POM 18

ukr.de

POM 18

JAHRBUCH

ATIENTINNEN ROTIERTE

EDIZINERINNENAUSBILDUNG


ROM 18

2001

Jahrbuch für Patientlnnen-Orientierte

MedizinerlnnenausbÜdung


POM 18

2001

Jahrbuch für Patientinnen-Orientierte

Medizinerinnenausbildung

Mabuse-Verlag

Frankfurt am Main


ROM 18

Jahrbuch for Patientinnenorientierte Medizinerlnnenausbildung

© Mabuse Verlag GmbH

Kasseler Straße 1a

D - 60486 Frankfurt/Main

Tel.: 069 -97074071

Fax: 069 -7041 52

e-mail: lnfo@mabuse-verlag.de

www.mabuse-verlaq.de

Herausgeber:

Die

Hamburger

Anamnese

Tutorlnnen

Redaktion:

Cathrin Büscher, Shadi Dastyari, Philipp Maass,

Kristian Menke, Nina Stober, Mareike Schmidt, Stefan Wirth

Anschrift:

POM 18

c/o Kristian Menke

Hansaplatz 2

20099 Hamburg

e-mail: Pomnummer18@hotmail.com

Erscheinungsweise:

Jährlich mit wechselnder Redaktion

ISBN 3-933050-81-2

ISSN 1435-540X

printed in Germany


Vorwort

Liebe Leserin und lieber Leser!

Trotzdem die Motivation vom Anfang unserer Arbeit bis zum

Schreiben des Vorwortes (welches ja bekanntlich zum Schluss

geschrieben wird) mehr als zu wünschen übrig ließ, haben wir es

geschafft.

Hier ist es nun, das POM18 ist vollbracht!

Der gute Vorsatz, unsere sorgfältige Planung auch in die Tat

umzusetzen, schlug schon am ersten Tag fehl.

Er wich dem für das Hamburger Anamneseteam typischen, aber auch

geliebten Durcheinander.

Das altbewahrte Chaos, in dem wir uns wohlfühlen, scheint eine

notwendige aber nicht hinreichende VorrausSetzung für unsere Arbeit

zu sein.

Wie Ihr wisst, haben wir versucht, dem POM 18 ein Thema

unterzujubeln: Mitte.

Viele haben es beim Verfassen ihrer Artikel berücksichtigt.

Wer etwas damit anzufangen wusste und was wirklich daraus

geworden ist, davon könnt ihr euch nun selbst ein Bild machen.

Insgesamt fügt sich das POM18 zu einem Mosaik aus kurzen und

langen, philosophischen und profanen sowie informativen und

kreativen Artikeln zusammen.

Zu einem unvergesslichen Lesevergnügen laden ein

Cathrin und Shadi


links __ Mit

Inhalt:

Vorwort S. 5

Inhaltsverzeichnis

Editorial : Hilfe /ur Selbsthilfe Horst Küchele

S. l I

Zurück...

...in die Städte

Städtebcricht aus Aachen S. 17

Sandra Nassen

Mitte (Stadtebcricht aus Zürich) S. 18

Alfred Jaros

Musik aus Berlin S. 19

(.'ur.sten ,\'ass, Steffi Grahl

Klein, aber fein {Städtebcricht aus Marburg) S. 24

Ktitja Ifatlemer

Schwar/.waldanamnesc S. 26

Verena .SV/nrt/trz

Frischer Wind aus Lübeck S. 29

Silke I-'eUimann, Michael Hunze

Was gibt's neues aus Wien S. 30

Alexanürti Pekurek

Da geht einiges

Kristinn Menke


te___ ____ rechts

Drei Worte aus Mainz S. 36

Kvckc Endcrs

...in die Köpfe

Mittendrin in Medi/in S. 38

Christian Alexander Reiter

Meine erste Begegnung mit Anamnese S. 41

Eltsc R. Hendrick

Seitenwechsel oder Mitte S. 48

Steffi Gmhl

Ein Erfahrungsbericht S. 50

Ixabvlla Schröder

Herr F. S. 51

Michaela Walpoth

Über den Pfad, das Ziel und die Reise S. 59

Torsten Nahm

...in das Umfeld

M ai treffen U l m 2000 S. 62

Simone Göttler, Thomas

MedCom im Dialog S. 68

Cathrin Büscher, Kristian Menke

Tutorlnnentraining Lübeck -

eine Reise in den Norden aus Wiener Sicht S. 72

Alexandra Pekarek, Elisabeth Siebert


links ___ _____„ _ Mit

Vorwärts...

Marsch durch die Institutionen S. 85

Martin Petersen, Michael van Husen

Anamnese auf dem Stundenplan S. 91

Silke Feldmann, Michael Hunze

Ausbildung kommunikativer Fähigkeiten

in der Medi/.in

Jan Schikiertnann S. 94

Mut /ur Pause S. 102

Katharina Will, Iris Jansen

Wer will schon krank sein auf dieser Welt S. 103

Horst Kachele

Belindlichkeitsstörung oder Krankheit S. l 14

Monika

in der Mitte...

Irrgarten und Viele Grüße aus Dresden S. 120

Tohius

Nähe und Distan/ oder die Liehe des Über-S. S. 1 22

Henrik I.nsch

...und heilt er nicht, so tötet ihn S. 125

DÜVC J. Karloff

Wut im Bauch - Aggression S. 134

Am/reu


te

rechts

Die Mitte als Maß S. 137

Peter Ifeintt'l, Larissa Kraincr

Mitte S. 146

Shacii Dastyari

Die Ethik der Gruppe... S. 148

Henrik Lunch

Beziehungsweise... S. 151

Constanze, Jens Jakob

Ein Gedicht (ohne Titel) S. 155

Christoph Göttl

Der gefesselte Mann S. 157

Wolfram Schüffei

Danke an... S. 181


links

TEHMANNS

l jFACHBUCHHANDLUNG

Mit

Medizinische Fachliteratur und mehr ...

z. B. zum Thema AlICIfllflGSG

^

Barbara ßaies

.o c x\ Klinische Untersuchung des Patienten

o<


te

rechts

Studentische Anamnesegruppen - Hilfe zur Selbsthilfe

Immer wieder erscheinen in der PPmP, so auch in den letzten Jahren,

Arbeiten zum Unterricht, vorwiegend bezogen auf den Unterricht in

den psychosozialen Fachgebieten (l, 2, 3, 4, 5, 6). Das erscheint

verständlich, aber die große Begeisterung, wie sie in den siebziger

Jahren durch eine Vielzahl von Projekten und Veröffentlichungen

dokumentiert wurde, scheint verflogen zu sein. Grundsätzliche

Auseinandersetzungen zur "Ausbildung zum Arzt"(7) haben keine

Hochkonjunktur. In den Medizinischen Fakultäten wird allerorten

über eine Verkopplung der finanziellen Ausstattung der Abteilungen

mit den Leistungen in Forschung und Lehre gerungen; aber ach, die

Lehre bleibt dabei doch leicht auf der Strecke, gibt es doch noch

wenig fassbare Parameter für den Erfolg guter Lehre und noch

weniger Geld dafür.

Gewiss, gute Lehre entsteht durch eine produktive Kooperation der

Lehrenden und der Lernenden, aber ist es ganz vermessen zu fragen,

ob nicht auch mehr Eigenständigkeit der Lernenden gezielter gefördert

werden könnte Anfang der siebziger Jahre entstanden außerhalb des

regulären Curriculums sog. Anamnesegruppen in Ulm, Marburg,

Heidelberg; Anfang der achtziger Jahre in Bonn und Erlangen. Mitte

der achtziger Jahre bildeten sich solche Gruppen in Wien, Graz und

Innsbruck. Diese Anamnesegruppen entwickelten sich aus dem

Bedürfnis, ein spezifisches Defizit am Anfang ihrer medizinischen

Ausbildung auszugleichen. Diese Gruppen haben eine Mutter - Thure

von Uexkülls Konzeption einer umfassenden psychosomatischen

Medizin - und einen Vater, den "Anamnesegruppenvater" Wolfram

Schüffei (8). Aber dies wäre nicht genug. Denn immer wieder

erlöschen die lokalen von einzelnen engagierten Studenten getragenen

Aktivitäten, um dann wieder anderenorts aufzublühen.

11


links

Mit

Die Frage muss gestellt werden, ob wir als engagierte Psycho-

Hochschullehrer dieses bunte Treiben nur freundlich zur Kenntnis

nehmen sollen, oder ob wir eine strukturelle "Hilfe zur Selbsthilfe" auf

unser Programm setzen sollten.

Wenn wir unserem Selbstverständnis Rechnung tragend für einen

Unterricht in patienten-orientierter Medizin arbeiten wollen, dann ist

uns schmerzlich bewusst, dass die festgeschriebenen Lchrpläne für die

Psycho-Fächer uns keinen nennenswerten Einfluss auf die

Sozialisation der werdenden Medizinerinnen und Mediziner

zubilligen. Was wir als Wissenschaftler gut können, ist, die

psychosozialcn Defizite /u registrieren, die eine erfolgreiche,

traditionelle Medizinerausbildung nach sich zieht (5) bzw.

festzustellen, dass "die Studierenden im Laufe des Studiums

depressiver, unzufriedener und zynischer werden, sowie mehr

Krankheitssymptome und zwanghafte Verhaltensweisen entwickeln

(9). Sind wir mit unserem apostolischen Sendungsbewusstsein,

unseren großen Leitbildern und unseren guten Vorsätzen dazu

verurteilt, nur das gespenstische deja -vu Gefühl (von Uexküll 1989)

immer wieder bestätigt zu bekommen, dass mit fortschreitender

Ausbildung der Bedarf nach Zuwendung zum Patienten niedrig bleibt,

der Bedarf nach Autonomie, Erfolg und theoretischer Orientierung

hoch bleibt und der Bedarf nach Dominanz, Durchhalten-Wollen sich

verstärkt (7, S.75)

Wenn unsere Fachgebiete - Medizinische Psychologie, Psychosomatik

und Psychotherapie, auch die Medizinische Soziologie - aus den

vorläufig gesicherten Enklaven unserer Abteilungen ausbrechen

wollen, sind strukturelle Veränderungen unserer

Ausbildungsorienticrung geboten. Statt uns in Pflichtkursen

einzupferchen, und auch noch dem Prüfungswahn der anderen Fächer

zu erliegen - als ob wir dadurch an Renomee gewinnen würden -

möchte ich uns empfehlen, die Studenten als Hilfskräfte zu gewinnen.

Nicht als studentische Hilfskräfte für unsere Forschungsprojekte - so

sehr dies auch uns nützen mag - sondern als peer learning personel.

Schürfe] und Pauli (7) führen dazu unter Hinweis auf einschlägige

12


te

rechts

medizinische, sozialisationstheoretische Forschung aus, dass dem

'fellow Student' eine bedeutsame sozialisierende Funktion zukommt.

Dieser Lernmodus trifft den Kern der "Studentischen

Anamnesegruppen".

Was könnte dann "Hilfe zur Selbsthilfe" heißen. In der Ulmer

Unterrichtskommission der Medizinischen Fakultät hat sich seit

einiger Zeit bewährt, dass die Abteilung Psychotherapie und

Psychosomatische Medizin einen festen finanziellen Betrag (DM

12.000.-) zur Anstellung der studentischen Tutoren der

Anamnesegruppen erhält. Diese werden als "Lehrpersonal" engagiert,

werden durch einen Mitarbeiter der Abteilung supervidiert und der

Leiter der Abteilung sorgt mit offiziellen Briefen an alle

Abteilungsleiter der sog. somatischen Fächer, dass die Studenten mit

ihren Tutoren Zugang zu einem weiten Spektrum von Patienten

erhalten. Die ausscheidenden engagierten Tutoren haben es nun

leichter, neue Tutoren in den Teilnehmern der Anamnesegruppen zu

finden. Und wenn auch das allzu sorglose studentische Treiben - wie

es manche ärztliche Direktoren zu titulieren pflegen - etwas

beschnitten wird, so wird doch durch diese strukturelle Verankerung

den studentischen peer-Aktivitäten auch eine inhaltliche und

institutionelle Kontinuität vermittelt.

Natürlich ist Ulm nur ein Beispiel; an anderen Orten soll sich solches

schon längst etabliert haben. Es wäre uns allen und unseren Studenten

nur zu wünschen.

Horst Kachele

. Inselmann U, Faller H Lang H(1998) Unterricht im Fach Psychosomarische

Medizin und Psychotherapie. PPmP Psychother Psychosom med Psychol

48:63-69

13


links

Mit

2. Schüppel R Bayer A, Hrabal V, Hölzer M, Allert G, Tiedemann G,

Hochkirchen B, Stephanos S, Kachele H, Zenz H (1998) Interdisziplinäres

Längsschnittcumculum "Medizinische Psychologie, Psychosomatik und

Psychotherapie" - Erste Erfahrungen aus dem vorklinischen Abschnitt. PPmP

Psychother Psychosom med Psychol 48:187-192

3. Heindrichs G, Obliers R, Kohle K (1999) Welche Fähigkeiten fördert

problemorientiertes Lernen bei Studierenden der Medizin - Evaluation eines

ErstsemesterTutoriums "medizinische Psychologie". PPmP Psychother

Psychosom med Psycho!.49:208-213

4. Kohle K, Obliers R, Koerfer A, Antepohl W, Thomas W (1999)

Problemorientiertes Lehren und Lernen - Eine Chance auch für die Fächer

Medizinische Psychologie, Psychosomatik und Psychotherapie. PPmP

Psychother Psychosom med Psychol.49:171-151

5. Kuhnigk O, Schauenburg H (1999) Psychische Befindlichkeit,

Kontrollüberzeugungen und Persönlichkeit von Medizinstudenten eines

traditionellen und eines Reformstudienganges. PPmP Psychother. Psychosom.

med. Psychol. 49:29-36

6. Bahrke U, Bandemer-Greulich, U, Fikentscher E (1999) Welche Erwartungen

haben Studierende der Medizin in den neuen Bundesländern an das

Psychosomatische Praktikum und wie erfüllen sie sich PPmP Psychother

Psychosom med Psychol. 49501-506

7. SchüfTel W, Pauli HG (1996) Die Ausbildung zum Arzt. In: Uexküll T (Hrsg)

Psychosomatische Medizin. Urban und Schwarzenberg, München, S 73-02

8.SchüfTel W (1999) Abschied von Marburg - Ein- und Ausblicke mit Visionen

eines "Anamnesegruppenvaters". PO M-Zeitschrift für Patientenorientierte

Medizinerausbildung 16: 17-24

9. Jurkat HB, Reimer C, Schröder K (2000) Erwartungen und Einstellungen von

Medizinstudentinnen und - Studenten zu den Belastungen und Folgen ihrer

späteren ärztlichen Tätigkeit. PPmP Psychother Psychosom med Psychol 50

in diesem Heft

14


Zurück...


in die Städte


te

rechts

Städtebericht aus Aachen

Seit dem Sommersemester 2000 gibt es auch bei uns

Anamnesegruppen (nachdem es „früher mal" schon welche gab und

dann auch wieder nicht mehr...).

Auf die Initiative von nur zwei Studenten hin ging alles erstaunlich

schnell: Wir stießen (fast) durchweg auf offene Ohren. Es gab da nur

ein Problem: Woher Tutorlnnen nehmen, wenn es bis dahin noch

keine Gruppen gab und folglich auch keine Teilnehmerinnen , die

diese Aufgabe hätten übernehmen können. Möglich wurden die

Gruppen also nur, weil ein Allgemeinmediziner seine Praxis, seine

Patienten, seine Zeit und sich selbst zur Verfügung stellte, um

gemeinsam mit einer ÄiP (glaube ich...) die Leitung einer Gruppe zu

übernehmen. Eine weitere Gruppe wurde vom Professor für

Psychosomatik gemeinsam mit einem (damals noch) AiPler betreut,

und auch die Oberarztin der Psychosomatik übernahm eine Gruppe.

Wenn Ihr jetzt aufmerksam gelesen habt, werdet Ihr feststellen, dass

Aachen also mit drei Anamnesegruppen an den Start ging. Im

darauffolgenden Wintersemester 2000/2001 -also JETZT- gibt es

wieder drei Gruppen.

Drei von uns Gruppenteilnehmerinnen waren beim Tutorlnnentraining

in Lübeck (leider nicht mehr), aber ich hoffe, dass wir zahlreich auf

dem Maitreffen in Berlin erscheinen werden, um dann eines

hoffentlich nicht mehr allzu fernen Tages alle Gruppen, unter

studentischer Leitung anbieten zu können.

Schon in einem Anamnesegruppensemester habe ich unglaublich viel

gelernt, und, was ja eigentlich am wichtigsten ist, sehr viel Spaß dabei

gehabt. Ich hoffe, dass Anamnesegruppen in Aachen eine feste

Einrichtung werden und damit verbunden auch unter den Studenten

etwas bekannter, damit man nicht mehr ganz so häufig in fragende

Gesichter blickt, wenn man das Wort ANAMNESEGRUPPE erwähnt.

Tja, das war's also aus Aachen

Tschö

Sandra

Kontakt. Sven Reckort 0241/9329448 Sandra Nüssen 0241/4016335

17


links

Mit

Städtebericht aus Zürich

Mitte

In Zürich ist die Anamnesegruppe durch Studenten

organisiert. Jedes Jahr ist es immer wieder aufs Neue ein

großes Unterfangen, Tutoren zu finden, welche bereit

sind, eine Anamnesegruppe zu führen. Um bei uns eine

Anamnesengruppe führen zu können, muss man in

einem vorangegangenen Jahreskurs an einer

Anamnesegruppe teilgenommen haben, und da fängt

auch schon das Problem an: Obwohl wir seit 3 Jahren

einen Numerus Clausus haben, ist dennoch der Druck

der Prüfung am Ende des 1. Studienjahres recht hoch:

50% bestehen diese Prüfung nicht beim ersten Mal und

daher kann man die Studenten eigentlich ja schon

verstehen, wenn sie sich den ohnehin gut gefüllten

Stundenplan nicht noch zusätzlich voll stopfen wollen -

noch dazu mit einem Fach, das erst im 3. Studienjahr

prüfungsrelevant ist - und das - prüfungstechnisch -

wohl auch nur im weitesten Sinne... Das 2. Studienjahr

gilt bei den Studenten in Zürich als das schwierigste,

weshalb die meisten davon absehen, an der

Anamnesegruppe teilzunehmen. Und im 3. Jahr gibt es

einen Kurs in Psychosozialer Medizin, den dann viele

Studenten als ausreichend empfinden, um sich Wissen

im Bereich Anamnese t echnik anzueignen. Nachdem am

Schluss des 3. Jahreskurses dann die Prüfung in

Psychosozialer Medizin abgelegt worden ist, wechselt die

Bedeutung der Anamnesetechnik von "Schattendasein" in

die tiefe Versenkung und von den einstigen Vorsätzen,

welche man zu Beginn des Studiums hatte, bleibt so gut


te

rechts

wie nichts mehr übrig. Ich frage mich immer wieder wie

sinnvoll es ist, Symptome auswendig zu kennen, wenn

man nicht die Fähigkeit besitzt den Patienten über genau

diese Symptome zu befragen - wohlverstanden, ohne ihm

gleich noch einige unter zu jubeln, die man gerade

erwartet, oder die so gut passen würden. Warum

studieren wir denn Medizin, wenn wir am Ende nicht

wirklich helfen können Müsste nicht der Patient in die

Mitte unseres Handelns rücken Daher organisieren wir

in Zürich auf freiwilliger Basis die Anamnesegruppe, um

unseren Zielen ein wenig näher zu kommen.

cand. med. Alfred Jaros, Co-Präsident der

Anamnesegruppe in Zürich, Schweiz

Musik aus Berlin

Alle Jahre wieder sitzen wir Tutoren aus Berlin, die Instrumente

stimmend, über unseren Ergebnissen und Erlebnissen aus dem

Sommersemester 2000 und dem nun fast verstrichenen

Wintersemester 2000/2001, motiviert, den Rest der Anamnesewelt

19


links

Mit

sowie alle Interessierten auf einen Spaziergang durch die vergangenen

Vier Jahreszeiten mitzunehmen.

„Gruppenkonzert"

SOMMERMELODIE 2000

In das Sommersemester 2000 sind wir mit acht Gruppen und ca. 120

Teilnehmern gestartet. Der Ansturm war so groß, daß wir nicht allen

Interessierten einen Platz anbieten konnten. Schade. Allerdings war

die übliche Fluktuation, bedingt durch Klausuren, sich anbahnende

Staatsexamina und Physika, nicht /u vermeiden, so daß am Ende des

Semesters die Gruppengrößen auf ein familiäres Niveau geschrumpft

waren.

WINTERBLUES 2000/2001

Trotz umgreifender Werbung schwappte der Ansturm vom letzten

Semester nicht wie erwartet über, so dass wir nur mit 60 Teilnehmern

in den Winter gestartet sind. Das bedeutete eine kleine Gruppengröße

bei einem Angebot von sieben Gruppen. Schon jetzt zum

Jahreswechsel können wir sagen, dass es einen geringen

Teilnehmerschwund gibt.

ZUGABE

Neben den wöchentlichen Anamneseabenden fand im Wintersemester

2000/2001 in einer Gruppe auch ein Themenabend zu Sucht und Tod

statt. Des weiteren wurde von einigen Tutoren ein

Wochenendworkshop /um Thema Notfallanamnese angeboten. Dieses

Angebot konnte von allen Teilnehmern des Semesters genutzt

werden. Außerdem fand für höhere Semester ein Seminar zum Thema

„Wahrheit am Krankenbett" statt, welches von einer eigenständigen

Studentengruppe, der auch Anamnesetutoren angehören, organisiert

wurde.

20


te

rechts

Tutorenorchester

Die Berliner Tutoren sind ein Kollektiv von 15 Musikern

unterschiedlicher klinischer Stimmlagen beider medizinischer

Fakultäten der Freien Universität und der Humboldt Universität, aber

wir treffen uns alle in der Mitte. Die Arbeit erfolgt uni-übergreifend

an den beiden Uniklinika Benjamin Franklin und Charitö Campus

Rudolf Virchow Klinikum und Campus Mitte. Des weiteren nutzen

wir auch andere Berliner Krankenhäuser wie das Jüdische

Krankenhaus mit der Suchtabteilung oder das Auguste Viktoria

Krankenhaus, wo es zwei Infektiologiestationen mit dem Schwerpunkt

HIV gibt. Zum Wintersemesterbeginn gab es einen Paukenschlag aus

der Richtung unseres langjährigen Supervisors, der alle Tutoren

wachrüttelte. Dieser war die Folge, der schon länger bestehenden

Disharmonie zwischen der gewollten Teilnahme an der Supervision

und deren Realisierung. Der regelmäßige Besuch der 14tägigen

Supervision ließ schon seit einiger Zeit zu wünschen übrig, obwohl

alle Tutoren sich einig waren in der Frage der Qualitätssicherung. Seit

diesem Semester ist die Teilnahme an der Supervision für eine

Tutorentätigkeit zwingend, so dass wir in einer kurzfristig

einberufenen Krisensitzung einen filr alle Tutoren passenden Termin

vereinbart haben, was allerdings nur unter extremen Schwierigkeiten

und Kompromissen zu erreichen war. Wie sich gezeigt hat, ist diese

Veranstaltung jetzt gut besucht und es findet eine intensive

Zusammenarbeit statt. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an

unseren Supervisor Herrn PD Dr. med. Dr. phil. Danzer, Oberarzt der

Psychosomatik am Virchow-Klinikum derCharite. Zur

Qualitätssicherung finden auch regelmäßig Fortbildungen zu

verschiedenen Themen statt. Prof. Dr. phil. Rosemeier, Leiter der

medizinischen Psychologie an der Freien Universität Berlin, wird

einen Abend zum Thema Sexualanamnese gestalten. Auch ihm gilt

unser Dank. An den Tutorentreffen, die mindestens dreimal pro

Semester stattfinden, müssen alle Tutoren teilnehmen. Außerdem

haben wir beschlossen, dass jeder ein Tutorentraining absolviert

21


links

Mit

haben soll, damit eine hochwertigere Tutorentätigkeit gewährleistet

werden kann. Um uns qualitativ noch weiter zu verbessern, gibt es seit

dem Wintersemester 2000/2001 auch eine Tutorenanamnesegruppe,

an der alle Tutoren, die Lust und Zeit haben, teilnehmen können.

Diese Veranstaltung findet alternierend zur Supervision Htagig statt.

Unsere schon bestehende Evaluation, welche zweiteilig, zu Beginn

und zum Ende des Semesters durchgeführt wird, ist gerade in

Bearbeitung, um die Aussagekraft zu erhöhen und um Defizite besser

zu erkennen.

„Wir sind drin" -Song

In den unendlichen Weiten des World Wide Webs sind viele

Informationen zu Anamnese und damit assoziierten Themen unter

www.anamnesegruppen.de zu finden. Diese schicke Seite wird von

den Berlinern betreut. Viel Spaß beim surfen. Aber damit nicht genug.

Da wir mit dem Fortschritt mithalten wollen, gibt es auch einen Mail-

Verteiler. An diesen sind alle Berliner Tutoren angeschlossen und

dadurch wird die Kommunikation zwischen den beiden Unis in der

großen weiten Stadt um einiges erleichtert. Wer uns etwas singen

möchte, der schicke seine Mail an anamnese@charite.de .

„Tönender Nachhall"

Die AMEE Konferenz (AMEE = Association of medical education in

Europe) muss in diesem Bericht unbedingt erwähnt werden, da die

studentische Teilnahme sehr gering war. Mitten in die Wüste Israels

hatten sich unsere Berliner Anamnesetutoren gewagt, um das in

mühevoller Kleinarbeit angefertigte Poster, das unsere Evaluation

thematisiert, zu präsentieren, welches ein Erfolg war. Für

Diskussionsstoff sorgte die Tatsache, dass sich Studenten fiir die

Verbesserung ihrer eigenen Ausbildung engagieren. Abschließend sei

noch erwähnt, Israel ist auch ohne AMEE eine Reise wert.

22


te

rechts

Halt, die AMEE Konferenz war nicht die einzige Veranstaltung in

dem Sommersemester. Die MED COM (Forum für Kommunikation

im medizinischen System) in diesem Jahr in Graz mit dem Thema

„Kommunikation in medizinischen Systemen" wurde ebenfalls von

einigen Berliner Anamnesetutoren besucht. Ein positiver

Grundgedanke und zahlreiche schöne Begegnungen wurden von der

Konferenz mit nach Berlin genommen, trotz der langen Reise nach

Graz.

Last but not least möchten wir das Tutorentraining in Lübeck loben.

Unsere Tutoren berichteten von einer intensiven Arbeitswoche, deren

Spur sich nicht im Ostseesand verlor.

Vielen Dank noch mal an dieser Stelle nach Lübeck!

„Zukunftsmusik"

Was wird es Neues Geben im Jahr 2001 in der Berliner Tutoren arbeit

Wir planen ein engeres Zusammenwirken mit den Psychologen, das

eine Teilnahme von interessierten Psychologiestudenten an unseren

Anamnesegruppen fördern soll. Neu angeboten wird im

Sommersemester 2001 ein Schnupperkurs Anamnese im Rahmen der

Orientierungseinheit Humanmedizin (OE) der FU Berlin für die

Erstsemesterstudenten.

Selbstverständlich vernachlässigen wir schon Errungenes keineswegs.

„Solostücke"

Wo sollen wir beginnen, bei der Fülle der auf uns wartenden Specials

Es tut uns beinahe leid, doch in Jahr 2001 (Uhren fast alle Wege nach

Berlin ©.

Unser aller geliebtes Maitreffen vom 24.05.-27.05 2001 ist in

intensiver Vorbereitung zu dem Thema Aggression, was bei den

Berliner Busfahrern omnipresent beobachtet werden kann. Wir hoffen

auf zahlreiche Teilnehmer in unserer schönen Hauptstadt. Auch die

23


links

Mit

nächste AMLL wird hier in Berlin ausgetragen. Um noch eins

draufzusetzen, die folgende MHD COM hat im Jahre 2001 ihren

Bestimmungsort ebenso in Berlin. Wie ihr seht, im diesem Jahr habt

Ihr des öfteren die Chance unsere wundervolle Großstadt und deren

Stimmungen kennenzulernen!

„Final Chorus"

An dieser Stelle endet unser musikalischer Spaziergang durch die

klingende Berliner Anamnesewelt. Wir hoffen, unser Concerto breve

hallt noch ein wenig auf die ein oder andere Art und Weise nach.

Viele Grüße aus Berlin.

Hure Komponisten Steffi Grahl und Garsten Naß

Städtebericht aus Marburg

Klein, aber fein!

Klein, aber fein, das ist unsere Erfahrung mit den Anamnesegruppen

in Marburg dieses Semester. Zuerst war ich ja besorgt, als sich für

unsere Mittwoch-Gruppe nur vier Leute gemeldet hatten. Obwohl ich

mir diese Tatsache dadurch zu erklären versuchte, dass nicht die

Teilnehmerzahl geschrumpft, sondern die Zahl derTutoren gewachsen

ist, bleiben die Fragen; „Haben wir Tutoren unsere Sache letztes

Semester schlecht gemacht" - „War die Werbung für dieses Semester

zu schlecht" Vor allem fragte ich mich mit Blick auf die Zukunft:

„Sind vier Leute für eine Anamnesegruppe genug" und „Fehlen den

24


te

rechts

Diskussionen nicht wertvolle Sichtweisen, wo doch vier Augen mehr

sehen als zwei, sechs mehr als vier,..."

Ich muss sagen, ich wurde positiv überrascht. Wenn die vier Leute oft

sehr unterschiedliche Sichtweisen haben und diskutierfreudig sind,

dann sind sie für eine Gruppe genug.

„Ich habe mir vorgenommen, aus jedem Anamneseabend etwas

mitzunehmen. Und bisher ist es mir immer gelungen!" formulierte

letztens ein Gruppenmitglied. Überlege ich mir, was ich aus den

verschiedenen Abenden mitgenommen habe, denke ich zurück an den

Abend, an dem wir erlebten, wie souverän und gelassen jemand seine

erste Anamnese führen kann, der stottert, und wie offen derjenige im

Nachgespräch über seinen Umgang mit dem Stottern berichtet. Nicht

nur ich war begeistert - „Und die Faszination über Arnolds

Bewältigungsstrategie bleibt haften (Name von der Autorin

geändert)", heißt es da im Casebook. Auch denke ich zurück an den

Abend, an dem der Anamneseführende aus dem 5. Semester die

Gelegenheit nutzte, das Ausfüllen des Anamnesebogens aus dem

Klinikum zu üben. Dass der Gesprächsfluss und der Kontakt zum

Patienten litt, ist wohl fast jedem dabei aufgefallen. Besonders

erinnere ich mich allerdings an den Abend, an dem der Patient sehr

missmutig und widerwillig war und dies den Anamnese führen den mit

Sätzen wie: „Sie müssen schon aufpassen, das habe ich doch schon

dreimal gesagt!" und „Eigentlich wollte ich ja gar nicht kommen",

spüren ließ, Gegen Ende zeigte sich hinter der Missmutigkeit ein

Patient, der einfach nur nach Hause wollte, ein Patient, der in einer

ähnlichen Situation von Studenten nicht ernst genommen worden war,

ein Patient, der sich mit dem Anamneseführenden ernsthaft über Sinn

und Unsinn des Mitschreibens während der Anamnese unterhielt.

Auf weitere Abende bin ich gespannt.

Katja Hattemer

25


links „______ __ Mit

Schwarzwaldanamnese

Försterhütte am Mathisleweiher mitten im Schwarzwald, 3 Tage

Workshops, Spaß und gute Laune mit netten Menschen. Selbst das

vielversprechende Naturerlebnis konnte die Freiburger

Anamnesegruppenteilnehmer nicht überzeugen. Frust bei den

Organisatoren: Hütte gemietet, Einkaufsliste fertig, Auto organisiert,

viele eifrige Workshop-Leiter, aber keine Teilnehmer! Was haben

wir falsch gemacht

Damit zukünftige Anamnesehüttenplaner nicht in die gleiche Falle

tappen, hier unsere gesammelten Weisheiten:

1. Lege den Termin niemals, unter keinen Umständen und auf gar

keinen Fall in die Vorklausurenzeit! (Mediziner und

Psychologen sind einfach nicht von ihrer

Lieblingsbeschäftigung abzubringen.)

2. Rühre die Werbetrommel mindestens schon 4 Monate im

Voraus: Springe in jede Vorlesung, voll sprühender

Begeisterung und bewaffnet mit Overhead-Folien (oder

powerpoint-presentation) und Flugzetteln, verschone keine

Klotür von deinen Plakaten und höre nicht auf, bei jedem

Mensagang wenigstens einmal die Hütte ins Gespräch zu

bringen: die Lautstärke einstellen auf den Umkreis von

mindestens 6 Tischen und übertönen sämtlicher

Schmatzgeräusche.

Da wir diese Weisheiten noch nicht berücksichtigt haben (hinterher ist

man ja immer schlauer), zogen wir als zehn kleine Anamnesler los,

mit fünf Tutoren und fünf Teilnehmern (aufgestockt mit schnell

zusammengetrommelten Interessierten aus dem Freundes- und

Bekanntenkreis).

in weiser Voraussicht war Inga schon einige Stunden früher zu

unserem Wochenendhaus aufgebrochen, um sich um die Wasser- und

26


te

rechts

Stromversorgung zu kümmern. Dennoch klirrte uns auch noch drei

Stunden später eine schlotternde Kälte entgegen. Mit selbstgesägtem

und selbstgehacktem Holz im Kamin (danke Vicky und Ilona!) und

Spaghetti auf dem Herd bekamen wir wenigstens einen Raum

schnuckelig warm: die Küche. Dort quetschten wir uns dann auch alle

an einen Tisch, um in der entsprechend familiären Atmosphäre unser

Wochenende zu beginnen, das trotz der werbetechnischen Hindernisse

ein interessantes Hüttenerlebnis werden sollte:

Am Anfang stand nicht das Wort, sondern die Wortlosigkeit, denn

sowohl Anfangs- als auch Schlussrunde war eine Herausforderung an

die kreative stumme Seite aller Hüttler und zwar mit Stift und Papier:

Freitagabend nach Spaghetti:

Aufgabe A: "Nehmt zu zweit einen Stift und ein Blatt Papier und

zeichnet ein Portrait von euch, aber ohne Worte und ohne

Vereinbarung wen zuerst!"

Ein Portrait-Pärchen war so begeistert von ihrem Kunstwerk, dass es

jetzt auf ihren Rücken (naja T-Shirts) zu bewundern ist. Schlussrunde

am Sonntagmorgen nach Aufräumen vor Putzen: Alle sitzen um eine

große Tischdecke am Boden.

Aufgabe B: "Zeichnet alle gleichzeitig unsere Hütte und malt

anschließend eure persönlichen Highlights rein!"

Absoluter Renner war die Authentizität: zum einen Unwort des

Workshops von Victoria und Emanuel, die mit Schul/ von Thun die

Funktion des Blitzes beleuchtet haben; und zum anderen

Scharadetriumph von Emanuel, der bei der pantomimischen

Darstellung dieses Wortes ungewöhnliche Wege ging: Zuerst fuhr er

Aut(o), dann trank er T(h)ee und dann zog (zieh) er ta(ä)tkräftig.

Weiterer Hit war der Grundriss aus dem Workshop "Wahrnehmung"

von Ilona und Verena: "Zeichnet den Grundriss, den euer Partner euch

erklärt, den ihr aber nicht seht!" So kamen ein paar Langewitz-

Gedanken in die Frage "was kann ich im Arzt-Patientengespräch

wahrnehmen - an mir, am Patient, in unserer Kommunikation"

Nicht zu vergessen sind natürlich die Highlights der

Grundbedürfhisse: das 5kg-Brot, das allmorgendliche Milchholen

27


links

Mit

beim Bauern, Holzhacken, Weihertanzen, Bohnenfeilschen... Fazit:

Egal, wie die Sache mit den Werbekampagnen verläuft, eine

Anamnesehütte ist eine tolle Sache!

Verena Schwaerz, Freiburg

28


te _ rechts

Frischer Wind in Lübeck

Im letzten Jahr schrieb an dieser Stelle das Urgestein der

Lübecker A namnesegruppen und kündigte ei nen

Generationswechsel an. Na gut, hier sind wir. Es gab im

Sommer vier, im Winter drei Anamnesegruppen, in denen

drei „neue" Tutoren zum Einsatz kamen. Jede Gruppe hatte

wieder 8-10 Teilnehmer; besonders groß war im

Wintersemester der Zustrom aus dem ersten vorklinischen

Semester.

Auch sonst war das Studienjahr 00/01 ein Jahr der

Neuerungen in Lübeck: Zum ersten Mal wurde ein

reformiertes Studienkonzept ausprobiert, das von

Studierenden erarbeitet wurde. Die Anamnesegruppen

spielten dabei eine Rolle (siehe gesonderter Artikel).

Außerdem fand im Oktober ein Tutor(inn)entraining bei uns

statt. In den zwei Gruppen waren Teilnehmer(innen) aus

Wien, Freiburg, Bonn, Aachen, Marburg, Berlin und Lübeck.

Alle waren bei Anamneslern und Sympathisanten in Lübeck

untergebracht und verlebten eine arbeitsreiche und

eindrucksvolle Woche. Ein Dank geht an die Trainer(inn)en,

die größtenteils extra aus Wien zu uns gekommen sind.

Im Sinne des gegenseitigen Austausches haben wir auch in

diesem Jahr wieder die Hamburger besucht

und sind besucht worden.

29


links

Mit

Außerdem sind wir froh, dass neben der Gruppensupervision

die Klinik für Psychiatrie wieder eine

Tutor(inn)ensupervision angeboten hat.

In der Zukunft möchten wir diese ganzen Aktivitäten gerne

weiter betreiben und freuen uns auf das Maitreffen in

Berlin.

Liebe Grüße aus Lübeck !

Silke Feldmann, Michael Hunze

Was gibt's Neues aus Wien

So oder so ähnlich habe ich schon 1999 meine Einleitung für den

Städtebericht aus Wien begonnen. Und wieder muss ich sagen, soviel

Neues gibt es nun wieder nicht zu berichten. Obwohl, es ist einiges im

Umbruch. Wobei ich aus jetziger Sicht nicht sagen kann, ob das jetzt

gute oder eher schlechte Nachrichten für uns Anamneslerlnnen sein

werden. Aber wir kommen da noch hin.

Unser Anamnesetutorium besteht aus 12 Tutorlnnen, der Zeit zwei

Männer und zehn Frauen. Wir setzen uns aus Medizin - und

Psychologie - Studierenden zusammen. Diese Tradition besteht schon

viele Jahre und hat das Verständnis innerhalb dieser beiden

Berufsgruppen für jeweils die andere sehr positiv beeinflusst. Seit

mittlerweile einem Jahr haben wir unsere Interdis/iplinarität auch auf

andere Disziplinen erweitert. So laden wir auch Studentinnen der

Sprachwissenschaft, Soziologie, Sonder- und Heilpädagogik,

Pädagogik, Hthno-Medizin, Theologie zu den Anamnesegruppen ein.

Dieses Jahr mit großem Erfolg. Viele, auch medizinfremde

30


te ________^ rechts

Stundentlnncn haben sich für die Anamnesegruppe interessiert und

angemeldet. Vielleicht bewirbt sich ja die eine oder andere im

kommenden Wintersemester für einen Tutorenjob. Wäre eine tolle

Bereicherung. Da sind wir gleich beim nächsten Thema. Wir in Wien

haben einen bezahlten Job, sind geringfügig vom Dekanat aus

beschäftigt und sind auch zu einer wöchentlichen Supervision

verpflichtet. Unsere Supervision verläuft nach der Baliritmethode.

