Konferenzreader Frauen und Entwicklung - Marie-Schlei-Verein eV

msv.quadratur.webdesign.de

Konferenzreader Frauen und Entwicklung - Marie-Schlei-Verein eV

Marie-Schlei-Verein e.V.

Hilfe für Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika

Assistance for Women in Africa, Asia and Latin Amerika

FRAUEN UND ENTWICKLUNG


INHALT

Frauen und Entwicklung

Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-Plath

Heidemarie Wieczorek-Zeul

Mechtild Rothe

I. Die globalisierte Frau in Wirtschaft und Arbeitsmarkt

Elke Herrfahrdt-Pähle

Margret Mönig-Raane

Dr. Birte Rodenberg

Tran Thi Anh Thu

Dr. phil. Monika Wulf-Mathies

II.

Nahrungsmittelkrise – Eine Herausforderung für Frauen aus dem Süden

Marie Ganier-Raymond

Gabriele Groneberg

Bernadine Ndaboine

Noumounin Tounkara

III. Bilanz und Perspektiven für Gender und Entwicklung im Zeichen der Millenniumsentwicklungsziele

der Vereinten Nationen

Prof. Dr. Claudia von Braunmühl

Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-Plath

Arbeitsgruppe Gender VENRO

Ayndavi Kshanika Weeratunge

Konferenzreader zur Konferenz

FRAUEN UND ENTWICKLUNG

20. Juni 2009 im Baseler Hof, Hamburg – 10 Uhr bis 17:30 Uhr

Veranstalter: Marie-Schlei-Verein e. V.

Unterstützung: Diese Broschüre wurde erstellt mit finanzieller Unterstützung

des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und

Entwicklung (BMZ).

Herausgeber des Readers und ViSdP:

Marie-Schlei-Verein e. V.

Vorsitzende: Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-Plath

Heinrich-Barth-Straße 1, 20146 Hamburg

Tel.: +49-(0)40-4149-6992, Fax: +49-(0)40-4149 6993

marie-schlei-verein@t-online.de, www.marie-schlei-verein.de

Fotos: Die Fotos in dieser Broschüre stammen aus den Projekten des Marie-Schlei-Vereins


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-Plath

W

Wer weiß, vielleicht ist es das, was das 21. Jahrhundert auf Lager hat, die Demontage des Großen.

Große Bomben, große Staudämme, große Ideologien, große Widersprüche, große Länder, große

Kriege, große Helden, große Fehler. Vielleicht wird es das Jahrhundert der kleinen Dinge sein, meint

die indische Schriftstellerin Arundhati Roy. Für alle ist heute die zunehmende Ungleichheit zwischen

Ländern und Gesellschaften wie auch innerhalb der Gesellschaften allerdings eine große Herausforderung.

Das gilt in besonderem Maße für die Frauen.

Frauen in Entwicklungsländern sind von der Energie- und Nahrungsmittelkrise, von der Finanzmarkt-

und Wirtschaftskrise am meisten betroffen, obwohl sie für die Krisen und ihre Auswirkungen

nicht verantwortlich sind. Wenn Billionen an Steuergeldern in die Rettung maroder Banken und Firmen

gesteckt werden, der US-Militärhaushalt mehr als 500 Milliarden US-Dollar verschlingt, ist es nicht

einsehbar, dass Milliarden Menschen in absoluter Armut leben, 950 Millionen Menschen hungern. Die

Krise riskiert zu einer sozialen und menschlichen Krise ohne Beispiel zu werden. Die menschliche

Sicherheit steht auf dem Spiel. Gerade deswegen muss es auch in Zukunft Entwicklungszusammenarbeit

geben. Wenn heute mehr Menschen hungern als in den vergangenen 20 Jahren und die Zahl der

in absoluter Armut lebenden Menschen wieder steigt, wird die Forderung nach einer solidarischen Welt

immer dringlicher. Dabei wird eine starke Genderperspektive gebraucht.

Sri SRI LANKA Lanka

Frauen im Ausbildungszentrums Galle, Sri Lanka, das vom Marie-Schlei-Verein e.V. und Agromart errichtet wurde, und

Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-Plath

Es ist nicht hinnehmbar, dass Entwicklungsländer trotz der massiven Auswirkungen der Krisen

keinen Anteil an den Rettungsschirmen erhalten und die öffentliche Entwicklungshilfe der OECD-

Staaten noch nicht einmal 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts erreicht. Selbst dieses Ziel ist trotz der

vielen feierlichen Versprechungen gefährdet. Sicherlich, Geld ist nicht alles, aber ohne Geld geht es

nicht, ohne mehr Geld sind die Millenniumsziele der Vereinten Nationen von Armuts- und Hungerbekämpfung,

Geschlechtergerechtigkeit und Stärkung der Frauen, Seucheneindämmung, Steigerung von

Schulbesuch und Alphabetisierung, Umwelt- und Klimaschutz, sicherer Trinkwasserversorgung und

2


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

Verringerung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit nicht zu erreichen. Wir brauchen eine wirksamere

Entwicklungszusammenarbeit als bisher, Entwicklungszusammenarbeit wird weiterhin gebraucht, sie

fördert Entwicklung und stiftet sozialen Frieden.

Wir leben in Einer Welt. Gewalt und Ungerechtigkeit sind nahe beieinander. Wir erleben, dass die

Krisen auf dem Energie-, Nahrungsmittel-, Finanz- und Wirtschaftsmarkt alle Frauen ärmer machen

und zur Verteilungsungerechtigkeit weltweit beitragen. Deswegen muss es Auswege aus der Krise geben

und die Frage stellt sich, wer antwortet endlich den Frauen Schließlich sind sie 70 Prozent der „working

poor“, verdienen weltweit 17 Prozent weniger als Männer haben das Mehrfache an Arbeitsstunden,

aber nur zehn Prozent des Welteinkommens und zwei Prozent des Weltvermögens.

Frauen müssen weltweit beobachten, dass Fortschritt in Richtung Geschlechtergerechtigkeit immer

langsamer verläuft. Frauenförderung scheint ein altmodisches Konzept zu sein, entspricht aber Geist

und Philosophie der Peking-Aktions-Plattform 1995, die Gendermainstreaming und Frauenförderung

als zwei sich ergänzende Strategien begreift.

Der Marie-Schlei-Verein will zu menschenwürdiger Arbeit der Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika

beitragen, damit bessere Lebensbedingungen und der Ausbruch aus der Armut geschaffen werden

können. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Frauengruppen und Frauenorganisationen in

Afrika, der Karibik, Lateinamerika und Asien macht Projekte unter schwierigen Bedingungen möglich.

Schließlich ist der Alltag von ohnehin überlasteten Frauen so dicht, dass viele Frauen neben ihrer Arbeit

die Ausbildungskurse nur mit größter Anstrengung schaffen. Aber: anders geht es nicht. Frauen, die

Erfolg haben wollen, müssen ihr Handwerk beherrschen. Eine vietnamesische Landfrau sagt: Ich weiß

nichts, also bin ich auch nichts. Descartes einmal anders.

Die Projekte wollen zum Ausstieg aus der Armut beitragen. Jeden Tag geschieht ein kleines Wunder.

Nur wenige Beispiele:

• Die vietnamesischen Blumenzüchterinnen produzieren prachtvolle Chrysanthemen, schöne Rosen

und Gerbera; die Gemüse-, Pilz- und Hutprojekte stehen ihnen nicht nach.

• Die Frauen in Sri Lanka haben die Tsunamikatastrophe mental und materiell überwunden und

sind wieder als Kleinstunternehmerinnen für Textilien oder Kräutertrocknung, Spitzenherstellung,

Kunsthandwerk, Kräuterkosmetik, Restaurants, Produktion von Süßwaren und Getränken

tätig. Die drei Frauenzentren für Verkauf, Produktion und Ausbildung sind ein wichtiger Treffund

Anlaufpunkt.

• Guineas Frauen sind stark: wenn sie Salz mit Solarenergie gewinnen, bewundert sie die Bevölkerung,

weil es allen besser geht - ökonomisch, gesundheitlich und gesellschaftlich.

• Jamaikas Frauen gehen die Gratwanderung zwischen Armut und eigenem Einkommen. Die

Mädchenmütterzentren fangen junge Frauen auf, die keinen Schulabschluss und keine Unterbringung

für die Kinder haben.

Das Überleben braucht starke Frauen, die neben ihren herkömmlichen Tätigkeiten neue berufliche

Qualifikationen erwerben und mit der Seifen-, Brot- oder Salbenproduktion Geld für Bildung und

Medikamente in Afrika verdienen. Die Berufsausbildung als Handwerkerin macht Altbausanierung in

Uruguay möglich. Berufseingliederungen von Frauen in Jamaika, Malaysia und Südafrika wird über

Computerkurse erreicht. Frauen lernen. Sie wissen, dass es besser ist, zu wissen, wie ein Fisch zu fangen

ist, als darauf zu vertrauen, einen Fisch geschenkt zu bekommen. Die UNESCO hält allen Vorurteilen

zum Trotz die Bildungsinvestitionen in Mädchen für eine der produktivsten Investitionen, weil sie

nicht nur dem Mädchen nützt, sondern auch der Familie, dem Dorf, dem Elendsviertel und schließlich

dem Land. So ist es auch mit der beruflichen Qualifizierung, ohne die weder Maschinen, Werkzeug,

Material noch Kredite zum Erfolg führen.

Frauen und die Millenniumsentwicklungsziele

Geschlechtergerechtigkeit und Frauenförderung, Empowerment von Frauen, sind die Voraussetzung

dafür, dass Armut und Unwissenheit, Hunger und Gewalt überwunden werden können. Zu Recht

enthalten die Millenniumsziele der Vereinten Nationen in Ziel 3 diese Einsicht als Forderung. Absolute

Armut kann nur überwunden werden, wenn Frauen gleichberechtigt an der Entwicklung beteiligt werden.

80 Prozent der Personen, die in absoluter Armut leben, sind Frauen und Mädchen. Gerade in den

ländlichen Gebieten Afrikas besteht ein großer Nachholbedarf. Dabei wissen die Frauen: ich weiß

3


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

nichts, also bin ich nichts. Nur: der Zugang zu beruflicher Qualifizierung, technischem Know-How, angepassten

Technologien und Kleinstkrediten muss organisiert und finanziert werden. Deswegen bedarf

es entwicklungspolitischen Zusammenarbeit zwischen Frauengruppen und Frauenorganisationen.

Frauen, die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise

Die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Entwicklungsländer waren das Thema

der UN-Konferenz am 24. Juni 2009 in New York. Das Weltsozialprodukt wird erstmals seit dem Ende

des Zweiten Weltkriegs sinken, der Welthandel erstmals seit 80 Jahren. Davon sind Wirtschaft und Arbeitsplätze

in Afrika, Asien und Lateinamerika besonders betroffen. Hunderte von Millionen werden

arbeitslos, verlieren ihr Einkommen, ihr Heim, und ihre Chance auf ein Überleben. Frauen und Kinder

sind besonders betroffen. Angst und Hoffnungslosigkeit breiten sich aus. Die Chancen zur Überwindung

von Unterentwicklung schwinden. Obwohl Frauen die unsichere Lage stärker trifft als Männer,

werden ihnen zusätzliche Lasten aufgebürdet.

Frauen und die Nahrungsmittelkrise

Die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln ist abhängig von der Arbeit der Frauen auf

dem Land. Es sind die Frauen, die den größten Anteil an Nahrung anbauen. Gleichzeitig sind sie es, die

für die Erfüllung der Grundbedürfnisse ihrer Familie sorgen. Nahrungsmittelsicherheit hängt deswegen

auch davon ab, dass Frauen den Zugang zu Geld und Gerät, sozialen Dienstleistungen und landwirtschaftlicher

Beratung haben. Die Lage hat sich zusätzlich für Frauen verschlechtert, weil viele Erntegebiete

unter Dürren oder Missernten leiden und sich die Nahrungsmittelpreise für Grundnahrungsmittel

in den vergangenen Jahren teilweise verdoppelt haben. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter

zehn Jahren. Ein Grund mehr, auf die Produktivitätssteigerung bei Kleinbäuerinnen zu setzen.

Frauen und Strategien zur Geschlechtergerechtigkeit

Das 20. Jahrhundert hat Frauen politisch mündig gemacht und Strategien zur rechtlichen Gleichstellung

von Frauen und Männern vorangebracht. Die faktische Gleichstellung in Wirtschaft und Gesellschaft

ist nicht erreicht worden. Von daher müssen die Stimmen der Frauen stärker werden. Dazu

sind bessere Daten und Fakten über den Zustand der Ungleichheit in allen Staaten der Vereinten Nationen

erforderlich. Dazu muss es aus allen Entwicklungsländern Beispiele für beste Praktiken geben, die

zur Geschlechtergerechtigkeit beigetragen haben. Wenn für Entwicklungsländer Fortschritte zu einer

besseren Regierungsführung und mehr Demokratie, Good Governance, gefordert werden, muss auch

die Partizipation der Frauen durchgesetzt werden. Das bedeutet, dass Reformen durchgesetzt werden

müssen, die gesellschaftliche Beziehungen verändern. Derartige Reformen müssen die Fähigkeiten der

Frauen zur Teilhabe an politischen Entscheidungen ermöglichen, damit verhindert wird, dass sich Geschlechterstereotype

erneuern genauso wie Rollen- und Verhaltensmuster beim Regieren. Deswegen ist

die Förderung von Frauenrechten von zentraler Bedeutung wie auch die Rechenschaftspflichtigkeit aller

Regierungen gegenüber den Frauen.

Michelle Bachelet, Präsidentin von Chile: „Eines meiner Hauptanliegen war und ist, dass die Frauenfrage

keine Nebenfrage ist.“ Ban Ki-moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen: „Wo es bei den

Millenniumszielen um die Frauen geht, ist der Fortschritt am geringsten. Von daher: die Stimmen der

Frauen sind gefragt. Meine Meinung: Sie müssen allerdings Gehör finden.“

Heidemarie Wieczorek-Zeul

U

Uns alle eint ein gemeinsames Ziel: Eine Welt, in der Chancengleichheit für Frauen und Gleichberechtigung

der Geschlechter eine Selbstverständlichkeit sind! Die Situation von Frauen weltweit und

Kampf für Gleichberechtigung sind mir persönlich wichtige Anliegen! Sie haben mich während meiner

gesamten politischen Karriere begleitet. Ob als Vorsitzende der Jungen Sozialdemokraten, Europaabgeordnete

oder stellvertretende Parteivorsitzende: Ich habe als Frau oft politisches „Neuland“ betreten.

Als Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bin ich nach Marie Schlei (von

1976 bis 1978) erst die zweite Frau in diesem Amt. Wir allen schulden Marie Schlei großen Dank: Sie

hat sich als erste Entwicklungsministerin für die Förderung von Frauen in Entwicklungsländern stark

gemacht. Marie Schlei hat Frauen als diejenigen gesehen, die die Entwicklung ihres Landes aktiv mitgestalten

- nicht als eine benachteiligte Gruppe. In einer Rede betonte sie schon 1977: Frauenförderung

bedeutet „ein bisher völlig vernachlässigtes Potential im Interesse der gesamten Bevölkerung zu nutz-

4


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

en“. Auch wir im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung würdigen

Marie Schleis unermüdliches Engagement und haben sie bei wichtigen Veranstaltungen im wahrsten

Sinne des Wortes stets vor Augen: Der große Saal im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung in Berlin ist nach ihr benannt und dort hängt auch ihr Bild. Marie Schleis

beeindruckendes Lebenswerk muss ich nicht erklären. Aber doch skizzieren, wie viel in dem, was uns

heute noch umtreibt, in dieser Lebensgeschichte steckt: Sie hat selbst nach dem Zweiten Weltkrieg das

Leid der Vertreibung erfahren. Ein Leid, das heute noch Millionen Menschen trifft. Sie hatte als Arbeiterkind

nicht die Möglichkeit zu einem höheren Bildungsabschluss und hat sich doch bis in ein höchstes

Staatsamt hinauf gearbeitet. Gleiche Bildungschancen für alle – gerade für Frauen. Das ist etwas, wofür

ich als Entwicklungspolitikerin auch heute noch kämpfe. Schwierige Lebensumstände haben sie nicht

verbittert, sondern sie motiviert, sich für andere zu engagieren und sich für Versöhnung einzusetzen.

Sich für Menschen zu engagieren unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder Nationalität – dafür

steht auch die Entwicklungspolitik.

Frauen an der Basis fördern – Die Arbeit des Marie-Schlei-Vereins

Großartiges Engagement zeigt der Marie-Schlei-Verein im Bereich Gender und Frauenförderung.

Viele Veränderungen wären ohne ein solches zivilgesellschaftliches Engagement vor Ort nicht möglich.

Die Nähe zu den Frauen in den Partnerländern zeichnet den Marie-Schlei-Verein aus. Das Bundesministerium

für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kooperiert schon seit fast 20 Jahren mit

dem Marie-Schlei-Verein und hat circa 1,2 Millionen Euro für Projekte zur Verfügung gestellt. Kooperationen

umfassen: Einkommen schaffende Maßnahmen, Ausbildung, Unternehmensentwicklung und

Förderung von Kleinstunternehmerinnen. Die in Sri Lanka aufgebauten Frauenausbildungszentren sind

bereits jetzt ein voller Erfolg: Eine der ersten Teilnehmerinnen wurde 2007 zur Unternehmerin des

Jahres ernannt! Dieses zivilgesellschaftliche Engagement ist so wertvoll! Engagement und Durchhaltewillen

von Frauen, die ihren Alltag unter so unvorstellbar schwierigen Bedingungen meistern und sich

dabei Zuversicht und Lebensmut bewahren, beeindrucken mich immer ganz besonders.

Gleichberechtigung und Frauenförderung - Ein Politikfeld mit Licht und Schatten

Frauen sind der Schlüssel zur Entwicklung. Diese Tatsache ist spätestens seit der Frauenkonferenz

der Vereinten Nationen im Jahr 2000, der Millenniumserklärung und dem dritten Millenniumsentwicklungsziel

zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter nun auch international verankert. Schauen

wir uns die Verwirklichung von Frauenrechten und -chancen aber in der Realität an, so sehen wir Licht

und Schatten.

Der Schatten: Weiblich ist das Gesicht der extremen Armut (weltweit fast 70 Prozent Frauen), der

Besitzlosigkeit (Frauen besitzen nur ein Prozent des globalen Vermögens), des Analphabetismus (weltweit

64 Prozent Frauen) und der „vergessenen Millenniumsentwicklungsziele“ 4 und 5 (Kampf gegen

Kinder- und Müttersterblichkeit). Beunruhigend ist die zunehmende Feminisierung von HIV/AIDS (75

Prozent aller Neuinfizierten im südlichen Afrika sind weiblich!). Empörend ist, dass jede Minute eine

Frau an Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt stirbt. Diese erschreckenden

Fakten zeigen: Frauen brauchen Unterstützung! Frauenförderung ist eine Verpflichtung der Entwicklungspolitik.

