbstmitleid

le

Selbstmitleid

ngst

ZoZo

Zorn

ungslosigkeit

Hoffnu

Angst

Hoffnungs

slosigkeit


DR. MED. WALTER VETSCH

«Es ist genug. Nun, Herr,

nimm mein Leben hin

1. Könige 19,4

Die Vorgeschichte

Zur Zeit Elias, etwa 860 vor Christus, war

Ahab König von Israel, den zehn nördlichen

Stämmen des geteilten Reiches.

Ahab war ein schwacher Mensch, verheiratet

mit einer boshaften, herrschsüchtigen

Frau: Isebel. Mehr als alle anderen

Könige vor ihm tat er, was Gott missfiel.

Er betete Baal an, richtete ihm einen Altar

auf und machte auch ein Standbild der

Aschera, ein hölzernes Abbild einer weiblichen

Gottheit. Isebel unterstützte ihren

Mann in seinem götzendienerischen

Treiben. Sie beherrschte ihn und damit

auch Israel und führte dadurch das Land

in eine Katastrophe. Als das Mass voll

war, sandte Gott den Propheten Elia zu

den beiden und sagte ihnen eine dreijährige

Dürre voraus. Die Wut Ahabs war so

gross, dass Elia sich lange Zeit vor dem

König verstecken musste. Und seine Frau

liess in ihrem Zorn alle Propheten Gottes

umbringen – bis auf die hundert, die der

fromme Hofmeister Obadja vor ihr verbarg.

Als der Regen ausblieb, kam eine

grosse Hungersnot über das Land. Aber

Gott versorgte seinen Diener Elia in wunderbarer

Weise mit allem, was er zum Leben

brauchte.

Als die Zeit um war, schickte der Herr

Elia erneut zu Ahab. In einem gewaltigen

Glaubensakt triumphierte der Prophet

Gottes über die toten Götzen, als er Feuer

vom Himmel rief und damit bewies, dass

es nur einen einzigen lebendigen Gott

gibt. Er befahl den Israeliten, die 450 Propheten

des Baal und die 400 Prophetinnen

der Aschera zu töten. Das Volk

wandte sich wieder Gott zu und rief: «Der

Herr ist Gott, der Herr ist Gott!» Gott bestätigte

Elia, der, als er um Regen bat, erhört

wurde. Das Wunder geschah und ein

Sturm brachte das ersehnte Nass.

Elia lief darauf, wohl in der Annahme,

dass Ahab und Isebel am Ende ihrer

Macht seien, nach Jesreel, dem Regierungssitz

des Königs. Da erreichte ihn

die Morddrohung Isebels, die schwor, sie

werde ihn umbringen.

Jetzt schien das Mass der Belastung

für Elia voll. Er, der früher nichts anderes

fürchtete als Gott, lief nun, von Angst

gepeinigt, vor einer Frau davon. Bis zu

diesem Augenblick hatte er Gott alles zugetraut.

Er glaubte, dass der Herr den

Himmel verschliessen und den Regen zurückhalten

konnte. Er vertraute darauf,

dass er ihn vor Ahab schützen und ihn

mit allem versorgen würde, was er zum

Leben brauchte. Und er war sich gewiss,

dass er sich als der wahre Gott erweisen

würde, als er die 850 heidnischen Propheten

herausforderte. Auch hatte er keine

Zweifel, dass Gott auf sein Gebet hin Regen

senden würde. Elia erlebte mit Gott

viele Siege, aber plötzlich schaute er allein

auf die Bedrohung und verlor damit die

Macht Gottes aus den Augen. Verzweifelt

lief er in die Wüste, setzte sich unter einen

Ginsterstrauch und wünschte sich nichts

anderes, als zu sterben. Elia erlebte eine

tiefe Depression.

Angst und Verzagtheit

Elia wartete nicht ab, was Gott tun würde.

Er war völlig verängstigt und mutlos. Die

Verzagtheit rechnet nicht mit Gott, sondern

streicht ihn aus dem Gedächtnis.

Oft kommt die Verzagtheit im Gewand

der Demut daher, aber es ist eine falsche

Demut.

Verzagtheit ist letztlich Sünde, denn im

Blick auf die Vergangenheit und die Gnadenerweisungen

Gottes ist es Undankbarkeit.

Undankbarkeit im Blick auf die bisherige

Führung Gottes. Die Verzagtheit ist

vergesslich.

Kennen wir das nicht auch aus unserem

eigenen Leben? Wir erfuhren die

Treue und Liebe Gottes Tag für Tag, aber

wenn Schwierigkeiten auftauchen, vergessen

wir seine Fürsorge, beginnen zu

jammern und zu sorgen und werfen die

Flinte ins Korn. Hat Gott das verdient,

dass wir uns «unter den Ginster werfen»

und verzagen?

Im Blick auf die Gegenwart ist Verzagtheit

Unglaube. Wer sich der Mutlosigkeit

hingibt, der schaltet Gott ganz aus seiner

Rechnung aus, für den ist er gar nicht

mehr da, jedenfalls nicht als der Lebendige

und Allmächtige. Deshalb ist Verzagtheit

Unglaube. Wer nicht mit Gott

rechnet, der arbeitet auch nicht mehr für

ihn und vergeudet sein Leben in nutzlosem

Klagen.

Im Blick auf die Zukunft ist Verzagtheit

Misstrauen. Warum wollte Elia sterben?

Doch nur darum, weil er sich von

der Zukunft nichts mehr versprach, weder

für sich noch für sein Volk. Sein armseliges

Gebet: «Es ist genug. Nun, Herr,

nimm mein Leben hin!» ist ein trauriges

Misstrauensvotum. Dabei war er zuvor

ein vorbildlicher Beter.

Hüten wir uns deshalb vor Verzagtheit

und Resignation, wenn wir durch schwere

Zeiten und dunkle Täler gehen müssen,

so, als gäbe es keinen Gott oder als hätte

er keine Macht, uns zu helfen. Erinnern

wir uns vielmehr an seine Treue und vertrauen

wir ihm im Bewusstsein, dass es

keine Lage in unserem Leben gibt, der

er nicht gewachsen ist. Durch Vertrauen

haben wir die Möglichkeit, Gott in allen

Umständen und Widerwärtigkeiten zu

ehren.

Menschlich gesehen war Elias Verhalten

absolut verständlich. Nach der Anspannung

durch die enorme Herausforderung

auf dem Karmel und nach dem

gewaltigen Marsch nach Jesreel war er

total erschöpft und ausgelaugt. Ausserdem

hatte er keinerlei sozialen Kontakte

mehr, keinen Freund oder Vertrauten, der

ihm beiseitestand. Zwar war das lang ersehnte

Ziel erreicht, das Volk wieder dem

lebendigen Gott zugewandt – aber statt

Dank und Anerkennung zu empfangen,

musste Elia erneut um sein Leben fürchten.