Die Anamnesegruppe ist im Medizinstudium als

Wahlpflichtveranstaltung verankert. Bei einer zweisemestrigen

Teilnahme und einer Abschlussarbeit gibt es von „uns" ein Zeugnis.

Weiters hat sich seit einem Jahr eine zusätzliche, ungeleitete

Fortgeschrittenengruppe etabliert. Diese setzt sich aus Tutorlnnen und

ehemaligen Gruppenmitgliedem zusammen und trifft sich einmal pro

Monat, immer mit wechselnder Station. Nach anfänglichen

Schwierigkeiten, Fluktuation und Unregelmäßigkeit hat sich diese

Gruppe gefunden und scheint auch gut zu laufen.

Wie wird es mit uns weiter gehen Wie wird unsere Zukunft

ausschauen Nachdem mit dem kommenden Wintersemester, 200l/

2002 eine neue Studienreform in Kraft treten wird, ist der Verbleib der

Anamnesegruppen im Studienplan sehr unsicher. Wir hier in Wien

haben auf diese Frage keine Antwort. Wird es uns in der bisherigen,

sehr selbständig agierenden Form, trotz Bezahlung weiter geben, oder

werden wir in einem anderen Projekt aufgehen Bis zum jetzigen

Zeitpunkt haben wir noch keine konkrete Antwort und harren der

Dinge, die auf uns zu kommen werden. Ich werde mit dieser vielleicht

eher unbefriedigenden Frage und auch Unsicherheit meinen Beitrag

beenden. Obwohl ich mir jetzt sehr wünsche, dass in einem Jahr, also

2002, wieder ein Städtebericht aus Wien erscheinen wird.

Alexandra Pekarek

31


links

Mit

Da geht einiges!

Ich besinne mich, komme etwas zur Ruhe, schließe die Augen

und beginne eine kleine Reise. Eine Reise durch die Zeit, durch

das letzte Jahr, hin zu den Wirkungsstätten der Anamnese, in

die Seminar- und Konferenzräume, in die Kliniken, in die

Gruppen, in meine Gefühle, die an all diesen Dingen und

Personen kleben und sie beeinflussen. Fast ein ganzes Jahr

Anamnese kommt dabei zum Vorschein, wieder ein Jahr, so

schnell vergeht die Zeit. Es war ein spannendes Jahr mit vielen

Höhen und Tiefen, Frustration und Euphorie, von

himmelhochjauchzend bis tief betrübt. Was ist da alles so

passiert, zwischen Ulm und Berlin, was wird wohl noch

passieren

Was mir als erstes einfällt ist, dass wir Tutorlnnen jetzt seit zwei

Semestern Geld bekommen für unsere Arbeit, als studentische

Mitarbeiter des Fachbereichs (auch Hiwi genannt). Wie es dazu

kam, habe ich gar nicht mehr so genau herausfinden können,

auf jeden Fall war da plötzlich vor ca. einem 3/4 Jahr die Rede

von so einem Antrag, den wir verfassen müssten, ein Antrag für

ein Tutoriumsprogramm. Was für ein Tutorium Der

akademische Senat der Hansestadt - Hamburgs höchstes

Bildungsgremium - stellt bereits seit mehreren Jahren Gelder

für bestimmte Projekte zur Verfügung. Voraussetzungen sind

.innovativer Charakter' und/oder .fachbereichsübergreifende

Tätigkeit' des Projekts sowie die Schirmherrschaft eines

universitären Instituts, qualifizierte Tutorlnnen und eine

Evaluation des Ganzen. Fr. Bullinger, Professorin des Instituts

für Medizinische Psychologie, unsere bisherige

Ansprechperson für Dinge wie Supervision etc., hat uns dann

gefragt, ob sie nicht so einen Antrag für dieses Programm für

uns schreiben solle und wir dann eventuell aufgenommen

würden unter Schirmherrschaft der Medizinischen Psychologie.

Nachdem wir ihren Entwurf in der Hand hielten ging die

32


te _^__^____ rechts

Diskussion erst so richtig los und es drängten sich Fragen auf,

die bisher in unserer unbezahlten und freiwilligen Arbeit noch

nie wirklich wichtig gewesen waren: Bedeutet Schirmherrschaft

eine aktive Einflussnahme auf unsere Gruppenstruktur,

Termine usw. Überwachen unsere Supervisorinnen jetzt die

Qualität unserer „Lehre" Haben wir einen echten Lehrauftrag

und müssen vielleicht sogar Frontalunterricht machen Wie

werden neue Tutorlnnen ausgebildet/vorbereitet, wer

entscheidet überhaupt wer neueR Tutortn wird Kriegen wir

jetzt auch Bewerber für das Tutorium, die gar nicht unserer

Vorstellung von Anamnese entsprechen und die ,nur' das Geld

lockt Sind die alten Tutorlnnen überhaupt kompetent genug

Wie führen wir eine Evaluation durch Sind wir dann überhaupt

noch eine freie studentische Anamnesegruppe oder nur noch

bezahlte Lehrpersonen der Medizinischen Psychologie

Die Diskussion um all diese Fragen hat uns mindestens ein

Dutzend Abende und viel seelisch-moralische Qual bereitet.

Schließlich hatten wir alle mehr oder minder das Gefühl, uns

ein zumindest ein bisschen an die Uni zu verkaufen (im

wahrsten Sinne des Wortes). Bei allem Für und Wider haben

wir uns dann doch für den Antrag entschieden, aber nicht ohne

vorher in den essentiellen Punkten unsere eigenen

Bedingungen in das Papier aufgenommen zu haben.

Schließlich bringt das Geld und die Bindung an das Institut für

medizinische Psychologie auch diverse Vorteile, z.B.

regelmäßige Aus-/Fortbildung von neuen und ,alten'

Tutorlnnen, kostenlose Kopien, Aushangwände, ein Fach im

Sekretariat, Internetzugang, offizielle Anschrift, Eintrag ins

Vorlesungsverzeichnis, Reisekostenzuschüsse, überhaupt ist

die Nutzung der Ressourcen des Instituts sehr wertvoll,

insbesondere der Mitarbeiter für Supervision und Fortbildung.

Und wir haben uns außerdem auf einen monatlichen Soli von

unserem Lohn für die ,Anamnesekasse' geeinigt, um einen

33


links

Mit

Fond für vielfältige Aktivitäten, z.B. eine kleine Fachbibliothek,

einzurichten.

Da der Entwurf und die Diskussion über den Antrag wie immer

ewig gedauert hat, sind wir deshalb übergangsweise als Hiwis

(immerhin für zwei Semester) vom Fachbereichsplaner

angestellt worden, im Januar ist der Antrag dann endlich von

der Fachbereichsratskonferenz Medizin verabschiedet worden

und liegt jetzt beim akademischen Senat. Und wir harren der

Dinge die da entschieden werden...

Das nächste Thema beginne ich mit einem kleinen Rückblick:

Im Herbst 2000 sitzen sieben potentielle Tutorlnnen in einer

WG - Küche beisammen und überlegen sich wer gerne mit

wem eine Gruppe machen würde, ja richtig, sieben Leute, eine

ungerade Anzahl. Nach wieder einmal andauernder Diskussion,

dem Angebot von einigen, bei der Gruppenleitung

zurückzustehen und weiterem hin und her, haben wir uns

darauf geeinigt eine Gruppe mit drei Tutorlnnen und zwei ä

zwei Tutorlnnen zu machen. Eine Dreiergruppe war etwas

vollkommen neues und wir hatten alle mehr oder weniger

Angst, dass dieses Experiment doch scheitern könnte. Bei den

ersten Infotreffen waren dann leider zu wenig Interessierte da,

aber komischerweise hatten wir danach plötzlich ständig neue

Anfragen, ob wir nicht doch noch jemand aufnehmen könnten.

Da wir seit mittlerweile drei Semestern den Schein für

Anamnese im Rahmen der U-Kurse ausgeben dürfen (Pflicht

fürs I.Staatsexamen), war der überwiegende Anteil der

.Grüpplinge' aus dem 1.klinischen Semester. Logische

Konsequenz war, dass sich uns als Tutorlnnen immer mehr der

Eindruck ergab, dass ganz viele der Teilnehmerinnen den Kurs

nur besuchen, um einen Kurs vorziehen zu können, sprich

eigentlich nur auf Scheinerwerb aus sind, statt wirklich an

Anamneseerhebung im studentischen Rahmen interessiert zu

sein. In unseren Supervisionen haben wir das Thema

ausführlich diskutiert und sind dann endlich daraufgekommen,

34


te

rechts

dass wir sicherlich nicht unschuldig an der schlechten

Arbeitsmoral unserer Gruppenteilnehmerinnen sind.

Schließlich sind wir erfolgsverwöhnt vom Vorsemester in unsere

Gruppen gegangen, die meisten Tutorlnnen in ihr zweites

Semester als Tutorln. Da kam dann scheinbar öfter zur

fehlenden Aktivität und gepflegten Harmonie der Grüpplinge die

leichte Reizbarkeit durch die Enttäuschung unserer

zugegebenermaßen hohen Erwartungen.

Einen weiteren kleinen Dämpfer gab es bei dem Versuch

endlich Psychologinnen in unsere Anamnesegruppen zu

integrieren. Nachdem unsere Werbeplakate im Fachbereich

Psychologie wieder vom Dekan abgehängt worden waren

(kleines Kommunikationsdefizit im Vorfeld), kamen leider keine

Psychologiestudierenden zum Infotreffen. Aber immerhin hatte

ich die Ehre mit Cathrin das erste gemischte Tutorinnenpaar

aus Medizin und Psychologie zu bilden. So weit so gut.

Sollte unser Antrag zum Tutoriumsprogramm genehmigt

werden und wenn wir uns mit den Damen und Herren

Verantwortlichen aus dem Fachbereich Psychologie noch

besser verständigen, werden hoffentlich im kommenden

Semester noch ein paar .Psychologinnen' an unseren Gruppen

teilnehmen.

Abschließend möchte ich mich noch bei unseren sehr

verständnisvollen .Offiziellen', Hr.Kadula und Fr. Bullinger

bedanken, ohne deren Geduld und Bereitschaft uns unsere so

wichtigen Freiheiten bei den Anträgen einzuräumen das Ganze

sicherlich nicht so gut gelaufen wäre. UND ganz besonders

natürlich auch bei Iris und Henrik, die, obwohl sie nicht im

Tutorinnenteam waren, sich trotzdem um des Ganze immer

mitgekümmert und viel Arbeit gehabt haben.

Kristian Menke

35


links

Mit

Drei Worte aus Mainz

Warum gibt es bei uns keine Anamnesegruppen Gute Frage! ich bin

zur Zeit in Wien auf Auslandssemester und bleibe auch noch bis Mitte

des Jahres. Die anderen Main/.er , die so etwas aufziehen wollen

stehen gerade vor dem 2,Staatsexamen. Deswegen sieht das bei uns

auch nicht so rosig aus. Wir haben im Sommersemester versucht, eine

POL-Gruppe ins Leben zu rufen, aber aus Mangel an Interessenten

haben wir am Ende mit 3 Leuten gepolt- uns!!

In Mainz ist das mit der Studienreform noch nicht so weit her, da

denken noch alle- oh Gott, noch was jede Woche, wann soll ich denn

dann Lernen!

So schade das ist. Aber neben Fachschaft und eigenem Studium ist es

auch ganz schön stressig, nicht nur eine POL oder Anamnesegruppe

zu erschaffen und als Tutor zu begleiten, sondern überhaupt erst mal

Teilnehmer zu finden.

Naja, deswegen gibt es in Main/ noch keine Gruppe.

Hycke Hnders

36


...in die Köpfe


links

Mit

[Mittendrin in Medizin!

Lind wie kommt man wieder raus

Ich studiere jetzt seit zweieinhalb Jahren Medizin in Graz, mit ganz

normalen studentischen Höhen und Tiefen, und traue mich zu sagen,

dass ich bereits einen kleinen Einblick in die Medizin besitze.

Zumindest in der Hinsicht, was die Medizin - oder vielmehr das

Studium selbst - mit mir macht.

Ich habe angefangen, Medizin zu studieren, so wie wahrscheinlich die

meisten anderen auch, mit Interesse am Stoff, aber auch mit gewissen

Vorstellungen vom Menschen. Ich gehöre (immer noch!) zu der

Gruppe von Leuten, die glauben, dass der Mensch aus mehr besteht

als nur aus Fleisch und Blut, Haut und Knochen, Myofibroblasten,

Ligamenta und Neuralverschaltungen. Und mehr als aus

psychosomatischen Krankheiten und Wirkungen aus

biopsychosozialem Umfeld.

Ich habe einmal anders gedacht. Mensch-licher.

Und genau aus diesem Grund möchte ich ein paar Worte an ein paar

andere Menschen richten, die mir vielleicht nachfühlen können.

Mein Verständnis davon, was ein Mensch ist, hat sich im Laufe dieser

nun bald 3 Jahre sehr verändert, ist wissenschaftlicher geworden.

Ja, Medizin ist eine Wissenschaft, eine Ato/wnvissenschaft, und gut

bekannt ist auch der Grundsatz, ohne den sie nie funktionieren würde

als solche: Sie muss Wissen schaffen und so bereitstellen, dass es

nachvollziehbar ist für andere, wiederholbar, reproduzierbar im

Experiment.

Ich kenne viele Artikel und Karikaturcomics, Versuche, das, was

ständig im Krankenhaus vollzogen wird, etwas zu verdeutlichen: dass

der Mensch als „Ganzes" sehr oft zerlegt wird in seine „Einzelteile",

und jedes davon getrennt von den übrigen betrachtet.

Der uns allen bekannte Thure von Uexküll schreibt: „Der Mensch

iässt sich nicht nachträglich in die Heilkunde einführen"', da stimme

38


te

rechts

ich ihm zu; aber es gibt ja genügend Leute, die Berichte oder lustige

Zeichnungen darüber verfassen; das überlasse ich denen;

Mir geht es eher um die Veränderung, die einen selbst betrifft, wenn

man Medizin studiert.

Es werden die „Fakten", die man lernt, ständig und in vielen

Variationen wiederholt, sodass man sie schiussendlich als Tatsache

hinnimmt und nicht mehr darüber nachdenkt, ob sie auch wirklich

stimmen. Natürlich kann sich nicht jeder Medizinstudent erneut den

Kopf darüber zerbrechen, ob es nun WIRKLICH so ist, dass

meinetwegen das humane Choriongonadotropin ein Molekulargewicht

von 38.000 hat oder nicht. Es ist ja auch (fast) völlig belanglos. Aber

ein wenig mehr zu denken gibt mir, wenn von Lebenserwartungen,

Normalwerten, Wahrscheinlichkeiten geschrieben wird.

Ich weiß, das sind statistische Werte, und die Statistik hat ihren Platz.

Es geht mir nur um die Art, wie sehr zum Beispiel statistische /ahlen,

die man immer wieder hört, das eigene Denken verandern.

Dazu kommt, dass sehr viele, die mit der „Schulmedizin" (uuh - das

böse Wort!) nicht konform gehen, sich nicht sehr glaubwürdig

verhalten, was die medizinische Wissenschaft natürlich veranlasst,

sich von solchen „Scharlatanen" nur noch weiter zu distanzieren, ist ja

auch klar.

Aber genau dieses „ist ja auch klar" ist ein Produkt des apriorischen

Denkens, das man sich aneignet, wenn man Medizin studiert, glaube

ich jedenfalls.

Wenn man mittels Akupunktur an einem Punkt am Unterschenkel mit

einer Nadel einsticht, aus welchem Grund sollte man sich dann

beruhigen Dafür gibt es in unserer Medizin keine Erklärung. Oder,

ein chemisches Element, millionenfach verdünnt, mit einer

Homöopathie-Plakette an der Flasche, kann doch nur Placebo sein, da

ja nach bisheriger Forschung statistisch kein einziges Atom der

Ausgangssubstanz mehr in dem Präparat enthalten ist. Das sind die

„Fakten", die man so nebenbei lernt.

Ich habe mich früher immer gefragt, wie können diese Autoren nur so

engstirnig denken.

39


links

Mit

John Newland fand im Jahre 1864 gewisse Strukturen des

Periodensystems heraus und betonte die Bedeutung der Zahl 8 im

Zusammenhang mit chemischen Elementen. Hr wurde von der Royal

Chemical Society ausgelacht. Nachdem Dimitri Mendeljew 1868 die

Oktettregel des Periodensystems herausfand, mussten sich die

Herrschaften bei Newland entschuldigen.

Hs gibt unzählige Beispiele in der Geschichte, wo (Hr)findungen

gemacht wurden, die man vorerst verlachte; meist ein bis zwei

Jahrzehnte später war der neue Gedanke schon bahnbrechend, ein

Neuaufbruch im jeweiligen Bereich.

Ja, und ich habe mich dann immer gefragt, wenn ich so was gelesen

habe, können die Menschen nicht endlich soweit sein, aus ihren

jahrhundertelangen Fehlern zu lernen, und offener werden gegenüber

Dingen, die einfach bis jetzt noch nicht genügend erforscht wurden;

einfach nur zugeben, dass sie sich in einem Bereich nicht genug

auskennen, um sich ein Urteil darüber bilden zu können

Was mich aber nur noch weiter zu der Frage drängt, warum ich jetzt

bei mir selbst bemerke, wie ich mir diese Denkweise langsam aneigne,

und es erschreckt mich.

Ich habe keine Pauschallösung dafür, ich glaube, man muss sich

einfach nur oft genug bewusst werden, was man da eigentlich

„auswendig" lernt, und was das mit dem eigenen Denken anstellt,

t-ine große Hilfe ist es, mit anderen Menschen, die nachweislich ©

nicht Medi/in studieren, zu reden - man merkt dann leichter, in

welchen Schubladen seine eigenen Gedanken eigentlich stecken.

Hs ist für mich natürlich kein Grund, gleich das Studium hinzulegen,

aber ich überlege mir schon, wie sehr ich mich in die Mitte dieser

Materie hineinbegeben möchte, ohne meine eigene Mitte, meine

Intuition, meinen Sinn für die Wirklichkeit, zu verlieren.

Na dann, viel Frfolg - beim aufspüren der kleinen automatisierten

Gedanken im Hinterkopf]

Christian Alexander Reiter, Graz

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te

rechts

Meine erste Begegnung mit Anamncsegruppen

In den USA gibt es vieles nicht - glaubwürdige Wahlen, Sozialwesen,

landesweiten KrankheitsVersicherungsschutz. Da komme ich her.

Als ich anfing, Studienmöglichkeiten für Humanmedizin in Berlin zu

recherchieren, stieß ich auf der Seite der Humboldt-Universität zu

Berlin auf noch etwas, was bei uns nicht zu finden ist:

Anamnesegruppen. Ich wollte auf jeden Fall einer studentischen

Vereinigung beitreten, um andere Medizinerinnen kennenzulernen,

also suchte ich nach weiteren Informationen. Was ich herausfand,

interessierte mich noch mehr.

Ein Jahr danach kann ich sagen, dass meine Zeit in einer

Anamnesegruppe eine äußerst angenehme und empfehlenswerte

Erfahrung gewesen ist. Diese Idee würde ich gerne in den USA

eingeführt sehen.

Gründe dafür, dass ich diese Gruppen so empfehlenswert finde, gibt es

mehrere. Zum einen hat man die Möglichkeit, den Umgang mit

Patienten zu üben, bevor es wirklich darauf ankommt. So kann man

die Unsicherheit, das nervöse Kichern, das Dauer-Achselzucken,

sowie andere nicht gerade vertrauenserweckendcn Erscheinungen z.T.

überwinden, ohne sich wegen der Missbilligung der Assistenzärzte/-

ärztinnen Sorgen machen zu müssen. Gelegenheit zu stilistischer

Entwicklung bekommt man auch. Die verschiedensten

Formulierungen derselben Frage können in einer relativ stressfreien

Atmosphäre ausprobiert werden.

Wichtiger noch: man kann die passive Seite der Anamneseerhebung

üben. Zuhören und Beobachten sind schließlich ein sine qua non einer

guten Anamnese. In einer Anamnesegruppe hat man Gelegenheit,

nicht nur die Angaben des Patienten zu beobachten, sondern auch

darüber nachzudenken, WIE die Angaben formuliert werden, wie sich

41


links

Mit

die Stimme des Patienten anhört, was der Patient ungesagt bleiben

lässt, usw., ohne dass es auf konkrete Ergebnisse ankommt, was auch

den Stressfaktor erheblich vermindert.

Das Schönste daran ist aber möglicherweise, dass man das Ganze

zusammen mit Mitstudierenden macht, und nachher Gelegenheit zur

Verarbeitung des Erlebten mit ihnen hat. Diese Art von Eindrucksund

Ideenaustausch ist für mich der Grundstein des

Anamnesegruppen-Erlebnisses.

Meine eigenen Erfahrungen mit meiner Anamnesegruppe an der

Charite sind auch ziemlich positiv gewesen. Zum einen hatten viele

der Patienten ganz interessante Leben geführt, und erzählten auch

gerne davon, z.B. der mexikanische Dolmetscher (einige der Daten

sind aus datenschutzrechtlichen Gründen verändert worden), der in

den letzten 20 Jahren durch Südamerika, Europa, und die

Bundesrepublik reiste, bevor er sich in Berlin niederließ und bei ihm

ein Tumor im Gehirn festgestellt wurde. Zum Protokoll schrieb ich

damals: „Schwere Kopfschmerzen - also zum Urologen gegangen."

(Sein Urologe war nämlich der einzige Ar/t, zu dem er Kontakt hatte.)

Bei unseren Patienten konnte man sich oft ein sehr klares Bild ihrer

Lebensanschauung und der Weise, auf die sie mit ihren Krankheiten

fertig wurden, machen. Unser allererster Patient ist hiefür ein gutes

Beispiel. Berliner, Mitte 50, z.N. Bypass-OP. Er neigte offenbar

meistens dazu, Gespräche zu dominieren, und tat es auch hier. Als die

Anamneseerhebende, deren Berliner Dialekt durch den seinen deutlich

verstärkt wurde, sich seiner Krankheit und seiner Operation zuwenden

wollte, wollte er allem Anschein nach nichts lieber machen als das. Er

redete stets lässig, und schien, allen den Eindruck geben zu wollen

(vermutlich auch sich selbst), mit allem vollständig problemlos ohne

Hilfe klarkommen zu können. In Bezug auf seinen Körper benutzte er

oft mechanische Begriffe. Er erklärte ganz ruhig, wie sein Kardiologe

nach „Echolot" hochgradige Koronararterienokklusionen feststellte:

42


te

rechts

„Naja, die eene war zu 75% abgeschlossen, und de annre war fast total

dicht," als würde er über den Nachmittagsverkehr in Berlin-Mitte

berichten. Jetzt aber sei er in Ordnung, da die Arterien „umjclötct

wurn", Länger könnte er jedoch nicht reden, da „um dreiviertel achte

Fußball" wäre. Diese Beschreibungen ergeben ein besseres Bild seines

Geisteszustandes, als gezielte Befragung es jemals könnte. Mir gab er

den Eindruck eines Mannes, der sich vom Geschehen im eigenen

Körper abgren/te, der durch Mechanisierung seine Gefühle über seine

Krankheit vor sich selbst verbergen wollte.

Meine erste Anamnese

Aus irgendeinem Grund wartete ich ziemlich lange, und war als eine

der letzten dran, eine Anamnese zu erheben. Ich war ziemlich nervös,

was mir vermutlich auch anzusehen war. Das war schließlich mein

erstes wirkliches Gegenübersitzen mit einem völlig unbekannten

Patienten. Ähnliches hatte ich zwar schon erlebt. Die Leute, denen ich

ab und zu mit Papierkram in laufenden Gerichts- und

Verwaltu n gs verfahren half, musste ich ja zur Klärung des

Sachverhalts befragen. Und es gab ja auch Angehörige und Bekannte,

die manchmal in irgendeinem Gespräch ganz nebenbei sagten: „Sog

ma, du studiast jo Medizin, hascht ne Ahnung, wos i hob" Das waren

aber Leute, die ich seit einiger Zeit kannte. Mit ihnen hatte ich einen

gewissen Rapport. Ich wusste, wie ich mit ihnen umgehen sollte.

Auch wenn die Fragen zum Teil dieselben sein sollten, war eine Art

Grundlage bereits vorhanden. Das hier war aber völlig anders. Nur

drei Sachen konnte ich mit Sicherheit sagen: (1) es wird mir eine

Person gegenübersitzen, (2) diese Person wird irgendeine Art Problem

haben, und (3) ich muss herausfinden, wer diese Person ist, und was

ftir ein Problem sie hat.

Während ich versuchte, mit diesen ganzen Gedanken und der ihnen

zugrundeliegenden Nervosität fertig zu werden, kam die Gruppe

43


links

__^ Mit

zusammen. Es waren /u dem Zeitpunkt nicht mehr viele, höchstens

/ehn Leute. Uns wurde mangels anderer Möglichkeiten ein Zimmer

zugewiesen, das wahrscheinlich mal als OP-Saal diente, das aber jetzt

eher wie eine Art Abstcllraum für Stühle, Betten, Ultraschallgerate

aus. Es gab irgendwo im Zimmer (wo genau, wusste niemand)

irgendein Gerät, das ungefähr alle zehn Minuten ein ziemlich lautes

Piepsen und Summen von sich gab. Nach einigen Minuten wurde der

Patient hereingebracht.

Ich setzte mich ihm gegenüber, stellte mich vor, und erklärte, worum

es sich bei dieser Gruppe handelte. Er hatte höchstwahrscheinlich

schon gehört, worum es sich bei der Gruppe handelte, aber ich wollte

sicher gehen, dass das alles klar war. So konnte ich auch ein paar

Minuten auf sicherem Terrain verweilen und Bquilibrium gewinnen.

Nachdem die ganzen Formalitäten erschöpft waren, war es Zeit für

Die erste Frage. Ich hatte in meinem Klinikleitfaden und anderswo

ziemlich viele Bespiele davon gesehen, wie die Frage NICHT lauten

sollte. Nirgendwo hatte ich jedoch ein Bespiel einer

BRAUCHBAREN Formulierung gefunden. Mit einigen

Möglichkeiten hatte ich bereits in meinem Kopf hcrumgespielt: „Wie

fühlen Sie sich heute" (die verwarf ich, da es möglich erschien, dass

manche es für eine blöde Frage halten würden - „Wie ich mich fühle

Ich sitze im Krankenhaus! Raten Sie mal, wie ich mich fühle!");

„Warum sind Sie hier" (die verwarf ich aus zwei Gründen - (1)

ähnliche Reaktionen wie die im letzten Beispiel waren denkbar und

(2) die Formulierung hatte auch noch etwas von einem Vorwurf an

sich); „Was gibt's" (auch verworfen - wenn ich mal im Krankenhaus

bin und von meinem behandelnden Ar/t ein „Was gibt's" bekomme,

werde ich auf jeden Fall fragen, ob noch jemand auf der Station

zufällig frei ist).

Wie ich letzten lindes die Frage stellte, weiß ich nicht mehr. Der

Patient schien gegen meine Formulierung aber nichts einzuwenden. Er

war zum Schlafen angezogen, und gab einen ziemlich müden

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te

rechts

(möglicherweise deprimierten) Hindruck. Er war Norweger, obwohl

sein Deutsch so gut war, dass diese Information erst ganz nebenbei am

Ende herauskam. Er war im Krankenhaus wegen eines

mastozytotischen Anfalls. Er hatte nämlich seit zwei Jahren

systemische Mastozytose, für die er mehrere Antihistaminika nahm.

Die Antihistaminika und die systemische Mastozytose hatten für ihn

eine und dieselbe Wirkung: er hatte nie Energie. Er führte aus, er sei

früher Kameramann gewesen und daher auch ziemlich aktiv. Jetzt

aber bliebe er meistens zu Hause und arbeitete am Computer. Wir

redeten von seiner Krankheit. Diese war nämlich ziemlich selten zu

sehen, und ich wusste eigentlich nur, dass es sich um periphere

Mastozytenproliferation handelte. Anfälle, erklärte er, hätte er nicht

mehr oft, da er jetzt Antihistaminika nähme. Wenn er aber einen

bekäme, wäre das in Gestalt eines hohen Fiebers und drohenden

Bewusstseinsverlustes. Über seine Krankheit war er bestens

aufgeklärt, und er konnte sogar zwischen Hl- und H2-Blockern

unterscheiden.

Dann kam die Sozialanamncse. „Wohnen Sie eigentlich allein"

„Nein," sagte er. Meine anschließende Frage war die erste, die nicht

ganz unfallfrei über meine Lippen kam: „Unterstützen Sie sie...äh...ich

meine, unterstützt SIE Sie...ich meine, ahm...[flüsternd: „verdammte

deutsche Sprache"]...werden Sie VON DIESER PERSON

unterstützt" Wurde er. Später wurde diese Frage zum Kern einer

ziemlich langen Diskussion - wie kann man auf ein

geschlechtsunspezifisches Bejahen der Partnerfrage näher eingehen,

ohne etwas möglicherweise Beleidigendes zu sagen Sagt man „sie"

oder „Partnerin" einem homosexuellen Patienten gegenüber, so kann

das sich möglicherweise wie ein Werturteil anhören. Andererseits

wird ein heterosexueller Patient eine Frage nach seinEM PartneR

nicht unbedingt gutheißen. Es wurden mehrere

Alternativformulierungen aufgeworfen, aber die Hälfte davon klang

unnatürlich und gezwungen, während die andere Hälfte trotz allem

noch geschlechtsspezifisch war.

45


links ^ ______ Mit

Anschließend versuchte ieh. näher auf seine Lebensverhältnisse und

seine Lebensanschauung einzugehen, aber er hatte anscheinend

überhaupt keine Energie mehr. Ein paar Mal dachte ich, er wäre

tatsächlich eingeschlafen. Ich wollte ihn nicht noch mehr anstrengen,

also gab ich ihm die Hand und nahm mit einem „Tusen takk for Deres

deltagelse" (Vielen Dank für Ihre Teilnahme) Abschied von ihm.

Lenken oder Nichtlenken - das ist die Frage

Eine der Fragen, die bei uns in der Gruppe am häufigsten aufgeworfen

wurde, war, wie man genau ein Anamnesegespräch zu lenken hatte,

wie man die Kontrolle über das Gespräch bewahren sollte, usw. Ich

bin jedoch der Auffassung, dass diese Frage oft etwas zu eng gestellt

wird. WIE man das Anamnesegespräch lenken soll, ist sicherlich eine

sehr wichtige Frage und bereitet für manche wohl die größten

Schwierigkeiten. OB und WANN {und ggf. WIE) man das

Anamnesegespräch aktiv lenken soll, ist für mich jedoch die Frage,

die wir uns eigentlich stellen sollten.

Es gibt sicherlich gute Argumente dafür, dass man

Anamnesegespräche generell aktiv lenken sollte. Eine

leistungsorientierte, gut gelenkte Anamnese kann in mancher Auge

einen professionellen Eindruck verleihen. Man spart Zeit, in dem das

Überflüssige vermeidet und direkt auf den Kern geht. Durch die

Übernahme der Verantwortung für den Fortschritt des

Anamnescgesprächs kann man sich als Autorität bzw.

Vertrauensperson zeigen, und es kann für Patienten erleichternd sein,

wenn jemand einfach die Sache in die Hand nimmt.

Auf der Kehrseite sieht man jedoch, dass sich im anscheinend

Überflüssigen manchmal Wesentliches versteckt. Patienten erzählen

oft, wie gezielt die Befragung auch sein mag, nur das, was ihnen

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te

rechts

wichtig erscheint. Sie können, wie Zeugen, oft „parteiisch'' sein

(wollen dem Ar/t/der Är/tin etwa einen - auch unbewussten -

„Gefallen" tun, indem sie Daten liefern, die ihre anscheinende

Lieblingsthese unterstüt/en.) Manchmal kann eine ge/ielt gelenkte

Anamnese zu nah an den Bereich des Kreuzverhörs kommen („Haben

Sie denn I^ebensmittel mit Kalzium und Oxalat eingenommen oder

nicht" „Hinspruch, Frau Vorsitzende!"). Ein fremdgelenktes

Gespräch bedeutet auch ftir viele Patienten Stress und Machtverlust,

was die Abwehrmechanismen einschaltet, und den freien Datenfluss

verhindert.

Patienten gibt es auch, die jedes Gesprach unbedingt lenken müssen.

So sind oft Manager und andere Leute in Führungspositionen. Leute,

für die Macht oder Autorität ein wichtiger Bestandteil des Selbstbildes

ist, werden die Veräußerung dieser Macht - in welch geringfügigem

Umfang es auch sein mag - nicht immer gut tolerieren. Bei solchen

Leuten wird es sich wohl eher lohnen, ihnen zum großen Teil die

Lenkung zu überlassen und nachzuhaken, wenn etwas möglicherweise

Bedeutendes erwähnt wird.

Auch bei extrem schüchternen Menschen mit Angst vor Autorität ist

aktive Lenkung nicht unbedingt die beste Methode. Solche Menschen

überhaupt zum Reden zu bringen ist nicht immer einfach, und es kann

oft allzu einfach sein, sie vom Reden wieder abzuschrecken. Das bei

solchen Menschen oft zu sehende Billigungsbedürfnis kann bei zu

gezielter Gesprächslenkung auch präjudiziell wirken.

Die Anamnese ist eine Art Instrument - ein Mittel zum Zweck des

Herausftndens nützlicher Informationen. Aktive Lenkung kann

manchmal zweckdienlich, manchmal aber kontraproduktiv sein. Man

muss eben beurteilen, wann welche Methode funktionieren wird.

Elise Hendrick

47


links

Mit

Seitenwechsel oder Mitte

Ich sitze im großen Hörsaal des Virchow Klinikums und verfolge

begeistert die Ausführungen der Anamnesetutoren. Heute ist das

Treffen für die Einteilung in Gruppen, und ich will ein Grüppling

werden. Das Semester streicht vorüber und die Mittwochabende in der

Anamnesegruppe sind zu einem festen Punkt in meinem Wochenplan

geworden. Ich entdecke fasziniert, wie viel es zu lernen gibt und wie

sich jedes doch am Anfang leicht geglaubte Anamnesegespräch

gestaltet. Am Ende des Kurses ist meine Entscheidung klar, ich bleibe

dabei. Seitenwechsel, ich möchte Tutorin werden.

Das neue Semester hat begonnen und ich sitze inmitten der gesamten

Tutorenmannschafl und fühle mich sofort aufgenommen und doch

fremd. Erste Zweifel, ob ich der Rolle als Tutorin gewachsen bin,

machen sich breit. Doch ehe ich mich in diesen Gedanken verloren

habe, stehe ich kurze /cit später vor den Studenten. Nun wollen diese

Grüpplinge werden. Nervosität spüre ich in der Magengegend, habe

Angst, dass mir die richtigen Worte fehlen. Dann passiert alles wie

von selbst und ich bin mittendrin.

Unser erster Anamneseabend. Ich bin äußerlich ruhig, doch innerlich

tobt ein Feuerwerk. Konzentriert verfolge ich das Patientengespräch

und versuche die Stimmung in der Gruppe nicht außer acht zu lassen.

Dann kommt das Nachgespräch und ich bin sprachlos. Meine

Gedanken sind zäh, wo sie doch vorher flink von Synapse zu Synapse

gesprungen sind. Garsten, mein Tutorpartner, beginnt und er hat alles

unter Kontrolle. Ich atme auf.

Wie war das doch gleich mit dem Seitenwechsel 1

Das Semester nimmt seinen Lauf und es gibt in unseren

Anamneserunden immer genug Ansatzpunkte für die Diskussion.

Während des Patientengespräches feile ich an einigen Sachverhalten,

48


te ___ rechts

die mir aufgefallen sind und welche ich in der Nachbesprechung

greifbar machen möchte. Dabei gilt es, der Gruppe leise Denkanstöße

zu geben und sie für gewisse Dinge sensibel zu machen. Ich aber fühle

mich oft nur mit dem Hol/hammer ausgestattet. Das klare

Formulieren des Problems, um meine Studenten zum Nachdenken

anzuregen, ohne ihnen meine eigene Meinung sofort auf dem

goldenen Tablett zu servieren, fällt mir nicht leicht. Ich halte mich

zurück und empfinde mich dann eher als stummes Gruppenmitglied.

Langsam finde ich mich in meine Tutorenposition hinein und jeder

Anamneseabend gibt mir ein wenig mehr Mut aktiver zu werden.

Mein Feingefühl, Probleme in die Runde zu geben, entwickelt sich

langsam. Ist das jetzt der Anlauf für den Sprung auf die andere Seite

Dann gibt es jedoch Abende, an denen ich mich mühsam

konzentrieren kann. Der Tag war voll mit Ereignissen und ich finde

mit Anstrengung den Zugang zur Anamneseatmosphäre. In solchen

Momenten erlebe ich meine Beine zu schwer für

, ßeitenwechse lsprünge".

Das Semester ist beinahe vorbei und mein Wunsch, Anamnesetutorin

zu sein, ist geblieben. Doch das mit dem Seitenwechsel muss ich noch

einmal überdenken. Diese Perspektive scheint nicht der rechte Pfad!

Seitenwechsel ist eine Sackgasse. Meine Erfahrungen von zwei

Semestern aus unterschiedlichen Positionen haben mich eines

Besseren belehrt. Beide Betrachtungsweisen, Teilnehmerrolle

einerseits und Tutorenstuhl andererseits bleiben mir nahe und ich

werde weder aus der einen Rolle völlig herausschlüpfen können, noch

in die andere ganz hinein. Ich bin auf dem Weg zur goldenen Mitte]

Steffi Grahl, Berlin

49


links

Mit

Ein Erfahrungsbericht

Im letzten POM fand sich ein Artikel von mir, in dem ich meine

Erfahrungen als Gruppenteilnehmerin schilderte; heute will ich von

meinen Erfahrungen als Tutorin berichten.

Ich habe im Frühjahr an der Tutorenschulung in Hamburg

teilgenommen und begleite jetzt im Wintersemester meine zweite

Gruppe - vor allem über Erfahrungen mit dieser Gruppe werde ich

jetzt schreiben.

Die Gruppe meiner Co-Tutorin Magdalena Bakowitz und mir besteht

ausschließlich aus Erstsemestern, was ich bewundernswert finde, da in

diesem Semester bei uns in Marburg das Studienjahr eingeführt wurde

und die Ersties ziemlich viel am Hals haben.

Aus diesem Grunde treffen wir uns normalerweise nur alle zwei

Wochen und das abends um 20Uhrl5! Das erfordert nicht nur eine

große Toleranz von Seiten der Patienten - wir haben bisher nur gute

Erfahrungen gemacht -, sondern auch wir alle müssen uns nach einem

langen Uni-Tag manchmal ganz schön zusammenreißen. Aus diesem

Umstand heraus hat sich auch ergeben, dass unsere Sitzungen

insgesamt etwas lockerer ablaufen: Dass wir zum Beispiel schon nach

einer Stunde aufhören, oder dass öfter einmal der ein oder andere

nicht kommt.

Um so schöner ist es dann, wenn der Vorschlag aus der Gruppe

kommt, dass wir uns doch nächste Woche schon treffen könnten, und

zwar am Nachmittag - die Klausuren sind dann vorbei, und weil bald

Weihnachtsferien sind haben wir weniger Verpflichtungen - um ein

Anamnesegespräch in der Kinderklinik zu führen. Die Gruppe hat also

auch Interesse und kommt nicht nur, weil sie sich nun einmal

verpflichtet fühlt.

