Handelsblatt_20.8.2013 - VAN HAM Kunstauktionen

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KÜNSTLERNACHLÄSSE

Kampf um Ressourcen

von Christiane Fricke

20.08.2013, 15:26 Uhr

Das Kölner Auktionshaus Van Ham hat ein neues Geschäftsfeld entdeckt: die Vermarktung und Verwaltung

von Künstlernachlässen. Ein Künstler muss im Markt präsent sein, argumentiert es. Das sei die beste

Werbung für ihn. Spezialisierte Archive denken dagegen zuerst an den Erhalt des Lebenswerks und den

Zugang für spätere Generationen.

Blick in das Depot des Van Ham Art Estate in Köln

Quelle: Van Ham Art Estate

Köln. Künstlerische Oeuvres gelangen in den überwiegenden Fällen zu Lebzeiten nicht komplett in private

Sammlerhände oder Institutionen. Was übrig bleibt, wird von den Erben gehütet, vermarktet oder gestiftet und

geschenkt. Wie glücklich sie dabei operieren, ist maßgeblich von der Bereitschaft abhängig, sich sorgfältig

über die Bedeutung des Künstlers und die Vermarktungsmöglichkeiten zu informieren. Im Regelfall sind Erben

gut beraten, mit einem erfahrenen Galeristen zusammenzuarbeiten, der mit seinem Programm und

Kennerschaft eine langfristige Begleitung gewährleistet. Inzwischen schaffen jedoch die Preisentwicklungen,

Nachschubprobleme und Neubewertungen eher unbeachteter Künstler neue Anreize, andere Wege der

„Verwertung“ zu gehen.

In diese Situation fällt die Gründung des Van Ham Art Estate. Das so titulierte Geschäftsfeld des Kölner

Versteigerers hat sich die umfassende Verwaltung und Vermarktung künstlerischer Nachlässe ins Programm

geschrieben. „Manche Künstler geraten deshalb nach ihrem Tod in Vergessenheit, weil oftmals das Know-how

für ein adäquates Management bei den Erben fehlt“, erläutert Eisenbeis sein Konzept, das im

Auktionsgeschäft bislang nur ausnahmsweise und mit Einschränkungen praktiziert wird.

"Eine logische Entwicklung"

Van Ham geht nicht ganz unvorbereitet an seine neue Dienstleistung heran. Seit Ende der 1990er-Jahre

verwertet das Unternehmen bereits den Nachlass der Fotokünstlerin Tata Ronkholz (1940-1997) und seit

2005 arbeitet man mit den Erben des Malers Karl Hofers (1878-1955) zusammen. In diesem Fall hat das

Auktionshaus auch für das Erscheinen des Werkverzeichnisses gesorgt. Jüngster Zugang ist die

Hinterlassenschaft des Malers Karl Fred Dahmen (1917-1981). „Wir bauen unsere Erfahrungen einfach aus.

Das ist eine logische Entwicklung“, findet der Versteigerer.

Im Fall Dahmen freut sich Eisenbeis über das bereits vorhandene Werkverzeichnis der Gemälde, den guten

Überblick über die Papierarbeiten und einen perfekt sortierten schriftlichen Nachlass. Außerdem gebe es noch

ein umfangreiches Konvolut sehr qualitätvoller Arbeiten des kürzlich verstorbenen Fotografen Robert Häusser,

der Dahmen zeitlebens fotografisch begleitete. Und eine Retrospektive ist auch schon in Planung: 2017 zum


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100. Geburtstag des Künstlers im Leopold-Hoesch-Museum in Düren.

Das zweibändige Werkverzeichnis Dahmen ist im Internet leicht zu finden. Erarbeitet wurde es von der Galerie

Boisserée in Köln, die sich auf Nachfrage „maßlos enttäuscht“ über die Entwicklung äußert. 15 Jahre hätte sie

den Nachlass in Zusammenarbeit mit dem Sohn Dahmens betreut. Jetzt kümmere sich die Enkelgeneration

um die Hinterlassenschaft. Um sämtliche Werke und Archivalien übernehmen zu können, hätte die Galerie

eigens Räume anmieten müssen. Das kam nach Angaben von Johannes Schilling nicht in Frage.

Aufnahmeprüfung im Karl Fred Dahmen-Archiv des Van Ham Art Estate.