Das war zu viel. Er fiel in eine tiefe

Depression.

Wieso fürchtete Elia um sein Leben?

Wieso packte ihn die nackte Angst? Elia

blickte auf die Umstände, und die waren

THEMA

ethos 3 I 2007 11


gewiss bedrohlich, aber nicht bedrohlicher

als in den Jahren zuvor. Die Angst

bekam ihn erst dann in den Griff, als er

seinen Blick ausschliesslich auf die Gefahr

richtete. Aber wir dürfen in solchen

Umständen nie den unsichtbaren Faktor

vergessen: Der Glaube rechnet mit Gott!

Der Herr, der ihm den Sieg auf dem Karmel

gegeben hatte, hätte ihn jederzeit

auch vor dieser Frau bewahren können.

Elia aber versäumte es, im Glauben auf

den Herrn zu sehen. Und damit hatte der

Feind Gottes leichtes Spiel. Der ehemals

starke, unerschütterliche Elia war plötzlich

ein erbärmliches Bündel Angst, der

nichts anderes begehrte, als zu sterben.

Ein erschöpfter, depressiver Mann unter

einem Ginsterstrauch in der Wüste!

Was ist eine Depression?

Eine Depression ist ein Zustand völliger

Entmutigung und Hoffnungslosigkeit.

Die Gedanken kreisen nur um sich selbst.

Angst und Sorge, Traurigkeit, Rückzug

von Menschen und Aktivitäten, Selbstverurteilung

und Hoffnungslosigkeit bis

hin zum Wunsch zu sterben, beherrschen

den Alltag.

Das Gefühl der Traurigkeit dominiert

die Perspektive einer depressiven Person.

Manchmal führt dies zu Zynismus und

Sarkasmus, wenn versucht wird, die Traurigkeit

mit Humor zu überspielen. Werden

diese Gefühle nicht richtig bewältigt,

stellt sich zwangsläufig Feindseligkeit ein.

Der Depressive wird reizbar, insbesondere

gegen Menschen, denen es gut geht.

Mit der Zeit werden die Symptome stärker.

Der Betroffene fühlt sich durch die

Umstände betrogen.

Anja bekam ihr Baby neun Monate nach

der Heirat mit Tom. Eigentlich hatten die

beiden geplant, den Kinderwunsch noch

eine Weile hintanzustellen, da sie grössere

Reisen unternehmen wollten. Durch die

ungeplante, ungewollte Schwangerschaft

stellten sich bei Anja ambivalente Gefühle

ein. Zwar liebte sie ihren Tom, aber

er war in ihren Augen auch der Grund für

ihr Problem. Sie war insgeheim wütend

auf ihren Mann, wurde zunehmend unzufriedener

und verfiel in Selbstmitleid.

Tom verstand seine Frau nicht, die immer

depressiver wurde.

Das ist ein typisches Beispiel für eine

so genannt reaktive Depression, also eine

falsche Reaktion auf die Umstände, im

Gegensatz zu einer endogenen oder organischen

Depression.

Auch bei Elia handelte es sich um

eine reaktive Depression, die aber sicherlich

von einer Erschöpfungsdepression

überlagert wurde. Diese tritt nach

körperlichen, seelischen oder geistigen

Höchstleistungen auf. Man ist einfach

überanstrengt und überfordert, beispielsweise

Studenten nach langen Prüfungszeiten,

bei Dauerüberlastung in Familie

und Beruf, nach einem anstrengenden

Hausbau oder nach langer Pflege eines

Angehörigen.

Solche Situationen kennen die meisten

aus eigener Erfahrung. Jeder von uns hat

nur ein begrenztes Leistungsvermögen,

das man auf Dauer nicht ohne Schaden

überziehen kann.

Das allein erklärt jedoch den Zustand

Elias nicht. Er machte zusätzliche Fehler.

Hier gilt es nicht, Steine zu werfen, denn

sie könnten uns selbst treffen. Niemand

ist in solchen Belastungen immun. Niemand

kann von sich behaupten, er reagiere

immer richtig und handle im Glauben.

Aber hier geht es darum, aus dem

Verhalten Elias zu lernen, damit wir nicht

in dieselbe Falle tappen.

Elias Krise hatte ihre Gründe. Er selbst

gibt uns dazu Hinweise. An drei Stellen

sagt er: «Ich allein bin übrig geblieben»

(Kap.18,22; 19,10 u.14). «Ich allein gegen

die 450 Propheten Baals!» «Ich allein, und

sie trachten danach, mich zu töten!» Eine

komplett falsche Einschätzung der Situation

durch die düstere, aber süsse Brille

des Selbstmitleids! Er war nicht allein gegen

die Götzendiener, denn es waren 7000

in Israel, die sich nicht gebeugt hatten vor

Baal. Verstärkt wurde Elias Empfinden

der Verlassenheit durch seinen lobenswerten

Einsatz. «Ich habe sehr geeifert für

den Herrn, den Gott der Heerscharen»,

sagte er. Und nun musste er, statt Dank

und Anerkennung zu finden, um sein Leben

fürchten.

Falsche Denkmuster

Eine Depression, wenn sie nicht organische

Ursachen hat, beginnt immer mit

falschen Denkmustern, entweder aufgrund

unrealistischer Erwartungen oder

falscher Abhängigkeiten.

Der Grad der Enttäuschung, die man

bei Ablehnung, Zurückweisung, Verletzung

oder Beleidigungen erlebt, hängt

direkt mit diesen unrealistischen Erwartungen

und falschen Abhängigkeiten zusammen.

Wenn jemand in falscher Weise von einer

Person abhängig ist, zum Beispiel in

der Ehe, wird er zwangsläufig enttäuscht

sein, wenn sich der andere in entscheidenden

Dingen nicht in der gewünschten

Weise verhält. Angst kommt auf, die eigenen

Bedürfnisse würden niemals gestillt.

Das führt dazu, dass man versucht, den

andern zu ändern oder zu manipulieren.

Scheitern die Bemühungen, den Partner

zu kontrollieren, führt das zu Ärger, Ablehnung

und Frustration. Lässt man diese

negativen Gefühle weiter wuchern,

kommt es zu Selbstmitleid. Die Spirale der

Depression beginnt sich zu drehen, wenn

die negativen Gedanken nicht durchbrochen

werden. Der Ärger kann sich gegen

Gott, gegen Freunde wie auch Feinde, gegen

den Chef, die Eltern oder irgendwen

richten. Wo immer jemand depressiv ist,

findet sich auch Ärger, Ablehnung, Unzufriedenheit,

Zorn oder Hass, entweder

versteckt oder offensichtlich.

