Teil 1: Masern Von den Morbilli, den ... - GlaxoSmithKline

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Teil 1: Masern Von den Morbilli, den ... - GlaxoSmithKline

Masern, Mumps, Röteln, Windpocken

Vom Schrecken der Kinderkrankheiten zur modernen 4fach-Impfung

Teil 1: Masern

Von den Morbilli, den Mortalitätsstatistiken

und der Einpfropfung

MASERN


„Die Masern sind gemeiniglich eine so gelinde Krankheit,

dass nur wenig Kinder daran sterben, wofern sie nur einer

guten Pflege geniessen, und vorher keinen Fehler in der

Brust haben“, schreibt der Kinderarzt Nils Rosen von Rosen-

stein in seiner 1781 veröffentlichten Anweisung zur Kennt-

niß und Cur der Kinderkrankheiten. In dieser Einschätzung

trifft sich der schwedische Medikus mit dem britischen

Humoristen Jerome Klapka Jerome, auf den das Bonmot

zurückgeht „Masern sind wie die Liebe, da müssen wir durch“.

Dass die Masern freilich mehr sind als eine „gelinde Krank-

heit“, ist auch von Rosenstein schon bewusst, wenn er weiter

schreibt: „Doch gibt es Beyspiele, daß sie bisweilen so ge-

wütet haben, daß fast alle, die von ihnen angegriffen worden

sind, ihr Leben haben einbüssen müssen. Und daher kommt

es, daß sie von den Alten im Lateinischen den Namen Mor-

billi, oder die kleine Pest, erhalten haben.“ In der Folge schil-

dert er Masernausbrüche wie den in London anno 1672, bei

dem Woche für Woche rund dreihundert Menschen starben.

Heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts, würden sich in den

industrialisierten Ländern wohl die meisten Menschen der

Einschätzung von Rosensteins anschließen und die Masern

als eher triviale Kinderkrankheit definieren. Ärzten freilich

sind die Risiken der Infektion bewusst, und das Robert Koch

Institut stellt lapidar fest: „Masern sind aufgrund möglicher

Komplikationen keine harmlose Erkrankung“. Zu diesen

Komplikationen gehören nicht nur Superinfektionen wie

Pneumonien, sondern auch akute postinfektiöse Enzepha-

litiden und die sehr seltenen subakuten sklerosierenden

Panenzephalitiden.

Sind es im Norden die Komplikationen, die unsere

Einschätzung zu den Masern bestimmen, so gehören die

Masern in den Entwicklungsländern des Südens unverändert

zu den häufigsten Todesursachen im Kindesalter. A. Cliff,

P. Hagget und P. Smallman-Raynor beziffern in ihrem

außerordentlich faktenreichen Atlas Measles – An Historical

Geography of a Major Human Viral Disease die Zahl der

weltweiten Masernopfer 1990 auf rund zwei Millionen

Menschen pro Jahr.

Masernexanthem aus: T. Bateman,

Delineations of Cutaneous Diseases, 1840

Masern

Von den Morbilli, den Mortalitätsstatistiken und der Einpfropfung

Morbilli – die kleine Pest

Unser heutiger Begriff der Masern wurde erstmals von

Johannes Colerus, einem Berliner Magister, verwendet.

Im zweiten Buch seiner 1594 erschienenen Oeconomia

ruralis et domestica schreibt er zum Thema Hauss

Artzney u. a.: „Es gibt auch breite Exantheme, die von

Plinius Morbilli vari genannt werden, auf deutsch die

Mahsern … Es sind oberflächliche Hautflecken, zerstreut,

rötlich und uneben, die die Haut verschieden färben.“

Die Bezeichnung Masern hatte Colerus aus dem althoch-

deutschen Begriff masar, mit dem ein knorriger Auswuchs

an Bäumen bezeichnet wurde, abgeleitet.

Bis dahin waren die Masern lediglich unter dem Über-

begriff der Morbilli diskutiert worden. Insbesondere der

arabisch-persische Arzt Rhazes verstand darunter eine

leichtere Abart der Pocken, sodass die Morbillen auf

deutsch als „die Kinds blettern“ und auf französisch als

„les petites véroles“ bezeichnet worden waren.

