Philosophie 2 Mensch und Gesellschaft

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Philosophie 2 Mensch und Gesellschaft

Mensch und Gesellschaft

Textsammlung für den Philosophieunterricht

im zweiten Kurshalbjahr der Qualifikationsphase

phi-2

Schuljahr 2009/10


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KERNPROGRAMM

1 Was ist der Mensch?

2 Was ist „Geschichte“?

Arbeitsbogen zur Bedeutung der Geschichte .................................................................... 4

Thomas Hobbes: Leviathan (1651).................................................................................... 6

Gottfried Wilhelm Leibniz: Theodizee (1710)..................................................................... 9

Immanuel Kant: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784)

......................................................................................................................................... 11

Ergänzungen zu Kants Schrift ......................................................................................... 19

Friedrich Nietzsche: Über Geschichte ............................................................................. 21

3 Brauchen Menschen Institutionen?

Bedeutung der Institutionen............................................................................................. 22

Thomas Hobbes: Die Notwendigkeit des Staates als Zwangsinstitution.......................... 23

Immanuel Kant: Über den Naturzustand.......................................................................... 29

Hannah Arendt: Der Verlust politischer Initiative durch das Aufkommen der Massengesellschaft

............................................................................................................................... 30

Thesen zur Demokratie.................................................................................................... 32

Ulrich von Alemann: Probleme der Demokratie und der demokratischen Legitimation.

Gibt es Alternativen zum demokratischen Parteienstaat ................................................. 33

Philosophische Ideen von Politik und Geschichte in ihrer Entwicklung............................ 39

Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist. (Peter Handke: Kaspar)

Hätte man doch wenigstens seine Erinnerungen. Aber wer hat die? Wäre die Kindheit da, sie ist wie vergraben. [...]

Und mit dem, was kommt, hebt sich ein ganzes Gewirr irrer Erinnerungen, das daranhängt wie nasser Tang an

einer versunkenen Sache. Leben, von denen man nie erfahren hätte, tauchen empor und mischen sich unter das,

was wirklich gewesen ist, und verdrängen Vergangenes, das man zu kennen glaubte: denn in dem, was aufsteigt,

ist eine ausgeruhte, neue Kraft, das aber, was immer da war, ist müde von zu oftem Erinnern. (Rilke: Die Aufzeichnungen

des Malte Laurids Brigge)

„Der Sohn (von König James) und sein Günstling Buckingham, verärgert über ihren Empfang in Spanien, wohin

sie gereist waren, um die Verhandlungen voranzutreiben, kehrten nach England zurück und erklärten, dass sie

nicht mehr bereit seien, beim Zustandekommen dieser unheiligen Allianz mitzuwirken.“ (C.V.Wegdwood, The

Thirty Years War, Penguin Books, 1957, S.167)

http://www.muenster.org/august/philosophie/projekte/97981222/index.html

(Ergebnisse eines Grundkurses in Münster)

«Die Geschichte soll nicht das Gedächtnis beschweren,

sondern den Verstand erleuchten.»

Gotthold Ephraim Lessing

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Was ist der Mensch?

Ein künstlerisches Projekt nach den vier Kantschen Fragen ´(http://www.weltfragen.de)

Nach Auffassung von Rainer Adolphi (TU Berlin) hat Kant mit seinen vier Fragen keine

neuen Fragen gestellt, sondern Fragen formuliert, die zu allen Zeiten gestellt und beantwortet

wurden.

1. Formulieren Sie plausible Antworten auf die Frage „Was ist der Mensch?“

Entwerfen Sie ein Tafelbild (z. B. Mind Map) zur Systematisierung Ihrer

Antworten.

2. Formulieren Sie mögliche Bedenken zu diesen Antworten.

3. Wie könnten philosophisch befriedigende Antworten auf die Frage Kants

aussehen?

4. Kant bezeichnete die vierte Frage als die entscheidende, da sie die andere

umfasst. Erläutern und begründen Sie diese Auffassung Kants.

Hinweis: Stillste Stund - Marsch in Unschärfe Verlorener

Song zu den vier Kantfragen unter: http://www.youtube.com/watch?v=PZVPGODP6no

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Charakterisierungen des Menschen

homo sapiens - der

vernünftige Mensch

faber mundi - der

Schöpfer, Herrscher der

Welt

homo ridens - der lachende

Mensch

homo educabile – der

erziehbare Mensch

homo compensator -

das kompensierende

Mängelwesen (Scheler,

Marquard)

homo perfectus – der

vollkommene Mensch

homo amans – der liebende

Mensch

zoon politikon – das politische Tier,

das soziale, auf Gemeinschaft angelegte

und Gemeinschaft bildende Lebewesen

(Aristoteles)

homo incurvatus –

der sündige Mensch

viator mundi – der

Pilger, Reisende durch

die Welt

homo ludens – der

spielende Mensch

(Schiller)

homo faber - der

schaffende Mensch

homo mysticus –

der mystische

Mensch

homo sociologicus –

der soziale Mensch

(Dahrendorf)

homo generator - der

sich selbst erzeugende

Mensch (Schirmacher)

homo oeconomicus -

der wirtschaftende

Mensch (Smith)

homo communicans – der kommunizierende

Mensch

homo sentiens – der fühlende Mensch

homo sustinens – der

nachhaltig lebende

Mensch (Siebenhüner)

Entscheiden Sie sich für eine Charakterisierung des Menschen, die Sie besonders interessiert.

Schreiben Sie eine kurze Erläuterung des Merkmals und nehmen Sie dazu begründet

Stellung. Suchen Sie sich eine zweite Charakterisierung aus und überlegen Sie,

was die beiden Charakterisierungen gemeinsam haben.

W. Sombart stellte 1938 in seinem Buch „Vom Menschen“ auf S. 3 ff. u.a. folgende Bestimmungen des Menschen

zusammen:

Platon: zweibeiniges Tier ohne Federn. Aristoteles: sprachbegabtes (vernunftbegabtes) Tier. Stoa: Mikrokosmos.

Cicero: animal hoc providum, sagax multiplex, acutum, memor, plenum rationis et consilii, quod vocamus

hominem. Augustinus: Ebenbild Gottes; a veteribus ita definitum est: homo est animal rationale mortale. Thomas

v. Aquin: horizon et confinium duorum mundorum. Nikolaus v. Kues: menschlicher Gott; schaffender Spiegel;

5 quasi nexus universitatis entium. Leibniz: kleiner Gott. Montaigne: La plus calomnieuse et fragile de toutes les

créatures .... et quand et quand la plus orgueilleuse. Pascal: Un roseau le plus faible de la nature, mais un roseau

pensant. Rousseau: un animal dépravé. B. Franklin: a tool making animal. Kant: das Tier, das sich selbst

vervollkommnen kann. Herder: der erste Freigelassene der Schöpfung. Schiller: das Wesen, welches will. Goethe:

das erste Gespräch, das die Natur mit Gott hält. „Was ist der Mensch? / Ein hohler Darm / mit Furcht und

10 Hoffnung angefüllt / dass Gott erbarm“. Schopenhauer: das prügelnde Tier; „Ihm ist das Prügeln so natürlich wie

den reißenden Tieren das Beißen und dem Hornvieh das Stoßen“; das Tier, das sich langweilen kann. Nietzsche:

das kranke Tier; das Untier und Übertier; das nicht festgestellte Tier; das Tier, das versprechen darf. Marx:

das Tier, das sich durch Arbeit selbst reproduziert. Freud: der Triebverdränger. Scheler: der Nein-sagen-Könner.

Paul Ernst: das Tier, das sich selber belügt. N. Hartmann: das aus sich selbst heraus gefährdete Wesen. H.

15 Plessner: das exzentrische Tier, das lachen und weinen kann. A. Gehlen: das Organmängel-kompensierende

Tier. E. Cassirer: animal symbolicum. etc.

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1 Was ist Geschichte?

Einführender Arbeitsbogen

a) Kurzfassung: Bearbeiten Sie die zweite Frage.

b) Langfassung: Bearbeiten in Gruppen die folgenden Fragen und formulieren

Sie Ihre Ergebnisse schriftlich.

1. Wodurch unterscheiden sich Natur und Kultur? Ist der Mensch eher ein Natur- oder ein

Kulturwesen?

2. Was interessiert uns an Geschichte? Schreiben Sie zu dieser Frage eine philosophische

Problemreflexion

3. Gibt es einen Unterschied zwischen Geschichten und Geschichte?

4. Was können wir über die Geschichte wissen?

5. Gibt es in der Geschichte einen Fortschritt? Diskutieren Sie die drei folgenden Modelle.

Pro-Argumente

Fortschritt Rückschritt Zyklische Geschichte

Contra-Argumente

Welches Modell finden Sie am überzeugendsten?

6. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Vor Ihrer

Geburt werden Sie vor die Wahl gestellt zu entscheiden,

in welcher Zeit Sie geboren werden

möchten. Dabei können Sie zwischen allen (Ihnen

bekannten) geschichtlichen Epochen bis in

die Jetztzeit auswählen, aber Sie haben keine

Entscheidungsgewalt über das Geschlecht und

die soziale Stellung, in die Sie hineingeboren

werden. Ihre einmal getroffene Entscheidung ist

dann innerhalb Ihres Lebens unumkehrbar.

Wählen Sie eine Epoche aus.

Zu Beginn jeder Stunde hält eine Kollegiatin oder ein Kollegiat einen ca. 5 Minuten

dauernden freien Kurzvortrag zu einem selbst gewählten Thema aus dem Bereich

Mensch und Gesellschaft“ (Bild, Foto, Erlebnis, Kalenderspruch, Tagespolitik).

Dabei kommt es auf Folgendes an:

1. Formulieren eines philosophischen Problems (Problemerfassung)

2. Nachdenken über dieses Problem (z. B. Argumente, Assoziationen, Gegenthesen)

(Problembearbeitung)

3. Vorläufige abschließende Stellungnahme, Pointe (Problemverortung)

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Thomas Hobbes (1583-1679): Leviathan (1651)

Die Natur hat die Menschen sowohl

hinsichtlich der Körperkräfte wie der

Geistesfähigkeit untereinander gleichmäßig

begabt; und wenngleich einige

mehr Kraft und Verstand als andere

besitzen, so ist der hieraus entstehende

Unterschied im Ganzen betrachtet

dennoch nicht so groß, dass der eine

sich diesen oder jenen Vorteil versprechen

könnte, welchen der andere

nicht auch zu erhoffen berechtigt sei.

[...] Sooft daher zwei ein und dasselbe

wünschen, dessen sie aber beide

nicht zugleich teilhaftig werden können,

so wird einer des andern Feind,

und um das gesetzte Ziel, welches mit

der Selbsterhaltung immer verbunden

ist, zu erreichen, werden beide danach

trachten, sich den anderen entweder

unterwürfig zu machen oder

ihn zu töten. [...] Hieraus ergibt sich,

dass ohne eine einschränkende

Macht der Zustand der Menschen ein

solcher sei, wie er zuvor beschrieben

wurde, nämlich ein Krieg aller gegen

alle.

(Leviathan, Kap. XIII)

Der alleinige Weg zur Errichtung einer solchen

allgemeinen Gewalt, die in der Lage ist, die Menschen

vor dem Angriff Fremder und vor gegenseitigen

Übergriffen zu schützen und ihnen dadurch

eine solche Sicherheit zu verschaffen,

dass sie sich durch eigenen Fleiß und von den

Früchten der Erde ernähren und zufrieden leben

können, liegt in der Übertragung ihrer gesamten

Macht und Stärke auf einen Menschen oder eine

Versammlung von Menschen, die ihre Einzelwillen

durch Stimmenmehrheit auf einen Willen reduzieren

können. Das heißt so viel wie einen

Menschen oder eine Versammlung von Menschen

bestimmen, die deren Person verkörpern

sollen, und bedeutet, dass jedermann alles als

eigen anerkennt, was derjenige […] tun oder veranlassen

wird, und sich selbst als Autor alles

dessen bekennt und dabei den eigenen Willen

und das eigene Urteil seinem Willen und Urteil

unterwirft. Dies ist mehr als Zustimmung oder

Übereinstimmung: es ist eine wirkliche Einheit

aller in ein und derselben Person, die durch den

Vertrag eines jeden mit jedem zustande kam.[…]

Ist dies geschehen, so nennt man diese zu einer

Person vereinigte Menge Staat, auf lateinisch

„civitas".

(Leviathan, Kap. XVII)

1. Suchen Sie für die beiden Textauszüge eine passende Überschrift.

2. Untersteichen Sie die Eigenschaften der menschlichen Natur und die Folgen, die sich daraus

ergeben.

3. Unterstreichen Sie, wodurch das Sicherheitsbedürfnis des Einzelnen befriedigt werden kann.

Hobbes beschreibt die Entstehung des Staates als „die Erzeugung jenes großen Leviathan

oder besser, um es ehrerbietiger auszudrücken, jenes sterblichen Gottes, dem wir unter dem

unsterblichen Gott unsern Frieden und Schutz verdanken. Denn durch diese ihm von jedem

Einzelnen im Staate verliehene Autorität steht ihm so viel Macht und Stärke zur Verfügung,

dass er durch den dadurch erzeugten Schrecken in die Lage versetzt wird, den Willen aller

auf gegenseitige Hilfe gegen auswärtige Feinde hinzulenken.“ (Leviathan, Kap. XVII)

4. Unterstreichen Sie, woher der Leviathan, der Staat, seine Macht bezieht.

5. Füllen Sie die folgende Übersicht aus.

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Erläuterungen:

Den Körper des Leviathan, der aus dem Meer aufgestiegen ist, bilden die Körper der Bürger, deren Blick

auf das Gesicht des Leviathan gerichtet ist.

"Keine Macht ist auf Erden, die ihm zu vergleichen ist." (Buch Hiob)

Unter dem Schwert: weltliche Macht (Burg, Krone, Kanone, Gewehre, Lanzen, Fahnen, Trommeln,

Schlacht)

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Unter dem Bischofsstab: geistliche Macht (Kirche, Bischofshut, Blitz und Donner als Zeichen für den Bann

und die Exkommunikation, Syllogismus (Dreizack) und Dilemma (Gabel), Gelehrter Disput

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Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716): Theodizee (1710)

Leibniz, Gottfried Wilhelm (1646-1716), dt. Philos., Mathematiker, Naturwissenschaftler,

Rechtsgelehrter, Diplomat und Historiker. Geb. in Leipzig

als Sohn eines Prof. für Moralphilos. Befasste sich schon im Kindesalter

mit Logik, Philos. und Theologie und studierte später Philos. und Rechtswissenschaft

in Leipzig und Jena. Als Zwanzigjähriger trat er in den Dienst

des Kurfürsten von Mainz, der ihn 1672 in diplomatischer Mission nach

Paris und an den Versailler Hof sandte. Zwar blieb sie erfolglos, aber L.

nutzte die Jahre seines Frankreichaufenthalts zur wissenschaftlichen Weiterbildung.

In Paris und auf kürzeren Reisen, u. a. nach London, schloss er

Bekanntschaft mit den führenden Philos., Mathematikern und Naturwissenschaftlern

der Zeit - u. a. Arnauld, Malebranche, Spinoza, Newton und

Huygens. Zugleich betrieb er intensive Forschungen, verfasste eine Reihe

von Abhandlungen, konstruierte eine neue Art von Rechenmaschine und

bereitete seine wichtigste mathematische Erfindung vor, die Differentialund

Integralrechnung. 1676 ließ sich L. in Hannover nieder und wirkte als

Minister ohne Portefeuille beim residierenden welfischen Kurfürsten. Er

befasste sich mit kulturellen, juristischen und wissenschaftlichen Aufgaben,

war eine Zeitlang für Münzwesen, Bergbau und Hofbibliothek verantwortlich

und schrieb in späteren Jahren an einer Geschichte des Welfenhauses. Daneben verfolgte L. mit rastloser Energie

seine zahlreichen philos. und wissenschaftlichen Vorhaben und stand mit Gelehrten aus ganz Europa in brieflichem

Kontakt. Sein Einsatz verschaffte ihm zeitweilig große Anerkennung. U. a. wurde L. Präsident auf Lebenszeit bei der

„Societät der Wissenschaften“ in Berlin, zu deren Gründung 1700 er maßgeblich beigetragen hatte. Die letzten Jahre

seines Lebens jedoch brachten L. viele Anfeindungen. Am Hof wurde er das Opfer von Intrigen, in der Öffentlichkeit

wurde er als Gottesleugner angeprangert, und in der akademischen Welt schließlich sah er seine Arbeiten herabgewürdigt

oder gar verkannt; so beschuldigte man ihn u. a. - zu Unrecht -, die Idee der Differentialrechnung bei Newton gestohlen

zu haben. (Hügli: Philosophie-Lexikon)

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht, oder er kann es und will es nicht,

oder er kann es nicht und will es nicht, oder er kann es und will es. Wenn er nun will und

nicht kann, so ist er schwach, was auf Gott nicht zutrifft. Wenn er kann und nicht will, dann

ist er missgünstig, was ebenfalls Gott fremd ist. Wenn er nicht will und nicht kann, dann ist

5 er sowohl missgünstig wie auch schwach und dann auch nicht Gott. Wenn er aber will und

kann, was allein sich für Gott ziemt, woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie

nicht weg?

Epikur: Von der Überwindung der Furcht. Fragmente. Zürich 1983. S. 136

Gott ist die erste Ursache aller Dinge: denn

die beschränkten Dinge, wie alles, was wir

10 sehen und erfahren, sind zufällig und besitzen

nichts, was ihnen notwendige Existenz

verleiht; ist es doch offenbar, dass Zeit,

Raum und Materie, an sich einheitlich und

gleichförmig und gegen alles gleichgültig,

15 andere Bewegungen und Gestalten in anderer

Anordnung, erhalten konnten. Es gilt also,

den Grund für die Existenz der Welt, als

den Zusammenschluss aller zufälligen Dinge,

aufzusuchen, und zwar in der Substanz,

20 die den Grund ihrer Existenz in sich selbst

trägt und die darum notwendig und ewig ist.

Diese Ursache muss mit Verstand begabt

sein: denn die existierende Welt ist zufällig,

und unendlich viele andere Welten sind e-

25 benso möglich und streben sozusagen e-

benso wie sie nach der Existenz. Daher

muss die Ursache der Welt auf alle Welten

Rücksicht oder Bezug genommen haben,

will sie eine von ihnen zur Existenz bestim-

30 men. Diese Rücksicht oder Beziehung einer

existierenden Substanz auf bare Möglichkeiten

kann nichts anderes als der sie vorstellende

Verstand, und das Herausgreifen einer

derselben nichts anderes als der sie

35 erwählende Willensakt sein. Die Macht dieser

Substanz gibt dem Willen Wirksamkeit.

Die Macht geht auf das Sein, die Weisheit

oder der Verstand auf das Wahre, der Wille

auf das Gute. Diese mit Verstand begabte

40 Ursache muss außerdem in jeder Weise

unendlich sein, ihre Macht, Weisheit und

Güte müssen unbedingt vollkommen sein;

denn sie umfasst jede Möglichkeit. Da alles

miteinander in Verbindung steht, so lässt

45 sich auch nicht mehr als eine Ursache annehmen.

Ihrem Verstande entquillt jede

Wesensbeschaffenheit, ihr Wille ist Ursprung

jeder Existenz. Dies ist in wenigen

Worten der Beweis für einen einzigen Gott,

50 für seine Vollkommenheiten und für die Entstehung

der Dinge aus ihm.

Diese überlegene Weisheit konnte in Verbindung

mit einer nicht weniger unendlichen

Güte einzig und allein das Beste erwählen.

55 Denn wie ein geringes Übel eine Art Gut

und ein geringes Gut eine Art Übel ist, wenn

es ein größeres Gut verhindert, so hätte

man Ursache, die Handlungen Gottes zu

tadeln, wenn es ein Mittel gäbe, es besser

60 zu machen. Und wie in der Mathematik ohne

ein Maximum und Minimum, kurz ohne

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etwas bestimmt Unterschiedenes, alles

gleichförmig verläuft, oder wenn dies nicht

möglich ist, überhaupt nichts geschieht, so

lässt sich dasselbe von der vollkommenen

5 Weisheit sagen, die gleichen Regelmäßigkeiten

untersteht wie die Mathematik: gäbe

es nicht die beste (optimum) aller möglichen

Welten, dann hätte Gott überhaupt keine

erschaffen. „Welt“ nenne ich hier die ganze

10 Folge und das ganze Beieinander aller bestehenden

Dinge, damit man nicht sagen

kann, mehrere Welten könnten zu verschiedener

Zeit und an verschiedenen Orten bestehen.

Man muss sie insgesamt für eine

15 Welt rechnen, oder, wie man will, für ein

Universum. Erfüllte man jede Zeit und jeden

Ort; es bleibt dennoch wahr, dass man sie

auf unendlich viele Arten hätte erfüllen können

und dass es unendlich viel mögliche

20 Welten gibt, von denen Gott mit Notwendigkeit

die beste erwählt hat, da er nichts ohne

höchste Vernunft tut.

Kann ein Gegner diesem Argument nicht

beikommen, so wird er vielleicht auf unsere

25 Schlussfolgerung mit einem entgegengesetzten

Argument antworten: er wird sagen,

die Welt hätte ja sündlos und ohne Leiden

sein können; aber was ich bestreite, ist,

dass sie dann besser wäre. Wissen muss

30 man, dass in jeder möglichen Welt alles

miteinander in Verbindung steht: jedwedes

Universum ist ein Ganzes aus einem Stück,

gleich dem Ozean; die geringste Bewegung

breitet sich in beliebige Entfernung aus,

35 wenn sie auch schwächer und schwächer

wird entsprechend dieser Entfernung: so hat

Gott ein für allemal alles im voraus geregelt,

er, der die Gebete, die guten und schlechten

Handlungen und alles andere voraus-

40 sah; und jedes Ding hat vor seiner Existenz

idealiter zu dem Entschlusse beigetragen,

der über das Dasein aller Dinge gefasst

wurde. Darum kann in der Welt nichts ohne

Schaden an seiner Wesensart, oder (wie bei

45 einer Zahl), wenn man will, an seiner numerischen

Individualität verändert werden.

Wenn somit das geringste Übel, das in der

Welt eintrifft, fehlte, es wäre nicht mehr diese

Welt, die, alles in allem, von dem sie

50 auswählenden Schöpfer als die beste befunden

worden ist.

G. W. Leibniz, Die Theodizee. Abhandlung über die

Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung

des Bösen. Original in französischer Sprache,

veröffentlicht in Amsterdam 1710. Zit. nach der Übersetzung

von A. Buchenau. Hamburg 21968. S.100-102.

Formulieren Sie Fragen an Leibniz (Verständnis,

Kritik, Probleme), wählen Sie

drei Fragen aus, ordnen Sie sie und formulieren

Sie mögliche Antworten von

Leibniz.

Alternative: Lernen an 6 Stationen:

1. Alle Gruppen parallel: Textarbeit (Auf welches

Problem gibt die Theodizee eine

Antwort? Formulieren Sie zu jedem Absatz

die zentrale Aussage. Bringen Sie die

Argumentation im zweiten Absatz von

Leibniz in die Standardform, Sehen Sie

einen Schwachpunkt in der Argumentation?

Stationen, die nacheinander (oder arbeitsteilig

parallel) in einer festgelegten Zeit mit

Hilfe von Material bearbeitet werden sollen:

2. Informieren Sie sich im Internet über das

„Jüngste Gericht“ (Erläuterungen, Bildliche

Darstellungen) und überlegen Sie, ob

es in unserem heutigen Denken etwas

Vergleichbares gibt. Gestalten Sie ein

Plakat dazu.

3. Informieren Sie sich über die Erdbeben

(Lissabon 1755, Süditalien 1980). Was

machte die Menschen emotional betroffen

und welche weltanschaulichen Fragen

werden in diesem Zusammenhang angesprochen?

Gestalten Sie ein Plakat dazu.

4. Formulieren Sie Thesen zum Bild der

menschlichen Natur und Gesellschaft bei

Voltaire (Lissabon-Gedicht). Welche Einwände

formuliert Rousseau in seinem

„Brief an Herrn von Voltaire“. Schreiben

Sie einen kurzen Dialog zwischen Voltaire

und Rousseau.