Zorn ist eigentlich immer Ausdruck

einer tief sitzenden Angst. Und Angst

ist die versteckte Wurzel einer Vielzahl

sichtbarer Probleme, mit denen sich der

Mensch quält. Ein einfaches Beispiel

zeigt dies deutlich: Wenn uns jemand

erschreckt, werden wir, nachdem wir

uns gefasst haben, ärgerlich. Ein Mensch,

der fortwährend in Angst lebt, wird mit

der Zeit ärgerlich und zornig. Deshalb

muss die Ursache der Angst angegangen

werden.

Gewöhnlich sind es in der Vergangenheit

erlebte Verletzungen, Beleidigungen

und Zurückweisungen, die eine Depression

auslösen. Diese werden dann kombiniert

mit den Kränkungen der Gegenwart.

12 ethos 3 I 2007


Zorn ist eigentlich immer Ausdruck einer tief sitzenden Angst. Und Angst ist

die versteckte Wurzel einer Vielzahl sichtbarer Probleme, mit denen sich

der Mensch quält. Deshalb muss die Ursache der Angst angegangen werden.

THEMA

Schliesslich werden die Verletzungen in

der Fantasie in die Zukunft projiziert.

Diese Angst und Unsicherheit fortwährender

Enttäuschungen beginnt den

Menschen zu beherrschen, sodass Ärger

aufkommt. Man versucht, die Umstände

zu ändern oder sich vor weiteren Enttäuschungen

zu schützen. Aber das funktioniert

nicht. Die Kontrollmechanismen

führen nie zum Ziel, ausser dass der

Ärger und die Unzufriedenheit zunehmen

und schliesslich in Selbstmitleid enden.

Selbstmitleid ist Teil jeder Depression.

Karl hatte die Firma, in der er seit vielen

Jahren arbeitete, mit aufgebaut und

war massgeblich für den Erfolg verantwortlich.

Als der Juniorchef die Leitung

übernahm, setzte ihm dieser einen jungen

Kollegen mit wenig Erfahrung, aber mit

Hochschulbildung, vor die Nase. Karl war

tief gekränkt und voller Groll und Bitterkeit.

Die unterdrückte Wut war allgegenwärtig

und nagte an ihm. Das Selbstmitleid

überschwemmte ihn, sodass er eines

Morgens nicht mehr aufstand. Aufgrund

seiner Depression wurde er arbeitsunfähig.

Normale Empfindungen

Wenn uns solche Dinge begegnen, sind

Gefühlsregungen wie Angst, Zorn, Enttäuschung,

Traurigkeit, Entmutigung, Eifersucht

und Sorge nicht aussergewöhnlich,

sondern erst einmal ganz normal.

Die Bibel bestätigt dies durch Aussagen

wie:

«Fürchte dich nicht»; «All eure Sorgen

werft auf ihn»; «Hab keine Angst»; «Zürnet,

aber sündiget nicht»; «Sorge dich

nicht um den morgigen Tag».

Warum spricht die Bibel über diese

Dinge? Möchte Gott, dass wir uns schuldig

fühlen, wenn wir in dieser Art und

Weise empfinden?

Nein, der Grund, weshalb er uns zuruft:

«Fürchte dich nicht!», ist, weil Er die

Lösung für jede Angst ist. So sagt er im Johannesevangelium:

«Dies habe ich zu euch geredet, damit

ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt

ihr Bedrängnis, aber seid guten Mutes, ich

habe die Welt überwunden» (Joh. 16,33).

Jedes Mal, wenn wir mit bestimmten

Gefühlen auf Probleme reagieren, meinen

wir, wir seien die Einzigen, die jemals auf

diese Weise empfunden hätten. Oder wir

denken: «Was stimmt nicht mit mir, wie

kann ein Christ so reagieren?» Wenn wir

Schmerzen empfinden, Tränen fliessen

oder wir uns ängstigen, sollten wir nicht

denken, etwas stimme nicht mit uns. Wir

leben als Sünder in dieser gefallenen Welt

– auch als Christen!

Manchmal sind wir für unsere Schwierigkeiten

selbst verantwortlich. Ein andermal

sind sie durch die Entscheidungen

oder das Handeln anderer verursacht. Einerlei,

die Versuchungen und Anfechtungen

des Lebens bringen Schmerzen

mit sich. Das alleine ist nicht aussergewöhnlich.

Aber weshalb scheinen manche Menschen

über den Umständen zu stehen,

während andere straucheln und kaum

zurechtkommen? Die Frage ist letztlich

immer, wie wir auf diese Umstände und

Gefühle reagieren.

Wir sollten nicht versuchen, unsere

Schwachheit zu verstecken oder etwas zu

spielen, was wir nicht sind.

Gott möchte, dass wir unsere

Schwachheit erkennen, sie

annehmen und uns an den

wenden, der stark ist. Darin liegt

das Geheimnis der Kraft und

der Überwindung. In unserer

gefallenen Menschlichkeit sind

wir alle schwach. Deshalb

reagieren wir negativ auf unsere

Probleme und werden dadurch

entmutigt und niedergeschlagen.

Wir verlieren die Hoffnung,

wenn wir das Leben nicht mehr

kontrollieren können, wenn

wir Menschen und Umstände

nicht mehr beherrschen.

Unsere Probleme, die schwierigen Umstände

können wir nicht immer ändern.

Genauso können wir unsere Gefühle, die

wir als Folge dieser Probleme empfinden,

nicht ändern.

Wir haben keine Alternative, ausser

uns an den zu wenden, der die Welt überwunden

hat: Jesus Christus.

Gott kennt deine Situation und deine

Umstände. Er möchte dich lehren, ihm

ganz zu vertrauen. Vielleicht lebst du im

Groll, weil dir das Leben ungerecht erscheint.

Oder du machst dir Sorgen, nicht

genügend Geld zu haben, um deine Rechnungen

zu bezahlen; oder du fragst dich,

wie du für die Zukunft deiner Kinder sorgen

sollst. Vielleicht kennst du die Angst,

einen geliebten Menschen zu verlieren,

oder die Unsicherheit einer ungewissen

Zukunft.

ethos 3 I 2007 13


Angst und Sorge sind Teil

unseres Lebens

Alle menschlichen Lösungen, inmitten

der Stürme des Lebens Frieden zu finden,

sind illusorisch. Wenn wir schwierige

Zeiten durchleben, wenn wir durch dunkle

Täler gehen, hält uns der Widersacher

in einem ständigen Zustand der Angst

gefangen, indem er uns davon überzeugt,

dass niemand ausser uns selbst die Umstände

ändern und unsere Probleme lösen

kann, deshalb lassen wir sie nicht los.