Das Licht: Wir sehen aber auch, dass in vielen Bereichen die Fortschritte greifbar sind. Bildung: In

den vergangenen 30 Jahren sind die Einschulungsraten von Mädchen in den ärmeren Ländern von 52

Prozent auf über 90 Prozent gestiegen; in zweidrittel der Länder besteht Geschlechterparität. Politische

Teilhabe: Die Zahl der Parlamentarierinnen steigt jährlich. Spitzenreiter ist ein Entwicklungsland: Das

Parlament Ruandas weist mit knapp 50 Prozent den weltweit höchsten Frauenanteil auf. Auch die Präsidentin

von Liberia, Ellen Johnson-Sirleaf, ist ein leuchtendes Beispiel für politische Leistungsfähigkeit

von Frauen. Wirtschaftliche Teilhabe: In Nepal etwa haben wir Frauen erfolgreich in die Arbeit der

Kreditgenossenschaften für Kleinbauern integriert. Rund ein Viertel aller Vorstände sind weiblich. Der

Anteil der Genossenschaften, deren Mitglieder fast ausschließlich weiblich sind, nimmt weiterhin zu. Sie

sind die erfolgreichsten und erwirtschaften satte Gewinne. Diese Erfolge sind ermutigend! Die Schatten

werden kürzer, die Frauen treten immer weiter ins Licht. In diese Richtung müssen wir gemeinsam weiter

gehen.

Die politische Arbeit des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

(globale Strukturpolitik) und der Selbsthilfeansatz, z. B. des Marie-Schlei-Vereins, sind dabei keine

5


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

Alternativen oder Gegensätze, wie manche glauben. Beides gehört zusammen und greift sinnvoll ineinander.

Die Zusammenarbeit der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft ist

unerlässlich. Denn: Nur gemeinsam sind wir stark! Um Potentiale zur Frauenförderung noch besser zu

nutzen, möchten wir uns zukünftig stärker vernetzen und Wissensaustausch fördern: wir werden einen

Gesprächskreis mit der Zivilgesellschaft etablieren. Dabei ist es wichtig, Gewalt gegen Frauen zu

vermeiden sowie weibliche Genitalverstümmelung und Mütter- und Kindersterblichkeit zu bekämpfen.

Vergewaltigungen stellen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.

Vietnam

VIETNAM

Das Erlernen der Herstellung konischer Hüte zur Erwirtschaftung eines Einkommens in der Provinz Quang Bingh

Wirtschaftliche Teilhabe von Frauen – Die Voraussetzung für Entwicklung

Die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise treffen Frauen, die häufig im Niedriglohnsektor

arbeiten und keine soziale Absicherung haben, besonders stark. Das gilt auch bei uns in Deutschland:

die Insolvenz von Arcandor trifft vor allem Frauenarbeitsplätze im Einzelhandel. Das gilt um so

mehr in Entwicklungsländern: Im exportorientierten Textilsektor von Bangladesch arbeiten bis zu 90

Prozent Frauen. Viele von ihnen sind ohne Schutz und durch die Krise unmittelbar von Arbeitslosigkeit

und Armut betroffen. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass Gleichberechtigung bei der Bewältigung

der Krise eine zentrale Rolle spielt. Stärkung der wirtschaftlichen Teilhabe von Frauen ist ein wichtiger

Schritt auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung ist Förderung der wirtschaftlichen Teilhabe von Frauen ebenfalls ein wichtiges

Anliegen und ist einer von vier Schwerpunkten im ersten entwicklungspolitischen Genderaktionsplan

2009-2012. Sein Motto: Frauenrechte stärken, denn keine Hälfte der Menschheit kann ohne die

andere überleben. Gegen die Benachteiligung von Frauen gehen wir an mit unserer entwicklungspolitischen

Arbeit, zwei Beispiele: Ich setze mich auf höchster politischer Ebene dafür ein, die Gleichberechtigung

der Geschlechter auf die internationale Agenda zu bringen: einmal als Schirmfrau des

„Gender Action Plan“ der Weltbank und bei der besseren Berücksichtigung von Gender bei der Vergabe

von Mitteln: z. B. beim Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria wie

auch bei den Weltbankfonds (Wiederauffüllung des Fonds der Internationalen Entwicklungsorganisation,

International Development Association - IDA).

Um Frauen den Weg in die Selbstständigkeit zu erleichtern, fördern wir den Zugang zu Kleinkrediten.

Damit erreichen wir mehr als 50 Millionen Menschen - etwa 80 Prozent davon sind Frauen. Sie

6


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

investieren in Bildung und Gesundheit der Kinder, in die ökonomische Zukunft der Familien und insbesondere

in eigene Existenzgründungen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung und die Nichtregierungsorganisationen wie der Marie Schlei-Verein arbeiten Hand in

Hand dafür, dass Frauen ihr kreatives und wirtschaftliches Potential voll ausschöpfen können. Jedoch

sind wir noch nicht am Ziel! Und dem Slogan des Marie-Schlei-Vereins folgend („Uns kriegen sie nicht

klein!“) werden wir so lange Hilfe zur Selbsthilfe leisten, solange das nötig ist.

Für mich als Entwicklungsministerin steht fest: Kein Land kann es sich auf Dauer leisten, das Potential

der weiblichen Hälfte der Bevölkerung zu vernachlässigen. Wer Entwicklung fördern will, muss

Frauen und ihre Rechte stärken. Und wer Frauenrechte stärkt, fördert Entwicklung.

Mechtild Rothe

E

Entscheidend ist, dass wir in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise, diejenigen Menschen nicht vergessen,

die den verheerenden Auswirkungen der Krise besonders schutzlos ausgeliefert sind: die Frauen

in den Entwicklungsländern. Den Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika gilt es besonders in

wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine Entwicklungschance und Schutz zu bieten. Ausbildungszentren

und Bildungsprojekte von Frauen für Frauen geben dabei Hilfe zur Selbsthilfe. Es ist Fakt, dass Frauen

zwei Drittel aller Weltarbeitsstunden leisten und dennoch nur über zehn Prozent des Welteinkommens

verfügen. Diese klare Diskrepanz wird umso deutlicher, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass über

70 Prozent der rund eine Milliarde extrem armen Menschen weltweit Frauen sind! Global gesehen ist

extreme Armut hauptsächlich weiblich. Sie ist in ländlichen Gebieten noch wesentlich stärker verbreitet

als in den Städten. Frauen leiden insbesondere unter Bürgerkriegen und bewaffneten Konflikten, Hunger,

Unterentwicklung und jeglicher Form von Gewalt. Sie sind von diesen Missständen überproportional

betroffen und müssen meist auf den Schutz durch andere vertrauen.

Neben der Wirtschaftskrise gibt es eine weitere, eine noch größere, globale Herausforderung, die

die Entwicklungsländer und die Industrienationen gleichermaßen betrifft: Den Klimawandel und seine

Auswirkungen. Dabei sind die reichen Industrieländer als Hauptverursacher in der Pflicht, sich dieser

Herausforderung zu stellen. Sie müssen die Länder unterstützen, die unter den Folgen am meisten zu

leiden haben und ihnen meist schutzlos ausgeliefert sind. Der rasante Anstieg der klimaschädlichen

Treibhausgase führt schon heute weltweit zu Überschwemmungen, Wasserknappheit, enormen Ernteausfällen

und Naturkatastrophen.

Eine weitere Verschärfung der Situation ist aufgrund des ansteigenden Ölpreises zu erwarten. Entwicklungsländer

reagieren besonders sensibel auf Preissteigerungen, da sie einen Großteil ihrer Energie

teuer importieren müssen. Die Weltbank hat berechnet, dass ein Ölpreisanstieg von nur einem US-

Dollar pro Fass für Entwicklungsländer Mehrkosten in Höhe von einer Milliarde US-Dollar bedeutet.

Im Jahre 2004 mussten die Entwicklungsländer für den Import von Erdöl ungefähr 100 Milliarden US-

Dollar zusätzlich bezahlen. Dies ist mehr als die Entwicklungshilfe aller Industriestaaten zusammen.

Was bedeuten diese Entwicklungen für die Politik

Kein anderer Bereich trägt gleichermaßen zu Umweltschutz, sicherer Energieversorgung sowie zu

einer wirtschaftlich nachhaltigen Entwicklungspolitik bei wie Erneuerbare Energien und Energieeffizienz.

Wegen ihres dezentralen Charakters sind Erneuerbare Energien für Entwicklungsländer besonders

geeignet. Es ist keine teure Infrastruktur notwendig, um entlegene Dörfer mit Strom zu versorgen.

Batteriegestützte Photovoltaikanlagen stellen beispielsweise zuverlässig Licht und Kühlung in Hütten

und Häusern, in Schulen und Krankenhäusern bereit. Es ist entscheidend, dass die reichen Industrienationen

ihren technologischen Fortschritt mit den armen Ländern dieser Welt teilen.

Die Energieprojekte des Marie-Schlei-Vereins habe auf beeindruckende Art und Weise gezeigt, was

der Technologietransfer in der Praxis bewirken kann. Durch solarthermische Trocknung können die

Frauen Gemüse, Getreide oder Kräuter nicht nur effektiver trocknen sondern auch unabhängig von der

Erntezeit auf dem Markt anbieten. Und dies ist nur der Anfang, da die Projekte die Türen für weitere

Vorhaben öffnen.

7


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

I. Die globalisierte Frau in Wirtschaft und Arbeitsmarkt

D

Die Wirtschafts- und Finanzkrise macht viele Frauen im Süden arbeitslos. Dabei tragen die Entwicklungsländer

keine Verantwortung für die Krise, die sie nach der Energie- und Nahrungsmittelkrise

hart trifft. Die internationalen Organisationen rechnen mit wachsender Armut und Massenarbeitslosigkeit

für die Entwicklungsländer. Gerade die Exportindustrie beschäftigte zu Billiglöhnen viele Frauen

im Textil-, Leder- oder Elektroniksektor in Asien und Lateinamerika. Sie sind ohne sozialen Schutz und

haben keine Ersparnisse. Regierungsprogramme werden für sie nicht aufgelegt. So drängen sie in den

informellen Sektor und verkaufen Essen, Kekse, Kleidung oder Handtücher auf den Straßen der Städte

oder auf dem Markt. Damit werden sie zu Konkurrentinnen der Frauen, die schon lange im informellen

Sektor viel zu wenig verdienen, um ihre Familien zu ernähren . Berufliche Qualifizierungen fehlen

den Frauen, viele sind Analphabetinnen. Sie schätzen ihre Lage sehr realistisch ein: eine Vietnamesin,

die einmal im Jahr ihr kleines Reisfeld bestellt, sagt “ich weiß nichts, ich bin nichts.“ Strahlend meldet

sie sich zu Ausbildungskursen an und hofft auf eine Einkommenschance mit Ausbildung und Mikrokredit.

Bolivien

BOLIVIEN

Frauen in Bolivien erlernen die Handhabung von Milchkühen und die Verarbeitung der Milch zu Käse

Elke Herrfahrdt-Pähle

E

Es liegt nahe, dass, wenn man sich mit Frauen und Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt, man

sich auch mit den Konzepten der Organisationen weltweit befasst. Im Folgenden beschäftigen wir uns

mit dem Genderaktionsplan der Weltbank, der 2006 verabschiedet wurde und für den Zeitraum 2007

bis 2010 ausgelegt ist. Das Ziel des Genderaktionsplanes ist das wirtschaftliche Empowerment der

Frauen zu unterstützen, um das Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern zu fördern. Die

Idee, die diesem Plan zugrunde liegt, ist, dass Frauen über ein hohes wirtschaftliches Potential verfügen,

dass bislang nicht ausreichend genutzt wurde und das nun besser ausgeschöpft werden soll, um in den

Bereichen Landwirtschaft, Finanzwesen und Infrastruktur zum Wachstum der Entwicklungsländer beizutragen.

Die Argumentation ist, dass wenn Frauen mehr in die formale Wirtschaft eingebunden werden,

ermöglicht dies ihre Gleichberechtigung und trägt gleichzeitig zu einem Wirtschaftswachstum und

damit in der Folge auch zu einer Armutsminderung bei. Aus dieser sehr knappen Darstellung kann man

schon klar sehen, dass es hierbei um eine rein ökonomische Analyse geht und das ist auch an der Spra-

8


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

che ersichtlich: im englischen Original wird gesprochen von „empowerment as a business case“ - die

Ermächtigung der Frauen als Wirtschaftsfall. „Expanding women’s economic opportunities is nothing

more than smart economics.” Übersetzt also: Die Erweiterung und Nutzung des wirtschaftlichen Potentials

von Frauen bedeutet nicht mehr als intelligent zu wirtschaften. Dabei werden jedoch soziale

Faktoren wie Bildung, der Gesundheitsbereich und auch kulturelle Faktoren ausgeblendet. Und das mit

dem Argument, dass man mit Maßnahmen, die diese Bereiche betreffen, nur langfristig Erfolge erzielen

kann, während es in diesem Aktionsplan darum geht kurzfristig Erfolge zu erzielen. Das ist auch schon

der Anfang der kritischen Punkte des Plans. Es ist sicherlich richtig, dass, wenn mehr Frauen an der

formalen Wirtschaft teilnehmen, mehr Wirtschaftswachstum erzielt werden kann, und vielleicht auch in

der Folge - wenn alle anderen Faktoren gleich bleiben - in wirtschaftlicher Hinsicht zu einer Gleichstellung

beitragen kann. Aber die Motivation, die hinter diesem Gleichstellungsplan steckt, und die Problemanalyse,

die dahinter liegt, sind doch sehr fragwürdig.

Zunächst wurde schon angedeutet, dass die Beweggründe hinter dem Plan rein ökonomischer Natur

sind. Die Motivation das Empowerment der Frauen zu stärken dient letztendlich dazu das Wirtschaftswachstum

zu steigern. Diese ökonomische Argumentation geht vollständig am Kern der Sache

vorbei. Dass Gleichberechtigung von Frauen nicht des wirtschaftlichen Erfolges sondern ihrer Menschenrechte

wegen betrieben werden sollte. Wenn man dies täte, würde man sehr schnell die Wertedimensionalität

des Themas erkennen und anerkennen, das neben ökonomischen auch soziale und kulturelle

Faktoren ein Rolle spielen und diese berücksichtig werden müssen.

Die Problemanalyse ist dementsprechend sehr lückenhaft, da solche Faktoren häufig ausgeblendet

werden. Oft ist es nämlich so, dass der Eingliederung der Frauen in die Wirtschaft soziale, kulturelle

oder auch religiöse Hindernisse gegenüberstehen. Da können so viele Kredite zur Verfügung gestellt

werden, wie notwendig sind, und trotzdem wird es andere Faktoren geben, die Frauen daran hindern,

sie tatsächlich in Anspruch zu nehmen. Und diese Faktoren müssen zumindest berücksichtigt werden.

Eine weitere problematische Ansicht ist, dass die Analyse auf der Annahme beruht, dass Frauen über

freie Kapazitäten verfügen, die man nutzen muss, und die in die formale Wirtschaft eingebracht werden

sollten. De facto ist es so, dass Frauen bereits heute einen Großteil zur Produktion beitragen und es

eben nicht so ist, dass sie über freie Kapazitäten verfügen. Allerdings sind ihre Beiträge häufig im informellen

Bereich zu finden und somit nicht sichtbar in den Erhebungen des nationalen Einkommens.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt, dass in Afrika 64 Prozent der Frauen im erwerbstätigen

Alter auch einer wirtschaftlichen Tätigkeit nachgehen, während das weltweit ein sehr viel geringerer

Wert ist, nämlich 40 Prozent. Hinzu kommt die Mehrfachbelastung der Frauen in ihrer mehrproduktiven

und sozialen Rolle, so dass man hier eine sehr eindimensionale Analyse eines sehr vielschichtigen

Problems vornimmt. Es ist einseitig ein Fokus gelegt auf Frauen, wo es eigentlich um die Geschlechterverhältnisse

gehen sollte zwischen Männern und Frauen. Mit den rein ökonomischen Mitteln,

die hier in den Vordergrund gerückt werden, können bestenfalls kurzfristige Erfolge erzielt werden.

Das Ziel, langfristig zu der Gleichberechtigung der Frauen beizutragen, dass sich die Weltbank auch auf

die Fahnen geschrieben hat, wird damit sicherlich nicht erreicht.

Um die verschiedenen Punkte zusammenzufassen: Einerseits ist das wirtschaftliche Empowerment

von Frauen ein wichtiges Element und ein Baustein in der Erreichung der Gleichberechtigung, d.h. der

Aktionsplan geht in die richtige Richtung. Allerdings kann es eben nur einer aus mehreren Bausteinen

sein, die flankierend berücksichtigt werden müssen. Gleichberechtigung ist ein Querschnittsthema und

kann nicht aus der Isolation heraus betrachtet werden durch rein ökonomische Maßnahmen. Sondern

es müsste ein Baustein sein in einem größeren Bündel, wo auch Maßnahmen aus dem sozialen Bereich

berücksichtigt werden, wie z. B. gleicher Zugang zu Bildung, dem Gesundheitssystem etc. Aus dem

kulturellen Bereich müssen Maßnahmen eingesetzt werden, die an den Mechanismen der Ungleichbehandlung

ansetzen, wie z. B. dem Geschlechterverhältnis von Frauen und Männern, Rollenverhältnis,

Rollenverständnis: also was wird Frauen in einer Gesellschaft zugetraut, wie sind ihre Handlungsspielräume

und wie kann man diese erweitern. Man müsste von einem Effizienzansatz, der hier zu Grunde

liegt, zu einem Menschenrechtsansatz kommen, der Frauenmenschenrechte anerkennt. Eine Gleichstellungsstrategie

muss die bestehenden Ungleichheiten auch in den Geschlechterbeziehungen thematisieren.

Mit dem Weltbankkonzept, das aktuell vorliegt, und durch die Einbindung der Frauen in den

Arbeitsmarkt, zumal es häufig im Niedriglohnsegment ist, wird das bestenfalls indirekt erreicht.

9


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

Margret Mönig-Raane

O

Ohne Moos nix los: Das ist im Kern die Basis für gewerkschaftliche Arbeit und Ziele. Dies gilt für

Männer und gilt doppelt für Frauen. Denn ohne eine ökonomische Grundlage ist die Freiheit das eigene

Leben zu bestimmen und zu gestalten sehr eingeschränkt bis nicht vorhanden. Und darum ist unser

Ziel, dass Menschen in der Lage sind, für sich selber zu sorgen, und sich sowohl alleine als auch gemeinsam

für ihre Ziele einsetzen und kämpfen.

Was steht diesen Zielen im Weg Und da unterscheiden sich die Muster national wie international

wenig. Nimmt man das Stichwort Lohndrückerei. Gefragt wird: Gibt es Lohndrückerei der Frauen aus

dem Süden gegenüber den Frauen aus dem Norden Am Beispiel Deutschland sieht man: Ja, es gibt

Lohndrückerei, aber sind es die Frauen, die die Löhne drücken oder werden Sie eingesetzt zur Lohndrückerei.

Ist es eine freiwillige Entscheidung gegenüber einer Kollegin, die im Nachbargeschäft arbeitet

zu sagen: „Ich nehme einen Euro weniger pro Stunde und werde deshalb eingesetzt und die Preise

können billiger sein und damit unterbiete ich meine Kollegin.“ Aus diesem Grunde sind Gewerkschaften

mit der Industrialisierung gegründet und stark geworden, weil ihre Aussage war: „Wir wollen, dass

nicht über Lohndrückerei und durch Unterbietungswettbewerb der Beschäftigten die Arbeitgeber einen

Vorteil haben zu Lasten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und insbesondere der Frauen.