Und das, obwohl wir manchmal sehr unterschiedliche Ansichten

haben, was Anamnese angeht. Unser größter „Konflikt" ist die "Dasgeht-mich-doch-nichts-an"

oder "Was-interessiert-mich-die-Psyche" -

Diskussion. Mittlerweile haben beide „Parteien" einen großen Schritt

50


te

rechts

aufeinander zu gemacht, was vor allem der großen

Toleranzbereitschaft in der Gruppe zu verdanken ist.

Ich finde es sehr interessant und schön zu sehen, wie der einzelne über

seinen Schatten springt und sich doch rege an einer Diskussion

beteiligt, die er eigentlich als doch völlig unnötig ansieht, da es für

seine Diagnose und Therapie unwichtig ist, was die Patientin denn

empfand, als sie zum fünften Mal ihr Kind vor der 25.

Schwangerschaftswoche verloren hatte.

Aber vielleicht - nun ja ganz sicher sogar - hat ihn die

Anamnesegruppe zum Nachdenken gebracht; und ich hoffe, dass er

irgendwann einmal wieder daran zurückdenkt und dass er vielleicht

sogar die psychische Komponente nicht mehr ganz ausschließt,

Isabella Schröder

Marburg

Herr F.

Das letzte Anamnesegespräch unserer Gruppe ftihrte ich. Es war der

vorletzte Abend der Gruppe, und es sollte etwas Besonderes werden.

Ich wollte ein tolles Gespräch führen, das Vertrauen des Patienten

gewinnen, gute Fragen stellen, keine Antworten offen lassen, und

auch die Gruppe begeistern. Der Patient der Drogenambulanz war

genau der Richtige für mein Gespräch.

Unsere Anamnesegruppe stand am Ende des zweiten Semesters. Allen

hat es gut gefallen, doch nur vier Studentinnen wollten sie als "Freie

Gruppe" weiterfuhren. Für jeden war es eine wertvolle Erfahrung im

Umgang mit kranken und auch gesunden Menschen, wir lernten

voneinander und miteinander.

Das Gespräch in der Drogenambulanz war für die ganze Gruppe sehr

spannend. Wir hatten zwar schon öfter Patienten mit

51


links _^__„ _^____ Mit

Alkoholproblemen, aber Drogensucht hatte allein wegen der Illegalität

etwas Aufregendes an sich. Irgendwie kamen immer wieder

Vorurteile in mir auf, die ich aber zu unterdrücken versuchte. Aber die

Ungewissheit blieb. War der Patient auch daran interessiert einem

wildfremden Menschen seine Lebensgeschichte /u erzählen Diese

Krage stellt sich eigentlich bei jedem Patienten der sich für ein

studentisches Anamnesegespräch /ur Verfügung stellt. Aber da ist ja

die Sache mit der noch Illegalität.

Sicher, der Patient ist im Methadon-Programm, aber welcher Typ von

Drogenpatient ist er Ist er in die Gesellschaft integriert und bemüht

sich, von seiner Sucht wegzukommen Oder versucht er seine Sucht

in den Griff/u bekommen, wird aber zwischendurch immer wieder

rückfällig Oder gehört er zu den "Chaoten", die kommen und gehen,

mit Beikonsum (das heißt, sie nehmen zusätzlich noch Drogen oder

andere Medikamente), und egal, was der Arzt sagt, sie tun was sie

wollen Oder will der Patient mit der Schicksalsmasche Rindruck

machen

Die Innsbrucker Drogenambulanz ist eine niederschwellige

Einrichtung und dadurch bemüht, jedem eine Chance, auch eine

zweite oder dritte, zu geben. Primär ist die Hinrichtung dafür da, den

Abhängigen die Möglichkeit zu verschaffen, ihr Leben in den Griff zu

bekommen, ohne dass sie sich überlegen müssen, wie sie das Geld ftlr

den nächsten Trip aufstellen werden. In Innsbruck werden drei

verschiedene Therapieformen eingesetzt:

• die Überbrückungstherapie, bis der Patient einen geeigneten

Therapieplatz für eine Entziehungskur bekommt;

• das Reduktionsprogramm, mit monatlicher Verminderung der

Dosis;

• das Ersatzprogramm, mit open end.

Den Abend in der Drogenambulanz hat uns Dr. O. ermöglicht. Er ist

Gründungsmitglied der Anamnesegruppe Innsbruck und ist jetzt als

Assistenzärztin der Psychiatrie tätig. Er klarte uns über die

52


te

rechts

Therapiemöglichkeiten und psychische und so/iale Betreuung der

Patienten auf.

Der Patient stellte sich mir als Herr F. vor. Er ist 26 Jahre alt. Ich bin

23 Jahre. Wenn ich ihn sonst wo kennen gelernt hätte, wäre es keine

Frage, wir würden uns duzen. Mir wäre es nicht unangenehm "Du" zu

sagen, aber er sagte "Grüß Gott" und nicht "Hallo". Hr gab die

Höflichkeitsform vor und ich stellte mich darauf ein. Natürlich hätte

ich es ansprechen können, aber dann hätte ich ihn unter Druck gesetzt,

und dabei wusste ich doch noch gar nichts von ihm. Für mich war die

Höflichkeitsform in Ordnung. Es gab eine angenehme Distanz, ich

kam nicht in die Rolle des kumpelhaften Gesprächspartners. Der

Patient war mir sympathisch, irgendwie erinnerte er mich an jemanden

- aber ich wusste nicht an wen.

Herr F. ist seit Dezember 1998 hier in Behandlung. Er ist durch eine

positive Harnkontrolle beim Hausarzt aufgefallen und wurde nach

Innsbruck überwiesen. Zwei Tage nach dem positiven Befund begann

er mit der Methadon-Therapie. Herr F. war jahrelang opiatabhängig;

ging öfter auf Entzug, schaffte es kurzfristig und wurde wieder

rückfällig. Von 1996 bis 1998 konsumierte er keine Drogen.

Angefangen hatte seine Drogengeschichte, als er die

Führerscheinprüfung bestanden hatte, mit Cannahis und falschen

Freunden. Er wollte es nur ausprobieren, doch bald konsumierte er

regelmäßig Cannabis und Morphinderivate. Er versicherte mir, dass er

nie in seinem Leben Drogen intravenös gespritzt habe. Seine Familie

habe nichts von seiner Abhängigkeit gemerkt, weil er zu dieser Zeit

im Ausland als Fahrzeugtechniker gearbeitet habe.

Auf die Frage, welche Schule er besucht habe, sagte er, er habe eine

Fachschule für Handelsgewerbe besucht, doch nicht abgeschlossen.

Ich fragte wieso, er gab mir keine richtige Antwort. Ich merkte, dass

es ihm unangenehm war und wollte nicht weiter nachbohren.

Eigentlich ist die Frage nach der Schulbildung eine Frage zum

"aufwarmen", nicht zu persönlich, einfach zum Erzählen. Aber für den

Patienten war es kein Thema über das er mit mir locker sprechen

53


links

Mit

wollte. Mich hat seine Reaktion verwundert, vielleicht auch etwas

verunsichert, aber ich hatte nicht viel Zeit zum Überlegen. Ich wollte

mehr über ihn erfahren.

Über die Zeit die er im Ausland verbrachte, wollte er auch nicht viel

berichten. Er arbeitete im Straßenbau und war dadurch finanziell

unabhängig. Aber er brauchte noch mehr Geld für seinen

Drogenkonsum. Fr besorgte den Stoff im Ausland und gab ihn auch

an andere weiter. Ich wurde ein wenig nervös. Sollte ich jetzt weiter

fragen, oder wird er wieder abblocken Eigentlich konnte ich mir

nicht vorstellen, dass der Mann, der vor mir sitzt, ein Dealer ist. Ich

konnte ihn mir in vielen Situationen vorstellen, beim Arbeiten, in

seiner Familie, als er die Schule abgebrochen hatte. Aber mein Bild

von einem Kriminellen passte nicht zu ihm. Ich fragte, ob er denn je

aufgeflogen sei. Er sagte ja. Ich hatte ein flaues Gefühl in der

Magengegend und wurde noch nervöser. Aber Herr F. war bereit mit

mir darüber zu reden. Das freute mich, dass er doch mehr von sich

erzählen wollte. Er hat seinen Job verloren, war eine Zeit lang in

Untersuchungshaft gesessen und war dann zu einer Haftstrafe

verurteilt worden. Im Gefängnis war er auf Entzug gegangen. Ich

fragte, wie er die Zeit dort erlebt hätte. Es war eine schlimme Zeit ftlr

ihn gewesen. Er war ziemlich allein, ohne richtige Betreuung. Nur das

Verhältnis 7,u seinen Eltern hat sich damals gebessert. Sie haben ihm

mehr Aufmerksamkeit geschenkt. "Ich bin halt das "Schwarze Schaf

der Familie." Ich fragte ihn, ob er sich auch so sehe. Er sagte nein.

Seine Familie führe ein durchschnittliches Leben, der Vater arbeite

und die Mutter sei zu Hause. Er habe noch drei Geschwister. Mehr

wollte er nicht von seinen Familienverhältnissen er/ahlen, alles sei

normal.

Ich befragte ihn dann über seine Behandlung in der Drogenambuian/.

Er sagte, er sei positiv überrascht wie viel Zeit sich die Ärzte und

Sozialarbeiter für ihn nehmen würden. Er fühle sich hier wohl und gut

betreut. Einmal im Monat komme er auf die Ambulanz nach

Innsbruck um sich vom Ar/t ein neues Re/ept /u holen und eine

54


te

rechts

I larnprobe ab/ugeben. Bis jetzt waren seine Proben negativ, das heißt,

er hatte keinen Beikonsum. Sein Rezept löse er bei einer bestimmten

Apothekerin in seiner I leimatgemeinde ein, die mit dem behandelnden

Arzt regelmäßig Rücksprache hält. Herr F. ist früher schon in

psychologischer Behandlung gewesen und habe vor, die Therapeutin

wieder zu kontaktieren.

"Wie geht es Ihnen jetzt in Ihrer Situation" fragte ich. "Darüber

möchte ich nicht sprechen", sagte der Patient. Dass er darüber keine

Auskunft geben wollte, war für mich in Ordnung, und diese Antwort

war viel aufrichtiger als ein „Ja, ja, es geht schon." Auf meine direkte

Frage wollte er keine Antwort geben. Also ein anderer Versuch. "Was

hat sich in den sechs Wochen bei Ihnen verändert" - "Ich habe

wieder mehr zu mir selbst gefunden. Brauche Geduld, darf nichts

überstürzen. Durch die Methadonsubstitution ist schon eine große

Last weggefallen. Jetzt kommt wieder ein normales "feeling" auf, das

durch die Opiatabhängigkeit in Vergessenheit geraten ist. Anfangs

hatte ich Schwierigkeiten, weil ich eine zu geringe Dosis bekommen

habe. Jetzt bin ich aber gut eingestellt und arbeite auch wieder."

Diese neue Situation ist nicht einfach für ihn, aber ich glaube, er ist

trotzdem recht zuversichtlich, Über die Zukunft will er sich noch nicht

so viele Gedanken machen. E-r will erst sein I,eben wieder in den Griff

bekommen.

Herr F. lebt zur Zeit allein in seiner Wohnung. Sein Partner ist

ausgezogen. Über die Schwierigkeiten in der Beziehung machte er ein

großes Geheimnis. Ich wusste auch nicht, ob sein Partner ein Mann

oder eine Frau ist. Ich fand es auch etwas zu indiskret, direkt

nachzufragen. Aber es schien ihm Spaß zu machen mit meiner

Ungewissheit zu spielen.

Sein Freundeskreis habe sich in den letzten Jahren immer ein wenig

verändert. Aber er habe nicht nur Freunde aus der Drogenszene. Nach

seiner Haftzeit seien es weniger, aber auf diese Freunde könne er sich

verlassen und ihnen vertrauen.

55


links _^__ __^ Mit

Das Gespräch geht langsam zu Finde und ich wünsche ihm alles Gute

und viel Geduld und Kraft für die Therapie.

Kigentlich war ich mit dem Gespräch recht zufrieden, aber einige

Antworten waren mir doch /u oberflächlich und ließ viel Raum für

Spekulationen über den Patienten.

Wieso wollte er über seine Schulbildung nicht sprechen War es ihm

unangenehm mir gegenüber, weil ich studiere und er keinen Abschluss

hat Oder dachte er sich, das geht mich nichts an.

Ist er schwul Wieso lässt er mich so im Ungewissen Will er darüber

auch nicht sprechen Oder hat er nur einfach seinen Spaß an meiner

Unsicherheit Ich frage mich immer noch wieso ich nicht nachgefragt

habe. Aber es ist recht schwierig für mich, mit einem fremden

Menschen über seine Sexualität /u sprechen, obwohl es ein sehr

wichtiges Thema wäre. Wenn ich ihn gefragt hätte, hätte ich bestimmt

etwas darüber erfahren, aber man muss es zur passenden Gelegenheit

ansprechen und darf es nicht - so wie ich - verschlafen.

Was hat seine Familie wirklich vor seiner Verhaftung von seinen

Drogenproblemen gewusst Wie lebte er zu Hause Welche Rolle

halte er in seiner Familie War er wirklich das „Schwarze Schaf' der

Familie für seine Umgebung Hin Drogensüchtiger in einer

bürgerlichen Familie Drogensucht ist doch ein „Randgruppen"

Problem Wie hatte seine Familie wirklich darauf reagiert Haben sie

wirklich nichts von der Sucht wahrgenommen, oder haben sie die

Augen davor verschlossen Schämen sie sich für ihn, oder haben sie

gelernt die Sucht als eine Krankheit zu akzeptieren und das Getuschel

der Nachbarn zu überhören Halten sie wirklich zu ihm Ich hätte

gern mehr über seine Familienverhältnisse erfahren, doch Herr F.

wollte nicht mehr davon erzählen.

Wie geht es ihm jet/t Warum will er darüber nicht reden Was hat er

sich beim Gespräch gedacht

Herr F. hat im Gespräch oft Grenzen gesetzt. „Soviel will ich dir

erzählen, aber nicht mehr. 11 Ich kann ihn gut verstehen. Es ist nicht

56


te

rechts

einfach einem Außenstehenden seine ganze Lebcnsgeschichte und

seine Probleme zu erzählen. Vor allem, wenn man selber nichts davon

hat. Oder war es doch angenehm für ihn mit jemandem zu sprechen,

den er wahrscheinlich nie mehr sieht und alles erzählen kann. Kann

auch der Patient von einer studentischen Anamnese profitieren, in dem

er seinen Kummer bei jemandem abladen kann, der ihm gern zuhört

Ich glaube im Fall von Herrn F. war es nicht so. Kr wusste um was es

in der studentischen Anamnesegruppe geht, aber ich glaube am

Anfang war es ihm unangenehm. Doch mit der Zeit schenkte er mir

mehr Vertrauen, nur alles wollte er mir nicht auf die Nase binden.

Wie wird sein Leben weitergehen Er ist wieder ins Berufsleben

eingestiegen, aber wird ihn seine Vorstrafe und die Vorurteile nicht

ein Leben lang begleiten und immer wieder Probleme bereiten Wird

er dieser Herausforderung gewachsen sein Wie groß ist die Gefahr,

dass er rückfällig wird Wie stark muss er sein, um der Versuchung zu

widerstehen Wie schwer ist es für ihn den Entzug durchzuhalten und

dann clean zu bleiben

Dr. O. erzählte uns nachher noch einiges über den Patienten. Sein

Bruder ist ein bekannter Sportler, und auch er hatte gute Chancen

wirklich groß heraus zu kommen, oder als Trainer Karriere zu

machen. Aber er verlor sich in den Drogen, doch er gehört zu den

Patienten, die leichter in die Gesellschaft zurück finden können. Er hat

eine Familie die ihn unterstützt, eine Wohnung, einen Job und einen

Partner. Er hat eine Freundin, auch sie ist drogensüchtig. Eigentlich

könnten sie sich gegenseitig stützen, aber es kommt immer wieder zu

Streitereien. Deshalb ist sie aus der gemeinsamen Wohnung

ausgezogen und Herr F. lebt wieder alleine.

Jetzt wusste ich, woher ich sein Gesicht kannte, er sah seinem Bruder

verblüffend ähnlich. Wenn ich meine Gedanken um den Patienten

spielen lasse, kommen noch mehr Phantasien und Fragen in mir auf.

Welchen Einfluss hat der Bekanntheitsgrad seines Bruders auf sein

Leben Wollte er ein guter Sportler werden, aber schaffte den

Durchbruch nicht, weil er weniger Talent hatte, oder zwang ihn eine

57


links

Mit

Verletzung /um Aufgeben Wie war es ihn seiner Familie

Bekommen nur die Erfolgreichen Anerkennung, oder fühlte er sich

minderwertig gegenüber seinem Bruder Holte er sich die

Aufmerksamkeit durch seinen Drogenkonsum Welche Rolle spielt

sein Bruder in seiner Drogen karr i ere, oder hat er gar nichts damit zu

tun In meiner Phantasie stand er immer schon im Schatten seines

Bruders, der Schatten der im Lebenslicht nahm, aber auch vor den

gierigen Blicken der Öffentlichkeit schützt. Ich glaube, er hat nicht

nur unter dem Ruhm seines Bruders gelitten, sondern ihn auch

ausgekostet. Er lernte Leute aus der Szene kennen, die Drogen

konsumierten. Er darf ja, sein Bruder unterliegt strengen

Dopingbestimmungen. Er konnte es genießen, nur wurde der Genuss

zur Sucht. Die Sucht /ur Illegalität. Ich glaube, Herr F. hat mich nie

angelogen, nur manche Begebenheiten verwirrend erzählt. Zum

Beispiel seine Zeit im Ausland im Straßenbau, was war da wirklich

los Ich kann mir vorstellen, dass er seinen Bruder begleitet hat. Aber

er hat nie von den sportlichen Erfolgen seines Bruders erzählt, er

wollte nicht, dass ich was davon wusste. Dass er mir das

verschwiegen hat, lässt vermuten, dass es einen Zusammenhang

zwischen der sportlichen Karriere seines Bruders und seiner

Drogensucht gibt. Aber was mir bleibt, sind Spekulationen. Ein

Anamncsegespräch kann nur einen Hinblick in das Leben eines

Menschen geben. Um den Menschen kennenzulernen und sein

Verhalten nachvollziehen zu können braucht man Zeit und Geduld,

damit man den Patienten nicht vorschnell verurteilt und ihm offen

gegenübertreten kann.

Ich habe mich im Gespräch recht wohl gefühlt. Ich habe bewusst

versucht eine gute Sit/haltung zu bewahren, mit fester und ruhiger

Stimme zu sprechen und das Gespräch nicht aus der Hand zu geben.

Der Patient löste in mir keine tiefen Gefühle aus, ich schenkte ihm

meine Aufmerksamkeit und mein Mitgefühl, und er strahlte

Zuversicht aus. hr hat gute Chancen von seiner Sucht wegzukommen.

Ich habe im Gespräch ein gutes Mittelmaß /wischen Distanz und

Nähe gewählt und seine Grenzen respektiert. Ich bin aber auch nicht

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te __^____ __ rechts

über meine Grenzen hinausgegangen. Ich glaube, Herr F. hat mich ein

Stück näher zu den Patienten mit Suchtproblemen geführt, er hat mir

gezeigt Abstand zu halten und doch einiges zu erfahren. Und er zeigte

mir, dass ein Anamnesegespräch nur ein erster Schritt auf einen

Patienten zu ist, und Beginn eines gemeinsamen Weges zwischen

Patient und Arzt sein sollte.

Michaela Walpoth, Innsbruck

Über den Pfad, das Ziel und die Reise

Wörter hängen im Raum, einzeln, unscheinbar, harmlos, doch

jedes zugleich unendlich schwer, voll tiefer Bedeutung. Wörter

und Sätze, von denen alle die Geschichte eines Lebens tragen,

entstanden im tausendköpfigen Kampf unterschiedlicher

Interessen, Wünsche, Erwartungen, Ängste. Wir greifen

einzelne heraus, finden Ansatzstellen, Bedeutungen, greifen

auch ins Leere. Die Komplexität eines milliardenschweren

Nervennetzwerkes komprimiert sich in jede Geste, doch der

Weg an die Quelle zurück führt über tiefe Abgründe, in

Sackgassen, Erkenntnis und Verständnis erschließen sich nur

langsam. Die Fertigkeit, den gebrochenen Zweig am

Wegesrand zu erkennen, nicht selbstgewiss an dem

versteckten Seitenpfad vorbei zu schreiten, ist mühsam zu

erringen.

Diese Kunst zu erlernen, die Fähigkeit zur Anamnese, verlangt

viel von uns, persönlich.

Denn wir als Anamneseführende oder Beobachter sind nicht

unbeteiligt. Zu mannigfaltig kann das sein, was für uns wichtig,

verschlingt es ungezähmt den Diskurs. Sich selbst zeigen

59


links „__^___ ___^_ Mit

wollen, sein Wissen darstellen, andere beeindrucken, Kontrolle

ausüben, Frustration, sexuelle Anziehung - all das stellt sich,

wo ungezügelt, zwischen uns und unsere Aufgabe, zwischen

uns und den Patienten. Wenn die Verbindungen zwischen den

Gruppenmitgliedern gestört, der Wunsch, den Anderen

verstehen zu wollen, die Fähigkeit, zuzuhören, eingeschränkt

ist, dann ist die Gruppe weit weniger als die Summe ihrer Teile.

Doch was suche ich das Ideal in der Welt der Schatten Auch

ein lahmes Bein trägt uns vorwärts, und viel ist doch möglich,

auch wenn vieles nicht perfekt ist. Viele gute Momente,

Erkenntnisse, Momente des Verstehens, schöne Fragen sind

uns in der Gruppe zuteil geworden.

Jedoch: nur mühsam und quälend humpeln wir voran, gilt es,

einer steileren Straße in die Höhe zu folgen. Und schließlich am

Ende angekommen, verfolgt mich der Zweifel: welche

Möglichkeiten haben wir achtlos im Staub der Wegstrecke

zurück gelassen

Für mich als Tutor bleibt die Unzufriedenheit, die Probleme zu

spät erkannt zu haben, und die Einsicht, dass keiner von uns

den Ballast, der sich über die Jahre gesammelt, vor der Tür des

Seminarraums sorgsam verschnürt zurück lassen kann, zur

Aufbewahrung für die Welt, die uns draußen wieder in ihre

kalte, warme, erdrückende Umarmung schließt.

Nächstes Semester werden wir die Gruppe erweitern; mögen

die Muster, die uns prägen, wenn sie doch schwer zu

verändern sind, dadurch zumindest anders - und stimmiger -

zusammen fallen. Ich wünsche und hoffe, dass wir dann

gemeinsam, uns ergänzend im Wechselspiel des Hörens und

des Verstehens, das Verborgene begreifen, behutsam doch

bewusst der Erkenntnis Pfad zum Ursprung folgen.

Torsten Nahm, Bonn

60


in das Umfeld


links

Mit

Das Maitreffen Ulm

Ein subjektiver Organisatoren-Bericht

30 Jahre Anamnese-Gruppen, zwanzigstes Maitreffen und ein Juni-

MaitrefYen, viele Besonderheiten auf einmal.

Das Thema war „Sucht", dazu sind uns viele Themenbereiche

eingefallen, nicht alle ließen sich verwirklichen, so ist ein Seminar mit

dem Arbeitstitel „Sucht gleich Suche - Eine philosophische

Betrachtung" leider nicht zustande gekommen. Eine Suche war es für

manchen dann vielleicht doch, auf den Hochsträß zu kommen, wo wir

in den Räumen der ehemaligen Hochschule für Gestaltung unseren

Tagungsort hatten. Und natürlich auch außerhalb der Räume, denn das

Wetter war einfach super und auf der Terrasse ließ es sich gemütlich

frühstücken und im Garten die Pausen genießen. 70 Teilnehmer waren

es dann, von Lübeck bis Graz. So gesehen, liegt Ulm doch recht

zentral...

Der Donnerstagabend gehörte den Freiburgern. Bis auf die

einführenden Worte von Jörn von Wietersheim aus der Abteilung

Psychotherapie und psychosomatische Medizin. Das ist die Abteilung,

zu der wir Ulmer Tutorlnnen gehören. Prof. Kachele stieß erst am

Freitagabend zu uns, aber dazu später mehr.

Zurück zum Begrüßungsabend. Nachdem wir uns in der Vorbereitung

nach zähem Ringen darauf geeinigt hatten, wegen des Themas

möglichst wenig Alkoholisches anzubieten und das auch nur an der

Party am Samstag, machten uns die Hamburger mit ihrem Kasten

Alster-GesöfTund auch die Freiburger mit dem Begrüßungssekt einen

Strich durch die Rechnung. Leider haben wir es nicht geschafft, dies

zum Thema zu machen und unser eigenes Verhältnis zu Suchtmitteln

zu beleuchten, was sicherlich eine interessante Reflexion geworden

wäre. An diesem Abend aber machten wir uns daran, Wahrzeichen

unserer Städte zu basteln, und danach über das Spezialitäten-Büffet

her. Mmh. lecker!

62


te

rechts

Es gab alles quer durch die Küche von Lübeck bis nach Gra/.

Die Seminare fanden dann wie jedes Jahr am Freitag und Samstag

statt. Neben „theoretischen" Inhalten wollten wir auch die

Anamnesegruppen nicht /u kurz kommen lassen. So boten wireinschließlich

„Schnüffel pur"- zehn Anamnesegruppen an, fast

ausschließlich mit Patienten aus Selbsthilfegruppen Süchtiger:

Anonyme Alkoholiker, Anonyme Sex- und Liebessüchtigc, Anonyme

Spielsüchtige; ehemals Süchtige, die nun selber Selbsthilfegruppen

leiten.

Es gab Einblicke in Therapieformen wie die Musiktherapie und das

Psychodrama, Besuche in Beratungsstellen und einer

Substitutionspraxis, ein Raucher-Entwöhnungsseminar, ein

Kommunikationsseminar der Freiburger und eine Austauschrunde

zwischen den verschiedenen Städten.

Eine Liste der Seminare findet Ihr am Ende des Textes. Zu den

Inhalten kann ich wenig sagen, weil ich nicht soviel davon

mitbekommen habe.

Die meisten Veranstaltungen waren recht gut besucht, die Anamnese-

Gruppen eher überlaufen. Es ist eigentlich dann doch nicht

erstaunlich, dass selbst die Tutorlnnen Übung im Anamnese-Gespräch

suchen, denn unser Studium gibt nicht viele Möglichkeiten, ein

Anamnese-Gespräch im nachhinein auch zu besprechen. Besonders

das Thema Sucht wird oft im Gespräch „übergangen" sei es aus

Unwissenheit oder Scham. Gerade Anamnesegruppen speziell zu

diesen Themen gaben uns die Möglichkeiten „zu üben".

Weiterhin gab es auch Besuchsmöglichkeiten in Einrichtungen der

Drogenhilfe Ulm.

Die erste Kultour-Veranstaltung war dann am Freitagabend die

Bootsfahrt auf der Donau. Es gab zwar nicht für jeden eine

„Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitänsmütze" aber das Schiff

war trotzdem gerammelt voll, fast hätten wir uns auf dem Dach

gestapelt.

63


links

Mit

Gan/ wohl war's einigen nicht, als wir in die Donau stachen. Der

Käpt'n spielte das Schifferklavier und er/ählte Heiteres über die

Donau, Ulm, die Ulmer und Neu- Ulmer. Professor Kachele, der uns

Gesellschaft leistete, erzählte dann auch noch was er so wusste und so

entspann sich ein kleiner Wettbewerb, wer von den beiden die

interessanteren Geschichten zu bieten hatte. Sehr informativ und

witzig!

Der Abend klang dann im „Barfüßer" aus, Thema Alkohol siehe oben.

Am Samstag war es so warm, dass einige sich am Nachmittag an

einen Baggcrsee verzogen, um sich abzukühlen.

Die Seminare waren trotz Hitze produktiv. Auch die Fahrt nach Bad

Schussenried wurde zu einer echten Herausforderung, wenn man die

falsche Ausfahrt wählt. Schließlich erreichten wir doch vollzählig das

Zentrum für Psychiatrie in Bad Schussenried und hatten ein sehr

interessantes Gespräch mit zwei Betroffenen.

In den Mittagsstunden gab Prof. Kachele eine Einführung in die

wechselhafte Geschichte der ehemaligen Hochschule für Gestaltung

und des benachbarten Dokumentationszentrums K/ Oberer Kuhberg.

Die laue Nacht genossen wir beim Grillen, Singen und Tanzen auf der

Terrasse und im Forum der HfG. Hs gab uns in gemütlicher

Atmosphäre noch einmal die Gelegenheit, uns über die vergangenen

Tage Gedanken zu machen, uns auszutauschen, neue Freundschaften

zu schließen und natürlich ausgiebig zu feiern!

Sonntag war Tag des Plenums. Nach - wie erwartetem- „etwas"

zähem Ringen erklärten sich die Berliner bereit, das nächste

Maitreffen mit dem Thema „Aggression" auszurichten.

Und für das „making of POM „ erklärten sich die Hamburger bereit.

Wir Organisatoren waren nach der Abreise der Gäste noch eine Weile

beschäftigt alles zurecht zu rücken.

64


te

rechts

Nach dem Maitreffen konnten wir uns dann zufrieden zurücklehnen

und uns darüber freuen, dass alles so gut und reibungslos geklappt

hat. Auch wenn es für uns auch manchmal ein bisschen hektisch und

anstrengend war - das Schöne an unserem Team war, das sich jeder

seine „Auszeit" nehmen konnte. Und das wichtigste an diesem

Maitreffen war, dass es uns unglaublichen Spaß gemacht hat!

Seminare und Veranstaltungen :

Freitagabend: Bootsfahrt

Samstag Party/Grillen

Seminarthemen:

1. Musiktherapie

Eine kurze, praktische Einführung in die aktive Musiktherapie.

Doz.: Ulrike Oerter, Musiktherapeutin

2. Besuch bei der Drogenhilfe Ulm

Vorstellung der Aufgaben und Arbeitsweise der Drogenhilfe durch

einen Mitarbeiter.

3. Psychodrama

Eine nicht alltägliche Therapieform, hier speziell für Suchtkranke.

Doz.: Hr. Köpfle

4. Ethikseminar

Die ethische Lntscheidungsproblematik wird anhand eines „Sucht-

Falles" erarbeitet. (Ulmer Ethikseminar)

Doz.: AK Ethik in der Medizin, Prof. Dr. Baitsch, Dr. Dr. Sponholz

5. Abhängigkeit in der Schmerztherapie

Anhand von Fällen werden erarbeitet: „Schmerztherapie mit Opioiden

bei nicht-malignen Erkrankungen" und „medikamenteninduzierter

Kopfschmerz"

Doz. Prof. Dr. Seeling, I,eiter der Schmerzambulanz Uni Ulm

65


links

Mit

6. Suchtmittel

Die Rechtsmedizin stellt Suchtmittel und ihre Wirkung vor.

Doz.: NN, Abteilung Rechtsmedizin, Uni Ulm

7. Anamnesegruppe

Anamneseerhebung eines Betroffenen (Alkoholsucht)

8. Drogensubstitution

Besuch in einer Schwerpunktpraxis für Substitution.

Do/.: Dr. Bentele, Ulm

9. F.ssstörungen

Von Magersucht zu Bulimie.

Doz.: Dr. Dipl. Psych. Gitzinger

10. Besuch bei der Psvchosozialen Beratungsstelle

Vorstellung der Aufgaben und Arbeitsweise der PSB.

Doz.: Fr. /immermann

11. Raucherentwöhnung

Kine legale Sucht und wie man ihr entkommt.

Doz.: Dr. Barczok, Pneumologe

12. Sucht am Arbeitsplatz

Suchterkennung und Hilfe für Kollegen durch ehemals

Selbstbetroffene.

Doz.: Hr. Weinbörner, Firma EvoBus / DaimlerChrysler

13. Anamnesegruppe

Anamneseerhebung Betroffener (Anonyme Alkoholiker)

14. ..Schnüffel pur wie vor 30 Jahren": Ein internistischer Kranker

Ein Anamnesegespräch unter der Leitung von Prof. Dr. Schüffei

15. Suchtpravention

Do/.: Fr. Joannin

16. Kommunikationsseminar

Vorstellung von Kommunikationstechniken

Doz.: Freiburger Anamnesegruppen - Tutorlnnen

17. Wie gründe ich eine Anamnescgruppe

Eine Einstiegshilfe für Neugründerinnen

Doz.: Daniela Sigrist, Thomas Föller, Ulmer Anamnesegruppen-

Tutoren

66


te

rechts

18.-20. Erfahrungsberichte von Alkoholabhangigen. die jetzt

Sclbsthilfegruppen leiten

21. Anamnesegruppen

Betroffene von den Anonymen Sex- und Liebessüchtigen

22. Ausfahrt in die Psychiatrische Klinik Bad Schussenried

Anamnesegruppe und anschließender Diskussion

23. ICD 1QF63

Ein Seminar über Pyromanie, Kleptomanie etc.

Doz.: Dipl. Psych. Gocht

24. Internetsucht

Was ist das Wie merke ich, ob ich betroffen bin

Doz.: Dipl. Psych. Unfried

25. Anamncsegruppe

26. Diskussionsrunde „Qualitätssicherung"

Doz.; Freiburger Anamnese - Tutorlnnen

27. Kaffee-Klatsch

Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch der Gruppen an verschiedenen

Unis.

Doz.: Daniela Sigrist, Thomas Föller, Ulmer Anamnesegruppen -

Tutorlnnen

28. Anamnesegruppe

Anamneseerhebung eines Betroffenen (Anonyme Spielsüchtige)

... und was man sonst noch braucht:

ca.70 motivierte Studentenlnnen aus verschiedenen Städten,

interessante Seminare, 35 Liter Milch, 9 kg Tortellini mit

Schinkensahne -Soße oder auch nur Sahnesoße, 9 kg Butter, 450

Weckle alias Semmeln, Stippen, Brötchen , 5 kg Butter, Unmengen an

Marmelade, Honig , Nutella und sonstigem Brotaufstrich, 10 kg Butter

und Käse, Müsli vom Aldi, 70 Schnitzel und 200 Wurstle , 20 Salate,

eine unbestimmte Zahl an Tee und Kaffe (wir haben den Überblick

verloren!!) freiwillige Kuchen und Salatspenden, Spezialitäten aus

aller Welt, schönes Wetter, ein ehemalige HfG die uns gehört

67


links

Mit

(jedenfalls für das Wochenende), mehrere Gitarren und Sing-Klatsch

und Gröhlstimmen, eine Stereoanlage, und natürlich viel gute

Stimmung!!!!

(/ur Nachahmung dringend empfohlen, alle Angaben ohne Gewähr,

/u Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder

Apotheker!!)

Thomas, Simone

MedCom im Dialos

KRISTIAN: Graz, wo liegt das eigentlich Das war meine erste Frage;

auf jeden Fall sehr weit weg von Hamburg. Mit dem Zug brauchten

wir über elf Stunden. Und wenn wir hier schon Gruppenprozesse

beleuchten wollen, dann sollten wir auch das Übergangsritual

betrachten. Womit ich beim Thema bin.

CATI IRIN: Nicht so schnell. L-rst mal sollten wir die Unterkünfte

beschreiben. Denn du hast schließlich total anders gewohnt als ich.

War Winni eigentlich genervt, dich eine Woche lang in der Wohnung

/u haben Auf dem Raiffeisenhof war es jedenfalls gut. Vor dem

Frühstück schwimmen zu gehen, in den Genuss bist du nicht

gekommen. Außerdem konnte ich langer schlafen als du, weil wir

keinen Anfahrtsweg hatten.

KRISTIAN: Dafür habe ich mitten in der Stadt gewohnt, mit

Kin/el/immer, schicker Wohnküche und 10 min Fußweg in die

Innenstadt. Und die Anfahrt war auch locker, schließlich haben sich

ab dem zweiten Tag nette Fahrgemeinschaften gebildet, die den

68


te

rechts

Kennen l ernprozess sehr unterstützt haben. Leider konnte ich die

Trumpfkarte mit der Innenstadt nie so richtig ausspielen, weil wir ja

kaum abends in die Kneipe gegangen sind und ich tagsüber immer

schon meine ganze Energie verbraucht habe.

CATHRIN: Das stimmt, ich wäre auch abends gern einfach öfter

losgezogen, war aber zu kaputt. Die Vorträge am Morgen,

nachmittags Workshops und hinterher noch fettes Freizeitprogramm.

Kein Wunder, dass wir am Ende ziemlich durchhingen.

Ich fand zwei Vorträge am Morgen schon vollkommen ausreichend.

Der Dritte ging meist an mir vorbei. Aber die Aufteilung war gut,

morgens Theorie, nachmittags Praxis.

Welche Vorträge fandest du eigentlich am besten

KRfS'HAN: Meine persönlichen Favoriten hatte ich mir schon im

Programm vorab ausgekuckt, was sich dann auch bestätigte. Und

ergänzt wurden, durch Vortragende, mit denen ich gar nicht gerechnet

hatte. So im Überblick muss ich sagen, dass mir wesentlich mehr

Vorträge einem angenehmen Vormittag bescherten, als ich

angenommen hatte. Es gab da auch ein paar Ausreißer, die - trotz

sicherlich interessanter Materie - mich eher eingeschläfert haben.

Dabei muss ich der Kaimess halber bemerken, dass das zum Teil auch

an mir, bzw. am Vorabend gelegen hat, oder am ausgiebigen

Frühstück oder an meiner allgemeinen Unkonzentriertheit. Auf jeden

Fall gab es richtig viele Vorträge, die mich ziemlich gefesselt haben...

CATHRIN: Das merke ich. Gut war die Mischung, Ärztinnen,

Psychologinnen, Ökonominnen. Am meisten hat mich allerdings der

Philosoph beeindruckt, Vorsitzender des Vereins zur Verzögerung der

Zeit. Schon klasse.

Die Zielsetzung der Vortragenden war ja recht einheitlich: „Wie lässt

sich das Wohl der Patientinnen verbessern" Nur die Methoden

waren teilweise konträr: technische Errungenschaften,

interdisziplinäre Zusammenarbeit, Zeitgewinn durch

69


links

Mit

Prioritätensetzung. Teilweise haben die Methoden sich aber

widersprochen, was kein Nachteil sein muss.

Letzen Kndes kommen sie alle den Patientinnen zu Gute, ob nun

direkt oder indirekt durch verbesserte Bedingungen für

Therapeutinnen. Du hast in deinem Workshop die Vortrage ja

nachmittags noch weiter diskutiert. War das ergiebig

K.RISTIAN'. Durchaus, weil immer einE Vortragenden vom Vormittag

den Nachmittag moderiert hat, sind einzelne Themen noch besser

vertiefbar gewesen. Und dabei kam ein ganz wichtiges Element der

MedCom für mich ganz persönlich zum Vorschein: Alle Leute, ob

Vortragende oder Teilnehmerinnen, hatten eine durchaus positive

Hinstellung, mit der Absicht was zu tun; für sich und für ihre Umwelt.

