WIR Mystery: "Dort wo Frankenstein zuhause ist" - Dr. Frankensteins ...

frankenstein.at

WIR Mystery: "Dort wo Frankenstein zuhause ist" - Dr. Frankensteins ...

Seite 2

DORT WO

FRANKENSTEIN

ZUHAUSE IST

GRUSELFÜHRUNG ERINNERT AN DEN

„BERÜCHTIGTSTEN STUDENTEN“ DER STADT

Text: WIR!

Fotos: Ritchie Herbert

wiriningolstadt.de


Seite 4

Es ist die Nacht, die Frankenstein wieder zum Leben

erweckt. Auch 195 Jahre nach seiner literarischen Geburt

spuken der Gruseldoktor und seine Kreatur noch immer

durch Ingolstadt. Bei der „Mystery Tour“ erlebt man

den Mythos von der heiter-gruseligen Seite, fernab von

den ernsten Themen des Romans, die Literaturwissenschaftler,

Medizinhistoriker und Philosophen beschäftigen.

Der Frankenstein der „Mystery Tour“ ist beseelt von

schwarzem Humor, gefärbt von Mel Brooks „Frankenstein

junior“ und inspiriert von Geistern, Grusel und Klamauk.

Wenn die Schatten länger werden und die Dunkelheit hereinbricht,

wirft Dr. Frankenstein seinen weiten Mantel um und

lädt Unentwegte zu einem Spaziergang durch die dunkle

Vergangenheit Ingolstadts ein. Historisches und Histörchen

aus der Geschichte, Anatomiestudenten und Leichendiebe,

dunkle Gesellen und geheimnisvolle Wesen säumen

den Weg von Deutschlands erster und langer Zeit einziger

Stadtführung dieser Art. Seit inzwischen 18 Jahren erleben

Touristen und Einheimische im flackernden Licht einer

Laterne diese abendlichen Spaziergänge der besonderen Art.

Entstanden ist die „Mystery Tour“ 1995. Bald nachdem

die Idee zu einer Gruselstadtführung geboren wurde,

war klar: Nur eine einzige Persönlichkeit kann die Geister

und Legenden bändigen, nur einer kann die Reise zu

den dunklen Ecken Ingolstadts anführen: Eben jener Dr.

Frankenstein, der als Student der Anatomie in der Stadt

gewirkt hat, der hier Leichenteile von den Friedhöfen und

aus den Beinhäusern zusammengetragen hat, um daraus

seine Kreatur zu erschaffen. Er und seine düstere Geschichte

schaffen den Rahmen für die „Mystery Tour“.

Frankenstein selbst ist ein Klassiker der Weltliteratur, sein

Name ist jedem ein Begriff. Jener verrückt-geniale Wissenschaftler,

der das Unmögliche wagt, tote Materie zum

Leben zu erwecken. Er begeht damit nicht nur einen

Tabubruch, sondern beschwört auch Unheil herauf: Er

verstößt seine aus Leichenteilen zusammengesetzte Kreatur,

diese zieht rachsüchtig und mordend durch die Lande.

Freilich ist alles nur Fiktion. Freilich hat es den Wissenschaftler

ebenso wenig gegeben, wie seine Kreatur. Dennoch

beschäftigt das Thema die Menschen – bis heute.

Der 1818 erschienene Roman der englischen Schriftstellerin

Mary Shelley war der erste Science-Fiction-Roman

der Literaturgeschichte. Die nachfolgenden Bearbeitungen

für Bühne und Film haben das heutige Bild Frankensteins

entscheidend geprägt und der literarischen Vorlage entrückt.

So ist heute für viele der Name Frankenstein gleichbedeutend

mit der Kreatur, das Bild des Filmmonsters vor Augen, dem

Boris Karloff 1931 sein typisches Aussehen gegeben hat.

Wer mit den spektakulären Bildern der unzähligen Horror-Filme

im Hinterkopf den Original-Roman von 1818

zur Hand nimmt, wird eher enttäuscht. Denn dieser ist

in der Erzählung überhaupt nicht reißerisch, ist vielmehr

ein feines psychologisches Drama, eine erbarmungslose

Geschichte der Selbstzerstörung Frankensteins, mit

philosophischer Besinnung und moralischer Tiefe.