5. Informieren Sie sich im Lexikon und in

Kants Text „Was ist Aufklärung?“ über die

Grundideen der Aufklärung. Handelt es

sich bei der Theodizee um eine aufklärerische

Theorie? Gestalten Sie ein Plakat

zum Autonomie-Begriff der Aufklärung.

6. Wie interpretiert Odo Marquard die Theodizee.

Gestalten Sie ein Plakat dazu.

Jede Gruppe präsentiert (nach Auslosung)

die Ergebnisse einer Station.

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Kant: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher

Absicht (1784)

Partner- oder Gruppenarbeit:

a) 1. und 2. Satz, b) 3. Satz, c) 4. Satz, d) 5. und 6. Satz,

e) 7. Satz, f) 8. Satz, g) 9. Satz.

Alle Gruppen bearbeiten die folgenden Aufträge:

a) Wie ist Ihr Textabschnitt aufgebaut (Train of Thought, Standardform

der Argumentation)? Was ist die zentrale These?

Welche Argumente werden für diese These genannt?

b) Erläutern Sie die zentralen Begriffe (wie z. B. Natur, Idee)

unter Zuhilfenahme der Textstellen im Anhang

c) Führen Sie ein Interview zu der Thematik des Textabschnitts

mit einem Mitglied der Gruppe oder jemand anderem.

d) Entscheiden Sie sich für eine Präsentation Ihrer Überlegungen

(z. B. Plakat, Dialog)

Insgesamt ist zu klären:

(1) Auf welchem Gebiet sieht Kant einen Fortschritt in der Geschichte?

(2) Wie begründet er diesen Fortschritt?

(3) In welchem Verhältnis stehen individuelles Leben und Gattungsleben?

(4) Gibt Kant in seinem Text Antworten auf die vier (Kantschen) Fragen?

Präsentation: Vortrag, der durch ein (z. B. visuelles) Medium oder durch eine szenische

Darstellung (z. B. Rollen-Dialog) unterstützt wird. Vortrag und gestalterische Mittel sollen

sich nicht wiederholen, sondern ergänzen. Die gestalterischen Mittel sollen die Adressaten

auf einer anderen Ebene (nicht-kognitiv, anregend) ansprechen.

Kant, Immanuel (1724-1804), verbrachte sein

ganzes Leben in Königsberg. Er studierte Mathematik,

Naturwissenschaften und Philosophie,

war Hauslehrer, ab 1770 ordentlicher Professor

der Logik und Metaphysik mit großem Lehrerfolg.

In der „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) kritisiert

er die traditionelle Metaphysik, weil sie fälschlich

glaubte, durch reine Vernunft, d.h. ohne Erfahrung,

Erkenntnisse über Gott und die Welt gewinnen

zu können. 1

Was man sich auch in metaphysischer Absicht

für einen Begriff von der Freiheit des Willens

machen mag: so sind doch die Erscheinungen

desselben, die menschlichen Handlungen,

5 eben so wohl als jede andere Naturbegebenheit,

nach allgemeinen Naturgesetzen bestimmt.

Die Geschichte, welche sich mit der

1 Eine Stelle unter den kurzen Anzeigten des zwölften

Stücks der Gothaischen gel. Zeit. d.J., die ohne Zweifel

aus meiner Unterredung mit einem durchreisenden Gelehrten

genommen worden, nötigt mir diese Erläuterung ab,

ohne die jene keinen begreiflichen Sinn haben würde*.

* Die „kurze Nachricht“ der Gothaischen gelehrten Zeitungen,

auf die Kant sich bezieht, lautet: „Eine Lieblingsidee

des Hrn. Prof. Kant ist, dass der Entzweck des Menschengeschlechts

die Erreichung der vollkommensten Staatsverfassung

sei, und er wünscht, dass ein philosophischer

Geschichtschreiber es unternehmen möchte, uns in dieser

Rücksicht eine Geschichte der Menschheit zu liefern, und

zu zeigen, wie weit die Menschheit in den verschiedenen

Zeiten diesem Endzwecke sich genähert, oder von demselben

entfernt habe, und was zu Erreichung desselben

noch zu tun sei.“

Erzählung dieser Erscheinungen beschäftigt,

so tief auch deren Ursachen verborgen sein

10 mögen, lässt dennoch von sich hoffen: dass,

wenn sie das Spiel der Freiheit des menschlichen

Willens im großen betrachtet, sie einen

regelmäßigen Gang derselben entdecken

könne; und dass auf die Art, was an einzelnen

15 Subjekten verwickelt und regellos in die Augen

fällt, an der ganzen Gattung doch als eine stetig

fortgehende obgleich langsame Entwikkelung

der ursprünglichen Anlagen derselben

werde erkannt werden können. So scheinen

20 die Ehen, die daher kommenden Geburten,

und das Sterben, da der freie Wille der Menschen

auf sie so großen Einfluss hat, keiner

Regel unterworfen zu sein, nach welcher man

die Zahl derselben zum voraus durch Rech-

25 nung bestimmen könne; und doch beweisen

die jährlichen Tafeln derselben in großen Ländern,

dass sie eben so wohl nach beständigen

Naturgesetzen geschehen, als die so unbeständigen

Witterungen, deren Eräugnis man

30 einzeln nicht vorher bestimmen kann, die aber

im ganzen nicht ermangeln, den Wachstum

der Pflanzen, den Lauf der Ströme, und andere

Naturanstalten in einem gleichförmigen ununterbrochenen

Gange zu erhalten. Einzelne

35 Menschen und selbst ganze Völker denken

wenig daran, dass, indem sie, ein jedes nach

seinem Sinne und einer oft wider den andern,

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ihre eigene Absicht verfolgen, sie unbemerkt

an der Naturabsicht, die ihnen selbst unbekannt

ist, als an einem Leitfaden fortgehen,

und an derselben Beförderung arbeiten, an

5 welcher, selbst wenn sie ihnen bekannt würde,

ihnen doch wenig gelegen sein würde.

Da die Menschen in ihren Bestrebungen nicht

bloß instinktmäßig, wie Tiere, und doch auch

nicht, wie vernünftige Weltbürger, nach einem

10 verabredeten Plane, im ganzen verfahren: so

scheint auch keine planmäßige Geschichte

(wie etwa von den Bienen oder den Bibern)

von ihnen möglich zu sein. Man kann sich eines

gewissen Unwillens nicht erwehren, wenn

15 man ihr Tun und Lassen auf der großen Weltbühne

aufgestellt sieht; und, bei hin und wieder

anscheinender Weisheit im einzelnen,

doch endlich alles im großen aus Torheit, kindischer

Eitelkeit, oft auch aus kindischer Bos-

20 heit und Zerstörungssucht zusammengewebt

findet: wobei man am Ende nicht weiß, was

man sich von unserer auf ihre Vorzüge so eingebildeten

Gattung für einen Begriff machen

soll. Es ist hier keine Auskunft für den Philo-

25 sophen, als dass, da er bei Menschen und

ihrem Spiele im großen gar keine vernünftige

eigene Absicht voraussetzen kann, er versuche,

ob er nicht eine Naturabsicht in diesem

widersinnigen Gange menschlicher Dinge ent-

30 decken könne; aus welcher, von Geschöpfen,

die ohne eigenen Plan verfahren, dennoch

eine Geschichte nach einem bestimmten Plane

der Natur möglich sei. - Wir wollen sehen,

ob es uns gelingen werde, einen Leitfaden zu

35 einer solchen Geschichte zu finden; und wollen

es dann der Natur überlassen, den Mann

hervorzubringen, der im Stande ist, sie darnach

abzufassen. So brachte sie einen Kepler

hervor, der die exzentrischen Bahnen der Pla-

40 neten auf eine unerwartete Weise bestimmten

Gesetzen unterwarf; und einen Newton, der

diese Gesetze aus einer allgemeinen Naturursache

erklärte.

ERSTER SATZ

Alle Naturanlagen eines Geschöpfes sind

45 bestimmt, sich einmal vollständig und

zweckmäßig auszuwickeln. Bei allen Tieren

bestätigt dieses die äußere sowohl, als innere

oder zergliedernde, Beobachtung. Ein Organ,

das nicht gebraucht werden soll, eine Anord-

50 nung, die ihren Zweck nicht erreicht, ist ein

Widerspruch in der teleologischen Naturlehre.

Denn, wenn wir von jenem Grundsatze abgehen,

so haben wir nicht mehr eine gesetzmäßige,

sondern eine zwecklos spielende Natur;

55 und das trostlose Ungefähr tritt an die Stelle

des Leitfadens der Vernunft.

ZWEITER SATZ

Am Menschen (als dem einzigen vernünftigen

Geschöpf auf Erden) sollten sich diejenigen

Naturanlagen, die auf den

60 Gebrauch seiner Vernunft abgezielt sind,

nur in der Gattung, nicht aber im Individuum

vollständig entwickeln. Die Vernunft

in einem Geschöpfe ist ein Vermögen, die Regeln

und Absichten des Gebrauchs aller seiner

65 Kräfte weit über den Naturinstinkt zu erweitern,

und kennt keine Grenzen ihrer Entwürfe.

Sie wirkt aber selbst nicht instinktmäßig, sondern

bedarf Versuche, Übung und Unterricht,

um von einer Stufe der Einsicht zur andern

70 allmählich fortzuschreiten. Daher würde ein

jeder Mensch unmäßig lange leben müssen,

um zu lernen, wie er von allen seinen Naturanlagen

einen vollständigen Gebrauch machen

solle; oder, wenn die Natur seine Lebensfrist

75 nur kurz angesetzt hat (wie es wirklich geschehen

ist), so bedarf sie einer vielleicht

unabsehlichen Reihe von Zeugungen, deren

eine der andern ihre Aufklärung überliefert, um

endlich ihre Keime in unserer Gattung zu der-

80 jenigen Stufe der Entwicklung zu treiben, welche

ihrer Absicht vollständig angemessen ist.

Und dieser Zeitpunkt muss wenigstens in der

Idee des Menschen das Ziel seiner Bestrebungen

sein, weil sonst die Naturanlagen

85 größtenteils als vergeblich und zwecklos angesehen

werden müssten; welches alle praktische

Prinzipien aufheben, und dadurch die

Natur, deren Weisheit in Beurteilung aller übrigen

Anstalten sonst zum Grundsatze dienen

90 muss, am Menschen allein eines kindischen

Spiels verdächtig machen würde.

DRITTER SATZ

Die Natur hat gewollt: dass der Mensch

alles, was über die mechanische Anordnung

seines tierischen Daseins geht, gänz-

95 lich aus sich selbst herausbringe, und keiner

anderen Glückseligkeit, oder Vollkommenheit,

teilhaftig werde, als die er sich

selbst, frei von Instinkt, durch eigene Vernunft,

verschafft hat. Die Natur tut nämlich

100 nichts überflüssig, und ist im Gebrauche der

Mittel zu ihren Zwecken nicht verschwenderisch.

Da sie dem Menschen Vernunft und darauf

sich gründende Freiheit des Willens gab:

so war das schon eine klare Anzeige ihrer Ab-

105 sicht in Ansehung seiner Ausstattung. Er sollte

nämlich nun nicht durch Instinkt geleitet, oder

durch anerschaffene Kenntnis versorgt und

unterrichtet sein; er sollte vielmehr alles aus

sich selbst herausbringen. Die Erfindung sei-

110 ner Nahrungsmittel, seiner Bedeckung, seiner

äußeren Sicherheit und Verteidigung (wozu

sie ihm weder die Hörner des Stiers, noch die

Klauen des Löwen, noch das Gebiss des

Hundes, sondern bloß Hände gab), alle Er-

115 götzlichkeit, die das Leben angenehm machen

kann, selbst seine Einsicht und Klugheit, und

so gar die Gutartigkeit seines Willens, sollten

gänzlich sein eigen Werk sein. Sie scheint sich

hier in ihrer größten Sparsamkeit selbst gefal-

120 len zu haben, und ihre tierische Ausstattung

so knapp, so genau auf das höchste Bedürfnis

einer anfänglichen Existenz abgemessen zu

12


phi2_10_Reader

haben, als wollte sie: der Mensch sollte, wenn

er sich aus der größten Rohigkeit dereinst zur

größten Geschicklichkeit, innerer Vollkommenheit

der Denkungsart, und (so viel es auf

5 Erden möglich ist) dadurch zur Glückseligkeit

empor gearbeitet haben würde, hievon das

Verdienst ganz allein haben, und es sich

selbst nur verdanken dürfen; gleich als habe

sie es mehr auf seine vernünftige Selbstschät-

10 zung, als auf ein Wohlbefinden angelegt. Denn

in diesem Gange der menschlichen Angelegenheit

ist ein ganzes Heer von Mühseligkeiten,

die den Menschen erwarten. Es scheint

aber der Natur darum gar nicht zu tun gewe-

15 sen zu sein, dass er wohl lebe; sondern, dass

er sich so weit hervorarbeite, um sich, durch

sein Verhalten, des Lebens und des Wohlbefindens

würdig zu machen. Befremdend bleibt

es immer hiebei: dass die ältern Generationen

20 nur scheinen um der späteren willen ihr mühseliges

Geschäft zu treiben, um nämlich diesen

eine Stufe zu bereiten, von der diese das

Bauwerk, welches die Natur zur Absicht hat,

höher bringen könnten; und dass doch nur die

25 spätesten das Glück haben sollen, in dem Gebäude

zu wohnen, woran eine lange Reihe

ihrer Vorfahren (zwar freilich ohne ihre Absicht)

gearbeitet hatten, ohne doch selbst an

dem Glück, das sie vorbereiteten, Anteil neh-

30 men zu können. Allein so rätselhaft dieses

auch ist, so notwendig ist es doch zugleich,

wenn man einmal annimmt: eine Tiergattung

soll Vernunft haben, und als Klasse vernünftiger

Wesen, die insgesamt sterben, deren Gat-

35 tung aber unsterblich ist, dennoch zu einer

Vollständigkeit der Entwickelung ihrer Anlagen

gelangen.

VIERTER SATZ

Das Mittel, dessen sich die Natur bedient,

die Entwickelung aller ihrer Anlagen zu

40 Stande zu bringen, ist der Antagonism derselben

in der Gesellschaft, so fern dieser

doch am Ende die Ursache einer gesetzmäßigen

Ordnung derselben wird. Ich verstehe

hier unter dem Antagonism die ungesel-

45 lige Geselligkeit der Menschen; d.i. den Hang

derselben, in Gesellschaft zu treten, der doch

mit einem durchgängigen Widerstande, welcher

diese Gesellschaft beständig zu trennen

droht, verbunden ist. Hiezu liegt die Anlage

50 offenbar in der menschlichen Natur. Der

Mensch hat eine Neigung, sich zu vergesellschaften;

weil er in einem solchen Zustande

sich mehr als Mensch, d.i. die Entwickelung

seiner Naturanlagen, fühlt. Er hat aber auch

55 einen großen Hang, sich zu vereinzelnen (isolieren);

weil er in sich zugleich die ungesellige

Eigenschaft antrifft, alles bloß nach seinem

Sinne richten zu wollen, und daher allerwärts

Widerstand erwartet, so wie er von sich selbst

60 weiß, dass er seiner Seits zum Widerstande

gegen andere geneigt ist. Dieser Widerstand

ist es nun, welcher alle Kräfte des Menschen

erweckt, ihn dahin bringt, seinen Hang zur

Faulheit zu überwinden, und, getrieben durch

65 Ehrsucht, Herrschsucht oder Habsucht, sich

einen Rang unter seinen Mitgenossen zu verschaffen,

die er nicht wohl leiden, von denen

er aber auch nicht lassen kann. Da geschehen

nun die ersten wahren Schritte aus der Rohig-

70 keit zur Kultur, die eigentlich in dem gesellschaftlichen

Wert des Menschen besteht; da

werden alle Talente nach und nach entwickelt,

der Geschmack gebildet, und selbst durch

fortgesetzte Aufklärung der Anfang zur Grün-

75 dung einer Denkungsart gemacht, welche die

grobe Naturanlage zur sittlichen Unterscheidung

mit der Zeit in bestimmte praktische

Prinzipien, und so eine pathologischabgedrungene

Zusammenstimmung zu einer

80 Gesellschaft endlich in ein moralisches Ganze

verwandeln kann. Ohne jene, an sich zwar

eben nicht liebenswürdige, Eigenschaften der

Ungeselligkeit, woraus der Widerstand entspringt,

den jeder bei seinen selbstsüchtigen

85 Anmaßungen notwendig antreffen muss, würden

in einem arkadischen Schäferleben, bei

vollkommener Eintracht, Genügsamkeit und

Wechselliebe, alle Talente auf ewig in ihren

Keimen verborgen bleiben: die Menschen,

90 gutartig wie die Schafe die sie weiden, würden

ihrem Dasein kaum einen größeren Wert verschaffen,

als dieses ihr Hausvieh hat; sie würden

das Leere der Schöpfung in Ansehung

ihres Zwecks, als vernünftige Natur, nicht aus-

95 füllen. Dank sei also der Natur für die Unvertragsamkeit,

für die missgünstig wetteifernde

Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde

zum Haben, oder auch zum Herrschen!

Ohne sie würden alle vortreffliche Naturanla-

100 gen in der Menschheit ewig unentwickelt

schlummern. Der Mensch will Eintracht; aber

die Natur weiß besser, was für seine Gattung

gut ist: sie will Zwietracht. Er will gemächlich

und vergnügt leben; die Natur will aber, er soll

105 aus der Lässigkeit und untätigen Genügsamkeit

hinaus, sich in Arbeit und Mühseligkeiten

stürzen, um dagegen auch Mittel auszufinden,

sich klüglich wiederum ans den letztern heraus

zu ziehen. Die natürlichen Triebfedern dazu,

110 die Quellen der Ungeselligkeit und des durchgängigen

Widerstandes, woraus so viele Übel

entspringen, die aber doch auch wieder zur

neuen Anspannung der Kräfte, mithin zu mehrerer

Entwickelung der Naturanlagen antrei-

115 ben, verraten also wohl die Anordnung eines

weisen Schöpfers; und nicht etwa die Hand

eines bösartigen Geistes, der in seine herrliche

Anstalt gepfuscht oder sie neidischer Weise

verderbt habe.

FÜNFTER SATZ

120 Das größte Problem für die Menschengattung,

zu dessen Auflösung die Natur ihn

zwingt, ist die Erreichung einer allgemein

das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft.

Da nur in der Gesellschaft, und

13


phi2_10_Reader

zwar derjenigen, die die größte Freiheit, mithin

einen durchgängigen Antagonism ihrer Glieder,

und doch die genaueste Bestimmung und

Sicherung der Grenzen dieser Freiheit hat,

5 damit sie mit der Freiheit anderer bestehen

könne, - da nur in ihr die höchste Absicht der

Natur, nämlich die Entwickelung aller ihrer

Anlagen, in der Menschheit erreicht werden

kann, die Natur auch will, dass sie diesen, so

10 wie alle Zwecke ihrer Bestimmung, sich selbst

verschaffen solle: so muss eine Gesellschaft,

in welcher Freiheit unter äußeren Gesetzen im

größtmöglichen Grade mit unwiderstehlicher

Gewalt verbunden angetroffen wird, d.i. eine

15 vollkommen gerechte bürgerliche Verfassung,

die höchste Aufgabe der Natur für die Menschengattung

sein; weil die Natur, nur vermittelst

der Auflösung und Vollziehung derselben,

ihre übrigen Absichten mit unserer Gattung

20 erreichen kann. In diesen Zustand des Zwanges

zu treten, zwingt den sonst für ungebundene

Freiheit so sehr eingenommenen Menschen

die Not; und zwar die größte unter allen,

nämlich die, welche sich Menschen unterein-

25 ander selbst zufügen, deren Neigungen es

machen, dass sie in wilder Freiheit nicht lange

nebeneinander bestehen können. Allein in

einem solchen Gehege, als bürgerliche Vereinigung

ist, tun ebendieselben Neigungen her-

30 nach die beste Wirkung; so wie Bäume in einem

Walde, eben dadurch, dass ein jeder dem

anderen Luft und Sonne zu benehmen sucht,

einander nötigen, beides über sich zu suchen

und dadurch einen schönen geraden Wuchs

35 bekommen; statt dass die, welche in Freiheit

und voneinander abgesondert ihre Äste nach

Wohlgefallen treiben, krüppelig, schief und

krumm wachsen. Alle Kultur und Kunst, welche

die Menschheit ziert, die schönste gesell-

40 schaftliche Ordnung, sind Früchte der Ungeselligkeit,

die durch sich selbst genötigt wird,

sich zu disziplinieren und so, durch abgedrungene

Kunst, die Keime der Natur vollständig

zu entwickeln.

SECHSTER SATZ

45 Dieses Problem ist zugleich das schwerste,

und das, welches von der Menschengattung

am spätesten aufgelöset wird. Die

Schwierigkeit, welche auch die bloße Idee dieser

Aufgabe schon vor Augen legt, ist diese:

50 der Mensch ist ein Tier, das, wenn es unter

andern seiner Gattung lebt, einen Herrn nötig

hat. Denn er missbraucht gewiss seine Freiheit

in Ansehung anderer seinesgleichen; und,

ob er gleich, als vernünftiges Geschöpf, ein

55 Gesetz wünscht, welches der Freiheit aller

Schranken setze: so verleitet ihn doch seine

selbstsüchtige tierische Neigung, wo er darf,

sich selbst auszunehmen. Er bedarf also einen

Herrn, der ihm den eigenen Willen breche, und

60 ihn nötige, einen allgemein-gültigen Willen,

dabei jeder frei sein kann, zu gehorchen. Wo

nimmt er aber diesen Herrn her? Nirgend anders

als aus der Menschengattung. Aber dieser

ist eben so wohl ein Tier, das einen Herrn

65 nötig hat. Er mag es also anfangen, wie er will:

so ist nicht abzusehen, wie er sich ein Oberhaupt

der öffentlichen Gerechtigkeit verschaffen

könne, das selbst gerecht sei; er mag dieses

nun in einer einzelnen Person oder in ei-

70 ner Gesellschaft vieler dazu auserlesenen

Personen suchen. Denn jeder derselben wird

immer seine Freiheit missbrauchen, wenn er

keinen über sich hat, der nach den Gesetzen

über ihn Gewalt ausübt. Das höchste Ober-

75 haupt soll aber gerecht für sich selbst, und

doch ein Mensch sein. Diese Aufgabe ist daher

die schwerste unter allen; ja ihre vollkommene

Auflösung ist unmöglich: aus so krummem

Holze, als woraus der Mensch gemacht

80 ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.

Nur die Annäherung zu dieser Idee ist

uns von der Natur auferlegt. 2 Dass sie auch

diejenige sei, welche am spätesten ins Werk

gerichtet wird, folgt überdem auch daraus:

85 dass hiezu richtige Begriffe von der Natur einer

möglichen Verfassung, große durch viel

Weltläufe geübte Erfahrenheit, und, über das

alles, ein zur Annehmung derselben vorbereiteter

guter Wille erfordert wird; drei solcher

90 Stücke aber sich sehr schwer, und, wenn es

geschieht, nur sehr spät, nach viel vergeblichen

Versuchen, einmal zusammen finden

können.

SIEBENTER SATZ

Das Problem der Errichtung einer voll-

95 kommenen bürgerlichen Verfassung ist

von dem Problem eines gesetzmäßigen

äußeren Staatenverhältnisses abhängig,

und kann ohne das letztere nicht aufgelöset

werden. Was hilft's, an einer gesetzmäßi-

100 gen bürgerlichen Verfassung unter einzelnen

Menschen, d.i. an der Anordnung eines gemeinen

Wesens, zu arbeiten? Dieselbe Ungeselligkeit,

welche die Menschen hiezu nötigte,

ist wieder die Ursache, dass ein jedes Ge-

105 meinwesen in äußerem Verhältnisse, d.i. als

ein Staat in Beziehung auf Staaten, in ungebundener

Freiheit steht, und folglich einer von

dem andern eben die Übel erwarten muss, die

die einzelnen Menschen drückten und sie

110 zwangen, in einen gesetzmäßigen bürgerlichen

Zustand zu treten. Die Natur hat also die

Unvertragsamkeit der Menschen, selbst der

großen Gesellschaften und Staatskörper dieser

Art Geschöpfe, wieder zu einem Mittel ge-

115 braucht, um in dem unvermeidlichen Antagonism

derselben einen Zustand der Ruhe und

2 Die Rolle des Menschen ist also sehr künstlich. Wie es

mit den Einwohnern anderer Planeten und ihrer Natur

beschaffen sei, wissen wir nicht; wenn wir aber diesen

Auftrag der Natur gut ausrichten, so können wir uns wohl

schmeicheln, dass wir unter unseren Nachbaren im Weltgebäude

einen nicht geringen Rang behaupten dürften.