Aber um dahinter zu kommen, dass wir nicht in einem frustrierenden

System leben und arbeiten müssen, wenn wir unsere gemeinsamen

Ziele von der Diskussion über den Weg dorthin definieren und dann

den Weg mit gegenseitiger Wertschätzung und - hoffentlich -

konsensuell gemeinsam lösen würden, hab ich trotzdem eine ganze

Woche gebraucht. Aber komplexe Probleme haben scheinbar auch

komplexe Lösungen und wer eine Einfache anstrebt, wird nur einen

Teil ändern können. Aber dieses Gefühl am Ende, dass es da noch

Alternativen gibt, war toll. Spätestens da hab ich auch aufgehört, mir

noch Gedanken über den Unkostenbeitrag und die teure Bahnfahrt zu

machen.

CATHRIN: Das stimmt, billig war es nicht gerade. Aber für das, was

wir gelernt und erfahren haben, hat es sich in jedem Fall gelohnt.

Wichtig fand ich auch die allgemeine Erkenntnis, dass die

interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärztinnen und Psychologinnen

äußerst wertvoll und notwendig ist. Darüber waren sich alle einig.

Mein Workshop hatte mit den Vorträgen direkt nichts zu tun. Das

gefiel mir, war es doch Sclbsterfahrung pur: Lifcstagc, eine Art

Impro-Theater, bodymusie-percussion und als größte Herausforderung

noch body-painting. Das war im Nachhinein für manche schon ein

70


te

rechts

Schritt zuviel. Mensch musste sehr aufpassen, die eigenen Grenzen zu

wahren, leider merkten viele das erst hinterher.

Die Gruppe war für die Selbsterfahrung gut, das gegenseitige

Vertrauen kam schon am ersten Nachmittag zustande. Nur das bodypainting

hätte ich im nachhinein gern mit jemand anderem gemacht

(Sorry, Arnulf).

Sag, hat dich die Grüppchenbildung im Speisesaal eigentlich auch

manchmal genervt Wir selbst ja nicht ausgenommen, die Hamburger

waren unzertrennlich. Jedenfalls haben wir es kaum langer als eine

Mahlzeit lang geschafft, mal nicht zusammen an einem Tisch zu

cliquen.

KRIST1AN: Ruch fehlten halt die Mitfahrgelegenheiten, aber mal

ehrlich so locker, wie wir uns dass alle gewünscht hätten war es zu

Anfang dann doch nicht, immerhin waren die Teilnehmerinnen aus

dem gesamten deutschsprachigen Raum zusammengewürfelt (und ich

bin doch echter Norddeutscher...). Deshalb dauerte es ein paar Tage,

bis sich einzelne Sympathiegrüppchen gebildet haben; das lag neben

der Sprache auch an der intensiven Arbeitsatmosphäre und dass noch

teilweise bis um 22h Vorträge liefen. Da blieben für den persönlichfreundschaillichen

Teil der Veranstaltung nur noch die Mittagspause,

das Abendessen und ein paar Abendveranstaltungen; die wie z.B. die

Brcttljause nicht unbedingt jedcrmensch Geschmack entsprachen. Fs

waren aber auch echte Highlights dabei.

Am Ende der Woche war ich leider schon ziemlich fertig und brauchte

ein bisschen Ruhe, deshalb konnte ich das rauschende Abschiedsfest

nicht mehr in vollen Zügen genießen. Wenn ich jetzt so nach ca.

einem halben Jahr so zurückdenke, fallen mir viele schöne Dinge

wieder ein und mein Gesamteindruck ist nach wie vor gut und

herzlich. Zurück blieb ftir mich am Ende ein ganz melancholischer

Abschied, eine große Adressenliste und ein paar e-mail-Kontakte. Und

das ist tatsächlich etwas was mir die MedCom mit auf den Weg

gegeben hat: Ein paar neue Bekannte, mit denen ich immer noch ab

und zu Kontakt halte und ein Gedanke im Kopf, der seit Graz auch

7l


links

Mit

konkrete Bedeutung für mich gewonnen hat:: Wir können auch

anders!

CATHRIN: Und wie... Schade, dass wir die Abschieds/cremonie nicht

bis zum Sehluss miterlebten. Die zwölf Stunden Bahnfahrt nach

Hause waren als Übcrgangsritual genau richtig. Bin froh, mitgefahren

zu sein!

Eine Frage spukt mir aber noch im Kopf herum: Ob wir den

Abschicdsbricf, den wir uns selbst schrieben und die Fotos noch vor

der nächsten McdCom bekommen Das wäre fein.

Cathrin Büscher, Kristian Menke, Hamburg

Tutorlnnentraininq Lübeck 1.10.2000-7.10.2000

Eine Reise in den Norden. Aus Wiener Sicht.

Die Idee eines Tutorcntrainings in Lübeck mit Wiener Unterstützung,

also eine Nord - Südost - Achse, spukte schon geraume Zeit in

unseren Köpfen. Vorboten und zaghafte Träumereien gab es schon

während des Wiener Maitreffens 1999. Gründe gibt es genug, um ein

Vorhaben von einem Termin zum nächsten zu verschieben. Wie

immer, braucht es einige Anläufe bis eine gute Idee auch ausgereift

und mit Inhalten und Personen besetzt auf den Markt gebracht werden

kann. Nun war es so weit.

Im folgenden möchte ich mich mit einem Kon/eptvorschlag,

Rahmenbedingungen, Inhalten und sowohl schwierigen, als auch

schönen Situationen dieses Trainings auseinandersetzen. Zum Sehluss

gibt es noch einen kleinen Dialog zwischen Elisabeth und mir, der

noch manch offene Frage zu klären versucht.

72


te

rechts

Konzeptvorschlag

Begonnen haben wir unsere Arbeit mit einem Konzeptvorschlag, der

als Diskussionsgrundlage für unser Training diente. Dieses Konzept

erarbeiteten Elisabeth und ich im Sommer 1999.

Planung eines Anamnesegruppentutorlnnentrainings in

Lübeck

Ort: Lübeck

Zeit: 1.10.00-7.10.00

Anzahl der Teilnehmerinnen: max. 20 Teilnehmer, zwei Gruppen

Team A: Martin Petersen und Elisabeth Sieberth

Team B: Peter Ortner und Alexandra Pekarek

Zeitstruktur:

Vorgesehen sind fünf volle Arbeitstage mit zwei Arbeitseinheiten

(AE) a drei Stunden. Sowohl am Vormittag, als auch Nachmittag sind

drei Stunden AE eingeplant. Wobei die Nachmittagseinheit um eine

Viertel Stunde verlängert wird (Tagebuchaufzeichnungen). Zwei volle

Stunden Mittagspause. Am Beginn der Trainingswoche steht eine AE

mit drei Stunden für Gruppeneinteilung, Begrüßung, Kennenlernen

und Wochenplan vorstellen zur Verfügung. Am Ende der Woche ist

eine AE mit drei Stunden für Verabschiedung und Ausblick in die

Zukunft eingeplant. In der Mitte der Woche (Mittwoch) ist ein ganzer

freier Nachmittag, zum Beispiel zum Volleyballspielen am Strand in

Travemünde, vorgesehen!

Organisation:

Die Rahmenorganisation wird vor Ort von den Veranstalterinnen

(Sonja Pfilftle und Silke Feldmann) abgenommen. Dazu gehören:

Unterkunft und Verpflegung für die Teilnehmerinnen, Organisation

von Gruppenräumen; Aufenthaltsräumen, Patientinnen, Supervisorin.

Terminkoordinierung, Stadtpläne, ein Kneipenabend, Abfahrtszeiten

der Züge und Busse ....

73


te

rechts

Selbstreflexion/Selbsterfahrung.

Wie plane ich meine Gruppe.

Rahmenbedingungen

Aufgabenteilung vor dem Training:

Lübeck mit den Protagonistinnen Sonja und Silke waren ftir die

aufwendige Vor- Wahrend - und Nachbereitung des Trainings

verantwortlich. Konkret heißt das, dass wir uns um eine klare

Rollenaufteilung bemüht haben. Sonja und Silke haben von und in

Lübeck Werbung, Anmcldungsformalitäten, Seminarräumlichkeiten,

Kontakt /u den Trainingsteilnehmerinnen, Essen, Schlafplätze,

Supervisionstcrmine, Patientinnen, Freizeit-Rahmenprogramm

organisiert. (Die Liste kann beliebig ergänzt werden, weil die beiden

hier einen enormen Einsatz geleistet haben. Nochmals ein dickes

Danke an dieser Stelle für diese angenehme und fürsorgliche

Betreuung eurerseits :-)

Während Wien sich in den Personen von Elisabeth, Peter, Martin (ist

extra noch vor dem Training nach Wien gereist.) und Alexandra um

inhaltliche Fragen, Themenschwerpunkte und Zeitstruktur bemüht

haben.

Aufgabenteilung während des Trainings:

Auch während der Trainingswoche haben wir diese Zweiteilung

beibehalten. D.h. Sonja und Silke haben sich vor Ort um unser aller

leibliches. Raumplatz technisches, Patientinnen besorgen und Freizeit

Wohl gekümmert. Wir vier Trainerinnen haben uns um die inhaltliche

Umsetzung bemüht.

Schwierige Situationen

77


links

Mit

Als einziger Nachteil hat sich die extrem konsequente Trennung

zwischen Organisatorinnen und Trainerinnen gezeigt. Dadurch ist es

zu kleineren Kommunikationsproblemen und Missverständnissen

gekommen, die unser beider Teamarbeit erschwert haben. Dies wäre

leicht vermeidbar gewesen. Wir haben es im Vorfeld verabsäumt

regelmäßige Besprechungen während der Woche zu vereinbaren, um

Allfälligem, Änderungen und Wünschen den notwendigen Raum zu

geben. Im Verlauf der Trainingswoche wäre ein kontinuierlicher

Austausch zwischen Organisatorinnen und Trainerinnen und zwischen

den beiden Trainerlnnentcams hilfreich und sinnvoll gewesen.

Innerhalb der Tandems hat der Austausch sehr gut funktioniert.

Von Seiten der Trainerlnncn gab es auch inhaltliche und strukturelle

Probleme. Im Vorfeld haben wir uns meines L-rachtens sehr gut und

intensiv vorbereitet. Vor Ort hat sich dann jedoch gezeigt, dass wir

von einer größeren Gruppe ausgegangen sind, was uns die

Notwendigkeit vor Augen geführt hat, Teile des Programms jeder

Zeit, auch sehr kurzfristig zu ändern. Auch inhaltlich haben sich

manche Schwerpunkte partiell verschoben und mussten neu überdacht

und an die Gruppe und gegebene Situation angepasst werden. Hierfür

ist eine Portion Flexibilität, Mut und Kenntnis über die Gruppenziele

wichtig, um kurzfristig Änderungen am Programm vorzunehmen.

Schöne Situationen

Bereichernd und angenehm waren die hohe Konzentration,

Bereitschaft zu lernen und Aufgeschlossenheit, mit der die

Trainingsteilnehmerinnen in diese Woche gegangen sind. Das

Training war begleitet von hoher sozialer und inhaltlicher

Auseinandersetzung. Kritik wurde konstruktiv und humorvoll

formuliert und angenommen. Neben dieser konzentrierten Arbeit gab

es aber auch eine Menge Platz für schöne, angenehme und lustvolle

Dinge, /u unser aller Wohlbefinden haben die liebevoll gestalteten

Frühstückstische, Mittagstische, Abendtische und Grilllagen mit

78


te_ _^___ rechts

selbstgemachtem Früchtejoghurt, leckeren Wursteln und frischen

Semmeln beigetragen. Inklusive (Un-) Mengen an Kaffee und

schönem Blumenschmuck. Unsere gemeinsamen Frühstücke waren

ein angenehmer Start in den Tag! Toll war auch das Abschlussfest bei

Pierre und Michael mit gerade richtig scharfem Chiü und richtig

scharfer Schottenkilteinlage! Für uns Binnenländerlnnen waren auch

die Strandausflüge mit Quallen, Muscheln und Spaziergang zur

ehemaligen Ostgrenze besonders sehenswert. Sehr gefreut hat uns,

dass der Mittwoch Nachmittag zu einem gruppenverbindenden

Strandvolleyballspiel genutzt wurde und der Abend zum Fortgehen

....(obwohl wir das ja nur vom Hörensagen kennen) und auch wenn es

am nächsten Tag ein paar sehr müde Augen gab! Ja, und /u guter

Letzt gab es für jedes Team einen wunderbaren Geschenk-Fresskorb!

Vielen Dank!!!! Hat uns Wienerinnen die anstrengende Wienfahrt

versüßt.

(Insiderinnen wird aufgefallen sein, dass zwischen Konzeptvorschlag

und tatsachlicher Umset/ung Differenzen bestehen. Das Konzept war

größer angelegt, als tatsächlich dann im konkreten Wochenplan

umgesetzt worden ist. Es ist immer gut einmal im Vorfeld vielen

Ideen freien Lauf zu geben und dann kann man so richtig aus dem

Vollen schöpfen. Zwischen Wochenplan und tatsächlichem Training

hat es ja dann auch noch kleinere Änderungen gegeben.)

Dialog in einem Akt.

Handelnde Personen:

Elisabeth (£*):

Alexandra (A):

Ort: Alexandras Arbeitszimmer, übervoller und daher un aufgeräumter

Schreibtisch. Der Fernseher läuft im Nebenzimmer. Es gibt „Cybiir.

Abwechselnd läuft eine der beiden ins andere Zimmer und schaut

79


links „^

_ Mit

fern. Immer wieder lautes (Jclächter. Während die andere versucht

konzentriert am Computer zu arbeiten.

//: Was war eigentlich deine größte Angst während des Trainings

E: Während dem Training gab es kaum Zeit /um Angst haben. Aber

davor! Und /war vor „leeren Zeitlöchern". Dass heißt, Einheiten in

denen wir mit unserem Programm schneller als geplant durch sind,

oder Diskussionsthcmen/Probleme, die für unsere Teilnehmerinnen

keine sind. Aber diese Angst hat sich /iemlich schnell in den Wind

geschlagen und es kam eigentlich genau /um Gegenteil: Viele

zusätzliche Themen für die wir noch extra Diskussionszeit gebraucht

hätten. Z.B.: Soll der/die Tutorln ihre/seine eigene Meinung

einbringen; soll mit-gefeedbacked werden Was ist der Unterschied

/wischen Moderation und Leitung b/w. „Führung" Für solche

Themen wären vielleicht l !/2 Abendstunden zusätzlich und eventuell

mit der anderen Gruppe /usammcn gut gewesen.

Wie ist es denn Dir mit unserem Zeitplan gegangen

A\ Eigentlich gut, denn ich habe schon in Wien versucht mir

vorzustellen, was wie viel Zeit brauchen wird. Natürlich konnte ich

das dann nicht eins /u eins in Lübeck umsetzen, aber bei einzelnen

Arbeitseinheiten hat mir das dann doch Sicherheit gegeben. Was mir

generell wichtig war, war die Einhaltung des von uns vorgegebenen

Zcitbudgets. Da bin ich aber dann doch manchmal ins Schwitzen

gekommen, wenn Themen oder Inhalte noch Zeit gebraucht hätten,

aber die eingeplante Zeit um war. Nicht immer war es möglich,

Blöcke nach hinten /u verschieben. Da war ganz gut, dass wir am

Ende der Woche eine AE für freien Themenwahl vorgesehen hatten,

um gegebenenfalls einem wichtigen Anliegen, dass an anderer Stelle

zu kurz gekommen ist, noch genügend Raum zu geben. Mit dem

Wunsch nach offenem Ende, also weniger Zeitstruktur kann ich

weniger anfangen.

Wie ist es denn dir ergangen mit unserer Zeitstruktur

80


te

rechts

E: Summa summarum ganz gut. Hätte vielleicht wie oben erwähnt

gerne ein bis zwei zusätzliche Abendtermine für

Großgruppendiskussion gehabt. Ansonsten hab' ich das Gefühl, daß

wir unsere Zeit sehr realistisch geplant haben.

Gefehlt hat ein eingeplanter Zeitraum mit Sonja und Silke.

Offene Enden finde ich persönlich nicht so gut, auch da die

Konzentration nach anderthalb Stunden eher dem Ende zugeht.

Außerdem gibt ja Struktur auch Sicherheit!

A propos Konzentration. Für mich war das Beobachten im Außenkreis

sehr anstrengend.

Wie ist es Dir im Außenkreis gegangen

A: Gemischt. Ich war mir phasenweise sehr unsicher, ob ich mit

meinen Beobachtungen den einzelnen Teilnehmerinnen weiterhelfe,

oder ob ich nicht durch unsere bemühte Art konstruktiv und

beobachtend zu bleiben, nicht wesentliche Information

verlorengegangen ist. In diesem Fall hätte ich mir für mich eine

Videoanalyse gewünscht, um noch einmal meine rückgemeldeten

Beobachtungen zu verifizieren. Ansonsten war und bin ich von der

Außenkreismethode sehr begeistert und war fasziniert von der Vielfalt

an Dingen/Inhalten/Sequenzen, die ich da beobachten durfte und

denke, wir sollten sie in unserem verbleibenden Jahr jetzt auch endlich

einsetzen.

Gab es bei dir offene Themen oder Inhalte, die dir während dieser

Woche gefehlt haben Weil keine Zeit mehr, oder...

G: Eine AE hätte ich gerne zum Thema Psychosomatik gehabt. Was

sind meine Erfahrungen damit, was für Literatur kenne ich bzw. gibt

es, was ist bei einer „Psychosomatischen Anamnese" anders Das

bringt mich gleich zur nächsten Frage: Ob es Sinn macht, die

Anamneseerhebung und Technik nochmals separat zum Thema zu

81


links . Mit

machen. Kincrseits denke ich sprengt das last den Rahmen,

andererseits finde ich es wichtig, als Tutorln in diesem Thema firm zu

sein. Noch ein eventuelles Thema könnten

Kommunikationsgrundlagen sein, bisschen Schulz von Thuns

„Ohrwascheltheorien' L . Leid tat mir auch, dass das Tagebuchschreiben

aus Zeitproblemen relativ zu kurz gekommen ist bzw. meines am

Mittwoch endet!

Außerdem hätte ich wirklich gerne eine AE auf Video aufgezeichnet

um sie mir anschließend an das Training mit den Co -Trainerinnen

anzusehen und auch als '['rainerin Feedback zu meiner Arbeitsweise

zu bekommen.

Haben dir Themen gefehlt, oder hätte irgendein Inhalt mehr Gewicht

oder Raum bekommen sollen

A: Ja und nein. Ja, ich hätte auch noch gern mehr

Kommunikationsthcorien durchgenommen. Du hast ja schon den

Schulz von Thun erwähnt, oder Transaktionsanalyse föllt mir noch

spontan ein. Inhaltlich hatte ich mir auch noch vorstellen können, was

zur Anamneseerhebung und worauf- z.B. typische Fehler, was wird

gern vergessen - worauf achten ... Ja oder Themen wie Coping,

Ressourcen .... Aber andererseits ist halt eine Woche nur so lang wie

sie ist und ich denke, wir haben da eh eine Menge gemacht. Aber was

für mich noch spannend war, und was mich nachhaltig beeinflusst hat,

war die unterschiedliche Arbeitsweise in den verschiedenen Städten.

Ich für mich hab da sehr viel mitnehmen können. Wien hat ja eine

Tradition der Abstinenz, d.h. bei uns machen ja die Tutorlnnen keine

Gespräche in den Gruppen. Hingegen in Lübeck, um diese Stadt als

anderen Pol zu nennen, führen die Tutorlnnen sehr wohl auch

Gespräche. Lange Zeit habe ich mich dagegen gewehrt, aber jetzt in

Lübeck hat ich so ein Aha-Krlebnis. Mittlerweile denke ich, dass es

ganz wichtig ist, selber auch immer wieder Gespräche zu führen.

Drum find ich es gut, dass es in Wien jetzt endlich eine wilde Gruppe

gibt.

82


te

rechts

So, ich denke jetzt lassen wir es gut sein.

Ganz, ganz lieben Gruß aus Wien. Cybill ist gleich aus und wir wollen

noch gemeinsam das Ende sehen. Elisabeth schickt euch auch noch

ganz liebe Grüße und eine feste Umarmung.

Elisabeth Sieberth

Alexandra Pckarek

83


Vorwärts...


te ____ rechts

Der Marsch durch/in die Institutionen:

Anamnesegruppen am Ziel

Ls ist soweit: In Lübeck gehört die Anamnesegruppe seit dem

Wintersemester 2000/2001 verpflichtend für alle Studierenden des

ersten klinischen Abschnittes zum Curriculum. Ob sie dort überhaupt

hingehört, bzw. ob sie ohne all/u große inhaltliche Verluste dort

hinein (zwangs-)integriert werden kann, darüber gibt es sicher

verschiedene Ansichten und Meinungen. Dieser Artikel soll ein

Beitrag zur Diskussion sein und schildert dazu die Erfahrungen mit

dem ersten Durchgang.

Zunächst jedoch noch einmal kurz die Vorgeschichte (siehe POM 17).

Im Sommer 1998 trat ein drittelparitätisch (Professoren,

wissenschaftliche Mitarbeiter und Studierende) besetzter

Fakultätsausschuss /usammen, der sich mit der Umsetzung der damals

erwarteten und noch immer nicht verabschiedeten Änderung der

Approbationsordnung an unserer Universität beschäftigen sollte. Bald

verselbständigte sich die Diskussion und führte zu ersten

Reformideen. Wir hatten Kontakt zu anderen Universitäten, die mit

dem problemorientierten Lernen (POL) arbeiteten: In München

durften wir eine Woche am Studium teilnehmen, Harvard wurde

während einer Famulatur begutachtet, Witten-Herdecke und Berlin

schickten Vertreter zu einem Symposium. Zusätzlich studierten wir

jede Menge Literatur und so entstand allmählich die Vision eines

eigenständigen Reform p roj ekles in Lübeck: es sollte zunächst den

ersten klinischen Abschnitt umfassen, POL als Hauptlernform

beinhalten, mehr Praxis in Kleingruppen bieten und den lehrenden

zumindest eine pädagogische Grundausbildung bieten. Der Unterricht

sollte fächerübergreifend in organbezogenen Blöcken abgehalten

werden, verbunden mit einer grundlegenden Hntrümpelung des

Lehrplans und als besonderes Hlement sollte auf die Ausbildung von

sozial kompetenten Ärztinnen geachtet werden. Besonders deshalb,

weil dieser Aspekt des Ar/t- bzw. Ärztin-Seins bis jetzt im Studium

85


links _ _^ Mit

eigentlich nicht vorkommt. Diese /ielc sollten in sechs vierwöchigen

Organblöcken (Herz-Kreislauf, Niere/Lunge, Onkogenese, etc.) und

einem siebten Block mit dem schönen Namen „Arzt-Patient-

Beziehung" umgesetzt werden. Nachdem der Fakultätskonvent diese

Pläne im Sommer 1999 einstimmig abgesegnet hatte, begann die

Detailplanung durch einen eigens dafür eingestellten Lehrkoordinator.

Diese erwies sich als schwierig, so waren z.B. die beteiligten

Lehrstuhlinhaber nicht sehr engagiert als es darum ging, sich

zusammenzusetzen und den Lehrstoff auf streichungswürdige

Redundanzen zu überprüfen. Im Endeffekt beschloss man dann leider

nur eine schrittweise Hinführung des Projektes mit vorerst zwei

Blöcken, was im Endeffekt /u viel Verwirrung und Problemen bei der

Umsetzung beitrug. Doch das ist ein anderes Thema.

Hiner der zwei im letzten Wintersemester gestarteten Blöcke war dann

der „Arzt-Patient-Block". Während bei den organbezogcnen Blöcken

der Inhalt durch den Lehrplan bzw. den Gegenstandskatalog

vorgegeben ist und zusätzlich schon Erfahrungen in anderen

Universitäten gemacht wurden, auf die zurückgegriffen werden kann,

so war bei diesem Block alles offen. Um ihn mit Inhalt zu füllen,

trafen sich Vertreter der Psychiatrie, Psychosomatik, medizinischen

Psychologie und Medizinethik mit uns, um ein Konzept zu

entwickeln. Angelehnt an die anderen Blöcke sollte es neben

Vorlesungen zu verschiedenen Aspekten der Arzt-Patienten-

Bezichung Praktika geben, in denen man unter Anleitung erfahrener

Praktiker schwierige Gesprächssituationen üben kann, (z.B.: Du bist

Arzt in der Blutspendezentrale und musst die 24-jährige Studentin

über ihr positives HIV-Testergebnis in der Routinekontrolle

unterrichten), und natürlich die POL-Tutorials. Hierfür waren Fälle zu

schreiben, deren Schwerpunkt auf schwierigen Interaktionen lag, so

z.B. bei einer Patientin mit somatoformer Schmerzstörung oder einem

chronisch kranken Menschen oder einem Kind mit perinataler

Behinderung.

86


te ^

rechts

Früh wurde beschlossen, dass die Anamnesegruppen Bestandteil

dieses Blocks werden sollten. Um eine längerfristige kontinuierliche

Arbeit zu gewährleisten, was in nur vier Wochen nicht möglich

gewesen wäre, wurde der Ar/t-Patient-Block um eine Woche gekürzt.

Dafür finden die Anamnesegruppen während des ganzen Jahres

einmal in der Woche statt. Als nicht möglich erwies es sich, das

gewohnte Setting /u übernehmen. Bei ca. 180 Studierenden pro

Jahrgang bedeutet das, dass fast 40 Tutorlnnen benötigt würden. So

werden unsere Pflichtgruppen jetzt nur von einem/einer Tutorln

geleitet. Doch auch 18 anamnesegruppenerfahrene Studierende

höherer Semester auizutreiben, erwies sich als unmöglich. So wurden

die sich zur Verfügung stellenden (PJ-)Studierenden in einem

zweitägigen Seminar auf ihre Aufgabe vorbereitet, /.um Ausgleich

erhalten allerdings alle Gruppen samt Tutorln nach jedem zweiten

Gespräch eine Gruppensupcrvision bei Ärztinnen aus dem Bereich

Psychiatrie/Psychosomatik.

Wir haben viel diskutiert im Vorfeld: untereinander in der

Kommissionsarbeit, in der Tutorlnncnsupervision, aber auch auf dem

Ulmer Mai treffen und am Rande der MedCom. Dabei spielten

verschiedene Dinge eine Rolle. Hier in Lübeck war die Angst groß,

mit der Einführung der Pflichtanamnesegruppcn den freiwilligen

Anamnesegruppen das Wasser abzugraben. Zum einen müssen diese

in Zukunft auf die bisher gestellten Gruppensupervisionen verzichten,

da die beteiligten Kliniken nicht beides leisten können/wollen, zum

anderen stellt sich die Frage, ob es noch genügend freiwillige

Teilnehmerinnen geben wird, wenn jeder Studierende in seiner

Laufbahn einmal ein Jahr lang die Pflichtgruppe besuchen muss. So

war es dieses Semester so, dass fast ausschließlich Erstsemester an

den drei Gruppen teilnahmen und somit die bis dato mehr oder

weniger gute Durchmischung der verschiedenen Semester nicht mehr

gegeben war. Dies ist natürlich auch ein Manko der Pflichtgruppen:

Teilnehmerinnen eines Jahrganges haben alle einen relativ ähnlichen

Blickwinkel, der sich von dem jüngerer oder älterer Studierender doch

87


links _____ Mit

beträchtlich unterscheiden kann. Unsere I loflhung ist, dass in Zukunft

ein Teil der Teilnehmerinnen der Pflichtgruppen Lust hckommt, in

den freiwilligen Anamncscgruppen noch ein Jahr dranzuhängen und

diese dann als eine Art Fortgeschrittenengruppe zu betrachten.

Dies führt /u einem anderen Kinwand. Oft wurde be/wcifclt, dass in

einer Pflichtgruppe ähnlich tiefgehende Gespräche und

Nachgesprächc geführt werden können wie in einer freiwilligen

Gruppe. Nun ist es /um einen so. dass auch dort die Qualität nicht

immer die gleiche ist. /um anderen wird sich die Qualität und Tiefe

der Gespräche in den Pflichtgruppen im Laufe der /eit, u.a. auch

durch die recht enge Betreuung durch die Supervision, verändern.

Ciruppe und Tutorln werden eine [Entwicklung durchmachen, und es

ist unseres I-rachtcns entscheidend, dass die Teilnehmerinnen am

L-ndc des Jahres einen Schritt in ihrer persönlichen Entwicklung auf

dem Weg /u ihrem Ar/t/ Är/tin-Scin weitergekommen sind. Wer sich

dann noch eingehender mit der Thematik beschäftigen will, ist

her/lieh /u den freien Gruppen eingeladen. Wer das nicht möchte, hat

sich im Gegensat/ /um bisherigen System wenigstens dieses eine Jahr

mit den Aspekten der Gesprächsführung und Interaktion

auseinandergeset/t.

Dies ist auch die Antwort auf eine weitere Befürchtung, dass /ur

Anamnesegruppenleilnahme „verdonnerte" Studierende nichts

mitnehmen, sondern sich verweigern und die (Jruppe stören. Unsere

Beobachtung nach dem ersten Durchgang ist eine andere. Natürlich

sind nicht alle Teilnehmer auf einmal begeisterte Anhänger eines biopsycho-so/ialcn

Krankheitsmodels. Die Hrwartungen an die

Anamnesegruppc waren sehr heterogen, von: „schon mal von gehört,

will ich jet/t mal ausprobieren" über: „keine Vorstellung" bis hin /u:

„ich will lernen, wie ich kurz und effektiv die wichtigen Daten

erfahre". Diese Heterogenität kam natürlich auch in den

Nachgesprochen zum Ausdruck, was diese bunt und lebhaft machte -

keine Gefahr des: „war doch alles ganz gut und wir sind uns eh alle


te

rechts

einig", wie öfter mal in den freiwilligen Gruppen passiert. Von den

neun Teilnehmern gab nur einer am Ende zu Protokoll, dass er „mit so

etwas" weiterhin nichts anfangen könne, während der Rest angab, auf

jeden Fall ftlr sich etwas mitgenommen zu haben. Die weiteren

Ausführungen reichten dann von: „gut, dass es Pflicht war, sonst hätte

ich das nie gemacht", über: „war erst skeptisch und bin positiv

überrascht" hin zu: „bin nach wie vor nicht überzeugt, hab mir aber

natürlich auch Gedanken gemacht". Von den meisten anderen

Gruppen war ähnliches zu hören, nur in einer Gruppe fllhlte sich die

Tutorin der zum Teil negativ eingestellten Gruppe nicht gewachsen.

Diese Gruppenkonstellation war dann aber auch Thema in der

Gruppensupervision - es wäre sicher interessant gewesen zu sehen,

wie sich die Gruppe im Verlauf weiter entwickelt hatte.

Insgesamt waren wir sehr positiv überrascht von unserem Experiment,

hatten wir doch im Stillen mit größeren Schwierigkeiten gerechnet.

Gerade die Erfahrungen aus anderen Städten, wo die Anamnesegruppe

seit einiger Zeit als Alternative zum Psychosomatikpraktikum gewählt

werden kann, was mit einer deutlichen Veränderung in den Gruppen

einherging, ließen anderes befürchten. Vielleicht liegt es daran, dass in

unserem Fall die Anamnesegruppen nicht als das kleinere Übel gelten,

mit deren Hilfe man den Schein bequemer erlangen kann, sondern

dass sie vollwertiges und eigenständiges Stundenplanclement sind -

genauso wie ein Mikrobiologiepraktikum oder der

Untersuchungskurs. Und immerhin gibt es Kontakt mit einem echten

Patienten. Dies führte dazu, dass die Anamnesegruppen neben den

POL-Tutorials zu den beliebtesten Veranstaltungen zahlten. Was uns

wiederum ziemlich froh und stolz macht...

Der Rest des Arzt-Patient-B lock s litt leider unter einigen

Kinderkrankheiten. So waren die Vorlesungen inhaltlich schlecht

aufeinander abgestimmt und wiederholten viel gerade erst im

Physikum abgeprüftes Wissen. Die Praktika mit den Rollenspielen

waren gut, fanden allerdings in einer assoziierten Klinik statt und

89


links

Mit

waren zu kurz bemessen, so dass fahrerischer Aufwand und

individueller Nutzen in einem nicht angemessenen Verhältnis

zueinander standen. Die POL-Fälle waren mit somalischen Details so

überladen, dass die sich am Anfang ihres klinischen Studiums

befindlichen Studierenden damit so ausgelastet waren, dass für die

eigentlichen Themen der Patienten-Arzt-Interaktion wenig Zeit blieb.

Aber alle diese Dinge sind im zweiten Durchgang sicherlich

verbesserungs fähig.

Wie lautet nun unser Fazit Die Anamnesegruppen sind in Lübeck

dort angekommen, wo sie nach Meinung vieler seit langer Zeit

hingehören: im Curriculum der Medizinerinnenausbildung. Nur so ist

es möglich, jedem/jeder angehenden Arzt/Ärztin die Wichtigkeit der

Anamnese nicht nur für die Informationssammlung, sondern auch als

Basis einer tragfaliigen Arzt-Patienten-Beziehung, sowie praktisch

und nicht nur theoretisch zu vermitteln. Die Erfahrungen mit dem

ersten Durchgang zeigen, dass das Angebot bei der überwiegenden

Mehrzahl der Studierenden positiv aufgenommen wird. Die freien

Anamnese gruppen haben damit ihre Berechtigung nicht verloren, sie

bieten sich v.a. interessierten Studierenden an, die sich über einen

längeren Zeitraum intensiver mit der Thematik befassen wollen,

wobei dann die Grundlagen gelegt sind und es möglich ist,

weiterführende Überlegungen bezüglich Krankheitsmodellen oder

eigenen Anteilen an Interaktionsmustern zu bearbeiten.

Martin Petersen, Michael van Husen, Lübeck

90


te

rechts

Anamnesegruppe auf dem Stundenplan !

Die Lehre ist schlecht. Das weiß jeder, der in Deutschland

Medizin studiert. Wir gehen täglich in die Uni und sammeln

jahrein, jahraus kleine Zettel mit

Professorenunterschriften, die uns dazu ermächtigen, ganz

viele kleine Kreuzchen zu machen und im weiteren Verlauf

gute Ärztinnen und Ärzte zu werden.

Vor drei Jahren haben sich einige Lübecker Studierende

überlegt, dass es auch einen anderen Weg geben kann. Die

Idee einer Studienreform war geboren.

Im Wintersemester 2000/01 erlebten die Studierenden

des ersten klinischen Abschnitts ein ganz neues Lehr- und

Lernkonzept: Zum Grundgerüst des reformierten

Stundenplans gehörten POL-öruppen (problemorientiertes

Lernen), Vorlesungen, Praktika, Ethikseminare und -

erstmalig verpflichtend !- Anamnesegruppen.

Wir beide. Studierende des 5. Semesters, kennen die

Anamnesegruppen schon seit dem Anfang unseres Studiums

und waren inzwischen zu Tutoren geworden. Deshalb war

diese Neuerung für uns mit großen Erwartungen, aber auch

Befürchtungen verbunden. Würde sich das bewährte

Konzept der freiwilligen Anamnesegruppen in eine

(Pflicht)-Lehrveranstaltung umsetzen lassen Wie würde

die Akzeptanz bei den Studierenden sein

91


links

Mit

Bei den freiwilligen Anamnesegruppen kann man immerhin

voraussetzen, dass alle Teilnehmer Interesse und

Motivation mitbringen, während Pflichtveranstaltungen oft

schon mit Missmut besucht werden.

Wie von den freiwilligen Anamnesegruppen gewohnt, trafen

wir uns einmal in der Woche. Neu war für uns allerdings,

dass vorher festgelegt war, auf welche Station wir zu

gehen hatten (einmal Psychiatrie, einmal Chirurgie, sonst

immer Innere) und dass es nur eine(n) Tutor(in) gab. Das

waren alles PJ-Studierende oder Studierende aus höheren

Semestern, die selbst zum Teil Anamnesegruppen-

Erfahrung hatten oder an einer Einführung vor

Semesterbeginn teilgenommen hatten. Unsere Gruppe

setzte sich aus ca. 8 Studierenden zusammen, die nach dem

Zufallsprinzip auf die verschiedenen Gruppen verteilt

wurden. Das ganze Reformprojekt erstreckte sich auf einen

Zeitraum von nur acht Wochen, wovon zwei Termine auf die

Supervision entfielen. Daher war schon von vornherein klar,

dass nicht jede(r) eine Anamnese machen konnte. Damit

war leider eine Zielsetzung der Pflichtanamnesegruppen

verfehlt - nicht alle Teilnehmer wurden ins kalte Wasser

geschubst und sahen sich in der Situation, vor einer Gruppe

mit einem anderen Menschen über dessen Lebenssituation

zu sprechen.

Überraschend für uns war, dass die Reaktionen auf diese

neue Art von Lehrveranstaltung fast durchweg positiv

92


te _^ ___ rechts

waren. Fast alle aus unserem Semester hatten Spaß an der

Anamnesegruppe und haben einen Sinn für unsere

Berufsausbildung in den Gruppen gesehen. Ein weiterer

Gedanke, der von einigen Teilnehmern geäußert wurde: „Ich

wäre wohl nicht auf die Idee gekommen, in eine freiwillige

Anamnesegruppe zu gehen. Aber es ist sinnvoll, und darum

sollten die Anamnesegruppen als Pflichtbestandteil in das

Studium aufgenommen werden.*

Auch die Supervision wurde nach anfänglichen Bedenken

(„Was soll ich denn beim Psychiater !") gut angenommen.

Schade in dem Zusammenhang ist, dass die freiwilligen

Anamnesegruppen (die natürlich weiter

semesterübergreifend existieren) zur Reform-Zeit nicht

supervidiert werden konnten, weil die Supervisor(inn)en mit

den Pflichtanamnesegruppen ausgelastet waren.

Wir selbst haben in unseren Gruppen verschiedene

Erfahrungen gemacht. Silke fand es bedauernswert, dass

untereinander zuwenig Kritik geübt wurde. Auch waren die

Nachgespräche nicht so tiefgehend wie in den freiwilligen

Anamnesegruppen. Manchmal hatte sie auch das Gefühl,

dass einige Leute in der Pflichtgruppe doch nur ihre Zeit

abgesessen haben. Michael dagegen freute sich, dass in

seiner Gruppe sehr produktive Nachgespräche geführt

wurden, die sich nicht von denen in den freiwilligen Gruppen

unterschieden.

93


links

Mit

Uns beiden gemeinsam war aber, dass es ein merkwürdiges

Gefühl war, in zwei verschiedenen Anamnesegruppen zu

sitzen und einmal Tutor und einmal Teilnehmer zu sein.

Wir werten das Experiment „Anamnesegruppe auf dem

Stundenplan" jedenfalls als Erfolg und hoffen, dass es nicht

bei einem Ausprobieren bleibt, sondern zum festen

Bestandteil des Studiums wird.

Silke Feldmann und Michael Hunze, Lübeck

Ausbildung kommunikativer Fähigkeiten in der

Medizin

Mit dem Start des Reformstudiengangs im Herbst 1999 hat sich auch

für die Ausbildung im Bereich Anamneseerhebung und

Gesprächsführung an den Berliner Hochschulen einiges verändert.

Waren Anamnescgruppen bis dato seit vielen Jahren die einzige

Initiative, die sich durch die Arbeit im Rahmen der

Anamnescgruppcnsitzungcn, aber auch durch Fortbildungen und der

Beteiligung an größeren Veranstaltungen wie Ausrichtung der

MedCom und des Maitreffcns im kommenden Jahr in diesem Bereich

der medizinischen Ausbildung engagieren, so sind in den vergangenen

12 Monaten neue Initiativen entstanden, die ähnliche jedoch nicht

identische Interessen haben. Im Folgenden sollen die verschiedenen

94


te

rechts

Veranstaltungen kurz vorgestellt werden. Im Anschluss werden

Perspektiven für die zukünftige Arbeit beschrieben.