Mit dem neuen Begriff waren freilich die „alten“ Morbilli

noch nicht aus der Mode gekommen! In dem Teutsch-

lateinischen Wörterbuch von Johann Frisch aus dem Jahr

1741 werden unter Morbilli noch immer eine ganze Reihe

unterschiedlicher Erscheinungen subsumiert: die Röteln,

rothe Flecken, Masern, Kinderblattern und Pocken. Auch

das 19. Jahrhundert mag noch nicht völlig auf die tradierten

Sichtweisen verzichten: Vereinzelt werden noch immer

Pocken und Masern unter der Benennung febris variolosa

et morbillosa zusammengefasst. Und selbst bei klarer

Trennung der Krankheitsentitäten taucht zur Beschreibung

Der Baum der Dermatosen aus: J. L. Alibert,

Descriptions des maladies de la peau, 1806


von „Masern mit entzündlicher Zusammensetzung“ der

Begriff der Morbilli (cum febre inflammatoria) wieder auf

(Adolph Henke).

Die klassische Beschreibung

Colerus hatte zwar einige typische Symptome der „Mahsern“

beschrieben (den Kindern „thun die Augen wehe und

wessern ihnen auch“, sie „niessen offt, röcheln, husten

bisweilen, reuspern und werffen aus“; dann erscheinen

„viel rothe Flecken am ganzen Leibe…“). Die klassische

Beschreibung der Masern freilich stammt aus der Feder

Masernkapitel aus: T. Sydenham,

Observationes medicae circa morborum acutorum, 1683

des Engländers Thomas Sydenham. In seinen Opera universa

heißt es: „Die Morbilli befallen oft Kinder. Diese werden

am ersten Tag starr, schaudern vor Frost, leiden abwechselnd

an Hitze und Kälte, am 2. Tag fiebern sie ausgesprochen.

Sie leiden an heftigem Krankheitsgefühl, Durst, Mangel an

Esslust, weißer (nicht trockener) Zunge, Hüsteln, Schwere

des Kopfes und der Augen und ständiger Schlaflosigkeit.

Flüssigkeit rinnt beständig aus Nase und Augen. Diese

Tränen sind ein sicheres Zeichen für die Morbilli. Hierzu

treten Niessen, Schwellung der Augenbrauen kurz vor dem

Ausbruch, Erbrechen, Durchfall mit grünen Stühlen, besonders

bei Zahnenden. Die Zeichen verschlimmern sich bis zum

4. Tage; an diesem oder am 5. Tage treten auf der Stirn und

im Gesicht kleine, rote, flohstichartige Flecken auf, die sich

an Zahl und Größe mehren, beerenförmig verschmelzen

und das Gesicht mit kleineren oder größeren Flecken

besäen. Diese Flecken, aus kleinen Papeln bestehend,

die ein wenig die Haut überragen, fließen zusammen. Ihr

Hervorragen kann mit leichtem Finger gefühlt, aber kaum

durch den Blick erkannt werden. Diese Flecken verbreiten

sich vom Gesicht … zur Brust und zum Bauch, dann auf

die Ober- und Unter-schenkel; auf diesen Teilen werden sie

breit und rot, ohne die Oberfläche der Haut zu überragen…

das Erbrechen verschwindet nach dem Ausbruch; aber das

Hüsteln und das Fieber mit der Schwierigkeit zu atmen,

steigern sich noch … Etwa am 6. Tag erblassen Stirn und

Gesicht. Auf dem übrigen Körper sind die Flecken sehr

breit und gerötet. Am 8. Tag etwa verschwinden sie im

Gesicht und bleiben sonst am Körper kaum bestehn.