Vielleicht mag bei diesen ein jedes Individuum seine Bestimmung

in seinem Leben völlig erreichen. Bei uns ist es

anders; nur die Gattung kann dieses hoffen.

14


phi2_10_Reader

Sicherheit auszufinden; d.i. sie treibt, durch die

Kriege, durch die überspannte und niemals

nachlassende Zurüstung zu denselben, durch

die Not, die dadurch endlich ein jeder Staat,

5 selbst mitten im Frieden, innerlich fühlen

muss, zu anfänglich unvollkommenen Versuchen,

endlich aber, nach vielen Verwüstungen,

Umkippungen, und selbst durchgängiger innerer

Erschöpfung ihrer Kräfte, zu dem, was ih-

10 nen die Vernunft auch ohne so viel traurige

Erfahrung hätte sagen können, nämlich: aus

dem gesetzlosen Zustande der Wilden hinaus

zu gehen, und in einen Völkerbund zu treten;

wo jeder, auch der kleinste, Staat seine Si-

15 cherheit und Rechte, nicht von eigener Macht,

oder eigener rechtlichen Beurteilung, sondern

allein von diesem großen Völkerbunde (Foedus

Amphictyonum), von einer vereinigten

Macht, und von der Entscheidung nach Ge-

20 setzen des vereinigten Willens, erwarten könnte.

So schwärmerisch diese Idee auch zu sein

scheint, und als eine solche an einem Abbé

von St. Pierre oder Rousseau verlacht worden

(vielleicht, weil sie solche in der Ausführung zu

25 nahe glaubten): so ist es doch der unvermeidliche

Ausgang der Not, worein sich Menschen

einander versetzen, die die Staaten zu eben

der Entschließung (so schwer es ihnen auch

eingeht) zwingen muss, wozu der wilde

30 Mensch eben so ungern gezwungen ward,

nämlich: eine brutale Freiheit aufzugeben, und

in einer gesetzmäßigen Verfassung Ruhe und

Sicherheit zu suchen. - Alle Kriege sind demnach

so viel Versuche (zwar nicht in der Ab-

35 sicht der Menschen, aber doch in der Absicht

der Natur), neue Verhältnisse der Staaten zu

Stande zu bringen, und durch Zerstörung, wenigstens

Zerstückelung aller, neue Körper zu

bilden, die sich aber wieder, entweder in sich

40 selbst oder neben einander, nicht erhalten

können, und daher neue ähnliche Revolutionen

erleiden müssen; bis endlich einmal, teils

durch die bestmögliche Anordnung der bürgerlichen

Verfassung innerlich, teils durch eine

45 gemeinschaftliche Verabredung und Gesetzgebung

äußerlich, ein Zustand errichtet wird,

der, einem bürgerlichen gemeinen Wesen

ähnlich, so wie ein Automat sich selbst erhalten

kann.

50 Ob man es nun von einem epikurischen Zusammenlauf

wirkender Ursachen erwarten

solle, dass die Staaten, so wie die kleinen

Stäubchen der Materie, durch ihren ungefähren

Zusammenstoß allerlei Bildungen versu-

55 chen, die durch neuen Anstoß wieder zerstört

werden, bis endlich einmal von ungefähr eine

solche Bildung gelingt, die sich in ihrer Form

erhalten kann (ein Glückszufall, der sich wohl

schwerlich jemals zutragen wird!); ober ob

60 man vielmehr annehmen solle, die Natur verfolge

hier einen regelmäßigen Gang, unsere

Gattung von der unteren Stufe der Tierheit an

allmählich bis zur höchsten Stufe der Menschheit,

und zwar durch eigene obzwar dem Men-

65 schen abgedrungene Kunst, zu führen, und

entwickele in dieser scheinbarlich wilden Anordnung

ganz regelmäßig jene ursprüngliche

Anlagen; oder ob man lieber will, dass aus

allen diesen Wirkungen und Gegenwirkungen

70 der Menschen im großen überall nichts, wenigstens

nichts Kluges herauskomme, dass es

bleiben werde, wie es von jeher gewesen ist,

und man daher nicht voraus sagen könne, ob

nicht die Zwietracht, die unserer Gattung so

75 natürlich ist, am Ende für uns eine Hölle von

Übeln, in einem noch so gesitteten Zustande

vorbereite, indem sie vielleicht diesen Zustand

selbst und alle bisherigen Fortschritte in der

Kultur durch barbarische Verwüstung wieder

80 vernichten werde (ein Schicksal, wofür man

unter der Regierung des blinden Ungefährs

nicht stehen kann, mit welcher gesetzlose

Freiheit in der Tat einerlei ist, wenn man ihr

nicht einen in geheim an Weisheit geknüpften

85 Leitfaden der Natur unterlegt!)? das läuft ungefähr

auf die Frage hinaus: ob es wohl vernünftig

sei, Zweckmäßigkeit der Naturanstalt

in Teilen und doch Zwecklosigkeit im Ganzen

anzunehmen? Was also der zwecklose Zu-

90 stand der Wilden tat, dass er nämlich alle

Naturanlagen in unserer Gattung zurück hielt,

aber endlich durch die Übel, worin er diese

versetzte, sie nötigte, aus diesem Zustande

hinaus und in eine bürgerliche Verfassung zu

95 treten, in welcher alle jene Keime entwickelt

werden können: das tut auch die barbarische

Freiheit der schon gestifteten Staaten, nämlich:

dass durch die Verwendung aller Kräfte

der gemeinen Wesen auf Rüstungen gegen

100 einander, durch die Verwüstungen die der

Krieg anrichtet, noch mehr aber durch die

Notwendigkeit, sich beständig in Bereitschaft

dazu zu erhalten, zwar die völlige Entwickelung

der Naturanlagen in ihrem Fortgange ge-

105 hemmet wird, dagegen aber auch die Übel, die

daraus entspringen, unsere Gattung nötigen,

zu dem an sich heilsamen Widerstande vieler

Staaten neben einander, der aus ihrer Freiheit

entspringt, ein Gesetz des Gleichgewichts

110 auszufinden, und eine vereinigte Gewalt, die

demselben Nachdruck gibt, mithin einen weltbürgerlichen

Zustand der öffentlichen Staatssicherheit

einzuführen; der nicht ohne alle Gefahr

sei, damit die Kräfte der Menschheit nicht

115 einschlafen, aber doch auch nicht ohne ein

Prinzip der Gleichheit ihrer wechselseitigen

Wirkung und Gegenwirkung, damit sie einander

nicht zerstören. Ehe dieser letzte Schritt

(nämlich die Staatenverbindung) geschehen,

120 also fast nur auf die Hälfte ihrer Ausbildung,

erduldet die menschliche Natur die härtesten

Übel, unter dem betrüglichen Anschein äußerer

Wohlfahrt; und Rousseau hatte so Unrecht

nicht, wenn er den Zustand der Wilden vorzog,

125 so bald man nämlich diese letzte Stufe, die

unsere Gattung noch zu ersteigen hat, weglässt.

Wir sind im hohen Grade durch Kunst

und Wissenschaft kultiviert. Wir sind zivilisiert,

15


phi2_10_Reader

bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher

Artigkeit und Anständigkeit. Aber, uns für

schon moralisiert zu halten, daran fehlt noch

sehr viel. Denn die Idee der Moralität gehört

5 noch zur Kultur; der Gebrauch dieser Idee

aber, welcher nur auf das Sittenähnliche in der

Ehrliebe und der äußeren Anständigkeit hinausläuft,

macht bloß die Zivilisierung aus. So

lange aber Staaten alle ihre Kräfte auf ihre

10 eiteln und gewaltsamen Erweiterungsabsichten

verwenden, und so die langsame Bemühung

der inneren Bildung der Denkungsart

ihrer Bürger unaufhörlich hemmen, ihnen

selbst auch alle Unterstützung in dieser Ab-

15 sicht entziehen, ist nichts von dieser Art zu

erwarten; weil dazu eine lange innere Bearbeitung

jedes gemeinen Wesens zur Bildung seiner

Bürger erfodert wird. Alles Gute aber, das

nicht auf moralisch-gute Gesinnung gepfropft

20 ist, ist nichts als lauter Schein und schimmerndes

Elend. In diesem Zustande wird wohl

das menschliche Geschlecht verbleiben, bis

es sich, auf die Art wie ich gesagt habe, aus

dem chaotischen Zustande seiner Staatsver-

25 hältnisse herausgearbeitet haben wird.

ACHTER SATZ

Man kann die Geschichte der Menschengattung

im großen als die Vollziehung eines

verborgenen Plans der Natur ansehen,

um eine innerlich- und, zu diesem Zwecke,

30 auch äußerlich-vollkommene Staatsverfassung

zu Stande zu bringen, als den einzigen

Zustand, in welchem sie alle ihre Anlagen

in der Menschheit völlig entwickeln

kann. Der Satz ist eine Folgerung aus dem

35 vorigen. Man sieht: die Philosophie könne

auch ihren Chiliasmus 3 haben; aber einen solchen,

zu dessen Herbeiführung ihre Idee, obgleich

nur sehr von weitem, selbst beförderlich

werden kann, der also nichts weniger als

40 schwärmerisch ist. Es kömmt nur darauf an,

ob die Erfahrung etwas von einem solchen

Gange der Naturabsicht entdecke. Ich sage:

etwas weniges; denn dieser Kreislauf scheint

so lange Zeit zu erfodern bis er sich schließt,

45 dass man aus dem kleinen Teil, den die

Menschheit in dieser Absicht zurückgelegt hat,

nur eben so unsicher die Gestalt ihrer Bahn

und das Verhältnis der Teile zum Ganzen

bestimmen kann, als aus allen bisherigen

50 Himmelsbeobachtungen den Lauf, den unsere

Sonne samt dem ganzen Heere ihrer Trabanten

im großen Fixsternensystem nimmt; obgleich

doch, aus dem allgemeinen Grunde der

systematischen Verfassung des Weltbaues,

55 und aus dem wenigen was man beobachtet

hat, zuverlässig genug, um auf die Wirklichkeit

eines solchen Kreislaufes zu schließen. Indessen

bringt es die menschliche Natur so mit

sich: selbst in Ansehung der allerentferntesten

3 Chiliasmus: Glaube an ein tausendjähriges Reich der

Glückseligkeit, das dem Weltende vorangeht.

60 Epoche, die unsere Gattung treffen soll, nicht

gleichgültig zu sein, wenn sie nur mit Sicherheit

erwartet werden kann. Vornehmlich kann

es in unserem Falle um desto weniger geschehen,

da es scheint, wir könnten durch

65 unsere eigene vernünftige Veranstaltung diesen

für unsere Nachkommen so erfreulichen

Zeitpunkt schneller herbeiführen. Um deswillen

werden uns selbst die schwachen Spuren

der Annäherung desselben sehr wichtig. Jetzt

70 sind die Staaten schon in einem so künstlichen

Verhältnisse gegen einander, dass keiner

in der inneren Kultur nachlassen kann,

ohne gegen die andern an Macht und Einfluss

zu verlieren; also ist, wo nicht der Fortschritt,

75 dennoch die Erhaltung dieses Zwecks der Natur,

selbst durch die ehrsüchtigen Absichten

derselben ziemlich gesichert. Ferner: bürgerliche

Freiheit kann jetzt auch nicht sehr wohl

angetastet werden, ohne den Nachteil davon

80 in allen Gewerben, vornehmlich dem Handel,

dadurch aber auch die Abnahme der Kräfte

des Staats im äußeren Verhältnisse, zu fühlen.

Diese Freiheit geht aber allmählich weiter.

Wenn man den Bürger hindert, seine Wohl-

85 fahrt auf alle ihm selbst beliebige Art, die nur

mit der Freiheit anderer zusammen bestehen

kann, zu suchen: so hemmet man die Lebhaftigkeit

des durchgängigen Betriebes, und hiemit

wiederum die Kräfte des Ganzen. Daher

90 wird die persönliche Einschränkung in seinem

Tun und Lassen immer mehr aufgehoben, die

allgemeine Freiheit der Religion nachgegeben;

und so entspringt allmählich, mit unterlaufendem

Wahne und Grillen, Aufklärung, als ein

95 großes Gut, welches das menschliche Geschlecht

sogar von der selbstsüchtigen Vergrößerungsabsicht

seiner Beherrscher ziehen

muss, wenn sie nur ihren eigenen Vorteil verstehen.

Diese Aufklärung aber, und mit ihr

100 auch ein gewisser Herzensanteil, den der aufgeklärte

Mensch am Guten, das er vollkommen

begreift, zu nehmen nicht vermeiden

kann, muss nach und nach bis zu den Thronen

hinauf gehen, und selbst auf ihre Regie-

105 rungsgrundsätze Einfluss haben. Obgleich

z.B. unsere Weltregierer zu öffentlichen Erziehungsanstalten,

und überhaupt zu allem was

das Weltbeste betrifft, vor jetzt kein Geld übrig

haben, weil alles auf den künftigen Krieg

110 schon zum voraus verrechnet ist: so werden

sie doch ihren eigenen Vorteil darin finden, die

obzwar schwachen und langsamen eigenen

Bemühungen ihres Volks in diesem Stücke

wenigstens nicht zu hindern. Endlich: wird

115 selbst der Krieg allmählich nicht allein ein so

künstliches, im Ausgange von beiden Seiten

so unsicheres, sondern auch durch die Nachwehen,

die der Staat in einer immer anwachsenden

Schuldenlast (einer neuen Erfindung)

120 fühlt, deren Tilgung unabsehlich wird, ein so

bedenkliches Unternehmen, dabei der Einfluss,

den jede Staatserschütterung in unserem

durch seine Gewerbe so sehr verketteten

16


phi2_10_Reader

Weltteil auf alle andere Staaten tut, so merklich:

dass sich diese durch ihre eigene Gefahr

gedrungen, obgleich ohne gesetzliches Ansehen,

zu Schiedsrichtern anbieten, und so alles

5 von weitem zu einem künftigen großen Staatskörper

anschicken, wovon die Vorwelt kein

Beispiel aufzuzeigen hat. Obgleich dieser

Staatskörper für itzt nur noch sehr im rohen

Entwurfe dasteht, so fängt sich dennoch

10 gleichsam schon ein Gefühl in allen Gliedern,

deren jedem an der Erhaltung des Ganzen

gelegen ist, an zu regen; und dieses gibt Hoffnung,

dass, nach manchen Revolutionen der

Umbildung, endlich das, was die Natur zur

15 höchsten Absicht hat, ein allgemeiner weltbürgerlicher

Zustand, als der Schoß, worin alle

ursprüngliche Anlagen der Menschengattung

entwickelt werden, dereinst einmal zu Stande

kommen werde.

NEUNTER SATZ

20 Ein philosophischer Versuch, die allgemeine

Weltgeschichte nach einem Plane der

Natur, der auf die vollkommene bürgerliche

Vereinigung in der Menschengattung abziele,

zu bearbeiten, muss als möglich, und

25 selbst für diese Naturabsicht beförderlich

angesehen werden. Es ist zwar ein befremdlicher

und, dem Anscheine nach, ungereimter

Anschlag, nach einer Idee, wie der Weltlauf

gehen müsste, wenn er gewissen vernünftigen

30 Zwecken angemessen sein sollte, eine Geschichte

abfassen zu wollen; es scheint, in

einer solchen Absicht könne nur ein Roman zu

Stande kommen. Wenn man indessen annehmen

darf: dass die Natur, selbst im Spiele

35 der menschlichen Freiheit, nicht ohne Plan

und Endabsicht verfahre, so könnte diese Idee

doch wohl brauchbar werden; und, ob wir

gleich zu kurzsichtig sind, den geheimen Mechanism

ihrer Veranstaltung durchzuschauen,

40 so dürfte diese Idee uns doch zum Leitfaden

dienen, ein sonst planloses Aggregat menschlicher

Handlungen, wenigstens im großen, als

ein System darzustellen. Denn, wenn man von

der griechischen Geschichte - als derjenigen,

45 wodurch uns jede andere ältere oder gleichzeitige

aufbehalten worden, wenigstens beglaubigt

werden muss 4 - anhebt; wenn man

derselben Einfluss auf die Bildung und Missbildung

des Staatskörpers des römischen Vol-

50 kes, das den griechischen Staat verschlang,

und des letzteren Einfluss auf die Barbaren,

4 Nur ein gelehrtes Publikum, das von seinem Anfange an

bis zu uns ununterbrochen fortgedauert hat, kann die alte

Geschichte beglaubigen. Über dasselbe hinaus ist alles

terra incognita; und die Geschichte der Völker, die außer

demselben lebten, kann nur von der Zeit angefangen werden,

da sie darin eintraten. Dies geschah mit dem jüdischen

Volk zur Zeit der Ptolemäer, durch die griechische

Bibelübersetzung, ohne welche man ihren isolierten Nachrichten

wenig Glauben beimessen würde. Von da (wenn

dieser Anfang vorerst gehörig ausgemittelt worden) kann

man aufwärts ihren Erzählungen nachgehen. Und so mit

allen übrigen Völkern. Das erste Blatt im Thukydides (sagt

Hume) ist der einzige Anfang aller wahren Geschichte.

die jenen wiederum zerstörten, bis auf unsere

Zeit verfolgt; dabei aber die Staatengeschichte

anderer Völker, so wie deren Kenntnis durch

55 eben diese aufgeklärten Nationen allmählich

zu uns gelanget ist, episodisch hinzutut: so

wird man einen regelmäßigen Gang der Verbesserung

der Staatsverfassung in unserem

Weltteile (der wahrscheinlicher Weise allen

60 anderen dereinst Gesetze geben wird) entdecken.

Indem man ferner allenthalben nur auf

die bürgerliche Verfassung und deren Gesetze,

und auf das Staatverhältnis Acht hat, in so

fern beide durch das Gute, welches sie ent-

65 hielten, eine Zeitlang dazu dienten, Völker (mit

ihnen auch Künste und Wissenschaften) empor

zu heben und zu verherrlichen, durch das

Fehlerhafte aber, das ihnen anhing, sie wiederum

zu stürzen, so doch, dass immer ein

70 Keim der Aufklärung übrig blieb, der, durch

jede Revolution mehr entwickelt, eine folgende

noch höhere Stufe der Verbesserung vorbereitete:

so wird sich, wie ich glaube, ein Leitfaden

entdecken, der nicht bloß zur Erklärung des so

75 verworrenen Spiels menschlicher Dinge, oder

zur politischen Wahrsagerkunst künftiger

Staatsveränderungen dienen kann (ein Nutzen,

den man schon sonst aus der Geschichte

der Menschen, wenn man sie gleich als unzu-

80 sammenhängende Wirkung einer regellosen

Freiheit ansah, gezogen hat!); sondern es wird

(was man, ohne einen Naturplan vorauszusetzen,

nicht mit Grunde hoffen kann) eine tröstende

Aussicht in die Zukunft eröffnet werden,

85 in welcher die Menschengattung in weiter Ferne

vorgestellt wird, wie sie sich endlich doch

zu dem Zustande empor arbeitet, in welchem

alle Keime, die die Natur in sie legte, völlig

können entwickelt und ihre Bestimmung hier

90 auf Erden kann erfüllet werden. Eine solche

Rechtfertigung der Natur - oder besser der

Vorsehung - ist kein unwichtiger Bewegungsgrund,

einen besonderen Gesichtspunkt der

Weltbetrachtung zu wählen. Denn was hilft's,

95 die Herrlichkeit und Weisheit der Schöpfung

im vernunftlosen Naturreiche zu preisen und

der Betrachtung zu empfehlen: wenn der Teil

des großen Schauplatzes der obersten Weisheit,

der von allem diesen den Zweck enthält, -

100 die Geschichte des menschlichen Geschlechts

- ein unaufhörlicher Einwurf dagegen bleiben

soll, dessen Anblick uns nötigt, unsere Augen

von ihm mit Unwillen wegzuwenden, und, indem

wir verzweifeln, jemals darin eine vollen-

105 dete vernünftige Absicht anzutreffen, uns dahin

bringt, sie nur in einer andern Welt zu hoffen?

17


phi2_10_Reader

Dass ich mit dieser Idee einer Weltgeschichte,

die gewissermaßen einen Leitfaden a priori

hat, die Bearbeitung der eigentlichen bloß empirisch

abgefassten Historie verdrängen wollte:

5 wäre Missdeutung meiner Absicht; es ist nur

ein Gedanke von dem, was ein philosophischer

Kopf (der übrigens sehr geschichtskundig

sein müsste) noch aus einem anderen

Standpunkte versuchen könnte. Überdem

10 muss die sonst rühmliche Umständlichkeit, mit

der man jetzt die

Geschichte seiner Zeit abfasst, doch einen

jeden natürlicher Weise auf die Bedenklichkeit

bringen: wie es unsere späten Nachkommen

15 anfangen werden, die Last von Geschichte,

die wir ihnen nach einigen Jahrhunderten hinterlassen

möchten, zu fassen. Ohne Zweifel

werden sie die der ältesten Zeit, von der ihnen

die Urkunden längst erloschen sein dürften,

20 nur aus dem Gesichtspunkte dessen, was sie

interessiert, nämlich desjenigen, was Völker

und Regierungen in weltbürgerlicher Absicht

geleistet oder geschadet haben, schätzen.

Hierauf aber Rücksicht zu nehmen, imgleichen

25 auf die Ehrbegierde der Staatsoberhäupter so

wohl, als ihrer Diener, um sie auf das einzige

Mittel zu richten, das ihr rühmliches Andenken

auf die späteste Zeit bringen kann: das kann

noch überdem einen kleinen Bewegungsgrund

30 zum Versuche einer solchen philosophischen

Geschichte abgeben.

Kant, Immanuel: Idee zu einer allgemeinen Geschichte

in weltbürgerlicher Absicht. In: Kant, Immanuel: Werkausgabe

Band XI. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993.

S. 33-50

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Ergänzungen zu Kants „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher

Absicht“

1. ZUM TITEL

Kant: Über Ideen

Ideen sind Vernunftbegriffe, denen kein Ge-

5 genstand in der Erfahrung adäquat gegeben

werden kann. Sie sind weder Anschauungen

(wie die von Raum und Zeit), noch Gefühle

(wie die Glückseligkeit sie sucht), welche beide

zur Sinnlichkeit gehören, sondern Begriffe

10 von einer Vollkommenheit, der man sich zwar

nähern, sie aber nie vollständig erreichen

kann.

[Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, Werkausgabe,

XII, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991,

S.509 f.]

Der hypothetische Gebrauch der Vernunft aus

zum Grunde gelegten Ideen, als problemati-

15 scher Begriffe, ist eigentlich nicht konstitutiv,

nämlich nicht so beschaffen, dass dadurch,

wenn man nach aller Strenge urteilen will, die

Wahrheit der allgemeinen Regel, die als Hypothese

angenommen worden, folge; denn wie

20 will man alle mögliche Folgen wissen, die, indem

sie aus demselben angenommenen

Grundsatze folgen, seine Allgemeinheit beweisen?

Sondern er ist nur regulativ, um dadurch,

so weit als es möglich ist, Einheit in die

25 besonderen Erkenntnisse zu bringen, und die

Regel dadurch der Allgemeinheit zu nähern.

[Kant: Kritik der reinen Vernunft, KW Bd. 4, S. 567]

Die menschliche Vernunft hat das besondere

Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse:

dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie

nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch

die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die

sie aber auch nicht beantworten kann, denn

sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen

Vernunft.

In diese Verlegenheit gerät sie ohne Schuld.