Lohndrückerei ist eine Geißel, die in der ganzen Welt existiert und in Deutschland selber eben auch.

Wie sieht es aus mit dem Thema der Arbeitsplatzverlagerung. Wenn die Callcenter nicht mehr in

Mecklenburg-Vorpommern sind, wo sie aus Gründen der niedrigeren Löhne von Niedersachsen hinverlegt

wurden, sondern in Bangladesch oder Indien, und die Beschäftigten arbeiten dort für ein Drittel

oder Viertel oder noch weniger Geld, lassen sie sich dann nicht benutzen als Lohndrückerinnen Die

Antwort darauf ist ja, aber nicht mehr und nicht weniger als die Deutschen auch. Also ist es ein generelles

Problem, was Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, besonders aber Arbeitnehmerinnen, gegenüber

ihrem Arbeitgeber haben. Es ist nicht das Problem der Frauen untereinander, es sei denn, einige

kämen auf die Idee, dass dies ein Mittel wäre, um die eigene Verwertbarkeit zu verbessern. Das gibt es

auch, aber ich glaube auch, dass der große Wunsch und Trend in Deutschland und auch weltweit ist,

dass man dieses eben nicht möchte. Und wenn man tatsächlich die Wahl hätte, sich auch anders entscheiden

würde, sich eben nicht als Lohndrückerin gebrauchen zu lassen.

Wenn die Frage, wie verhindern Frauen das, oder wie grenzen sie das ein, gestellt wird, so rückt

man an das Thema schon näher heran: Was können wir selber tun, was können Gewerkschaften tun

Gewerkschaften wurden genau zu diesem Zweck gegründet, um Lohndrückerei von Männern gegen

Frauen oder Frauen im Inland gegen Frauen im Ausland einzugrenzen oder wo immer es geht, diese

auszuschalten. Dafür machen die Gewerkschaften Verträge mit Arbeitgebern, und die schließen die

Verträge mit den Gewerkschaften nur dann, wenn sie sie ernst nehmen als Interessengemeinschaft, als

Organisation, die Macht hat. Und wodurch hat eine Gewerkschaft Macht Durch viele Mitglieder, die

bereit sind für ihre Interessen einzutreten. Und in dem Maße, wie das gelingt, gelingt es auch Lohndrückerei

zurückzudrängen. Sie ganz zu beseitigen, ist auf der Welt noch nicht gelungen. Sondern im

Gegenteil, man muss immer dafür kämpfen, dass sie nicht wieder zunimmt - im Inland wie im Ausland.

Die nächste Frage ist: Wie stellen sich die Gewerkschaften international auf, damit diese Bewegung

auch weltweit unterstützt werden kann Da kommen verschiedene Arbeits- und Aktionsebenen zusammen:

ganz wichtig sind die ILO-Kernnormen, die Arbeitsnormen, unter denen die gewerkschaftliche

Betätigung und die Produktionsfreiheit zu den Menschenrechten gezählt werden. Weltweit dominieren

diese noch nicht. In vielen Ländern müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer um ihr Leben

fürchten, wenn sie gewerkschaftlich aktiv sind, oder, wo es nicht direkt ans Leben geht, aber doch an

die wirtschaftliche Existenz, weil man rausfliegt, sobald bekannt wird, dass eine Frau gewerkschaftlich

unterwegs ist. Also kann man nicht sagen, seht zu, dass ihr euch gewerkschaftlich organisiert und dann

funktioniert das schon, sondern man muss auch sehen, was in den Industrieländern zusätzlich getan

werden kann, damit der Druck auf die Arbeitgeber steigt. Wie setzt man diese unter Druck Wenn es

also noch keine eigenständige und starke Gewerkschaftsbewegung gibt, die sich auch erst einmal

entwickeln und Überlebenschancen haben muss, können wir als Verbraucherinnen und Verbraucher

ganz viel tun. Letzte Woche wurde das Ergebnis einer Untersuchung veröffentlicht, dass in Bangladesch

in einer Textilfabrik eine 18-jährige junge Frau zu Tode gekommen ist. Und die Berichte, unter welchen

Bedingungen dort gearbeitet wird, sind empörend. Es wurde bekannt, dass die Firma Metro dort

10


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

produzieren lässt. Da ist die Gewerkschaft hier zusammen mit der Organisation Green Clothes auf

Metro zugegangen. Die haben sofort eine Prüfung veranlasst und haben dann jegliche Geschäftsbeziehungen

zu der Firma abgebrochen. Dies war nicht so glücklich, da die Gewerkschaften der Meinung

sind, dass so ein Unternehmer unter einem anderen Namen 30 Kilometer weiter das gleiche wieder aufmacht

und dasselbe Theater von vorne losgeht, sondern wir wollen, dass im Land Kontrolleinrichtungen

funktionieren. Geschaffen worden sind sie, aber sie müssen auch funktionieren, so dass solche

menschenunwürdigen Bedingungen ausgeschaltet werden können und dass sie als Geschäftsbedingungen

und Auflagen implementiert werden von den Unternehmen. Dies war bei Metro schon der Fall.

Die Dinge sind jetzt so gelaufen, dass die regionale Organisation, die die Überwachung dieser Mindestbedingungen

zur Aufgabe hatte, einen Fehler gemacht hatte, da sie diese Fabrik längere Zeit nicht untersucht

hatte. Vereinbart worden ist, dass die Geschäftsbeziehungen wieder aufgenommen werden,

wenn bis spätestens Ende des Jahres der nachprüfbare Nachweis erbracht wird, dass die Mindestbedingungen

von Arbeitszeit, Entlohnung und dergleichen eingehalten werden. Es gibt mehrere solche

Beispiele in denen deutlich wird, dass es funktioniert. Und natürlich kann man zu diesem und zu vielem

anderen sagen, dass es ein so großes Meer an Ungerechtigkeit und ein Gebirge an Problemen gibt, die

noch nicht bewältigt sind. Auf der anderen Seite sind an ganz vielen Ecken und Punkten dieser Erde

Menschen unterwegs mit dem Ziel, die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen und ihre Bildungschancen

zu verbessern mit guter Bildung (auch nicht alle Männer haben überall auf der Welt gute Bildungschancen).

Dann kann auch die Weltbank anders unterwegs sein als wir, logischerweise. Die multinationalen

Unternehmen, die sich sozial verantwortlich verhalten wollen und es in vielen Fällen auch

tatsächlich tun, die Regierungen, die Nichtregierungsorganisationen – sie sind alle wichtig das dieses

passiert.

Eine Frage bleibt noch offen: Wie geht man um mit den vielen Millionen Frauen, die im informellen

oder auch im prekären Sektor arbeiten In den Industrieländern haben wir nach den USA in

Deutschland den größten Teil der Erwerbstätigen, die im prekären Sektor arbeiten (23 Prozent). Und

die Chance, aus diesem Bereich herauszukommen hat sich in den letzten Jahren verschlechtert und wird

mit zunehmender Arbeitslosigkeit noch schlechter werden. Maximal die Hälfte der hauptsächlich Frauen,

haben eine reale Chance aus diesen prekären Arbeitsverhältnissen in ein normales Arbeitsverhältnis

zu kommen. Bei den informellen Arbeitsverhältnissen fallen mir als Erstes die unfreiwilligen Selbständigen

ein, die für ein Hungergeld arbeiten und hinter Aufträgen hersausen, oft nicht wissen, wovon sie

in der nächsten Woche leben sollen. Das haben sie gemein mit den informell arbeitenden Frauen, Arbeitnehmerinnen

und Arbeitnehmern auf der ganzen Welt. Davon sind in der Gewerkschaft VER.DI

inzwischen über 30.000 Personen organisiert. Das ist sicherlich noch nicht die Mehrheit derjenigen, die

in Deutschland so arbeiten. Aber es wurde immerhin eine Lösung gefunden, wie Gewerkschaftsarbeit

anders definiert werden konnte, denn normalerweise funktionieren Gewerkschaften ja so: Auf der

einen Seite sind die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und auf der anderen Seite ist der Arbeitgeber.

Es ist ein Gegnerbezug da. Mit dem Arbeitgeber werden die Verträge verhandelt, in denen Entlohnung

und Arbeitsbedingungen geregelt werden. Wenn man aber selbständig ist, so hat man Auftraggeber

verschiedenster Art, und die können sich ihre Arbeitspartner aussuchen und das ausgeprägter, als

Arbeitgeber das mit Arbeitnehmern machen können. Also muss man in diesem Fall andere Wege gehen.

Auch müssen gesetzliche Rahmenbedingungen beeinflusst werden. Also, gerade in der Vertragsgestaltung

und dergleichen. In einer Diskussion mit afrikanischen und südafrikanischen Kolleginnen und

Kollegen wurde dieser Punkt stark debattiert, weil die Forderung kam: „Gewerkschaften, ihr müsst

euch mehr um den informellen Sektor kümmern!“ Aber man muss sehen, dass die Gewerkschaften

bislang auch noch kein Patentrezept für den informellen Sektor gefunden haben, denn sie sind entstanden

und groß geworden mit der Industrialisierung und das heißt mit formalen Arbeitsverhältnissen.

Sehr wohl gibt es auch das Problem der Randbelegschaften und aus den Betrieben rausgedrängten

Belegschaften mit den sogenannten Selbständigen.

Wenn unser Anspruch darin besteht, die Arbeits- und Lebensbedingungen für abhängig Beschäftigte

mit gestalten zu wollen und mit ihnen die Macht zu haben, gesellschaftliche Verhältnisse im Kleinen

wie aber auch im Großen zu verändern und zu verbessern, dann muss das Schweinwerferlicht auch auf

diese Gruppe von Beschäftigten fallen. Sonst untergraben wir uns selber unsere Bedingungen und wir

geben den Anspruch auf, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind und es keine privilegierten Arbeitnehmerinnen

und Arbeitnehmer geben darf, womöglich zu Lasten derjenigen, die außen vor sind

11


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

und die schlechtern Arbeitsbedingungen da zugewiesen bekommen haben.

Insofern haben die Gewerkschaften einerseits schon eine vorzeigbare Erfolgsgeschichte und die Bewegung

der Erzieherinnen, die man im Augenblick beobachten kann, zeigt auch, dass wenn ein kleiner

Funke überspringt, die Resonanz bei den Frauen groß sein kann. Es zeigt aber auch, dass noch viel investiert

werden muss in Ideen, wie mit den scheinbar Selbständigen, den echten Selbständigen und mit

dem informellen Sektor umgegangen werden kann. Und das man versuchen muss seine Berührungsängste

zu überwinden. Dies zeigt unlängst auch, dass seit einigen Wochen in der Bundesverwaltung

VER.DI Personen zu Gast sind, die hier illegal Beschäftigte beraten. Man kann nicht einfach sagen:

„Was nicht sein darf, ist auch nicht“, da die Situation ja gegeben ist. In vielen Fällen werden illegal Beschäftigte

schlimm ausgebeutet, haben große Angst, sich überhaupt zu melden und das ist nicht nur in

Deutschland so, sondern z. B. auch in Spanien. Dort sind sie auch schon ein Stück weiter in der Legalisierung

dieser Arbeitsverhältnisse. Auch das sind Felder, an die gedacht werden muss und das bei

gleichzeitigen Sorgen, die die Kolleginnen und Kollegen in ihren ureigensten Bereichen haben.

Honduras

HONDURAS

Ökologischer Anbau von Kaffee und die Auslese per Hand

Dr. Birte Rodenberg

G

Günstige Rahmenbedingungen schaffen für einen Machtgewinn von unten, in den Kommunen, im

Dorf, im eigenen Umfeld beginnend, Handlungsspielräume erweitern und Fähigkeiten zu stärken, sich

selbst aus der Armutsfalle zu befreien – das ist die „Hilfe zur Selbsthilfe“, die der Marie-Schlei-Verein

in vielen kleinen Frauenprojekten fördert. Und auch wenn wir es nicht mehr so nennen, ist es im eigentlichen

Sinne das, was als Amartya Sen mit dem Capability-Ansatz gefordert und Naila Kabeer mit

Empowerment gemeint haben.

Beim Blick auf die globalen Strukturen und Zwänge, die immer noch besonders Frauen betreffen

und in der Auseinandersetzung mit den ganzheitlichen strukturpolitischen Ansätzen gehen die lokalen

Bewegungen oft unter. Der Fähigkeitenansatz (Capabilityansatz) von Amartya Sen hat entscheidend

12


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

dazu beigetragen, die Konzepte und Politikpapiere der bi- und multilateralen Geber zu verändern,

qualitativ zu verbessern. Er hat die Erkenntnis verankert, dass Armut mehrdimensional ist und nicht

nur auf die Einkommensarmut zu reduzieren ist (d.h., weniger als 2 Dollar/Tag = arm und weniger als

1 Dollar/Tag = extrem arm). Vielmehr geht es darum, die eigenen Rechte zu kennen und wahrnehmen

zu können (Bsp. Witwen in Kenia). Außerdem: Würde und Sicherheit! Dies hat entscheidend dazu beigetragen,

dass rechtsbasierte Entwicklungszusammenarbeit in die Programme der Geber Eingang gefunden

hat, obwohl der Effizienzansatz, d.h. Menschen als Humankapital und Armut als hemmenden

Wirtschaftsfaktor einzustufen, immer noch dominiert. Ein multidimensionales Verständnis von Armut

ist für das Ziel, Geschlechterungleichheit zu beseitigen und Geschlechtergerechtigkeit herzustellen,

ganz entscheidend. Es nimmt Frauen den Opferstatus und sieht sie als Akteurinnen und stärkt sie als

politisch Handelnde, die darin unterstützt werden müssen, sich selbst aus der Armutsfalle zu befreien.

Gleichzeitig ist der Zugang zu überlebenssichernder und menschenwürdiger Arbeit eine zentrale

Voraussetzung, damit Frauen ihre wirtschaftlichen und politischen Rechte durchsetzen können. Das

Thema meines Artikels, den ich für das Lesebuch „Frauen und Entwicklung – Für eine gerechte Welt“

des Marie-Schlei-Vereins geschrieben habe, ist: „Viel zu viel Arbeit, viel zu wenig Zeit, viel zu wenig

Geld“! Ich will daran anknüpfen und an dieser Stelle einen Blick auf den Zusammenhang von der Armuts-

und Arbeitssituation von Frauen werfen. Bisher wurde immer eine doppelte Bilanz gezogen:

Frauen als Gewinnerinnen und als Verliererinnen der Globalisierung. Das ist – bis zum spürbaren

Effekt der Weltwirtschaftskrise – auch weiterhin so: die zwei Seiten einer Medaille werden deutlich,

wenn man dem letzten Bericht des Generalsekretärs der Vereinten Nationen zur Umsetzung der Millenniumsziele,

insbesondere des dritten Millenniumszieles, folgt (2008): Darin heißt es, dass es Fortschritte

beim Zugang zu Erwerbsarbeit gibt (200 Millionen Frauen haben in den vergangenen Jahren

Zugang zum formellen Arbeitsmarkt gefunden): „Heute besetzen Frauen weltweit fast 40 Prozent aller

bezahlten Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft (1990 = 35 Prozent), aber fast zwei Drittel aller

Frauen in den Entwicklungsländern befinden sich in prekären Beschäftigungsverhältnissen, sind auf

eigene Rechnung tätig oder verrichten unbezahlte Arbeit in einem Familienbetrieb. In Südasien und

Afrika südlich der Sahara fallen mehr als 80 Prozent aller von Frauen besetzten Arbeitsplätze unter

diese Kategorie! Frauen sind darüber hinaus überproportional in informellen Teilzeit-, Saison- und

Kurzzeitstellen tätig und entbehren daher sowohl Arbeitsplatzsicherheit als auch Versorgungsleistungen.

Der überwiegende Teil der Berufsbranchen ist geschlechtsspezifisch (bzw. –hierarchisch) und die

von Frauen besetzen Stellen sind in der Regel durch geringeren Status, niedrige Bezahlung und schlechtere

Arbeitsbedingungen gekennzeichnet.

Das ist Feminisierung der Armut! Nicht, dass die Armutsrate bei Frauen ansteigt, sondern, dass sich

die geschlechtsspezifischen Voraussetzungen ändern, so dass Frauen und frauengeführte Haushalte sich

schlechter oder gar nicht aus der Armut befreien können. Ursachen dafür sind:

• geschlechtliche Arbeitsteilung bzw. geschlechtshierarchische Arbeitsteilung; starre Rollen; Frauen

scheinen seit Jahrhunderten und weiterhin auf die unbezahlte, unterbezahlte und informelle Arbeit

festgelegt. Das resultiert in fehlender gesellschaftlicher Wertschätzung und in ökonomischer

Abhängigkeit. Das manifestiert ihre materielle Armut!

• Zeitarmut: die weltweite Arbeitsteilung, die Frauen jeden Alters die unentlohnte Reproduktionsarbeit

zuweist, führt auch zu einer unsichtbaren Form von soziokultureller Geschlechterungleichheit,

der Zeitarmut. Weltweit arbeiten Frauen länger als Männer. Insbesondere in ländlichen Gebieten,

z. B. in Kenia, Bangladesch, Nepal oder Guatemala, sind Frauen und Mädchen durchschnittlich

rund zwei, gebietsweise bis zu drei Stunden mehr am Tag als Männer und Jungen

beschäftigt. Dies ruft gravierende gesundheitliche Schäden hervor und bedeutet einen Mangel an

Zeit für individuelle und kollektive soziale Aktivitäten, was sich auch in der politischen Beteiligung

niederschlägt. Haben Frauen und Mädchen keine Zeit für die eigene menschliche Entwicklung,

bedeutet das auch – marktwirtschaftlich gesprochen – eine fehlende Investition in die

Bildung, Fortbildung und breite politische Mitbestimmung der gesamten Gesellschaft.

• Migration: Frauen als Chancensuchende, die zunehmend allein und selbstständig migrieren. Jedoch

in der Fremde finden sie oft die gleichen informellen, unterbezahlten, prekären Arbeitsplätze

vor (Fabrik- oder Hausarbeit). Migration ist vor allem für Frauen eine Chance, sich aus den

engen soziokulturellen Grenzen ihres heimatlichen Umfelds zu befreien versuchen. Doch Migra-

13


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

tion ist auch mit großen Risiken der Ausbeutung und geschlechtsspezifischer Gewalt verbunden.

Weltwirtschaftskrise und Auswirkungen

Verschiedene Dimensionen der Krise müssen berücksichtigt werden und immer wieder spiegeln

sich in den direkten ökonomischen Auswirkungen die gesellschaftlichen bzw. geschlechtsspezifischen

Strukturen fehlender Rechte und fehlender Macht von Frauen. In erster Linie wirkt die Weltwirtschaftskrise

auf das Einkommen. Einige der Konsequenzen sind Stellenabbau, Auftragsrückgang, Verschuldung

ganzer Sektoren und Staaten, Rückgang von Direktinvestitionen und Rücküberweisungen der

MigrantInnen. Durch die Weltwirtschaftskrise werden zusätzlich weitere 50 Millionen Personen arbeitslos

werden. Die Energie- und Nahrungsmittelkrise trifft die Frauen und Kinder besonders (FAO).