Masern

Von den Morbilli, den Mortalitätsstatistiken und der Einpfropfung

Am 9. Tag sind sie kaum mehr vorhanden. Aber Gesicht

und Glieder, manchmal auch der ganze Körper, bedecken

sich gleichsam mit Mehl und kleinen Schuppen.“

Koplik und das Prodromalstadium

In der höchst detaillierten Beschreibung der Symptomatik

von Thomas Sydenham fehlt freilich ein Frühzeichen der

Erkrankung, das später als Kopliksche Flecken ins Schrift-

tum eingehen soll. Bereits im 18. Jahrhundert war darauf

hingewiesen worden, dass einige Tage vor dem Ausbruch

der Masern weiße oder rötliche aphthöse Flecken auf dem

Koplik‘sche Flecken aus: R. Hecker, Atlas der Kinderheilkunde, 1905

Zahnfleisch und auf der Mund- und Rachenschleimhaut

sichtbar werden. Das ius primae descriptionis freilich wurde

dem Amerikaner Henry Koplik zugesprochen, der 1896

unregelmäßige Flecken von hellroter Farbe mit bläulich-

weißen Stellen im Zentrum – auf der Wangenschleimhaut

und der Innenseite der Lippen – beschrieben hatte. Koplik

war sich dabei der Bedeutung der Schleimhauteruptionen

absolut sicher: „Ich habe diese Flecken auf der Wagen-

schleimhaut erkannt und gezeigt, wenn die anderen

Symptome so gering waren, daß die Ärzte die Diagnose

bezweifelt haben. Meine Diagnose ist stets durch das darauf

folgende Erscheinen des Hautausschlags bestätigt worden.“


Masernkapitel aus: N. Rosen von Rosenstein,

Anweisung zur Kennniß und Cur der Kinderkrankheiten, 1781

Komplikationen und Nachkrankheiten

Auch die Ärzte, die wie von Rosenstein die Masern für eher

harmlos hielten, fürchteten die Komplikationen: „Sollte aber

das Fieber und der Husten anhalten, das Atemholen dicht,

beschwerlich und heiß werden, und dabey sich eine Röthe

der Wangen einfinden: so sieht es übel aus, weil sich so-

dann die Lungen entzünden.“ Neben Schwangeren und

„Kindbetterinnen“ sieht von Rosenstein auch Säuglinge

in großer Gefahr, wenn sich ihre Mütter oder Ammen

besonders „aergern“. Andere Autoren berichten über die

Gefahren „wässeriger Geschwulste“ (C. Girtanner), über

eitrige Mittelohrentzündungen mit persistierender Taubheit

oder über Augenentzündungen.

Bei dem bereits erwähnten Adolph Henke sind es vor allem

die „Nachkrankheiten“, die die Masern gefährlich werden

lassen. Wenn nach der Abschuppung das Fieber nicht

aufhört bzw. zurückkommt, „bildet sich nicht selten eine

Lungenentzündung“ und noch häufiger ein schmerzhafter

Husten mit Schleim oder Blut, „der leicht in Lungensucht

übergeht“. Bei den „nervösen Masern“ – mit heftigsten

Kopfschmerzen und Schwindelanfällen, mit Schlafsucht,

Angst und Ohnmachten – beobachtete er häufig anhalten-

des hohes Fieber mit „stillem Irrereden, Zuckungen und

Erstickungsanfällen“ und der Tod trat häufig am fünften

oder sechsten Tag ein. „Wo die Krankheit einen bessern

Gang zu nehmen scheint, und die Heftigkeit der Zufälle

im Verlauf nachläßt, tödtet nicht selten die nachbleibende

Lungensucht und Zehrung“. Zusätzlich sind es die „so

genannten gastrischen Complicationen“, die den Ärzten

besondere Sorge bereiteten. Gerade bei den „fauligten

Masern“ führten sie zu „aashaft stinkenden, ruhrartigen

Durchfällen mit Stuhlzwang, übermäßigem Schweiße“ und

rasendem Puls. „Der Tod erfolgt gewöhnlich …als Folge

des Brandes, der zu den örtlichen Entzündungen tritt, oder

der höchsten Schwäche und der Entmischung des Blutes

und der Säfte.“

Masern

Von den Morbilli, den Mortalitätsstatistiken und der Einpfropfung

Aderlass, Blutegel und Quecksilber

Die Tatsache, dass anno 1821 von der „Entmischung der

Säfte“ gesprochen wird, zeigt, dass die rund zweitausend

Jahre alte Viersäftelehre auch Anfang des 19. Jahrhunderts

noch lange nicht überwunden war! Es überrascht daher

nicht, dass die klassische Methode, die Säfte wieder ins

Gleichgewicht zu bringen, der Aderlass, auch zur Behand-

lung der Masern eingesetzt wurde! Gerade bei höheren

Graden „der entzündlichen synochösen Masern“ darf der

Arzt „der Aderlässe nicht säumen“ (A. Henke). Halsent-

zündungen, trockener Husten, beschwerliches Atmen gelten

gar als Indikation für wiederholte Blutentziehungen.