Sie fängt von Grundsätzen an, deren

Gebrauch im Laufe der Erfahrung unvermeidlich

und zugleich durch diese hinreichend bewährt

ist. Mit diesen steigt sie (wie es auch

ihre Natur mit sich bringt) immer höher, zu

entferneteren Bedingungen. Da sie aber gewahr

wird, dass auf diese Art ihr Geschäfte

jederzeit unvollendet bleiben müsse, weil die

Fragen niemals aufhören, so sieht sie sich

genötigt, zu Grundsätzen ihre Zuflucht zu

nehmen, die allen möglichen Erfahrungsaustausch

überschreiben und gleichwohl so unverdächtig

scheinen, dass auch die gemeine

Menschenvernunft damit im Einverständnis

stehet. Dadurch aber stürzt sie sich in Dunkelheit

und Widersprüche, aus welchen sie zwar

abnehmen kann, dass irgendwo verborgene

30

Irrtümer zum Grunde liegen müssen, die sie

aber nicht entdecken kann, weil die Grundsätze,

deren sie sich bedient, da sie über die

Grenzen aller Erfahrung hinausgehen, keinen

Probierstein der Erfahrung mehr anerkennen.

[Kant: Kritik der reinen Vernunft. Vorrede zur ersten

Auflage, S. 11]

Mit Kant kam endgültig der Vernunft ihre Bedeutung

als dem gegenüber dem Verstand

höheren Erkenntnisprinzip zu. Er definierte

den Verstand als das an Sinneseindrücke

gebundene, aposteriorisch (= nach der Erfahrung)

arbeitende Erkenntnisvermögen. Bei der

Vernunft unterschied er zwischen der („reinen“)

theoretischen und der praktischen Vernunft.

Die theoretische Vernunft ist nach Kant

die Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen, sich selbst

zu prüfen und unabhängig von der Erfahrung

zu den apriorischen (vor aller Erfahrung) Vernunftsideen

(Seele, Gott, Welt) zu gelangen.

In seinem Werk Kritik der reinen Vernunft versucht

Kant vor allem, die Grenzen und die Bedingtheit

der menschlichen Vernunft aufzuzeigen.

Die praktische Vernunft hingegen bezieht

sich auf das Setzen von ethischen Prinzipien,

denen der Wille unterworfen wird und die so

das Handeln individuell und sozial begründen

und leiten.

[http://de.wikipedia.org/wiki/Vernunft]

allgemeine Geschichte: Gegensatz zur speziellen

Geschichte der „Fürsten und Völker“

(Ranke)

weltbürgerlich: Eindeutschung von „kosmopolitisch“;

Schlagwort der Aufklärung, gegen

die Errichtung souveräner Fürstenstaaten gerichtet;

Ziel: Idee eines Völkerbundes zur Sta-

35 bilisierung des Weltfriedens.

2. ZUM ERSTEN SATZ

Kant: Über Natur

Unter Natur (im empirischen Verstande) verstehen

wir den Zusammenhang der Erscheinungen

ihrem Dasein nach, nach notwendigen

Regeln, d.i. nach Gesetzen. Es sind also ge-

40 wisse Gesetze, und zwar a priori, welche allererst

eine Natur möglich machen; die empirischen

können nur vermittelst der Erfahrung,

und zwar zufolge jener ursprünglichen Gesetze,

nach welchen selbst Erfahrung allererst

45 möglich wird, stattfinden, und gefunden werden.

[Kant: Kritik der reinen Vernunft, KW Bd. 3, S. 246)]

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Aristoteles: Vier Ursachen

Ursache wird nach einer Bedeutung (1) derjenige

Teil einer Sache genannt, von dem aus

als innewohnend etwas entsteht, [25] wie etwa

das Erz Ursache der Statue ist, das Silber Ur-

5 sache der Schale und die Gattungen von diesen;

nach einer anderen Bedeutung (2) werden

Ursache die Form und das Urbild - das

aber ist der Begriff des Was-es-ist-dies-zusein

- und die Gattungen davon genannt (z. B.

10 für die -Oktave das Verhältnis 2:1 und überhaupt

die Zahl) und die Teile, die im Begriff

enthalten sind. Weiter (3) wird Ursache das

genannt, [30] von dem aus der erste Anfang

der Veränderung oder der Ruhe stammt; so ist

15 zum Beispiel der Berater Ursache, der Vater

Ursache des Kindes und überhaupt das Bewirkende

Ursache des Bewirkten und das

Verändern Ursache des Sichverändernden.

Weiter (4) wird Ursache als Ziel aufgefasst,

20 das heißt als das Weswegen, wie etwa die

Gesundheit Ursache des Spazierengehens ist.

Denn wir erwidern auf die Frage, weshalb jemand

spazierengehe: »Damit er gesund

wird«. Und wenn wir so sprechen, [35] meinen

25 wir, die Ursache angegeben zu haben. Und

dasselbe gilt von allem, was als Mittleres zum

Ziel auftritt, wenn etwas anderes die Bewegung

ausgelöst hat, wie etwa Ursachen für die

Gesundung Abmagerung oder Reinigung oder

30 Heilmittel und ärztliche Werkzeuge sind. Denn

all dies geschieht um eines Zieles willen, unterscheidet

sich aber voneinander dadurch,

dass einiges Werkzeuge sind, anderes aber

Werke.

35 Ungefähr in so vielen Bedeutungen werden

Ursachen ausgesagt. Es folgt aber daraus, da

die Ursachen in mehreren Bedeutungen ausgesagt

werden, [5] dass es von ein und demselben

Ding mehrere Ursachen gibt.

Aus: Aristoteles, Metaphysik, (V. Buch, 2. Ursache,

1013a-1013b) übersetzt und herausgegeben von Franz

F. Schwarz. Stuttgart: Reclam. 1970. S.113-14

Aristoteles: Das Ziel

40 Bei allen Dingen ist aber deren Ziel das Beste,

um dessentwegen das Übrige geschieht; deshalb

muss man das Beste oder das Endziel in

der Definition angeben.

[Aristoteles: Organon, In: Topik, S. 147)]

Kant: Über Teleologie

Dass die Zergliederer der Gewächse und Tie-

45 re, um ihre Struktur zu erforschen und die

Gründe einsehen zu können, warum und zu

welchem Ende solche Teile, warum eine solche

Lage und Verbindung der Teile und gerade

diese innere Form ihnen gegeben worden,

50 jene Maxime: dass nichts in einem solchen

Geschöpf umsonst sei, als unumgänglich notwendig

annehmen, und sie eben so, als den

Grundsatz der allgemeinen Naturlehre: dass

nichts von ungefähr geschehe, geltend ma-

55 chen, ist bekannt. In der Tat können sie sich

auch von diesem teleologischen Grundsatze

eben so wenig lossagen, als von dem allgemeinen

physischen, weil, so wie bei Verlassung

des letzteren gar keine Erfahrung über-

60 haupt, so bei der des ersteren Grundsatzes

kein Leitfaden für die Beobachtung einer Art

von Naturdingen, die wir einmal teleologisch

unter dem Begriffe der Naturzwecke gedacht

haben, übrig bleiben würde.

65 Denn dieser Begriff [der Teleologie, M.Z.] führt

die Vernunft in eine ganz andere Ordnung der

Dinge, als die eines bloßen Mechanisms der

Natur, der uns hier nicht mehr genug tun will.

Eine Idee soll der Möglichkeit des Naturpro-

70 dukts zum Grunde liegen. [...]

Von Dingen, deren keines für sich als Zweck

anzusehen man Ursache hat, kann das äußere

Verhältnis nur hypothetisch für zweckmäßig

beurteilt werden. [...]

75 Ein Ding, seiner innern Form halber, als Naturzweck

beurteilen ist ganz etwas anderes,

als die Existenz dieses Dinges für Zweck der

Natur halten. Zu der letztern Behauptung bedürfen

wir nicht bloß den Begriff von einem

80 möglichen Zweck, sondern die Erkenntnis des

Endzwecks (scopus) der Natur, welches eine

Beziehung derselben auf etwas Übersinnliches

bedarf, die alle unsere teleologische Naturerkenntnis

weit übersteigt; denn der Zweck

85 der Existenz der Natur selbst muss über die

Natur hinausgesucht werden. [...]

3. ZUM DRITTEN SATZ

Kant: Über die Gattung

Es bleibt uns also, um den Menschen im System

der lebenden Natur seine Klasse anzuweisen

und so ihn zu charakterisieren, nichts

90 übrig als: dass er einen Charakter hat, den er

sich selbst schafft, indem er vermögend ist,

sich nach seinen von ihm selbst genommenen

Zwecken zu perfektionieren; wodurch er als

mit Vernunftfähigkeit begabtes Tier (animal

95 rationabile) aus sich selbst ein vernünftiges

Tier (animal rationale) machen kann; - wo er

dann: erstlich sich selbst und seine Art erhält,

zweitens sie übt, belehrt und für die häusliche

Gesellschaft erzieht, drittens sie als ein sys-

100 tematisches (nach Vernunftprinzipien geordnetes),

für die Gesellschaft gehöriges Ganze

regiert; wobei aber das Charakteristische der

Menschengattung in Vergleichung mit der Idee

möglicher vernünftiger Wesen auf Erden

105 überhaupt dieses ist: dass die Natur den Keim

der Zwietracht in sie gelegt und gewollt hat,

dass ihre eigene Vernunft aus dieser diejenige

Eintracht, wenigstens die beständige Annäherung

zu derselben herausbringe, welche letz-

110 tere zwar in der Idee der Zweck, der Tat nach

aber die erstere (die Zwietracht) in dem Plane

der Natur das Mittel einer höchsten, uns unerforschlichen

Weisheit ist: die Perfektionierung

des Menschen durch fortschreitende Kultur,

20


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wenn gleich mit mancher Aufopferung der Lebensfreuden

desselben, zu bewirken.

Aus: Kant, Anthropologie in pragmatischer Absicht.

Kant-Werke, Bd. 7, S.321

4. ZUM VIERTEN SATZ

Homo hominis lupus est. Der Mensch ist des

Menschen Wolf. Altes römisches Sprichwort

HOBBES:

Man mag vielleicht denken, dass es diesen

Zustand des Krieges aller gegen alle niemals

5 gegeben habe. Auch ich glaube, dass er niemals

in der ganzen Welt zugleich in dieser

Weise geherrscht hat. Sicher aber immer an

einigen Orten. [...]

(Thomas Hobbes, Leviathan oder Wesen, Form und

Gewalt des kirchlichen und bürgerlichen Staates. I. Der

Mensch. Hg. v. P. Mayer-Tasch in der Übers. von Dorothee

Tidow. Rowohlt, Reinbek 1965, S. 101)

ROUSSEAU:

Jedoch der Mensch ist von Natur gut, wie ich

bewiesen zu haben glaube. Was ist es also,

was ihn bis zu diesem Grade verdorben haben

kann, wenn nicht die unvermerkt eingetretenen

Veränderungen seiner Lebensweise, die

Fortschritte, die er gemacht, und die Kenntnisse,

die er erlangt hat? Man bewundere die

menschliche Gesellschaft soviel man will, es

wird doch nicht weniger wahr bleiben, dass sie

mit Notwendigkeit die Menschen dazu führt,

sich gegenseitig in dem Maße zu hassen als

ihre Interessen sich kreuzen und sie sich gegenseitig

scheinbar Dienste erweisen, in Wirklichkeit

aber sich alle nur vorstellbaren Übel

zufügen.

Aus: Jean Jacques Rousseau: Schriften zur Kulturkritik,

eingeleitet, übersetzt und herausgegeben von K.

Weigand. Verlag Felix Meiner, Hamburg, 1971, 2.,

erweiterte und durchgesehene Auflage

Es versteht sich, dass dieses nicht ein Prinzip

für die bestimmende, sondern nur für die reflektierende

Urteilskraft sei, dass es regulativ

und nicht konstitutiv sei, und wir dadurch nur

einen Leitfaden bekommen, die Naturdinge in

Beziehung auf einen Bestimmungsgrund, der

schon gegeben ist, nach einer neuen gesetzlichen

Ordnung zu betrachten, und die Naturkunde

nach einem andern Prinzip, nämlich

dem der Endursachen, doch unbeschadet

dem des Mechanisms ihrer Kausalität, zu erweitern.

Übrigens wird dadurch keinesweges

ausgemacht, ob irgend etwas, das wir nach

diesem Prinzip beurteilen, absichtlich Zweck

der Natur sei: ob die Gräser für das Rind oder

Schaf, und ob dieses und die übrigen Naturdinge

für den Menschen da sind. Es ist gut,

selbst die uns unangenehmen und in besondern

Beziehungen zweckwidrigen Dinge auch

von dieser Seite zu betrachten.

Friedrich Nietzsche (1844-1900): Über Geschichte

10 Fortschritt. - Dass wir uns nicht täuschen!

Die Zeit läuft vorwärts - wir möchten glauben,

dass auch alles, was in ihr ist, vorwärts

läuft, - dass die Entwicklung eine Vorwärts-

Entwicklung ist ... Das ist der Augenschein,

15 von dem die Besonnensten verführt werden.

Aber das neunzehnte Jahrhundert ist kein

Fortschritt gegen das sechzehnte: und der

deutsche Geist von 1888 ist ein Rückschritt

gegen den deutschen Geist von 1788 ... Die

20 „Menschheit“ avanciert nicht, sie existiert

nicht einmal. Der Gesamt-Aspekt ist der einer

ungeheuren Experimentier-Werkstätte,

wo einiges gelingt, zerstreut durch alle Zeiten,

und Unsägliches missrät, wo alle Ord-

25 nung, Logik, Verbindung und Verbindlichkeit

fehlt. Wie dürften wir verkennen, dass die

Heraufkunft des Christentums eine décadence-Bewegung

ist? ... Dass die deutsche

Reformation eine Rekrudeszenz 5 , der christ-

30 lichen Barbarei ist? ... Dass die Revolution

den Instinkt zur großen Organisation der

Gesellschaft zerstört hat? ... Der Mensch ist

kein Fortschritt gegen das Tier: der Kultur-

Zärtling ist eine Missgeburt im Vergleich

35 zum Araber und Korsen; der Chinese ist ein

wohlgeratener Typus, nämlich dauerfähiger,

als der Europäer ... Denken wir diesen Gedanken

in seiner furchtbarsten Form: das

Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel,

40 aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne ein

Finale ins Nichts: „die ewige Wiederkehr“.

Das ist die extremste Form des Nihilismus:

das Nichts (das „Sinnlose“) ewig! [...]

(Friedrich Nietzsche, Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre.

In: Friedrich Nietzsche, Werke in 3 Bdn. Hrsg.

von Karl Schlechta. Bd. III. München: Hanser, 1966,

S.676-678,828)

1. Welche These vertritt Nietzsche?

2. Womit begründet er seine These?

3. Wie steht Nietzsche zu Kants „Idee einer

allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher

Absicht“?

5 Rekrudeszenz: Verschlimmerung

21


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3 Brauchen Menschen Institutionen?

Die Instinkte bestimmen beim Menschen nicht, wie beim Tier, einzelne festgelegte Verhaltensabläufe.

Statt dessen nimmt jede Kultur aus der Vielheit der möglichen menschlichen

Verhaltensweisen bestimmte Varianten heraus und erhebt sie zu gesellschaftlich sanktionierten

Verhaltensmustern, die für alle Glieder der Gruppe verbindlich sind. Solche kulturellen

Verhaltensmuster oder Institutionen bedeuten für das Individuum eine Entlastung von

allzu vielen Entscheidungen, einen Wegweiser durch die Fülle von Eindrücken und Reizen,

von denen der weltoffene Mensch überflutet wird.“ (Ilse Schwidetzki, Fischer-Lexikon Anthropologie)

Dirk Hals: Lustige Gesellschaft (1625/26)

Gesellschaft ist die „umfassende Ganzheit

eines dauerhaft geordneten, strukturierten Zusammenlebens

von Menschen innerhalb eines

bestimmten räumlichen Bereichs (…) zur Erreichung

bestimmter Ziele oder Zwecke. (Hillmann)

Gesellschaft ist ein vieldeutig gebrauchter

Begriff, der im weitesten Sinne die Verbundenheit

von Lebewesen (Pflanzen, Tiere,

Menschen) mit anderen ihrer Art und ihr Eingebundensein

in den gleichen Lebenszusammenhang

bezeichnet; allein auf den Menschen

bezogen meint Gesellschaft die Menschheit

schlechthin oder bestimmte begrenzte Teile

davon (z. B. die Menschen einer Nation) und

weist auf deren Gliederung, (Rang-)Ordnung

und besonders strukturiertes Beziehungssystem

hin. Der Begriff Gesellschaft wurde

ursprünglich auch in vielerlei, zum Teil bis

heute geltenden besonderen Zusammenhängen

verwendet, z. B. für gelehrte Vereinigung,

Geheimgesellschaft und Handelsgesellschaft.

Meyer-Lexikon

(http://lexikon.meyers.de/meyers/Gesellschaft)

Festzug beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen 2007 in Aylmer (Kanada).

Unter Gemeinschaft (herrührend von dem Wort „gemein“,

vgl. „gemeinsam“) versteht man die zu einer

Einheit zusammengefassten Individuen (Gruppe),

wenn die Gruppe emotionale Bindekräfte aufweist und

ein Zusammengehörigkeitsgefühl (Wir-Gefühl) vorhanden

ist.

(Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinschaft)

Der Staat (Philipp Veit, 1836). „Germania“ mit dem

Buch des Gesetzes und dem Schwert der Gerechtigkeit

sowie dem Reichsadler als Personifikation des

weltlichen Regiments.

Als Staat bezeichnet man seit der europäischen Neuzeit

jede politische Ordnung, die ein gemeinsames als

Staatsgebiet abgegrenztes Territorium, ein dazugehöriges

Staatsvolk und eine Machtausübung über dieses

umfasst (sog. Drei-Elemente-Lehre)

(Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Staat)

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Thomas Hobbes

Die Notwendigkeit des Staates als Zwangsinstitution (1651)

Warum muss es überhaupt einen Staat geben? Zur Beantwortung dieser Frage könnte man auf

die unterschiedlichsten Aufgabenbereiche des Staates verweisen, von der Bildung bis zum

Straßenbau; es ließe sich jedoch bei vielen dieser Aufgaben einwenden, dass sie auch von anderen

Institutionen als dem Staat übernommen werden können. Der Soziologe Max Weber

5 (1864-1920) nannte als das entscheidende Merkmal des Staates, das ihn von allen anderen

Institutionen unterscheidet, das „Monopol der legitimen physischen Gewaltsamkeit“: Allein

die Vertreter des Staates sind berechtigt, Gewalt anzuwenden um Konflikte zu schlichten oder

die Einhaltung von Regeln zu garantieren, keine andere Organisation oder Privatperson, mag

sie auch noch so gute Gründe dafür haben. Das gilt vor allem für die Strafverfolgung, aber auch

10 für privaten Streit oder politische Aktionen. Diese Aufgaben des Staates können daher nicht

„privatisiert“ werden, im Gegensatz etwa zum Schulwesen oder der Post.

Dieses „Gewaltmonopol“ des Staates wurde erst im Absolutismus allmählich durchgesetzt,

gegen die Vielzahl der mittelalterlichen Teilgewalten (z. B. der kleineren Fürsten) und der Fehden

und Kleinkriege. Der Wunsch, einer solchen Gesellschaft voller gewalttätiger Konflikte eine

15 vernünftig begründete Ordnung entgegenzusetzen, war ein Hauptmotiv für die Staatsphilosophen

der frühen Neuzeit.

Dies trifft besonders für den Engländer Thomas Hobbes (1588-

1679) zu. Er begründete als einer der ersten modernen Staatsphilosophen

die Notwendigkeit des Staates - und seines Ge-

20 waltmonopols - konsequent nicht von religiösen oder metaphysischen

Voraussetzungen und auch nicht von der Gemeinschaft

her, sondern vom Interesse des Individuums aus. Wenn er dabei

von einem „Naturzustand“ ausgeht, so geht es ihm weniger

um eine historische Beschreibung als vielmehr um eine Art Ge-

25 dankenexperiment: Was wäre, wenn die Menschen ohne Einschränkung

durch einen Staat nur ihrer „Natur“ folgten? Hobbes

entwickelt dabei eine bestimmte Anthropologie: Für ihn ergibt

eine wissenschaftlich nüchterne und systematische Untersuchung

der menschlichen Natur, dass im „Naturzustand“ Konkur-

30 renzkampf und Machtstreben zu einem unerbittlichen Krieg aller gegen alle führen müssen. Aus

diesen Überlegungen entwickelt er dann eine Begründung des Staates.

Wenn die Zeit zur Erschließung der Hobbes-Texte nicht reicht, können die Grundideen

gut – als Mitschriftübung – anhand der Hör-CD zu Thomas Hobbes (Abschnitte 7 bis 12)

erarbeitet werden.

Der Naturzustand

Die Menschen sind von Natur aus gleich,

sowohl in ihren körperlichen als auch in den

35 geistigen Anlagen. Es mag wohl jemand

erwiesenermaßen stärker sein als ein anderer

oder schneller in seinen Gedankengängen,

wenn man jedoch alles zusammen

bedenkt, so ist der Unterschied zwischen

40 den einzelnen Menschen nicht so erheblich,

dass irgendjemand Veranlassung hätte sich

einen Anspruch daraus herzuleiten, den ein

anderer nicht mit dem gleichen Recht geltend

machen könnte. Man nehme nur die

45 Körperstärke: Selbst der Schwächste ist

stark genug auch den Stärksten zu vernichten;

er braucht sich nur einer List zu bedienen

oder sich zu verbinden mit anderen, die

in derselben Gefahr sind wie er.

50 Im Bereich der geistigen Fähigkeiten scheint

mir die Gleichheit noch offensichtlicher zu

sein - eine Ausnahme bilden nur die Künste,

die sich des Wortes bedienen, vor allein die

Wissenschaften, die nämlich verlangen,

55 dass man allgemein gültige Regeln abzuleiten

in der Lage ist, eine Fähigkeit, die nur

wenige und dann nur begrenzt auf einzelne

Denkbereiche besitzen, denn sie ist nicht

angeboren und kann auch nicht - wie die

60 Klugheit durch einfaches Schlussfolgern erworben

werden. Denn Klugheit ist nichts als

Erfahrung und diese wird allen in gleicher

Weise zuteil, wenn sie nur irgendeiner Sache

die gleiche Aufmerksamkeit schenken.

65 [...]

Dieser Gleichheit der Fähigkeiten entspringen

die gleichen Hoffnungen ein Ziel zu erreichen.

So werden zwei Menschen zu Feinden,

wenn beide zu erlangen versuchen,

23


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was nur einem von ihnen zukommen kann.

Um ihr Ziel zu erreichen (welches fast immer

ihrer Selbsterhaltung dient, nur selten

allein der größeren Befriedigung ihrer Be-

5 dürfnisse), trachten sie danach, den anderen

zu vernichten oder ihn sich untertan zu

machen. Hier öffnet sich das Feld für einen

Angreifer, der nicht mehr zu fürchten hat,

als die Macht eines Einzelnen. Derjenige

10 nämlich, der ein gutes Stück Land bepflanzt,

besät oder gar besitzt, wird fürchten

müssen, dass andere mit vereinten Kräften

kommen um ihn nicht nur seines Brotes,

sondern auch seines Lebens oder seiner

15 Freiheit zu berauben. Und der Angreifer

selbst ist wieder durch andere gefährdet.

Die Folge dieses wechselseitigen Argwohns

ist, dass sich ein jeder um seiner

Sicherheit willen bemüht dem anderen zu-

20 vorzukommen. So wird er sich so lange

gewaltsam oder hinterrücks des anderen zu

bemächtigen suchen, bis ihn keine größere

Macht mehr gefährden kann. Das verlangt

nur seine Selbsterhaltung und wird deshalb

25 allgemein gebilligt. Schon weil es einige

geben mag, die bestrebt sind, aus Machtgier

und Eitelkeit mehr an sich zu reißen,

als zu ihrer Sicherheit notwendig wäre. Die

aber, die glücklich wären sich in schmalen

30 Grenzen zu begnügen, würden schnell untergehen,

wenn sie sich - ein jeder für sich -

verteidigen würden und nicht danach trachteten,

durch Eroberungen ihre Macht zu

vergrößern. Folglich muss dem Menschen

35 die Ausweitung seiner Macht über andere,

zu der ihn sein Selbsterhaltungstrieb

zwingt, erlaubt sein.