Die Kernfrage Mary Shelleys bleibt aktuell, bis heute: Darf

es der Mensch Gott gleich tun, in dessen schöpferische

Rolle schlüpfen und selbst „künstliches“ Leben erschaffen,

oder sollten dem Handeln ethische Grenzen gesetzt sein?

Ein altes Motiv, das sich schon im Untertitel des Romans

„der moderne Prometheus“ ankündigt, das aber zugleich

auch heute aktueller denn je ist und in der Diskussion

um die Erforschung menschlichen Erbguts und der Veränderung

genetischer Information fortgesetzt wird.

Dem Frankenstein-Thema kann man sich von verschiedenen

Seiten nähern – vielleicht ist dieser vielfältige Zugang

auch der Grund für seinen anhaltenden Erfolg. Die düstere,

reißerische Seite des Horror-Genres erfreut den einen, an

tiefgehenden Diskussionen über die moralischen Ansätze

der Autorin erbauen sich die anderen. Ob trivial oder auf

hohem Niveau – Frankenstein bietet für jeden etwas.

Auch wenn sich die Ingolstädter Mystery-Tour nicht ausschließlich

mit ihm und seiner Geschichte beschäftigt, so

bilden die Ereignisse um den wohl „berühmtesten Studenten“

der Stadtgeschichte eine wichtige Klammer - um

seinen Gehilfen Igor, der als Faktotum für die Sauberkeit

des Laboratoriums sorgt, Leichenteile von zweifelhafter

Herkunft beschafft oder die Kreatur zu bändigen weiß,

wiriningolstadt.de


Seite 6

um den Gruseldoktor selbst, der von langen Stunden

über Büchern und geöffneten Leichen berichtet und nicht

zuletzt um das Monster, das, in einer zugegeben sehr

freien Adaption, am Ende der Tour erscheint. Dazwischen

bietet die Handlung weiten Raum für Sagen und Legenden

und andere dunkle Episoden der Stadtgeschichte.

Mit all den finsteren Gesellen und Geistern, die sich in den

Weg stellen, aus dunklen Ecken schreiend durch die Gruppe

brechen und sich arglose Opfer suchen, ist die „Mystery Tour“

eher ein episodenhaftes Straßentheater als eine Stadtführung.

Die Tour lebt von der Spontaneität von Besuchern und Schauspielern,

von Absurditäten und grotesken Situationen. Eines ist

sie auf jeden Fall: Grauenvoll unterhaltsam! Fast 50.000 Besucher

haben sie in den zurückliegenden Jahren besucht; Ingolstädter,

Gäste aus der Region und Touristen von überall her.

Und so hat Ingolstadt allen Grund der Autorin des Romans,

Mary Shelley, zutiefst dankbar zu sein. Sie war es, die die

Geschichte ersonnen hat, die weite Teile des Romans in

Ingolstadt spielen ließ und so den „Mythos Frankenstein“ fest

mit der Stadt verbunden hat. Dieses Alleinstellungsmerkmal

ist heute wichtiges touristisches Kapital, das immer wieder die

Aufmerksamkeit auf Ingolstadt lenkt – auch international. Ob

die BBC, das weltweit ausgestrahlte Programm der Dokumentationsreihe

„Lonely Planet“ oder ein Filmteam des „History

Channel“ aus den USA: Frankenstein ist immer wieder ein

beliebtes Motiv für TV-Dokumentationen. Und wenn ein

Millionenpublikum etwa zu Halloween gebannt vor amerikanischen

Fernsehgeräten die filmische Spurensuche zu den

Hintergründen des Romans verfolgt, darf ein Besuch in der

Frankenstein-Stadt“ Ingolstadt, im Deutschen Medizinhistorischen

Museum und bei der „Mystery Tour“ nicht fehlen.

Als ich siebzehn Jahre alt war,

beschlossen meine Eltern, ich

solle an der Universität in Ingolstadt

studieren. Die Reise war

lang und ermüdend, so dass ich

reichlich Zeit für meine Gedanken

hatte. Von weitem erblickte

ich die hohen, weißen Türme

der Stadt. – Viktor Frankenstein, 3. Kapitel

Wie also kommt es, dass Ingolstadt die Hauptrolle im Frankenstein-Roman

spielt? Fast ein Drittel des Buches ist hier

verortet, am Sitz der Ersten Bayerischen Landesuniversität.

