Kalmia latifolia L. / Berglorbeer

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Kalmia latifolia L. / Berglorbeer

Kalmia latifolia L. / Berglorbeer

Niemand in Nordamerika würde es wagen,

sein frisch zubereitetes Ragout mit Berglorbeer

zu würzen, denn dies könnte höchst gefährlich

werden. Der Berglorbeer (Kalmia latifolia)

besitzt nämlich in seinen Blättern

hochgiftige Stoffe und hat mit dem eigentlichen

Lorbeer (Laurus nobilis), der den Lorbeergewächsen

(Lauraceae) angehört, nichts

zu tun. Kalmia latifolia dagegen ist ein Heidekrautgewächs

(Ericacea) und wird im Volksmund

Berglorbeer, Amerikanischer Lorbeer

oder Lorbeerrose genannt. Die Pflanze erhielt

ihren Namen in Erinnerung an den Professor

der Naturwissenschaften in Abö, Peter Kalm

(1715 –1779). Die Bezeichnung „latifolia

nimmt Bezug auf die breitblättrigen Laubblätter.

Der bis 1 m hohe Strauch ist im östlichen

Nordamerika und in Kanada beheimatet. Seine

Kalmia latifolia L. / Berglorbeer

Blätter sind eiförmig, während die rötlichen

Blüten in blattachselständigen Scheinwirteln

stehen, welche dem Sumpfporst (Ledum palustre)

etwas ähnlich sehen. Die Knospen sind

tütenförmig gefaltet. Wie alle Ericaceen bevorzugen

auch die Kalmia-Arten einen nährstoffreichen,

sauren Boden. Eine Varietät ist Kalmia

latifolia Clementine, eine edle Sorte, mit

tiefrosafarbenen Knospen; ihre zweifarbenen

Blüten sind innen dunkelrosa und außen malven-

bis rosafarben.

Kalmia latifolia ist seit 1807 im Kirchhorster

und im Altwarmbüchner Moor, nördlich

von Hannover, eingebürgert. Anscheinend

sind die Samen von Vögeln dorthin verschleppt

worden. Im Übrigen findet man die

Pflanzen in verschiedenen botanischen Gärten

Europas.

Abb. 186: Der Berglorbeer aus Nordamerika besitzt hochgiftige Stoffe und hat mit dem Lorbeer nichts zu tun.

Vonarburg, Homöotanik Band 4. Extravagante Exoten (ISBN 3830470290) © 2001 Haug Verlag

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Arzneipflanzen

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Abb. 187: Die tiefrosafarbenen Blütenknospen von Kalmia

latifolia sind tütenförmig gefaltet.

In Nordamerika heißt die Pflanze lambkill,

weil sie häufig tödliche Vergiftungen bei Rindern

und Schafen hervorruft. Auch für Pferde

soll der Genuss der Pflanze sehr schädlich

sein, während jedoch Hirsche und Fasane sie

gut vertragen. Des Weiteren wurde beobachtet,

dass in Pennsylvania in der Nähe von Philadelphia

Bienen aus den Blüten des Berglorbeers

einen giftigen Honig sammelten.

Kalmia in der Pflanzenheilkunde

In der amerikanischen Phytotherapie werden

die Blätter des Berglorbeers in fein abgestimmten,

vorsichtigen Dosierungen als narkotisches

und adstringierendes Mittel bei Durchfall

und Psoriasis eingesetzt. Äußerlich dient

der stark verdünnte Extrakt zur Behandlung

von Herpes-Erkrankungen.

Vergiftungen

Die Blätter von Kalmia latifolia enthalten den

Giftstoff Andromedotoxin, zusammen mit Arbutin,

Asebotoxin und Phlorrhizin. Vergiftungen

beim Menschen rufen Erbrechen, Durch-

fall mit Kollaps, Benommenheit, Gefühllosigkeit,

Konvulsionen, Gliederschmerzen und

starkes Gesichtsreißen hervor. Ferner greift

das Toxin auch das Zentralnervensystem an,

ähnlich wie Strychnin, jedoch etwas schwächer.

Das Herz wird dabei geschädigt, vor allem

kommt es zur Verlangsamung der diastolischen

Phase bis zum systolischen Stillstand.