Globale Gesundheitskrise: Der Gesundheitssektor ist einer der verletzlichsten Sektoren, da er am

schnellsten und leider am nachhaltigsten reagiert (d.h. auch über die ökonomische Krise hinaus). Schon

jetzt ist er durch die dramatischen Rückgänge der öffentlichen und privaten Finanzflüsse betroffen. Die

ohnehin schwächsten Millenniumsentwicklungsziele vier, fünf und sechs (Kinder, Mütter, Infektionskrankheiten/Tuberkulose,

Malaria, Aids) werden empfindlich getroffen und Fortschritte auf Jahre in

Frage gestellt. Die Alternative: „Essen oder Medikamente/gesundheitliche Versorgung“ ist nicht nur

für HIV-Infizierte und Kinder fatal. Sie wird auch immer wieder von Frauen abverlangt, die zu Gunsten

ihrer Kinder (freiwillig) oder den Männern im Haushalt (unfreiwillig) ihre gesundheitliche Versorgung

zurückstecken oder nicht über die notwendige Entscheidungsmacht verfügen (darf Kind oder sie selbst

ins Krankenhaus zur Behandlung).

Klimawandel und notwendige Anpassung: Die Erderwärmung führt zu Extremwetterlagen, Dürre,

Überschwemmungen oder Wirbelstürmen und zur Verknappung lebensnotwendiger Ressourcen: Süßwasser,

fruchtbarem Boden, Ernteausfälle in Subsahara-Afrika werden massiv die Folge sein. Der Klimawandel

bzw. natürliche (und kriegerische) Katastrophen verursachen durch Aufräumarbeiten, Krankenpflege,

Nahrungsmittel- und Wasserversorgung nicht nur erhebliche Mehrarbeit in der überlebenssichernden

Subsistenz- und Reproduktionsarbeit, die zu Lasten der weiblichen Haushaltsmitglieder

geht. Neue Ernährungs- und Einkommensquellen müssen gesucht werden.

Sind Frauen auf der Flucht, so sind sie bedroht durch sexuelle Übergriffe, es gibt keine Sicherheit;

die Frauen haben keine Entscheidungsmacht (Bsp. Flüchtlingslager) zuzüglich zu den anderen Bedrohungen

durch die Nahrungsmittelkrise etc.

In Entwicklungsländern erzeugen Frauen 60 bis 80 Prozent der Grundnahrungsmittel, besitzen

aber nur zehn Prozent der Anbauflächen. Die hohe Verantwortung für die Nahrungsmittelproduktion

einerseits und die fehlende Kontrolle und Verfügung über Land, Technologien und Kredite andererseits

stellt sie vor enorme Probleme, wenn Dürre oder erratische Regenfälle Anbauzeiten verändern und

Ernteerträge vermindern, die Sortenvielfalt bedrohen und den Boden erodieren. Negativ verstärkt

durch Analphabetismus und fehlende Information bedeuten fehlende Besitztitel oftmals, dass ihnen der

Zugang zu Neuland im Falle einer Umsiedlung oder bei Schadensersatzverfahren nach Überschwemmungen

und anderen Naturkatastrophen verwehrt wird. Fehlender Zugang zu Krediten und Technologien

macht es ihnen unmöglich, Langzeitinvestitionen, z. B. zur Verbesserung der Bodenqualität zu tätigen.

Sehr begrenzte Entscheidungsmacht in der Familie und in der Gemeinde kann es Frauen auch erschweren,

ihr Anpassungswissen einzubringen oder es auf kleinen Feldern auszuprobieren, um durch

Anbaudiversifizierung neue Ernten zu sichern. Ernteeinbußen und Hunger bedeuten in jedem Fall zusätzliche

Arbeitsbelastung vor allem für die weiblichen Haushaltsmitglieder.

Das ist Feminisierung der Armut durch Klimawandel und Krise.

Tran Thi Anh Thu

D

Die wirtschaftlichen Indikatoren 2007 und 2008 für Vietnam weisen einen eindeutigen negativen

Trend auf: Das Bruttoinlandsprodukt Vietnams sank von 8,2 auf 6,2 Prozent, der Export brach von

15,2 auf 10,6 Prozent zusammen, die Importe gingen um 6 Prozent von 21,3 auf 15,1 Prozent zurück

und die Verbraucherpreise verdoppelten sich. Dies hatte auch seine Wirkung auf die Inflation und das

Zinsniveau. Die Krise wirkte sich zusätzlich auf die Industrie aus, wie z.B. die Textil-, Holzverarbeitungs-

und Elektroindustrie. Abnehmende Marktanteile und steigender Preisdruck bewog viele ausländische

Investoren ihr Kapital aus der heimischen Industrie abzuziehen. Fallende inländische Produkt-

14


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

nachfrage und schlechtere Wettbewerbsfähigkeit mit den Produkten aus China sind die Hauptgründe

hinter der Schließung einer ganzen Reihe von Textilfabriken. Als arbeitsintensiver Sektor mit rund zwei

Millionen Beschäftigten besteht die Befürchtung eines massiven Anstiegs der Arbeitslosenzahlen. Auch

die Fischfangindustrie ist von der Krise betroffen: durch einen Einbruch der Nachfrage nach Tra und

Basa Katzenfisch wurde der Preis stark gedrückt, so dass den Fischern jegliche Existenzgrundlage genommen

wird.

Einfluss auf den Arbeitsmarkt

Nach Angaben des vietnamesischen Ministeriums für Arbeit, Menschen mit Behinderung und Sozialfragen

haben bislang auf Grund der Wirtschaftskrise mehr als 67.000 Arbeiter ihre Arbeit aus den

drei folgenden Gründen verloren: Unternehmen verlagern ihre Produktionsstätten, sie sind insolvent

oder sie müssen ihre Produktion reduzieren. Ein Anstieg der Arbeitslosenquote ist überall im Lande zu

verzeichnen, aber besonders in den drei Wirtschaftszonen in Danang, Hanoi und Ho-Chi-Minh-City

und in den Regionen Quang Ngai und Binh Duong. Die Schätzungen für die zusätzliche Anzahl der

Arbeitslosen in 2009 auf Grund der Krise belaufen sich auf weitere 400.000 Personen.

Abgesehen von den verloren gegangenen Arbeitsplätzen ist die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze

signifikant gefallen. Speziell bei den Unternehmen, in die ausländische Investoren Kapital eingebracht

hatten und die in den Industrie- und Weiterverarbeitungszonen angesiedelt sind, konnte ein

Rückgang des Arbeitskräftebedarfs registriert werden. Diese Entwicklung kann damit erklärt werden,

dass diese Unternehmen ihre Produktion reduzieren. Ausländische Direktinvestitionen für Januar 2009

zeigen, dass ein Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen erwartet werden muss. Dies hat einen

direkten Einfluss auf die Zahl der Arbeitsplätze und negative Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit in

Vietnam. Das reale Einkommenswachstum 2008 war negativ, was auf 28 Prozent Inflation zurückgeführt

werden kann und die Tatsache, dass das nominale Lohnwachstum diese Inflation nicht widerspiegelte.

Ein Beispiel ist die Situation der Beschäftigten im Industriepark Hanoi, wo die Beschäftigten entweder

freigestellt wurden oder für 70 Prozent ihres Lohnes arbeiten mussten.

Der Einfluss der Wirtschaftskrise auf berufstätige Frauen in Vietnam

Eine Studie befragte 411 nicht ausgelastete oder unterbeschäftigte Arbeitnehmerinnen, die in den

Industrieparks von Hanoi, Dong Nai, Binh Duong und Ho-Chi-Minh-City beschäftigt waren. 46,2 Prozent

der Frauen arbeiteten für zu 100 Prozent ausländische Firmen, 17,8 Prozent für Unternehmen, die

als Joint Venture arbeiten, ihre Produkte exportieren und daher stärker von der globalen Krise getroffen

werden. Insgesamt sind alle diese Unternehmen in Sektoren mit einer hohen Quote von weiblichen

Arbeitskräften angesiedelt, wie z.B. die Herstellung elektronischer Komponenten (44,8 Prozent), Kleidung

und andere Textilien (16,8 Prozent) und der Schuhproduktion (8,8 Prozent). Der Grund für die

Arbeitslosigkeit der Frauen liegt vor allem an der mangelnden Nachfrage und dem damit verbundenen

Produktionsrückgang, der Verlagerung der Firmen (15,3 Prozent) oder einer Insolvenz (4,1 Prozent).

Weniger ausgeprägt sind subjektive Gründe wie mangelnde Ausbildung (1,25 Prozent), niedriger Lohn

(9,7 Prozent) oder der Stress am Arbeitsplatz (3,2 Prozent).

Diese Fakten führten zu einem Einkommensrückgang bei mehr als 50 Prozent der an der Studie

teilnehmenden Frauen, einer Verschlechterung des mentalen Zustandes der Frauen (Angstzustände)

und auch der allgemeinen Lebensumstände (Bezahlung der Schulgebühren der Kinder nicht möglich,

Änderung in der Ernährung der Familien). Dies bedeutet, dass die Frauen, um die Lebensunterhaltskosten

bestreiten zu können, ihre Kosten stark reduzieren, Kredite aufnehmen, Nebenjobs annehmen

oder sich auch selbständig machen müssen.

Die vietnamesische Regierung reagierte mit einem Wirtschaftsförderungsprogramm vom 25.

Februar 2009, um den von Arbeitslosigkeit bedrohten Beschäftigten zu helfen: Unternehmen, die

Schwierigkeiten haben, können für 12 Monate ein zinsloses Darlehen der Entwicklungsbank Vietnams

aufnehmen, aus dem die Löhne, die Sozialversicherungsbeiträge und die Beiträge zur Arbeitslosenunterstützung

der Beschäftigten gezahlt werden sollen. Die Kriterien der Bank zur Vergabe eines

solchen Darlehens waren entweder ein Rückgang der Beschäftigtenzahl um mindestens 30 Prozent,

mehr als 100 entlassene Beschäftigte (ausgenommen Kurzzeitarbeiter) und die Unfähigkeit der Auszahlung

von Abfindungen. Der Fonds für diese Darlehen, der innerhalb des nationalen Programms zur

Wiedereingliederung arbeitsloser Familien eingerichtet wurde, wird durch zusätzliche Mittel ergänzt, die

dazu beitragen sollen, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die entlassenen Beschäftigten haben die Mög-

15


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

lichkeit, diese zu Sonderkonditionen bei der Sozialbank für die Finanzierung einer Umschulung oder

für die Migration in andere Länder zu beantragen.

Die Strategien der Regierung mit Bezug auf die Wirtschafts- und Arbeitsmarktprobleme

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise verlangte von der Regierung neue Strategien zur Bekämpfung

der Folgen. Im April 2008 stellte die Regierung ein Paket von acht Teilstrategien zur Bekämpfung

der hohen Inflation vor. Als Ergebnis der Stabilitätspolitik, insbesondere durch die rigide

Geld- und Fiskalpolitik, fiel die Inflationsrate in den letzten Monaten seit Oktober 2008 kontinuierlich.

Dies erlaubte der Sozialbank eine großzügigere Kreditpolitik und konnte den Basiszinssatz viermal

senken. Die Geschäftsbanken reagierten mit einer Absenkung der Kreditzinssätze. Trotz der erhöhten

Liquidität auf dem Kreditmarkt führt der reduzierte Zins nicht notwendigerweise zu einer schrittweisen

Ausweitung der Kredite für die Haushalte, da Unternehmen unter einem Konsumrückgang der Haushalte

und einem geschrumpften Exportmarkt leiden.

Vietnam

VIETNAM

Der Anbau von Pilzen durch die Verteilung von Sporen auf Strohpaketen

Die Regierung hat ein Paket zur Unterstützung der vietnamesischen Wirtschaft geschnürt, um den

Einfluss der globalen Rezession einzudämmen. Darin finden sich fünf Maßnahmen: die Förderung der

Produktion und des Exports, die Unterstützung des Konsums und der Investitionen, die Aufweichung

der strikten Geld- und Fiskalpolitik, die Verringerung von Armut und die Bereitstellung von Sozialhilfe

und die Stärkung der Verwaltung des öffentlichen Sektors auf allen Ebenen. Eine Regierungsentscheidung

zugunsten der Bereitstellung von einer Million US-Dollar sollte den Klein- und mittelständischen

Unternehmen den Zugang zu Kapital erleichtern und sie so in die Lage versetzen ihre für 2009 geplanten

Projekte zu verwirklichen, indem aus diesem Kapital vier Prozent der Zinszahlungen für reguläre

Bankkredite gezahlt werden. Außerdem hat die Regierung die Mehrwertsteuer auf bestimmte Produkte

und Dienstleistungen um 50 Prozent und die Körperschaftssteuern für das letzte Quartal 2008 und

2009 um 30 Prozent gesenkt. Eine befristete Steuerstundung von neun Monaten wurde eingeführt.

Die vietnamesische Frauenunion, Unternehmerinnen und ihre Unterstützung

Der Frauenclub in Hanoi, der über 1.000 Mitglieder hat, bestätigt, dass die von Frauen geleiteten

EU- und USA-exportorientierten Unternehmen (Kleidung und Textilien, Bambus-, Rattan- und Keramikprodukte)

von der Krise schwer getroffen sind. Da der Exportmarkt zusammengebrochen ist, müssen

die Unternehmen ihre Produktion drastisch zurückfahren und die verbleibende Produktion auf

16


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

anderen Märkten anbieten. Messen wurden organisiert um den Verkauf der Produkte zu fördern. Auch

wurde der Austausch zwischen den Frauenclubs der verschiedenen Provinzen gefördert, um die innervietnamesischen

und innerasiatischen Geschäftsbeziehungen auszubauen und zu stärken. So hat z.B.

der Frauenclub in Hanoi eine Messe in Laos organisiert, um einen neuen Markt für die Produkte der

Mitglieder aufzubauen. Auch wurden die Beziehungen zu den Behörden ausgebaut, um unternehmensnahe

Themen wie der Besitz von Land, Steuern, Zugang zu Kapital, administrative Auflagen oder auch

die Details des Entlastungspakets der Regierung zu diskutieren, damit die Mitglieder der Frauenclubs

davon profitieren können.

Dr. phil. Monika Wulf-Mathis

M

Mit dem Thema Entwicklungspolitik und Gleichstellung verbinde ich drei Anknüpfungspunkte:

Während meiner Zeit als EU-Kommissarin habe ich Frauen zu Akteurinnen regionaler Entwicklungsprojekte

der EU gemacht und die Mitgliedstaaten verpflichtet, Frauenprojekte zu fördern, wenn

sie Mittel aus den europäischen Strukturfonds haben wollten, also so etwas wie Genderbudgets eingeführt.

Außerdem war ich eine der wenigen Frauen im Top-Management eines globalen Unternehmens,

die natürlich genau beobachtet hat, welche Stellung Frauen in diesem Unternehmen hatten und wie

Chancengleichheit und Diversity Management im eigenen Unternehmen betrieben werden und ich war

für Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility (CSR) weltweit verantwortlich und damit auch

für entwicklungspolitische Aktivitäten des Unternehmens.

Ich habe mich deshalb gewundert, dass in der entwicklungspolitischen Literatur, die sich mit Geschlechtergerechtigkeit

befasst, Unternehmen kaum vorkommen. Da gibt es Kritik und Forderungen an

Regierungen, an internationale Institutionen, wie die Weltbank und ihre Förderpolitik, da gibt es Vorschläge

zu Gendermainstreaming und Empowerment von Frauen, zur Rolle von Nichtregierungsorganisationen

und Frauen-Netzwerken. Aber Unternehmen werden zwar als Nutznießer der Globalisierung

kritisiert, aber nicht eigentlich gefordert und in Entwicklungsstrategien einbezogen. Ich weiß

nicht, ob das daran liegt, dass die Hauptprotagonistinnen der Geschlechtergerechtigkeit Professorinnen,

Politikerinnen und Vertreterinnen von Nichtregierungsorganisationen sind oder ob man mit Unternehmen

wegen der sattsam bekannten Skandale um Ausbeutung von Frauen und Kindern grundsätzlich

nichts zu tun haben will.

Ich jedenfalls halte es für einen Fehler, Unternehmen nicht in die Verantwortung für eine nachhaltige

Entwicklung zu nehmen, denn es gibt eine steigende Zahl von Unternehmen, insbesondere Multinationale,

die echte „Global Player“ sind, die zwar von der Globalisierung profitieren, die aber in den

Entwicklungsländern, in denen sie tätig sind, mit Hunger, Armut und Unterentwicklung konfrontiert

sind und ein großes Interesse an stabilen Verhältnissen haben und die bei ihrer Personalpolitik wie in

ihren Geschäftsbeziehungen auf unterschiedliche Rollenbilder von Frauen reagieren müssen. Das gilt

besonders im Dienstleistungsbereich, in einem „peoples business“ wie der Logistik.

Ich bin überzeugt, dass die Millenniumsziele und Geschlechtergerechtigkeit nur gemeinsam von Regierungen,

internationalen Institutionen, Nichtregierungsorganisationen, der Wirtschaft und Gewerkschaften

zu lösen sind. Dies ist einer der Gründe, warum Kofi Annan den Gobal Compact ins Leben

gerufen hat, in dem sich Unternehmen verpflichten, grundlegende Menschenrechte, Arbeits- und Umweltnormen

einzuhalten. Ich weiß, dass Nichtregierungsorganisationen vor allem die Unverbindlichkeit

des Global Compact kritisieren. Trotzdem glaube ich, dass damit ein wichtiger erster Schritt in Richtung

auf „Global Governances“ gegangen wird, denn „naming and shaming“ ist in der heutigen globalisierten

Wirtschaft durchaus ein nicht ganz unwirksames Disziplinierungsmittel und es würde sonst

Jahrzehnte dauern, bis eine nennenswerte Zahl von Regierungen ein vergleichbares Gesetzeswerk auf

den Weg gebracht hätte – wenn es denn überhaupt dazu käme. Die Wirtschafts- und Bankenkrise hat

auch ein wenig in Vergessenheit geraten lassen, dass es in der Wirtschaft nicht nur Gier und moralische

Verkommenheit gibt, sondern, dass es in den letzten zehn Jahren eine Reihe von Wirtschaftsinitiativen

gegeben hat, die die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen unterstrichen haben und sie zu

einem Wettbewerbsfaktor gemacht haben. Ich nenne hier so kapitalistische Instrumente wie den

FTSE4-Good-Index, den Dow Jones Sustainability Index, das Carbon Disclosure Project, die den Faktor

Nachhaltigkeit in Börsen-Rankings eingeführt haben und durch Studien belegen konnten, dass

Unternehmen, die die Kriterien dieser Indizes erfüllten, nicht weniger erfolgreich sind als diejenigen,

17


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

die dort nicht gelistet sind. Die Frage der Erfüllung ethischer Normen spielt auch in den Kunden- und

Lieferbeziehungen eine zunehmend wichtige Rolle, denn wer selbst im Global Compact oder einem

dieser Indizes vertreten ist, will sich seinen Ruf nicht gern durch Partner oder Kunden verderben, die

sich weniger um ethische Maßstäbe kümmern. Im übrigen haben Marketingfachleute ermittelt, dass

Bürger lieber Produkte von Unternehmen kaufen, die gesellschaftlich verantwortlich handeln und einen

höheren „Wohlfühlfaktor“ haben. Das zeigt sich auch daran, dass es seit einiger Zeit in der Zeitschrift

der Stiftung Warentest bei Produktvergleichen ein CSR-Kriterium gibt. Ein wesentlicher Faktor für

gesellschaftlich verantwortliches Handeln ist auch die Motivation der Mitarbeiter. Umfragen belegen,

dass bei der Wahl des Arbeitgebers die gesellschaftliche Verantwortung gleich hinter den Karrierechancen

rangiert.