Trotzdem wissen wir tief in unserem Herzen,

dass es uns nicht gelingen wird. Es ist,

als würden wir versuchen, zehn Korkzapfen

gleichzeitig unter Wasser zu halten.

Friede im Herzen ist nicht

das Fehlen von Schwierigkeiten.

Vielmehr ist Friede die

Gegenwart Gottes inmitten

der Schwierigkeiten.

Wir müssen begreifen, dass unsere Gefühle

Antworten auf unsere Gedanken

sind und gesteuert werden können. Gott

schuf sie als Reaktionen, nicht als Initiatoren.

Sie folgen unmittelbar und natürlich

allem, was wir gerade denken. Wenn

wir die negativen Gefühle ändern wollen,

müssen wir unser Denken ändern.

Gedanken bestimmen

die Gefühle

Anna und Erwin studierten zur gleichen

Zeit an derselben Hochschule. Erwin

machte seinen Abschluss ein Jahr

vor Anna. Als er die Hochschule verliess,

fragte er Anna, ob sie ihn heiraten wolle.

Anna war hin- und hergerissen. Sie liebte

Erwin, wollte aber auch die Hochschule

beenden und Karriere machen. Aber die

Annahme, sie hätte die falsche Entscheidung

getroffen, verfolgte sie. Mehr und

mehr steigerte sie sich in die eingebildete

Überzeugung, sie hätte die Liebe ihres Lebens

verpasst und die einzige Möglichkeit,

glücklich zu sein. «Wenn ich doch nur Erwin

geheiratet hätte», redete sie sich vierzig

Jahre lang ein, «dann wäre ich glücklich

geworden.» Jedes Mal, wenn Anna

einen Mann anschaute, wurde sie ärgerlich.

Ihre Gefühle waren ständig durcheinander.

Anna hatte letztlich kein Problem mit

ihren Gefühlen, sondern mit ihren Gedanken.

Da sie ihre damalige Entscheidung

immer wieder bereute, hatte sie

nie geheiratet und kam während zwanzig

Jahren von einer Psychiatrie in die andere.

Ihr ständiges «Wenn-ich-doch-nur

…» hinderte sie daran, in der Gegenwart

zu leben und die Möglichkeiten zu nutzen,

die sich ihr boten. So wurde sie jedes

Mal zornig, wenn sie daran dachte, ihr

vermeintliches Glück verpasst zu haben.

Immer wieder verbringen wir unsere

Zeit mit dem nutzlosen Unterfangen, unter

den Umständen hervorzukriechen,

anstatt uns vertrauensvoll an den zu wenden,

der alleine in der Lage ist, uns zu lehren

und zu befähigen, über den Umständen

zu leben und damit frei zu sein.

Die richtige Adresse

Die Bibel lehrt uns, all unsere Angst auf

den Herrn zu werfen, weil er versprochen

hat, für uns zu sorgen. Weshalb ist das so

wichtig? Ganz einfach: Wenn wir unsere

Angst und Sorge nicht auf Christus werfen,

sind wir gezwungen zu versuchen,

die Angst zu kontrollieren, was und wer

auch immer diese Angst in unserem Leben

verursacht. Dieses Leben führt immer

zu Stress und Krampf.

Christus ist der Einzige, der Angst

durch Liebe ersetzen kann. Johannes

schreibt dazu:

«Furcht ist nicht in der Liebe, sondern

die vollkommene Liebe treibt die Furcht

aus, denn die Furcht hat Pein. Wer sich

aber fürchtet, ist nicht vollendet in der

Liebe» (1. Joh. 4,18).

Das Leben, das er uns gibt, ist sein eigenes.

Jesus selbst ist «das christliche Leben».

Nur ER kann es geben und nur ER

kann es in uns leben – wenn wir das auch

wollen!


Wenn das Le

Zur Person

Name:

Zivilstand:

Dr. med. Walter Vetsch

verheiratet,

Vater von 3 Kindern

Depressionen zählen hierzulande

zu den häufigsten

psychischen Störungen. Dabei

kann es sich um kurzfristige

Verstimmungen, Reaktionen

in Zusammenhang mit Lebenskrisen

bis hin zu chronischen

Störungen handeln. Sowohl

Frauen als auch Männer,

Jugendliche wie auch Senioren

sind betroffen, und zwar

aus unterschiedlichen sozialen

Schichten. Bei einem erheblichen

Teil der Patienten, der einen

Arzt aufsucht, wird die Diagnose

Depression nicht gestellt. Das

scheint auch nicht so einfach

zu sein, da sich die seelische

Störung manchmal über den

Körper meldet. Die Patienten

klagen über Schmerzen in einem

Organ, obwohl keine körperliche

Ursache gefunden wird.

14 ethos 3 I 2007


interview

ben nicht mehr lebenswert scheint

Nun gibt es ja auch organische

Ursachen für eine Depression. Ist das

für den Arzt ohne weiteres ersichtlich?

Nun, auch wenn viele das nicht glauben

wollen – die meisten Fälle sind nicht organischer

Natur. Aber selbstverständlich

gibt es das auch. So weiss man beispielsweise,

dass sich Erkrankungen der Schilddrüse

und psychische Störungen oft zum

Verwechseln ähnlich sind. Bei einer Unterfunktion

der Schilddrüse zeigen sich

Antriebslosigkeit, verlangsamtes Denken

und auch ein sozialer Rückzug. Bei einer

Überfunktion entwickeln sich Gefühle

der Reizbarkeit, Rastlosigkeit und Angstgefühle.

Man vergisst auch leicht, dass der

so genannte Baby-Blues, die bekannte Depression

nach einer Geburt, nicht unbedingt

mit Überlastung oder Angst vor der

Mutterschaft zu tun haben muss, sondern

hormonelle Ursachen haben kann. Man

schätzt, dass etwa jede zehnte Mutter davon

betroffen ist. Auch bei älteren Menschen

werden Schilddrüsenstörungen oft

verkannt und als Alterserscheinungen

fehlgedeutet. Man gibt den alten Menschen

manchmal Antidepressiva, obwohl

man eigentlich die Schilddrüse behandeln

müsste. Gerade weil die Symptome

bei Schilddrüsenerkrankungen den Depressionen

so ähnlich sind, ist es wichtig,

die Funktion der Schilddrüse zu überprüfen.

Wird die Erkrankung erkannt

und entsprechend behandelt, verschwinethos

befragte den Allgemeinmediziner Dr. med. Walter Vetsch zum Thema Depression.

ethos: Woran können wir erkennen,

dass jemand an einer Depression

leidet?