Kalmia latifolia in der

Homöopathie

Kalmia latifolia wurde 1835 von C. Hering in

die Homöopathie eingeführt. Die Urtinktur

wird aus den frischen Blättern hergestellt. Das

Mittel ist vor allem in Betracht zu ziehen,

wenn eine Symptomenverbindung von Rheuma

(Gicht) und Neuralgie vorliegt wie bei spig.,

Abb. 188: Kalmia angustifolia (Schmalblättriger Berglorbeer)

ist ein Verwandter von Kalmia latifolia (Breitblättriger

Berglorbeer).

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cimic. und berb. mit ausgeprägter Tendenz der

Schmerzen, von oben nach unten zu ziehen.

Ferner wird Kalmia eingesetzt, wenn vorausgehende

Infektions- und Rheuma-Erkrankungen

(Arthritis) Herzstörungen (Metastasen)

verursacht haben,

sei es Endo-, Myo-, Perikarditis,

Herzklappenfehler, Herzhypertrophie

oder Herzinsuffizienz.

Es bestehen heftige, wandernde, rheumatische

oder neuralgische Schmerzen (nehmen

den Atem) in der Herzgegend bis zur Schulter,

in den Rücken und zur linken Hand hinabziehend

mit Taubheit im linken Arm.

Gleichzeitig

macht sich ein starkes Herzklopfen (beim

Vornüberbeugen) bemerkbar, sichtbar bis zum

Hals, mit Verlangsamung des Pulses.

Oft sind

die Herzbeschwerden mit Nierenstörungen

(Albuminurie)

verbunden, wobei Kalmia als

Palliativum eingesetzt wird.

Bei Rheuma in den Muskeln, Sehnen, Gelenken

und Nerven wechseln die blitzartig auftretenden

Schmerzen plötzlich die Stelle, gehen

von Ort zu Ort und wandern von oben nach

unten wie cact. (led. von unten nach oben).

Häufig werden die Beschwerden durch Übelkeit

und langsamen Puls begleitet,

während sie

sich bei Bewegung verschlimmern.

Das Mittel wird auch bei rheumatischer Iritis

und Skleritis eingesetzt, wobei die heftigen

Schmerzen bei geringster Bewegung der Augen

verstärkt werden.

Außerdem ist es bei rechtsseitiger Gesichtsneuralgie

(spig.: links) mit Beteiligung der

Augen (Steifheit) und außerordentlich starken

Schmerzen, die zu den Zähnen ausstrahlen

(Kälte bessert), wie auch bei interkostaler

Neuralgie (Brustschmerzen strahlen in den linken

Arm hinab), indiziert. Des Weiteren ist

Kalmia ein bewährtes Mittel bei lästig wiederkehrenden

Kopfschmerzen, die mit der Sonne

im Tagesablauf erscheinen und mit dem Sonnenuntergang

(bewölkter Himmel besser) verschwinden.

Die Schmerzen ziehen oftmals

vom Rücken und Nacken zum Kopf und strahlen

bis in die Zähne hinab (Hitze und Bewegung

verschlimmern). Letztlich kuriert es auch

Kopfschmerzen kardialen Ursprungs.

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Leitsymptome:

Woran die Kalmia-Konstitution

zu erkennen ist

Es ist zu beachten, dass Kalmia-Schmerzen bei

Rheuma, Herzbeschwerden, Neuralgien oder

Kopfweh oft so stark sind, als ob ein Nerv von

einer Zange erfasst und in Stücke gerissen

würde.

Vielfach wandern sie von Ort zu Ort

und ziehen von oben nach unten; ferner nehmen

sie bisweilen mit der Sonne zu (können

auch nachts auftreten). Beim Liegen auf die

linke Seite treten Brustschmerzen oder Herzklopfen

in Erscheinung. Der Kranke fühlt sich

in der Ruhe relativ gut,

aber sobald er sich bewegt,

kommt es zu Schwindel und bei weiterer

Bewegung sogar zu Übelkeit und Erbrechen.

Auffallend für Kalmia ist außerdem eine gewisse

Steifheit um die Augen und Augenlider

herum.

Psychische Verhaltensweisen

Im psychischen Verhalten fällt die Kalmia-

Konstitution durch Nachlassen der mentalen

Fähigkeiten, insbesondere bei Bewegung oder

beim Bücken auf. Der Patient ist unfähig, bei

körperlicher Betätigung zugleich geistige Arbeit

zu verrichten. Dies gelingt ihm nur in der

Ruhe, meistens in Rückenlage. Überhaupt besteht

bei ihm eine große Abneigung gegen intellektuelle

Arbeit.