Aderlass, Fotografie, 19. Jahrhundert

Bei kleinen Kindern immerhin kann auf diese Prozedur ver-

zichtet werden, hier reicht es, Blutegel an der Brust anzulegen.

Es überrascht nicht, dass in einer Zeit, als „das therapeu-

tische Chaos wohl seinen Höhepunkt erreicht“ (E. Acker-

knecht), natürlich auch die gern als Panazee eingesetzten

Brech- und Purgiermittel in hohem Ansehen stehen und „bei

den Masern (von) sehr großem Werth“ sind. Einzelne Prakti-

ker gehen dabei so weit, bei jedem Fall die Behandlung mit

einem Brechmittel zu beginnen.

Überhaupt wird gegen die Symptome und Komplikationen

der Masern der komplette Instrumentenkasten der Medizin

eingesetzt:

Gegen Krämpfe und Zuckungen:

Zur innerlichen Verabreichung werden Moschus, Kampher

und Opiumtinktur empfohlen; zur äußerlichen Behandlung

durchräucherte Decken und die Einwicklung in Tücher mit

„heißem Weingeist“.

Gegen den Husten:

Emulsionen mit Opium, Schwefelmilch, Goldschwefel,

Extrakte von Bilsenkraut, Schierling und Nicotiana oder

– in leichteren Fällen – Selterswasser mit Milch und Brusttee

mit Arnika.

Gegen die Augenschmerzen bei anhaltender Entzündung:

Augenwässer mit Bleiextrakt, Vitriol und Quecksilbersublimat.

Gegen die Diarrhöe:

Schleimige KIystiere mit Opiumzusatz.


Freilich finden auch die bereits von Colerus anno 1594

gegebenen Ratschläge – gleichsam als Basistherapie –

Berücksichtigung: „Um die Krankheit herauszutreiben

sollen die Kinder im Bett warm gehalten und mit einem

roten Tuch zugedeckt werden.“ Zudem sollten sie „reichlich

Linsen- und Schleimsuppen essen“ – und Rotwein trinken.

Ganz in der Folge der von Hippokrates, und später zum

Beispiel von Christian Hufeland, empfohlenen Diätetik

werden die Anweisungen an die Masernkranken in der

Folgezeit immer detaillierter: Die Raumtemperatur sollte

bei 15-16 Grad Reaumur sein, die Nahrung sollte mild,

reizlos und wenig nährend sein, ohne Fleisch, dafür leichte

Gemüse, Obst und feine Mehlspeisen. Die Getränke, Milch

mit Wasser, Gersten- und Haferschleim, Reiswasser und

Fliedertee, sollten nie ganz kalt sein. Und da auf säuer-

liche Getränke des Hustens wegen ganz verzichtet werden

sollte, blieb den Kindern der noch von Colerus empfohlene

Rotwein erspart!