Dr. Vetsch: Depressionen machen sich

über die Gefühle, die Gedanken, den Körper

und das Verhalten bemerkbar.

Die Gefühlswelt ist geprägt von Antriebs-

und Lustlosigkeit, Angst, Gereiztheit

und der Unfähigkeit, sich zu freuen.

Die Gedanken bestehen aus endlosem

Grübeln. Sie sind geprägt von Hoffnungslosigkeit.

Der Betroffene leidet an Konzentrationsschwierigkeiten,

an Schuldund

Minderwertigkeitsgefühlen. Auffällig

ist auch die Unfähigkeit, Entscheidungen

zu treffen

Über den Körper kann sich eine Depression

durch Schlafstörungen, Kopfschmerzen,

Herzrasen oder Stechen,

einem Druckgefühl in der Brust oder im

Magen äussern. Manche klagen über ein

Klossgefühl im Hals oder über Unruhe

und Zittern, Durchfall oder Verstopfung.

Es gibt noch etliche andere Symptome.

Im Verhalten macht sich die Depression

durch Antriebsmangel bemerkbar.

Der Depressive zieht sich von andern zurück.

Die einfachsten alltäglichen Verrichtungen

fallen ihm schwer. Er neigt zu

häufigem, grundlosem Weinen, vernachlässigt

sein Äusseres und verliert das Interesse

an früheren Hobbys.

Was ist die Ursache einer Depression?

Da spielen natürlich unzählige Faktoren

mit. Jedes Erklärungsschema gründet

auf Vereinfachungen. Wir alle haben bestimmte

Erwartungen und Wünsche. Werden

sie nicht erfüllt, sind wir enttäuscht.

Wenn wir nicht gelernt haben, ein Ja zu

haben zu uns selbst, zu den Umständen,

in die uns Gott gestellt hat, werden wir

wütend, kämpfen dagegen an oder fallen

in ein emotionales Loch. Hinter der Depression

verbirgt sich Unzufriedenheit,

eine negative Einstellung zum Leben und

zur Zukunft. Alles scheint hoffnungslos.

Es ist jedoch nicht die Situation, die aussichtslos

ist, sondern vielmehr die Bewertung

derselben. Es sind die Gefühle,

nicht die Realität, die den depressiven

Menschen eine Situation als hoffnungslos

einschätzen lassen. Das erkennen wir,

wenn wir bedenken, dass Menschen in ein

und derselben Situation ganz unterschiedlich

reagieren. Es ist die Sichtweise,

die depressiv macht, und nicht die Umstände.

Manche sagen, die Anlage zu

einer Depression werde vererbt,

stimmt das?

Grundsätzlich kann jeder Mensch depressiv

werden. Im Laufe eines Lebens erlebt

fast jeder ein oder mehrere Male eine depressive

Verstimmung. Kein Mensch ist

absolut gefeit oder könnte von sich behaupten,

ihm passiere so etwas nicht.

Aber natürlich neigen Menschen mit

einem melancholischen Temperament

eher dazu. Tatsächlich beobachtet man in

manchen Familien, dass sowohl die Mutter

wie auch die Töchter zu Depressionen

neigen.

Aber das liegt wohl eher in der übernommenen

Sichtweise und Lebenseinstellung.

So wie wir andere Dinge von unsern

Eltern lernen und übernehmen, ist es

auch die Art, wie sie mit Konflikten umgehen.

Wir alle werden ja mit Enttäuschungen,

Verletzungen und Verlusten

konfrontiert und reagieren mit Trauer

und Verstimmung. Ab wann wird die

Störung alarmierend?

Wenn der Betreffende unter Angstzuständen

leidet und anhaltend unfähig ist,

den Alltag selbständig zu meistern oder

Selbstmordgedanken äussert, muss man

das ernst nehmen.

ethos 3 I 2007 15


den die psychischen Symptome rasch

wieder.

Wie Sie im vorangehenden Artikel

bereits deutlich gemacht haben,

bestimmen unsere Gedanken die

Gefühle und damit unsere Befindlichkeit.

Dann führt der Weg

zur Gesundung also über unsere

Gedanken?

Genau. Wir kennen das alle: Man liegt

nachts im Bett und kann nicht schlafen.

Jemand hat uns beleidigt und verletzt.

Die Gedanken kreisen ununterbrochen

um die Kränkung und lassen uns nicht

schlafen. So sehr wir uns auch bemühen,

an etwas anderes zu denken – es ist aussichtslos.

Immer wieder kehren die Gedanken

an die Verletzung zurück. Das

Herz schlägt unruhig und wir wälzen

uns von einer Seite auf die andere. Als

Christen wissen wir genau, was wir in so

einem Fall eigentlich zu tun hätten, nämlich

sich bewusst dafür zu entscheiden,

dem andern zu vergeben. Wenn wir den

Groll nähren und nicht aufhören, «unsere

Wunden zu lecken», wird der Hass

uns zerstören. Das Selbstmitleid kommt

dazu und schliesslich befinden wir uns

in einer Depression. Wir können aber

erst dann von Herzen vergeben, wenn

wir uns daran erinnern, dass wir selbst

Sünder sind und Gott uns in Christus

vergeben hat, völlig unverdient. Darauf

müssen wir unsere Gedanken richten.

Es gibt natürlich noch ganz andere Situationen,

in denen wir lernen müssen,

unsere Gedanken «gefangen zu nehmen

in den Gehorsam gegenüber Christus»,

wie dies Paulus ausdrückt.

Selbstvorwürfe sind in diesem

Zusammenhang wohl auch ein

Thema?

Zweifellos. Es gibt täglich hunderte von

Möglichkeiten, etwas falsch zu machen,

falsch zu bewerten oder andere zu kränken.

Die Schuldgefühle erzeugen eine

Spannung in unserem Körper. Wenn der

Magen die schwächste Stelle im Körper

ist, bekommen wir Magenschmerzen.

Andere bekommen Muskelverspannungen

oder Kopfschmerzen, Herzstechen

oder Atemnot. Eine Folge der

Schuldgefühle und Selbstvorwürfe sind

auch Depressionen. Man fühlt sich als

Versager, wird mutlos und passiv. Auch

hier spiegeln sich unsere Gedanken wieder

in unserem Körper und den Gefühlen.

Wann und wozu kommen Antide

pressiva zum Einsatz?

Heute weiss man, dass stärker benutzte

Hirnareale, ähnlich der Muskulatur bei

körperlichem Training, an Volumen zunehmen.