Lassen Sie mich am Beispiel des Unternehmens, das ich am besten kenne, die Deutsche Post, die

mit ihrer Tochter DHL in 220 Ländern der Welt vertreten ist, verdeutlichen, was man als verantwortlich

handelndes Unternehmen auch für die Entwicklungspolitik tun kann. Dort wurde seit 2002 das Thema

CSR kontinuierlich entwickelt. Schritte auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit waren z. B. eine breit angelegte

Diskussion über die Werte, für die das Unternehmen steht. Unter den sieben Werten, auf die

wir uns verständigt haben, nimmt die gesellschaftliche Verantwortung für unsere Mitarbeiter und die

Gesellschaften, in denen wir leben und arbeiten, sowie der Schutz der Umwelt einen besonderen Stellenwert

ein. Aus der Wertediskussion wurde ein Code of Conduct für die praktische Umsetzung entwickelt,

der als Kompass für das tägliche Handeln dient und ausdrücklich auf die Prinzipien des Global

Compact - auf Menschenrechte, Arbeitsnormen und Korruptionsbekämpfung – Bezug nimmt. Unser

CSR-Engagement hat sich aus spontanen Volunteering-Aktivitäten entwickelt. Dazu gehört:

• in Partnerschaft mit UNDP und OCHA (seit 2005) die Katastrophenhilfe, d. h. das Management

der komplexen Logistikprozesse auf Flughäfen, unmittelbar nach Naturkatastrophen, wie dem

Tsunami und Erdbeben in Pakistan;

• in Partnerschaft mit UNICEF die Versorgung von Kleinkindern mit Moskitonetzen in Kenia und

der Aufbau einer ländlichen Gesundheitsversorgungsstruktur in einer kenianischen Provinz;

• die Förderung des Projekts „Teach First“ zur Verbesserung der Chancengleichheit in Schulen, in

sozialen Brennpunkten, das wir nach einer Testphase in Deutschland auch in Indien unterstützen

möchten.

Natürlich zeigen diese Beispiele auch, dass die Wirtschaft staatliches Handeln und internationale Normen

nicht ersetzen kann, aber sie können helfen, Bewusstsein zu schaffen, für die Umsetzung der Millenniumsziele.

Die Möglichkeiten eines Unternehmens für die Verwirklichung dieser Ziele (Beseitigung

von Hunger und Armut, die Bekämpfung der Kindersterblichkeit, die Verbesserung der Bildung) zu

nutzen, und sich selbst als Arbeitgeber und Handelspartner anständig und fair zu verhalten. In all diesen

Projekten haben sich Frauen als „Agents of Change“, als treibende Kräfte engagiert, sowohl als

Organisatorinnen, als Freiwillige wie als Adressatinnen. Auch als Arbeitgeber sind wir dabei zu lernen,

wie Frauenförderung in unterschiedlichen Kulturen aussehen kann und muss.

In diesem Zusammenhang hat mich ein Bericht in der letzten Ausgabe des Post/DHL-Magazins für

Manager mit dem Titel: „Managerinnen im Morgenland“ erfreut, in dem zwei Managerinnen über ihre

Erfolge als Leiterinnen weiblicher Verkaufsteams in Saudi-Arabien berichten und stolz darauf waren,

mit ihren Ergebnissen nicht nur im internationalen Vergleich gut dazustehen, sondern als erstes weibliches

Team in der Logistikbranche in Saudi-Arabien „Emanzipationsgeschichte“ zu schreiben. Besonders

positiv fanden die beiden Managerinnen übrigens, in einem globalen Unternehmen zu arbeiten

und dabei auch zu lernen, wie unterschiedliche Kulturen mit ihren alltäglichen Problemen umgehen.

Auch dies ist ein Beispiel dafür, dass Unternehmen einen Beitrag leisten können, der globalisierten Frau

zu mehr Geschlechtergerechtigkeit zu verhelfen.

Kein Zweifel: All diese Ansätze müssen in Zukunft systematischer und aktiver betrieben werden. Dazu

kann mehr Druck durch die Zivilgesellschaft, durchaus hilfreich sein, damit das Spannungsverhältnis

zwischen ethisch-sozialen Grundsätzen und kurzfristigen ökonomischen Interessen nicht immer wieder

zugunsten kurzfristiger Ziele gelöst wird. Dazu bedarf es auch größerer gemeinsamer Anstrengungen,

um die Freiheit zwischen den unterschiedlichen Kulturen von Nichtregierungsorganisationen und Management

und das damit verbundene gegenseitige Misstrauen zu überwinden.

18


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

II.

H

Kenia

KENIA

Nahrungsmittelkrise – Eine Herausforderung für Frauen aus dem Süden

Hirse statt Reis heißt die Strategie der indischen Kleinbäuerinnen in Tamil Nadu, um die Nahrungsmittelkrise

zu überwinden. Die Dürre macht ihnen den Reisanbau unmöglich und zum Kauf von Wasser

haben sie kein Geld. Die Hirse wollen sie auch verarbeiten. Frauen suchen Auswege. In Kenia,

Uganda, Ruanda, Kenia züchten sie Bienen, Fische, halten Kleinvieh und bauen Gemüse an. Frauen in

Südasien und in Afrika Südlich der Sahara sind zu 80 Prozent für die Versorgung der Bevölkerung mit

Nahrungsmitteln verantwortlich. Die Lage der Frauen hat sich verschlechtert, weil Dürren, starke Stürme

und Regenfälle oder heftige Überschwemmungen sie um die Ernteerträge bringen. Als Folge der

Wirtschaftskrise stieg die Zahl der Hungerleidenden 2009 auf über eine Milliarde. Von daher muss alles

getan werden, um das Recht auf Nahrung weltweit durchzusetzen.

Bau von Fischteichen zur Aufzucht von Tilapiafischen

Marie Ganier-Raymond

D

Das Millenniumsentwicklungsziel 1 sieht eine Halbierung der Zahl der Hungernden bis 2015 vor.

Die Realität ist allerdings, dass die Zahl der Hungernden wächst, 2009 sind es circa 963 Millionen bei

steigender Tendenz. Dass das Recht auf Nahrung von Frauen mehr verletzt wird als das der Männer

gilt inzwischen als anerkannt, jedoch verfügen wir über keinen verlässlichen Zahlen. Dies liegt in der

Natur der Diskriminierung der Frauen, denn es existieren keine genderdisagregierte Daten: Man müsste

eine Gender Einschätzung vornehmen werden, die wiederum den politischen Willen voraussetzt.

Dieser fehlt in der Regel, so dass der genaue Stand von Hunger und Unterernährung von Frauen noch

unklar bleibt.

Die Auswirkungen der Nahrungsmittelskrise auf Frauen lassen sich zumindest strukturieren: Frauen

ernähren die Welt, werden aber nicht satt, weil ihr Anteil am Ertrag gering ausfällt, und sie am wenigsten

in der innerhäuslichen Verteilung abbekommen. In Krisenzeiten, die mit Knappheit verbunden

sind, sind sie gefährdeter. Frauen tragen in den meisten Ländern die Verantwortung für die Landwirtschaftsproduktion,

haben aber einen viel geringeren Zugang zu Finanzdienstleistungen (außer Mikrokrediten).

Sie können deshalb weniger planerisch tätig sein. Frauen erhalten weltweit weniger Einkommen

bei gleicher Wirtschaftskraft. In Krisenzeiten tendiert das Einkommen dazu, sich zu verschlechtern,

was sie mit besonderer Härte trifft. Ihre oft prekären Arbeitsverhältnisse sind in Krisenzeit schnell

19


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

gefährdet. Frauen sind generell in der Landwirtschaft tätig aber erhalten keine Anerkennung. Sie werden

lediglich als Familienmitglied wahrgenommen und bei der Vergabe von Landrechten missachtet. In

vielen Ländern haben verlassene Frauen keinen Anspruch auf Alimente, was in manchen Fällen des

Auseinanderfallens eines halbwegs stabilen Familienkonstrukts Frauen in die Unterernährung hineinwirft,

speziell in Zeiten, in denen das wirtschaftliche Auskommen in Frage gestellt wird. Humanitäre

Katastrophen gefährden auch in besonderem Maße die Lage der Frauen. Einerseiten können ihre

Errungenschaften buchstäblich weggeschwemmt werden, andererseits werden sie sehr oft Opfer von

sexualisierter Gewalt wenn sie sich einen Zugang zu Hilfslieferungen schaffen. Außerdem führen Katastrophen

dazu, dass Frauen sehr weite Wege zurücklegen müssen, um den Zugang der Familie zu

Nahrungsmitteln zu sichern. Auf solchen Wegen setzten sie sich vielen Gefahren aus. Natürlich wehren

sich Frauen und entwickeln ihre Strategien, aber es ist auch Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit

in Richtung Geschlechtergerechtigkeit zu wirken. Um dies zu unterstützen hat VENRO vor einigen

Jahren die Arbeitsgruppe Gender aus der Taufe gehoben, denn selbst bei Entwicklungsorganisationen

kann das Thema noch stärker in den Vordergrund gestellt werden. Der Ansatz von VENRO ist es,

mehrgleisig zu verfahren.

In erster Linie dient die Arbeit der AG-Gender von VENRO dazu, den Austausch zwischen den

Mitgliedsorganisationen zum Thema Gender zu fördern, damit die einzelnen Organisationen voneinander

lernen können. Des Weiteren sind generell Konsultationsprozesse wichtige Eckpfeiler der

VENRO-Arbeit. Die Adressaten sind hier das Bundesministerium für Zusammenarbeit und die Durchführungsorganisationen

aber auch die Europäische Union und andere Partner. VENRO nimmt Position

zu den verschiedenen Aspekten der Geschlechtergerechtigkeit. In diesem Sinne entstehen interne

Positionspapiere, damit die Mitgliedsorganisationen die Möglichkeit haben, Frauen- und Genderfragen

in ihren Policies aufzunehmen, sowie. externe Positionspapiere entlang internationaler Ereignisse (z.B.

Doha-Konferenz, Weltbankpapier). Da Geschlechtergerechtigkeit bei vielen Organisationen noch viele

Fragen aufwirft, bietet die AG-Gender Capacity Building Workshops zu einzelnen Aspekten, um das

Thema in den Mitgliedsorganisationen umsetzbar zu machen. Zuletzt muss noch genannt werden, dass

die AG-Gender aktiv an den Verbandsstrategien mitwirkt, wie zum Beispiel im Rahmen der Afrika-

EU-Strategie oder im Zuge des Schattenberichts zu den Millenniumsentwicklungszielen.

So wie die Ministerin für Entwicklungszusammenarbeit es immer wieder verdeutlicht, kann es ohne

Geschlechtergerechtigkeit keine Verwirklichung der Millenniumsentwicklungsziele geben. Aufgrund

dessen muss sich die Projektpraxis spürbar in diese Richtung entwickeln, um nicht nur die Grundbedürfnisse

der Frauen weltweit zu verwirklichen, sondern vor allem auch den unterschiedlichen Aspekten

deren Rechtsverwirklichung Rechnung zu tragen. Dies soll arbeitsteilig geschehen, indem die einzelnen

Mitgliedsorganisationen von VENRO die spezielle Lage der Frauen und die geschlechterdiskriminierenden

Strukturen stets im Fokus behalten, wenn sie ihre Aktivitäten planen, durchführen und neu

konzipieren.

Gabriele Groneberg

D

Die Nahrungsmittelkrise zeigte besonders deutlich, was die Gebergemeinschaft, aber auch die Entwicklungsländer

selbst, vernachlässigt hatten. Es wurde über viele Jahre versäumt, ausreichend in die

Infrastruktur ländlicher Räume und in die Landwirtschaft zu investieren.

Neue Studien belegen, dass Steigerungen des Bruttonationalproduktes, die aus einem Wachstum

der landwirtschaftlichen Produktion resultieren, besonders den armen Bevölkerungsschichten zugute

kommen. Denn eine gesteigerte Produktion von Nahrungsmitteln verbessert die Eigenversorgung und

das Angebot lokaler Märkte – gerade auch zu Preisen, die von den Armen bezahlt werden können. Der

Weltentwicklungsbericht 2008 der Weltbank „Agriculture for Development“ geht davon aus, dass der

Entwicklungseffekt durch die Förderung des Agrarsektors viermal höher ist als durch die Unterstützung

anderer Wirtschaftszweige. Die Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ist also entscheidend

für die Bekämpfung des Hungers. Eine Vernachlässigung dieses Sektors kann katastrophale Folgen

für die Ärmsten der Armen nach sich ziehen.

Maßnahmen der Bundesregierung zur Bekämpfung des Hungers

Neben der jährlichen Zahlung von 23 Millionen Euro und der anlassbezogenen finanziellen Unterstützung

des Nothilfeprogrammes der WEP (Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen) hat

20


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung während der akuten Notsituation

der Nahrungsmittelkrise im März 2008 drei Millionen Euro und Mitte April 2008 weitere zehn

Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Die Bundesregierung hat 2008 insgesamt circa 600 Millionen

Euro in die globale Ernährungssicherung investiert. Die Bundesregierung hat der Weltbank zudem für

den Infrastrukturfonds 100 Millionen Euro im Rahmen des Konjunkturpaktes II zur Verfügung gestellt.

Mittel- und langfristig sind strukturverändernde Maßnahmen in den Entwicklungsländern notwendig,

um die Produktion von Nahrungsmitteln zu erhöhen. Deshalb legt das BMZ in der bilateralen

Entwicklungszusammenarbeit einen besonderen Schwerpunkt auf die Beratung und Schulung von

Kleinbäuerinnen und –bauern zur Steigerung ihrer Produktivität. Aber auch Infrastrukturmaßnahmen

und die Unterstützung verarbeitender Industrie sind Teil eines umfassenden Förderansatzes.

Auf der multilateralen Ebene hat sich Deutschland in den vergangenen Jahren dafür eingesetzt, dass

die Weltbank wieder einen höheren Anteil ihrer Mittel für die ländliche Entwicklung einsetzt. So hat die

Weltbank mit ihrem Weltentwicklungsbericht im Krisenjahr 2008 mit dem Titel „Agriculture for

Development“ die Ländliche Entwicklung in den Mittelpunkt gestellt und hat auch ihre Ausgaben deutlich

gesteigert. Im Zeitraum 2005 bis 2007 haben sich die Kredite im Bereich Landwirtschaft im Vergleich

zum Zeitraum 1999 bis 2001 um 38 Prozent erhöht.

Vielen Regierungen ist es leider nicht gelungen, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, die

eine Umsetzung der Potenziale in Entwicklung und Produktivität ermöglicht hätten. Im Tschad, Burkina

Faso, Mali, Niger, Äthiopien, Malawi und auf den Kapverdischen Inseln liegt der Anteil öffentlicher

Ausgaben für die Landwirtschaft und ländliche Entwicklung inzwischen wieder bei über zehn

Prozent.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit verfolgt heute in der Förderung von ländlicher Entwicklung

einen umfassenden system- und prozessorientierten Ansatz. Dabei müssen die verschiedenen

Einflussfaktoren auf die Lebensbedingungen im ländlichen Raum systematisch bearbeitet werden. Eine

wesentliche strukturelle Barriere stellen dabei die marktverzerrenden Subventionen für landwirtschaftliche

Produkte der Industrieländer dar.

Faire Chancen für Entwicklungsländer sind nur möglich im internationalen Agrarhandel, wenn

Marktchancen durch Zollabbau eröffnet und Exportsubventionen abgebaut werden. Die von der EU

nicht zuletzt auf Drängen der Bundesregierung beschlossenen Reformen der gemeinsamen Agrarpolitik

stellen einen Schritt in die richtige Richtung dar. Insbesondere die Absicht der EU, die immer geringer

werdenden Exportsubventionen für Agrarprodukte (EU-Haushaltsentwurf 2009: 300 Millionen Euro

für die EU27) bis 2013 schrittweise vollständig abzubauen, sind dabei der richtige Ansatz.

Die besondere Situation der Frauen und ihr Beitrag zur Ernährungssicherung

Von Natur- und Hungerkatastrophen sind bekanntermaßen am schlimmsten die Schwächsten betroffen:

Die Frauen und Kinder. Frauen sind ohnehin in armen Bevölkerungsschichten überrepräsentiert

und aufgrund ihrer sozialen Stellung besonders verwundbar. Sie sind zu einem größeren Ausmaß

von natürlichen Ressourcen abhängig, deshalb sind sie auch anfälligerer für die Folgen des Klimawandels,

wie Dürren, Überflutungen und ähnlichen Auswirkungen.

Klar ist indessen, dass Frauen für die innerfamiliäre Versorgung meist die zentrale Rolle spielen.

Deshalb ist es sinnvoll ihre Position zu stärken, damit sich die Verhältnisse bessern. „Frauen halten den

Schlüssel zur Überwindung der Armut in der Hand“, so bringt es unsere Entwicklungsministerin Heidemarie

Wieczorek-Zeul treffend auf den Punkt.

Dass gerade Frauen der Zugang zu Land und Kapital erschwert wird, stellt ein gravierendes Entwicklungshemmnis

in vielen Ländern dar. Ihr wirtschaftliches Potential wird in rechtlicher, agrarpolitischer

und soziokultureller Hinsicht beschränkt. Und das geschieht, obwohl die Ernährungssicherung

weitgehend in Frauenhand liegt: über 90 Prozent der Grundnahrungsmittel und über 30 Prozent der

Marktfrüchte werden von Frauen produziert. Dennoch sind aber nur zehn Prozent der Anbauflächen

im Besitz von Frauen und weniger als zwei Prozent aller Landtitel in Entwicklungsländern insgesamt.

Zudem erhalten Frauen nur etwa zehn Prozent aller an Kleinbauern vergebene Kredite und insgesamt

nur über ein Prozent aller vergebenen landwirtschaftlichen Kredite. Allerdings profitieren gerade Frauen

von Mikrokrediten und ihrer armutsreduzierenden Wirkung. Frauen zahlen zuverlässig jeden Kredit

zurück. Je schneller die Schulden bezahlt werden, desto mehr Geld gibt es beim nächsten Kredit. Das

21


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

gesteigerte Einkommen trägt dann zur verbesserten Bildung bei, zu einer besseren medizinischen Versorgung

und stärkt die Rolle der Frau innerhalb der Gesellschaft.

Maßnahmen der Bundesregierung zur gezielten Förderung von Frauen

Insofern verfolgt die deutsche entwicklungspolitische Zusammenarbeit einen zweigleisigen Ansatz

aus „Gendermainstreaming“ und gezielter Förderung von Frauen. Das bedeutet zum einen, dass es

Aufgabe des Staates ist, für bessere Zugangsbedingungen zu Märkten und die Gestaltung und Einhaltung

des Rechtsrahmens zu sorgen. Zum anderen heißt das auch, dass an den Bedürfnissen von Frauen

ausgelegte Maßnahmen und Investitionen gefördert werden müssen. Dazu gehört vor allem eine zeitsparende

Infrastruktur in den Bereichen Transport, Wasser- und Energieversorgung oder auch Kinderbetreuung.