½ Seiten und 8 Zeilen

In den Lehrbüchern über die Kinderkrankheiten Ende

des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts spielt das Impfen

keine große Rolle. Henke widmet ihm gerade 8 Zeilen und

schreibt, dass die Einimpfung „nur in Großbritannien auf

eine Zeit lang Eingang gefunden hat“. Der erste, der mit

der Einpropfung von Masern experimentierte – die Idee

hatte er von den Pockeneinpropfungen übernommen –

war 1759 der schottische Arzt Francis Hume. Dazu hatte

8

er Baumwolle in etwas Blut getunkt, das er durch

Einritzen der Haut zwischen den Masernflecken eines Kran-

ken gewonnen hatte und anschließend in Schnittwunden

Gesunder gelegt. In der Regel brach die Krankheit dann

am 6. Tag aus. Bei den „Eingepfropften“ waren danach

grundsätzlich die gleichen Symptome wie unter natürlicher

Ansteckung festzustellen, freilich schienen die „Impf-

masern“ insgesamt etwas milder zu verlaufen, insbesondere

schien der Husten deutlich weniger ausgeprägt. Trotzdem

konnte sich das Humesche Verfahren in den folgenden

Jahrzehnten nicht durchsetzen. Dass sich hinter der Idee

der Einpfropfung der Masern tatsächlich weit reichende

neue therapeutische Ansätze verbergen mochten, ahnten

Impfpusteln aus: E. Schur, Seine Majestät das Kind, 1928

Masern

Von den Morbilli, den Mortalitätsstatistiken und der Einpfropfung

Originalfotografie von Krankheitserregern aus:

L.S. Beale, Microscopy, 1868

visionäre Ärzte allerdings schon vor weit über zweihundert

Jahren: „So wird die Decke mehr und mehr aufgehoben,

unter welcher unzählige nützliche Wahrheiten verhüllet

liegen“ (von Rosenstein).

Die weitere Entwicklung des Impfens soll an dieser Stelle

nicht vertieft werden; sie wird im Teil 3 unserer 4-teiligen

Serie „Vom Schrecken der Kinderkrankheiten zur modernen

4fach-Impfung“ wieder aufgenommen.

Ursachensuche

„Contagio“ versus „Miasma“ hießen die Schlachtrufe zur

Epidemiologie bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Zwar

hatte schon Girolamo Fracastoro Mitte des 16. Jahrhunderts

in seinem Buch Von den Kontagien drei Übertragungswege

bei Infektionen beschrieben, den direkten Kontakt, die

Weitergabe über unbelebte Zwischenmaterie und über die

Luft. Die Miasmatiker hielten dagegen an der Theorie fest,

dass nur Miasmen, Giftstoffe in der Luft, die z.B. von ver-

rottendem pflanzlichen oder tierischen Material freigesetzt

wurden, als Krankheitsursache in Frage kämen. Erst im

19. Jahrhundert wurde dieser Disput im Rahmen der

entstehenden Bakteriologie endgültig beendet!

Gerade die Praktiker der Kinderheilkunde allerdings

erkannten früh den spezifischen Charakter der Masern-

infektion. Der schon mehrfach zitierte von Rosenstein

schrieb dazu: „Die Masern sind mehrenteils eine epide-

mische Krankheit, und stecken auf eben die Weise an, und


pflanzen sich eben so fort, als die Pocken. Sie haben

folglich ihr eigenes Gift, welches sich nicht in der Luft

aufhält, oder mit derselben herum geführt wird, sondern

sich durch Sachen und Menschen verbreitet. Daher ist es

eben so möglich, dieser Krankheit, als den Pocken, zu

entgehen, wofern man sich nur vor der Ansteckung in

Acht nimmt.

In unserem Geblüte befindet sich keine Masernmaterie,

sondern nur eine Disposition zu einem solchen Ausschlag-

fieber, welches niehmals von selbst bey jemandem ent-

stehet, sondern nur, wenn ihn das Gift getroffen hat.“

Der Übertragungsweg des „Ansteckungsstoffes“ war damit

schon vor zweihundert Jahren exakt beobachtet, unbekannt

freilich blieb „seine chemisch-physische Natur“. Bis zur

erstmaligen Isolierung des humanpathogenen Masernvirus,

eines etwa 120 - 140 Nanometer großen Erregers aus der

Familie der Paramyxoviren, im Jahr 1954 sollten freilich

noch eineinhalb Jahrhunderte vergehen (eine kurze

Darstellung der Geschichte der Entdeckung der Viren

– mit Martinus Beijerincks berühmtem contagium vivum

fluidum – findet sich im Teil 3 unser 4-teiligen Serie

„Vom Schrecken der Kinderkrankheiten zur modernen

4fach-Impfung“).