Durch falsche Denkstrukturen

kann es also zu anhaltenden strukturellen

Veränderungen im Gehirn kommen,

vergleichbar mit Rillen in einer

Schallplatte. Um aus diesen Schaltkreisen

und Automatismen herauszukommen,

können Medikamente hilfreich

sein. Sie machen die Betroffenen häufig

erst für Gespräche aufnahmefähig.

Medikamente können ja nicht

die Lösung sein. Sie dämpfen lediglich

die Symptome. Was für Konfliktlösungsstrategien

schlagen Sie vor?

Die Betroffenen müssen lernen, ihre unrealistischen

Erwartungen und falschen

Abhängigkeiten zu korrigieren, d. h.

die Wut mit Gottes Augen und aus seiner

Perspektive zu sehen. Viele Christen

sind geknechtet von der eigenen Leistung

und dem ständigen Bemühen, das

zu erreichen, was Gott schon vollendet

hat. Dies führt zu Krampf und ist zudem

ein hoffnungsloses Unterfangen. Die Lösung

ist ein Leben in der völligen Abhängigkeit

von Gott.

Dazu gehört auch das bewusste Einüben

der Dankbarkeit. Das Denken muss

durch Gottes Wort erneuert werden, indem

der Mensch auf die erkannte Wahrheit

im Glauben reagiert. Es gilt dem zu

vertrauen, was Gott sagt – nicht den eigenen,

trügerischen Gefühlen – und danach

zu handeln. Dadurch gesunden

nach und nach auch die Gefühle.

Interview: Yvonne Schwengeler

Elia -

RICHARD MAYHUE

16 ethos 3 I 2007


vom DUNKEL zum

LICHT

In der Seelsorge Gottes

Angst und ihr Heilmittel

Die falsche Lebensauffassung von Elia

führte zu einer Reaktion des Ungehorsams.

Er rannte vor einer Aufgabe davon

und fürchtete eine Frau, anstatt den allmächtigen

Gott zu fürchten, und dann

bat er um etwas, was sogar Gott selbst

nicht wagte: «Nimm mir das Leben.» Gott

hätte darauf erwidern können: «Elia, du

weisst, was ich in der Vergangenheit getan

habe. In einem Augenblick der Torheit

bist du weggerannt und hast damit

das ganze Programm ruiniert.» Aber so

ist der Herr nicht mit Elia umgegangen.

Es gibt wohl keine bessere biblische

Kurzfassung über die praktische Methodik

der Seelsorge als diesen Bericht. Elia

kommt zu Gott in die Seelsorge. Gott sollte

die Not Elias lindern und ihm neuen Mut

und neue Kraft geben, damit er ihm weiter

dienen konnte. Zu dieser «göttlichen

Therapie» gehörte auch ein Herausnehmen

aus dem normalen Leben.

Der erste Therapieschritt für Elia war

körperliche Ruhe.

Nach seinem Gewaltsmarsch und der

Wanderung in die Wüste schläft Elia

unter dem Ginsterstrauch. Die letzten

ethos 3 I 2007 17


dreieinhalb Jahre waren hart. Er konnte

keinen Urlaub und keine Auszeit ne h-

men. Freizeit hatte er auch keine. Sein

Akku war leer, und auch seine emotionalen

Reserven waren aufgebraucht.

Die Folge war körperliche Erschöpfung.

Natürlich wird Angst nicht immer

von Erschöpfung verursacht. Aber

wenn Angst von Umständen herrührt

und keine neurologischen oder physiologischen

Ursachen hat, macht Müdigkeit

das Leben häufig noch schlimmer, als es

ist. Gott wusste, dass Elia jetzt wirklich

Ruhe brauchte.

Der zweite Schritt war die Wiederherstellung

seiner körperlichen Kräfte.

«Und siehe, ein Engel rührte ihn an

und sprach zu ihm: Steh auf und iss!»

Hier haben wir die Ursprünge des kleinen

Frühstücks. Elia ist in der Bibel der

einzige Mensch, dem von einem Engel ein

Frühstück ans Bett gebracht wurde. Was

wurde ihm serviert? Das einzige Gericht

auf der Speisekarte war ein auf heissen

Steinen gebackener Brotfladen – sozusagen

die nahöstliche

Version von

einer Tortilla. Elia

hat den Rat, den

Gott ihm gegeben

hat, angenommen.

Ob er es wollte

oder nicht, er ass,

trank und legte

sich wieder hin.

Beachten wir, dass

die Erschöpfung,

unter der Elia litt,

nicht durch eine

Blitztherapie geheilt

wurde. Elia

wurde nicht für

ein paar Tage aus dem Rennen genommen,

sondern für mehrere Monate. Er

schlief und ass; er schlief und ass; wieder

schlief und ass er. Dann sagte der Engel:

«Steh auf und iss, denn der Weg ist

[sonst] zu weit für dich!» Sieh zu, dass

du wieder zu Kräften kommst, Elia, denn

im Genesungsprozess ist noch viel zu

tun. Er stand schliesslich auf, ass, trank

und ging in der Kraft dieser Speise weiter.

Beachten wir, dass die

Erschöpfung, unter der Elia

litt, nicht durch eine Blitztherapie

geheilt wurde.

Elia wurde nicht für ein paar

Tage aus dem Rennen

genommen, sondern für

mehrere Monate.

Gott hatte ihn auf den nächsten Schritt

vorbereitet. Er war die lange Strecke von

Jesreel nach Beersheba gelaufen, und

dann hatte er noch einmal eine Tagesreise

in die Wüste zurückgelegt. Jetzt sollte er

in einem Zeitraum von vierzig Tagen über

300 Kilometer von Beersheba nach Süden

in den Sinai reisen, bis zum Fuss des Horeb,

des Gottesberges. Elia brauchte für

den Weg vierzig Tage und vierzig Nächte,

wahrscheinlich ging er etwa acht Kilometer

pro Tag. In normalem Schritttempo

braucht man für 1,5 Kilometer etwa 20

Minuten. Wenn Elia nach etwa vier Kilometern

20 Minuten Pause machte, dann

ging er täglich zwei Stunden und ruhte

zweiundzwanzig Stunden lang. An diesen

Zeitplan hielt er sich, bis er den Horeb

erreichte.

An diesem Punkt hatte der Ruhe- und

Wiederherstellungsprozess nicht nur dem

Körper, sondern auch dem Denken von

Elia geholfen.

Dann begann Gott mit dem dritten

Schritt der Therapie. Er tat etwas Besonderes,

und zwar

rief er Elia seine

Macht und Gegenwart

in Erinnerung.