1. Der Interaktionsstreifen im Reform studiengang

Diese Pflichtveranstaltung für die jährlich 60 neu beginnenden

Studierenden des Reformstudiengangs an der Charite umfasst zwei

Semesterwochcnstunden und findet in Kleingruppen mit jeweils 7

Teilnehmenden statt. Geleitet werden die Gruppen in der Regel von

einem/einer Do/entin, Arzt /Ärztin und Psychologinnen, die sich

wenigstens in der Fachar/tausbildung bzw. einem äquivalenten

Abschnitt der Ausbildung befinden. Die Veranstaltung ist

studienbegleitend für alle Semester vorgesehen. Verantwortlich für die

Koordination und inhaltliche Gestaltung ist Professor Dr. Schwantes

von der Abteilung für Allgcmeinmedizin.

Inhaltlich gibt es bislang kaum verbindliche Richtlinien. Die Dozenten

erarbeiten sich die Konzeption ihrer Gruppensit/ungen unabhängig

voneinander und treffen sich etwa zwei mal pro Semester zu einem

Erfahrungsaustausch. Die Tatsache, dass die Dozenten in jedem Jahr

eine neue Gruppe leiten sowie die Nachfrage an neuen

Gruppenleitern, bedingt durch die jährliche /unahme der

Studierenden bis /.u einer An/ahl von knapp 400 Studierenden nach

sechs Jahren, machten deutlieh, dass die Ausbildung in diesem

Bereich nicht den einzelnen Do/cnten allein überlassen werden kann

sondern ein Curriculum entwickelt werden muss, das sowohl

Studierenden wie auch Do/entlnnen ermöglicht sich zu orientieren.

Dabei geht es nicht darum eine Gleichheit des „Unterrichtes" in den

verschiedenen Gruppen zu fordern, denn schließlich lebt der

Lernprozess in diesem Bereich der medizinischen Ausbildung ja auch

von dem persönlichen Hinbringen aller Beteiligter, sondern darum ein

Grundgerüst an Inhalten /u erarbeiten, die Teil dieser Ausbildung sein

können. Die Entwicklung dieses Curriculums steht noch am Anfang

und ist abgesehen von den praktischen Aufgaben wie der Anwerbung


links

Mit

neuer Mitarbeiter und deren Ausbildung Schwerpunkt der

anstehenden Arbeit.

2. Projektgruppe /ur Ausbildung kommunikativer Fähigkeiten in der

Medizin

Angestoßen durch die Erfahrungen, dass das Erlernen der

Anamnesccrhebung und Gcsprächstührung an vielen Universitäten im

Ausland Pflichtteil der Ausbildung ist und dort methodisch auf

unterschiedliche Weise im Rahmen des regulären Curriculums

vermittelt wird, schloß sich im Herbst 1999 eine Gruppe von sechs

Studierenden und jungen Ärzten zusammen, mit dem Ziel Konzepte

und Strategien zu entwickeln, um diesen Teil medizinischer

Ausbildung auch an der Berliner Fakultät als Ptlichtbcstandtcil

einzuführen. Entsprechend dieser Zielsetzung fand die bisherige

Arbeit auf verschiedenen Ebenen statt.

Zunächst ging es darum Inhalte und Methoden zu erarbeiten, die

geeignet scheinen das gesteckte Ziel zu erreichen. Konkrete

Ergebnisse dieser Arbeit sind zwei Kurse, die seit dem

Sommersemcstcr 2000 an der Fakultät durchgeführt werden. Zum

einen geht es um einen zweisemestrigen Einführungskurs für

insgesamt 20 Studierende des ersten klinischen Jahres. Hier wird das

Erheben einer vollständigen Anamnese mittels Rollenspiel,

Vidcoaufnahmen von Gesprächen mit Simulationspatienten und

Gesprächen mit echten Patienten wie es aus der Anamnesegruppc

bekannt ist erlernt. Weitere Kursinhalte sind Gespräche mit

schwierigen Patienten (z.B. der „netten aber endlos Geschichten

erzählenden Oma"), Tabuthcmcn (Sexualität, schlechte Nachrichten

mitteilen) oder die Wahrnehmung von Körpersprache. Die Einheiten

stehen vor Kursbeginn fest und werden als Stundenplan für alle

Teilnehmenden ausgeteilt. Geleitet werden die wöchentlich

stattfindenden Sitzungen von jeweils zwei ehemaligen

Ananincscgruppcntutorlnncn, die sich in der Regel alle drei Wochen

zu einer Supcrvision treffen.

96


te

rechts

Der zweite Kurs ist ein Woehencndseminar mit dem Titel „Schlechte

Nachrichten mitteilen - Wahrheit am Krankenbett". In Rollenspielen

haben die Studierenden hier die Möglichkeit sich, einmal als Patient

und das andere mal als Ar/t die Situation, eine schlechte Nachrieht

(z.B. eine positive HIV Diagnose) zu bekommen, bzw. /u

überbringen, hinein/uverset/en. Ergänzt werden die

Kleingruppensitzungen. die von jeweils 2 Tutorlnnen geleitet werden,

durch eine An „Expertenrunde", in deren Rahmen die Studierenden an

erfahrene Är/te bzw. Psychologinnen Fragen zur Thematik stellen

können.

Neben der konzeptionellen Arbeit und der Durchführung der Kurse

ergeben sich eine Reihe weiterer Aufgaben, die in Zusammenhang mit

der Idee stehen und die Ausbildung kommunikativer Fähigkeiten in

der Medizin zum Pflichtbestandteil des Medizinstudiums zu machen.

So stellten wir unsere Arbeit zunächst in der Ausbildungskommission

vor. Neben der zugesagten finan/iellen Unterstüt/ung ist es für uns in

diesem Zusammenhang ganz wichtig Mitstreiter in der Fakultät zu

gewinnen, um langfristig diese Veranstaltungen in das Curriculum /u

integrieren.

Eine weitere Möglichkeit zur Verbreitung unserer Ideen und Arbeit ist

auch die Teilnahme an Kongressen wie z.B. der von der GMA

ausgerichteten Veranstaltung im Herbst diesen Jahres in deren Verlauf

wir auch Kontakt zu Initiativen in Witten/Herdecke und Köln knüpfen

konnten.

Schließlich bildet die Zusammenarbeit mit Professor Dr. Schwantes

und dem Reformstudicngang uns die Möglichkeit die erworbenen

Fähigkeiten zum einen praktisch als Dozenten der Kleingruppen

einzusetzen, und /um anderen uns an der Entwicklung des

Curriculums für den Refbrmstudiengang /u beteiligen.

Für die nähere Zukunft steht nach einer ersten Phase der Initiierung

des Projektes und der einzelnen Kurse nun die Konsolidierung an. In

diesem Zusammenhang müssen die erlernten Methoden wie z.B. die

Arbeit mit Simulationspaticnten gefestigt, die Finanzierung des

97


links

Mit

Projektes gesichert und neben der eigenen Fortbildung neue

Tutorlnnen ausgebildet werden. Letztere geschah erstmalig im

Dezember anlässlich eines Tutorentrainings für den Kurs „Schlechte

Nachrichten mitteilen-Wahrheit am Krankenbett".

3.Kommunikation im ärztlichen Alltag

Dieses von der Freien Universität als Projekttutorium geforderte

Projekt ist im Wintersemester 00/01 angelaufen und befindet sich

derzeit noch in der Planungsphase. Geplant ist die Beschäftigung mit

verschiedenen Themen aus dem Bereich Kommunikation mithilfe von

praktischen Feinheiten, mittels Exkursionen zu entsprechenden

Einrichtungen oder auch durch die Beschäftigung mit den

theoretischen Grundlagen. Geleitet wird das Projekt durch

Studierende, die als Teilnehmende von Anamnesegruppen und

anderen Veranstaltungen erste Erfahrungen gesammelt haben und von

Professor Dr. Rosemeier aus der medizinischen Psychologie

unterstützt werden.

Perspektiven

Kennzeichen aller drei Initiativen ist die Arbeit auf dem Gebiet der

Ausbildung kommunikativer Fähigkeiten. Anamnesegruppen haben in

den vergangenen Jahrzehnten in vielen Städten wichtige Arbeit

geleistet und waren meist die ein/ige Möglichkeit für Studierende sich

praktisch in der Erhebung der Anamnese und der Gespräch s fuhrung

weiterzubilden. Obgleich ursprünglich durch ärztliche Vertreter der

Fakultät angestoßen, sind Anamncscgruppen eine studentische

Bewegung. Studentische Tutoren, die sich im Rahmen der eigenen

Anamnesegruppenarbeit und des Tutorentrainings weitergebildet

haben, organisieren für ihre Kommilitonen die äußerst attraktive

Möglichkeit einmal pro Woche ein Gespräch mit Patienten zu führen

und im Anschluss gleichberechtigt die verschiedenen Ebenen wie

beispielsweise die Bedeutung der Krankheit für den Patienten oder die

98


tc

rechts

Beziehung /wischen Studierendem und Patienten zu beleuchten.

Obwohl z.T. durch Supervision oder auch durch Tutorenstellen von

der Fakultät unterstützt, stellt die Autonomie der

Anamnesegruppenarbeit ein wichtiges Merkmal dar. Anlässlich einer

Diskussion im Rahmen des Marburger Maitreffens 1997 wurde

deutlieh, dass die Anerkennung von Anamnesegruppen als äquivalente

Veranstaltungen zu regulären Pflichtveranstaltungen wie

beispielsweise in Österreich oder Hamburg ambivalent gesehen

wurde, da damit eventuell Verpflichtungen entstehen, welche die

Freiheit der Anamnesegruppenarbeit möglicherweise beschneiden.

Es wird außerdem weithin akzeptiert, dass das Konzept der

Anamnesegruppen lediglich für einen motivierten und interessierten

Teil von Studierenden attraktiv ist und deshalb die Freiwilligkeit der

Teilnahme als Voraussetzung einer funktionierenden Arbeit

angesehen wird. Die Tatsache, dass in Berlin bis zu 15 % der

Studierenden irgendwann im Laufe des Studiums freiwillig an einer

Anamnesegruppe teilnehmen, zeigt, dass dieses Konzept für eine

ganze Reihe von Menschen äußerst attraktiv ist und macht darüber

hinaus deutlich, dass ein Bedarf besteht, Fähigkeiten wie

Anamneseerhebung und Gesprächsführung zu erlernen. Diese

Bedürfnisse wurden zumindest bislang im Rahmen des regulären

Curriculums nicht berücksichtigt.

Anamnesegruppen wie auch die anderen Initiativen gehen davon aus,

dass diese Fähigkeiten wichtig für die Tätigkeit als Arzt/Ärztin sind

und erlernt beziehungsweise ausgebildet werden können. Ein

wesentlicher Unterschied besteht allerdings darin, dass sowohl der

Interaktionsstreifen im Reformstudiengang, als auch die

Projektgruppe „Ausbildung kommunikativer Fähigkeiten in der

Medizin" diesen Bestandteil der medizinische Ausbildung

verpflichtend einführen möchte, beziehungsweise, dies in der

Studienordnung des Reformstudiengangs ja bereits festgeschrieben

wurde. Folgerichtig wird nach Möglichkeiten gesucht, dieses Ziel zu

verwirklichen. Es werden Curricula entwickelt, in denen Lehr- und

Lemziele einer solchen Lehreinheit festgehalten werden und

99


links

Mit

Methoden entwickelt, um unabhängig von dem Grad der / des

einzelnen Teilnehmenden die Ausbildung wie in anderen Bereichen

des Medizinstudiums auch zu gewährleisten.

Last but not leasl stellen sich so pragmatische Fragen wie die

Lehrveranstaltungen organisatorisch aber auch unter finanziellen

Gesichtspunkten günstig in das bestehende Curriculum integriert

werden können. Obgleich erst am Anfang dieses Prozesses schlagen

sich derartige Überlegungen in der Haltung des Projektes „Ausbildung

kommunikativer Fähigkeiten in der Medizin" nieder. So erfolgt die

Zeitplanung anders als in einem rein studentischen Projekt langfristig

und immer wieder muss z.B. überprüft werden, inwieweit und in

welchem Umfang die einzelnen Beteiligten sich weiter an diesem

Prozess beteiligen können. Es ist inzwischen auch klar, dass die zu

treffenden Entscheidungen nicht „basisdemokratisch" von allen am

Projekt Mitarbeitenden getroffen werden, sondern eine Kerngruppe

sich verantwortlich für diese Entscheidungen zeichnet und ein anderer

Teil der Tutorlnnen zunächst vor allem an der Durchführung von

Veranstaltungen beteiligt ist. Ein weiteres Merkmal der Arbeit ist die

Suche nach Kooperationspartnern innerhalb der Fakultät. Die

Gewinnung von Dozentinnen für die Veranstaltungen, die Beteiligung

am Reformstudiengang, die Mitarbeit im Rahmen von bereits

existierenden Veranstaltungen sind einige Beispiele hierfür. Wir

hoffen durch diese verschiedenen Kooperationen Mitstreiter zu finden,

die uns letztendlich bei der Umsetzung unserer Idee, die Ausbildung

kommunikativer Fähigkeiten als verpflichtenden Bestandteil für alle

Studierenden im Rahmen des Medizinstudiums einzuführen,

unterstützen.

Es ist verständlich, dass diese Initiativen eine neue Situation für

Anamnesegruppen in Berlin und früher oder später wohl auch an

anderen Orten bedeuten. Angefangen mit der Sorge um genügend

Teilnehmende für das eigene Projekt, über mögliche Konkurrenz um

die nicht gerade überquellenden Geldtöpfe der Fakultät, bis hin zur

Frage welches Konzept denn nun das „Bessere" ist.

100


te

rechts

In diesem Zusammenhang ist es eine erfreuliche Hntwicklung, dass

bei aller bestehenden Skepsis sehr schnell Wege gesucht und

gefunden wurden, um Kontakte /wischen den Initiativen herzustellen

und einen Gedankenaustausch /u ermöglichen. Erste Schritte einer

Zusammenarbeit stellt der Hinsai/ von Anamnescgruppentutoren als

Leiter der Seminare „Schlechte Nachrichten mitteilen-Wahrheit am

Krankenbett" dar. Umgekehrt beteiligen sieh Tutoren aus dem Projekt

„Ausbildung kommunikativer Fähigkeiten in der Medizin" zusammen

mit Anamnesegruppentutoren an der Gestaltung eines Conference-

Workshops im Rahmen der 2001 in Berlin stattfindenden AMEE-

Konleren/ (Assoeiation for medical education in Europe).

Angesichts dieses, auch im internationalen Vergleich, brachliegenden

Gebietes der medi/inischen Ausbildung, ist es sicherlich auch unnötig,

sich im Gerangel um scheinbare Vorteile die Energien zu rauben, die

notwendig für die eigentliche Arbeit und Verbreitung der Ideen sind.

Wichtig und richtig erseheint aber ein früh/eiliger Austausch und eine

kritische Auseinanderset/ung mit den unterschiedlichen Konzepten,

um sich auf die anstehenden Veränderungen im Rahmen der

medizinischen Ausbildung vorzubereiten,

Jan Schildermann, Berlin

Dresden - Anamnesegruppe

101


links

Mut zur Pause

Mit

17.01.01

Mut zur Pause!

- absurd, abstrus!

Interviewer schaut auf die Hände.

Patient schaut aus dem Fenster.

Pause.

Interviewer (in Gedanken: scheiße, scheiße, was kann ich noch fragen,

was hab ich vergessen)

Patient (in Gedanken: ...)

Interviewer (wieder im Fahrwasser.)

Das Gespräch fließt wieder.

Mut zur Pause.

Interviewer schweigt.

Patient schweigt.

Pause.

Aushalten.

Katharina Will / Iris Janzen 11. Semester

102


te

rechts

"Wer will schon krank sein auf dieser Welt"

Eine rhetorische Formulierung nur für den, der nicht krank ist;

doch wenn es anders kommt, dann heißt es, wo will man krank

sein auf der Welt .

Es war einmal irgendwo auf der Welt, da gab es eine

Kranken Station, wo alles anders war. Falls der Leser durch

diese Einleitung erwärmt, nun fragen möchte, war dies nicht

nur ein Märchen, so kann ich antworten, es war kein Märchen,

sondern es war ein wissenschaftliches Wunder.

Wunder geschehen manchmal, und es dauert länger bis sie sich

einstellen, manchmal aber passiert es.

Dazu bedarf es besonderer Randbedingungen; das ist jedem

experimentellen Wissenschaftler nur zu gut bekannt. Geistige

Voraussetzungen für das Wunder dieser Krankenstation

wurden durch Thure von Uexküll gelegt'. Dieser darf im

deutschen Sprachraum als der charismatische Vertreter einer

bio-psycho-sozialen Medizin betrachtet werden. Für ihn

gründet eine neue Medizin in einem neuen Denken, welches

beim Begriff des Lebendigen ansetzt.

Der Vater, der Biologe Jakob von Uexküll, hatte unabhängig

von der Peirce'sehen Semiotik eine Zeichenlehre für lebendige

Systeme entwickelt; das Konzept der Bedeutung steht auch in

der Uexküll'schen Psychosomatik im Mittelpunkt: "Lebewesen

interpretieren ihre Umgebung nach ihrem inneren Zustand als

Bühne für ihr Verhalten" - dies ist der Schlüssel für das

Uexküll'sche Modell der Medizin.

'der übrigens am 15. März 2001 einundneunzig Jahre alt sein wird.

103


links

Mit

Thure von Uexküll fasst die eigentlichen Probleme der

Wissenschaft in einer Frage zusammen: "Was ist Leben Was ist

dieses geheimnisvolle X, das mit dem Tode den Körper verlässt,

das sich in Gesundheit und Krankheit, in Geburt, Kindheit,

Jugend und Alter vollzieht ".

Mit dieser Frage hat sich Thure von Uexküll unermüdlich

beschäftigt^. Seine Antwort - vereinfacht - mündete in die

Forderung nach einer "Biologie der Subjekte", die bereits bei

den Zellen ansetzt, aus denen Gewebe und Organe des

Organismus aufgebaut sind. In der "Theorie der

Humanmedizin" (von Uexküll & Wesiack, 1988) wird diese

"Biologie der Subjekte" nach dem Modell des Funktionskreises

ausgeführt. Mit der Einführung der Bedeutung führt die schon

von Viktor von Weizsäcker erhobene Forderung nach

Einführung des Subjektes in die Medizin (und Biologie) zum

einem Paradigmenwechsel.

Psychosomatische Leiden müssen als Erkrankungen der individuellen

Wirklichkeit beschrieben werden; Körper und diese unsichtbare, aber

sehr reale individuelle Wirklichkeit bilden gemeinsam zwei Organe

eines größeren Organismus, der sich mit der Umwelt

auseinandersetzen muss. Jede Krankheit verändert die individuelle

2[)ie wissenschaftliche Genealogie von Vater und Sohn wird schon früh

sichtbar: Vertasst 1942 vermutlich aul'Capri, erschienen als bescheidenes

Pappbändchen bei dem Verlag Helmut Küpper in Godesberg im Jahre 1947:

Jacob von Uexküll: Der Sinn des Lebens: Gedanken über die Aufgaben der

Biologie mitgeteilt in einer Interpretation der /.u Bonn 1824 gehaltenen

Vorlesung des Johannes Müller " Von dem Bedürfnis der Physiologie nach einer

philosophischen Naturbetrachtung" mit einem Ausblick von Thure von Uexküll.

Dieser Ausblick umtasst ein Drittel der 120 Seiten Schrift und ist überschrieben

mit: Das Bedürfnis der Naturwissenschaft nach einer philosophischen

Betrachtungsweise als Problem der Gegenwart.

104


tc

rechts

Wirklichkeit des Kranken; und diese Veränderungen können für die

Pathogenese bedeutsam oder nur reaktiv bedingt sein. Sie haben in

jedem Fall wieder somalische Auswirkungen.

Die von Uexküll'sche Psychosomatik macht Ernst mit dem

Ausspruch von L. von Krehl :" Krankheiten als solche gibt es

nicht, wir kennen nur kranke Menschen.

Die 5. Auflage des deutschsprachigen Handbuches der

Psychosomatischen Medizin, von Uexküll und vielen

Fachleuten verfasst, war endlich nun auch als Studienausgabe

und in einer englischen Übersetzung in den USA erschienen^.

Der Rezensent der FAZ macht ein großes Kompliment:

"Aufregende Lektüre, spannend und wirklichkeitsgetreu wie

ein großes Epos In keinem Buch der letzten Jahre erfährt

man mehr über das wirkliche Leben in dieser Gesellschaft als in

den weit über hundert Krankengeschichten, die hier

versammelt sind.... Und keine dichterische Utopie kann

deutlicher vormalen, was zu verändern wäre im alltäglichen

Umgang der Menschen miteinander als die subtilen Analysen

der theoretischen und reflektierten Passagen aus dieser Summe

unseres Zeitalters."

Dieses theoretische Konzept verlangte nach einer

Demonstration. Die Gründung einer jungen neuen Medizin-

Hochschule, vom Wissenschaftsrat der BRD verlangt, in Ulm

im Jahre 1967 bot diese Möglichkeit. Drei Schwerpunkte erkor

die Denkschrift zur Gründung: Hämatologie, Endokrinologie

und Psychosomatik. Denn einer der Gründungsprofessoren

F.ine sechste Auflage ist derzeit in Vorbereitung

105


links _^____ Mit

war Thure von Uexküll, renommierter Giessener Fachvertreter

der Inneren Medizin.

Das Ulmer Modell der Psychosomatik verabschiedete sich von

dem traditionell psychoanalytisch orientierten Ansatz, der mit

Franz Alexanders Untersuchungen zu den sieben heiligen

Psychosomatosen die fünfziger Jahre geprägt hatte. Die Ulmer

Psychosomatik war eine Querschnittpsychosomatik, die

Psychosomatik ein Grundlagenfach der Medizin: bei jedem

Kranken ist es möglich, die Wechselwirkungen zwischen

Leiblichem, Seelischem und Sozialem in Diagnostik und

Therapie systematisch zu berücksichtigen. Krankheit wird als

Störung komplizierter Regulationsvorgänge zwischen

körperlichen, seelischen und sozialen Prozessen aufgefasst.

Nicht mehr ein nach rein naturwissenschaftlichen Methoden

fassbares und auf seine organischen Aspekte reduziertes

Krankheitsbild wird untersucht, sondern die Aufmerksamkeit

richtet sich stärker auf das Individuum und seine subjektive

Situation. Neben Momenten der Persönlichkeitsstruktur mit

ihren Abwehr- und Anpassungsmöglichkeiten, rückt dabei

besonders die Beziehung des Patienten zu für ihn besonders

bedeutsamen anderen Personen in den Mittelpunkt der

Betrachtung.

Damit werden vier Aufgaben wichtig:

Jeder Kranke sollte hinsichtlich

(1) der Pathogenese der Erkrankung

(2) der psychischen und sozialen Verarbeitung der Krankheit,

(3) seines Krankheitsverhaltens und

(4) psychischer Begleit- und Folgeerscheinungen betrachtet

werden.

106


te

rechts

Diese neue Psychosomatik-Verständnis in Ulm wurde in der

Gründungsphase in zwei Zugangsweisen erprobt

a) einerseits wurde eine horizontale Konsiliarversorgung für

alle Betten der Inneren Medizin vorgehalten und

b) wurde eine Modellstadon etabliert.

c) es wurden Schwestern-Arbeitsgruppen "Patientenzentrierte

Medizin" eingeführt^.

Auf der internistischen Allgemeinstation mit 15 Betten, die als

Modellstation etabliert werden konnte, litten 80% an

organischen Erkrankungen und 20% an sog. psychosomatischfunktionelle

Erkrankungen

Die Statistik von ca. 1000 Patientenaufenthalten zeigte rund

40% Erkrankungen von Herz/Kreislauf , rund 20% Krebs;

davon waren 35 % todkrank (mittlere Überlebensdauer < 2

Jahre). Das Alter der Patienten mit ca. 49 Jahren und die

Liegezeit 18-22 Tage, 50 % < 14 Tage war vergleichbar vielen

internistischen Stationen.

Das Team^ bestand aus Krankenschwestern, einer

psychosomatisch geschulten und persönlich begabten

Krankenschwester, einer Sozialarbeiter in, aus drei jungen in

internistischer und psychoanalyrischer Weiterbildung

befindlichen Ärzten einem internistisch-psychosomatischen

Oberarzt und dem Chef.

4 Kohle K, Kachele II, Fran/ II, Urhan H, Geist W (1972) Integration der

psycho so malischen Medizin in der Klinik. Die Funktion einer Schwesternarbeitsgruppe

"Paücnten/entrierte Medi/in". Med Klinik 67: 1644-1648

Namen der Mitarbeiter sind natürlich den Insidern bekannt.

107


links

Mit

Das Modellteam auf der Modellstation konnte demonstrieren,

dass sich die Welt der Kranken Station verändern lässt Ich

berühre ein zentrales Ergebnis des im Rahmen des SFB 129

durchgeführten Projektes (B5 geleitet von Prof. Kohle), welches

in der Fachliteratur vielfältig dokumentiert ist**.

Dieses sagt, dass psychosomatische Therapie heißt, Antworten

zu geben, die dem Patienten zeigen, dass die Zeichen, die er auf

einer körperlichen, psychischen oder sozialen Ebene sendet,

verstanden werden.

Das Ulmer Experiment ist Geschichte. Es belegt, dass eine

kranken-zentrierte Medizin möglich ist, wenn bestimmte

Voraussetzungen gegeben sind. Blättern wir weiter. Seit 1985

kooperiert die Abteilung Psychotherapie mit der

Knochenmark-Transplantationseinheit der Abteilung

Hämatologie. Wieder befinden wir uns in einem Mikrokosmos,

in dem spezielle Randbedingungen gegeben sind. Die

alltägliche psychosoziale Betreuung der Patienten wird durch

die langjährig auf dieser Station arbeitenden Pflegekräfte

getragen, die durch die wissenschaftlich hoch motivierten

ärztlichen Mitarbeiter gestützt werden. Die Rolle der

psychotherapeutisch geschulten Mitwirkenden der Abteilung

Psychotherapie ist auf Kriseninterventionen und auf die

Beratung des Stationsteams limitiert; eine musik- und

^Köhle K, Simons C, Bock D, Grauhan A (1980) Angewandte

Psychosomatik. Die internistisch-psychosomatische Krankenstatton. Ein

Werkstattbericht. 2. Aufl. Rocom, Basel

Kohle K, Raspe HH (Hrsg) (1982) Das Gespräch während der Visite.

Urban & Schwarzenberg, München, Wien, Baltimore

108


te ___ rechts

bewegungstherapeutisch geschulte Mitarbeiterin trägt

allerdings dazu bei, dass die Patienten in dieser

extremmedizinischen Situation ein Mehr an

Ressourcenaktivierung erfahren. Eine umfangreiche

wissenschaftliche Begleitforschung evaluiert die Bedeutung

psychosozialer Faktoren für das Langzeitüberleben der

transplantierten Patienten. Die Auswirkungen dieser

Begleitung für die Moral der Truppe werden hoch eingeschätzt.

Und die Ergebnisse des Forschungsprojektes bestätigen die

Bedeutung der initialen psychosozialen Ressourcen der

Patienten.

Das interdisziplinäre Team im Krankenhaus der

Maximalversorgung hat dann eine Chance, wenn der

medizinische Erfolg wesentlich von der ganzheitlichen

Betrachtungsweise mit-bestimmt wird. Dies zeigt auch unser

aktueller Ulmer Ansatz, erneut eine internistische Station mit

einem erheblichen personellen Aufwand psychosomatisch zu

versorgen. Dabei bestimmt unser Denken die unvermeidliche

Wahrnehmung, dass die internistischen Pflegekräfte und das

ärztliche Personal einem erheblichen Versorgungs- und

Leistungsdruck ausgesetzt sind, die in einem Krankenhaus der

Maximalversorgung besteht. Ein spezielles Problem der

ärztlichen Mitarbeiter auf einer Allgemein- Station liegt in dem

halbjährlich verordneten Wechsel, den die Pflegekräfte und die

7 Grulke N, Bauer H, Tschuschke V, Bunjes D, Arnold R, Hertenstein B,

Küchele H (1998b) Coping strategies, changes in coping intensity during

hone marrow transplantation, and relationships with long term survival -

results of a prospective study. Psycho-Oncology 7: ahxtract #79

109


links

Mit

kontinuierlich tätigen psychosomatischen Mitarbeiter

auszugleichen haben. Das erste Ulmer Modell - das Wunder -

und die oben erwähnte KMT-Station weisen dieses

Charakter! s tiku m deutlich weniger auf. Damit sind die

Grundformen der kooperativen Arbeit - die wöchentliche

Teamkonferenz, die Stationskonferenz, die wöchentliche

Oberarzt-Stationsvisite - mit einem Problem belastet, welches

die Erfordernisse der ärztlichen Weiterbildung und die

Bedürfnisse eines holding environments in ein

Spannungsverhältnis bringen. Mit der Überschrift "Ärzte haben

den Umgang mit Patienten verlernt" kennzeichnet die ZEIT-

Serie vom 14. September die Misere der ärztlichen Ausbildung.

"Den empathischen Umgang mit ihren Patienten haben die

meisten Mediziner in ihrer aseptischennaturwissenschaftlichen

Ausbildung nie gelernt" (Grefe 2000).

In der Tat, grundsätzliche Auseinandersetzungen zur

"Ausbildung zum Arzt" haben derzeit keine Hochkonjunktur.

Im Gegensatz zur der Hochblüte in den siebziger Jahren, ist das

Forschungsinteresse an der Bedeutung der Arzt-Patient

Kommunikation "praktisch in sich zusammengebrochen" . So

formuliert es der renommierte Düsseldorfer Medizinsoziologe

Siegrist (Greve 2000). In den Medizinischen Fakultäten in der

BRD wird allerorten über eine Verkopplung der finanziellen

Ausstattung der Abteilungen mit den Leistungen in Forschung

und Lehre gerungen; aber ach, die Lehre bleibt dabei doch

leicht auf der Strecke, gibt es doch noch wenig fassbare

Parameter für den Erfolg guter Lehre und noch weniger Geld

dafür.

Anfang der siebziger Jahre entstanden außerhalb des regulären

Curriculums sog. Anamnesegruppen in Ulm, Marburg,

10


te^ ___ . rechts

Heidelberg; Anfang der achtziger jähre in Bonn und Erlangen.

Mitte der achtziger Jahre bildeten sich solche Gruppen in Wien,

Graz und Innsbruck. Diese Anamnesegruppen entwickelten

sich aus dem Bedürfnis, ein spezifisches Defizit am Anfang

ihrer medizinischen Ausbildung auszugleichen. Diese Gruppen

haben eine Mutter - Thure von Uexküll's Konzeption einer

umfassenden psychosomatischen Medizin - und einen Vater,

den "Anamnesegruppenvater" Wolfram Schüffei.

Es ist ein Armutszeugnis der Medizinerausbildung, dass die

psychosozialen Kompetenzen von den Pflegekräften realisiert

werden - und dabei an manchen universitären Orten durch

psychosomatische Kooperationspartner unterstützt werden.

Aber es gilt nicht nur auf die Vernachlässigung der

Medizinerausbildung in der Fähigkeit zum therapeutischen

Sprechen zu schimpfen. Die Transformation des

Krankenhauses zum Profit Center mit Kosten-Nutzen

Maximierung, der alle Bereiche der Krankenversorgung -

ambulant und stationär - erfasst hat, wirft die Frage auf, ob sich

ein kooperatives Problemlösen auch rechnet. Die Antworten

sind nicht einfach. Gewiss nicht betriebswirtschaftlich, sondern

nur bei volkswirtschaftlicher Perspektive.

Die deutsche Konsiliarstudie von Janssen et al. 1999 an 1341

Patienten der Inneren Medizin zeigte, dass die Patienten

durchschnittlich 12 Tage im Krankenhaus verweilen; die

Patienten, für die ein psychosomarischer Konsiliarius gerufen

wurde, jedoch 28 Tage (S.90). Es handelt sich also um eine

kosten-intensive Population!

Eine aktuelle Ulmer ka tarn nestische Untersuchung an 50

Patienten, die bei der internistisch-psychosomatischen Studie


links

Mit

interdisziplinär behandelt wurden, erhielten durchschnittlich

3,8 Zeitstunden zusätzliche psychosomatische Behandlung und

erforderten ca. eine Zeitsrunde pro Patient für die

Teambesprechung.

"Die Effizienz und Versorgungsrelevanz des integriert

internistisch-psychosomatischen Ansatzes wird durch die

Reduktion der nachfolgenden Arbeitsunfähigkeitszeiten um

zwei Drittel bei dieser Stichprobe unterstrichen (Kammerer

2000) Im halben Jahr vor der Behandlung bestand ein

durchschnittlicher Krankenstand von 33 Tagen (Mediän 9) ;

zum Katamnesezeitpunkt ein halbes Jahr nach dem Aufenthalt

auf der Ulmer Uni-Station lag der Krankenstand bei 13 Tagen

(Mediän 3). Damit konnten in der relativ kleinen Stichprobe mit

einem Durchschnittsalter von 43,9 Jahren die Ergebnisse von

größeren Stichproben erneut repliziert werden. Schon diese

relativ geringe psychosomatische Zusatzbehandlung bewirkte

eine deutliche Verbesserung des Kostenfaktors

Arbeitsunfähigkeit. Allerdings wirken sich diese erfreulichen

Zahlen nicht auf die Betriebskosten des Krankenhauses auf,

weshalb die betriebswirtschaftliche Sichtweise immer wieder

den kooperativen Ansätzen entgegen steht. Nur wenn eine

Finanzierung aus einer Hand möglich wäre, könnte sich die

beachtlichen, wissenschaftlich gut belegten Kosten-Nutzen

Aspekte psychosomatisch integrativ arbeitenden

Kooperationsformen durchsetzen.

Time is money - dass jedoch mehr Zeit für Patienten durch das

Angebot interdisziplinärer Teams in der Krankenversorgung

auch zu mehr Geld führen kann, bleibt bis heute eine Utopie.

12


te

rechts

Psychotherapie und Psychosomatische Medizin verstehen sich

nicht nur als Ergänzung, sondern als eine grundsätzliche

Alternative und Herausforderung der Medizin: "Wir plädieren

dafür, den ganzen Menschen wahrzunehmen und nicht nur

seinen Körper; für eine bio-psycho-soziale Medizin statt einer

Körper-Repararur-Technik; für eine "sprechende" (und auch

und v.a. eine "zuhörende") Medizin." So schrieb Prof. Dr. Dr.

Adolf-Meyer, der langjährige Geschäftsführer des Deutschen

Kollegiums für Psychosomatische Medizin im

Forschungsgutachten für die Bundesregierung im Jahre 1991.

Kooperatives Problemlösen, das Zusammenspiel von

Fachkräften aus Somatik, Psychologie und Sozialarbeit zur

Behandlung von kranken Menschen sollte sowohl Leitbild im

UexkülFschen Sinne als auch Produktiv kraft sein. Die moderne

Medizin ist zu teuer, um sie ohne Vision für ein besseres Leben

bereitzustellen.

Horst Kachele, Ulm

Literaturangaben beim Verfasser

voller Respekt für Thure von Uexküll zum 91. Geburtstag

113


links

Mit

Befindlichkeitsstörungen oder Krankheit

- Eine konzeptucllc Reflektion -

Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation hedeutet Gesundheit

mehr als das Freisein von „Gebrechen" und schließt explizit die

mentale, soziale und körperliche Dimension des Wohlbefindens mit

ein. Mit dieser ideal-typischen Definition wurde 1. die Polarität von

Gesundheit und Krankheit aufgelöst, 2. die positiven Aspekte des

Gesundheitsbegriffs eingeführt 3. die Dimension der Befindlichkeit

als Komponente der Gesundheit dargestellt und 4. die Blickrichtung

von körperliehen zu psychischen und sozialen Komponenten von

Gesundheit gelenkt. Vor dem Hintergrund der Symptom - und

befundoricntierten Klassifikation von Krkrankungen ist diese

Definition der Befindlichkcitsstörung handlungsrelcvant, besonders,

wenn sie nicht nur in ihrer Funktion als Indikator für

Gesundheitsstörungen, sondern auch als prognostischer Faktor für

Gesundheit und Krankheit verstanden wird.

Eine konzeptuelle Klärung der Beziehungen zwischen

Befindlichkeitsstörungen, Gesundheitsstörungen und Krankheit kann

auf einer Definition des Befindlichkeitsbegriffs beruhen.

Befindlichkeit ist in der psychologischen Literatur unter dem Aspekt

des negativen Befindens als sogenannte Stimmungsbeeinträchtigung

bzw. in der klinischen Psychologie als Kernbereich der neurotischen

Störungen identifiziert worden. Besonders mit depressiven und

ängstlichen Verstimmungen hat sich die klinische Psychologie

extensiv beschäftigt, hier liegen eine Reihe von Verfahren zur

Erfassung der psychischen Befmdlichkeitsveränderungen vor, die von

Depressions- bzw. Angstskalen im Selbstbcricht bis hin zu klinischpsychiatrischen

Klassifikationssystemen reichen.

Ein weiterer Aspekt der Beschäftigung mit Befindlichkeit in der

Psychologie ist das sogenannte Wohlbefinden (well-being). Diese

Literatur ist gekennzeichnet durch den Versuch, Wohlbefinden als

14


te

rechts

Konzept zu beschreiben und zu messen, ebenfalls mit sogenannten

Befindlichkeitsskalen, aber auch mit Verfahren zur Erfassung von

Lebenszufriedenheit (generelle Zufriedenheit, Bereichszufriedenheit).

Weitere Ansätze bestehen in dem Versuch, Determinanten

psychischen Wohlbefindens für bestimmte Populationen oder vor dem

Hintergrund so/ioökonomischer oder psychosozialer Konstellationen

von Ereignissen und Lebenssituationen zu identifizieren, /u solchen

Determinanten gehören sowohl strukturelle (z.B. Wohnort) als auch

intrapsychische Mechanismen (wie z.B. Stress- Copingprozesse).

Generell ist Befindlichkeit zu definieren als Spannungszustand

zwischen subjektivem Wohlbefinden und Unbehagen, der sich auf

mehrere Dimensionen des Erlebens beziehen kann. Dazu gehören die

psychische Befindlichkeit (z.B. Ausgeglichenheit), soziale

Befindlichkeit (z.B. Gefühl des Eingebettel-Seins in einen sozialen

Zusammenhang), körperliche Befindlichkeit (z.B. Gefühl der

physischen Leistungsfähigkeit), mentale Befindlichkeit (z.B. Erleben

von Konzentrationsfähigkeit) und die kognitive Befindlichkeit

(kognitive Funktionen). Von diesen ist in der klinischen Psychologie

primär die psychische Befindlichkeit, aber auch die körperliche

Befindlichkeit untersucht worden. Dieser Bereich der physischen

Befindlichkeit ist auch in sogenannten Beschwerdelisten bzw. Skalen

zur Erfassung von psychovegetativcr Grundstimmungen und

Erlebnisweisen repräsentiert.