10

Masern

Von den Morbilli, den Mortalitätsstatistiken und der Einpfropfung

Entstehung und Ausbreitung der Masern

Zu den ungeklärten Problemen bei den Masern gehörte

bis vor kurzem auch die Frage nach ihrer Entstehung und

weltweiten Verbreitung. A. Cliff, P. Hagget und P. Smallman-

Raynor gaben dazu erst jüngst eine überzeugende Antwort:

1. Die Biologische Basis

Ausgehend von der durchschnittlichen Überlebenszeit des

Masernvirus im menschlichen Organismus von 14 Tagen

wird in städtischen Gebieten, mit rascher Virusausbreitung,

ein Reservoir von ca. 40.000 Neugeborenen pro Jahr

benötigt, um das Virus zu erhalten. In eher ländlich

organisierten Gebieten, mit langsamerer Virusausbreitung,

wird ein Mindestreservoir von 10.000 Neugeborenen kalku-

liert. Für ein Persistieren des Virus ergibt sich damit eine

Mindestbevölkerungsgröße von etwa 250.000 Menschen – in

geographisch überschaubarer Nähe.

2. Die Archäologische Basis

Städtische bzw. dicht besiedelte ländliche Gebiete mit

einer entsprechenden Bevölkerungszahl sind erst seit

etwa 3000 vor Christus nachweisbar. In der ältesten heute

bekannten Zivilisation, dem Gebiet zwischen Euphrat und

Tigris, wird die Zahl der Einwohner zu dieser Zeit bereits

auf rund eine halbe Million geschätzt. Anzahl und die

geographische Nähe der sumerischen Städte und Dörfer

deuten darauf hin, dass sie einen einzigen „disease pool“

konstituiert haben. Dass die ersten halbwegs sicheren

Berichte bzw. Beschreibungen über Masern – rund

dreieinhalb tausend Jahre später! – ebenfalls aus dem

mittleren Osten stammen (von dem jüdischen Arzt

Al-Yehudi und dem persischen Arzt Rhazes), ist natürlich

kein zusätzlicher Beweis der These, vielleicht aber ein

weiterer kleiner Mosaikstein.

3. Das Ausbreitungsmuster

In jüdischen, griechischen, römischen, chinesischen,

indischen und arabischen Quellen finden sich in den fol-

genden Jahrhunderten unzählige Aussagen über zum Teil

katastrophale Epidemien. Die Zuschreibung zu bestimmten

Erregern ist natürlich extrem schwierig. Dennoch wird

z.B. vermutet, dass die vom griechischen Geschichtsschreiber

Infektionsschutz aus: L. Langstein, Atlas der Hygiene, 1918 Erdkugel aus: E. Hold, Buch für Kinder, 1812


Thukydides im Detail dargestellte Epidemie, die

430-429 v. Chr. rund ein Viertel der Bevölkerung von

Piräus und Athen tötete, durch Masern ausgelöst wurde.

Die beiden katastrophalen Epidemien, die Rom und das

Umland von 165-180 und von 251-266 heimsuchten,

werden von W. H. McNeill der Ankunft der Pocken und

der Masern zugeschrieben. In den folgenden Jahrhunderten

breiteten sich die Seuchen vom Mittelmeer ausgehend

immer weiter nach Norden aus. Quellen aus England

zählen nicht weniger als 49 Epidemien zwischen den

Jahren 526 und 1087 auf.

Auch in diesen Fällen ist es „hotly disputed“, ob die Epide-

mien durch die Pest, Pocken, Masern, Influenza oder einen

Sterbestatistik aus: E. Pfaundler, Lehrbuch der Kinderkrankheiten, 1910

anderen Erreger ausgelöst wurden. Für eine maßgebliche

Beteiligung der Masern sprechen allerdings auch die Erfah-

rungen, die rund tausend Jahre später bei der Eroberung

neuer Welten, in Amerika und Ozeanien, gemacht wurden.

Statistiken und der Tod

„Die Indianer sterben hier so leicht, dass schon der Blick

und der Geruch eines Spaniers ausreichen, um sie zu töten“,

zitiert der Medizinhistoriker McNeill die Aussage eines deut-

schen Missionars in Niederkalifornien im Jahr 1699 und fügt

an: „Er hätte das Wort Geruch durch Atem ersetzen sollen.“

Masern

Von den Morbilli, den Mortalitätsstatistiken und der Einpfropfung

Die Zahl der durch die eingeschleppten Infektionserreger

umgekommenen Eingeborenen lässt sich heute kaum noch

zuverlässig schätzen: Wie unvorstellbar groß die Zahlen

sein müssen, lässt sich allerdings halbwegs an einer Stati-

stik über Guatemala nachvollziehen: Zwischen 1520 und

1600 wird der Verlust an Menschenleben im Verlauf von

vier großen Epidemien auf 550.000 - 2.800.000 Menschen

geschätzt. Nach den Pocken waren dabei die Masern der

gefährlichste „Killer“.