Gott schickte

ihn zu dem Berg,

der bereits in der

Vergangenheit ein

Schauplatz grosser

Wunder gewesen

war. Der Berg Horeb

oder Sinai war

wie ein gewaltiges

Monument für die

Macht Gottes. An

diesem Berg traf

Mose Gott in dem brennenden Busch, der

nicht vom Feuer verzehrt wurde und der

mit der Stimme des Allmächtigen sprach

(2. Mose 3). An diesem Ort gab Gott dem

Mose sein Gesetz, die Zehn Gebote. An

diesem Berg sah das Volk Israel die Macht

Gottes in Feuer, Wind und Erdbeben (2.

Mose 19).

Auf dem Weg sah Elia den Berg am Horizont.

Je länger seine Reise dauerte, desto

näher kam der Berg und desto grösser

wirkte er, bis er eines Tages an dessen Fuss

ankam. «Und er ging dort in eine Höhle

hinein und blieb dort über Nacht. Und

siehe, das Wort des Herrn kam zu ihm»

(1. Kön. 19,9).

Wenn wir diese Geschichte weiterle -

sen, müssen wir im Hinterkopf behalten,

dass es hier um eine klassische Darstellung

über Seelsorgemethoden geht.

Deshalb wollen wir genau beobachten,

was Gott hier tut. Gott stellt dem Elia

keine Frage, um von ihm Fakten zu erfahren,

weil er bereits weiss, wo das Problem

des Propheten liegt. Trotzdem fragt

er ihn:

«Was machst du eigentlich hier, Elia

Das ist eine ziemlich genaue Umschreibung

des hebräischen Textes. Es ist immer

gut, den Ratsuchenden in der Seelsorge

etwas sagen zu lassen. Deshalb hat

Gott diese Frage gestellt. Elia antwortete:

«Ich habe heftig geeifert für den Herrn,

den Gott der Heerscharen, denn die

Kinder Israels haben deinen Bund verlassen

und deine Altäre niedergerissen und

deine Propheten mit dem Schwert umgebracht,

und ich allein bin übrig geblieben;

und sie trachten danach, mir das Leben zu

nehmen!» (V. 10).

Der arme Elia! Wissen Sie, der Prophet

litt nicht erst unter dem «Einzelgänger-

Komplex», als er am Ende seines Gewaltsmarsches

in Jesreel ankam, in der Hoffnung,

der König und die Königin würden

endlich abdanken, sondern das war schon

eher passiert. Werfen wir einen Blick

auf 1. Könige 18,22. Elia fordert gerade

die Propheten des Baal und der Aschera

heraus. Er sagt zum Volk: «Ich bin allein

übrig geblieben als Prophet des

Herrn, die Propheten Baals aber sind 450

Mann.» Aber Elia hatte sich gründlich

verrechnet. Es gab nicht nur 450 Propheten

des Baal, sondern auch 400 Propheten

der Aschera und mindestens 400 weitere,

die erst in 1. Könige 22,6 auftauchen.

Auch war Elia nicht der einzige wahre

Prophet Gottes. Als Isebel die Propheten

des Herrn töten liess, nahm Obadja, der

Verwalter von König Ahab, 100 Propheten

und versteckte sie zu je 50 in Höhlen.

Dort versorgte er sie mit Brot und Wasser

(1. Kön. 18,4).

18 ethos 3 I 2007


Elia war körperlich wieder

zu Kräften gekommen.

Aber sein Denken musste

jetzt wieder auf Gott

aus gerichtet werden. Dafür

brauchte er eine Reise in

die Vergangenheit.

Also traf Gott die Reisevorbereitungen.

Er sagte zu Elia: «Komm heraus

und tritt auf den Berg vor den Herrn!»

(1. Kön. 19,11). Aber bevor Elia sich

in Bewegung setzen konnte, um aus seiner

Höhle herauszukommen, ging der

Herr vorbei. Ein starker Wind ging vor

dem Herrn her und zerriss den Berg in

kleine Felsbrocken. Aber der Herr war

nicht in dem Wind. Danach kam ein

Erdbeben, aber der Herr war auch nicht

im Erdbeben. Nach dem Erdbeben

brach ein Feuer aus, aber der Herr war

auch nicht im Feuer. Wo war Gott eigentlich?

Und warum Wind, Erdbeben

und Feuer? Die Antwort ist sehr einfach.

Alle drei verkünden die Macht

Gottes.

Was will Gott dem Elia damit sagen?

Ganz einfach: «Elia, ich bin nicht in diesen

Naturschauspielen. Du sollst nur sehen,

dass ich die Macht habe, zu richten.

Elia, mir ist es gleichgültig, was Isebel

geschrieben oder gesagt hat. Mir ist es

gleichgültig, was sie in der Vergangenheit

getan hat oder in der Zukunft tun

wird. Denke daran, dass ich grosse Macht

habe und ich sie auf der Stelle töten kann,

wenn ich das will.»

Danach schickte Ahab tatsächlich

Männer mit einer Nachricht für Elia los,

drei Gruppen von je fünfzig. Wissen Sie,

was mit den ersten beiden Gruppen passierte?

Sie starben in Feuerflammen, die

vom Himmel herunterkamen. Alle waren

sofort tot (2. Kön. 1,9–14). Die dritte

Gruppe hatte so viel Angst vor Gott,

dass er sie weiterleben liess. Noch später

wird uns in 1. Könige 22,34–35 berichtet,

dass Gott Ahab das Leben nimmt

durch einen auf dem Schlachtfeld von

einem syrischen Bogenschützen willkürlich

abgefeuerten Pfeil. Gott lenkte das

Geschoss direkt auf das Herz von Ahab.

Isebel wurde von einem Balkon gestossen.

Sie starb unter den Hufen der Pferde

von Jehu, dem neuen König von Israel

(2. Kön. 9,33). Wie Elia prophezeit hatte,

wurde ihr Leichnam später von Hunden

gefressen. Ahab und Isebel waren für Elia

keine Konkurrenz gewesen, in keinerlei

Hinsicht.

Im Gegensatz zum starken Wind

kam jetzt das sanfte Säuseln einer Brise,

oder, wie es im hebräischen Text heisst,

«eine kleine, ruhige Stimme». Meiner

Meinung nach stellt diese ruhige

Stimme die Sanftmut und Güte des allmächtigen

Gottes dar. Er will, dass Elia

wieder zu Kräften kommt, damit er in

Israel wieder Prophet sein kann. Elia kam

aus dem Schutz seiner Höhle heraus,

als er den Klang der Stimme hörte, verhüllte

das Gesicht mit seinem Mantel und

stand am Höhleneingang. Eine Stimme

drang zu ihm. Gott stellte die gleiche

Frage wie vor dem Wind, dem Erdbeben

und dem Feuer: «Was willst du hier,

Elia?» Das klingt beinahe wie ein Echo,

finden Sie nicht auch? Wie eine Aufziehpuppe

gibt Elia die gleiche Antwort wie

vorher.