Die Tatsache, dass die Hochschule zu Ingolstadt internationale

Reputation hatte (unter anderem findet sie Erwähnung

in der vierten Auflage der „Enzyclopaedia Britannica“

1797), ist nur eine oberflächliche Begründung, denn tatsächlich

war die Universität 1816, als der Roman entstand,

bereits 16 Jahre nicht mehr in Ingolstadt zu Hause.

Mary Shelley selbst hat uns hierzu keine Hinweise hinterlassen

– es bleibt also Raum für Mutmaßungen und

Spekulationen. Eine Theorie aber hat sich in der Literaturwissenschaft

verfestigt, und diese Verbindung erscheint auch

wahrscheinlich.

Es ist die Verbindung zur Französischen Revolution und zum

Geheimbund der Illuminaten. In diesem Zusammenhang

stößt man auf Abbé Barruel – französischer Ex-Jesuit,

konservativer Publizist und Verschwörungstheoretiker. Er

behauptet 1797 den eigentlichen Auslöser der Französischen

Revolution zu kennen. Barruel gibt den Illuminaten

die Schuld an diesem epochalen Ereignis. Das „geistige

Kind“ der Illuminaten habe sich als „Monster der Revolution

unkontrolliert und ohne Gegenwehr über Europa ausgebreitet“.

Ein „Monster“, geschaffen in Ingolstadt, durch die

Ideen und Ideale der hier 1776 gegründeten Illuminaten.

Aus ihren Tagebüchern wissen wir, dass sich Mary Shelley

ausführlich mit den Werken Barruels beschäftigt hat. Daher

erscheint es durchaus möglich, dass sie dessen Thesen im

Hinterkopf hatte, als sie 1816 ihren Roman zu Papier brachte.

Freilich - Viktor Frankenstein erschuf kein „Monster der Revolution“,

wohl aber erschuf er sein Monster in eben jener Stadt,

die Barruel als Quell der Französischen Revolution ausmacht.

Die Entstehungsgeschichte des Romans birgt reichlich

romantisches Potential. Im Sommer des Jahres 1816, das als

„Jahr ohne Sommer“ in die Wetteraufzeichnungen einging,

entstand die Idee zu Frankenstein – und nicht nur die. Eine

stürmische Juninacht soll es gewesen sein, in der ein Kreis

junger Engländer am prasselnden Kaminfeuer einer Villa am

Genfer See saß. Während draußen ein heftiges Gewitter tobte,

las man sich gegenseitig deutsche Schauermärchen vor.

Diesen irgendwann überdrüssig geworden, beschloss man,

jeder solle selbst eine düstere Geschichte schreiben. In dieser

und den folgenden Nächten beginnen die wohl bekanntesten

Gruselfiguren der Literatur Gestalt anzunehmen: Mary Shelleys

Frankenstein – und auch John Polidoris „The Vampyre“.

Dessen adeliger Vampir wird später zur literarischen Vorlage

eines ganzen Genres. Nach Edgar Allen Poe und Alexei Tolstoi

nimmt sich auch Bram Stoker des Themas Vampir an. Sein

Roman beginnt übrigens nicht weit von Ingolstadt entfernt.

Denn das erste Dracula-Kapitel spielt ursprünglich in München

und findet dann in Österreich seine Fortsetzung – zumindest

in der unveröffentlichten Originalversion des Manuskripts.

Bram Stokers Verleger war dies nämlich zu wenig exotisch

und so erschien der Roman dann in der heute bekannten

Version – mit dem Handlungsort Transsylvanien. Frankenstein

und Dracula – ein amerikanisches Reisebüro bietet ein Grusel-Komplettpaket,

das auf den Spuren der Schauer-Legenden

erst nach Rumänien und dann ins bayerische Ingolstadt führt.

Dr. Frankensteins Mystery Tour“

ist von Mai bis Oktober bei öffentlichen Führungen zu

erleben, ganzjährig können Gruppen eine Sonderführung

buchen. Mehr unter www.ingolstadt-erleben.de

wiriningolstadt.de

Ähnliche Magazine