Nach der jahrtausendelangen Exposition waren in Europa

natürlich primär Kinder gefährdet; weit über 95 % der

Maserntodesfälle entfielen auf sie, davon wiederum rund

90 % auf Kinder unter 6 Jahren. Statistiken aus Wien zeigen,

dass im Zeitraum zwischen 1895 und 1908 pro Quartal bis

zu 581 Kinder an Masern bzw. ihren Komplikationen ver-

starben. Noch 1923 schreiben F. von Gröer/C. Pirquet:

„… an Masern oder deren Folgen sterben mehr Kinder als

an Scharlach, Diphtherie oder Keuchhusten. Die Masern-

mortalität beeinflusst die Gesamtmortalität.“ In den Groß-

städten Großbritanniens lag die Masernmortalität bei

ambulanten Patienten bei 6-7 %, bei stationär aufge-

nommenen Kindern bei 13-37 %. Wie sehr dabei „eine

Umgebung, welche die Sekundärinfektion begünstigt,

mangelhafte Pflege, dichtes Zusammenwohnen in dunklen,

schmutzigen Quartieren“ die Prognose verschlechterten,

wurde wiederum in Wiener Statistiken deutlich: Im ärmsten

Stadtbezirk betrug die Masernsterblichkeit im Zeitraum

1891-1900 10,99 %, im reichsten dagegen nur 0,55 %.

Entsprechend ging mit der allgemeinen Verbesserung der

hygienischen Bedingungen, einer besseren Ernährung und

den dadurch auch verbesserten gesundheitlichen Rahmen-

bedingungen (z.B. Rückgang der Rachitis) auch eine Ver-

ringerung der Masernmortalität einher. Trotzdem wurden

z.B. allein in West-Berlin in den Jahren 1946 und 1957

44 bzw. 54 Maserntote beklagt.

Mit der Einführung des ersten Masernimpfstoffes in den

60er Jahren, mit den Massenimpfprogrammen und dem

1984 von der WHO gestarteten Programm zur weltweiten

Ausrottung der Masern konnte die Mortalität weiter ver-

ringert werden. War noch Ende der 1980er/Anfang der

1990er Jahre die Zahl der Masernopfer weltweit auf

rund zwei Millionen geschätzt worden, so hatte sie sich

zwanzig Jahre nach Beginn der WHO-Kampagne auf

454.000 verringert. Während weltweit als Folge einer er-

höhten Durchimpfungsrate die Zahl der Infektionen, die

Zahl der Komplikationen und die Mortalität zurückgeht,

werden aus Industrieländern wie z.B. Deutschland immer

wieder Masernausbrüche gemeldet; allein im ersten Halb-

jahr 2006 wurden in Nordrhein-Westfalen 1587 Fälle regis-

triert. Über die Höhe der Dunkelziffer der nicht gemeldeten

Fälle lässt sich nur spekulieren.

1


Masern – Deutschland 00

20-30 % aller Maserninfektionen gehen mit Komplika-

tionen wie Pneumonie oder Otitis media einher.

Das Risiko einer postinfektiösen Enzephalitis beträgt 0,1 %.

10-20 % dieser Enzephalitiden verlaufen tödlich,

bei weiteren 20-30 % muss mit Residualschäden am

Zentralnervensystem gerechnet werden.

Die Wahrscheinlichkeit für eine subakute sklerosierende

Panezephalitis liegt bei etwa 0,01 %.

Die Masernletalität liegt bei 1:10.000 bis 1:20.000.

Im Vergleich zu Ländern mit sehr hohen Impfraten und

entsprechend niedriger Morbidität (wie z.B. Finnland,

Niederlande und Großbritannien) gehört Deutschland

(ebenso wie z.B. Frankreich, Italien oder Österreich)

zu den Ländern mit noch ungenügenden Impfraten.