Das Zusammenleben ist den Menschen

also kein Vergnügen, sondern schafft ihnen

40 im Gegenteil viel Kummer [...]. Ein jeder ist

darauf bedacht, dass die anderen ihn genauso

schätzen, wie er sich selbst. Auf jedes

Zeichen der Verachtung oder Geringschätzung

hin ist er daher bestrebt sich hö-

45 here Achtung zu erzwingen - bei den einen,

indem er ihnen Schaden zufügt, bei den

anderen durch das statuierte Exempel. Er

wird dabei so weit gehen, wie er es wagen

darf - was dort, wo es keine Ordnungsge-

50 walt gibt, zur wechselseitigen Vernichtung

führt.

So sehen wir drei Hauptursachen des Streites

in der menschlichen Natur begründet:

Wettstreben, Argwohn und Ruhmsucht.

55 Dem Wettstreben geht es um Gewinn, dem

Argwohn um Sicherheit, der Ruhmsucht um

Ansehen. Die erste Leidenschaft scheut

keine Gewalt, sich Weib, Kind und Vieh eines

anderen zu unterwerfen, ebenso wenig

60 die zweite, das Geraubte zu verteidigen,

oder die dritte, sich zu rächen für Belanglosigkeiten

wie ein Wort, ein Lächeln, einen

Widerspruch oder irgendein anderes Zeichen

der Geringschätzung, das entweder

65 ihm selbst oder aber seinen Kindern oder

Freunden, seinem Vaterland, seinem Gewerbe

oder seinem Namen entgegengebracht

wird. Und hieraus folgt, dass Krieg

herrscht, solange die Menschen miteinander

70 leben ohne eine oberste Gewalt, die in der

Lage ist die Ordnung zu bewahren. Und es

ist ein Krieg, den jeder Einzelne gegen jeden

führt. Der Krieg zeigt sich nämlich nicht nur

in der Schlacht oder in kriegerischen Ausei-

75 nandersetzungen. Es kann vielmehr eine

ganze Zeitspanne, in der die Absicht, Gewalt

anzuwenden, unverhüllt ist, ebenso Krieg

sein. Und deshalb ist der Begriff der Zeit mit

der Natur des Krieges ebenso untrennbar

80 verbunden wie mit dem Begriff des Wetters.

Macht doch nicht allein ein Regenschauer

das schlechte Wetter aus, sondern ebenso

sehr die tagelange Regenneigung. Und gleichermaßen

zeigt sich das Wesen des Krie-

85 ges nicht nur im wirklichen Gefecht, sondern

schon in einer Periode der offensichtlichen

Kriegsbereitschaft, in der man des Friedens

nicht sicher sein kann. Jeden anderen Zustand

aber mag man als Frieden bezeich-

90 nen.

Was immer die Folgen eines Krieges sein

mögen, in dem jeder des anderen Feind ist,

die gleichen Folgen werden auftreten, wenn

Menschen in keiner anderen Sicherheit le-

95 ben als der, die ihr eigener Körper und

Verstand ihnen verschafft. In einem solchen

Zustand gibt es keinen Fleiß, denn seine

Früchte werden ungewiss sein, keine Bebauung

des Bodens, keine Schifffahrt, kei-

100 nerlei Einfuhr von überseeischen Gütern,

kein behagliches Heim, keine Fahrzeuge zur

Beförderung von schweren Lasten, keine

geographischen Kenntnisse, keine Zeitrechnung,

keine Künste, keine Literatur, keine

105 Gesellschaft. Stattdessen: Ständige Furcht

und die drohende Gefahr eines gewaltsamen

Todes. Das Leben der Menschen: einsam,

arm, kümmerlich, roh und kurz.

Wer hierüber noch keine ernsthaften Erwä-

110 gungen angestellt hat, dem mag es wohl

befremdlich erscheinen, dass die Natur die

Menschen einander derart entfremdet haben

sollte, dass einer den anderen angreift und

vernichtet. Und er möchte gewiss gern durch

115 die Erfahrung bestätigt sehen, was sich aus

der triebhaften Veranlagung des Menschen

als notwendiger Schluss ergibt. Er braucht

aber nur selbst hinzusehen: Wenn er eine

Reise unternimmt, versieht er sich mit Waf-

120 fen und sucht zu seinem Schutz eine sichere

24


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Begleitung. Wenn er sich schlafen legt, verriegelt

er seine Tür und selbst die Schränke

in seinem eigenen Haus. Dabei weiß er

doch, dass es Gesetze gibt und Männer,

5 deren Pflicht es ist, ihn für jedes nur mögliche

Unrecht mit Waffengewalt zu rächen.

Was für eine Meinung muss er also von

seinen Mitbürgern haben, wenn er glaubt,

sich gegen sie rüsten zu müssen, was

10 muss er von seinen Nachbarn denken,

wenn er beim Schlafengehen die Türen

versperrt, und was von seinen Hausgenossen,

wenn er die Schränke verriegelt? Klagt

er die Menschheit mit solchem Handeln

15 nicht stärker an als ich mit meinen Worten?

[...]

Man mag vielleicht denken, dass es diesen

Zustand des Krieges aller gegen alle niemals

gegeben habe. Auch ich glaube, dass

20 er niemals in der ganzen Welt zugleich in

dieser Weise geherrscht hat. Sicher aber

immer an einigen Orten. [...]

Aber wie dem auch sei: Wie das Leben ohne

eine Furcht gebietende oberste Gewalt

25 aussehen würde, kann man aus dem Zustand

ersehen, in den Menschen, die vorher

unter einer friedlichen Regierung gelebt

haben, im Bürgerkrieg verfallen.

Und wenn es nie eine Zeit gegeben haben

30 sollte, in der jeder des anderen Feind gewesen

ist, so leben doch die Könige und

alle souveränen Machthaber aus Furcht vor

dem Verlust ihrer Unabhängigkeit in unaufhörlichem

Argwohn und in Stellung und

35 Haltung wie Gladiatoren; ihre Waffen sind

gezückt und einer belauert den anderen:

durch Festungen, Heere und Geschütze an

den Grenzen, durch Spione im Inneren. Es

herrscht also Krieg. Doch weil sie dadurch

40 ihre Untertanen in Tätigkeit halten, tritt nicht

jener elende Zustand ein, der die Folge der

absoluten Freiheit aller ist.

Wenn ein jeder gegen jeden Krieg führt, so

kann auch nichts als unerlaubt gelten. Für

45 die Begriffe Recht und Unrecht, Gerechtigkeit

und Ungerechtigkeit bleibt kein Raum.

Wo es keine Herrschaft gibt, gibt es auch

kein Gesetz. Wo es kein Gesetz gibt, kann

es auch kein Unrecht geben. List und Ge-

50 walt sind die einzigen Tugenden. Denn weder

Gerechtigkeit noch Ungerechtigkeit sind

Naturanlagen des Menschen - nicht geistige

und auch nicht körperliche. Wenn sie es

wären, so müssten sie auch einem Men-

55 schen, der ganz allein auf der Welt lebte,

eignen - ganz so wie sein Gefühl, wie seine

Triebe. Es kennt sie aber nur der Mensch in

der Gesellschaft, nicht der im Naturzustand.

Aus demselben Grunde auch gibt es keinen

60 Besitz, kein Eigentum, überhaupt keine

Vorstellung von mein und dein. Vielmehr

kann sich jeder alles aneignen und kann es

so lange für sich behaupten, wie er in der

Lage ist es zu sichern. So viel über jenen

65 armseligen Zustand, in den der Mensch von

Natur aus verwiesen ist.

1 Tragen Sie die Merkmale des Krieges aller

gegen alle, von dem Hobbes ausgeht, zusammen

und kennzeichnen Sie den Zustand,

in dem dieser Krieg herrscht.

2 Erarbeiten Sie Hobbes' Aussagen über die

menschliche Natur als Ursache für den

Krieg.

3 Veranschaulichen Sie sich das Gedankenexperiment

des „Naturzustands“, indem Sie

sich z. B. vorstellen,

a) in Ihrer Stadt würden Polizei und andere

Staatsorgane die Arbeit einstellen,

b) Ihre Mitschüler und Sie würden auf einer

einsamen Insel stranden.

4 Informieren Sie sich über den Inhalt von

Goldings Roman „Der Herr der Fliege“ und

machen Sie Parallelen zu Hobbes' Menschenauffassung

fest.

5 Wie müsste nach Hobbes menschliche Erziehung

gestaltet sein?

6 Diskutieren Sie die Berechtigung von Hobbes'

Bestimmung der menschlichen Natur

(ggf. unter Einbeziehung der in Aufgabe 3

genannten Romanhandlung).

Von den Ursachen, der Erzeugung und der

Definition eines Staates

Die Menschen, die von Natur aus Freiheit und

Herrschaft über andere lieben, führten die

Selbstbeschränkung, unter der sie, wie wir wis-

70 sen, in Staaten leben, letztlich allein mit dem

Ziel und der Absicht ein dadurch für ihre

Selbsterhaltung zu sorgen und ein zufriedeneres

Leben zu führen - das heißt, dem elenden

Kriegszustand zu entkommen, der, wie im 13.

75 Kapitel gezeigt wurde, aus den natürlichen Leidenschaften

der Menschen notwendig folgt,

dann nämlich, wenn es keine sichtbare Gewalt

gibt, die sie im Zaume zu halten und durch

Furcht vor Strafe an die Erfüllung ihrer Verträ-

80 ge und an die Beachtung der natürlichen Gesetze

zu binden vermag. [...] Der alleinige Weg

zur Errichtung einer solchen allgemeinen Gewalt,

die in der Lage ist die Menschen vor dem

Angriff Fremder und vor gegenseitigen Über-

85 griffen zu schützen und ihnen dadurch eine

solche Sicherheit zu verschaffen, dass sie sich

durch eigenen Fleiß und von den Früchten der

Erde ernähren und zufrieden leben können,

liegt in der Übertragung ihrer gesamten Macht

90 und Stärke auf einen Menschen oder eine Versammlung

von Menschen, die ihre Einzelwillen

durch Stimmenmehrheit auf einen Willen reduzieren

können. Das heißt so viel wie einen

Menschen oder eine Versammlung von Men-

95 schen bestimmen, die deren Person verkör-

25


phi2_10_Reader

pern sollen, und bedeutet, dass jedermann

alles als eigen anerkennt, was derjenige, der

auf diese Weise seine Person verkörpert, in

Dingen des allgemeinen Friedens und der

5 allgemeinen Sicherheit tun oder veranlassen

wird, und sich selbst als Autor alles dessen

bekennt und dabei den eigenen Willen und

das eigene Urteil seinem Willen und Urteil

unterwirft. Dies ist mehr als Zustimmung oder

10 Übereinstimmung: Es ist eine wirkliche Einheit

aller in ein und derselben Person, die durch

Vertrag eines jeden mit jedem zustande kam,

als hätte jeder zu jedem gesagt: Ich autorisiere

diesen Menschen oder diese Versammlung

15 von Menschen und übertrage ihnen mein

Recht mich zu regieren unter der Bedingung,

dass du ihnen ebenso dein Recht überträgst

und alle ihre Handlungen autorisierst. Ist dies

geschehen, so nennt man diese zu einer Per-

20 son vereinte Menge Staat, auf lateinisch civitas.

Dies ist die Erzeugung jenes großen Leviathan

oder besser, um es ehrerbietiger auszudrücken,

jenes sterblichen Gottes, dem wir

unter dem unsterblichen Gott unseren Frieden

25 und Schutz verdanken. Denn durch diese ihm

von jedem Einzelnen im Staate verliehene

Autorität steht ihm so viel Macht und Stärke

zur Verfügung, die auf ihn übertragen worden

sind, dass er durch den dadurch erzeugten

30 Schrecken in die Lage versetzt wird den Willen

aller auf den innerstaatlichen Frieden und

auf gegenseitige Hilfe gegen auswärtige

Feinde hinzulenken. Hierin liegt das Wesen

des Staates, der, um eine Definition zu ge-

35 ben, eine Person ist, bei der sich jeder Einzelne

einer großen Menge durch gegenseitigen

Vertrag eines jeden mit jedem zum Autor

ihrer Handlungen gemacht hat, zu dem

Zweck, dass sie die Stärke und Hilfsmittel

40 aller so, wie sie es für zweckmäßig hält, für

den Frieden und die gemeinsame Verteidigung

einsetzt. Wer diese Person verkörpert,

wird Souverän genannt und besitzt, wie man

sagt, höchste Gewalt und jeder andere

45 daneben ist sein Untertan.

Von den Rechten der Souveräne durch Einsetzung

Ein Staat wird eingesetzt genannt, wenn bei

einer Menge von Menschen jeder mit jedem

übereinstimmt und vertraglich übereinkommt,

dass jedermann, sowohl wer dafür als auch

50 wer dagegen stimmte, alle Handlungen und

Urteile jedes Menschen oder jeder Versammlung

von Menschen, denen durch die Mehrheit

das Recht gegeben wird die Person aller

zu vertreten, das heißt ihre Vertretung zu

55 sein, in derselben Weise autorisieren soll, als

wären sie seine eigenen, und dies zum Zweck

eines friedlichen Zusammenlebens und zum

Schutz vor anderen Menschen.

Von dieser Einsetzung eines Staates werden

60 alle Rechte und Befugnisse dessen oder derer

abgeleitet, denen die höchste Gewalt

durch die Übereinstimmung des versammelten

Volkes übertragen worden ist.

Aus dem Vertragsschluss muss geschlossen

65 werden, dass die Vertragsschließenden nicht

durch einen früheren Vertrag zu etwas verpflichtet

sind, was dem widerspricht. Folglich

können Menschen, die schon einen Staat eingesetzt

haben, nicht rechtmäßig ohne seine

70 Erlaubnis einen neuen Vertrag untereinander

schließen einem anderen in irgendeiner Sache

Gehorsam zu leisten, da sie vertraglich gebunden

sind die Handlungen und Urteile des einen

als eigene anzuerkennen. Und deshalb können

75 die Untertanen eines Monarchen weder ohne

seine Erlaubnis die Monarchie abschütteln und

zu den wirren Zuständen einer ungeeinten

Menge zurückkehren noch ihre Person von

dem, der sie verkörpert, auf einen anderen

80 Menschen oder eine andere Versammlung von

Menschen übertragen, denn jeder ist jedem

gegenüber verpflichtet, alles, was ihr derzeitiger

Souverän tun und für eine geeignete Maßnahme

halten wird, als eigene Handlung anzu-

85 erkennen und sich als ihr Autor ansehen zu

lassen [...].

Da von den Vertragsschließenden das Recht

ihre Person zu verkörpern, demjenigen, den

sie zum Souverän ernennen, nur durch einen

90 untereinander und nicht zwischen ihm und jedem

Einzelnen von ihnen abgeschlossenen

Vertrag übertragen wurde, kann seitens des

Souveräns der Vertrag nicht gebrochen werden

und folglich kann sich keiner seiner Unter-

95 tanen von seiner Unterwerfung befreien, indem

er sich auf Verwirkung beruft. [...]

Da jeder Untertan durch diese Einsetzung Autor

aller Handlungen und Urteile des eingesetzten

Souveräns ist, so folgt daraus, dass dieser

100 durch keine seiner Handlungen einem seiner

Untertanen Unrecht zufügen kann und dass er

von keinem von ihnen eines Unrechts angeklagt

werden darf. Denn wer aufgrund der Autorität

eines anderen eine Handlung vornimmt,

105 tut damit dem kein Unrecht, aufgrund von dessen

Autorität er handelt. Bei dieser Einsetzung

eines Staates ist aber jeder Einzelne Autor

alles dessen, was der Souverän tut, und folglich

beklagt sich, wer sich über ein Unrecht

110 seines Souveräns beklagt, über etwas, wovon

er selbst Autor ist und darf deshalb niemanden

anklagen als sich selbst. Und sich selbst kann

er nicht wegen eines Unrechts anklagen, da es

unmöglich ist, sich selbst Unrecht zu tun. Es ist

115 richtig, dass die Inhaber souveräner Gewalt

unbillige Handlungen begehen können, nicht

aber Ungerechtigkeit oder Unrecht im eigentlichen

Sinn. Es folgt aus dem zuletzt Gesagten,

dass niemand, der souveräne Gewalt innehat,

120 rechtmäßig hingerichtet oder auf eine andere

Weise von seinen Untertanen bestraft werden

kann. Denn da jeder Untertan Autor der Handlungen

seines Souveräns ist, so bestraft er

einen anderen für die Handlungen, die er

125 selbst begangen hat.

26


phi2_10_Reader

Da der Zweck dieser Einsetzung Frieden und

Verteidigung aller ist und jeder, der ein Recht

auf den Zweck hat, auch ein Recht auf die

Mittel dazu hat, so gehört es zu dem Recht

5 jedes souveränen Menschen oder jeder souveränen

Versammlung, Richter über die Mittel

zum Frieden und zur Verteidigung sowie über

das zu sein, was diese hindert und stört. Ferner

sind sie berechtigt, alles, was ihrer Mei-

10 nung nach zur Erhaltung von Frieden und Sicherheit

nötig ist, vorbeugend zu tun, indem

sie innere Zwietracht und Feindschaft von

außen verhindern, und das Nötige zu tun um

Frieden und Sicherheit wiederzugewinnen,

15 wenn sie verloren gegangen sind. Deshalb ist

auch, [...] mit der Souveränität verbunden darüber

Richter zu sein, welche Meinungen und

Lehren dem Frieden abträglich sind und welche

dazu führen, und folglich, bei welchen

20 Anlässen, wie weitgehend und bei was man

den Menschen überhaupt vertrauen darf,

wenn sie Reden an Volksmengen halten, und

wer die Lehren aller Bücher vor Veröffentlichung

überprüfen soll. Denn die Handlungen

25 der Menschen entspringen ihren Meinungen

und eine gute Lenkung der menschlichen

Handlungen, die Frieden und Eintracht unter

ihnen bewirken soll, besteht in einer guten

Lenkung ihrer Meinungen. Und obwohl in den

30 mit Lehre zusammenhängenden Fragen ausschließlich

an die Wahrheit zu denken ist, so

steht dem doch ihre Regelung aus Gründen

des Friedens nicht entgegen.

[...] Mit der Souveränität ist die gesamte Zu-

35 ständigkeit zum Erlass der Regeln verbunden,

aus denen jeder entnehmen kann, welche

Güter er genießen und welche Handlungen er

vornehmen darf ohne von einem seiner Mit-

Untertanen belästigt zu werden. Und dies ist

40 es, was man Eigentum nennt. Denn vor der

Einsetzung der souveränen Gewalt besaßen,

wie schon gezeigt wurde, alle Menschen ein

Recht auf alles, was notwendigerweise Krieg

verursacht. Und deshalb stellt dieses Eigen-

45 tum, da es für den Frieden notwendig und von

der souveränen Gewalt abhängig ist, eine

Maßnahme dieser Gewalt zur Herstellung des

öffentlichen Friedens dar. [...]

Mit der Souveränität ist das Recht der Recht-

50 sprechung verbunden, das heißt des Anhörens

und Entscheidens aller Streitfälle, die

sich aus dem bürgerlichen oder natürlichen

Gesetz ergeben können oder die Tatsachen

betreffen. Denn ohne die Entscheidung von

55 Streitfällen gibt es keinen Schutz eines Untertanen

vor den Verletzungen durch einen anderen,

die meum und tuum 6 betreffenden Gesetze

sind nutzlos und jedermann behält aufgrund

des natürlichen und notwendigen

60 Selbsterhaltungstriebs das Recht, sich selbst

durch seine eigene Stärke zu schützen, was

Kriegszustand bedeutet und dem Zweck der

Einsetzung eines jeden Staates entgegensteht.

[...] Wenn in einem auswärtigen oder

65 inneren Krieg die Feinde den Endsieg erringen,

so dass ein weiterer Schutz der

staatstreuen Untertanen nicht mehr möglich ist,

da die Kräfte des Staates das Feld nicht länger

beherrschen, dann ist der Staat aufgelöst und

70 jedermann frei sich in der Weise zu schützen,

die ihm sein eigener Verstand anrät. Denn der

Souverän ist die öffentliche Seele, die dem

Staat Leben und Bewegung verleiht; wird sie

ausgehaucht, so werden die Glieder von ihr

75 nicht mehr gelenkt als der Leichnam eines

Menschen von seiner entwichenen - wenn

auch unsterblichen - Seele. Denn kann auch

das Recht eines souveränen Monarchen durch

die Handlung eines anderen nicht zum Erlö-

80 schen gebracht werden, so aber doch die Verpflichtung

der Glieder. Denn ein Schutzloser

darf überall Schutz suchen und hat er ihn gefunden,

so ist er verpflichtet seine Schutzmacht

so lange er kann zu schützen, ohne dass er

85 betrügerisch geltend machen kann, er habe

sich aus Furcht unterworfen.

(Thomas Hobbes, Leviathan oder Wesen, Form und

Gewalt des kirchlichen und bürgerlichen Staates. I. Der

Mensch. Hg. v. P. Mayer-Tasch in der Übers. von Dorothee

Tidow. Rowohlt, Reinbek 1965, S. 96-101 (Naturzustand)

bzw. S. 131-144)

1 Informieren Sie sich über Hobbes' Konzeption

des Naturzustandes. Können Hobbes'

anthropologische Aussagen mit Recht als

Aussagen über die menschliche Natur gelten?

2 Rekonstruieren Sie Hobbes' Herleitung seiner

Staatsvorstellung aus seiner Konzeption

vom Naturzustand. Welche Konsequenzen

ergeben sich für das Verhältnis von Individuum

und Staat? Ist diese Herleitung

überzeugend?

Unter welchen Bedingungen endet für Hobbes

die Gehorsamspflicht des Bürgers gegenüber

dem Staat?

3 Erarbeiten Sie die Merkmale des Staates

bei Hobbes. Auf welche Staatsform treffen

diese Merkmale am ehesten zu und in welchen

politischen Einstellungen und Bewegungen

findet man - auch heute - Hobbes'

Gedanken wieder?

5 Die absolutistischen Könige legitimierten

ihre Herrschaft religiös, sie betrachteten

sich als von Gott eingesetzt. Inwiefern widerspricht

Hobbes 'Staatsbegründung einem

solchen Selbstverständnis?

4 Übertragen Sie die Theorie von Hobbes zu

Naturzustand und Staatsbegründung auf

das Verhältnis der Staaten untereinander.

5 Gibt es Ihrer Ansicht nach Situationen, in

denen man das staatliche Gewaltmonopol

nicht akzeptieren und z. B. ein Haus oder

den Bauplatz eines Atomkraftwerks besetzen

sollte?

6 meum, tuum (latein.): mein, dein

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phi2_10_Reader

Anmerkung: Leviathan Leviathan (hebr. לויתן liwjatan „der sich Windende“) ist der Name eines

Seeungeheuers der jüdisch-christlichen Mythologie. Er besitzt die Gestalt einer Schlange oder eines

Drachens.

Da jegliches menschliche Mühen vor einem derartigen Ungeheuer zuschanden werden muss (vgl.

auch Hiob 3,8), bleibt es Gott selbst vorbehalten, am Ende der Zeit den Leviathan zu besiegen.

Nach Psalm 74,14 wird er „ihm den Kopf zermalmen“, nach Jes 27,1 „mit seinem harten, großen,

starken Schwert (...) töten“, nach anderer Übersetzung auch erwürgen. Nach dem Traktat Moed

Katan im Babylonischen Talmud schließlich wird der Leviathan aus dem Meer geangelt wie ein

gewöhnlicher Fisch.

Schulbuch-Kommentar zu Hobbes’ Leviathan

Hobbes hat ein zentrales Element des modernen Staatsverständnisses formuliert: Anders als im

Mittelalter beruht die Legitimität staatlicher Herrschaft, d. h. ihr Anspruch anerkannt zu werden,

nicht auf einer göttlichen Weltordnung, sondern darauf, dass die Menschen aus eigenem Interesse

Macht an den Staat übertragen; an die Stelle der organisch gewachsenen Gemeinschaft tritt - wie

5 im Wirtschaftsleben - der Zusammenschluss unabhängiger Individuen in einem Vertrag, z. B. einer

Verfassung („Vertragstheorie“).