Das Gesicht besitzt einen ängstlichen, fahlen

(manchmal rötlich gefärbten) Ausdruck.

Oft hat der Erkrankte Angst angesprochen zu

werden. Auch fürchtet er sich vor der Zukunft.

Mitunter zeigt er einen eigensinnigen, starrund

dickköpfigen, mürrischen und launischen

Charakter. Schlafwandeln und Sprechen im

Schlaf sind weitere Merkmale für die Kalmia-

Konstitution.

Absonderliche Beschwerden:

Kalmia latifolia

Schlaf:

• Schlaflosigkeit durch Knochenschmerzen

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Abb. 189: Kalmia verbindet in der Homöopathie Rheuma (Gicht) und Neuralgien mit charakteristischen Schmerzen,

welche von oben nach unten ziehen; außerdem kommt die Arznei zur Wahl, wenn Infektionen oder Rheuma Herzstörungen

verursachen. Es bestehen wandernde Schmerzen, welche oft blitzartig den Ort wechseln.

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Kopf:

• neuralgische Kopfschmerzen, die mit der

Sonne kommen und gehen

• täglich wiederkehrende Kopfschmerzen im

Anschluss an Herzerkrankungen

• Knacken und Knistern im Kopf, gefolgt von

Ohrgeräuschen wie von einem Horn

Augen:

• Gefühl der Steifigkeit in den Augen (Lider,

Augapfel, Augenmuskeln)

• starres ziehendes Gefühl bei Augenbewegungen

• Augenschmerzen, die mit der Sonne kommen

und gehen

• Augenschmerzen bessern sich durch reichliches

Urinieren

• Augenschmerzen bei Drehen der Augen

• vorübergehende Blindheit beim Blick nach

unten oder beim langen Sitzen

Ohren:

• Geräusch wie von einem Horn oder Zischen

eines Hornes

Gesicht:

• rechtsseitige Trigeminusneuralgie, den Nerven

entlang nach unten ziehend und mit Beteiligung

der Augen

Gesichtsneuralgie mit Herpes


Mund:

• metallischer Geschmack

Zähne:

• ziehende, neuralgische Schmerzen von den

Zähnen in den Kiefer und in die Gesichtsknochen

Zahnschmerzen wie ein bloßgelegter Nerv


Herz:

• langsamer Puls bis 32 Schläge pro Minute

• beschleunigter, tumultöser Puls, sichtbar bis

zum Hals

• Herzklopfen im Liegen auf der linken Seite

oder beim Vorwärtsbeugen

• Herzklopfen besser im Liegen auf dem

Rücken oder beim Aufrechtsitzen

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Magen:

• Gefühl von Stein im Magen, insbesondere

beim Bücken

Erbrechen wird durch Wein besser

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Bauch:

• glühendes Gefühl im Oberbauch

Genitalien:

• Ausbleiben der Menses mit neuralgischen

Schmerzen im ganzen Körper

Haut:

• Neuralgie nach Herpes

Glieder:

• Knacken der Gelenke (rot, heiß, geschwollen)

• Gliederschmerzen springen auf das Herz

über

Rücken:

• neuralgische Schmerzen in der Lendengegend

und Wirbelsäule nach unten schießend

Besser:

• Liegen auf dem Rücken, Ruhe, Aufrechtsitzen

Schlechter:

• Sonne, Liegen auf der linken Seite, Vorwärtsbeugen,

Abwärtssehen, Bewegung

Besondere Anzeigen:

• Augenleiden im Anschluss an Nierenerkrankungen

Herzfehler nach Rheuma


Hauptindikationen:

• Angina pectoris, Endo-, Myo-, Perikarditis,

Herzbeschwerden nach Infektionskrankheiten

oder Rheuma durch Unterdrückung und

toxischer Streuung der Infektionsherde,

Rheuma, Arthritis, Gicht, Myalgie, interkostale

Neuralgie, Trigeminusneuralgie,

Kopfschmerzen, Schwindel, Iritis, Skleritis

Vergleiche:

• acon., spig., cact., verat., apoc., bry., dig.,

rhus-t., led., gels., rhod., benz-ac., colch.,

abrot.

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