Die Erfassung der Befindlichkeit spielt in der Psychologie eine Rolle,

sowohl in der Identifikation von Beeinträchtigung der Befindlichkeit

im Rahmen klinisch-psychologischer Tätigkeit, als auch im Rahmen

von Untersuchungen zur allgemeinen Psychologie bzw. zur

differentiellen Psychologie. Die allgemeine Psychologie beschäftigt

sich mit Gesetzmäßigkeiten im menschlichen Erleben und Verhalten

und die differentielle Psychologie, die individuelle Unterschiede

untersucht. Während in der Psychologie die Messung der

Befindlichkeit schon länger etabliert ist, ist dies in der Medizin nur im

Bereich der Psychiatrie der Fall. Die Frage nach der Befindlichkeit der

15


links

Mit

Patienten ist allerdings in der Arzt-Patient - Beziehung Gegenstand

der Anamnese und leitet dann zur Symptomatik weiter.

In der Medizin ist der Begriff der Befindlichkeit also primär über die

von den Patienten geäußerten Beschwerden miteinbc/ogen worden.

Hier trifft sich also der Bereich der psychischen und körperlichen

Befindlichkeitserhebung mit dem Bereich der klinischen Psychologie,

wobei bei letzterer die Erhebung der Befindlichkeit durch methodisch

geprüfte Beurteilungsverfahren differenzierter, standardisierter und in

psychometrisch geprüfter Weise erfolgt. Befindlichkeitsstörungen in

medizinischer Terminologie sind von Patienten berichtete

Beeinträchtigungen der Befindlichkeit und der Funktionsfähigkeit, die

auf ihren Symptomcharakter hin zu objektivieren sind und denen im

gängigen Verständnis in der Medizin kein Krankheitswert

zugeschrieben wird. Mit Ausnahme der psychosomatischen Medizin,

in der Befindlichkeitsstörungen, u.a. als sogenannte psychovegetative

Syndrome bezeichnet, nosologisch relevant sind, ist dies also für weite

Felder der Medizin jenseits der Befunderhebung und Anamnese, nicht

der Fall. Dies ist sowohl konzeptuell als auch handlungspraktisch

eine Unterlassung.

Befindlichkeitsstörungen können auf der Ebene des subjektiven

Erlebens und der wahrgenommenen Funktionsfähigkeit Indikator

klinischer Symptome sein, die zur Diagnostik unmittelbar

hinzuzuziehen sind. Dazu gehören z.B. Befindlichkeitsveränderungen

wie Müdigkeit oder Appetitverlust im Zusammenhang mit noch nicht

diagnostizierten Erkrankungen (Krebs, Depression). Zum zweiten

können Befindlichkeitsstörungcn selbst Krankheitswert besitzen,

indem sie die Funktionsfähigkeit der Patienten beeinträchtigen. Hierzu

gehören z.B. Reizerscheinungen an den Schleimhäuten ausgelöst

möglicherweise durch belastende Faktoren im Innenraumklima oder

depressive Verstimmungen im Rahmen von kritischen

Lebensereignissen, die dazu fuhren können, dass die Betroffenen ihrer

Arbeit und ihren alltäglichen Aktivitäten nicht in gewohnter Art und

Weise nachgehen können. Eine Differenzierung zwischen

Befindlichkeitsstörungen und Krankheit ist also nicht leicht möglich.

16


te

rechts

Es ist eben gerade nicht so, dass erstere mit letzterer nichts zu tun

haben, die Verbindungen sind - wie bereits oben dargestellt -

vielfaltig und komplex.

Eine grundlegende Frage berührt dabei den Begriff der

Gesundheitsstörung und deren Rolle für die Identifikation und

Diagnostik von Erkrankungen. Gesundheitsstörungen nach WHO-

Defmition sind alle Störungen des Erlebens und Verhaltens (damit

auch Befmdlichkeitsstörungen) die nach dem

Krankheitstblgenkonzept der WHO /u einer Beeinträchtigung, einer

Behinderung oder einer verminderten Leistungsfähigkeit in

bestimmten Lebensbereichcn führt. So verstanden sind

Befindlichkeitsstörungen eine essentielle Komponente des WHO

Gesundheitsbegriffs. Die Diskussion um die richtige Abgrenzung von

Gesundheitsstörungen, Befindlichkeitsstörungen und Krankheit wird

nicht davon profitieren, dass man Befindlichkeitsstörungen pauschal

als leicht gradige Veränderungen ohne Krankheitswert klassifiziert,

sondern dass die Relation zwischen Befindlichkeitsstörungen,

Gesundheitsstörungen und Krankheitssymptom genauer erforscht und

identifiziert wird. Für einige Krankheitsbilder können

Befindlichkeitsstörungen integrales Symptom, d.h. Bestandteil,

prognostischer Faktor, d.h. Hinweisreiz, oder ein Epiphänomen sein.

Ein letzter Punkt betrifft die Selbstwahrnehmung von

Gesundheitsstörungen. Im Gegensalz zum gängigen Krankheitsmodell

der Medizin, indem die Gesundheitsbeeinträchtigung über sogenannte

„objektive Parameter" wie Laborwerte erhoben werden, sind

Befindlichkeitsstörungen im Rahmen der Präsentation der subjektiven

Gesundheit zu sehen. Subjektive Gesundheit ist die selbsterlebte

Befindlichkeit und Funktionsfähigkcit im Bereich psychischer,

mentaler, sozialer, körperlicher und funktionaler Aspekte. Die

subjektive Repräsentation der Gesundheit hat einen hohen Stellenwert

als Gesundheitsindikator. Die Erfassung von Befindlichkeitsstörungen

117


links

Mit

kann also einerseits über spezifische Bcfmdlichkeitsinstrumente

geschehen, die mehrere Dimensionen und nicht nur die körperliche

beinhalten, sie kann aber auch im Rahmen der sogenannten

Gesundheitsindikatorenforschung (Health Assessment) über die

gesundheitsbe/ogene Lebensqualität erfolgen, in der die

Befindlichkeit eine wichtige Dimension ist. Die Diskussion um die

Differenzierung zwischen Gesundheitsstörungen,

Befindlichkeitsstörungen und Krankheit kann davon profitieren, dass

die Relation /wischen Befund und Befinden sehr differen/iert pro

Krankheitsbild untersucht, beschrieben und ernst genommen wird.

Befindlichkeitsstörungen, nicht nur eine zu vernachlässigende Größe,

sondern Bestandteil der Gesundheitsdefinition. Sie sind nicht nur ein

Vorläufer von Erkrankung, sondern stellen auch einen Krankheitswert

dar.

Bullinger, M., Hamburg

118


In der Mitte...


links

Mit

im „Irrgarten"

Nur eine schwache Intuition sagt mir ganz leise: halt es bitte noch

einen Moment aus.

Von links fangen gerade die Dornen an unangenehm zu stacheln. Ich

habe das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Irgendwann

früher einmal - ich kenne die Situation jedenfalls.

Eine Kreuzung.

Schön, hatten wir ja lange nicht. Wir sind doch zu zehnt hier

reingegangen!

Ich wage schnell einen Blick über die Hecke.

Rechts - links - wo sind die anderen

Ahh!

Da ist noch was im Busch. Dort auch - genau gegenüber.

Vorhin in dieser gemütlichen, sonnenbeschienenen Ecke auf der Bank

- wäre ich bloß sitzen geblieben. Augen zu, Vögel zwitschern, was

will ich mehr

Eigentlich hatte ich mir vorgestellt am Ende dieser Gruppenstunde

alle im Zentrum der verschlungenen Wege zu treffen. Dort, um einen

Brunnen im Kreis wollen wir stehen -

und mhh.

Jaa! Das wäre schön.

Endlich mal was Befriedigendes.

Langsam werde ich sauer.

Ich habe gar keine Lust mehr diese sagenumwobene Skulptur zu

sehen. Haha - der Brunnen der Weisheit. Ich glaube den gibt es gar

nicht.

Zehn Eingänge und alle sollen irgendwie in die Mitte fuhren Am

einfachsten wäre doch gerade aus. Also wenn ICH ein Labyrinth

konstruieren sollte..!

Wenigstens würde ich ein paar Wegweiser anbringen oder gleich alles

sternförmig...

# {rumänisches Schimpfwort)!

120


te

rechts

Glücklicherweise sind die Hecken nicht so hoch hier, ich kann die

anderen ah und zu mal sehen auf ihren Pfaden.

Ciut gepflegt der Garten.

Diesmal.

Viele Grüße aus Dresden:

Dieses Bild vom Heckengarten fiel mir ein /um Thema Mitte.

Ich als Tutor einer der drei (Jruppen hier sehe mich manchmal als

diese Art Gärtner.

Die Geschichte soll ein Versuch sein, mich in die Situation der

Gruppenteilnehmcr hineinzuversetzen. Für mich ist ein wichtiger

Aspekt meiner Arbeit, Sichtweisen jedes Hin/einen /u erfragen und

herauszustellen. Den Rahmen der Gruppe und das Nebeneinander der

teils gegensät/.lichen Meinungen zu ermöglichen ist für mich neben

dem strukturierten Interview das Wichtigste an dieser Arbeit, so dass

vielleicht am Hndc als mögliches Ergebnis eine tolerante, offene,

selbstreflektierte Diskussion mit anderen Menschen, auch später im

L3eruf, möglich wird.

Das /iel in der Mitte

Ich bin mir sicher, das Ziel ist um das Zentrum herum gestaltet. Da

entstehen viele Ziele, in jedem selbst, in der Gruppenstunde, in der

Gruppenentwicklung. Ich ertappe mich des öfteren mit Erwartungen

und Wünschen, mit einem Ziel an die Gruppe, merke aber regelmäßig

wie viel fruchtbarer es sein kann, mich als Tutor auf eben diesen

Rahmen zu konzentrieren.

Da spielen Aggressionen auch eine große Rolle. Wir haben gerade das

Thema Tod als ein besonders sensibles und persönliches Gebiet

erfahren. Der Umgang mit „todgeweihten" Patienten führte uns an die

Grenzen der Gruppendynamik, so dass wir teilweise im Stehen

miteinander stritten.

121


links . Mit

Die drei Dresdner Gruppen endeten im Wintersemester. Die

Nachfrage an solcher Art zu Lernen steigt langsam an unserer Uni. Im

Sommersemester wollen wir erst mal mit einer einzelnen

einsemestrigen Gruppe weitermachen, um dann im Wintersemester im

neuen Studienjahr, wieder richtig ein/usteigen.

Tobias Maulhardt

nähe & distanz

oder

die Hebe des über-S.

{ich habe im text der Übersichtlichkeit halber durchgangig die weihliehe tnnn

verwendet, und die männliche mit eingeschlossen, sollten mal ausschließlich

männer gemeint sein, so habe ich dies expli/it erwähnt.)

total verliebt sein und es nicht mitteilen, nicht zeigen zu dürfen

gehört zu den schlimmen dingen.

in etwa wie endlich alle 46 pinguine in meinen fiat panda geschafft /u

haben und dann in dem gedrängel bei der abfahrt nicht mehr an die

'easy rider'-cassette im handschuhfach ranzukommen.

das ist sehr schlimm.

dabei sind neunzig prozent der dynamischen a-gruppenarbeit darauf

aus, hemmungen abzubauen, sich füreinander zu interessieren, gefühle

auszutauschen, ein gummiseil-sprung...und dann:*DASH*...

122


te

rechts

plötzlich ist alles anders.

betretenes kichern bis hinein in die supervisionen.

ein Schleudertrauma für l bis 2 personen.

sollte es hier nicht Warnschilder geben: 'privatweg, verlieben auf

eigene gefahr!', oder einverständniserklärungen:

'teilnehmerinnen haften für eventuelle kinder'!

wenn emotionale nähe geeignet ist, neurosen interaktiv offensichtlich

zu machen, dann nicht auch die der romantischen liebe

da treibt das ICH bei mondschein auf seerosenblüten über einen klar,

spiegelnden see. hilflos frierend, ausgesetzt von den kindlichen

bedürfhissen nach schütz, Sicherheit und anerkennung, deren erfullung

projiziert wird auf ein ahnungsloses objekt in vater- oder

mutterfunktion.

sollte der missbrauch sich ergänzen, entsteht daraus: eine glückliche

beziehung.

müssen also gruppenteilnehmerinnen in schütz genommen werden vor

der psychoskopie ihrer tutorinnen

welche gruppe würde verständnisvoll ihr semester anamnese

abbrechen

- wegen einer affaire des tutorinnenpärchens

lässt sich innerhalb derart abhängig geführter beziehungen ein ziel,

wie das vertrauen in die fähigkeiten im umgang mit eigenen gefuhlen

und denen anderer überhaupt erreichen

wo kann ein wertschätzender umgang entstehen, wenn das angebliche

objekt der emotionen nur mittel zum füllen emotionaler defizite ist

selbst unter ausschluss sexueller avancen! auch wenn diese stets

wirkungsvollen Zugriff auf narzissmen erlauben: darf die Intention

eine anamnesegruppe zu leiten auch ein klein bisschen die erflillung

der Sehnsucht nach familiärer bindung oder Selbstbestätigung sein

123


links

Mit

wie kann sich ein gleichberechtigt verantwortliches Verhältnis

zwischen patientinnen und helferinnen entwickeln, wenn erstere nur

hilflos erlebt werden können, um letztere in ihrem hilfreichen

Selbstzweck zu bestätigen

wie lange noch muss sich ein schwaches geschlecht konstruieren, um

die emotionalen schwächen stärkerer geschlechter zu verbergen

heißt emotionale intelligenz, sich erst am ende des Semesters

zu verlieben

oder ist liebe frei flottierende energie

und...

wo ist platz für die liebe in der anamnese(gruppe)!

h.je (nach 9 Semestern uni-hh)

124


te

rechts

„Entkleidet ihn, dann wird er heilen,

und heilt er nicht, so tötet ihn!

'Sist nur ein Arzt, 'sist nur ein Arzt,"

(Franz Kafka, Ein Landarzt}

... und heilt er nicht, so tötet ihn!

Ein Beitrag zur Mitte zwischen und von Anamnese

und Theologie

Es geht also um die Mitte. Die Mitte wird durch mindestens

zwei außer ihr befindliche, nicht-idente Pole, die

zueinander in Bezug gebracht werden können zur Mitte.8

Die Mitte muss also in Beziehung (zu anderen Punkten wie

etwa Anfang und Ende) gedacht werden. Sie kann nicht

für sich alleine stehen. Je nachdem welche Punkte im

komplexen System eines Anamnesegespräches wir also

fokussieren, verlagern wir auch unser Verständnis von

dem, was die Mitte der Anamnese sein kann. Ich gehe in

diesem Beitrag über die medizinische Anamnese hinaus

und versuche die „Pole" Anamnese und Theologie in

Relation zu setzen (d.h. Anamnese und Theologie zu

relativieren] und - so sich überhaupt eine Beziehung

herstellen lässt - nach dem zu suchen, was im Zentrum

zwischen bzw. von Theologie und Anamnese aufzufinden

ist.

8 Sonderfälle, wie etwa den Omega-Punkt, lasse ich hier

unberücksichtigt.

125


links

Mit

Anamnese und Theologie

Auf der Suche nach Bezugspunkten zwischen Anamnese

und Theologie!0 werden wir schnell fündig. Schon im 4.

Jahrhundert vor Christus begegnet uns im

abendländischen Kulturkreis eine im Grunde bis heute

andauernde

philosophisch-theologische

Auseinandersetzung deren zentraler Begriff die Anamnese

ist, die Wiedererinnerung. Der Disput nimmt seinen

Ausgangspunkt bei der Metaphysik Platons und erreicht

einen anschaulichen Höhepunkt im Streit von

Gnostizismus 11 und christlich-abendländischer Theologie.

Nähern wir uns also dem Gebiet der Philosophie bzw. der

Metaphysik! 2 - eine aus meiner Sicht unerlässliche, wenn

auch nicht ganz einfache Autgabe. 13

9 griech.: anamnesis: Erinnerung, Wiedererinnerung

10 griech.: theos: Gott, logos: Wort, Lehre; Theologie: Lehre von

Gott

11 griech.: gnosis: Erkenntnis; Gnostizisrrtus bezeichnet diese

Strömung in der Spätantike, Gnosis ist die Erkenntnis, also ein

engerer Begriff. Wenn ich in den weiteren Ausführungen zum

Gnostizismus von Gnosis schreibe, ist Gnostizismus mitgemeint.

12 griech.: meta: nach, über; physis: Natur; Metaphysik: Lehre von

dem, was über die Natur, d.h. über die sinnliche Wahrnehmung

und der damit verbundenen Erkenntnisart hinausgeht; sie ist die

Lehre von den ersten und allgemeinsten Prinzipien der gesamten

Wirklichkeit.

13 Im Wissen, dass es für Medizinerinnen ungewohnt und daher

auch etwas mühsam sein mag, sich mit Philosophie und

Metaphysik zu befassen, versuche ich den folgenden Teil so kurz

126


te

rechts

Platon - der erste Anamnesler

Durch seine Ideenlehre wird Platon (427 v. Chr.) zum

Begründer eines ontologischen Idealismus mit der

Unterscheidung zweier Seinsbereiche (Dualismus), dem

Bereich der sinnlich erfassbaren, vergänglichen Dinge

(mundus sensibilis) und dem übersinnlichen Bereich, der

Sphäre des beständigen Wesens, der Ideen, des Seins

(mundus intelligibilis). Die unvollkommenen Sinnesdinge

sind bloße Erscheinungen, Abbilder des Eigentlichen, sie

haben aber Teil am mundus intelligibilis. Durch diese

Teilhabe ist eine Erkenntnis der übersinnlichen Ideen erst

möglich. Erkenntnis (Gnosis) wird durch den Eros in Gang

gebracht und meint bei Platon den Schritt vom Sinnlichen

zum Übersinnlichen. Sie ist die Kraft der Loslösung vom

Zeitlich-Dinglichen (Katharsis). Erkenntnis ist so aber letztlich

erkennende Wiedererinnerung (Anamnese) des

Eigentlichen. Anamnese bezeichnet bei Platon also den

Erkenntnisakt, in dem sich die Seele an die Idee erinnert;

die menschliche Seele hat im Zustand der Präexistenz (im

Zustand vor dem Eingang der Seele in einen Leib bzw.

Körper) in der übersinnlichen Welt die Ideen geschaut und

erinnert sich jetzt (während des Aufenthalts der Seele im

Körper) in der Begegnung mit einem sinnlich gegebenen

Einzelding an die einst geschauten Ideen. Alles Lernen und

Erkennen ist nach Platon Anamnese, Wiedererinnerung.

und einfach wie möglich zu halten. Eine gewisse inhaltliche

Unscharfe der Darstellung nehme ich zugunsten einer dadurch

besser gewährleisteten Verständlichkeit der für uns relevanten

Themen in Kauf.

127


links

Mit

Cnoti se auton - Erkenne dich selbst! 4

Gnosis bezeichnet eine große Bewegung, eine spätantike

Lebenshaltung, eine besondere Art einer Weltsicht. Die

grundsätzliche Erfahrung des Gnostikers ist die Erfahrung

des Seins in der Fremde, des in-die-Welt-geworfen-undsich-selbst-entfremdet-Seins,

der Gefangenschaft im

Körper. Der Gnosis geht es darum einen Weg zu zeigen

wie der Mensch den Dualismus überwinden und zum

Göttlichen zurückkehren kann. Das geschieht durch

Erkenntnis, die nur durch Anamnese (Wiedererinnerung)

gewonnen werden kann. Die Gnosis spekuliert also um ein

Wieder-Gott-Werden des Menschen durch Erkenntnis im

Wege der Anamnese. Es geht darum zu werden, was ich

war. „Wer so die Gnosis hat, weiß, von woher er

gekommen ist und wohin er geht. Er weiß es, wie jemand,

der, nachdem er betrunken gewesen war, zurückkehrt zu

sich selbst, das Seine wiederhergestellt hat." l5 „Das Seine"

ist das Göttliche in uns, der eigentliche Funke, der

göttliche Ursprung.16 Die entscheidende Episode des

Dramas im gnostischen Bereich ist mit dem Menschen

gegeben, denn der Mensch ist immer Mittelpunkt dieses

tragischen Konflikts und Gnosis zielt nun aut die Erlösung

14 Grundlage für die Ausführungen zur Gnosis ist das Skriptum zur

Vorlesung von Prof. Karl M. Woschitz, „Versuchung durch

Erkenntnis: Gnostische Selbstspekulation und ihre

Wirkungsgeschichte", Graz, 1999

15 Evangelium Veritatis, Logion 22

16 Das alte Erkenntnisprinzip ist hier wirksam: Gleiches kann nur

durch Gleiches erkannt werden. Ähnliches kann nur durch

Ähnliches erkannt werden.

128


te

rechts

des Menschen, also auf Auflösung des kosmischen

Zwangssystems. Erlösung ist Selbsterlösung,

Individualeschatologiel7. MAm Anfang der Vollendung ist

Erkenntnis des Menschen, Gottes Erkenntnis aber ist

vollkommene Gnosis." (Hippolyt) Die höchste Zuspitzung

erfährt die Gnosis in der Naassenerpredigt - das höchste

Wesen heißt selber Mensch. Der Begriff Mensch macht

also den vollen Begriff der Gottheit aus - hierin besteht das

große, verborgene Geheimnis. Das absolute Wesen des

Menschen ist hier in einem bisher ungekannten Maß zum

Zentrum (zur Mitte} der Religion geworden und zum

Zentrum der Seinslehre.18

„Wirst du mich retten"

Die vorangehende philosophisch-theologische

Annäherung legt nahe, dass die zentrale Stellung im zu

behandelnden Themenfeld vom Konnex von Anamnese

und Selbsterkenntnis als Weg zum Heil des Menschen

eingenommen wird. Einen weiteren Hinweis dafür gibt uns

17 griech.: eschaton: das letzte, logos: Lehre; Eschatologie: Lehre

von den letzten Dingen

18 Kurz: es dreht sich alles um die rechte Selbsterkenntnis des

Menschen, die den Weg zur Wiedergeburt, zurück ins Göttliche, ins

eigentlich Menschliche bildet. Das Ich des Menschen

(Mikrokosmos) entspricht in seinem Aufbau der Welt

(Makrokosmos), insofern beim Menschen einerseits Materie und

Seele gegenüberstehen, im Makrokosmos aber die Zone der

Geister und Engelmächte; über beiden aber steht unerkannt und

nur Erleuchteten erkennbar die oberste Gottheit, der Ursprung und

das Urbild alles Gewordenen, das aus ihm hervorgegangen ist.

129


links

Mit

Franz Kafka in seiner Erzählung „Ein Landarzt". Ein Landarzt

wird in einer Winternacht zu einem Schwerkranken

geruten, hat aber kein Pferd, um dort hin zu gelangen. Im

Schweinestall begegnet ihm dann ein Mann, der ihm wie

von Zauberei zwei flankenstarke Pferde zuführt und als

Preis dafür Rosa, das Dienstmädchen des Arztes begehrt.

Der Arzt willigt nicht ein, will Rosa retten, wird aber von der

Kutsche fortgerissen, die ihn zum Hoftor des Kranken

bringt. Der kranke Junge flüstert ihm zu: „Doktor, lass mich

sferben." Der Arzt aber kann bei der ersten Untersuchung

kein Übel entdecken, hält den Jungen für gesund und

weiß nicht, was er den erwartungsvollen Eltern sagen

soll.19 So untersucht er den Jungen nochmals. Nun findet

der Arzt eine handtellergroße Wunde an der rechten

Hüfte des Jungen.20 „Armer Junge, dir ist nicht zu helfen.

Ich habe deine große Wunde aufgefunden; an dieser

Blume in deiner Seite gehst du zugrunde. Die Familie ist

glücklich, sie sieht mich in Tätigkeit; (...)" .Wirst du mich

retten' flüstert schluchzend der Junge, ganz geblendet

durch das Leben in seiner Wunde, So sind die Leute in

meiner Gegend. Immer das Unmögliche vom Arzt

verlangen. Den alten Glauben haben sie verloren; der

Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die Messgewänder,

eines nach dem ändern; aber der Arzt soll alles leisten mit

seiner zarten chirurgischen Hand. Nun, wie es beliebt: ich

habe mich nicht angeboten; verbraucht ihr mich zu

19 „Rezepte schreiben ist leicht, aber im übrigen sich mit den

Leuten verständigen, ist schwer."

20 Hier entspinnt sich ein Dialog, der mir für unser Thema

bedeutsam erscheint und deshalb hier im Wortlaut ausgeführt

werden soll.

130


tc

rechts

heiligen Zwecken, lasse Ich auch dos mit mir geschehen;

(...}" Der Arzt sieht sich der Situation gegenüber, ein

Wunder vollbringen zu müssen, d.h. eine Heilung, die er

nicht vollführen kann. In diesem Augenblick tritt der

Schulchor auf und singt: „Entkleidet ihn, dann wird er

heilen, und heilt er nicht, so tötet ihn! 'S'tst nur ein Arzt, 'sist

nur ein Arzt." Sie entkleiden ihn und legen ihn zum jungen

Patienten ins Bett. Der Junge beklagt sich, dass der Arzt -

anstatt zu helfen - ihm den Platz im Sterbebett einengt

und resigniert letztlich im Verweis auf seine Wunde. „Immer

muss Ich mich begnügen. Mit einer schönen Wunde kam

ich auf die Welt: das war meine ganze Ausstattung."

Nach dem Tod des Jungen muss der Arzt an seine eigene

Rettung denken und springt in Eile nackt aufs Pferd. So

schnell ihn die Pferde bei der Hinfahrt trugen, so

elendiglich langsam ziehen sie ihn jetzt durch die

Schneewüste. Der Pelzmantel hängt hinten am Wagen, er

kann ihn nicht erreichen. Der Arzt wird niemals so nach

Hause kommen. Hinter ihm klingt noch lange der Gesang

der Kinder: „Freut Euch, Ihr Patienten, der Arzt ist Euch ins

Bett gelegt!"

„Mit einer schönen Wunde kam ich auf die Welt; das war meine ganze

Ausstattung."

Im Intensivbild einer Wunde ist die ganze Geschichte

verdichtet: Einem Arzt ist die Rettung Rosas, des jungen

Patienten und seine eigene Rettung aufgetragen - drei

Variationen einer Soteriologie^l. An allem ist er

gescheitert. Seine große Existenzwunde ist die große

Frage. Der Gnostiker würde sagen: meine Verworfenheit,

2l griech.: soteria: Erlösung; Soteriologie: Lehre von der Erlösung

131


links

Mit

meine Enge, meine Entfremdung. Quaestio mihi factus

sum.22 (Augustinus)

Auf der Suche nach der Mitte zwischen Anamnese und

Theologie wird die Anamnese selbst zur Mitte zwischen

Theologie und Medizin. In der Mitte zwischen Anamnese

und Theologie befindet sich der Mensch, der

heilsuchende Mensch. In der Mitte zwischen und

vermutlich von Theologie und Medizin befindet sich das

Heil, das Heil des heilsuchenden Menschen. Der Anspruch

an das Heil, das Verständnis vom Menschen und seiner

Stellung in der Schöpfung bzw. im Kosmos sind die

wesentlichsten Kriterien, welche die beiden Disziplinen

unterscheiden. Dementsprechend unterscheiden sich die

Fragen, Antworten und Sprachebenen der Disziplinen.

Medizin und Theologie sind also zu unterscheiden, aber

nicht zu trennen, da sie etwas gemeinsam haben - den

Menschen, der Hilfe, der Heil, Erlösung, Gesundung sucht.

Und sie haben - wie Kafka es ausdrückt - gemeinsam,

dass beide Professionen den Auftrag zur Rettung haben

und es letztlich nicht vermögen. Wir müssen uns selbst und

andere retten. Und wir scheitern, weil wir selbst

Verwundete sind, die große, unbeantwortete

Existenzfrage an uns tragen. Und doch sehen sich Religion

und Medizin demselben Anspruch ausgesetzt - Heil zu

bringen. Eine Religion, die kein Heil bringt oder vermitteln

kann, hat keine Existenzberechtigung. Der Arzt, der nicht

heilt, muss sterben.23

22 |at.: Zur Frage bin ich mir geworden.

23 Auf den näheren Zusammenhang von Medizin und Religion z.B.

in den magischen Riten sogenannter Primitivkulturen kann hier

132


te

rechts

Was sich noch aufdrängt ist die Frage nach dem

Menschen. Was ist der Mensch Allein in der so

unterschiedlichen Verwendung des Begriffes Anamnese

sollte deutlich werden (und das ist der Sinn der eingangs

getätigten Ausführungen), dass jedem

Anamnesegespräch Vorannahmen über das Sein des

Menschen, über sein Unheil (Krankheit) und Heil

(Gesundheit),... zugrunde liegen. Diese Grundlagen

prägen uns und unsere Herangehensweise an Menschen.

Was - so meine Hypothese - Medizin und Theologie in

dieser Hinsicht unterscheidet, ist die Diskussion und

Offenlegung dieser Grundlagen des professionellen

Denkens und Handelns. Wissenschaft ist nicht wertfrei,

auch nicht die Medizin. Dafür gibt es ausreichend

erkenntnistheoretisch-philosophische Aufweise. EINEM

UNBEKANNTEN GOTT widmeten die Griechen einen Altar

aus dem Areopaghügel in Athen24 ( dem Gerichtshof der

Götter. Wer ist der unbekannte Gott der

Anamneslerlnnen25 wie beeinflusst dieses Bild unseren

Umgang mit Menschen, mit Krankheit und Gesundheit

Fragen, die wir uns stellen sollten, wollen wir die

nicht weiter eingegangen werden, ist aber zweifellos eine genaue

Auseinandersetzung wert.

24 Ein anschauliches, biblisches Beispiel für die Auseinandersetzung

mit diesem unbekannten Gott der Griechen findet sich in Apg 17,

16-34 (Apostelgeschichte Kapitel 17)

25 Der unbekannte Gott kann auch als Nicht-Gott oder wie in der

Gnosis als Mensch gedacht werden. Hier ist mir nicht so sehr daran

Inhalt gelegen, eine konkrete Bezeichnung dieses Gottes

vorzuschlagen und zu argumentieren, sondern daran, dass es

überhaupt zu einem Diskurs zu diesem Thema kommt.

133


links

Mit

handtellergroße Wunde an unserer Seite (und an der Seite

unserer Patientinnen) nicht übersehen und an ihr

zugrunde gehen müssen.

Dave J. Karloff, Graz

Kontakt: fJuyoj_.kgrJüf/_n_tinix.gt

Wut im Bauch - Aggression

Vor kurzem las ich eine Geschichte von einer ziemlich giftigen

und wilden Schlange. Diese Schlange begegnete eines Tages

einem Weisen und, betroffen von seiner Liebenswürdigkeit,

verlor sie ihre ganze Wildheit. Der Weise riet ihr alsdann

aufzuhören, den Menschen Böses anzutun, und die Schlange

beschloss, von da an ein Leben in Sanftheit und Unschuld zu

führen. Doch kaum hatten die Bewohner des naheliegenden

Dorfes erfahren, dass die Schlange nicht mehr gefährlich war,

begannen sie auch schon, mit den Steinen nach ihr zu werfen,

sie am Schwanz zu ziehen und sie auf tausend Arten zu

quälen. Nun befand sich die Schlange wirklich in großer Not.

Glücklicherweise zog der Weise wiederum durch jene Gegend,

und nachdem er ihren Zustand gesehen und ihren Klagen

zugehört hatte, sagte er ihr einfach: „Mein Freund, ich hatte Dir

geraten, den Menschen nichts Böses mehr anzutun; ich habe

Dir nicht gesagt, Du solltest nicht zischen und sie nicht

einschüchtern."

134


te

rechts

Die Geschichte von Ramakrishna endet so:

Es entsteht kein Schaden durch das „Zischen" gegen böse

Menschen und eure Feinde, wenn ihr ihnen damit zeigt, dass ihr

euch zu schützen und vor dem Bösen zu behaupten wisst. Ihr solltet

nur aufpassen, dass ihr

kein Gift ins Blut eures Feindes einspritzt. Haltet nicht dem Bösen

stand, indem ihr eurerseits Böses anrichtet

Nachdem ich diese Geschichte mehrmals durchgelesen hatte, wurde

mir klar, wie wichtig es ist, diese Wut im Bauch zuzulassen und zu

„zischen". Welche Form nimmt bei mir die aggressive Energie an

Kann ich meine Aggressivität zum Ausdruck bringen oder

unterdrücke ich sie Warte ich so lange, bis sie sich in mir anstaut,

oder nehme ich sie schon gar nicht mehr wahr

In unserem Kulturkreis ist Aggressivität negativ besetzt. „Sei nicht so

aggressiv" ; „Reiß dich zusammen". Damit verschwindet die Wut im

Bauch aber nicht. Im Gegenteil: Sie häuft sich an, irgendwann platzt

der Bauch und diese angestauten Energien kommen meist am falschen

Ort zur falschen Zeit ans Tageslicht. Diese Form des Ärgers kann

Beziehungen für lange Zeit vergiften oder sogar zerstören. „Na so

was", denken sich die verblüfften Mitmenschen; "Ist der oder die

jähzornig". Genauso unsinnig erweist sich die Variante, den Ärger

hinunterzuschlucken.

Aggressionen gegen sich selbst zu richten kann fatal sein.

Entsprechend den Aussagen der Psychosomatik verursachen diese

Autoaggressionen Atem prob lerne, Haut- und rheumatische

Krankheiten sowie Adipositas.

Es gibt 3 Formen, mit Aggressivität umzugehen. Ich richte sie nach

außen, ich richte sie nach innen oder ich wandle die aggressive

Energie in kreative Energie um. Die ersten zwei Formen scheinen

nicht sehr ertblgsversprechend zu sein. So bietet sich uns noch eine

weitere wichtige Möglichkeit an. Nämlich die Transformation der

Aggression. Sie in ein „Zischen" umzuwandeln, mit ihr kreativ

umzugehen. Wir können das Angriffsziel austauschen und dennoch

135


links

Mit

die Intensität unserer aggressiven Energie erhalten. Betrachten wir

unsere aggressive Welle: Sie steigt in uns auf und drängt sich nach

vome, doch dieses Mal geben wir ihr eine andere Form und Richtung

als die, die sie ursprünglich hatte. Ihr heftiges Wesen wird keinesfalls

unterdrückt.

„Jedes Mal wenn ich spüre, wie die Wut in mir emporsteigt, setze ich

diese Energie sofort ein, um meine Wohnung aufzuräumen und zu

putzen. Oder wenn ich für eine Prüfung eine schlechte Note erhalten

hatte, wurde ich derartig wütend, dass ich beschloss, diesen Zorn in

Lernaktivität umzuwandeln und sogleich für die nächste Prüfung

einzusetzen ."

Aggressivität trägt etwas sehr Vitales und Schönes in sich. Leider

betrachten wir sie all zu oft voller Angst und Entsetzen. All zu oft

wird Aggressivität mit Gewalttätigkeit gleichgesetzt. Natürlich kann

sie auch destruktiv sein, wenn sie nicht geschickt reguliert wird, so

wird sie in ihrer entwickeltsten Form zu einer kreativen Macht. Die

Lösung besteht nicht darin, uns nur auf die positiven Qualitäten wie

Frieden und Gelassenheit zu konzentrieren. Hiermit gelingt es uns nur,

diese Energien zu unterdrücken. Die Schlange muss ihr Zischen

beibehalten, ansonsten wird sie selbst zum Opfer.

Diese Tipps klingen alle ganz schön und gut, aber in die Realität

umsetzen ist schon etwas schwieriger. Gerade Anamnesegruppen

bieten wieder mal die Möglichkeit, zu erspüren, welche Form der

Aggression bei mir auftaucht, oder wie ich sie transformieren kann.

Und bevor ich einen Mittelweg einschlagen kann, muss ich wissen,

wo ich die Mitte suchen kann. Soviel zum Thema Mitte. Der

Kompromiss der Polaritäten.

Andrea Schneider (Innsbruck)

136


te

rechts

Die Mitte als Maß

Peter Heintel und Larissa Krainer

"Wenn nun jede Wissenschaß und

Kunst ihre Leistung dadurch zu

einer vollkommenen gestaltet, das s

sie auf die Mitte sieht und dieselbe

zum Zielpunkt ihres Tuns macht... "

Aristoteles, Nikomachische Hthik

Duden, Fremdwörterbuch

Anamnese: [gr.-lat.: 'Erinnerung']

1. Vorgeschichte einer Krankheit

nach Angaben des Kranken (med.)

2. In der Eucharistiefeier das Gebet

nach der Konsekration^

3. ~ Anamnesis: Wiedererinnerung

an die Seele an vor der Geburt, d,

h. vor ihrer Vereinigung mit dem

Körper, geschaute Wahrheit (gr.

Philosophen)

Was haben nach Aristoteles Wissenschaft und Kunst mit der

Mitte zu tun Was mit Ethik Und wie kommen hier Medizin und

insbesondere die Anamnese ins Spiel Wir wollen versuchen, diese

Fragen zu beleuchten, Verknüpfungen zu wagen und ethische

Überlegungen in den Kontext der medizinischen

Erinnerungsarbeit im Sinne der Erhebung einer "Vorgeschichte

der Krankheit nach Angaben des Kranken" zu stellen.

Weihe oder Wandlung

137


links

Mit

1. Die aristotelische Mitte: Mitte als ethische Maßsetzung

Nach Aristoteles ist das Finden der Mitte die zentrale sittliche

(ethische) Tugend, die Mitte selbst jener Ort, an welchem weder

"Übermaß" noch "Mangel" herrschen, und die kein "Zuviel" und kein

"Zuwenig" kennt. Immer dort, wo nicht aufzuhebende Widersprüche

sichtbar werden, ist nach Aristoteles der Weg der Mitte als der

"Beste" zu betrachten. Nicht von ungefähr ist auch heute noch die

Rede von der "goldenen Mitte", dem gelungenen Mittelweg und

dergleichen mehr. Die Mitte erst zu finden und dann zu setzen, ist

allerdings nicht ganz einfach, denn sie lässt sich nicht bloß

arithmetisch, also rein rechnerisch, ermitteln.27 Worum es im

ethischen Kontext nämlich immer geht, ist die Vermittlung von

Gegensätzen, mitunter auch von Widersprüchen, denen die

Philosophie den Namen „Aporien" gegeben hat. Aristoteles

erläutert dies an mehreren Beispielen. In Bezug auf Geld hält er

folgende Gegensätze fest: "In Geldsachen, im Geben, wie im

Nehmen, ist die Mitte Freigiebigkeit, das Übermaß und der

Mangel Verschwendung und Geiz, und zwar so, dass beide Fehler

beide Extreme aufweisen, jedoch umgekehrt zueinander. Der

Verschwender gibt zu viel und nimmt zu wenig; der Geizige

dagegen nimmt zu viel und gibt zu wenig."28

Die Mitte selbst steht dabei immer im Gegensatz zu den beiden

Extremen, allerdings in geringerer Gegensätzlichkeit als die

beiden Extreme zueinander stehen, zumeist handelt es sich bei

diesen Extremen um Gegensätze, welche das einander

Gegenteilige beschreiben. Beide Extreme aber haben Anteile von

dem, was als Mitte positioniert wird. Dennoch wird die Mitte

gegenüber dem Mangel zum Übermaß und gegenüber dem

Übermaß zum Mangel. Die Mitte als "gutes" Maß zu finden und

27

28

Aristoteles, S. 34.

Aristoteles, S. 37.