Quelle: Van Ham Art Estate

Vorauswahl durch den Staat

Auktionshäuser greifen bei Künstlernachlässen in der Regel nur unter besonderen Voraussetzungen zu. So

vermarktet das Münchner Auktionshaus Karl & Faber bereits seit den 1970er-Jahren den Nachlass des

Malers Theodor Werner (1886-1969) und seit den 1990er-Jahren den Nachlass des auf Enten spezialisierten

Malers Alexander Koester (1864-1932). Beide Nachlässe übernahm Karl & Faber allerdings vom Freistaat

Bayern, der seinerseits einen Kernbestand für seine Sammlungen behielt, den Rest aber verkaufen durfte. Im

Fall des Expressionisten Adolf Erbslöh verlegt Karl & Faber lediglich das soeben in Angriff genommene

Werkverzeichnis.

Rupert Keim, Inhaber und Geschäftsführer von Karl & Faber, geht das Thema Nachlässe nur mit Vorsicht an.

Er weiß, dass die Investition einen langen Zeithorizont verlangt und mehr als nur das gezielte Platzieren von

Werken im Handel umfasst. Das ist besonders wichtig, wenn ein Künstler sich zu Lebzeiten schwer oder gar

nicht auf dem Markt durchsetzen konnte. Um ein Werk bekannt zu machen, muss es ausgestellt und

dokumentiert werden. Im Fall Werner kann Rupert Keim immerhin auf ein halbes Dutzend

Verkaufsausstellungen und einige Kataloge verweisen. Museumsausstellungen seien zwar unterstützt, aber

nicht selber veranlasst worden.

Dokumente und Papierarbeiten von Karl Fred Dahmen im Archiv des Van Ham Art

Estate

Quelle: Van Ham Art Estate

„Wer bindet sich die Arbeit ans Bein“


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Keim ist der Ansicht, dass eine verantwortliche und umfassende Nachlassbetreuung die Möglichkeiten eines

Auktionshauses übersteigt. „Die Frage ist, wer bindet sich die Arbeit ans Bein Wir sind ja keine Galerie“, gibt

er zu bedenken. Markus Krause, geschäftsführender Gesellschafter des Berliner Auktionshauses Villa

Grisebach, verweist in diesem Zusammenhang auf die Mehrarbeit, die das Vermitteln von Ausstellungen an

Museen, der damit zusammenhängende Leihverkehr und die Zusammenarbeit mit Händlern verlangt.

Eisenbeis selber greift in der Startphase seiner neuen Unternehmung auf die eigene Infrastruktur, Marketing,

Depot und Personal zurück. Investiert hat er vor allem in das digitale System zur Archivierung von

Museumsbeständen. Die vom Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte, Bildarchiv Foto

Marburg, mit Hilfe der Volkswagen-Stiftung entwickelte HIDA-Software nutzt auch der Kölner

Museumsverbund, an den Van Ham nun auch angeschlossen werden soll. Um die Werkverzeichnisse auf dem

neuesten Stand zu halten, richtet der Versteigerer regelmäßig Anfragen an andere Auktionshäuser, holt

Zustandsberichte neu aufgetauchter Werke und Bildmaterial ein. Außerdem gründete Eisenbeis im Fall Hofer

ein Komitee, das über die Aufnahme in das Werkverzeichnis entscheidet.

Herbert Böttger in seinem Atelier, 1928. Fotograf unbekannt, Nachlass Herbert

Böttger, RAK

Quelle: Rheinisches Archiv für Künstlernachlässe, RAK, Bonn

Begraben im Museum

Der Unternehmungsgeist, mit dem der Van Ham-Chef an sein Projekt herangeht, macht Staunen. „Ein Künstler

muss im Markt präsent sein.“ Das sei die beste Werbung für ihn, sagt Eisenbeis. Ein Nachlass, der im

Museum lande, sei so gut wie begraben.

Auf der anderen Seite muss immer gefragt werden, was über die „Verwertung“ hinaus für den Künstler getan

wurde. Gab es seit der Nachlassübernahme wichtige Einzelausstellungen Befinden sich kunsthistorisch

relevante Werke oder ein Kernbestand im Museum Wurde der schriftliche Nachlass professionell

verzeichnet, archiviert und auf lange Sicht zugänglich gemacht, so wie es am Rheinischen Archiv für

Künstlernachlässe in Bonn (RAK) oder am Deutschen Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum

Nürnberg praktiziert wird

Für Eisenbeis hat sich die Arbeit etwa mit dem Ronkholz-Nachlass bereits ausgezahlt. 600 DM habe er für

eine dreiteilige Fotoarbeit zu Beginn seiner Nachlassvertretung erzielt; heute kämen Einzelarbeiten bereits auf

mehr als 2.000 Euro, rechnet der Kölner Auktionator vor.


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