Es ist schwierig, am Telefon oder über

einen Dritten einen seelsorgerlichen Rat

zu geben. Man kann das Gesicht des oder

der Ratsuchenden oder den Ausdruck

in seinen oder ihren Augen nicht sehen.

Man kann den Ton seiner oder ihrer

Stimme nicht hören. Und bei Elia hatte

sich etwas verändert. Obwohl er dieselben

Worte sprach, war seine Denkweise

völlig anders.

Nach einer Phase der Ruhe,

der Wiederherstellung

und nach einer Reise in die

Vergangenheit war Elia

bereit, seinen Irrtum zuzugeben,

seinen eigenen

Weg zu verlassen und die

Führung seines Lebens

wieder Gott zu überlassen.

In einem letzten Schritt setzt Gott den

Propheten Elia wieder in den Dienst ein,

vor dem er weggerannt war.

Gott stellt Elia drei Aufgaben. Aber sehen

Sie sich Vers 18 genau an: Gott gab

sich selbst auch eine Aufgabe, damit er

und Elia zusammenarbeiten konnten.

Gott sagt: «Ich aber habe in Israel siebentausend

übrig bleiben lassen, nämlich

alle, die ihre Knie nicht gebeugt haben

vor Baal und deren Mund ihn nicht

geküsst hat!» Ist das nicht interessant? Die

Botschaft Gottes an Elia lautet: «Elia, du

gehst und tust deine Pflicht, und ich gehe

und tue meine Pflicht. Und weisst du was,

Elia? Das Leben geht weiter. Es ist noch

nicht zu Ende.»

Elia verliess den Ort voller Vertrauen,

dass Gott dieser Sache gewachsen

war, und voller Vertrauen, dass die

Macht Gottes, die durch ihn bereits demonstriert

worden war, sich erneut

durch ihn zeigen würde. Sein Körper

war ausgeruht und war durch die richtige

Er nährung wieder zu Kräften gekommen.

Sein Verstand hatte eine gesunde

Dosis der Erinnerung an die Macht

Gottes erhalten. Jetzt konnte Gott ihn

wieder in seine Aufgabe als Prophet einsetzen.

Für uns ist die Geschichte an dieser

Stelle jedoch nicht zu Ende. Elia lebte

vor etwa 2900 Jahren. Sie und ich leben

im 21. Jahrhundert. Deshalb muss die

letzte Frage zu dieser Geschichte lauten:

SEELSORGE

ethos 3 I 2007 19


Was wir vonElia

lernen können

«Was hat uns das alles zu sagen?»

Es folgen ein paar letzte Gedanken,

mit denen wir die Geschehnisse im Leben

des Propheten Elia zusammenfassen

können.

Wenn die Angst sich an uns heranschleicht

und wir ihren stechenden Biss

spüren, kennen wir das Heilmittel.

Wir können zum Gegengift greifen,

es einnehmen und wissen, dass Gott für

uns das Gleiche tun kann wie damals für

Elia.

Ein Sieg macht angreifbar. Als Elia den

Höhepunkt seines Dienstes erreicht und

den Propheten von Baal und Aschera eine

sichere Niederlage zugefügt hatte, ging er

zurück nach Jesreel, um die Abdankung

des Königs abzuwarten. Die Nachricht

von Isebel liess ihn um sein Leben rennen.

Wenn wir ganz oben sind, ist das

genau der Zeitpunkt, zu dem Satan zum

Gegenschlag ausholt. Er schlägt rasch zu

und benutzt die Angst, um uns zu Fall zu

bringen.

Auch die Besten unter uns sind angreifbar.

Es gibt keine Immunität gegen die

Angriffe Satans. Da spielt es keine Rolle,

wer Sie sind, woher Sie kommen, wo Sie

sich gerade befinden oder was Sie geleistet

haben. Elia ist der beste Beweis dafür.

Nach Jakobus 5,17 war Elia ein Mensch

wie wir. Im griechischen Text heisst es

wörtlich: «Er war ein Mann mit einem

ähnlichen Pathos.» Er hatte die gleichen

Gefühle wie wir auch. Wenn er vor lauter

Angst losrannte, kann uns das auch passieren.

Wie Elia können auch wir auf unserem

Weg stolpern.

Die Angst, von der wir gesprochen haben,

entsteht aus einer Reaktion auf Umstände,

die wir nicht im Griff haben.

In einem erschöpften und ermüdeten

Körper finden Angst und Furcht einen

idealen Nährboden.

Die Angst, die Elia empfand, entwickelte

sich aus einer verzerrten Lebensauffassung,

weil er die Herrlichkeit

Gottes nicht mehr in ihrer ganzen Fülle

sehen konnte. Aber ein solcher Zustand

ist heilbar.

Wenn Sie unter dem gleichen Problem

leiden wie Elia, gibt es Hoffnung für Sie.

Zur Heilung gehört eine Umleitung vom

normalen Ablauf des Lebens, so wie bei

Elia. Nehmen Sie sich vom Druck des Lebens

eine Auszeit und nehmen Sie sich

viel Zeit für einen gründlichen Blick auf

Gott. Aus unserer intensiven Konzentration

auf die Macht Gottes können wir

wieder Mut schöpfen. Dieser Mut gab Elia

wieder Kraft, als Gott ihm sagte, er müsse

aufstehen und in die Schlacht zurückkehren.

Von diesem Vertrauen sprach David

in Psalm 56,4–5:

neu

«Wenn mir angst ist, vertraue ich auf

dich! In Gott will ich rühmen sein Wort;

auf Gott vertraue ich und fürchte mich

nicht; was kann ein Mensch mir antun?»

Die gute Nachricht lautet: Dieses Vertrauen

und dieser Mut haben David geholfen,

und auch Elia, aber auch dem

grossen englischen Staatsmann William

Gladstone. Als man ihn nach dem Geheimnis

seiner ungewöhnlichen Gelassenheit

fragte, antwortete er: «An der

Wand hinter dem Fussende meines Bettes,

wo ich sie abends beim Schlafengehen

und morgens nach dem Aufwachen

sehen kann, hängen die Worte: ‹Einem

festen Herzen bewahrst du den Frieden,

den Frieden, weil es auf dich vertraut›»

(Jes. 26,3). Auch Ihnen wird dieses Vertrauen

zu Gott helfen und neuen Mut

machen: «Denn Gott hat uns nicht einen

Geist der Furchtsamkeit gegeben, sondern

der Kraft, der Liebe und der Zucht»

(2. Tim. 1,7). ■

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20 ethos 3 I 2007

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