138


te

rechts

zu setzen, ist ein Balanceakt zwischen dem Verfall in Extremata,

ist zugleich ethische Herausforderung und hoher Anspruch -

denn: "in jedem Dinge die Mitte zu treffen ist schwer. (..) Das

Geld zu geben, wem man soll und wie viel man soll, und wann und

weswegen und wie, das ist (...) nicht jedermanns Sache und nicht

leicht. Darum ist das Gute auch so selten, so lobenswert und so

schön."29

Die erste Linie führte über Aristoteles zu einem Verständnis des

Guten, das weit ab moralischer Wertsetzungen zwischen "gut"

und "böse" liegt, das nicht nach logischen Kategorien (richtig

oder falsch) verfahrt, sondern nach einem permanenten Versuch

verlangt, zwischen Gegensätzen zu vermitteln - eben das richtige

Maß zu setzen, zwischen Übermaß und Mangel, zwischen einem

"Zuviel" und "Zuwenig" und welches den Balanceakt zur

ethischen Herausforderung werden lässt. Je nach Situation und

Konstellation kann sich dieses Maß verändern, denn es ist nie

unveränderlich, muss immer wieder aufs neue überprüft und

gesetzt werden und verlangt nach einem permanenten Prozess der

Maßsetzung. Umgekehrt kann aber auch nicht alles immer im

Schwanken sein, Veränderungen sind immer nur in Teilbereichen

denkbar, was auch bedeutet, dass andere Teile stabil bleiben und

außer Streit gestellt werden müssen. Alles andere würde zu große

Verunsicherung hervorrufen. An diesem Verständnis sollen nun

in einem zweiten Schritt medizinische Balanceakte überprüft

werden.

2. Medizinische LeitdifTeren/en: Das Maß ist bereits

vorgegeben

Welches sind die zentralen Gegensätze (Leitdifferenzen), mit denen

Medizin zu tun hat Die wichtigste ist unzweifelhaft jene zwischen

29 Arsitolclcs, S. 42.

139


links

Mit

"gesund" und "krank". Wobei auffallend ist, dass zumindest im streng

naturwissenschaftlich-diagnostischen Modell das Maß schon

vorgegeben ist. Wo Abweichungen von Normwerten vorliegen, wird

Krankheit diagnostiziert. Wenn auch Menschen mitunter mit

Abweichungen von Normwerten durchaus gut leben und demnach ihre

eigene Maßsetzung ganz anders aussieht als es ihnen Laborwerte

Nahe legen, sie sich also gesund fühlen, kann es passieren, dass der

medizinische Behandlungsapparat anläuft und gesund zu machen

trachtet, was die Diagnose eben zur Krankheit erklärt - mindestens

solange, bis die Laborwerte gesundet sind.

In der klassischen Medizin wird gemäß der Methodologie der Mensch

zum Objekt. Der Blinddarm von Zimmer Zwölf landet vor der Hüfte

von Zimmer Sieben am Operationstisch, der Kranke ist zum Fall

geworden, die Patientin zum lateinischen Begriff ihrer Diagnose. Was

hier sichtbar wird, ist ein neuer Widerspruch: Es ist jener zwischen

Subjekt und Objekt. Beides kommt vor. Der Mensch ist als Subjekt

wesentlicher Ansprechpartner für alle Genesungsprozesse, auf seinem

individuellen Willen und seinem Mittun bauen viele Heilungsprozesse

auf. Zugleich ist er aber - im oben beschriebenen Sinne immer auch

Objekt - die Diagnose seines Falls setzt in aller Regel einen

weitgehend standardisierten Ablauf medizinischer I landlungen in

Gang.

Unzweifelhaft macht es Sinn, sich beispielsweise im Rahmen von

Operationen auch möglichst weit vom Subjekt des Patienten zu

distanzieren und den Akt gleichsam als Routinearbeit mit

größtmöglicher Professionalität durchzuführen. Hier könnte die

Auseinandersetzung mit dem Wesen des narkotisierten Menschen im

OP, wie auch alle möglichen subjektiven Werthaltungen gegenüber

dem Patienten durchaus Probleme schaffen. Wenn beispielsweise der

Mediziner vor Mitleid mit dem zu Operierenden zaghaft würde, oder

sich in die Frau am Operationstisch verliebte oder gar aus Respekt vor

der prominenten Persönlichkeit nervös erzitterte. (Ob das Abdecken

140


te

rechts

der Menschen im Zuge von Operationen ausschließlich hygienischen

Zwecken dient, darf in diesen Zusammenhängen bezweifelt werden.

Unzweifelhaft aber dient es der Fokussierung auf ein medizinisches

Problem, das zur Behandlung ansteht und ermöglicht es eben, eine

linke Hüfte vor sich zu haben anstelle von Frau X.)

Die Objektivierung auf Seiten der Medizin hat demnach mehrere

Ebenen: Sie fußt auf dem klassischen Objektivismus aller

Naturwissenschaften, macht ihre Arbeitswelten (Klinikbetriebe) zu

verobjektivierten Systemen und ermöglicht solcherart eine Distanz,

die auch durchaus sinnvoll ist. Einerseits, weil, wie oben schon

ausgeführt, dem Chirurgen die Hand nicht zittern darf, andererseits

aber auch deshalb, weil erst Objektivierung Vergleichbarkeit und

Überprüfbarkeit schafft (immerhin ist es doch auch beruhigend, dass

ein Blinddarm in aller Welt als solcher erkennbar und im Notfall auch

behandelbar ist).

Umgekehrt geben aber auch Patienten mitunter bereitwillig ihre

Subjektivität ab: Weil Krankheit unsicher macht, insbesondere dort,

wo ein Mangel an eigener Diagnosefahigkeit vorliegt, Patienten aber

alles andere als Unsicherheit ertragen wollen, legen sie ihr Schicksal

gerne in sicherheitsspendende Hände. Wofür einst Götter zu bürgen

hatten, sind nun Ärzte eingesprungen, die nicht von ungefähr als

"Götter in Weiß" gefeiert werden.

Das Problem der Trennung von Subjekt und Objekt kann sich jedoch

spätestens im Heilungsprozess bitter „rächen". Dieser baut nämlich in

vielen Fällen auf die "Mitarbeit" der Patienten und zwar sowohl auf

individueller wie körperlicher Ebene. Hier rückt das Subjekt in den

Blick, denn im Prozess der Heilung geht es um die Balance des

Widerspruchs zwischen Subjekt und Objekt. Wo zu viel an

Subjektivität abgegeben wurde, wo der Glaube in die Allmacht der

Medizin zu groß ist, wo die Meinung besteht, die Genesung werde

ohne eigenes Zutun erfolgen, können Heilungen scheitern oder sich

141


links

Mit

ihr Prozess stark verzögern. Insofern müsste die Herausforderung hier

lauten, die Objektivitätswünsche der Patienten so lange anzunehmen,

als ihnen damit ein Stück weit aus ihrer Angst und Verunsicherung

geholfen werden kann, sie aber zugleich langsam abzubauen, so dass

letztlich eine gelungene Balance zwischen Subjekt und Objekt

ermöglicht wird. Das bedeutet aber zugleich auch, die Allmacht der

Medizin in Abrede zu stellen, ihre Potentiale, aber ebenso auch ihre

Grenzen deutlich zu machen. Hier geht es nicht darum, die Leistungen

der Medizin zu schmälern - worum es aber geht, ist den Anteil der

Patienten an ihrem eigenen Genesungsprozess ebenfalls zu skizzieren

- vom Mut, sich auf ein Operations- oder Behandlungsrisiko

einzulassen, sich der Medizin anzuvertrauen, bis hin zur

Notwendigkeit, sich entlang ihres Regelwerkes auch aktiv am Prozess

zu beteiligen (z. B. im Sinne des Einhaltens von sinnvollen

Diätvorschriften).

Der zweite Zugang zum Thema der Mitte sollte sich mit dem Umgang

mit einigen Widersprüchen und Leitdifferenzen innerhalb des

medizinischen System befassen und beleuchten, wo scheinbar

unhinteriragt feststehende, jedenfalls aber fremdbestimmende

Maßsetzungen dem eigenen Anspruch (im Falle der Medizin dem /,iel

der Genesung) zuwider laufen können und der "Weg der Mitte"

zuungunsten der Betroffenen nicht gefunden werden konnte. Bevor

aber vorsichtige Konsequenzen aus diesen Andeutungen gezogen

werden, verdient das Thema der Widersprüche noch nähere

Betrachtung.

3. Widerspruchskategorien

Widersprüche lassen sich in Kategorien einteilen, die sich auf fast alle

Systeme übertragen lassen bzw. in diesen vorkommen. Als erste

Kategorie sind hier existentielle Widersprüche zu nennen: zwischen

Leben und Tod, gesund und krank, alt und jung, oder Mann und Frau.

Die zweite Kategorie betrifft Systemwidersprüche. Am Beispiel der

142


te

rechts

Medizin: der Widerspruch /wischen Chirurgen und Internisten, oder

jener /wischen ökonomisch orientierter Managementphilosophie in

der Berechnung optimaler Bettbelegungszeiten und der notwendigen

Dauer von Genesungsprozessen, oder auch jener zwischen

Pflegepersonal und Ärzteschaft, oder der immer präsente

Wiederspruch zwischen der Welt der Ärzte und jener von Patienten

und deren Verwandten etc. Die dritte Kategorie umfasst Widersprüche

zwischen Sozialgebilden (Individuum, Paar, Familie, Gruppe,

Organisation, Institution), /ur vierten Kategorie schließlich gehören

Widersprüche aufgrund von Ungleichzeitigkeiten. Gemeint sind hier

beispielsweise verschieden schnell laufende Prozesse, deren Teil wir

sind, die aber nicht mehr zu synchronisieren sind. Hier ist gerade die

Innovation der hochtechnisierten Medizin ein Exempel, dem eine

bäuerlich agrarische Welt als krasses Gegenbeispiel gegenüber zu

stellen wäre. Wenn nun ein Patient aus dem bäuerlichen Umfeld

kommt, so hat er, neben allen anderen Schwierigkeiten, unter

Umständen auch mit dieser Art der Ungleichzeitigkeit zu kämpfen.

Weil sich all diese Widersprüche nicht so einfach (nach logischen

Kategorien) lösen lassen und daher immer präsent bleiben, lautet ein

Auftrag, sie immer wieder aufs neue zu prozessieren, zu entscheiden

und nach der geeignetsten Maßsetzung (im Sinne der aristotelischen

Mitte) zu suchen. Nachdem dies aber nicht permanent zumutbar, nur

schwer erträglich und auch nicht immer/u möglich ist, haben es sich

verschiedenste Institutionen zu ihrer Aufgabe gemacht, diese

Widersprüche (für uns, an unserer Stelle, stellvertretend) zu

verwalten. Die Kirche ist ein prominentes Beispiel dafür, ebenso ist es

der Rechtsstaat. Hin drittes Beispiel ist die Institution Krankenhaus

(insbesondere für den existentiellen Grundwiderspruch von gesund

und krank). Dazu lässt sich formulieren: Institutionen sind

Einrichtungen, die auf unlösbare Widersprüche ewige Antworten zu

geben versuchen.

Und im Sinne der oben beschriebenen Unsicherheit, die Menschen in

der Krankheit ereilt, werden solche Angebote auch dankbar und gerne

143


links

Mit

angenommen. Das Versprechen ist aber ein doppelseitiges: Es

verheißt Sicherheit durch Objektivierung (das System entlastet von

subjektiven Entscheidungsschwierigkeiten), es wirkt aber auch

dogmatisch: Indem (medizinisch-technologisch) weitgehend

vorbestimmt ist, was als gesund und was als krank zu gelten hat,

insofern zur Behandlung des Subjekts über weite Teile eine

Objektivierung desselben erforderlich ist, werden Patienten

tendenziell ihrer eigenen Subjektivität und damit auch der Möglichkeit

an Entscheidungsfmdungen teilzuhaben, beraubt.

Und wenn nun auch noch eine letzte Vermutung stimmt, der zufolge

nämlich die Medizin ein „Diagnosefluchtverhalten" propagiert (der

Prozess der Diagnose soll tendenziell schnell abgeschlossen werden,

weil sie der alles entscheidende Ort über Kunstfehler in ärztlicher

Verantwortung ist), so ist auch naheliegend, dass die Diagnose - und

damit auch alle ihr vorangestellten Schritte wie die Anamnese - nicht

nur möglichst schnell vorüber gebracht werden sollen, sondern auch

Ärztinnen und Ärzte selbst bestrebt sein können, möglichst frühzeitig

durch Maßnahmen der Objektivierung zu eigener Sicherheit zu

gelangen. Abgesehen davon, dass sich Zeitdruck (ob selbst auferlegt

oder aufgrund der äußeren Bedingungen vorgegeben) in den meisten

Fällen kontraproduktiv auswirkt, wäre es doch immerhin denkbar,

dass die Anamnese nicht nur ein bremsender Prozess ist, sondern auch

einer, an dem das Verlangen nach medizinischer

Entscheidungsfindung äußerst hoch ist, an dem die Widersprüche

zwischen gesund und krank, zwischen Subjekt und Objekt des

Kranken und zwischen Arzt und Patient unmittelbar präsent sind. Das

aber könnte ferner bedeuten, dass Anamnese und Diagnose die

zentralen Orte sind, an denen die Frage der Mitte vakant wird.

Medizinische Entscheidungen zu treffen bedeutet nämlich auch hier,

nach einer Mitte (einer adäquaten Maßsetzung) zu streben, die

einerseits eine Sprachgemeinschaft zwischen Krankem und Mediziner

und andererseits eine Balance zwischen subjektiver Kenntnis der

144


te

rechts

eigenen Krankheitsgeschichtc aus Sicht des Patienten und deren

medizinisch-objektivierender Rekonstruktion durch den Arzt zum

Zwecke der Diagnostik ermöglicht. Auf das „dazwischen" als das in

der Mitte liegende kommt es an. Die Vollkommenheit der

medizinischen Wissenschart könnte demnach erst gelingen, wenn sie

die Mitte aller von ihr /u verwaltenden Widersprüche nicht aus dem

Blick verliert und ihre Balance zum Zielpunkt ihres Tuns erhebt.

Peter Heintcl und Larissa Krainer, Klagenfurt

145


links

Mit

MITTE

•Mittendrin; Mittelmaß & miteinander.

Dies sind die drei ersten Assoziationen,

die mir zu dem Ambitionen- weckenden Thema einfallen.

Hineinfallen

in die Mitte,

es mit jeder einzelnen Stelle am und im Körper spüren

und es nicht kennen

und ihm trotzdem vertrauen.

Und dann wieder raussteigen und es beobachten.

Alles bewegt sich so schön, schwappt auf und ab.

An einigen Stellen vollkommen klar, durchsichtig, fast vergrößernd

sogar,

wie eine Lupe, eine wie die, die ich damals als Kind hatte, um Käfer

und Gräser...

an anderen Stellen viel zu schnell und total verschwommen.

Und doch ist das alles meins!

Drehend über seinem Zentrum habe ich die Kontrolle.

Schaue hinab und beobachte.

Ich kann es nicht anfassen und nicht spüren.

Aber dennoch, es ist irgendwie- wunderschön- blau.

146


te _ rechts

Mittelpunkt; Mittelweg & Mitternacht.

Dies nun die nächsten drei. Scheint ein bedeutungsschweres Wort zu

sein.

Schon toll, aber irgendwie auch beunruhigend.

Unruhig

werde ich, als ich bemerke, dass es anfangt dahinten zu tosen.

Es kracht hoch und fällt laut wieder in sich zusammen.

Dabei scheint es mich zu berühren.

Es tut mir weh, aber es ist noch nicht mein Schmerz.

Ich taumle.

Kann mich hier oben nicht mehr halten.

Ich will aber doch noch sehen, was das alles verursacht hat.

Hineinfallen

in die Mitte,

es mit jeder einzelnen Stelle am und im Körper erleben

und es nicht kennen

und ihm trotzdem vertrauen

müssen.

S.D.

147


links

Mit

die ethik der gruppe und die relevanz des § 129a

NICHTS, steht im mittclpunkt, wenn eine anamnesegruppe (ag) sich bildet.

der ewige kreis rahmt die leere, und in zwei jähren arbeit in ag's habe

ich bemerkt, dass es fast egal ist, womit versucht wird diese zu

verdrängen, allein der name macht hier den unterschied.

nur wie, das ist mir wichtig.

ich möchte versuchen meine sieht nachzuzeichnen und deren

bedeutung aufzeigen.

am anfang waren meine unverstandenen gefühle, ich hatte begonnen

geftihle in uns zu erforschen, die ag's sind mein experimentierfeld. die

Psychologie bietet die arbeitsmittel. wundervolle emotionen habe ich

entdeckt, und stiess doch immer wieder an die grenzen meiner

ungeduld,

impulsive phantasien, die sich über die gruppe hinwegsetzten und

weiteres Verständnis verhinderten.

mir fehlte eine Wertschätzung die sich in vertrauen und acceptance

äußern soll.

vertrauen in die kraft, meine und jene anderer.

und acceptance, für mich und die anderen, die art wie wir uns

verhalten als weg zu sehen, unser potential bei der Vermeidung einer

inneren Spannung, eines leidens erfolgreich einzusetzen, auch der

versuch meine implizite norm als solche zu erkennen, warum ist das

wichtig

weil in dem freiraum, der durch das annehmende entsteht, sich

zerknitterte Hügel entfalten, ohne den druck der heuchelnden

gesellschaft werden Selbstverständnisse unverständlich, es entsteht ein

rückzugsraum in dem es möglich ist zu hinterfragen.

um lügen in ihrer alltäglichkeit /u entlarven bedarf es des Vertrauens.

148


te

rechts

und der Wahrhaftigkeit, um einander klare Spiegel zu sein, sich zu

reflektieren.

so werden reproduzierte rollen und machtverhältnissc sichtbar, hinter

rationalisierungen treten unbewusste inhalte hervor, nur unter

ausschluss des mutter/vater-ersatzes in therapeutischen oder

lehrenden be/iehungen (eine lüge, die aus abhängigen hilflose macht),

gelingen selbstverantwortlich konfrontierende Interaktionen, der in der

analysierenden psychologie getriebene mensch gewinnt an

Vollständigkeit durch übertragen der Verantwortung, die erfmdung der

Intention, von gutem und schlechtem handeln, von ethik.

mit der kraft des bemühens um Wahrheit werden Illusionen

offensichtlich.

wer dieses erlebnis kennt, weiß, dass für einen augenblick die eigene

Hilflosigkeit im bcdürfnis nach der illusionen greifbar wird: 'ich habe

mich also getäuscht. 1 , mit dem vertrauen in die eigene kraft kann die

täuschung aus dem weg geräumt werden, um eine befreiende

erkenntnis /u integrieren.

auf einem mindestens dreimonatigen weg der kleinen schritte und enttäuschungen

entstehen mit intensivem bemühen um Wahrheit freiere

menschen.

in einer gesellschaft der schnellen lustbefricdigung, die sich den

menschen als ausgestülpte magenblase konstruiert ist dies terrorismus.

unbedingt gewaltfrei, ein sit-in mit blankem Zynismus gegen das

verharren in fassaden.

mit konzentrierter langfristigkeit anstatt der Treiheit' des momentanen

impulses, anstrengungen und auch schmerzhaften erfahrungen anstatt

des meidens jeglicher avcrsion. gefühlvollen interaktionen anstatt

einsamer spitzen usw.

in anamnesegruppen ist es möglich sich erfahrungen zu erarbeiten, die

illusionen zerstören, ob diese sich nun über mich selbst, andere,

unsere oder deren beziehung decken; ob illusionen über gesch l echter,

149


links

Mit

abhängigkeit, aggression oder in gesprächen mit flüchtlingen oder

folteropfern zerstört werde, ist letztlich egal.

wichtig ist, dass das bemühen um diese Wahrheiten - verbunden mit

einer tief empfundenen Wertschätzung für die menschen - die freiheit

des bewussten handelns erweitert; und wir auf diesem weg der mitte

ein stück näherkommen: dem NICHTS.

h.je.,hamburg

Anhang der Redaktion (§ I29a)

129a. Bildung terroristischer Vereinigungen.

1l) Wer eine Vereinigung gründet, deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf

gerichtet sind,

l .Mord, Totschlag oder Völkermord (§§211,212 oder 22Üa),

2.Straftaten gegen die persönliche Freiheit in den Fällen des § 239a oder

des § 239b oder

3.Straftaten nach D 305a oder gemcingefährliehe Straftaten in den

Fällen der §§306 bis 306c oder 307 Abs. l bis 3, des § 308 Abs. l bis 4, des

§309 Abs.'l bis 5, der §§313, 314 oder 315 Abs. 1,3 oder 4, des § 316h

Abs. l oder 3 oder des § 316c Abs. l bis 3

,u begehen, oder wer sich an einer solchen Vereinigung als Mitglied beteiligt,

wird mit

Freiheitsstrafe von einem Jahr bis /u /ehn Jahren bestraft.

(2) Gehört der Täter zu den Rädelsführern oder Hintermännern, so ist auf

Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren zu erkennen.

(3) Wer eine in Absatz l bezeichnete Vereinigung unterstützt oder für sie wirbt,

wird

mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu Fünf Jahren bestraft.

(4) Das Gericht kann bei Beteiligten, deren Schuld gering und deren Mitwirkung

von

untergeordneter Bedeutung ist, in den Fällen der Absätze l und 3 die Strafe nach

seinem Ermessen (§ 49 Abs. 2) mildern,

(5) § 129 Abs. 6 gilt entsprechend.

50


te

rechts

(6) Neben einer Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten kann das Gericht

die

Fähigkeit, öffentliche Ämter /u bekleiden, und die Fähigkeit, Rechte aus

Öffentlichen

Wahlen /u erlangen, aberkennen (§ 45 Abs. 2).

(7) In den Fällen der Absät/e l und 2 kann das Gericht Führungsaufsicht

anordnen

(§68 Abs. 1).

BEZIEHUNGSWEISE...

Beziehung, Verbindung, Verhältnis, Folgerung, Lebensgemeinschaft,

Vitamin B, Kontakt, zusammenhängend

Kompromiss, Abmachung, Deal, Übereinkunft

Mitte, Mittelpunkt, Herzstück, Kern, Brennpunkt, Nabel, Center,

Zentrale, Zentrum, Hauptstadt, Mittelding

Wir sitzen in der Küche, trinken Wein und wissen immer noch nicht

weiter. Wir wissen nur, dass wir einen Artikel schreiben wollen, das

möglichst bald tun sollten, und dass uns drei Wörter im Kopf

herumschwirren: die Mitte, Beziehung, Kompromiss und ihr

Zusammenspiel.

Mitte, so heißt der Stadtbezirk, in dem ich wohne - Berlin Mitte -

zentral - Kern - Herzstück - viel los, kennt jeder. Die Mitte - der

Mittelweg, etwas da/wischen, /wischen besonders gut und besonders

schlecht, kann manchmal Leitfaden sein, und ist nach oben und unten

hin, zur Seite hin, für neue Wege und zum Ausprobieren offen.

Beziehungen: verbinden, machen das Leben bunt, können locker oder

ganz intensiv sein, können mit einem Lächeln beginnen, können

liebevoll, freundschaftlich, geschäftlich sein und vieles mehr.

51


te

rechts

Ein Gedicht

Es ist Naeht.

Schweigen weht

und unerreichbare Träume nehmen mich mit

/wischen die Sterne.

Ich steige und wende und falle

wie der Drache im Wind.

Das Gestern und Morgen

die Beiden ringen um meinen Blick.

Und ich - Geworfener.

Da weckt die Wärme und das Licht des Morgens

meinen Mut zu einem Hier und einem Jetzt.

Ich trinke den Tau,

der mich - Ich fühlen lässt

und plötzlich

erstrahlt diese Welt

voll glitzernden Wassers.

Die Ruhe /u tun

und die Frische des neugeborenen Tages

vergolden die Stadt

und niemand spricht noch

155


links

Mit

Wir alle kosten vom süßen Geschmack der Möglichkeiten

zu sein

an diesem Tag.

Wir nehmen wahr

und werden berührt und geküsst vom warmen Licht

Und dann - atmen wir ein

tief in uns diese kühl-wärmende Luft

so tief,

dass erst gegen Ende des Tages

der letzte Rest davon von uns weichen wird.

Und dann - entscheiden wir uns.

Christoph Göttl, Graz

156


te

rechts

Mai-Treffen der Anamnesegruppen, Bertin 2001 - Leitthema:

Aggressionen

Der gefesselte Mann

- Leugnung der Aggression, was zu

12 Diagnosen führt

Beim Berliner Maitreffen 2001 wird es um Bedeutung gehen, die wir

der Aggression in der Medizin zuweisen. Einer unserer Marburger

Patienten der letzten Monate hatte mich dazu veranlasst, über diese

Bedeutung nachzudenken. Während des vorjährigen Ulmer

Maitreffens 2000 war mir in der Begegnung mit Angehörigen von

Selbsthilfegruppen aus dem Suchtbereich deutlich geworden, welche

Chancen aus dem Heran-Treten an den anderen, dem Ag-gredi

resultieren. Nichts anderes heißt dieses Wort in der lateinischen

Spraehwur/el.

Die I.eugnung der Aggression, so meine These, zerstört in der

Medizin gewöhnlich die Sicht vom ganzen Patienten. Es entsteht eine

Ansammlung von Diagnosen. Wie Gulliver bei den Zwergen durch

Hunderte von dünnen Zwirnen gefesselt, zwingen die aus den

Diagnosen abgeleiteten Handlungsmaßnahmen den Patienten zu

Boden. - Anerkennen wir die Aggression, so können wir sie als

gestaltende Kraft verfolgen, die den Patienten in seiner Gesamtheit

entstehen lässt und klare, übergeordnete Behandlungsziele

formulieren und verfolgen hilft. Patienten und Ärzte können die

Fesseln abwerfen, die ihnen in der herkömmlichen Medizin

übergeworfen wurden.

57


links

Mit

1. Ein erstes Bild vom Patienten

Ein mir gut bekannter Facharzt für Psychiatrie/Psychotherapie hatte

Herrn A.* aus dem nordhessischen Raum überwiesen. Er hatte auf den

Überweisungsschein „Panikattacken", und ,,/.n. Billroth II" bei

„neurotischer Fehlentwicklung" eingetragen. Der Ar/t und ich

arbeiten seit Jahren in einer Balint-Gruppe zusammen.*

Herr A. war ein hagerer, großgewachsener 49-jähriger Mann, ca. 185

groß, 70 kg wiegend, der mit seinen gefurchten Gcsichtszügen

deutlich vorgealtert, wie ein ca. 59-jähriger wirkte. Er saß aufrecht,

streckenweise kerzengerade aufrecht im härtesten Stuhl des

Gruppenraumes und vermied jeden Sessel als „zu weich" für seinen

Rücken. Er bewegte sich kaum während meiner Visite. Gewöhnlich

trug er einen Trainingsanzug und betonte immer wieder, wie gut er

von der Gruppe aufgenommen worden sei.

Er litt in der Reihenfolge der von ihm beklagten Schwere unter

Magenschmerzen und Sodbrennen in Nüchternheit wie vor einer

Magcnoperation 1980, aber auch losgelöst von der

Nahrungsaufnahme; er litt unter Rückenschmerzen (BWS/LWS) seit

einem Verkehrsunfall 1992, unter Kribbeln im rechten Unterschenkel

und einem einschnürenden, reifartigen Gefühl um die rechte

Unterwade (ein behindernd zurückhaltendes Gefühl), unter

Harntröpfeln nach dem Wasserlassen (als würde in der Blase

weiterhin Wasser sein); er habe einen Hochdruck (auf Nachfragen

180/100 ohne Medikamente, sonst 120/80) und er habe keine

Gliedversteifung. - Er könne schwer ein- und durchschlafen und habe

Albträume; am Tag könne ihn unerklärliche Angst überfallen, er sei

* Die Balintgruppe läuft in Kassel ab. In ihr gibt es regelmäßig Plätze für

Marburger PJ-ler, die in einem der Kasseler Krankenhäuser arbeiten.

* Die Fallgeschichte wurde anonymisiert.

158


te

rechts

dann apathisch und habe deshalb seit Oktober 2000 nicht zur Arbeit

gehen können.

Herr A. saß mir inmitten der acht Patienten gegenüber. Er hatte

insgesamt 12 Krankheits- bzw. Beschwerdebilder (vgl. Anhang)

beschrieben. Weder gelang es mir, sie eindeutig ihrer Schwere nach zu

ordnen, noch das Verbindende der Besehwerden und Krankheiten zu

erkennen. - Unter was litt er Und noch wichtiger: Was strebte Herr

A. mit seinem Krankenhausaufenthalt an Zur Beantwortung dieser

Fragen schien mir eine weiterführende Frage wichtig:

Konnten die Symptome dieser zwölf Krankheits- u. Beschwerdebilder

Masken der gleichen Grund-Beschwerde sein

Mir war aufgefallen, dass er umso starrer auf mich wirkte, je stärkerer

seine Beschwerden beschrieb: Besonders auffallend war dies im Falle

der Bauchbeschwerden: Er beschrieb sie als krampfartig ziehend von

der Nabelregion /um Unterbauch erstreckend - und er saß

kerzengerade, nur mit den Händen gestikulierend, als dürfe er sich

nicht vom Platze bewegen. Anders bei den reifartigen

Empflndungsstörungcn der rechten unteren Wade und noch stärker

beim Bericht vom Erektionsverlust. Er bewegte sich jetzt, zeigte seine

Wade und beugte sich geradezu entspannt zurück, als er vom

Potenzverlust sprach. Insgesamt betonte er, keine medizinischärztliche

Maßnahme habe ihm geholfen, auch nicht 15 Jahre Antra-

Verordnung. Hierbei sah er mich durchdringend an. Ich spürte eine

aggressive Stimmung. Gleichzeitig empfand ich, ich hatte nichts, auf

das ich hätte zugehen können, kein Ziel für mein Ag-gredi.

2. Erste Behandlungsperspektiven

Herr A. sagte, er wolle seine Magenschmerzen und seine

Schlafstörung samt der Albträume loswerden und er wolle ein

159


links

Mit

Gutachten haben. Im Gutachten sollte geklärt werden, wie alles mit

einem vor vier Jahren erlebten Unfall zusammenhänge.

Ich selbst fühlte mich unbefriedigt bei dieser Äußerung und empfand

mich zugleich als in einem professionellen Sinne impotent-gereizt. Er

hatte keinerlei Hinweise geliefert, mit ihm in ein eigentliches Arbeiten

hineinzukommen. Beim neuerlichen Nachdenken kam also wiederum

dieses Gefühl, keinen Zutritt zu seinem eigentlichen Problem zu

haben.

Unser Austausch zu seinen Beschwerden und Behandlungswünschen,

der während meiner ersten Visite mit ihm stattfand und der eine

derartige Reaktion in mir hervorrief, hatte ca. sechs Minuten gedauert.

Ich sagte ihm, wir müssten uns jetzt einmal darauf einlassen, was das

weitere Arbeiten bringe. Allmählich könnten wir dann sehen, wie auf

sein doppeltes Anliegen einzugehen sei: auf das Loskommen von den

Beschwerden und ein Gutachten erhalten. Ich verließ mich darauf,

dass eine nun innere Entwicklung in Herrn A. angestoßen würde: Vor

ihm lag ein ca. 30tägiger Krankenhausaufenthalt. Er würde von seinen

„internistischen" Mitpatienten auf der Station gefragt werden:

„Warum bleibst Du 30 und nicht 6,3 Tage" Er würde von seinen

„psychosomatischen" Mitpatientinnen gefragt werden: „Wie erlebst

Du die 22 Gruppenveranstaltungen pro Woche (vgl.

Veranstaltungskalender im Anhang) für Dich und für uns" - In jeder

der Veranstaltungen würde er mit dem Therapeuten oder mit der

Therapeutin arbeiten und diese würde zu bedenken geben: „Wie

können Sie im „nächstmöglichen kleinen Schritt" und im Sinne einer

erweiterten Autonomieentwicklung selbständiger werden"

Meinerseits würde ich mich auf die Besprechungen mit den

Mitarbeitern einstellen. Von zentraler Bedeutung wären hierbei die

Erfahrungen des Physiotherapeuten, der Stationsärztin und vor allem

die der Oberärztin und Gruppentherapeutin. Wir treffen uns zu

regelmäßigen Besprechungen über die Woche hin und tauschen uns

über die Entwicklung der Patienten aus. Diesem Austausch liegt ein

160


te „^

rechts

Arbeitskonzept des situativ-körperlichen Vorgehens zugrunde

(Schüffei '98; 2000; siehe unten).

3. Zum Bild von Herrn A. und dessen Krankengeschichte

In meinem Bilde vom Patienten hatten von Beginn an unter den

Symptomen die Bauchschmer/en dominiert. Als dieser schmerzende

Bauch jedoch am Aufnahmetag untersucht werden sollte, war der

Patient trot/ definitiv vereinbarten Termins nicht anzutreffen. Kr war

mit den Mitpatientlnnnen /u einem Spa/iergang weggegangen. - Die

Stationsär/tin hatte sich anderthalb Stunden für die Krstuntersuchung

eingeplant (zudem an einem vollen Freitagnachmittag) und geriet jetzt

mit ihrer Arbeitsroutinc durcheinander. Sie war verärgert, die Station

war verärgert. Ähnliche Zwisehenfälle reihten sich in der Folge/eit

aneinander. Wollte er überhaupt Hilfe haben

Je mehr ich über den Patienten nachdachte, desto stärker trat ein

aggressives, ärgerlich machendes Element in den Vordergrund: Kr

hatte mir und allen är/tliehen Kollegen „bewiesen", dass wir ihm mit

seinen Bauchschmerzen nicht hatten helfen können. Dann drängte sich

die reifartige Kmpfindungsstörung der rechten Wade in den

Vordergrund: Ich dachte an die Fußfessel eines Galeerensklaven, der

eine Kugel nach sich schleppt. Die Kugel hält ihn davon ab, sich

gegen seine Wärter aufzulehnen. Waren wir die Wärter, die in

Vertretung der anderen Ärzte ihm schadeten So hatte ich zunächst

die zwei Symptome Bauchschmer/ und Kmpfindungsstörung in der

rechten Wade /usammengebracht. - Nun entstand für mich die Frage,

wie konnten in einer konkreten, pragmatischen Weise die

Behandlungswünsche des Patienten aufgegriffen werden. - Ich hatte

ihn älter als seinem biologischen Alter entsprechend eingeschätzt.

Hiernach war er 59 Jahre, im Vorruhestandsalter. Anders als in meiner

Phantasie stand er aber im Krwerbsleben und war monatelang krank

geschrieben. Offensichtlich lastete eine Lebensaufgabe auf ihm, die er

161


links

Mit

derzeit nicht meisterte. Ich musste also vom Hindruck des

Augenblickes (Ed Casey, 2000) zur Krankengeschichte des Patienten

kommen. Was hatte die am allgemeinen Bild orientierte

Momentaufnahme der ersten sechs Minuten über die cin/igartigc

Lebens- u. Krankengeschichte eines 49jährigen auszusagen Würde

eine zweite Visite weiterführende Hinsicht bringen

Die zweite Visite fand am 31.01.2000 statt. Erstmals hatte ich Herrn

A. am 19.01., also 12 Tage zuvor zur Begrüßung und am 24.01. zu

meiner ersten Visite gesehen. Hr klagte am 31.01. also am 12. Tage

seines Aufenthaltes in der Psychosomatik über heftige

Bauchbeschwerden. Seit drei Tagen habe er Antra weggelassen und er

fühle das, was andere als Hntzugssymptome bezeichnet hätten: Er

zittere am ganzen Körper, schwitze und könne nicht schlafen. In der

Tat: Hatte er bisher mit den Händen gestikuliert, zitterten diese jetzt

und fuhren unkoordiniert erscheinend über den Bauch. Ja, auch jetzt

(vgl. Ausführungen zur dreiteiligen jetzt/gestern/morgen-Fragc; siehe

unten) fühle er sich so, mir gegenüber. Zum Gestern, d. h. zum

Empfinden in der letzten Woche: Hr habe sich „prima* 1 in die Gruppe

eingelebt. Er könne deutlich mehr über sich reden. Er sehe jetzt, die

zweimaligen Bauchoperationen von '80/81 seien „total für die Kat/ ttl

gewesen. Er habe die Medikamente nur in sich eingeworfen, geändert

habe sich nichts. - Zum Morgen, d. h. wie er sich in der nächsten

Woche möglicherweise fühlen könne: „Ich bin auf dem besten Wege,

mich weiter zu öffnen." - ich bemerkte, dass sich der Patient auf den

Arbeitsverlauf der Abteilung einlassen konnte. Die aggressive

Stimmung der ersten Visite war nahezu verschwunden, vielmehr kam

eine bittend-erwartungsvolle Stimmung hoch. Er äußerte jetzt die

Bitte, bei mir ein persönliches Gespräch haben zu können. Ich wollte

meinerseits das Motiv dieses Wunsches besser verstehen (vgl.

Therapieteil). Er berichtete, dass die Therapeutin wegen einer

Verhinderung ausgefallen sei. Dies war tatsächlich der Fall gewesen.

Ich überlegte, dass es hier zwei Möglichkeiten gab: Einmal die

Angelegenheit mit der Therapeutin direkt klären; zum anderen sich an

162


tc

rechts

mich als den Chef wenden. Die Therapeutin war derzeit schwer

erreichbar. Ich selber war sehr gut erreichbar und zugleich ergab sich

für mich die Möglichkeit, diese Form des Aggredi an mich und dabei

mich als Mann genauer /u verstehen. Ich entschloss mich daher, einen

Gesprächstermin zu vereinbaren und das Ergebnis in unseren

Gruppenbesprechungen baldmöglichst ein/ubringen.

4. Eine Lebensgeschichte zwischen Bauchkrämpfen, Wadenreif

und Aggressions-Äußerung

Das Gespräch wurde zu einer Krankengeschichte zwischen

Bauchkrämpfen und Missempfindungen im Sinne eines Wadenreifes,

sehr bald aber zu einer Lebensgeschichte ermöglichter/verhinderter

Aggressions-Äußerung. Sie war in den letzten 16 Lebensjahren

wachsend im Organbereich ausgetragen und iatrogen verstärkt

worden. Ich schildere die Entwicklung in der Abfolge, wie sie

zwischen ihm und mir entstand, d. h. ausgesprochen

symptombezogen. - Der Patient und ich gingen von dem Symptom

aus, d. h. von den Bauchschmerzen. Die Bauchschmerzen führten zu

weiteren Symptomen, dann zur Kindheit mit ihren

Aggressionserfahrungen, zum Tod der Ehefrau und schließlich zur

jetzigen Liebe zu Edith. Nahezu jedem der aufgeführten 12

Beschwerde-/Symptombilder ließ sich ein Lcbcnsereignis bewegender

Natur zuordnen.

Ulzera duodeni et ventriculi, funktioneile Oberbauchbeschwerden und

Brustkrebs der Ehefrau: Ab Mitte 1979 hatte Herr A. wiederholt

Magenschmerzen. Sie zogen sich in das nächste Jahr hinein. Dann

verstärkten sie sich, so dass er eines Tages au/der Arbeitsstelle unter

heftigstem Stechen im Ober-/Mittelbauch zusammenbrach, ins

Krankenhaus eingeliefert wurde und dort wegen Magenperforation im

Sinne einer Notoperation gastrektomiert werden. Im Jahre 1981 kam

es wegen anhaltender Schmerzen und Ulzera im Duodenum zu einer

163


links

Mit

erneuten Operation, diesmal zu einer proximalen selektiven

Vagotomie.

Kurz vor Beginn der Beschwerden hatte seine Ehefrau erfahren, dass

sie unter einem Mamma-CA litt. Die Prognose erschien ungcwiss.

Ebenfalls im Jahre 1980 stellte er für sich innerlich fest, dass es sich

unwiderruflich um eine Ungewisse Krankheit handelte. Sie bewirkte

zudem, dass seine Frau nicht mehr verdienen konnte.