Aber es wird grundsätzlich darum gehen, die Strukturen zu ändern: Denn wer die strukturellen Ursachen

für soziale und politische Instabilität überwinden will, muss die Ungleichheit zwischen den

Geschlechtern beseitigen. Damit können innergesellschaftliche Konflikte vermieden und Armut effektiver

bekämpft werden. Der nachgewiesene Zusammenhang zwischen Armutsreduzierung und Gleichberechtigung

von Männern und Frauen findet aus diesem Grund seinen Niederschlag in den Millenniumsentwicklungszielen

der Vereinten Nationen.

Abschließender Hinweis auf parlamentarische Initiativen

Intensiv hat sich die SPD-Bundestagfraktion in dem Antrag „Hunger und Armut in Entwicklungsländern

durch die Förderung von ländlicher Entwicklung nachhaltig bekämpfen“ (Drs. 16/ 11053)

sowie in dem Positionspapier der SPD-Bundestagsfraktion „Frauen in der Entwicklungszusammenarbeit

stärken – Gender Mainstreaming konsequent weiter verfolgen“ mit der Thematik auseinandergesetzt.

Zudem hat der Ausschuss für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung des Deutschen

Bundestages zwei Anhörungen in diesem Themenbereich durchgeführt: Im Oktober 2008 „Instrumente

zur Förderung der Ländlichen Entwicklung – Bessere Erfolgsaussichten bei der Hunger- und

Armutsbekämpfung“ sowie im Februar 2009 „Auswirkungen der Finanzkrise auf die Entwicklungsländer

und Handlungsoptionen für die Entwicklungspolitik“.

Regierungsprogramm der SPD 2009 – 2013

Das auf dem außerordentlichen Bundesparteitag am 14. Juni 2009 in Berlin beschlossene Regierungsprogramm

zeigt deutlich, welchen zentralen Stellenwert die SPD der Entwicklungszusammenarbeit

beimisst. Die SPD stellt darin sicher, dass bis 2010 0,51 Prozent und bis 2015 0,7 Prozent des

Bruttoinlandsproduktes für die weltweite Bekämpfung von Armut und Hunger zur Verfügung gestellt

werden sollen. Um die Millenniumsentwicklungsziele bis zum Jahr 2015 zu erreichen, braucht es feste

finanzielle Zusagen: Neben der Bereitstellung von klassischen Haushaltsmitteln will die SPD weitere,

innovative Finanzierungsquellen erschließen. Ein wichtiger Schwerpunkt wird dabei die Unterstützung

Afrikas bleiben, denn das Erreichen der Millenniumsentwicklungsziele wird entscheidend von den

Fortschritten in Afrika abhängen.

Bernadine Ndaboine

D

Die Statistiken sind eindeutig, wenn man sich die Rolle der Frau in der Nahrungsmittelproduktion

anguckt: in den Entwicklungsländern werden zwischen 60 und 80 Prozent der Nahrungsmittel von

Frauen angebaut, aber mehr als 70 Prozent der Hungrigen sind Frauen und Mädchen. Mehr als 907

Millionen Hungernde gibt es alleine in den Entwicklungsländern – das ist mehr als die Bevölkerung der

EU, Kanada und den USA addiert. Frauen in den ländlichen Bereichen produzieren mehr als die Hälfte

der weltweiten Nahrungsmittel. 75 Prozent der Hungrigen leben in diesen ländlichen Bereichen. Der

Zugang zum Kapitalmarkt ist für Frauen schwierig: nicht einmal zehn Prozent der vergebenen Kredite

gehen an Frauen. Mehr als 400 Millionen Menschen weltweit leben von zwei US-Dollar am Tag. Bis

2015 sollen es weit mehr als 600 Millionen werden. Die Nahrungsmittelpreise sind um knapp 55 Prozent

gestiegen. Bei Haushalten in den Industrieländern geben Personen meist nicht mehr als 15 bis 18

Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. In den Entwicklungsländern beträgt der Prozentsatz

fast 70 Prozent, so dass die Preissteigerung die Haushalte hier ungleich stärker trifft.

Was ist der Ursprung der Nahrungsmittelkrise in Tansania

22


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

Die Frauen in Tansania, die in der Landwirtschaft tätig sind, sind in vielerlei Hinsicht benachteiligt:

Sie besitzen ein Prozent des Landes, erhalten nicht einmal sieben Prozent der landwirtschaftlichen

Dienstleistungen und weniger als zehn Prozent der Kreditnehmer sind weiblich. Dazu kommen Unterernährung,

Analphabetismus und das Fehlen einer Stimme, wenn es um Entscheidungen in ihrem Leben

geht. Insgesamt wird diese Situation noch beeinflusst durch eine geringe Ernte wegen unregelmäßiger

Regenfälle, das Umsteigen von Lebensmittel für die Eigenversorgung auf Anbau von Lebensmitteln

für den Export, steigende Preise der Düngemittel, Transportschwierigkeiten, Import- und Exportrestriktionen,

Malaria und HIV/AIDS, die Aufnahme von Flüchtlingen und so weiter.

Die Rolle der Frauen bei der Nahrungsmittelsicherung

Frauen in Tansania sind hauptsächlich in der Landwirtschaft tätig und dabei zuständig für die

Sicherung der Nahrungsmittelgrundlage für die Familien. Darunter fallen die Arbeiten von der Vorbereitung

der Felder, die Kultivierung der Pflanzen, Unkrautjäten und Ernten, aber auch die Verarbeitung

der Ernte wie z.B. das Aufbrechen der Nüsse, Sortieren des Saatgutes, das Trocknen, der Transport,

der Verkauf. Gleichzeitig führen die Frauen den Haushalt inklusive der Betreuung der Kinder. Eine

Frau in Tansania ist den ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigt außer den Arbeiten auf der Farm.

Die Auswirkungen der Nahrungsmittelkrise auf die Frauen in Tansania

Frauen in Tansania erbringen eindeutig die meiste Arbeit bei der Erwirtschaftung der Nahrungsmittel,

sind zugleich auch am schwersten betroffen von der Krise, da ihre Möglichkeiten, eigenständige

Entscheidungen zu treffen in diesem Bereich sehr limitiert sind. Sie haben keinerlei Autorität um Entscheidungen

bezüglich des Anbaus, des Konsums oder des Verkaufs zu machen, da diese vollständig

von ihren Ehemännern getroffen werden. Dies beeinflusst ihr Wohlbefinden bzw. ihre Gesundheit auf

verschiedenen Ebenen. Die Gesundheit der Frauen wird beeinflusst, da die traditionellen Essstrukturen

Männer gegenüber Frauen und Kindern bevorzugen, da z.B. Männern nicht nur als Erstes essen, son--

dern auch die beste Auswahl des Verfügbaren serviert wird. Mangelernährung führt zu höheren Sterberaten

von Kindern und Müttern im Kindbett. Ebenso werden Schwangere anfälliger für Infektionen,

Früh- und Fehlgeburten. Wegen der Arbeitslast schaffen es weniger Mütter zu den Vorsorgeuntersuchungen

und es werden mehr Kinder zu Hause geboren. Die Bildung der Mädchen leidet mehr unter

diesen Bedingungen als die Jungen, da die Mädchen die Schule verlassen um die Mütter bei der

Bewirtschaftung des Feldes und der Hausarbeit zu unterstützen. Einige der Mädchen werden frühzeitig

verheiratet, wieder andere können nicht versorgt werden und müssen sich anderweitig eine

Beschäftigung suchen, was häufig zu einer Infektion mit HIV/AIDS führt. Einige versuchen sich auch

als Straßenverkäufer und verdienen weniger als zwei US-Dollar am Tag. Frauen, insbesondere Frauen,

die ihrer Familie vorstehen und ohne einen Ehemann nur limitierten Zugang zu einem Einkommen

haben, müssen sich mit kleineren Jobs über Wasser halten. Frauen erhalten einen niedrigeren Lohn und

arbeiten oft an den schwersten und gefährlichsten Arbeitsplätzen. Häufig haben die Frauen nur noch

eine Mahlzeit am Tag, da die Lebensmittelpreise sich verdoppelt haben.

Lösung zur Nahrungsmittelsicherheit in Tansania

Eine Beseitigung der Folgen der Nahrungsmittelkrise kann nur in Kombination von Maßnahmen

auf drei Ebenen erfolgen. Auf der Ebene der Familien muss eine partnerschaftliche Zusammenarbeit

zwischen den Frauen und Männern gefördert werden, so dass die Arbeitslast zur Erwirtschaftung der

Nahrungsmittel gerecht geteilt wird. Auf Ebene der Gemeinden sollte den Frauen Zugang gewährt werden

zu den benötigten Materialien wie z.B. Dürreresistentem Saatgut, bezahlbaren Düngemitteln und

Beratungseinrichtungen, die Informationen über Kompost, abwechselnde Bepflanzung der Felder,

Pflanzungsmethoden generell vermitteln. Den Frauen sollte ein gleiches Anrecht auf Landvergabe

eingeräumt werden. Außerdem sollte eine Kombination von Getreideanbau und Kleintierhaltung

(Schweine, Geflügel, Ziegen etc.) eingeführt werden. Der Zugang zu Kleinkrediten muss für Frauen

geöffnet und zusätzlich gefördert werden. Und die Infrastruktur zum Abtransport der Waren muss

verbessert werden.

Auf Regierungsebene müssen zielgerichtete Investitionen in die Mechanisierung der Landwirtschaft,

in den Ausbau der Brunnen, Pump- und Bewässerungssysteme und die langfristige Planung und Einlagerung

von Lebensmitteln für Dürrephasen getätigt werden.

23


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

Guinea

GUINEA

Gewinnung von jodhaltigem Salz mit Hilfe von Solarenergie

Noumounin Tounkara

D

Die Republik von Guinea ist ein kleines Land. Es liegt im westlichen Afrika und hat eine Bevölkerung

von zehn Millionen Einwohnern, wobei der Frauenanteil 51,8 Prozent ist. Das Klima besteht aus

zwei Jahreszeiten: eine Trockenzeit und eine Regenzeit, die jeweils sechs Monate andauern wobei die

Temperatur zwischen 15 bis 40 Grad Celsius liegt. Die Republik von Guinea hat wie jedes Entwicklungsland

Schwierigkeiten mit der Nahrungsmittelversorgung, da die landwirtschaftliche Produktion für

die gesamte Bevölkerung nicht ausreichend ist. Aus diesem Grund importiert Guinea jährlich 300.000

Tonne Reis, welches das Grundnahrungsmittel darstellt. Die Landwirtschaft Guineas ist technisch nicht

sehr fortschrittlich, da die Arbeitsmaterialien wie z.B. geeignete Maschinen nicht vorhanden sind.

In dieser schweren Situation sind Frauen und Kinder am meisten betroffen. Die Frauen spielen eine

sehr wichtige Rolle in der Landwirtschaft. Sie erwirtschaften 80 Prozent der Reisproduktion, Fonio,

Knollen etc. Da Männer aufgrund der Arbeitssuche in den städtischen Zentren die Dörfer verlassen,

spielen die Frauen deswegen eine sehr bedeutende Rolle in der landwirtschaftlichen Produktion. Die

afrikanische Tradition besagt leider, dass Frauen in Afrika kein Besitz haben dürfen, obwohl sie diejenigen

sind die arbeiten und die Familie ernähren. Die Lagerung der Ernte wird von den Männer trotz

deren schwachen Teilnahme an der landwirtschaftlichen Arbeit durchgeführt.

Guinea ist ein Küstenland am atlantischen Ozean. Dennoch ist die Versorgung mit Fisch ebenfalls

mangelhaft. Eine arme Familie verbraucht weniger als 60 kg Fisch jährlich. Die Rinderzucht ist in Guinea

sehr wichtig. Es symbolisiert ebenfalls Reichtum einer Familie. Trotz des hohen Rinderbestandes

ist der Konsum von Rindfleisch sehr kostspielig. In Fouta Djallon ist es nicht unüblich dass die Züchter

ihren Kühen sehr zugetan sind, was sie daran hindert, sie zu verkaufen oder zu schlachten. All dieses

führt dazu, dass es ein starkes Defizit an tierischen Proteinen in der Ernährung gibt.

Charakteristisch für ein Entwicklungsland ist die nicht ausreichende Nahrungsmittelversorgung.

Hinzu kommt, dass es keine Möglichkeit die Aufbewahrung von verderblichen Lebensmitteln in Kühl-

24


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

schränken gibt oder sie anderweitig zu konservieren wodurch die Lebensmittel relative schnell verderben.

Dazu sollte erwähnt werden, dass Familien in Guinea nur einmal am Tag essen, manchmal auch

nur alle zwei Tage kochen können. Um die Nahrungsmittelsituation in Guinea zu verbessern, hat die

AGFC „Association Guineene des Femmes Chercheurs“ mit der Unterstützung des Marie-Schlei-

Vereins einige Projekte und Aktion ins Leben gerufen, um das Einkommen von Frauen zu vermehren.

Unter anderen in folgenden Bereichen:

• Konservierung und Verpackung von Gemüse und Früchten, denen in Solartrocknern die Feuchtigkeit

entzogen wird und die dann in Supermärkten in der Hauptstadt verkauft werden;

• Eine neue Methode der Solartrocknung zur Gewinnung von jodhaltigem Salz aus Meerwasser ist

entwickelt worden. Dies ermöglicht es den Frauen größere Mengen an Salz herzustellen und

gleichzeitig auch die Gesundheit der Arbeiterinnen zu schützen, da sie abseits von Sonnenhitze

und Insekten wie Moskitos arbeiten können;

• Zwei moderne Einrichtungen zum Räuchern von Fisch wurden eingerichtet, da Räucherfisch

eine sehr nahrhaftes und beliebtes Nahrungsmittel ist;

• Sieben Einrichtungen zur Herstellung von Palmöl und sechs zur Herstellung von Karité Butter

(Sheabutter) ermöglichen es den Frauen Zwischen- und Fertigprodukte herzustellen und auf den

lokalen Märkten zu verkaufen;

• Die Einrichtung von zwei Sammelkühllagern wurde von den Frauen mit Begeisterung aufgenommen,

da hier die Frauen frische Lebensmittel nach der Ernte oder während der Nacht lagern

könne und sie somit länger auf dem Markt anbieten können, da diese länger frisch bleiben. Bi

dahin waren die Waren nach zwei Tagen verdorben

und jeweils drei Einrichtungen zum Mahlen von Reis und Mais und dem Schälen von Reis.

Diese Projekte und Einrichtungen helfen mehr als 10.000 Frauen bei der Arbeit in Guinea. 1.000

Frauen wurden über ihre Rechte aufgeklärt sowie in Schrift und Sprache unterrichtet. Sie werden auch

in der Hygiene aufgeklärt. Heute haben diese Frauen in Guinea ihren eigenen Besitz. Die Produktion

und der Konsum von Nahrungsmitteln hat zugenommen. Die Gesundheit von 4.000 Frauen hat sich

verbessert und das Einkommen von 10.000 Frauen hat zugenommen.

25


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

D

III. Bilanz und Perspektiven für Gender und Entwicklung im Zeichen der

Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen

Die Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 und das Millenniumsziel 3 wollen Geschlechtergerechtigkeit

und Empowerment von Frauen. Es sind aber nur 18 Prozent der Abgeordneten weiblich, nicht

einmal zehn Prozent der Bürgermeister sind Frauen. Unter den 192 Staats- und Regierungschefs der

UN-Staaten sind nicht einmal zehn Prozent Frauen. 70 Prozent der Menschen, die in absoluter Armut

leben, sind Frauen. Sie leisten zwei Drittel aller Weltarbeitsstunden, verdienen zehn Prozent des Welteinkommens

und besitzen zwei Prozent des Weltvermögens. Ein Frauenleben in Würde ist in Entwicklungsländern

Zufall. Berufliche Qualifizierung ist ein Ausweg aus der Armutsfalle, wenn an den Bedürfnissen

und am Frauenalltag ausgerichtet die Ausbildung gemeinsam mit den Frauen konzipiert

wird. Ohne gleichzeitige Frauenförderungs- und Gendermainstreaming- Politik der jeweiligen Entwicklungsländer

wird Geschlechtergerechtigkeit nicht durchgesetzt werden können. Hinzu kommen

müssen erschwingliche Mikrokreditprogramme.

Togo TOGO

Überreichung der Ausbildungszeugnisse an die Bäckerinnen

Prof. Dr. Claudia von Braunmühl

D

Der entwicklungspolitische Gender Aktionsplan (GAP) der deutschen Bundesregierung vom

Februar 2009 geht explizit von den Menschenrechten aus: „Frauenrechte sind Menschenrechte“. Den

Weg zum „menschenrechtsbasierten Ansatz“ ebnete eine langjährige von internationalen Frauenbewegungen,

feministischer Wissenschaft und Entwicklungszusammenarbeit geführte Debatte. Wesentliche

Stufen darin sind der in den siebziger Jahren aufgekommene Women in Development-Ansatz (WID).

Er ging davon aus, dass Frauen in Entwicklungsländern in vormodernen Strukturen gefangen sind und

durch frauenspezifische Maßnahmen in einen im Prinzip Entwicklung hervorbringenden Modernisierungsprozess

hineingeholt werden müssten. Der nachfolgende Gender and Development-Ansatz (GAD)

legt den Fokus nicht isoliert auf Frauen, sondern auf ungleiche und ungerechte Geschlechterverhältnis-

26


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

se, die mit Hilfe einer Gender Analyse aufgedeckt und in allen Phasen von Entwicklungszusammenarbeit

und Entwicklungspolitik durch Gender Mainstreaming praktisch korrigiert werden. Dieser Ansatz

prägt die Aktionsplattform von Peking (1995). Anders als gelegentlich dargestellt, ist also die Doppelstrategie

von Gender Mainstreaming – Gender Analyse plus frauenspezifische Maßnahmen - keine

europäische oder auch nur von Europa ausgegangene Strategie. Vielmehr hat sie ihren Ursprung in

einer langen, vielstimmigen, internationalen diskursiven und operativen Interaktion von Entwicklungszusammenarbeit

und Entwicklungspolitik, frauenbewegten Organisationen und Aktivistinnen sowie

feministischer Theoriebildung.

1985 schon formulierte das im globalen Süden aktive Netzwerk DAWN (Development Alternatives

of Women for a New Era) das für alle Frauen gültige strategische Ziel von Empowerment, das in der

einen oder anderen Form, oft ökonomisch verkürzt, von Entwicklungsorganisationen aufgegriffen wurde.

Der GAP vermeidet diese Verengung. Er setzt vier thematische Schwerpunkte: Wirtschaftliches

Empowerment, Frauen in bewaffneten Konflikten und ihre Rolle bei der Konfliktbearbeitung, Geschlechtsspezifische

Herausforderungen und Antworten auf die Klimakrise und Sexuelle und reproduktive

Gesundheit und Familienplanung. Hier soll auf die ersten beiden eingegangen werden.

Wirtschaftliches Empowerment

Armutsanalysen und die vielfach aufgearbeitete Erfahrungen mit Gender Mainstreaming haben

gezeigt, dass der neoliberale Mainstream selbst keineswegs Geschlechtergerechtigkeit hervorbringt,

sondern im Gegenteil sozialen Belangen im Allgemeinen und den Interessen und Lebenssituationen

von Frauen im Besonderen zuwider läuft. Marktradikale wirtschaftliche und politische Lösungen übersehen

systematisch die ungleiche Ressourcenausstattung von Frauen, die ihnen weltweit zufallenden,

unentgoltenen Sorgeleistungen an Menschen und Natur und nicht zuletzt, dass ihre eingeschränkten

Persönlichkeitsrechte sie daran hindern, möglicherweise gegebene wirtschaftliche Chancen wahrzunehmen.