2004 lag die Maserndurchimpfung beim Schuleingang

für die erste Impfdosis bei 93,5 % und für die zweite

Impfdosis bei 65,7 %.

Als Impfstoff der Wahl gelten Kombinationsimpfstoffe,

die zusätzlich vor Mumps, Röteln, ggf. auch Varizellen

schützen.

Die Erstimpfung sollte nach den Empfehlungen der

Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut

(STIKO) im Alter vom vollendetem 11. bis zum

14. Monat erfolgen.

Die Zweitimpfung soll den Kindern, die nach der Erst-

impfung keine Immunität erworben haben, eine zweite

Chance geben. Sie wird im Alter von 15-23 Monaten

empfohlen.

Exlibris des Kinderarztes P. Bovin, 20. Jahrhundert

Literatur- und Bildverzeichnis

Literatur

E. Ackerknecht, Therapie von den Primitiven bis zum

20. Jahrhundert, 1970

E. Ackerknecht, H. Buess, A. Koyré (Hrsg.), Quellen zur Geschichte

der Kinderheilkunde, 1966

W.L. Atkinson, W.A. Orenstein, S. Krugman, Annu Rev Med.

1992;43:451-63

Masern

Von den Morbilli, den Mortalitätsstatistiken und der Einpfropfung

A. Cliff, P. Hagget, P. Smallman-Raynor, Measles – An

historical Geography of a Major Human Viral Disease, 1993

F. von Gröer/C. Pirquet in M. von Pfaundler, A. Schlossmann

(Hrsg.), Handbuch der Kinderheilkunde, 1923

A. Henke, Handbuch zur Erkenntniß und Heilung der

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H. Koplik, Arch. Paediatr 13, 918 (1896)

K.-H. Leven, Die Geschichte der Infektionskrankheiten, 1997

H. Mochmann, W. Köhler, Meilensteine der Bakteriologie, 1984

A. Peiper, Chronik der Kinderheilkunde, 1965

R. Porter, Die Kunst des Heilens, 2000

N. Rosen von Rosenstein, Anweisung zur Kenntniß und Cur der

Kinderkrankheiten, 1781

A. Scott, Zellpiraten. Die Geschichte der Viren, 1990

T. Sydenham, Opera universa, 1726

A. P Waterson, L. Wilkinson, An Introduction to the History

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www.cdc.gov/nip/diseases/measles/history.htm

www.rki.de (Masern, Merkblätter für Ärzte, Situationsbericht 2005)

Bildverzeichnis

Bidloo, G. Anatomia, 1695

J. B. Cruveilhier, Anatomie pathologique, 1829-1842

Visual Language Library – The Art of Anatomy

Visual Language Library – Antique Maps of the World, 1680-1898

Medicina preciosa – Antiquariat für Medizin

Dr. med. K. F. Gruber-Gerardy www.medicina-preciosa.de

Anticmed Imagebank – Dr. med. K. F. Gruber-Gerardy

The Yorck Project – Digitale Bibliothek, 25 000 Meisterwerke:

Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Gesellschaft für Bildarchivierung

The Yorck Project – Digitale Bibliothek, Geschichte der Biologie,

Gesellschaft für Bildarchivierung

The Yorck Project – Digitale Bibliothek, Reklame Produktwerbung

im Plakat, Gesellschaft für Bildarchivierung

Bibliothek des Instituts für Theorie, Ethik und Geschichte der

Medizin – Johannes Gutenberg Universität Mainz

Senckenberg Bibliothek Frankfurt

Wir bedanken uns bei allen Institutionen, Bibliotheken,

Bildarchiven und Sammlungen für die freundliche Unterstützung.

Impressum

Idee und Konzept: medbrain – Die Ideenfabrik,

Dr. med. K. F. Gruber-Gerardy, W. Merz, www.medbrain.de

Text: Dr. med. K. F. Gruber-Gerardy, W. Merz

Bild: Dr. med. K. F. Gruber-Gerardy

Layout und Druckvorbereitung: Univers GmbH, Mainz

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