Die Schmerzen hielten nach der Operation an. Ab Mitte 1981 nahm er

täglich Antra ein. Wenngleich die Schmerzen periodenweise

zurückkehrten, wiesen wiederholte Endoskopien kein Geschwür nach.

Die Beschwerden wurden daher als funktionell bedingt bezeichnet.

Weitere ernsthafte Beschwerden/Krankheiten traten bis 1990 nicht

auf.

Anfang 1990 geriet seine Ehefrau in das Endstadium ihrer

Karzinomkrankheit. Er besuchte sie in der Klinik. Jetzt traten

Herzkreislaufbeschwerden funktioneller Natur auf (wie sich bei

wiederholter Abklärung in der allgemeinärztlichen und

kardiologischen Praxis erwies).

Die Sauerstoffzufuhr wird unterbrochen

Herr A. nahm sich im Mai/Juni Arbeitsurlaub und besuchte seine Frau

regelmäßig im Krankenhaus. Das Skelett war von Metastasen

durchsetzt; eine Pneumonie war hinzugekommen. - Der Patient gab

sich während des Gespräches mit mir einen Ruck, kam offensichtlich

aus einer erstarrten Haltung heraus und sagte: „Ich muss Ihnen etwas

sagen, was ich bisher keinem Menschen gesagt habe: „Ich habe

damals den Sauerstoff bei meiner Frau abgedreht." - Er schaute mich

an. Ich blickte zurück, dachte an die schwerkranke und kachektische

Ehefrau, die damals offensichtlich von einer Nasensonde zur

Linderung der Atemnot mit Sauerstoff versorgt wurde und vor ihrem

64


le

rechts

ansät/weise getan. Langsam habe er sich wieder erholen und erneut

/ur Arbeit zurückziehen können.

Hypertonie und Erhstrcitigkeiten

Anfang l W starb der Vater an einem Herzinfarkt. Es kam zu

Erbstreitigkeiten /wischen ihm und seinen Geschwistern. Er war der

älteste von ihnen. Er war stol/ darauf gewesen, dass sie immer „wie

ein Ding" zusammengehalten hatten. Plötzlich war alles anders: Sie

folgten nicht seinen Vorschlagen und holten sich nunmehr das

elterliche Eigentum aus dem Hause, wie sie es für richtig hielten. Als

er für 14 Tage weg war und zurückkam, war das Haus ausgeräumt. Er

fand das unerhört und wollte nichts mehr mit den Geschwistern zu tun

haben.

In dieser /eit wurde erstmals ein erhöhter Blutdruck bei ihm

festgestellt.

Sie hatten den Ellern gegenüber, vor allem dem Vater gegenüber, „wie

ein Ding" zusammengehalten. Ich wollte wissen, wie es kam, dass sie

so zusammengehalten hatten, /wei bemerkenswerte Einblicke erhielt

ich nunmehr in seinen Umgang mit Aggressionen: Diese waren in

frühester Kindheit entstanden und sie verdeckten eine tiefliegende,

geradezu kindliche Bedürftigkeit in dem 49-jährigen Mann. Hierauf

wird im folgenden Abschnitt fünf eingegangen - d. h. seinen

Assoziationen folgend. - Auf die Bedeutung der Impotenz und der

Missempfindungen in der rechten Wade werde ich im Anschluss

eingehen.

5. Frühe Aggressionscrfahrung-späte Krankheit

Eür wenige Augenblicke des bisherigen Gespräches waren mir die

Geschwister wie Zwerge vorgekommen, die Gulliver zunächst nicht

165


links _ __„ Mit

fesseln, vielmehr auf Gulliver hören und seinen Anordnungen folgen

wollten.

ich fragte ihn, um was es damals gegangen sei, als sie „wie ein Ding"

/Lisammenhielten. Herr A. berichtete über widrige

Er/.iehungsbedingungen. Der Vater sei Trinker gewesen. Kr habe die

Mutter geprügelt. Die Mutter habe ihn stets gedeckt und stets

entschuldigt. Seine ersten Erinnerungen an die Kindheit seien mit dem

trinkenden Vater verbunden. Er habe abends nach der Rückkehr des

Vaters klatschende Geräusche und Schreie der Mutter gehört. Er habe

die Mutter angesprochen. Doch sie sagte: „Der Vater klatscht in die

Hände." Im 16. Lebensjahr habe er sich stark genug gefühlt, sich /u

vergewissern, was sich abspielt. Dann habe er den Vater

zusammengeschlagen. - Der Vater habe ihn daraufhin aus dem Haus

geschmissen. Er sei /ur Großmutter väterlicherseits einge/ogen und

sei dann bis /,u seiner Heirat dort geblieben. Den Kontakt /u den

Eltern habe er eingestellt. Seine Geschwister erwähnte er /u meiner

Überraschung nicht - obwohl sie „wie ein Ding" gewesen seien, Er

lernte Bauschlosser. Im 24. Lebensjahr legte er die Gesellenprüfung

ab. Am Abend des Prüfungstages feierte er in einer Gastwirtschaft.

Der Vater musste hiervon gehört haben und betrat die Gaststatte und

bestellte ein Bier. Dann trat er an den Tisch des Sohnes. Er gratulierte

ihm. Zur Überraschung des Patienten umarmte der Vater ihn -

„erstmals" wie er sich /.u erinnern meinte. Er sagte dem Sohn: „Das

mit der Schlägerei zwischen uns war fürchterlich; ich habe Mutter seit

dem Tage nicht mehr geschlagen." Der Sohn erfuhr nun /.um ersten

Male seit acht Jahren, dass seine Mutter nicht mehr unter Schlägen /u

leiden gehabt hatte, ihm aber auch nichts hiervon gesagt hatte. Dann

nahm der Vater das Bierglas, schlug es an die Wand und sagte: „Das

ist der letzte Alkohol, den ich trinke." Er habe sein Versprechen bis

zum Lebensende gehalten.

Er habe die Abläufe nicht fassen, das Geschehene einfach nicht

glauben wollen. Dennoch schien er wie von einem Druck befreit und

166


te ___ rechts

heiratete. Er und seine Frau liebten sich. Sie brach ihr Verlöbnis mit

einem anderen Manne. Ihre Mutter t'and das unglaublich. Sie habe

alles getan, um die Ehe /u hintertreiben. Doch seine Frau habe /u ihm

gehallen. Sie bekamen /wei Kinder, einen Sohn (1969) und eine

Tochter (1971) und zogen 1982 in ein gemeinsam gebautes Haus ein,

das sie 1975 /u bauen begonnen hatten. 1980 war es bei ihm /u den

Magenhlutungen und /,ur Magenperforation gekommen. Er hatte nicht

/.um Hausherrn und /um ,,Pater familiae" werden können, wie es ihm

vorgeschwebt halte. Seine Frau war nun krank. Er sah die Jahre der

Ungewissheil vor sich, die in der Tat kamen und bis /um Jahre 1995

oben beschrieben wurden.

Die frühen Aggressionscrfahrungen hallen ihn hilflos werden lassen

gegenüber Aggressionen: Einmal halte er sie abführen können, doch

dann hatte er in einer gelernten Hilflosigkeit die Mutter ungeschüt/t

/urückgelassen. Längst halle er sich als Mann in äußerst ambivalenter

Weise mit einem Vaterbild identifi/iert, das ohne Selbstkontrolle

erschien b/w. halte er sich innerlich gegen eine solche Idenlifi/icrung

gewehrt. Gleich/eilig hatte er keinen Ersat/vater finden können (etwa

in Form eines Großvaters), um die Nichl-Identifi/ierung tragfähig

werden /u lassen. Es halte sich in ihm das entwickelt, was

Psychotherapeuten als Aggressionshcnimung be/eichnen.

Aggressionshemmung wird für die Organmedi/in dann bedeutsam,

wenn ein /utiefst aggressiv-hostil empfundener Konflikt nicht im

psychoso/ialen Bereich gelöst werden kann, sondern bei einem

entsprechenden organischen Entgegenkommen somaüsiert wird.

6. Impotenz und die trinkende Edith; die Missempfindungen in

der rechten Wade als versuchte Selbsthcilung -

Selbstentfesselung

Am Anfang hatte ich gefragt, wie es möglich wird, die Geschichte von

Herrn A. in ihrer biografischen Folgerichtigkeit /u verstehen. Deutlich

167


links

M]t

wird jet/t, dass der kleine Junge in Herrn A. bereits in frühester Xeit in

seiner Bedürftigkeit nicht wahrgenommen wird. Der Vater ist launisch

und unberechenbar, die Mutter von ihm abhängig und schwach. Er

sieht sieh auf sich selber verwiesen und versucht sich möglichst früh

zu verselbständigen. Die Bedürftigkeit führt xu Reaktionsbildungen

im Sinne einer Pseudoautonomic. Die Pseudoautonomic führt zu

einem Verhalten, das ich als „somatische Verausgabung" be/eichnen

möchte. Es ist Herrn A.'s Schicksal, dass von ihm sowohl die

Reaktionsbildung wie die Verausgabung von den Behandlern

wahrgenommen werden, seine Bedürftigkeit aber übersehen wird. Das

hat damit zu tun, dass er in seinem Verhalten im Sinne der

Pseudoautonomic in der Umwelt das „impotent" gerei/te Gefühl (vgl.

Abschnitt 2) auslöst, das auch zu offenem Ärger (vgl. Abschnitt 3)

führt. - Glücklicherweise kann er in seiner ganzen Erschöpfung und

gleichzeitig als der „Vorruheständler" gesehen werden. Langsam

bietet sich die Chance, ihn in seiner Bedürftigkeit wahrzunehmen.

Wahrend des Klinikaufenthaltes wird das erstmals möglich, als er von

seinen Schuldgefühlen spricht und hier aus seiner Erstarrung erwacht

fvgl. Abschnitt 4). Diese Schuldgefühle sind unglücklicherweise mit

einer Serie von Erfahrungen verknüpft, in denen er die anderen im

Stich lässt und in seiner Fantasie neue Schuld auf sich häuft (vgl.

Abschnitt 5): Er lässt die Mutter im Stich, dann die Geschwister; die

Schwiegermutter lässt er im Stich, indem er ihr nicht den Großmutter-

Status zubilligt; am nachhaltigsten macht sich das Gefühl fest am

Sterben der Ehefrau, In all den Momenten wird deutlich, dass er vor

einer Bedürftigkeit der anderen zurückweicht, weil die eigene

Bedürftigkeit ungestillt ist. Um das nicht zu zeigen, tritt wie im

vorweggenommenen Angriff die Aggression in Erscheinung.

Mit seinen Kindern hatte er wiederholt darüber gesprochen, ob er sich

in seiner Haut wohl fühle. Sie hatten ihn gefragt, ob er sich auch

wieder für eine Frau öffnen könne.

168


Je __

rechts

Ende 1994 hörte er. dass Edith, seine frühere Schulliehe geschieden

und partnerschaftlich ungebunden in Hannover lehte. Er suchte sie am

Arbeitsplat/ auf. Dort lernte er sie als angesehene Chefsekretärin eines

Hannoveraner Betriebes kennen. Ihm fielen die herumstehenden

Sektkelche in der Chefetage auf. Ihm wurde ein Sekt angeboten, und

er lehnte ab. Am Abend besuchte er Edith daheim. In nahe/u allen

Bereichen ihrer Wohnung fand er leere Sektflaschen vor. Er war

entset/t über die offensichtliche Abhängigkeit. Er mochte Edith

ausgesprochen. Er bedrängte sie, vom Alkohol Abstand /u nehmen.

Sie lachte über seine Vorhaltungen. Er fühlte sich von dem Sekt in der

Wohnung angewidert. Als sie ihm in der folgenden Zeit mehrfach

anbot, mit ihr /u schlafen, lehnte er ab. Etwa /ur gleichen Zeit, d. h.

Ende '94 merkte er. dass beim Duschen die ihm bis dahin vertrauten

Gliedversteifungen wegblieben. Er spürte keinerlei sexuelles

Verlangen. - Es konnte sich nicht um Auswirkungen der Betablocker

handeln. Die nahm er erst ein. als sie wegen des Hochdruckes Mitte

1995 verschrieben wurden.

Etwa /ur /.eit, als die Gliedversteifungen ausblieben, spürte er die

Missempfindungen der rechten Wade, die in mir den Gedanken

ausgelöst hatten, sie könnten die Fesseln eines Galerensklaven

repräsentieren. Ein organisches Äquivalent hatte sich nicht finden

lassen, obwohl /unäehst eine L5/S l Kompression diagnostiziert

wurde. Wohl war der Gedanke hochgekommen, nicht mehr /u Edith

nach Hannover /.u fahren. Er wollte sich an das Haus daheim binden,

nachdem ihm seine Kinder /ugesichert hatten, heim Abtragen der

Bauschulden behilflich /u sein. Zu einer solchen Einigung war es

gekommen, als er mit ihnen die missliche Lage besprochen hatte, wie

er nach den Erbstreitigkeilen in eine schwierige finan/iclle Lage

gekommen war.

Es war für ihn eine befreiende Erfahrung gewesen: Er hatte gedacht,

die Kinder könnten sich von ihm abwenden, Damit hatte er gleiches

erlebt, wie es der Vater vermeintlich durch ihn erfahren hatte. Doch

69


links __ _^___ Mit

das Gegenteil geschah: Sie waren auf ihn /ugetreten. er war auf sie

/ugetretcn; ein Ag-gredi war beiden möglich gewesen und es war. als

hätten die Kinder sein Verhalten akzeptieren können. Tatsächliche

und phantasierte Aggressionen waren handhabbar geworden. Die

Kinder hatten ihn auch beeinflusst, är/tlichc Hilfe /.u suchen, indem er

über sich sprechen sollte.

7. Stationäre Behandlung als Bühne der Aggrcssionsäußerung -

Epikrise

Einerseits wird es beim Maitreffen der Anamnesegruppen in Berlin

2001 um Aggression gehen. Andererseits ist das Thema dieses POM-

Heftes, die Mitte /u bestimmen. Ich habe verstanden, dass es bei der

Mitte darum geht, die eigene Mitte /,u finden. Als psychosomatisch

tatiger Ar/t verstehe ich dies in einem körperlich-leiblichen Sinne.

Wie war dieser Aufgabe im Falle Herrn A.'s nach/ukommen - Im

nächsten und Ict/ten Abschnitt werde ich in epikritischer Weise unter

vier Überschriften die wichtigsten Abläufe zusammenfassen, die eine

Neuorientierung in Richtung Gesundheit einleiteten: Das Programm

der nachstmöglichen kleinen Schritte, Visite als Bühnenveranstallung

zur Gestaltung des Symptoms, situativ-körperliches Neuempfinden,

von der Bühne ins Lehen: kontinuierliche Weiterarbeit mit Hausar/t

und Fachpsychotherapeut.

7.1 Das Programm der nächstmöglichen kleinen Schritte:

Behandlungsort, Behandlungsdauer

Ich traf Herrn A. Anfang Januar während der erwähnten

Gruppenvisite, die Mitlwochvormittags einmal in der Woche mit mir

stattfindet. Sie dauert 50 Minuten und jeder Patient wird um eine

Stellungnahme gebeten. Über Jahre des Experimentierens hatten wir

170


te ___ , rechts

in unserer Arbeitsgruppe als das sinnvollste Vorgehen gefunden, dass

ich als Chefarzt alleine (also ohne Oberärztin, Stationsärztin) mit den

Patienten zusammenkomme. Es sind acht stationär zu behandelnde

Patienten, deren Betten auf zwei internistische Stationen verteilt sind.

Die acht Patienten der Psychosomatik werden durchschnittlich 30

Tage, ihre 28 Mitpalientcn über durchschnittlich 6,3 Tage stationär

behandelt. „Unsere" Patienten werden von ihren Mitpatienlen

verwundert gefragt: „Ihr habt die gleichen Krankheiten wie wir -

wieso dürft ihr 30 und wir nur 6,3 Tage bleiben" Ein Vorwurf

ungerechter Behandlung schwebt mit, der sich in angespannten Zeiten

bis zur Feststellung steigert: „Ihr macht in unserem Krankenhaus Kur

und wir werden selbst als Notfall nicht aufgenommen." - Dies ist ein

Fall aggressiver Konfrontation in der Medizin, den es zu lösen gilt.

Wir arbeiten seit 1984 an entsprechenden Lösungsversuchen im neuen

Klinikum auf den Lahnbcrgen, das ein Großklinikum der

Muximalvcrsorgung darstellt. Wir begannen mit unserer Arbeit 1976,

als ich von Ulm kommend mit einigen wenigen Mitarbeitern

gemeinsam die Voraussetzungen zu schaffen begann. Die

Fallgeschichte von Herrn A. ist die Geschichte einer Reihe von

jeweils nächstmöglichen kleinen Schritten, die körperlich gebundene

Aggression nach und nach in eine psychosoziale Problematik, zumeist

in eine konflikthaft empfunden Situation hinein aufzulösen. Das Ziel

ist, ihn in eine ambulante Therapie zu entlassen, die es ihm in

Zusammenarbeit mit Hausarzt und Fach-Psychotherapeut erlaubt,

eigenständig auf Eigen- u. Fremdaggressionen zuzugehen. Der

Hausarzt einerseits arbeitet mit dem Facharzt und mit weiteren

Fachkräften zusammen; der Psychotherapeut ist ärztlicher oder

psychologischer Herkunft. Immer wird es darum gehen, das

größtmögliche Maß an Autonomie im Patienten zu erkennen und für

das eigene ärztliche Tun zu akzeptieren. Damit wären alle Beteiligten

auch automatisch in einem durch Aggressionen bestimmten

Arbeitsfeld versammelt. In einem solchen Feld ist es nötig, dass jeder

Beteiligte nach gut bekannten Regeln handelt.

17


links

Mit

7.2 Rcgieamveisungcn für eine Visite - Zur Gestaltung des

Symptoms

Das Bild der Bühne möchte ich fortset/en. Hierdurch wird es möglich,

das Schicksal der Aggression zu verfolgen. Mit meinen Mitarbeitern

zusammen möchte ich den Patienten in den verschiedensten

Veranstaltungen während des Wochenahlaufes ermöglichen, sich

selbst möglichst körpernahe in möglichst umschriebenen Situationen

zu empfinden. Es soll möglich werden, die aufkommenden

Empfindungen zu äußern, so dass sie in einen 30 Tage währenden

Diskurs eingebracht werden können. Zur Gestaltung meiner Visite

benutze ieh folgende drei strukturelle Momente, die geradezu als

Regieanweisungen für ein Bühnenstück, eben die Visite gesehen

werden können.

Ich habe von jedem unserer Patienten ein bestimmtes Bild, dessen

Gestalt ich mit ihm und inmitten der Gruppe verfolgen möchte. Die

Grundlage des Bildes sind die (l) Symptome des Patienten, (2) sein

Verhalten und mein Gegenverhalten wie von mir innerhalb der

Gruppensitnation empfunden und (3) die geäußerten

Bchandlungswünsche des Patienten.

Meine Visite gestalte ich mithilfe einer dreifachen h'rage, die es

mir und dem Patienten ermöglicht, diese Gestalt in verlässlicher

Weise zu verfolgen. Sie lautet: Wie geht es \\mcnjetzt, wie ging es

Ihnen in der letzten Woche und wie wird es Ihnen möglicherweise

in der nächsten Woche gehen Es ist die Jetzt, -Gestern, -Morgen-

Frage.

Jedes Abweichen von den Arheitsabläufen innerhalb der Visite und

von den Wochenablaufen hat eine psychodynamische Bedeutung.

der ich nachgehen möchte.


te_

rechts

Die /entrale Position nimmt das Symptom ein. Von den genannten drei

Bestandteilen des Bildes vom Patienten ist das Symptom das

wichtigste. Hs wird nur vom Puikmtcn empfunden. Hs ist dessen

higentum. Hs ist also primär kein Krankheits/eichen. Der Patient

drückt mit dem Symptom seine Andersartigkeit aus und drückt aus,

wie er hierdurch Zutritt /um medi/inisehen Versorgungssystem

bekommt. Kur/: Das Symptom ist das Ticket der Medi/.in - aus der

Sicht des Patienten kontrolliert der Ar/t dieses Ticket. - Der

nächstwichtige Bestandteil des Bildes vom Patienten ist die

L'her! ragung und Gegenühertragung, die ich beide empfinde. Damit

ist das gemeint, was jedes Mitglied einer Anamnesegruppe kennt: der

Patient nimmt wichtige Personen seiner frühen Lebcnsgeschichtc

gefühlsmäßig in seinem Umfeld wahr, er empfindet gerade/u diese

frühere Be/iehung und mir widerfährt Analoges, das ich nun mit

meiner bisherigen Erfahrung als Student h/w. als Ar/t verbinde. -

Schließlich geht es um die Behandlungswünsche: In ihnen verbirgt

sich das Angebot /u einem Arbeitshümlnis. Ich gehe grundsät/lich

davon aus, dass der Patient behandelt werden will, sonst wäre er/sie

nicht in die Psychosomatik gekommen. Dahinter stehen regclhaft

unbewusste, ambivalent empfundene Wünsche, das Symptom

behalten /u dürfen, einschließlich eines Wunsches nach dauernder

Unbehandclbarkeit, d. h. Nieht-Auflüsburkeit des Symptoms, aber

immer besieht der Wunsch, mit diesem Symptom umgehen /u können.

7.3 Situativ-körperliches Neuempfinden

Nie /uvor war der Patient auf die Frage /ugeführt worden, wie seine

/wölf verschiedenen Hauptkrankheiten b/w. Beschwerdebilder

/Lisammengehören. Die vermehrte Sauresckrction war mit H2-

Blockern gedämpft worden, eine entsprechende Dämpfung der

Hypertonie war durch Beta-Blocker angestrebt worden b/w. es war im

Extremfall das „Hrfolgsorgan" Magen herausgeschnitten worden.


links

Mit

Seine Krankheiten und Beschwerden waren nicht als Muster erkannt

worden, mit seinem zentralen Lehensproblem der

Aggressionshemmung bzw. Aggressionsunterdrückung umzugehen.

Noch viel weniger war gesehen worden, dass hieraus eine

hochdifferenzierte Symptombildung resultierte, die immer wieder

seine so früh behinderte Bedürfnisstillung zum Ziel hatte.

Während seines klinischen Aufenthaltes war der Patient mit vier

unterschiedlichen Hauptsituationen konfrontiert, mit denen er auf sein

körperliches Empfinden verwiesen wurde:

(1) Er fand in den Patienten der Psychosomatik Geschwister vor, die

er „wie ein Ding" zu instrumentalisieren suchte. Dahinter stand der

Wunsch nach Bemachtigung dieser Geschwister und gleichzeitig

die Sehnsucht nach einer Übereinstimmung mit ihnen. Dieser

Instrumentalisierung widersetzten sich die Mitpatienten und

verwiesen ihn auf eine Auseinandersetzung mit den Therapeuten.

Die hochkommende, streckenweise große Wut nahm er zunächst

nicht wahr. Vielmehr fühlte er sich verunsichert und angespannt,

Wirbelsäulenbeschwerden tauchten ebenso auf wie

Herzbeschwerden.

(2) Indem er seine Stationsärztin versetzte, drückte er von

vornherein ihr gegenüber eine Missbilligung aus: Sie werde ihm

doch nicht die verlässliche Stütze sein, die er brauche. Besser

schließe er sich den Geschwistern an. Das änderte sich dann, als er

nach erfolgter Untersuchung zunächst Antra wegließ und er in eine

Art Entzugssyndrom hineinkam. Hier erlebte er die Stationsärztin

trotz massiv zunehmender Bauchschmerzen zunehmend als

haltgebend.

(3) Anfänglich beschwerte er sich bei mir nicht. In mehreren

Gesprächen mit Mitpatienten, insbesondere mit einem jüngeren

Patienten im Alter des eigenen Sohnes fasste er dann jedoch den

Mut, mich um ein Gespräch zu bitten. In der Übertragungssituation

wurde ich zu einem schwer einschätzbaren Vater, der einerseits

jählings zum Aggressor, andererseits zum Verzeihenden werden

174


te_ _ ^ rechts

konnte. Mir gegenüber bestand /.unäehst größte Zurückhaltung und

zugleich wurde eine PseudoUnterwerfung praktiziert. Es kam /ur

Entwicklung in die günstige Richtung und die Schuldgefühle

konnten /um Thema werden.

(4) Die Auseinandersetzung mit den „internistischen" Patienten:

Eine erste solche Auseinandersct/ung fand zwei Tage nach dem

Gespräch mit mir statt. Er war abends vor das Eingangstor des

Klinikums gegangen und hatte eine Zigarette angesteckt. Plötzlich

begann ein Mitpatient zu sehimpfen: ,,Diese Scheißraucher

verpesten die Luft, es ist nicht auszuhalten.' 1 Herr A, wurde

unruhig. Er wollte dem Mitpatienten sagen, dass er sich ja an die

Regeln halte, d, h. vor dem Klinikum rauche, das könne niemand

verwehren. Er begann zu zittern und dann spürte er Wut. Er wollte

auf den Patienten zugehen. Aber etwas hielt ihn zurück. Er ging auf

seine Station zurück. Er musste sich hinlegen, weil er sich schwach

fühlte und Herzklopfen hatte. Dann fingen die Bauchschmerzen an,

die so unerträglich wurden, dass er sich fast an die Zeit der

Schmerzen während der Perforation erinnert fühlte. Allmählich

Hauten die Schmerzen ah und er schlief nach Mitternacht ein. Am

nächsten Morgen berichtete er in der Visite hiervon und bestätigte

dann auf eine entsprechende Nachfrage eines Mitpatienten seine

ungeheure Wut: Ja, er hätte dem Mitpatien(en am liebsten die

,,Fresse polieren" wollen. - Hier war ein unerhörter Durchbruch

affektiver Art erfolgt; Für sein Empfinden und Erleben erstmals

war es dem Patienten gelungen, Bauchschmerzen mit \Vui

zusammenzubringen.

7.4 Von der Huhne ins [.eben: Kontinuierliche Weiterarbeit mit

Hausarzt und Fach-Psychotherapeut

Die Szene vor dem Kliniktor eignete sich zur weiteren Bearbeitung: In

einer geradezu kindlich-naiven Weise hatte er seine Mitpatienten

davon überzeugen wollen, dass er Rechtmäßiges tue. Fast wie ein

Kind und gehorsamer Bub hatte er den Mitpatienten zu beruhigen

75


links

Mit

versucht statt zu sagen, dass es sein gutes Recht sei, die Zigarette /u

rauchen. Er hatte sich also von vornherein in seiner Bedürftigkeit

einschränken lassen.

Es wird nun in weiteren Schritten darum gehen, die alten Ziele einer

Psychotherapie zu verfolgen: Als Arzt möchte ich dem Patienten dazu

verhelfen, arbeits-, gcnuss- u. licbesfähig zu werden. Mit Sicherheit

wird Herr A. bei dieser Zielsetzung auf Grenzen stoßen, die er

schneller als andere in seinem Alter erreicht. Vielleicht wird er nicht

wieder arbeitsfähig werden und muss berentet werden. Wir haben uns

aber entschlossen, derzeit einen solchen Wunsch nach Berentung nicht

zu unterstützen. Vielmehr wird es darum gehen, ein Stück

Trauerprozess einzuleiten, das eben nicht alles erreichbar war, was er

sich für sein Leben vorgenommen hatte. Auf der anderen Seite hat er

zwei erwachsene Kinder und es ist die Frage, wie er sich auf sie und

mögliche Enkel wird einstellen können. Auch wird die Erage

anstehen, wie er sich auf Edith zu bewegen kann oder wie er sich von

ihr distanzieren wird.

Wichtig ist, dass es in einer entscheidenden Weise gelang, ihn sehen

zu lassen, wie Affekte und Körperbeschwerdcn zusammengehören

und beide dann massiv bemerkbar werden, wenn Grundbcdürfnissc

unerfüllt bleiben.

Als Herr A. entlassen wurde, war er nicht mehr der gefesselte Mann

wie zur Zeit der Aufnahme, hatte vielmehr das Antra abgesetzt und

überlegte sich, wie er sich wieder auf seine Geschwister zu bewegen

könne. Er sah sie nicht mehr „wie ein Ding", sondern als höchst

eigenwillige Menschen, mit deren Gefühlen er sich demnächst

genauer auseinandersetzen wolle. Er sah sich in der Lage, sich sowohl

mit dem Hausarzt zur Bedeutung von Symptomen wie mit dem

Facharzt für Psychotherapie zur Bedeutung von Konflikten

auseinander zu setzen.

176


te

rechts

8. Kpikrisc: Kriinknnj» als Beginn der Sinnfindun^

Herr A. ist in seiner 17-jährigen Leidensgeschichte der exemplarische

Eall für die der/eilige Unfähigkeit unserer Medi/in. mit den

Grundhedürfnissen von Patient wie Ar/t um/ugchen. Wäre es 1979/80

gelungen, auf die enttäuschten Autonomiebedürfnisse des Patienten

einzugehen, wären Ausgaben in sechsstelliger Höhe und noch mehr

wäre menschliches Leiden in hohem Maße zu vermeiden gewesen.

Die Geschichte von Herrn A. kann uns da/u verhelfen, sehr viel

genauer /u sehen, wie aussagekräftig Symptome sind und immw die

Lchcnssituatioti des Patienten widerspiegeln.

Sie verweist gleich/eilig darauf, dass wir insgesamt in unseren

Krankenhäusern wie Praxen umdenken und gleich/eilig unsere

Arbeitsabläufe umstrukturieren müssen. Der niedergelassene Ar/t

braucht die Möglichkeit, laufend epikritisch (BRUCKS 1998)

Verläufe /usamme n/u fassen. Krankenhausär/te müssen sich in

integrierten, interdis/iplinären Fallhesprechungen treffen können. In

Praxen und Krankenhäusern gemeinsam wird es nötig, Kon/epte im

Sinne eines situativ-körperlichen Neuempfindens /u schaffen.

Hs wäre dann möglich /u sehen, dass das Hauptproblem in der 17-

jährigen Krankengeschichte von Herrn A. Kränkungen sind. Er selbst

ist in seinem Leben /.utiefst gekränkt worden. Diese Kränkungen

erwartet er in jeder Begegnung. Begegnungen werden nach diesem

Muster konstelliert. Als Är/te erwarten wir, dass wir von diesen

Konstellationen ausgenommen werden. Wie hätten wir sie auch

verdient

Auf bewusster Ebene tut der Patient alles, uns als Är/te in dieser

Einschät/ung entgegenzukommen. Er fesselt sich selbst, indem er uns

als Är/te ein bestimmtes Symptom anvertraut, damit wir es handhaben

können. Br sucht gerade/u die für uns passenden Farben der Fesseln

aus, damit wir zugreifen. Unbewusst sieht er sich wie Gulliver - selbst

177


links

Mil

ein Riese, doch hilflos angesichts der vielen Zwerge. Wir sind die

Zwerge, die ihre eigene Angst verlieren. Das ist die Kränkung, die /ur

latrogenie führt. Wird sie überwunden, führt sie in die Autonomie. Ich

möchte dafür plädieren, dass die Arbeit der Anamtiesegruppen als der

Ort gesehen wird, der Kränkung verstehen hilft und zur Ent-Fcsselung

unserer Ressourcen führt.

W. Schüffei

Literatur:

ßrucks, U. (1998): Salutogenese - der nächstmögliche Schritt in der

Entwicklung medizinischen Denkens

in: W. Schüffcl, U. Brucks, R. Johnen et al (Hrsg.): Handbuch

der Salutogenese, Ullstein-Medieal Wiesbaden 1998

Casey, E. (2000): Ethics of the Glance; Vortrag anlässlich der

Eröffnung des Collegium Philosophiae Transatlanticum (CPT),

Stony Brook, Univ. NY, Long Island, N. Y., USA

Schüffei, W., Brucks, U. (1998): Ein Mann der schwanger wurde und

spielen lernte in: a.a.O.

W. Schüffei (2000): Welche Möglichkeiten eröffnen

psychosomatische Belegbetten Vortrag anlässlich einer

Fortbildungsveranstaltung, Klinik Psychosomatik u.

Psychotherapie, Benjamin-Franklin-Klinikum der Freien

Universität Berlin, Berlin 27.11.2000

178


te

rechts

Diagnosentabelle hei Herr A.:

1979 Uleera duodeni et ventriculi

1980 Z. n. Billrolh II; nach selektiver proximaler Vagotomie

198 l funktionelle Oherhauchheschwerdcn

1982 funktionelle Unterhauchheschwerdcn

1990 funktionelle Hcr/kreislaufbeschwerdcn

1990 Panikattacken

1991 depressive Reaktion

1994 Spondylolisthesis, Z, n. Versteifungs-Operation;

1994 PTSD

1994 Krektions verlust; Impoten/

1995 Hypertonie

1995 Sensihilitätsstörungen rechte Wade; L5/S1 Kompression -

Konversionssymptomatik!

Zwölf Diagnosen und eine Grund-Beschwerde: Leugnung der

Aggression hei sich/in der Medizin als Kollusionsphänomen.

W. Schüffei. Marburg

179


links

Mit

Hermann Delbruck

Darmkrebs

fof ;;,-)•/ Hilft- f.ir ft-fr ••Um-'

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ISBN 3 17016528 3

Psythcanaiv^Lhe l^n^eubeh.indlungt'n jr.d die dair.it vi.Tb.ir,

rfc'ne kiir.iscr.i; Forschung bilden ein unver/xlilbare Quelle von

l : :;isiL':ilcn 1.1 die unbew-Lssten Determinanten seei:schen Leidens

:ind psyc:i:meur»::scher Syrr.pic^.bildLngcn. Anhand erster

Rev.iliaie gegenwärtiger deuLscher sowie internationaler Untprsu

ihun^en von [.angzeit Psychotherapien, ''u.a. «n:s der r'PV-Katamni'se'Sl'.)d:ei

bietet das Buch einen hervorragenden IJberblick

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scinaftiicine Auffassungen der klinischen und empirischen i-or-

•Khi.r.ä in der heutiger. Psychoanalyse.

K Name. Vornan*

Kohlhammer


le

rechts

Danke an.»

... Frau Bergmann von der Är/tekammer Schleswig - Holstein,

die uns wichtige finan/.ielle Mittel geschenkt hat,

... den AStA und den Fachhereich Medi/in, die das auch

gemacht haben,

... die Inserentinnen für ihre l'inan/ielle Unterstüt/ung,

... Chi Mei, die uns den gan/en Kram vom let/ten Jahr

überließ und wertvolle Tipps gab,

... den Fachschaftsrat für den Redaktionsraum und die

Computer,

,.. alle Autorinnen, ohne die es das POM 18 nicht gäbe,

... Herrn Bode vom Mabuse - Verlag,

... die nette Put/fruu, die unseren Siff ohne Kommentar

beseitigt hat,


l m k s _______ Mit

... die groLVügigen Damen von der UKE - Mensa, die uns

immer anstandslos Geschirr gegeben haben,

... die gesamte Redaktion, die sich den Arsch aufgerissen hat,

... Shudi für den Sandwichmaker,

... Philipp und Kristian fürs Einholen,

...Cathrin und Nina für ihre verdammt langen Überstunden am

Montag,

... alle unsere Freundinnen, die uns eine Woche lang vennisst

haben.

82


IPPNW

internationale Arzt» för die

Verhütung des Atomkrieges,

Ärzte In sozialer Verantworiun» e.V.

"dast ob« O«**8»C*»öt sich scheinbar

ten ungenftyr«« 8e4rohungen aussetzt,

anstatt §ir« Kräfte entschlossen zur kooperativ«»

Überwindung von Konfilkten,

zum gemeinsamen nachhalfigen Schutz

der verletzlichen ieb£nSbeälngungen

und zu einer lustvöBßft kreativen Weiterentwicklung

der Kultur zu konzentrieren

Wie also können wir miteinander «in

In diesem Sinne v«fiÖflWgw#* Mnd

gedeihlicheres G»i«ndne8*ve«tWlten

ertemen"

tm dem Kpnflrew "(Kultur


Verantwortungsvolle Medizin

kann sich nicht auf Praxis und Klinik beschränken

Krankheit ist ohne Politik nicht heilbar

Stimmt! Sagen Sie.

Dann brauchen wir Sie im verein demokratischer arztinnen und drzte. Denn wir müssen wachsen, um

unsere demokratische Berufspolitik gegen egoistisches Standesgebaren durchsetzen zu können.

Wir wollen:

Gleiche Chancen zur Gesundheit für alle.

Partnerschaft mit Patientinnen und

Patienten statt professionelles Diktat.

Kollegialität statt Hierarchie.

Solidarität statt Gruppenegoismus.

Verteidigung unserer legitimen Interessen:

sichere Existenz ohne Angst vor Arbeitslosigkeit

oder Konkurs und berufliche Erfüllung

frei von kommerziellen Erwägungen statt

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Wir meinen:

Ethische Fragen dürfen nicht länger in Kommissionen

ghettoisiert werden.

Die Rolle der Kammern und Kassenärztlichen

Vereinigungen, der Pharma- und

Geräteindustrie muß kritisch hinterfragt

werden.

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nicht länger ein Schattendasein führen.

Die unkritische Überstülpung des westlichen

Gesundheitssystems auf die Neuen Länder

war ein großer Fehler. Nutzen wir die historisch

einmalige Erfahrung in zwei Gesundheitswesen.

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im sozialen, humanen und demokratischen

Sinne neu zu prägen.

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PHILOSOPHIE UND ETHIK

IN DER MEDIZIN

n_

Klaus Dorner

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Lehrbuch der

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Welcher Arzt will nicht ein .guter Arzt" sein

Denken und Handeln jedes Arztes sind darauf

ausgerichtet und von einer unausgesprochenen

Grundhaltung geprägt. Das Bestreben,

ein guter Arzt zu sein, kann man nicht

lehren, es hat aber bessere Chancen auf

Verwirklichung, wenn man es sich bewussl

macht, wenn man es erfahrungswissenschoftlich

umschreibt und in seinen Perspektiven

und Zusammenhängen entfaltet. In diesem

Sinne will das Buch ein Lehrbuch - eine

Hilfe zum praktischen ärztlichen Handeln -

sein. Und es dürfte das erste Buch m deutscher

Sprache sein, das versucht, einen Problemkomplex

mit Hilfe der Philosophie von

Emmanuel Levinas zu klären.

Von daher wird als Voraussetzung zu

einer guten zwischenmenschlichen Beziehung

zunächst der Gedanke zugrunde

gelegt, dass es z.B. nicht Aufgabe des Arztes

ist, den Anderen besser zu verstehen, sondern

dass es Aufgabe ist, seine Beziehung

vom Anderen her so zu gestalten, dass der

Andere sich selbst besser versteht. Aus diesem

Gedanken wird die Grundhaltung zu

einer zwischenmenschlichen Verantwortung

entwickelt, die aus Sorge um sich selbst wie

um andere entsteht, die aber das Arztsein

nicht vom Arzt her, sondern zunächst vom

Anderen - vom Patienten, vom chronisch

Kranken, von Angehörigen und schließlich

von der lebendigen Gemeinde - her begreift.

Vor diesem Hintergrund werden sowohl

das Gebot der ärztlichen Selbstbegrenzung

in Praxis, Krankenhaus und Selbstverwaltung

als auch die Chance der moralischen Selbstbelreiung

ärztlichen Handelns im Umgang

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Für alle Arzte, aber auch Angehörige der

Pflegeberufe sowie der anderen Gesundheitsund

Sozialberufe, schließlich für alle, die an

Medizinethik interessiert sind.

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