Derweil sind die Arbeitsplätze von Frauen bzw. ist ihre eigene Produktion und deren Vermarktung

unmittelbar bedroht von billigeren, ggf. subventionierten Importen und können sie sich auf Entlastung

und Unterstützung durch staatliche Einrichtungen kaum verlassen.

Aus dieser Erfahrung heraus ist ein maßgeblicher Teil der internationalen Frauenbewegungen zu

dem Schluss gekommen, dass die Orientierung an den Menschenrechten nicht zu trennen ist von einer

gendersensiblen Kritik der politischen Ökonomie der Globalisierung. Der GAP indes setzt beim Themenschwerpunkt

„Wirtschaftliches Empowerment“ ganz auf Argumente und Instrumente, die auf die

Integration von Frauen in die Privatwirtschaft gerichtet sind, ohne die Organisation des Wirtschaftsprozesses

als solchen zur Debatte zu stellen. Es ist aber doch zu wünschen, dass ein grundlegender

politischer Text wie der GAP mutiger die globalen makro-ökonomischen und -politischen Barrieren

anspricht, die geschlechtergerechter Politikgestaltung entgegenstehen.

Konflikte und Konfliktbewältigung

Beim zweiten Schwerpunkt: Frauen in bewaffneten Konflikten und ihre Rolle bei der Konfliktbearbeitung

wird die im Juni 2008 einstimmig vom Weltsicherheitsrat verabschiedete Resolution 1820 zu

sexueller Ausbeutung und Missbrauch in den Vordergrund gestellt und ist an der vorangegangen Resolution

1325 vom Oktober 2000 „Frauen, Frieden und Sicherheit“ das Schutzmotiv herausgehoben. Resolution

1820 sieht im Einsatz von sexualisierter Gewalt ein Kriegsmittel und sieht insofern darin eine

Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit. Sie spricht kategorisch ein Ende der

Straflosigkeit aus: Nach-Kriegs-Amnestien sollen sexualisierte Gewalt nicht einschließen. Das ist zweifelsohne

sehr hoch zu schätzen.

Viele Frauenorganisationen fürchten aber, dass mit Resolution 1820 der Fokus wieder ganz auf

dem Opferstatus von Frauen liegt, während die Männer mit Strafandrohungen in Schach gehalten werden.

Damit läuft zweierlei Gefahr in den Hintergrund zu treten, a) die Forderung nach Beteiligung von

Frauen an allen Aktivitäten der Konfliktbearbeitung; das bedeutet sowohl ihren Anteil in allen Typen

von Verbänden zu erhöhen als auch lokale Frauenorganisationen einzubeziehen. Diese Forderung stellt

sehr viel weitergehende Ansprüche an grundlegende Veränderungen der Geschlechterkultur in den

friedenssichernden Verbänden und beim Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen. b) Mit Waffen und

in Gewaltmärkten gesuchter Einkommenserwerb und durch Waffen und Gewalt beglaubigte Männlichkeit

sind vor allem da für junge Männer attraktiv, wo ihre möglicherweise ursprünglich ganz anders

gelagerten Lebensvorstellungen und Hoffnungen in einer blockierten Entwicklungsperspektive stecken

27


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

geblieben sind. Das ist ein entwicklungspolitisches und Geschlechterproblem erster Güte, das unbedingt

in einem entwicklungspolitischem Gender Aktionsplan angesprochen sein sollte. Zumal Gender

eben nicht nur Frauen meint.

Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-Plath

G

Geschlechtergerechtigkeit und Frauenförderung, Empowerment von Frauen, sind die Voraussetzung

dafür, dass Armut und Unwissenheit, Hunger und Gewalt überwunden werden können. Zu

Recht enthalten die UN- Milleniumsziele in Ziel drei diese Einsicht als Forderung. Absolute Armut

kann nur überwunden werden, wenn Frauen gleichberechtigt an der Entwicklung beteiligt werden.

Gerade in den ländlichen Gebieten Afrikas besteht ein großer Nachholbedarf. Dabei wissen die Frauen:

ich weiß nichts, also bin ich nichts. Nur: der Zugang zu beruflicher Qualifizierung, technischem Know-

How, angepassten Technologien und Kleinstkrediten muss organisiert und finanziert werden. Frauen

und Teilhabe an Entwicklung bedeutet darüber hinaus, dass endlich alle Milleniumsziele von Gesundheit

bis zum Umweltschutz geschlechtspezifisch betrachtet und umgesetzt werden müssen.

Milleniumsziele und Frauen

Anders als die Aktionsplattform von Peking 1995 enthalten die Milleniumsziele keine spezifischen

gleichstellungspolitischen Ziele, obwohl alle Milleniumsziele nur dann erreicht werden können, wenn in

ihre strategischen Handlungsansätze neben frauenrelevanten auch frauenspezifische Anliegen einfliessen.

Das Millenniumsziel 3 ist das Ziel mit dem größten Nachholbedarf und setzt auf Geschlechtergerechtigkeit

und Empowerment von Frauen.

• Acht von zehn Frauen im Südlichen Afrika und in Südasien sind in prekären Beschäftigungsverhältnissen;

• 57 Prozent der Kinder, die nicht zur Schule gehen, sind Mädchen. Zwei Drittel aller Analphabeten

sind Frauen und Mädchen;

• Unter fünf Abgeordneten gibt es nur eine Frau. Quoten sind ein erfolgreiches Instrument, um

Frauen in Entscheidungspositionen durchzusetzen. Allerdings wird das Potential an Frauen für

Führungspositionen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft dadurch beeinträchtigt, dass der Brain

drain für Fachkräfte vor allem Frauen erfasst;

• Eine der vier Frauen, die an den Folgen von Schwangerschaft oder Geburt sterben, könnte durch

den Zugang zu effizienter Verhütung gerettet werden, vor allem im Südlichen Afrika;

Frauen, vor allem jüngere Frauen sind mehrheitlich HIV/Aids infiziert. In der Karibik stieg die

Zahl in fünf Jahren von 24 Prozent auf 43 Prozent. Gewalt ist Ursache und Folge von HIV/Aids;

• Der mangelnde Zugang zu sauberem Trinkwasser führt zu einer hohen zeitlichen Belastung von

Frauen. 40 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr werden für das Wasserholen und Wassertragen

durch Frauen und Mädchen verbraucht.

Gerade in Zeiten der Krisen leiden diejenigen am meisten, die am wenigsten zur Krise beigetragen

haben. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen trifft die Krise vor allem Frauen im ländlichen

Raum. Die Stärkung der Produktivkräfte der Kleinbäuerinnen ist ein Ausweg aus der Krise.

Gendermainstreaming versus Frauenförderung

Auf der Weltfrauenkonferenz von Peking 1995 wurde das Konzept Gendermainstreaming als Ergänzung

zur Strategie der Frauenförderung und positiven Diskriminierung beschlossen. Die UN-Staaten

haben die Aktionsplattform beschlossen und auf die Umsetzung mit Hilfe dieser Strategien gesetzt.

Während sich die Frauenförderung nur an Frauen richtet, richtet sich das Gendermainstreaming an

Frauen wie an Männer. Beide Grundsätze sind sowohl vom Grundgesetz wie vom EU-Recht gefordert.

Die CEDAW-Konvention der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeglicher Diskriminierung der Frau

fordert Frauenförderung als vorübergehende Maßnahme, um die de facto Gleichberechtigung von Frau

und Mann durchzuführen und rechtfertigt die Quote als Frauenförderinstrument.

Gendermainstreaming

Der Begriff ist bis heute nicht akzeptiert. Die Konzepte zeichnen sich durch einen hohen Grad an

Bürokratie und technischer Machbarkeit aus. Sie ist eine Top Down-Strategie. Sie macht die Geschlechterfrage

zur Querschnittsaufgabe. Die Frauenfrage gibt es nicht mehr. Damit löst sich die Strategie aus

28


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

dem verfassungsrechtlichen Gebot der Gleichstellung der Geschlechter und der Überwindung der faktischen

Ungleichheit. Zusätzlich kann Gendermainstreaming nur durch Gender Expertise, Gender

Proofing, Gender Sensivity und Gender Impact Assessment in den Mainstream kommen. Fast überall

fehlt es an Personal und Finanzen, um die Prüfungsschritte der 4 R durchzuführen: Repräsentation,

Ressourcen, Rechte, Realitäten.

Gendermainstreaming als Teil der Doppelstrategie zur Geschlechtergerechtigkeit wurde in vielen

Staaten zu einer Aufkündigung der Frauenförderung genutzt. Dies gilt für die Institutionalisierung der

Frauenfrage wie für Finanzmittel und individuelle bzw. strukturelle Benachteiligung der Frauen. In

Hamburg war diese Politik mit der Abschaffung des Senatsamtes für die Gleichstellung und die Sparmaßnahmen

für die Frauenprojekte verbunden. Vielfach wurde das Gendermainstreaming dazu genutzt,

frauenpolitische Maßnahmen durch familienpolitische Maßnahmen und Programme zu ersetzen.

Die mangelnde Sensibilisierung auf der Entscheidungsebene, die fehlenden Ressourcen, die fehlende

Transparenz und der Mangel an Genderexpertise sind mit der Zuständigkeit aller Behörden für das

Gendermainstreaming als Querschnittsaufgabe verbunden und sich selbst überlassen, weil es keine zentrale

Prüfstelle für den Erfolg des Gendermainstreaming gibt.

Frauenförderung bedeutet auch Quotierung. Gegen sie wird eingewandt, dass damit Männern keine

Chancen gegeben werden und Frauen zu Quotenfrauen deklassiert werden. Kein Mann hat sich im vergangenen

Jahrhundert darüber beschwert, dass es fast neunzig Jahre eine 90prozentige Männerquote

gab - allerdings auch zu wenige Frauen.

Gesetzliche Regelungen tragen zur Bewussteinsbildung bei. Deswegen haben Gleichstellungsgesetze

weiterhin eine große Bedeutung. Für ihre Umsetzung bedarf es Zulassung der Verbandsklage,

weil die Ungleichbehandlung von Frauen kein individuelles Schicksal ist, sondern eine strukturelle

Frage.

Gendermainstreaming sollte daher nicht als Allheilmittel für die Lösung der Frauenfrage gesehen

werden. Sie war weder so konzipiert noch durchgesetzt. Die Doppelstrategie muss zu einer Gleichberechtigung

beider strategischen Ansätze führen und dazu beitragen, dass im 21. Jahrhundert die Geschlechtergerechtigkeit

hergestellt wird. 14 Jahre Gendermainstreaming haben weder zu mehr Gleichberechtigung

in Politik und Wirtschaft geführt noch die Beschäftigungslücke oder die Lohnlücke geschlossen.

Vor allem sind weder die strukturelle noch die häusliche Gewalt überwunden worden.

Immer noch hat Gewalt gegen Frauen viele Gesichter.

Strategien für Gender und Entwicklung

Die Benachteiligung der Frauen und die Geschlechterungleichheit sind auch im 21. Jahrhundert

eine Herausforderung. UN-Konventionen, Verfassungsbestimmungen, Vereinbarungen und Gesetze,

die zur Geschlechtergleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit beitragen, werden nur unzureichend

beachtet. Die Sichtbarkeit der Frauen verstärken, die Stimme der Frauen erheben, sind gewichtige Forderungen.

Sie werden aber nur dann zu gleichstellungs- und frauenpolitisch korrekten Antworten führen,

wenn Frauennetzwerke existieren und funktionieren.

Meine Forderungen:

• Mehr Transparenz zur Lage der Frauen in Entwicklungsländern: Genderrelevante Daten und Fakten

werden gebraucht.

Frauenberichte der UN- Staaten müssen über die Berichterstattung zur Umsetzung der CEDAW-

Konvention hinaus alle drei Jahre erscheinen.

• UN- Staaten müssen stärker in die Pflicht genommen werden, die UN- Resolutionen 1325, 1820

sind umzusetzen und Aktionspläne vorzustellen, damit der Beitrag der Frauen zu Prävention und

Schlichtung eingesetzt werden kann.

• Politische und wirtschaftliche Entscheidungsfunktionen müssen quotiert werden.

29


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

D

Die Sicht der Arbeitsgruppe Gender des Verbandes Entwicklungspolitik

deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO)

Die VENRO-Steuerungsgruppe Gender begrüßt die Paris Deklaration zur Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit

und die Einigung der EU-Mitgliedstaaten auf eine arbeitsteilige Zusammenarbeit.

Eine umfassende Reform der Entwicklungszusammenarbeit eröffnet die Möglichkeit, deren

Defizite zu beheben und die Rolle der Entwicklungsländer im Sinne einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit

zu stärken. Dies bietet die Chance, Ziele und Mechanismen zur Umsetzung von Geschlechtergerechtigkeit

systematisch in die neuen Modalitäten der Zusammenarbeit zu integrieren und damit

einen wichtigen Schritt zu einer wirksameren Entwicklungszusammenarbeit zu gehen. Denn Frauen

machen weltweit nach wie vor einen Großteil der von Armut und Rechtlosigkeit betroffenen Menschen,

insbesondere im ländlichen Raum aus. Nur wenn der Reformprozess Geschlechterungleichheiten

adressiert, kann er Armut nachhaltig bekämpfen und damit einen Beitrag zu einer wirksameren Entwicklungspolitik

und der Erreichung der Millenniumsentwicklungsziele (MDG) leisten.

Guatemala

GUATEMALA

Anbau von Gemüse und Zierpflanzen und die Benutzung von ökologischem Dünger und Pestiziden

Gleichwohl zeigt sich die VENRO Steuerungsgruppe Gender besorgt über die derzeitige Ausgestaltung

des Reformprozesses, bei dem die Ziele Geschlechtergerechtigkeit und Empowerment von

Frauen in den Hintergrund zu treten drohen. Die Paris Deklaration verweist nur marginal auf die Querschnittsaufgabe

Gender und versäumt die Berücksichtigung der Geschlechterperspektive bei der Ausgestaltung

ihrer fünf Kernprinzipien. So ist das Prinzip der Eigenverantwortung regierungszentriert

konzipiert und vernachlässigt Parlamente und zivilgesellschaftliche Organisationen. Betroffen sind

davon insbesondere lokale Frauen- und Genderorganisationen, deren Forderungen keinen Eingang in

die nationalen Entwicklungsstrategien finden. Eine Partnerausrichtung der Geberpolitik an den Zielen

und Strategien der Empfängerländer läuft vor diesem Hintergrund Gefahr, Genderthemen und frauen-

30


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

spezifische Maßnahmen zu marginalisieren. Die Harmonisierung von Geberpolitiken darf daher nicht

dazu führen, dass nur noch wenige standardisierte Instrumente angewandt und zivilgesellschaftliche

Organisationen von der Förderung ausgeschlossen werden. Denn gerade bei Makro-Instrumenten wie

Programmorientierung und Budgethilfe bleiben geschlechtsspezifische Maßnahmen oftmals unberücksichtigt.

Dies gilt auch für die in der Paris Deklaration angestrebte stärkere Ergebnisorientierung:

Analysen zeigen, dass Genderthemen trotz vorhandener Verpflichtungen zum Gender Mainstreaming

nur vereinzelt in Evaluierungen entwicklungspolitischer Maßnahmen einbezogen werden. Setzt sich

dieser Trend fort und werden die Indikatoren der Paris Deklaration nicht unter Einbeziehung der

Genderperspektive konkretisiert, kann eine umfassende Wirkungsorientierung im Rahmen der gegenwärtigen

Reform der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) nicht erreicht werden. Nur eine Ergebnisorientierung,

die auch die Fortschritte bei der Umsetzung von Geschlechtergerechtigkeit misst, kann

schließlich eine umfassende Rechenschaftspflicht, nicht nur gegenüber den Geberbeziehungsweise

Partnerlandregierungen, sondern auch gegenüber der Bevölkerung in den Ländern des Nordens und

des Südens, gewährleisten.

Die VENRO-Steuerungsgruppe Gender fordert daher im Vorfeld des III. High Level Forums zur

Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit, das im September 2008 in Accra stattfinden wird, die

konsequente Berücksichtigung von Genderinteressen bei der gegenwärtigen EZ-Reform. Das beinhaltet

insbesondere:

• Die systematische Integration von Zielen und Mechanismen zur Umsetzung von Geschlechtergerechtigkeit

in die neuen Modalitäten der Entwicklungszusammenarbeit. Nur wenn die Interessen

sowohl von Frauen als auch von Männern in den Entwicklungsprozess einfließen, kann von

einer wirklichen Eigenverantwortlichkeit in der Entwicklungszusammenarbeit die Rede sein.

• Die Umsetzung der Geschlechtergerechtigkeit muss mit grundlegenden Fragen nach demokratischen

Strukturen im Reformprozess der Entwicklungszusammenarbeit und konkreten Rahmenbedingungen

für ihre Förderung verbunden werden. Dies beinhaltet auch eine ausreichende

Finanzierung von frauen- und geschlechterpolitischen Maßnahmen, sowie lokaler Frauenorganisationen

und sollte durch einen Fonds für Frauenrechtsvorhaben sichergestellt werden.

• Die angestrebte Ergebnisorientierung muss mit umfassenden Monitoring-Mechanismen zur Umsetzung

von Geschlechtergerechtigkeit verbunden werden. Dies erfordert eine Aufschlüsselung

der Indikatoren nach Geschlecht sowie Berichtspflichten und eine staatliche Rechenschaftspflicht

über die geschlechtsspezifischen Auswirkungen von Einnahmen und Ausgaben. Unter Einbeziehung

der Indikatoren aus der Pekinger Aktionsplattform, dem UN-Frauenrechtsabkommen

(CEDAW) sowie MDG-Plus muss das Ziel der Geschlechtergerechtigkeit in die zu entwickelnden

Mindeststandards für Entwicklungshilfe aufgenommen werden.

• Eine umfassende Rechenschaftspflicht auch nach innen erfordert Investitionen in den Kapazitätsaufbau

von Parlamenten und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Nur wenn grundlegende

Mechanismen der Genderanalyse bekannt sind und angewandt werden, kann die Wirksamkeit

von Entwicklungspolitik in ihrer Auswirkung auf beide Geschlechter überprüft werden. Dies

beinhaltet insbesondere die Stärkung von Frauenrechtsorganisationen in den Ländern des Südens.

• Im Kontext der Harmonisierung von Geberleistungen sind die Geber aufgefordert, die Bedeutung

der Arbeitsteilung für die Geschlechtergerechtigkeit transparent zu machen und den Implementierungsprozess

zu verdeutlichen. Da bisher unklar ist, wie die Frage der Geschlechtergerechtigkeit

im Verhältnis zu den Sektorzuständigkeiten organisiert wird, fordern wir eine klare

Zuständigkeit für die Geschlechtergerechtigkeit.

• Um die Folgen der gegenwärtigen Reform der Entwicklungszusammenarbeit auf die Umsetzung

von Geschlechtergerechtigkeit einschätzen zu können, ist eine wissenschaftliche Begleitung dieser

Entwicklungen erforderlich. Dies betrifft insbesondere die Auswirkungen internationaler Geberpolitik,

wie Programmorientierung und Budgethilfe auf Geschlechterstrukturen in den Ländern

des Südens, die in Form von Studien und Bestandsaufnahmen ermittelt werden sollte.