Die staatstheoretischen Vorstellungen, die Hobbes von diesem Ansatz aus entwickelt, sind jedoch

umstritten. Die Kritik setzt schon bei den anthropologischen Voraussetzungen an, bei der These

von der „Wolfsnatur“ des Menschen. Sicher: Viele Erfahrungen bestätigen die nüchtern-

10 pessimistischen Aussagen von Hobbes; aber kann man daraus schon Aussagen über ein festes

Wesen des Menschen, über seine „Natur“ ableiten? Solche Wesensaussagen über den Menschen

sind fragwürdig. Vor allem die anarchistischen und marxistischen Staatstheoretiker bestreiten zudem,

dass das, was unter den Bedingungen des Bürgerkriegs oder der „Ellenbogengesellschaft“

zum Vorschein kommt, die menschliche Natur sei. Der Mensch im „Naturzustand“, wie Hobbes ihn

15 beschreibt, ist für sie vielmehr gerade der von Staat und Gesellschaft seiner (und unserer) Zeit geprägte

Mensch.

Aber selbst wenn man von Hobbes' eigenen Voraussetzungen ausgeht, bleiben seine staatsphilosophischen

Folgerungen problematisch: Das Interesse des Einzelnen, der Ausgangspunkt seiner

Staatsbegründung, wird durch die völlige Auslieferung dieses Einzelnen an den Staat gefährdet;

20 wer im Interesse seiner Sicherheit all seine Rechte an den Staat abgibt, muss fürchten gerade vom

Staat in seiner Sicherheit beeinträchtigt zu werden.

Daher vertreten die im Folgenden vorgestellten liberalen Staatsphilosophen eine andere Staatskonzeption.

Sie teilen zwar Hobbes' Einschätzung, dass menschliches Zusammenleben immer bedroht

sein wird von Konflikten und man daher einen Staat braucht; für sie ist es jedoch vor allem

25 Aufgabe der Staatsordnung, die Freiheit des Individuums auch gegen den Staat zu schützen.

(Aus: Zugänge zur Philosophie)

Legitimität bedeutet, dass der mit einer politischen Ordnung verbundene Anspruch, als richtig

und gerecht anerkannt zu werden, gute Argumente für sich hat; eine legitime Ordnung verdient

Anerkennung. Mit dieser Definition wird hervorgehoben, dass Legitimität ein bestreitbarer

Geltungsanspruch ist, von dessen (mindestens) faktischer Anerkennung die Stabilität der

30 Herrschaftsordnung (auch) abhängt.

Aus: Jürgen Habermas: Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus. Frankfurt: Suhrkamp 1976.

S.271-273

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Immanuel Kant: Über den Naturzustand (1797)

Die Garantie des Rechts ist für Kant der Legitimationsgrund

des Staates; den staatlich

garantierten Rechtszustand stellt er dabei

wie seine Vorgänger einem (hypothetischen)

Naturzustand gegenüber.

Es ist nicht etwa die Erfahrung, durch

die wir von der Maxime der Gewalttätigkeit

der Menschen belehrt werden, und

ihrer Bösartigkeit, sich, ehe eine äußere

5 machthabende Gesetzgebung erscheint,

einander zu befehden, also

nicht etwa ein Faktum, welches den öffentlich

gesetzlichen Zwang notwendig

macht, sondern, sie mögen auch so gut-

10 artig und rechtliebend gedacht werden,

wie man will, so liegt es doch a priori in

der Vernunftidee eines solchen (nichtrechtlichen)

Zustandes, dass, bevor ein

öffentlich gesetzlicher Zustand errichtet

15 worden, vereinzelte Menschen, Völker

und Staaten niemals vor Gewalttätigkeit

gegen einander sicher sein können, und

zwar aus jedes seinem eigenen Recht,

zu tun, was ihm recht und gut dünkt,

20 und hierin von der Meinung des anderen

nicht abzuhängen; mithin das erste,

was ihm zu beschließen obliegt, wenn

er nicht allen Rechtsbegriffen entsagen

will, der Grundsatz sei: man müsse aus

25 dem Naturzustande, in welchem jeder

seinem eigenen Kopfe folgt, herausgehen

und sich mit allen anderen (mit denen

in Wechselwirkung zu geraten er

nicht vermeiden kann) dahin vereinigen,

30 sich einem öffentlich gesetzlichen äußeren

Zwange zu unterwerfen, also in einen

Zustand treten, darin jedem das,

was für das Seine anerkannt werden

soll, gesetzlich bestimmt, und durch hin-

35 reichende Macht (die nicht die seinige,

sondern eine äußere ist) zu Teil wird, d.

i. er solle vor allen Dingen in einen bürgerlichen

Zustand treten. Zwar durfte

sein natürlicher Zustand nicht eben dar-

40 um ein Zustand der Ungerechtigkeit [...]

sein, einander nur nach dem bloßen

Maße seiner Gewalt zu begegnen; aber

es war doch ein Zustand der Rechtlosigkeit

[...], wo, wenn das Recht streitig

45 [...] war, sich kein kompetenter Richter

fand, rechtskräftig den Ausspruch zu

tun, aus welchem nun in einen rechtlichen

zu treten ein jeder den anderen

mit Gewalt antreiben darf; weil, obgleich

50 nach jedes seinen Rechtsbegriffen etwas

Äußeres durch Bemächtigung oder

Vertrag erworben werden kann, diese

Erwerbung doch nur provisorisch ist,

solange sie noch nicht die Sanktion ei-

55 nes öffentlichen Gesetzes für sich hat,

weil sie durch keine öffentliche [...] Gerechtigkeit

bestimmt, und durch keine

dies Recht ausübende Gewalt gesichert

ist.

(Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, In: 1. Kant,

Werke in 12 Bdn. Hrsg. von Wilhelm Weischedel. Bd.

VIII, Frankfurt/M.: Suhrkamp 5 1982, S. 430 f. [A 163 f.])

Wie unterscheidet sich Kants Theorie von

der Hobbes’ in Bezug auf die Konzeption

des Naturzustands und die Aufgabe und

Legitimation des Staates?

Projekt (Plakatwettbewerb)

Gestalten Sie in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit ein Plakat, das im Berlin-Kolleg aufgehangen

werden kann und den KollegiatInnen und LehrerInnen einen Eindruck von dem gibt,

was im Semester „Mensch und Gesellschaft“ im Philosophieunterricht gemacht wird.

29


phi2_10_Reader

Hannah Arendt: Der Verlust politischer Initiative durch das Aufkommen

der Massengesellschaft

Hannah Arendt (1906-1975) wuchs als Schülerin

von Heidegger und Jaspers zunächst in die Tradition

europäischer Philosophie hinein. Als Jüdin

mit dem Heraufziehen des Nationalsozialismus

immer stärker werdender Ausgrenzung und Verfolgung

ausgesetzt, emigrierte sie 1933 nach

Paris und 1940 in die USA. Hier widmete sie sich

einer radikalen Analyse des Zusammenbruchs

demokratischer und humaner Politik (Elemente

und Ursprünge totalitärer Herrschaft, 1951) und

der Wiederherstellung eines tragfähigen Politikbegriffs

unter Anknüpfung an die Antike (Vita

activa, 1958). Bestimmend für die politische Philosophie

Hannah Arendts war die Wiedergewinnung

der vom Einzelnen ausgehenden Handlungsfreiheit

gegenüber Kollektiven jeder Art im

gemeinsamen Ringen um zentrale Entscheidungen

bei der Gestaltung des Gemeinwesens.

Entscheidend ist dabei ihr Begriff des „Handelns“,

den sie von der „Arbeit“ und dem „Herstellen“

abgrenzt. Erst das Handeln als kreativer,

originärer und kommunikativer Akt des freien

Einzelnen ist ein gestalterischer Beitrag zum

Gemeinwesen und dessen Gelingen. (s. Fußnote)

Die Rebellion gegen die Gesellschaft, in

der Rousseau und die Romantik nach ihm

das Intime entdeckten, richtete sich vor

allem gegen ihre nivellierenden 7 Züge,

gegen das, was wir heute Konformismus

nennen und was in Wahrheit ein Merkmal

aller Gesellschaft ist. Hierfür spricht

schon, dass diese Rebellion so früh einsetzte,

nämlich bevor das Prinzip der

Gleichheit, das wir seit Tocqueville für den

Konformismus verantwortlich zu machen

geneigt sind, Zeit gehabt hatte, sich in

dem sozialen Körper und den politischen

Institutionen wirklich zur Geltung zu bringen.

Es ist in diesem Zusammenhang

nicht relevant, ob die Nation aus Gleichen

oder Ungleichen besteht, denn die Gesellschaft

verlangt von denen, die ihr

überhaupt zugehören, immer, dass sie

sich wie Glieder einer großen Familie verhalten,

in der es nur eine Ansicht und nur

ein Interesse geben kann. Vor dem neuzeitlichen

Zerfall der Familie war dies einheitliche

Interesse wie die zu ihm gehörige

Meinung über die Welt von dem Familienoberhaupt

repräsentiert, dessen Herrschaft

Meinungsverschiedenheiten und

Interessenkonflikte im Schoße der Familie

verhinderte. Das auffallende Zusammen-

7 nivellieren: gleichmachen

fallen des Aufstiegs des Gesellschaftlichen

mit dem Verfall der Familie weist

deutlich darauf hin, dass die Gesellschaft

ihre Entstehung unter anderem dem verdankt,

dass die Familie von den Gruppen

absorbiert wurde, die ihr jeweils sozial

entsprachen, d. h. mit denen sie sich ungefähr

auf dem gleichen Lebensniveau

befand. Die Gleichheit zwischen den Mitgliedern

der Gesellschaft hat infolgedessen

nichts mit der Gleichheit der Ebenbürtigkeit,

dem Sich-unter-seinesgleichen-

Befinden, zu tun, das wir aus dem klassischen

Altertum als Bedingung des Politischen

kennen; sie erinnert eher an die

Gleichheit aller Glieder einer Familie unter

der despotischen Macht des Familienoberhaupts;

nur dass es einer solchen

Herrschaft, ausgeübt durch einen Einzelnen,

der das gemeinsame Interesse und

die einstimmige Meinung repräsentierte,

innerhalb der Gesellschaft nicht bedurfte,

da hier ja die natürlich gewachsene Kraft

von Familieninteressen durch die schiere

Addierung vieler Familien in eine Gruppe

ungeheuer verstärkt wurde. Man bedurfte

hier in der Tat der Herrschaft durch Einen

nicht mehr, weil die Stoßkraft des Interesses

selbst an ihre Stelle getreten war.

Konformismus, wie wir ihn kennen, wo

völlige Einstimmigkeit in voller Freiwilligkeit

erreicht wird, ist nur das letzte Stadium

dieser Entwicklung. Zwar hat das monarchische

Prinzip der Ein-Herrschaft, das

die Antike für die typische Organisationsform

des Haushalts hielt, sich innerhalb

der modernen Gesellschaft - die nicht

mehr, wie in den Anfangsstadien ihrer

Entwicklung, von dem höfischen Haushalt

des absoluten Königtums repräsentiert

wird - insofern gewandelt, als in der Gesellschaft

gerade niemand herrscht oder

regiert. Aber dieser Niemand, nämlich die

hypothetische Einheitlichkeit des ökonomischen

Gesellschaftsinteresses wie die

hypothetische Einstimmigkeit der gängigen

Meinungen in den Salons der guten

Gesellschaft regiert deshalb nicht weniger

despotisch, weil er an keine Person gebunden

ist. Wir kennen das Phänomen

der Herrschaft dieses Niemand nur zu gut

von der „sozialsten“ aller Staatsformen,

nämlich der Bürokratie, die nicht zufällig

30


phi2_10_Reader

im letzten Stadium der nationalstaatlichen

Entwicklung zur Herrschaft kommt, nämlich

einer Entwicklung, deren Anfang

durch die absolute Monarchie des aufgeklärten

Despotismus gekennzeichnet war.

Die Herrschaft des Niemands ist sowenig

Nicht-Herrschaft, dass sie sich unter gewissen

Umständen sogar als eine der

grausamsten und tyrannischsten Herrschaftsformen

entpuppen kann.

Entscheidend für diese Phänomene ist

schließlich nur, dass die Gesellschaft in

allen ihren Entwicklungsstadien das Handeln

8 genauso ausschließt wie früher der

Bezirk des Haushaltes und der Familie.

An seine Stelle ist das Sich-Verhalten getreten,

das in jeweils verschiedenen Formen

die Gesellschaft von allen ihren Gliedern

erwartet und für welches sie zahllose

Regeln vorschreibt, die alle darauf hinauslaufen,

die Einzelnen gesellschaftlich zu

normieren, sie gesellschaftsfähig zu machen,

und spontanes Handeln wie hervorragende

Leistungen zu verhindern. Bei

Rousseau handelt es sich noch um die

Salons der guten Gesellschaft, deren

Konvention den Einzelnen mit der Stellung,

die er in der Rangordnung der Gesellschaft

einnimmt, identifiziert. Für diese

Identifizierung von Person und gesellschaftlicher

Stellung ist es verhältnismäßig

gleichgültig, ob sie sich im Rahmen

einer noch halb-feudalen Ordnung voll-

8 Hannah Arendt unterscheidet drei menschliche Tätigkeiten:

Arbeiten (= biologische Lebenserhaltung), Herstellen

(von nichtverzehrbaren Produkten, Erschaffung

von Welt) und Handeln.

Im Handeln stellen sich die Menschen dar, sie zeigen,

wer sie sind und was sie mit sich und aus sich machen

wollen. Handeln ist alles, was zwischen den Menschen

geschieht, wenn es nicht unmittelbar der Arbeit oder

dem Herstellen dient. Das Handeln macht das Theater

der Welt aus, und deshalb wird auch auf den Brettern,

die die Welt bedeuten, gehandelt: die Dramen der Liebe,

der Eifersucht, der Politik, des Krieges, das Gespräch,

die Erziehung, die Freundschaft. Nur weil die

Menschen frei sind, können sie handeln. Und die Vielfalt

der sich kreuzenden und verwobenen Handlungen

ergibt das Chaos der menschlichen Wirklichkeit, und

daher gibt es menschliche Geschichte, die keiner berechenbaren

Logik folgt. Geschichte wird nicht »hergestellt«

und ist auch kein »Arbeitsprozess«; sie ist überhaupt

kein Prozess, sondern ein diskontinuierliches

Geschehen, hervorgebracht durch die konfliktreiche

Pluralität von handelnden Menschen. [...]

Vom »Standpunkt der natürlichen Vorgänge« und der

»automatischen Prozesse, die den Lauf der Welt eindeutig

zu bestimmen scheinen«, nimmt sich das Handeln

»wie ein Kuriosum oder wie ein Wunder aus«.

Handeln bedeutet, Initiative ergreifen zu können. Initium

- der Anfang.

Aus: Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland.

Heidegger und seine Zeit. Frankfurt am Main: Fischer.

2001. S.420-424

zieht, wo gesellschaftliche Stellung und

Rang zusammenfallen, oder in der Klassengesellschaft

des neunzehnten Jahrhunderts,

in der Titel entscheidend waren,

oder schließlich in der heutigen Massengesellschaft,

der es nur noch um Funktionen

innerhalb des Gesellschaftsprozesses

zu tun ist. Was sich in der Massengesellschaft

geändert hat, ist lediglich, dass

jetzt die einzelnen sozialen Gruppen, die

aus dem Zerfall der Familie entstanden

waren, das Schicksal der ursprünglichsten

gesellschaftlichen Gruppe, der Familie,

teilen; denn so wie die Gesellschaft die

Familie einst absorbiert hat, so hat in unserem

Jahrhundert die Massengesellschaft

schließlich die sozialen Klassen

und Gruppierungen aufgesogen und nivelliert.

In der Massengesellschaft hat das

Gesellschaftliche nach einer jahrhundertelangen

Entwicklung schließlich den Punkt

erreicht, wo es jeweils alle Glieder einer

Gemeinschaft gleichermaßen erfasst und

mit gleicher Macht kontrolliert. Die Massengesellschaft

zeigt den Sieg der Gesellschaft

überhaupt an; sie ist das Stadium,

in dem es außerhalb der Gesellschaft

stehende Gruppen schlechterdings nicht

mehr gibt. Das Gleichmachen ist aber der

Gesellschaft unter allen Umständen eigentümlich,

und der Sieg der Gleichheit in

der modernen Welt ist nur die politische

und juristische Anerkennung der Tatsache,

dass die Gesellschaft den Bereich

des Öffentlichen erobert hat, wobei automatisch

Auszeichnung und Besonderheit

zu Privatangelegenheiten von Einzelindividuen

werden.

Aus: Hannah Arendt: Vita activa oder vom tätigen

Leben. München: Piper 3 1983. S.40-42

1. Charakterisieren Sie die Art der Gleichheit

der Mitglieder einer Gesellschaft aus der

Sicht Hannah Arendts.

2. Bestimmen Sie die Radikalisierung der Gefährdungen

des Einzelnen und seines Handelns

in der Gesellschaft.

3. Finden Sie Beispiele für den gesellschaftlichen

Druck zur Konformität im Sinne A-

rendts in unseren gegenwärtigen Verhältnissen.

4. Entdecken Sie „Ventile“ in unserer heutigen

Gesellschaft, die als Kompensation (Ausgleich)

für die abgedrängte Möglichkeit zum

Handeln dienen.

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phi2_10_Reader

Demokratie heißt, die

Wahl haben. Diktatur

heißt, vor die Wahl gestellt

sein.

Jeannine Luczak

Demokratie ist die Wahl

durch die beschränkte

Mehrheit anstelle der Ernennung

durch die bestechliche

Minderheit.

George Bernard Shaw

Das demokratische System,

zu dem unser Staat

sich bekennt, beruht auf

der Überzeugung, dass

man den Menschen die

Wahrheit sagen kann.

Carl Friedrich von Weizsäcker

(*1912), dt. Physiker

Demokratie lebt vom

Streit, von der Diskussion

um den richtigen Weg.

Deshalb gehört zu ihr der

Respekt vor der Meinung

des anderen.

Richard von Weizsäcker

(*1920), dt. Politiker

(CDU), 1984-94 Bundespräsident

Die Medien sind bellende

Wachhunde der Demokratie,

und die Demokratie

ist bekanntlich das beste

politische System, weil

man es ungestraft beschimpfen

kann.

Ephraim Kishon

Durch Ruhe und Ordnung

kann die Demokratie

ebenso gefährdet werden

wie durch Unruhe und

Unordnung.

Hildegard Hamm-Brücher

(*1921), dt. Politikerin

(FDP)

Demokratie

Die Demokratie setzt die Vernunft des

Volkes voraus, die sie erst hervorbringen

soll.

Karl Jaspers

Demokratie, das ist die Kunst, sich an die

Stelle des Volkes zu setzen und ihm feierlich

in seinem Namen, aber zum Vorteil

einiger guter Hirten, die Wolle abzuscheren.

Romain Rolland

Die Demokratie darf nicht so weit gehen,

dass in der Familie darüber abgestimmt

wird, wer der Vater ist.

Willy Brandt (1913-92), dt. Politiker (SPD),

1969-74 Bundeskanzler, 1971 Friedensnobelpr.

Es kann nicht die Aufgabe eines Politikers

sein, die öffentliche Meinung abzuklopfen

und dann das Populäre zu tun. Aufgabe

des Politikers ist es, das Richtige zu tun

und es populär zu machen.

Walter Scheel

Unter Demokratie verstehe ich, dass sie

dem Schwächsten die gleichen Chancen

einräumt wie dem Stärksten.

Mahatma Gandhi (1869-1948), ind.

Rechtsanwalt, Führer d. ind. Befreiungsbewegung

Demokratie: die Regierung

des Volkes durch

das Volk für das Volk.

Abraham Lincoln

Demokratie ist die Verfallsform

des Staates.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

= Diejenige Staatsform,

die sich am wenigsten

gegen ihre Gegner wehrt.

Es scheint ihr tragisches

Schicksal zu sein, dass

sie auch ihren ärgsten

Feind an ihrer eigenen

Brust nähren muss.

Hans Kelsen (1881-1973),

östr. Staatsrechtslehrer d.

Weimarer Zeit

Demokratie ist auf der

Überzeugung aufgebaut,

daß gewöhnliche Menschen

ungewöhnliche Fähigkeiten

haben.

Harry Emerson Fosdick

(1878-1969), amerik.

Geistlicher

Die Frage, wer herrschen

soll, ist falsch gestellt. Es

genügt, wenn eine

schlechte Regierung abgewählt

werden kann.

Das ist Demokratie.

Karl Raimund Popper

(1902-94), brit. Philosoph

u. Wissenschaftslogiker

östr. Herk.

Das Zeitalter ist unphilosophisch

und feig; es hat

nicht den Mut zu entscheiden,

was wert und

was unwert ist, und Demokratie,

auf das knappeste

ausgedrückt, bedeutet:

Tun, was geschieht!

Robert Musil, Der Mann

ohne Eigenschaften

32


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Zu Problemen der Demokratie

Ulrich von Alemann

Probleme der Demokratie und der demokratischen Legitimation

Gibt es Alternativen zum demokratischen Parteienstaat?

Vortrag für die internationale Konferenz „Krise der politischen Parteien“. veranstaltet vom Colegio de

Mexico in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Mexiko vom 17. - 19.10.1995

„Wir sind das Volk!“ So skandierten trotzig die

Leipziger Demonstranten im Herbst 1989 in Ostdeutschland.

Sie beschleunigten den Fall der

Mauer und den Zerfall der DDR so dramatisch,

5 dass in atemberaubendem Tempo von nur einem

Jahr Deutschland wiedervereinigt war. „Wir sind

das Volk!“ Dieser geniale Spruch des Jahrzehnts,

mittlerweile weltberühmt, klagt demokratische

Legitimation ein, wo sie verweigert wurde.

10 Wo liegen die Probleme der demokratischen Legitimation

heute? Sind die Parteien das Hauptproblem?

Ich werde in diesem Vortrag zunächst

unseren Leitbegriff, demokratische Legitimation,

klären, und dann die damit aufgeworfenen Prob-

15 leme in 7 Fragen zu beantworten versuchen.

Demokratische Legitimation - was ist das?

Der Ruf der DDR-Demonstranten war ein Fanal,

aber war ist nur ein Anfang. Er meint eigentlich:

„Wir sind das Volk: und nicht die SED-Kader,

Bonzen und Bürokraten!“ Diese sind sogar in der

20 damaligen DDR-Verfassung verankert gewesen.

Dort hieß es nicht, „alle Staatsgewalt geht vom

Volke aus“ wie im Bonner Grundgesetz (Art. 20)

gemäß der liberalen und demokratischen Tradition

der bürgerlichen Revolutionen Frankreichs

25 und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.

Sondern hier stand schon im ersten Artikel:

Die DDR „ist die politische Organisation der

Werktätigen in Stadt und Land, die gemeinsam

unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer mar-

30 xistisch-leninistischen Partei den Sozialismus

verwirklichen“.

Weiter hieß es dann im Art. 4: „Alle Macht dient

dem Wohle des Volkes“ - also umgekehrt wie im

Bonner Grundgesetz: die Macht geht nicht vom

35 Volke aus, sondern partriarchalisch von oben soll

die Staatsmacht dem Wohle des Volkes dienen.

In der alten DDR war es also mit der demokratischen

Legitimation nicht weit her, wie in allen

autoritär-kommunistischen Staaten, auch wenn

40 eine erste Grundbedingung erfüllt war: es existierte

eine formal-demokratische Verfassung.

Diese Bedingung ist aber nicht hinreichend.

Die Verfassung muss zweitens auch materiell

rechtsstaatliche Verfahren, die Willkür aus-

45 schließen, garantieren.

Drittens müssen Grundrechte und Grundwerte

durch Verfassung und Rechtspraxis auch für

kritische Minderheiten verlässlich garantiert und

geschützt werden.

50 Viertens müssen diese Verfahren und Grundrechte

vom Bürger anerkannt werden, und er das

Vertrauen haben können, dass er sich auf sie

verlassen kann.

Zur demokratischen Legitimation gehören somit

55 zwingend vier Grundelemente:

1. Eine demokratische Verfassung,

2. demokratisch kontrollierte Verfahren,

3. Grundrechte und Grundwerte, die den einzelnen,

aber auch Opposition und Minderheiten

schützen, z. B. Presse-, Vereini-

60

gungs-, Versammlungsfreiheit sowie

4. die Anerkennung und das Vertrauen der

Bürger in diese demokratische Ordnung.

Dieses sind die vier Grundelemente demokrati-

65 scher Legitimation, die natürlich noch weiter

ausdifferenziert werden können. Die politischen

Parteien kommen z. B. in diesen Grundelementen

gar nicht vor, obwohl ihnen doch unser

Hauptaugenmerk gelten soll. Eine mögliche Aus-

70 differenzierung der Legitimationsprinzipien hat

das deutsche Bundesverfassungsgericht vorgenommen,

als es den im Grundgesetz mehrfach

vorkommenden Begriff der „freiheitlichdemokratischen

Grundordnung“, der aber nicht

75 ausgeführt wird, definiert hat:

Sie ist eine Ordnung, „die unter Ausschluss jeglicher

Gewalt- und Willkürherrschaft eine rechtsstaatliche

Herrschaftsordnung auf der Grundlage

der Selbstbestimmung des Volkes nach dem

80 Willen der jeweiligen Mehrheit, der Freiheit und

Gleichheit darstellt. Zu den grundlegenden Prinzipien

dieser Ordnung sind mindestens zu rechnen:

die Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten

Menschenrechten, vor allem vor dem

85 Recht der Persönlichkeit auf Leben und freie

Entfaltung, die Volkssouveränität, die Gewaltenteilung,

die Verantwortlichkeit der Regierung, die

Gesetzmäßigkeit der Verwaltung, die Unabhängigkeit

der Gerichte, das Mehrparteienprinzip

90 und die Chancengleichheit für alle politischen

Parteien mit dem Recht auf verfassungsmäßige

Bildung und Ausübung einer Opposition.“

Da haben wir sie, die politischen Parteien als

Abschluss und Krönung dieser Definition demo-

95 kratischer Legitimation: Das Mehrparteienprinzip

und die Chancengleichheit für alle politischen

Parteien mit dem Recht auf verfassungsmäßige

Bildung und Ausübung einer Opposition.

Lösen wir uns von dem deutschen Kontext, und

100 schauen wir in die internationale Demokratietheorie,

so finden wir z. B. bei dem US-Amerikaner

Robert A. Dahl (1971) sieben Definitionsmerkmale

für das, was er „Polyarchie“, d. h. die Herrschaft

der Vielen, nennt.

105 - Gewählte Amtsinhaber;

- freie, faire und regelmäßig stattfindende

Wahlen;

- inklusives Wahlrecht in dem Sinne, dass alle

oder nahezu alle Erwachsenen bei der Auswahl

der Inhaber politischer Ämter wahlbe-

110

rechtigt sind;

33


phi2_10_Reader

- passives Wahlrecht für alle oder nahezu alle

Erwachsenen;

- Meinungsfreiheit;

- Informations-, Organisations- und Koalitionsfreiheit,

insbesondere die Freiheit zur Bil-

5

dung unabhängiger politischer Parteien und

Interessengruppen.

Auch bei Robert Dahl bildet also die Pluralität

von Parteien, aber auch von Interessengruppen,

10 ein Wesensmerkmal der demokratischen Legitimation.

Werfen wir einen dritten Blick auf die unendliche

Vielfalt der Möglichkeiten, Demokratie zu definieren.

Schauen wir in Giovanni Sartoris beeindru-

15 ckendes Werk „Demokratietheorie“ (1992, zuerst

1987). Zur Überraschung des Lesers lehnt Sartori

eine griffige positive Definition von Demokratie

in seinem grundlegenden Buch ab, obwohl es

ganz diesem einen Thema gewidmet ist. Er be-

20 gründet dies mit der großen Vielfalt und Zeitgebundenheit

jeder definitorischen Festlegung. A-

ber er lässt den Leser nicht leer ausgehen. Er

formuliert, was Demokratie nicht ist:

„Demokratie ist ein System, in dem niemand sich

25 selbst auswählen kann, niemand sich die Macht

zum Regieren selbst verleihen kann und deshalb

niemand sich unbedingte und unbeschränkte

Macht anmaßen kann“ (Sartori 1992, S. 210).

Diese Negation begründet auch, warum nach

30 Sartoris Überzeugung es nur eine Demokratie

geben kann. Es gibt keine „zweite“ Demokratie,

ob sie sich als kommunistische Volksdemokratie

oder als fundamentalistische echte und wahre

Demokratie - welcher Provenienz auch immer -

35 gerieren mag. Der Begriff der Demokratie ist unteilbar.

Und damit ist organisierte und konkurrierende

Willensbildung von Parteien und Interessengruppen

dem Demokratiebegriff inhärent:

Ohne freie Parteienkonkurrenz keine Demokra-

40 tie.

Die Konkurrenz der Parteien musst dabei nicht

den Konflikt, sondern als Voraussetzung die Vielfalt,

die Pluralität betonen, aus der sich Konsens

bilden kann. Das ist auch der „entscheidende

45 Punkt“ in der Demokratietheorie von Sartori:

„dass Dissens, Opposition, Gegenpolitik und

Streit alle im Rahmen des Pluralismus, der pluralistischen

Auffassung von Gesellschaft und Geschichte,

einen positiven Wert und eine positive

50 Rolle gewinnen. Pluralismus ist zuallererst der

Glaube an den Wert der Vielfalt. Und der Glaube

an die Vielfalt - an eine Dialektik der Vielfalt - ist

dem Konfliktglauben entgegengesetzt. Die Demokratietheorie

leitet also aus ihrer pluralisti-

55 schen Orientierung kein Lob des 'Konflikts' her

(und könnte es auch nicht), sondern einen dynamischen

Umgang mit dem Konsens nach dem

Grundsatz, dass alles, was recht oder wahr zu

sein beansprucht, sich gegen Kritik und Wider-

60 spruch durchsetzen und dadurch stärken lassen

muss“ (Sartori 1992, S. 101).

Soweit meine Überlegungen zur demokratischen

Legitimation. Ich komme nun zu ihrer Problematisierung

anhand von 7 Fragen, in die ich die Fra-

65 gestellung ausdifferenzieren möchte.

Frage 1: Liegt das Problem der Demokratie

heute in der Feindlosigkeit oder Feindvervielfältigung?

Seit dem Wendejahr 1989 hat sich in Europa ein

epochaler politischer Wandel vollzogen. Der eiserne

Vorhang durch Europa ist gefallen, die alte

DDR ist zerfallen, die Berliner Mauer ist in hand-

70 lichen Stücken als Souvenir in alle Welt verkauft

worden. Die beiden deutschen Staaten haben

sich wiedervereinigt. Die kommunistischen Regime

in ganz Osteuropa sind zusammengebrochen.

Die CSSR ist zweigeteilt, die UdSSR ato-

75 misiert, in Ex-Jugoslawien herrscht immer noch

Bürgerkrieg. Das Europa der Römischen Verträge

ist von der alten EWG über die EG nach

Maastricht nun zur EU geworden, deren Vergrößerung

durch ehemalige EFTA-Staaten auf 16

80 Mitglieder verwirklicht wurde. Die osteuropäischen

Demokratien suchen Anschluss an die EU

und an das NATO-Bündnis. Nach den Maßstäben

der Nachkriegszeit herrscht verkehrte Welt.

Kurze Zeit nach 1989 schien tatsächlich die Welt

85 stillzustehen. Der Amerikaner Fukuyama sagte

das Ende der Geschichte nach dem Zusammenbruch

der bipolaren Welt voraus. Einige Politiker

und Konfliktforscher glaubten euphorisch an den

Beginn eines ewigen Friedens. Der deutsche

90 Soziologe Ulrich Beck meinte, man müsse die

Politik neu erfinden. Mit dem Zusammenbruch

des Ost/West-Gegensatzes sei eine geradezu

paradoxe Situation entstanden. Politik finde bei

uns nach wie vor in den alten Spielregeln statt.

95 Gleichzeitig sei in Europa „ein Stück politische

Wildnis, institutionsleeren, institutionslosen Urwalds

entstanden“ (Beck 1993, S. 206).

Das Spiel der klassischen Industriegesellschaft

läuft weiter, gleichzeitig fordern viele, die Spiel-

100 regeln umzustülpen. Beispiel Außenpolitik: Das

eherne Prinzip der Nichteinmischung gilt immer

noch, gleichzeitig wird das Gegenprinzip der

Einmischung aus humanitären Gründen und zur

Friedenssicherung nicht nur gefördert, sondern

105 auch praktiziert. Es gibt Klassenparteien ohne

Klassen, Armeen ohne Feinde, staatliche Apparate,

die in Gang setzen, was ohne sie sowieso

geschieht. Es gibt eine Wiederkehr der Ungewissheit

in der Politik.

110 Nach einem anderen Gedanken von Ulrich Beck

führe es zur Verwirrung, dass wir nun in einer

feindlosen Gesellschaft lebten, weil der

Ost/West-Konflikt aufgehoben sei. Schnell hat

sich aber in den letzten Jahren gezeigt, dass wir

115 des Ost/West-Gegensatzes nicht bedürften, um

Konflikte zu kultivieren. Der Unterschied zu vorher:

Die Konflikte werden immer zahlreicher, die

Situation immer unübersichtlicher und die Lösungsvorschläge

immer komplizierter. Immerhin

120 gibt es auch ermutigende Entwicklungen: Man

muss nicht nur an den Fall der Berliner Mauer

denken, man kann genausogut an die epochale

Aufhebung der Apartheid in Südafrika und an

den sensationellen Einigungsprozess zwischen

125 Israel und Palästinensern denken. Alles Konflikte

der Selbstbestimmung und der Demokratie, die

auf dem Wege zu ermutigender Konfliktlösung

sind.

34


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Frage 2: Politikverdrossenheit: Was sind die

Symptome?

„Man kann sich heute kaum leichter Beifall holen,

als wenn man auf die Parteien schimpft.“ Wer

mag das wohl jüngst gesagt haben? Es könnte in

fast jedem Staat Europas heute so formuliert

5 werden, aber das Zitat stammt tatsächlich von

dem deutschen Politikwissenschaftler Otto Heinrich

von der Gablenz aus dem Jahre 1952. Kritik

an den Parteien ist sicherlich nicht neu. Parteienverdrossenheit

ist nicht neu, und Politikverd-

10 rossenheit ist nicht neu. Die Kritik an den Parteien

ist aber seit einigen Jahren besonders vielstimmig

geworden. Dies ist auch insbesondere in

Deutschland der Fall, gerade auch nach der

deutschen Einigung, und obwohl das deutsche

15 Parteiensystem im Vergleich zu den meisten

europäischen und sonstigen Parteisystemen auf

der Welt zu den stabilsten und effektivsten überhaupt

gehört.

Im Chor der Parteienkritiker gibt es Stimmen aus

20 der Publizistik, aus der Wissenschaft und aus der

Politik selbst. So kritisiert Konrad Adam in der

seriösen Tageszeitung Frankfurter Allgemeine:

„Die Parteien besitzen Macht, haben aber verlernt,

mit ihr verantwortlich umzugehen. Sie ver-

25 engen das Gemeinwohl auf ihr Gruppeninteresse,

das sie dann abermals mit höchst persönlichen

Vorteilen verwechseln“ (FAZ 3.9.1992).

Öffentlich bekannte Wissenschaftler wie der Soziologe

Erwin K. Scheuch und der Staatsrechtler

30 Hans-Herbert von Arnim blasen in das gleiche

Horn, wenn sie über „Cliquen, Klüngel und Karrieren.

Über den Verfall der politischen Parteien“

(Reinbek 1992) oder „Der Staat als Beute“ (München

1993), schreiben. Und selbst der ehemalige

35 Bundespräsident Richard von Weizsäcker wirft

den Parteien vor, dass sie sich zu einem „ungeschriebenen

sechsten Verfassungsorgan entwickelt

haben, das auf die anderen fünf einen immer

weitergehenden, zum Teil völlig beherr-

40 schenden Einfluss ausübt“ (von Weizsäcker

1992, S. 140).

Ich meine, dass viel von dieser Kritik fatal an das

Ende der Weimarer Republik mit ihrer Abneigung

gegen die Parteien des „Systems“ erinnert. Hier

45 schimmert viel von der alten deutschen Parteienfeindschaft

durch, die auch eine Pluralismusfeindschaft

ist. Sie würde am liebsten Parteien

haben, die überparteilich sind und nur das Gemeinwohl

im Auge haben.

50 Es gibt aber nicht nur die publizistische Debatte

in Deutschland und in Europa. Es gibt zahlreiche

Krisensymptome, die auf steigende Zukunftsängste

verweisen. Ich will auf 10 Punkte hinweisen,

die in Deutschland diskutiert werden, die

55 aber in fast allen europäischen Staaten relevant

sind:

1. Die Mitgliedschaft der Parteien schmilzt.

2. Die Wahlbeteiligung sinkt stetig.

3. Die Zersplitterung des Parteiensystems verstärkt

sich.

60

4. Der Anteil der Stammwähler sinkt ständig.

5. Das generelle Vertrauen der Bevölkerung in

die Parteien und in die Politiker schwindet.

6. Die Entfremdung der Jugendlichen von der

65 Politik und ihre Bereitschaft zu gewaltsamen

Auseinandersetzungen steigen.

7. Das Vertrauen in sonstige öffentliche Institutionen

und gesellschaftliche Großorganisationen,

sogar in Gewerkschaften und die Kirchen,

schwindet.

70

8. Die Anzahl der politischen Skandale, die von

den Medien berichtet werden, steigt.

9. Die großen Oppositionsparteien in den Parlamenten

profitieren nicht von der Unzufriedenheit,

sondern büßen ebenfalls Stimmen

75

zugunsten kleiner Protestparteien ein.

10. Es sinkt generell das Vertrauen in die Problemlösungskapazität

der Politik und auch der

Wirtschaft. „Die Politiker sind doch alle korrupt“

oder „der kleine Mann ist doch immer

80

der Betrogene“, kann man in Umfragen immer

wieder hören.

Aber nicht nur in Deutschland, in allen westlichen

Ländern scheint die Öffentlichkeit davon über-

85 zeugt, dass gerade in ihrem Land die Politiker,

die Parteien und die Medien besondere Probleme

haben, ob in den USA, Frankreich, England,

Österreich, Italien oder Spanien. Vergleicht man

die Umfrageergebnisse, so ist das Ansehen der

90 Parteien in fast allen Ländern im Schwinden. So

gibt es gerade in Frankreich traditionell starke

Affekte und Aversionen gegen die politischen

Parteien. In den Niederlanden haben die Kommunalwahlen

von Anfang 1994 das dortige un-

95 übersichtliche Parteiensystem noch weiter chaotisiert.

In den USA wurde schon Anfang der 70er

Jahre ein einflussreiches Buch von dem Journalisten

David S. Broder publiziert mit dem Titel

„The party's over“ (New York 1971). Ist die Party,

100 die Partei, tatsächlich vorbei? Über „Party decline“

(Niedergang der Parteien) forschen seitdem

Politikwissenschaftler in aller Welt. Aber auch die

Gegenthese wird vertreten: „The party's just begun“,

nannte Lary J. Sabato sein Buch (Boston

105 1988), das eine Wiederbelebung der amerikanischen

Parteien propagiert, für die es seit Bill

Clintons Wahlsieg von 1992 auch handfeste Indizien

gab. Dies hat sich seitdem aber längst

wieder gewandelt.

110 Auch das italienische Parteiensystem wurde

1993 nach kaum vorstellbaren Korruptionsskandalen

für tot erklärt. Tatsächlich musste sich die

jahrzehntelang führende Staatspartei Democracia

Christiana (DC) umbenennen in Movimento

115 Populare, nachdem sie unter anderem durch

Mafiakontakte völlig desavouiert war. Die Führung

des sozialdemokratischen PSI geriet ebenfalls

in den Strudel von Bestechungsenthüllungen.

Nach radikaler Wahlrechtsreform und Neu-

120 wahlen ist der Parteienstaat aber nicht etwa verschwunden,

sondern mit neuen Gesichtern an

die Macht gekommen. Der populistische Medienzar

Silvio Berlusconi bildete mit seiner rechtskonservativen

Sammlungsbewegung Forza Italia

125 eine Koalitionsregierung zusammen mit der autonomistischen

Lega Nord und den ehemaligen

Neofaschisten. Aber die Korruptionsvorwürfe

sind geblieben. Berlusconi musste bald wieder

zurücktreten. Nun regiert ein Fachleute-Kabinett

130 für eine Übergangszeit.

35


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Wenn die Parteien europaweit, ja weltweit in den

Industriestaaten Krisensymptome aufweisen -

von den postkommunistischen Staaten und ihren

Problemen mit dem Parteienaufbau wollen wir

5 hier erst gar nicht reden -, dann kann es sich

jedenfalls nicht um ein hausgemachtes Problem

handeln. Es muss ein allgemeiner Trend in den

Industriegesellschaften dahinter stecken. Es

kann sich weder um das Versagen bestimmter

10 Parteien oder einzelner Politiker handeln noch

um Strukturmängel nur des deutschen oder nur

des europäischen politischen Systems. Denn die

Symptome treten in allen vergleichbaren europäischen

Parteiensystemen in ähnlicher Stärke auf.

15 Mit drei Wandlungstendenzen werden die Veränderungen

des Parteiensystems am häufigsten

erklärt: Mit dem Wertwandel, dem Medienwandel

und dem Politikwandel.

Frage 3: Liegen die Ursachen der Probleme

im Wertewandel?

Moderne Gesellschaften sind dynamische Sys-

20 teme, in denen permanente Veränderung stattfindet,

im Gegensatz zu statischen, traditionellen

Gesellschaften. Moderne Industriegesellschaften

leben vom ökonomischen Wachstum, wirtschaftlicher

Expansion und hoher Mobilität, die einher-

25 gehen mit sozialem Wandel. Eine Folge davon

ist die relativ schnelle Veränderung von moralischen

und sozialen Werten, die von der Mehrheit

der Gesellschaft akzeptiert werden. Solche

Wandlungsprozesse mussten auch die Parteien

30 seit ihrer Entstehung immer wieder durchmachen:

Wer zu spät kommt, den bestraft der Wähler.

Obwohl es Wandel also seit Beginn der Moderne

gegeben hat, gibt es doch erst seit den 70er Jah-

35 ren eine spezielle Debatte um den Wertewandel,

die von dem Amerikaner Ronald Inglehart mit

seiner These einer „Silent Revolution“, einer stillen

Revolution durch Wertewandel in den Industriestaaten

angestoßen wurde. Die These lautet,

40 dass alte materialistischen Werte wie hohes Einkommen,

Wachstum, aber auch Sicherheit und

Ordnung, von neuen postmaterialistischen Werten,

also Selbstverwirklichung, Partizipation und

Ökologie, abgelöst werden.

45 Die Folgen für die Politik sind unübersehbar. Gerade

in Ländern mit vielen „Postmaterialisten“

wuchsen politische und ökologische Protestbewegungen.

Bürgerinitiativen forderten die etablierten

Parteien heraus, und schließlich entstan-

50 den neue Parteien wie die Ökologisten oder die

GRÜNEN, die sich als dauerhafte Kraft in deutschen

und in vielen anderen europäischen Parteiensystemen

verankern konnten.

In jüngeren Theorien des Wertewandels tritt aber

55 die Dimension Materialismus gegen Postmaterialismus

zurück. Man hat gemerkt, dass trotz Wertewandel

in kapitalistischen Staaten der Materialismus

eine entscheidende Basis bleibt. Statt

dessen wird die Individualisierung betont. Sozio-

60 logen beschreiben diese Tendenz mit den

Schlagworten Pluralisierung, Fragmentierung

und Entstrukturierung. Einfacher ausgedrückt:

Die Gesellschaft zerfällt nicht mehr in wenige

Klassen, sondern zersplittert sich in tausend Fa-

65 cetten. An die Stelle der traditionellen Ehe tritt z.

B. eine Vielfalt von sozialen Lebensformen auf

Zeit. Ebenso wechselhaft und vielfältig können

die Motive werden, eine bestimmte Partei zu unterstützen

oder einer Gewerkschaft oder einer

70 Kirche anzugehören. So binden sich gerade junge

Leute immer weniger dauerhaft an Parteien,

aber auch an Kirchen oder Gewerkschaften. Die

Menschen werden kritischer. Problematisch wird

aber Individualisierung, wenn sie in Richtung

75 Egozentrik und reine Nutzenmaximierung ausschlägt

nach dem Motto: „Jeder ist sich selbst

der Nächste“. Der Wertewandel kann also insgesamt

viel von den schnellen Wandlungstendenzen

und den Zersplitterungsformen in der Politik

80 und im Parteiensystem erklären.

Frage 4: Hat der Medienwandel die Politik

verändert?

Wir leben in einer radikal anderen Medienwelt als

etwa 1950, aber auch als 1980. Es gibt viel

mehr, viel breitergestreute Medien, neue Fernsehprogramme,

Videoangebote oder interaktive

85 Medien wie CD-ROM. Alte Medien sind aber

entgegen den kulturkritischen Kassandrarufen

nicht untergegangen, sondern es hat sich eine

unüberschaubare Vielfalt von alten und neuen

Medien etabliert. Die weltgrößte Buchmesse in

90 Frankfurt, die gerade stattgefunden hat, hat wieder

neue Besucher- und Ausstellerrekorde erlebt

- und die neuen elektronischen Medien integriert.

Der deutsche Soziologe Gerhard Schulze hat

den neuen Begriff der „Erlebnisgesellschaft“ ge-

95 prägt. Gerade aktive jüngere Menschen wollen

schnelle Bedürfnisbefriedigung. Das Leben

schlechthin ist zum Erlebnisprojekt geworden.

Das alltägliche Wählen zwischen Möglichkeiten

wird durch den Erlebniswert der gewählten Alter-

100 nativen motiviert: Konsumartikel, Essgewohnheiten,

Berufe, Partner, Wohnungssituation und

auch Personen des öffentlichen und politischen

Lebens.

Kein Wunder, dass diese Erlebnisgesellschaft

105 massive Rückwirkungen auf die Politik und auf

die Parteien hat. Sie ist weitgehend ein Medienphänomen,

wie die Bedeutung der Werbung für

den Erlebniswert von Produkten zeigt.

Die weiter zunehmende Kommerzialisierung der

110 Medien in Europa hat die privaten TV-Anbieter

gestärkt und damit die Konkurrenz um die Zuschauer

erhöht. Das Angebot hat sich drastisch

verändert in Richtung auf Unterhaltung und Werbung.

„Wir amüsieren uns zu Tode“, hat der

115 amerikanische Publizist Neil Postman in seinem

bekannten Buch gewarnt. Politische Information

kommt nicht mehr an, also wird sie mit Unterhaltung

zum Infotainment verkoppelt oder auch verkuppelt.

Hasten von Aktion zu Aktion kennzeich-

120 net das Medienverhalten und auch den Lebensstil

vieler Jugendlicher. Das Zapping mit der

Fernsehbedienung, das channel-surfing ist modern.

Wie kann da politische Stabilität gedeihen?

Die Parallelen zwischen dem Zapping und dem

125 Wechselwählerverhalten sind unübersehbar.

Aber es haben sich auch die Kommunikationsund

Informationsstile des politischen Meinungsjournalismus

gewandelt. Es ist ein Journalismus

36


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der Postmoderne entstanden, der sich progressiv

gibt. Wie der Wechselwähler, wechselt der Journalist

seine politische Orientierung schnell. Eine

konsistente Linie, der man sich verpflichtet fühlt,

5 ist nicht mehr angesagt. Politik und Parteien und

insbesondere die Parteipolitiker werden so verwundbar

durch Medienkampagnen. Wenn diese

einem klaren Missstand gilt, der enthüllt werden

soll, ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn aber

10 Medienkampagnen nur die Auflage oder die Einschaltquote

hochtreiben sollen, wird es problematisch.

Frage 5: Bedingen Werte- und Medienwandel

den Politikwandel?

Wertewandel und Medienwandel verändern das

Umfeld der Parteien, und sie verändern die Par-

15 teien und die Politik selbst. Die Medien dringen

insofern nicht nur in die Kommunikationsstruktur

der Parteien ein, sie machen ihnen auch Konkurrenz.

Es bleibt einfach für den normalen Bürger

wenig Zeit für politische Arbeit. Die Erlebnisge-

20 sellschaft mit Fernsehshows und Fußballübertragungen

frisst zuviel Zeit weg. Bürgerinitiativen

und Aktionsgruppen erfordern ebenfalls Zeit, die

von der Parteiarbeit abgeht. Parteien stehen also

heute unter einem ungleich höheren Konkur-

25 renzdruck als früher.

Die Parteien vermitteln mit ihren traditionellen

Formen keine Gemeinschaftserlebnisse wie politische

Bewegungen mit machtvollen Großdemonstrationen

oder mit einer intensiven Basisar-

30 beit. Die Parteien haben an die Medien ihre Rolle

als Agendasetter verloren. Die großen Themen

werden nicht von ihnen bestimmt. Das liegt auch

daran, dass die großen Parteien zuviel gleichzeitig

sagen wollen, zu heterogen sind und wider-

35 sprüchliche Botschaften absenden.

Die Großparteien sind in eine „Modernisierungsfalle“

geraten. Ihre Ausgangsstärke war einer

breiten Mitgliedschaft und starken Stammwähleranteilen

zu verdanken. Sie haben diese Grup-

40 pen vernachlässigt, weil sie sich neuen Mittelschichten,

Postmaterialisten und Aufsteigern in

der Erlebnisgesellschaft zuwandten. Der deutsche

Politikwissenschaftler Elmar Wiesendahl

hat diese Falle zu beschrieben: „Was immer sie

45 auch machen, die volksparteilich geöffneten Integrationsparteien

stecken in einer Modernisierungsfalle.

Einerseits haben sie die Loyalitätsreserven

ihrer Kerngruppen und ihres Mitgliederbereichs

leichtfertig aufs Spiel gesetzt, ohne diese

50 durch ihre Modernisierungsstrategie wählermäßig

kompensieren zu können. Die Umfassungsund

Absorbationsfähigkeit der Volksparteien gegenüber

einer sich stärker auseinander entwickelnden,

segmentierenden Gesellschaft ist er-

55 schöpft. Andererseits gibt es jedoch keinen Weg

mehr zurück zur geschlossenen Milieu- und Gesinnungspartei,

zumal die durch die volksparteiliche

Modernisierung gewonnenen Wählerschichten

diesen nostalgischen Rückzug aus der Mo-

60 derne nicht mitmachen würden“ (Wiesendahl

1992, S. 13 f).

Zwischenfazit:

Fassen wir zusammen: Die Krisensymptome

sind unübersehbar - den Parteien laufen die Mitglieder

und Wähler davon, die Jugendlichen

65 können sich erst recht nicht für die mühselige

Parteiarbeit erwärmen. Die Wahlbeteiligung

sinkt, das Ansehen der Parteien und Politiker

ebenfalls. Forscht man nach den tieferen Ursachen,

so können diese nicht nur hausgemacht

70 sein. Denn die sinkende Identifikation mit Parteien

ist in allen Industriestaaten weit verbreitet.

Sicher ist der Wertewandel dafür mitverantwortlich,

der eine Folge des ökonomischen Wachstums

und der sozialen Sicherheit ist. Postmateri-

75 alistische Orientierungen wachsen. Aber auch

der Individualismus nimmt zu und der Trend zu

einer „Erlebnisgesellschaft“, in der der einzelne

kurzfristige Befriedigung seiner Bedürfnisse und

Interessen sucht. Die Parteien werden, wie alle

80 Großorganisationen, von diesen Trends massiv

betroffen und werden sich ändern müssen.

Frage 6: Abschaffung der Parteien zugunsten

direkter Demokratie?

Gibt es Alternativen zum demokratischen Parteienstaat?

Existieren Konkurrenten zu den politischen

Parteien auf dem politischen Markt? Wel-

85 ches könnten diese Konkurrenten sein?

- Verbände und Lobbyisten bei Parlamenten

und Regierungen, insbesondere auch in der

unübersichtlichen internationalen Politik, ob

in EU, UNO oder NAFTA,

90 - Bürgerinitiativen, soziale Bewegungen und

freie Wählergemeinschaften oder auch

NGOs und Quangos,

- die Medien, z. B. auch interaktives Fernsehen

als Mittel von Volksentscheid oder

95 - das Volk pur, d. h. eine generelle Ausweitung

von direkter Demokratie durch Volksentscheid

nach dem Muster der Schweiz.

Alle diese Konkurrenten weisen auf reale Tendenzen

in den Parteiendemokratien hin. Aber sie

100 sind keine wirkliche Alternative. Die Bedeutung

der Verbände und Lobbyisten steigt weiter. Dieses

sind zum Teil auch sehr demokratisch motivierte

public interest groups, wie z. B. Common

Cause in den USA oder Greenpeace und Am-

105 nesty International weltweit. Aber die Bedenken

gegenüber dem größeren Einfluss von Verbänden

auf die Politik zulasten der Parteien stimmen

doch bedenklich. Denn die Parteien müssen sich

demokratischen Wahlen stellen, die Verbände

110 nicht. Dies gilt auch für Bürgerinitiativen, soziale

Bewegungen und freie Wählergruppen, so idealistisch

ihre Motive und so ehrenwert ihre Ziele

auch immer sein mögen. Sicherlich haben sie ein

weites Betätigungsfeld auf der lokalen Ebene

115 kommunaler Politik. Hier sollten sie mit den Parteien

stärker in einen demokratischen Wettstreit

treten.

Die Medien werden in Zukunft sicher verstärkt

mit den Parteien um Einfluss konkurrieren. Die

120 Macht der Medien wird weiter zunehmen. Um so

wichtiger werden Kontrolle und Transparenz angesichts

der Konzentration bei Presse und Fernsehen

weltweit. Insbesondere die Tendenz zu

riesigen globalen Medienmischkonzernen, die

37


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alle Kommunikationsformen verknüpfen, ist bedenklich.

Noch problematischer jedoch als die

Konkurrenz von Parteien und Medien, bei der

man immerhin auf eine gegenseitige Kontrolle

5 hoffen kann, wäre eine weitere Durchdringung

von Partei- und Medieninteressen, wie es das

Beispiel von Silvio Berlusconi, der als Medienzar

zum Regierungschef gewählt wurde, gezeigt hat.

Von öffentlicher Meinung als vierter Gewalt, die

10 die Kontrolle über die drei anderen ausüben soll,

kann dann sicher nicht mehr die Rede sein.

Viele Kritiker der Parteien, der Verbände und der

Medien propagieren eine Verstärkung der direkten

Demokratie durch Volksentscheide, Bürger-

15 begehren und Referenden. Das Beispiel der

Schweiz und der USA, wo diese direktdemokratischen

Elemente zum Alltag gehören, zeigt aber,

dass dort gleichzeitig die Parteien schwächer

und Verbände und Aktionsgruppen stärker wer-

20 den. So notwendig direktdemokratische Elemente

zur Ergänzung des repräsentativen Systems

sind, so problematisch sind sie als eine totale

Alternative. Denn Referenden sind nicht in der

Lage, Kompromisse zu schließen und Prioritä-

25 tenentscheidungen zu treffen. Am mächtigsten

können dadurch wohlorganisierte Einzelinteressen,

Veto-Gruppen und konservative Beharrrungstendenzen

werden.

Im übrigen hat sich aber in Deutschland gezeigt,

30 dass durch Volksabstimmungen in den Bundesländern

die Parteien nicht etwa überflüssig werden.

Nur wenn eine der großen Parteien, meist

die Oppositionspartei, ein Bündnis mit großen

Verbänden, z. B. Kirchen oder Gewerkschaften

35 oder Umweltgruppen, eingegangen ist, dann waren

Volksbegehren erfolgreich. Auch eine Verstärkung

der direkten Demokratie wird demnach

die Parteien durchaus nicht arbeitslos machen,

denn sie würden sich sicher ebenfalls dieses

40 Instrumentariums bedienen.

Frage 7: Reformen der Parteien und der Politik?

Nicht die Abschaffung der Parteiendemokratie,

sondern ihre Reform und demokratische Stärkung

muss die Alternative sein. Die Debatte um

die Parteien- und Politikverdrossenheit ist nicht

45 spurlos an den Parteien in Europa vorbeigegangen.

Sie beschäftigen sich ja generell gerne mit

sich selbst. Zwar gab es auch in den Parteien die

Meinung, diese massive Kritik sei ein reines Medienphänomen

und die Journalisten würden

50 Skandale und Missstände nur hochjubeln, um die

Auflage zu steigern. Aber das Weiterschieben

des schwarzen Peters war doch nicht die allgemeine

Meinung. Als Reaktion auf die Kritik gibt

es auch viele selbstkritische Töne.

55 Die Parteien müssen sich stärker als Dienstleistungsorganisationen

für ihre Mitglieder und insbesondere

für ihre Wähler fühlen. Sie beschäftigen

sich zu sehr mit sich selbst. Die Mitgliedschaft

muss stärker auch Außenstehenden ge-

60 öffnet werden, den Meinungen und Werten der

Wähler muss stärker Rechnung getragen werden,

und das interne Management der Organisation

muss professionalisiert werden.

Sicher bedeuten diese Ziele eine Quadratur des

65 Kreises. Denn Professionalisierung steht gegen

die Interessen von Basisdemokratie. Wählerorientierung

kann gegen Mitgliederorientierung

ausgespielt werden. Zuviel Basisorientierung

kann gerade das Außenbild einer Partei ve-

70 runklaren. Es gibt deshalb nicht den goldenen

Königsweg der Partei- und Politikreform.

Eine durchgreifende Parteireform muss auf breiter

Front antreten, sie kann nicht auf Organisationskosmetik

beschränkt bleiben. Sie muss sich

75 insbesondere bemühen, die Glaubwürdigkeit der

Parteien für kompetente Problemlösungen wiederherzustellen.

Sie muss deutlich machen, dass

Pluralität und Vielfalt der Parteien ein hohes Gut

sind. Daraus entsteht zwar Konflikt, der aber zum

80 Konsens geführt werden kann.

Die Abschaffung der Parteien würde eine Liquidation

von Pluralität in der Gesellschaft mit sich

bringen. Und Absterben von Pluralität bedeutet

Verkrustung und Stillstand. Dies kann keiner wol-

85 len. Pluralität ist die Essenz von demokratischer

Legitimation. Und damit sind wir wieder am Beginn

unseres Themas, nämlich bei der Definition

der demokratischen Legitimation, die ohne Parteienpluralität

undenkbar ist.

90 „Wir sind das Volk“ - so habe ich diesen Vortrag

begonnen. Diesen politischen Urschrei nach demokratischer

Legitimation dürfen die Parteien nie

vergessen. Parteien sind wichtig und notwendig.

Aber eines sind sie nicht: sie sind nicht das Volk.

95 Wir sind das Volk.

Literaturverzeichnis

ALEMANN, Ulrich von: Parteien, Reinbeck 1995

ARNIM, Hans Herbert von: Der Staat als Beute, München 1993

BECK, Ulrich: Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie

reflexiver Modernisierung, Frankfurt a. M. 1993

BRODER, David S.: The Party's over, New York 1971

DAHL, Robert A.: A Preface To Democratic Theory, Chicago/London

1971 (first publ. 1956)

INGLEHART, Ronald: The Silent Revolution: Changing Values

and Political Styles among Western PUBLICS, Princeton 1977

POSTMAN, Neil: Amusing Ourselves to Death: Public Discourse

in the Age of Show Business, London: Penguin 1986

SABATO, Lary J.: The Party's just begun, Boston 1988

SARTORI, Giovanni: The Theory of Democracy Revisited,

Chatham 1987 (German edition Darmstadt 1992)

SCHULZE, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie

der Gegenwart, Frankfurt/New York 1993

WEIZSÄCKER, Richard von: Im Gespräch mit Gunter Hofmann

und Werner A. Perger, Frankfurt a. M. 1992

WIESENDAHL, Elmar: Volksparteien im Abstieg. In: Aus Politik

und Zeitgeschichte Jg. 1992, Heft 34 - 35, S. 3 - 14

38


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Philosophische Ideen von Politik und Geschichte in ihrer Entwicklung

Die Philosophie der Antike sah in der Geschichte keine zielgerichtete Entwicklung, sondern

eher eine Art Kreisbewegung, wie sie etwa in der Aufeinanderfolge der Jahreszeiten zu finden

ist. Die Ansicht, dass es in der Geschichte eine Wiederholung typischer Muster gibt, bezeichnet

man als zyklische Geschichtstheorie. Die politische Philosophie der Antike befasste

sich mit der Frage, wie das Zusammenleben in einem Staat organisiert werden soll. Ein

Staat war bei den Griechen jedoch eine »Polis«, d.h. ein kleiner überschaubarer Stadtstaat

wie Athen oder Sparta, in dem es neben freien Bürgern auch eine beträchtliche Anzahl von

Sklaven gab. Wichtige Beiträge zur politischen Philosophie, wie sie vor allem von Platon und

Aristoteles geleistet wurden, bestanden in Untersuchungen über die Vor- und Nachteile von

Verfassungen wie Demokratie, Aristokratie und Monarchie. Die zentrale Fragestellung war,

wer in einem Staat herrschen soll. Nach Platon (427-347 v. Chr.) ist der ideale Staat ein

streng organisierter Ständestaat, der aus der Masse der arbeitenden Bevölkerung sowie den

beiden besitzlos lebenden Ständen der Krieger und der Philosophenherrscher besteht. Zum

Wohl der Gemeinschaft wird in diesem Staat das Leben der Menschen weitgehend reglementiert

und kontrolliert. Nach Aristoteles (384-322 v. Chr.) ist der Mensch ein Lebewesen,

das sich nur in einer Gemeinschaft voll entfalten kann, doch betrachtete er die Wahl der besten

Verfassung als eine Sache der konkreten historischen Umstände.

Der Einfluss der christlichen Religion auf die mittelalterliche Philosophie zeigt sich auch in

der politischen und Geschichtsphilosophie. Die Orientierung des Lebens auf das Seelenheil

führte zunächst zu einer neuen Auffassung von Geschichte. Nach Augustinus (354-430) vollzieht

sich in der Weltgeschichte ein Kampf zwischen weltlichen und religiösen Mächten (repräsentiert

durch Staat und Kirche), der dereinst am Jüngsten Tag mit dem Sieg des Glaubens

und der Errichtung des Gottesstaats enden wird. Mit dem Christentum entstand daher

die lineare, zielgerichtete (»teleologische«) Geschichtstheorie. Die politische Philosophie orientierte

sich stark an Aristoteles, doch machte sich die christliche Religion auch hier geltend.

Für Thomas von Aquin (1225-1274) ist der Mensch ebenfalls ein soziales Lebewesen, doch

gilt ihm sowohl die menschliche Natur als auch der Staat als gottgewollt. Die Aufgabe des

Staats sah er darin, für das allgemeine Wohl zu sorgen, aber für das letzte Ziel des menschlichen

Lebens, das Seelenheil, blieb die Kirche zuständig. Die Kirche war insofern dem Staat

übergeordnet.

In der Philosophie der Neuzeit galten Politik und Geschichte nicht mehr als göttlich oder

übernatürlich ausgerichtet, sondern als von Menschen gestaltete und beeinflussbare Prozesse.

In der politischen Philosophie führte die Betonung der Gestaltbarkeit staatlicher Ordnung

zunächst zu verschiedenen Staatsutopien, die ähnlich wie Platon das Bild eines gerechten,

aber streng geregelten Zusammenlebens entwarfen. Noch wichtiger für die politische

Philosophie der Neuzeit war jedoch die von Thomas Hobbes (1588-1679) begründete

Auffassung, dass ein gerechtfertigter Staat sich als freiwilliger Zusammenschluss von Menschen

verstehen lassen muss. Die Menschen verlassen, diesem Ansatz zufolge, freiwillig

den vorstaatlichen Naturzustand, wo ein »Krieg aller gegen alle« herrscht, und sie verzichten

damit auf Selbstjustiz und überantworten den Schutz ihres Lebens und Eigentums dem

Staat. Ein Staat ist daher gerechtfertigt, wenn er sich als Vertrag zwischen Bürgern verstehen

lässt. Diese Idee des »Gesellschaftsvertrags« wurde in verschiedenen, teils autoritären,

teils liberalen Varianten vertreten, Manche Philosophen wie Jean-Jacques Rousseau (1712-

1778) und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) forderten eine Unterordnung des Individuums

unter den Staat; andere, wie z. B. John Locke (1632-1704), betonten die Rechte,

die das Individuum gegenüber dem Staat hat.

Die Geschichtsphilosophie der Neuzeit wurde von der Idee des Fortschritts beherrscht, die

die christliche Heilsidee ablöste. An die Stelle einer Erlösung im Jenseits trat die politische

Befreiung im Diesseits. In der Aufklärung galt die Geschichte als ein mehr oder weniger geradliniger

Fortschritt zu mehr Freiheit und Humanität. Auch Immanuel Kant (1724-1804) und

Hegel waren Anhänger der aufklärerischen Fortschrittsidee, doch während für Kant Fort-

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schritt eine moralische Aufgabe war mehr Humanität zu verwirklichen, sah Hegel darin eine

durch unvermeidliche Notwendigkeit beherrschte Verwirklichung von Vernunft in der Welt.

Auch Karl Marx (1818-1883), ein Schüler Hegels und der einflussreichste Geschichtsphilosoph

der Modeme, sah in der Geschichte einen notwendigen und gesetzmäßigen Prozess.

An dessen Ende stand für ihn die endgültige Befreiung von jeder Ausbeutung in der klassenlosen

Gesellschaft des Kommunismus. Die Geschichte war für Marx eine Geschichte. von

Klassenkämpfen, die von ökonomischen Triebkräften bestimmt wird. In der Arbeiterklasse,

dem Proletariat, sah Marx sowohl den Träger der sozialen Gerechtigkeit als auch den Träger

des Fortschritts. Im Dienst dieses Fortschritts war es auch erlaubt in einer Phase des Übergangs

zum Kommunismus die Rechte einer Minderheit von Ausbeutern in der sogenannten

»Diktatur des Proletariats« einzuschränken.

Aber es gab in der Moderne auch Philosophen, die nicht an den Fortschritt glaubten, und

auch solche, die den Sinn einer Geschichtsphilosophie überhaupt anzweifelten. Eine bedeutende

pessimistische und noch dazu zyklische Geschichtstheorie vertrat im 20. Jahrhundert

Oswald Spengler (1880-1936). Nach seiner Diagnose ist das Abendland bereits in die für jede

Kultur unvermeidliche Verfallsphase eingetreten. Gegen jede Art von Geschichtsphilosophie,

die eine bestimmte zukünftige Entwicklung als unvermeidlich voraussagen möchte, hat

sich vor allem Karl Popper (1902-1994) gewandt.

In der Moderne haben sich Freiheit, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit als Leitideen der

Politik weitgehend durchgesetzt, doch gibt es verschiedene Auffassungen, wie sie verwirklicht

werden können. Während im Marxismus eine Einschränkung der Freiheit zugunsten der

sozialen Gerechtigkeit nicht ausgeschlossen wird, entscheidet sich der moderne Liberalismus

im Zweifelsfall für die Freiheit des Bürgers. Der bedeutendste Vertreter des Liberalismus

im 19. Jahrhundert ist John Stuart Mill (1806-1873). Für Mill waren die politischen Freiheiten

des Individuums unverzichtbare Mittel zur Förderung des sozialen Wohls. Die Aufgabe

des Staates besteht daher nach Mill lediglich darin, den Schutz von Leben und Eigentum

zu garantieren, er hat jedoch nicht die Aufgabe, die Menschen glücklich zu machen oder gar

zu ihrem Glück zu zwingen. Im 20. Jahrhundert gehören Popper und der amerikanische Philosoph

John Rawls (geb. 1921) in diese Tradition. Popper entwickelte die Konzeption einer

»offenen Gesellschaft«, die durch Freiheit, Toleranz und Meinungsvielfalt gekennzeichnet ist.

In ihr wird darauf verzichtet eine ein für allemal perfekte Ordnung zu errichten, sondern es

wird versucht durch schrittweise Reformen eine gerechtere Ordnung zu schaffen. Auch für

Rawls ist Gerechtigkeit kein endgültig zu beschreibender Zustand, sondern eine immer wieder

neu zu formende Balance zwischen der Verteidigung von Grundfreiheiten und der Verhinderung

dauerhafter sozialer Privilegien. Wie sich die Freiheit des Bürgers mit sozialer Gerechtigkeit

verbinden lässt, ist zum Hauptproblem der Politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts

geworden.

Aus: Martin Morgenstern, Robert Zimmer: Treffpunkt Philosophie. Bd. 1 Grunderfahrungen und Grundfragen. Düsseldorf: Patmos

1998. S.121 f.

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DIE PHILOSOPHISCHE PROBLEMREFLEXION

Allgemeines

Profil:

Mögliche

Aufgabenformate:

Verpflich

tende

Anforderungen:

Ergänzungen:

Die „philosophische Problemreflexion“ ist die Grundform philosophischen

Nachdenkens und die Form (fast) aller mündlichen und schriftlichen Leistungen

im Fach Philosophie.

Die philosophische Problemreflexion („Dreischritt“) besteht aus

1. Problemerfassung: Formulierung von philosophischen Fragen zu scheinbar

Selbstverständlichem, zu unterschiedlichem Material (z. B. Alltagsphänomenen,

künstlerischen Produkten) und Einordnung in einen philosophischen

Zusammenhang (z. B. Kant-Fragen, Disziplin, Epoche, Denkrichtung)

2. Problembearbeitung: Erschließen des Materials unter philosophischen Aspekten

(Fragestellung, These, Argumente, Konsequenzen, rhetorische Mittel

wie Metaphorik); Vergleich philosophischer Positionen; gestalterische

Bearbeitung (z. B. Dialog, Gedichte, Erzählung, Szene, Film)

3. Problemverortung: Gewichtung bzw. Einordnung von Argumenten, Formulierung

von Zwischenergebnissen, eines begründeten Fazits, des Stands

des eigenen Nachdenkens

1. Analyse philosophischer Texte (z. B. durch Herausarbeiten von Fragestellungen,

Thesen, Argumenten (möglichst: Standardargumentation, Toulmin-Schema);

Visualisierungen)

2. Vergleich philosophischer Positionen (Bestimmung des Vergleichspunktes,

Aufzeigen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden, Konsequenzen, Erörterung,

Fazit)

3. Gestalterische Bearbeitung philosophischer Fragen und Aussagen (Fiktive

Dialoge zwischen Philosophen zu einer konkreten Frage, in denen sie ihre

Positionen darstellen, sich aufeinander beziehen; Fiktive Interviews; Plakate;

Gedichte; Szenen usw.)

4. Der philosophische Essay (Nachdenken z. B. über eine Frage, ein Material

(Zitat, Alltagsphänomen, philosophischer Text, Bild)) in einer relativ freien,

spielerischen Form, in der auch befremdende Perspektiven eingenommen

werden können.

5. Portfolio als Sammelmappe mit Einzelblättern, in denen Arbeitsschritte zu

einem Thema (phil. Frage/phil. Thema, PhilosophIn) enthalten sind.

6. Kurzvortrag, der sich am obigen Dreischritt orientiert (zu einem selbst

gewählten Thema, z. B. im Rahmen des Semesterthemas, zu einem vorgegebenen

Thema als Vorbereitung für das mündliche Abitur)

• überschaubarer Arbeitsauftrag mit eindeutiger Ziel- und Schwerpunktsetzung

(Fragestellung, Material)

• Festlegung eines verbindlichen Handlungsrahmens (u.a. Aufgabenformat,

Zeitrahmen, erwarteter Umfang)

• Formulierung einer Frage, eines Problems

• Roter Faden, erkennbarer Gedankengang (z. B. durch Einleitungs- und

Überleitungssätze, Bezugnahme auf Thema und Fragestellung, Hinweise

auf die Funktion der einzelnen Gedankenschritte)

• Korrekte Verwendung der Fachsprache (vor allem phil. Begriffe)

• Korrekte Zitate und Quellenangaben

• Bezieht sich die philosophische Problemreflexion nicht auf philosophische

Texte, sondern auf anderes Material, dann müssen im Unterricht Aspekte

dafür erarbeitet werden, was bei der Problemreflexion zu berücksichtigen

ist (z. B. bei Bildern). Außerdem muss geklärt werden, ob das Material nur

Ausgangspunkt / Impuls für die Reflexion ist oder immer wieder im Verlauf

der Reflexion (spätestens bei der Verortung) auf das Material Bezug

genommen werden muss

• Ihre besondere Qualität erhält eine philosophische Problemreflexion u.a.

durch den „Witz“ der Ideen und Assoziationen

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