Die VENRO-Steuerungsgruppe Gender wird die Umsetzung der Paris Deklaration zur Wirksamkeit

der Entwicklungszusammenarbeit weiter begleiten und begrüßt einen Dialog mit den beteiligten

31


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

Akteuren. Denn nur, wenn die Bekämpfung von Frauenarmut und die Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit

institutionell, thematisch und finanziell in die neuen Mechanismen der Entwicklungszusammenarbeit

integriert werden, lassen sich Armut und globale Ungleichheiten wirksam bekämpfen.

Ayndavi Kshanika Weeratunge

D

Das Schicksal der Bevölkerung einer jeden Nation wird geformt durch komplexe Prozesse innerhalb

der Regierung: dies gilt auf lokaler bis zur nationalen Ebene, wo Richtlinien und Strategien entwickelt

und Entscheidungen getroffen werden, die die Bedürfnisse und Anforderungen der unterschiedlichen

Bevölkerungsgruppen einer Nation gerecht werden sollen. Es ist daher notwendig, dass

die Bedürfnisse aller Bevölkerungsgruppen in diesem Prozess vertreten sind. Als Frauen können wir

nicht akzeptieren, dass ein Regierungssystem als effektiv bezeichnet wird, dass die eine Hälfte der Bevölkerung

außer Stande lässt Entscheidungen zu treffen, die ihr eigenes Leben betreffen. Nur dadurch,

dass wir ein Teil dieser Prozesse auf allen Ebenen werden, können wir die Gleichstellung von Frauen

und Männern erreichen. Dann werden die Frauen in einer Welt leben, die ihre fundamentalen Rechte

anerkennen und respektieren. Es muss ein Regierungssystem entwickelt werden, in dem das Konzept

von Gendergerechtigkeit und -gleichheit als eines der fundamentalen Ziele und Praktiken steht.

Die Bevölkerung Sri Lankas besteht zu 52 Prozent aus Frauen mit einer Alphabetisierungsrate von

93 Prozent. 54 Prozent des gesamten Fachpersonals und 58 Prozent aller Studenten (in manchen Fachbereichen,

wie z.B. Jura liegt die Quote bei 80 Prozent) sind weiblich. Die Haupteinkommensbereiche

des Landes, die Textilindustrie, der Teehandel und das Einkommen der Wanderarbeiter, werden zu einem

Großteil durch Frauen besetzt. 65 Prozent aller Wanderarbeiter sind Frauen. In der Textilindustrie

sind sogar knapp 90 Prozent aller Beschäftigten weiblich. Der Erfolg und die Professionalität der srilankischen

Textil- und Kleidungsindustrie muss der Fachkenntnis und der Disziplin der Arbeitnehmerinnen

zugeschrieben werden. Im Teegeschäft, in dem der ceylonesische Tee als Tee mit Gütezeichen

gehandelt wird, sind rund 60 Prozent der Beschäftigten weiblich. Betrachtet man jedoch die

Repräsentanz der Frauen in Gremien mit Entscheidungsmacht, so ist dies eine trostlose Angelegenheit:

vier Prozent auf nationaler Entscheidungsebene, drei Prozent auf Landesebene und nur knapp zwei

Prozent der Entscheidungsträger auf lokaler Ebene sind weiblich. Die Regierung ist eine Domäne der

Männer und die Rechte, Bedürfnisse und Forderungen der Frauen sind meist in dieser Regierungsform

der Politik nicht vorhanden. Frauen haben schon oft bewiesen, dass bei gleichen Chancen Frauen große

Fortschritte erzielen, eine hohe Professionalität bieten und gleichwertige, wenn nicht sogar bessere,

Leistung zeigen als Männer. Jedoch haben überholte Überzeugungen und eine patriarchalische Grundeinstellung,

dass Männer regieren, während Frauen sich weiterhin im Haushalt beschäftigen, dazu geführt,

dass eine Ungerechtigkeit bei den Positionen auf Ebene der Entscheidungsträger vorliegt (mehr

Männer als Frauen im Amt). Obwohl Sri Lanka die CEDAW-Konventionen unterschrieben hat, gibt es

doch etliche Beispiele im sri-lankischen Gesetz, die es z.B. Frauen verbieten Managementpositionen

buddhistischer Temporalien einzunehmen oder die es weiblichen Regierungsangestellten verbieten bei

Wahlen zu Regierungsämtern ihre Stimme abzugeben. Daher muss der erste Ansatz in Sri Lanka sein,

das System so zu verändern, dass den unterschiedlichen Prioritäten von Frauen und Männern in der

Legislative und in der Vergabe der Regierungsgelder Genüge getan wird. Um dieses zu erreichen, müssen

die Frauen emanzipiert und ermächtigt werden ihre Rechte auszuüben und am Entscheidungsprozess

teilzunehmen.

Wie, jedoch, erreicht man dieses Ziel Die Strategien sind mannigfaltig, aber es gibt einige grundlegende

Maßnahmen, die durchgesetzt werden müssen. Zum Einen ist es unbedingt erforderlich eine

gendersensible Regierung zu implementieren, in der Frauen in den Regierungsinstitutionen als gleichberechtigt

anerkannt und Frauenangelegenheiten in den Entscheidungsprozessen nicht als Randnotiz

behandelt werden. Dazu müssen die Prinzipien mit Maßnahmen durchgesetzt werden, die leicht implementierbar

sind. Vorrangig ist dabei die Anhebung der Anzahl der Frauen in Entscheidungsgremien der

Regierung durch die Einführung eines Quotensystems bei den Wahlen. Das Quotensystem sollte nicht

als ein Zugeständnis an die Frauen gesehen werden, sondern als gerechtfertigte Basis um eine Ungerechtigkeit

auszugleichen, die den Frauen eine Teilnahme am politischen Leben vorenthält. Ein Problem

ist die vorherrschende Gewalt, die in Sri Lanka als angemessene Antwort auf personelle, soziale

oder politische Konflikte genutzt wird. Frauen, die ein politisches Amt anstreben, werden oft Opfer

32


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

solcher Gewalt. Dieser Zustand, in dem genderbasierte Gewalt als „unsichtbare Plage“ akzeptiert wird,

führt dazu, dass Frauen schon den Gedanken an ein politisches Amt schnell aufgeben. Aus diesem

Grund ist es unbedingt notwendig, dass mehr Frauen über ein Quotensystem an politische Ämter

kommen, so dass langfristig frauenpolitische Themen angesprochen und behandelt werden. Unter

anderen ist das die ökonomisch benachteiligte Situation der Frau bis hin zu Vergewaltigung. Eine

größere Anzahl von Frauen in Regierungsämtern würde unzweifelhaft zu einem anderen Regierungsstil

führen, der weniger aggressiv, gerechter und auf Beratung und Konsens aufgebaut sein würde.

Verschiedene Maßnahmen zur Gleichstellung der Frau

Es gibt zwei unterschiedliche Methoden ein Quotensystem für Frauen einzuführen. Einmal kann

dies ein bestimmter Prozentsatz der Mandate im nationalen Parlament, den Landesparlamenten und

den regionalen Gremien sein, der für Frauen reserviert wird, oder über die Anzahl der Frauen, die auf

den Nominierungslisten der Parteien für eine Wahl aufgestellt werden müssen. So wird den Frauen der

Zugang zu politischen Ämter vereinfacht und es wird nicht nur eine konzeptionelle sondern auch eine

substanzielle Gleichberechtigung erreicht. Die Erreichung einer juristischen Gleichberechtigung ist leider

nicht unbedingt mit einer realen Gleichberechtigung gleichzusetzen. Verborgene Barrieren, die eine

reale Gleichberechtigung verhindern, können auch durch die Einführung des Genderbudgeting beseitigt

werden. Die Förderung einer aktiven und sichtbaren Politik des Gendermainstreaming in allen politischen

Richtlinien und Programmen war eine der Forderungen der Aktionsplattform von Peking 1995.

Die Einführung von Gendermainstreaming in die Planung des Haushaltes der sri-lankischen Regierung

und damit eine Umstrukturierung der Einkommens- und Ausgabenstruktur wäre eine unersetzliche

Methode zur Erreichung von Geschlechtergerechtigkeit. Alle Ebenen der Regierung, national, landespolitisch

und regional, sollten involviert sein, so dass dieser Prozess mit Rücksicht auf Frauengleichberechtigung

durchgeführt und ein sichtbares Zeichen zur Unterstützung der sozialen Gerechtigkeit

wäre. In Sri Lanka ist dieses umso notwendiger, wenn man bedenkt, dass rund 60 Prozent des staatlichen

Einkommens durch Frauen aufgebracht wird. Das dieses Geld für Programme ausgegeben wird,

die wenig bis gar keinen Einfluss auf die Themengebiete haben, unter denen die Frauen dieses Einkommen

erwirtschaften, ist eine traurige Reflektion der Einstellung der Regierung zur gesellschaftlichen

und rechtlichen Gleichstellung der Frau. Die Probleme, denen Frauen als Migrationsarbeiterinnen gegenüberstehen,

haben weit reichende Konsequenzen für die soziale Struktur Sri Lankas. Frauen sind oft

gezwungen sich im Ausland eine Beschäftigung zu suchen, um aus der häuslichen Gewalt ihrer Umgebung

zu fliehen. Sie lassen ihre Kinder ohne jegliche Unterstützung zurück. Nach dem Weggang der

Mütter steigt die Gewalt gegenüber den zurückgelassenen Kindern und Jugendlichen. Sie werden

häufiger Opfer von häuslicher Gewalt mit Tätern aus dem näheren familiären Umkreis. Auch der

Anstieg von Alkohol- oder Drogenmissbrauch wurde auf die Abwesenheit der Mütter zurückgeführt.

Die Frauen, die in Beschäftigungsverhältnissen im Ausland sind, haben keinerlei Sicherheitsnetze. Viele

der Frauen fliehen nach Beginn ihrer Arbeit in Schutzhäuser (häufig im Mittleren Osten), wohin sie vor

ihren gewalttätigen Arbeitgebern geflohen sind. Die Beschäftigten der Bekleidungsindustrie, besonders

diejenigen in den Freihandelszonen, haben weder eine angemessene Unterkunft, noch haben die überfüllten

Räume, in denen sie untergebracht sind, adäquate Sanitäreinrichtungen. Kommen die Arbeitnehmerinnen

erst nachts von ihren Arbeitsplätzen nach Hause, so sind sie häufig sexueller Belästigung

ausgesetzt. Weil die Mädchen nicht mehr zu Hause sondern alleine wohnen, sind sie aus der Sicht der

Gesellschaft heraus zwangsläufig unmoralisch, was zu einem sozialen Stigma für diese Arbeiterinnen

geworden ist. Von der Regierung aus gibt es keine Unterstützung der Organisationen, die versuchen

diesen Mädchen zu helfen.

Während der Zugang zu politischen Ämtern und den Entscheidungsprozessen generell geebnet

werden muss, muss gleichzeitig dafür gesorgt werden, dass alle Formen der Diskriminierung in den Regierungsinstitutionen

adressiert und ausgemerzt werden. Frauen sollten den gleichen Zugang zu den

Arbeitsplätzen in allen Bereichen haben, während gleichzeitig eine Verbesserung der Möglichkeiten für

Frauen geschaffen werden muss, Positionen mit Entscheidungsbefugnissen zu erreichen. Um eine

gleichberechtigte Beteiligung zu erreichen, müssen jegliche Hindernisse, die einer Gleichberechtigung

im Wege stehen, gemeistert werden. Diese beinhalten auch die Kinderbetreuung, Bereitstellung von

rechtlichem und medizinischem Beistand für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, Kompetenzaufbau

und Ausbildung der Frauen im Rechtssystem, Lobbying und Führungsqualitäten. Die Stiftung Agromart

hat durch ein Programm zur Ausbildung von Frauen, die höhere politische Ämter anstreben, es

33


Marie-Schlei-Verein e. V.

Frauen und Entwicklung

geschafft, dass bei den Regionalwahlen in Sri Lanka 15 Frauen aufgestellt und gewählt wurden.

Um eine gesellschaftlich gendersaufmerksame Umgebung in Sri Lanka zu schaffen, muss Gendergerechtigkeit

die Priorität der Regierung sein mit einem offensichtlichen politischen Willen. Schafft man

eine starke nationale Frauenbewegung, so wäre auch eine effiziente Überwachung der Erfolge möglich.

Die Sensibilisierung von Personen in Hinsicht auf das Thema Gender muss ausreichend auch finanziell

unterstützt werden, da eine unvollständige und nicht ausreichende Unterstützung häufig dazu führt,

dass dieses Unterfangen aufgegeben wird. Wenn die Überprüfbarkeit und die Transparenz der Ausgabenstruktur

der Regierung verbessert werden, muss gleichzeitig die Redefreiheit der Bürgerinnen und

Bürger des Landes gesichert sein, da eine Verbesserung der Vorgänge nur dann möglich ist, wenn die

Bürger die Ausgabenstruktur, das Vorgehen oder die administrativen Prozesse der Regierung öffentlich

untersuchen und kritisieren können. Verbessert man die Prozesse, die die Regierungsinstitutionen zur

Verantwortung ziehen, so erreicht man langfristig Gendergleichheit. Sind die Mechanismen zur Durchsetzung

des Gesetzes korrumpiert, so können keine Gesetze zur Gleichberechtigung der Frauen implementiert

werden. Strafverfahren zu sexueller Belästigung oder Vergewaltigung brauchen meist sechs

Jahre bis zur Beendigung des Verfahrens, was viele Frauen davon abhält ihre Rechte gerichtlich durchzusetzen.

Aus diesem Grund muss eine starke unabhängige Zivilgesellschaft geschaffen werden, die die

Gerichte und die Regierung zur Verantwortung ziehen kann und somit Gerechtigkeit für Frauen und

Männer zu gleichen Teilen einfordern kann. Das Konzept der Gendergerechtigkeit sollte durch eigenständige

Programme gefördert werden, so dass auch Personen in Bereich der Medien, formaler Institutionen

und Privatunternehmen ein Teil der Gesellschaft werden können, die die Rechte der Frauen anerkennt

und respektiert. Streben wir nach weiteren Verbesserungen, so müssen wir zuerst erreichen,

dass die Mehrheit der Gesellschaft die Verpflichtung eingeht, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen.

DIE REFERENTINNEN

Prof. Dr. Claudia von Braunmühl, Professorin an der Freien Universität Berlin

Marie Ganier-Raymond, Genderexpertin und Vorsitzende der Arbeitsgruppe Gender von VENRO

Gabriele Groneberg, ehem. Mitglied des Deutschen Bundestages und stellvertretende Vorsitzende des

Marie-Schlei-Vereins

Elke Herrfahrdt-Pähle, wiss. Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik

Margret Mönig-Raane, stellv. Vorsitzende VER.DI

Bernadine Ndaboine, Projektkoordinatorin des Frauenzentrums Kigoma, Tansania

Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-Plath, Vorsitzende des Marie-Schlei-Vereins

Dr. Birte Rodenberg, Wissenschaftlerin und Genderexpertin

Mechtild Rothe, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments a. D.

Tran Thi Anh Thu, Internationaler Bereich der vietnamesischen Frauenunion, Vietnam

Noumounin Tounkara, Vertreterin der Frauenorganisation Association Guineenne des Femmes

Chercheurs, Guinea

Ayndavi Kshanika Weeratunge, Rechtsanwältin und Präsidentin der Frauenstiftung Agromart, Sri

Lanka

Heidemarie Wieczorek-Zeul, Mitglied des Deutschen Bundestages und Ministerin für wirtschaftliche

Zusammenarbeit und Entwicklung a. D.

Dr. phil. Monika Wulf-Mathies, ehem. Mitglied der Europäischen Kommission

34


Der Marie-Schlei-Verein – Wer wir sind und was wir tun

Solidarität – Nächstenliebe – Schwesterlichkeit. Es gibt viele Begriffe für die Verpflichtung, nicht nur das eigene

Wohlergehen zu bedenken, sondern auch die Hand nach denen auszustrecken, die weniger begünstigt sind. Der

Marie-Schlei-Verein e.V. ist eine gemeinnützige Nichtregierungsorganisation, die 1984 in Erinnerung an die frühere

Entwicklungshilfeministerin Marie Schlei gegründet wurde. Der Verein informiert über die Rolle der Frau in

Afrika, Asien und Lateinamerika und baut partnerschaftliche Beziehungen zu den Frauengruppen und Frauenorganisationen

in den jeweiligen Ländern auf. Gleichzeitig unterstützt der Marie-Schlei-Verein Frauenausbildungsprojekte

von Frauen für Frauen zur Verbesserung der Lebensbedingungen. Frauen haben eine von Land zu Land

unterschiedliche Rolle, Funktion und Situation im Entwicklungsprozess. Sie brauchen Unterstützung bei einem

von ihnen bestimmten Entwicklungsweg.

Der Marie-Schlei-Verein hilft den Frauen, ihren eigenen Weg zu gehen und zur Entwicklung ihres Landes beizutragen.

Frauen geben Normen und Verhaltensweisen weiter. Die Versorgung der Bevölkerung im Süden hängt

von ihnen ab, Kindererziehung, Haushalt, Hygiene, Gesundheit und die Sorge um den Alltag sind nach wie vor

Frauendomäne. Ohne die Leistungen der Frauen im Süden werden Hunger, Armut, Unwissenheit und Gewalt

nicht überwunden werden können. Deswegen stellen die Weltfrauenkonferenzen die Stärkung der Rolle der Frau

als Schlüssel zur Entwicklung heraus. Die Förderung ihrer Ausbildungsprojekte ist ein Schritt zur Armutsbekämpfung.

Der Marie-Schlei-Verein fördert Selbsthilfeprojekte von Frauen für Frauen. Gefördert werden vor allem Ausbildungsprogramme,

die den Frauen eine berufliche Perspektive eröffnen. Die Projekte sind so unterschiedlich wie

ihre Standorte. Solartrocknung von Obst und Gemüse in Sri Lanka, Computerkurse auf Jamaika oder Bäckereiausbildung

in Togo. Allen ist aber gemeinsam, dass sie von einheimischen Frauenorganisationen entwickelt und

durchgeführt werden. Unsere Partnerinnen entscheiden selbst über ‘ihr’ Projekt. Sie verwalten die benötigten

Mittel selbst. So kommt eine partnerschaftliche und gleichberechtigte Zusammenarbeit zustande. In über 500

Selbsthilfeprojekten konnte der Marie-Schlei-Verein Frauen unterstützen. Die Frauen haben gezeigt, dass Mut

und Engagement Veränderungen herbeiführen kann. Allen Projekten ist gemeinsam, dass die Frauen sich selbst

helfen, für eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien. Dafür setzen sie sich ein. Wir müssen helfen, wir

müssen Partnerinnen sein. Denn – ohne Frauen geht es nicht.

Kontakt:

Marie-Schlei-Verein e.V.

Heinrich-Barth-Straße 1

20146 Hamburg

Tel.: 040 – 4149 6992

Fax: 040 – 4149 6993,

Email: marie-schleiverein@t-online.de

www.marie-schleiverein.de

Jamaika

JAMAIKA

Spendenkonto:

SPARDA Hamburg

Bankleitzahl 206 905 55

Konto-Nr. 602 035

Ausbildung von

Teenagermüttern zu

Friseurinnen und

Kosmetikerinnen

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine