UM DIE WELT - Magazine Sports et Loisirs

sportsetloisirs.ch

UM DIE WELT - Magazine Sports et Loisirs

IN 80 SCHLÄGEN

0

Laurent

Chiambretto

ist Tennislehrer

in Paris. In den letzten

Monaten ist er kreuz und

quer durch die Welt gereist

um zu sehen, wie sein

Lieblingssport gelehrt

und ausgeübt wird.

Heute führt er uns nach

Frankreich ins Zentrum

von Paris, der Stadt

der Lichter.

UM DIE WELT

Nach dem letzten Ausflug nach Vietnam, wo der Tennissport

trotz schwacher Ergebnisse wieder populär

geworden ist, kehren wir zurück nach Europa und

nach Frankreich, wo es zwar viele gute Spieler aber wenige

bedeutende Titel gibt.

9. FRANKREICH

Text : Laurent Chiambretto

Fotos : L. Chiambretto

sportsetloisirs.ch

27


EIN GRAND SLAM

TITEL UND SONST

GAR NICHTS...

Tennis (1) wurde in Frankreich

zuerst von den reichen englischen

Touristen eingeführt und

an den Stränden im Westen

gespielt. Der erste französische

Club „Décimal Club” wurde

1877 in Paris gegründet. Den

größten Erfolg erlebte der Sport

jedoch im „Tennis Club de

Dinard”, der 1879 mit sechs

Sandplätzen gegründet wurde.

Jedes Jahr zog der Wettkampf des

Clubs, der 1886 zum ersten Mal

stattfand, die international besten

Spieler der Zeit an. Die feine

Gesellschaft reiste aus ganz

Europa und aus Amerika an, um

dieser sowohl sportlichen als

auch mondänen Veranstaltung

beizuwohnen. Zur gleichen Zeit

wurden 1891 die ersten französischen

Meisterschaften in Paris

ausgetragen, die ausschließlich

den Spielern des Landes vorbehalten

waren. Trotz der nur fünf

unglücklichen Teilnehmer bei

diesem ersten Turnier setzte sich

der Wettbewerb durch und wurde

1925 auch für ausländische

Spieler geöffnet. Das war der

Beginn der internationalen französischen

Tennismeisterschaften.

Zu der Zeit erschienen auch

die großen französischen Legenden

dieses Sports auf der Bühne.

Urteilen Sie selbst. Der erste

Champion der Geschichte,

Suzanne Lenglen, die von ihren

Mitbürgern „die Göttliche”

genannt wurde, machte diesem

Namen alle Ehre. Sie gewann

zwischen 1914 und 1926 241

Turniere, davon 81 im Einzel (6

Mal die internationalen französischen

Meisterschaften und 6 Mal

Wimbledon), 2 olympische Goldmedaillen

und die unglaubliche

Serie von 171 aufeinander folgenden

Titeln bei internationalen

Turnieren! Auch die Herren trugen

zur Popularität des Tennis in

Frankreich bei dank der legendären

Zeit der Musketiere - René

Borotra, Henri Cochet, René

Lacoste und Jacques Brugnon -

die von 1927 bis 1932 6 Mal in

Folge den Davis Cup gewannen.

In den folgenden Jahren erlebte

das Tennis eine weniger glorreiche

Zeit. Die Ergebnisse waren

auf den internationalen Plätzen

weniger überzeugend. Die

Anzahl der Lizenznehmer

wuchs trotzdem. Der Verband

zählte 1950 53.000 Spieler und

fünfundzwanzig Jahre später

mehr als 311.000. Und das war

nur eine Etappe vor dem großen

Boom. Zu Beginn der 1980er Jahre

richtete der F.F.T. (2) seine Politik

vor allem auf die Demokratisierung

seines Sports aus. Er

startete zum Beispiel die Initiative

„5.000 Plätze”, um die

Anzahl der Tennisplätze im

Hexagon zu erhöhen und den

Sport auf breiter Ebene zu fördern.

Diese Initiative passte gut

in ihre Zeit, da die französische

Gesellschaft begann, mehr Zeit

mit ihren Hobbys zu verbringen.

Tennis verlor also nach und nach

28


sein Image als elitärer Sport.

Zugleich wuchs das Interesse der

Medien an dem gelben Ball. Man

fieberte mit bei den Kämpfen

zwischen Connors, Borg und

McEnroe. Der Glanzpunkt wurde

1983 mit dem Heimsieg von

Yannick Noah in Roland Garros

erreicht, ein nationales Ereignis,

das immer seinen Platz in der

Geschichte des französischen

Sports einnehmen wird. Die Zahl

der aktiven Spieler explodierte

geradezu. Der Verband zählte

1985 1.391.000 Lizenznehmer,

das war ein Zuwachs von 347%

im Zeitraum von 10 Jahren! Seitdem

liegen die Zahlen im Tennis

trotz eines erheblichen

Schwunds in den 90er Jahren

deutlich über einer Million

Lizenznehmer. Der kleine gelbe

Ball ist als 2. Nationalsport gut

platziert hinsichtlich der aktiven

Spieler und der Medienpräsenz

und hat sich zu einer wahren

Industrie in Frankreich entwickelt.

Er bietet fast 5.000

Arbeitsplätze beim französischen

Tennisverband (F.T.T.) und seinem

Netz und die Arbeitszeit

der 26.000 ehrenamtlichen Führungskräfte

entspricht etwa 6.000

Vollzeitbeschäftigungen. Ganz

zu schweigen von den tausenden

sonstigen damit verbundenen

Arbeitsplätzen...

Das französische Tennis profitiert

zudem voll von dem Geldsegen,

den Roland Garros

bewirkt. Der Wettkampf erzielt

einen Umsatz von 137 Millionen

Euro und bringt dem französischen

Tennisverband 60 Millionen

Euro ein. Dieses

wirtschaftliche Gewicht ermöglicht

es dem F.F.T., seine 36 Ligen

und 86 Komitees in den Departements

bestens zu finanzieren

(20 Millionen Euro jährliches

Budget).

Der Verband profitiert von der

sportsetloisirs.ch

29


Die Zukunft...

Lokomotive Roland Garros (3)

und hat so ein perfekt strukturiertes

pyramidenartiges System

aufgestellt. Seine Ligen sind auf

die regionale administrative Einteilung

abgestimmt und die

Komitees auf der Ebene der

Departements erlauben es, das

regionale und lokale Tennis zu

kontrollieren und die 8.300

Clubs effektiv zu begleiten. Diese

professionelle Organisation

des staatlichen Netzes wurde im

übrigen von anderen Verbänden

imitiert.

Der andere große Erfolg des französischen

Tennis ist das Ausbildungsnetz

auf hohem Niveau. In

jeder Liga wird für die Zukunft

eine regionale Gruppe mit jungen

Talenten (10-13 Jahre) gebildet,

die ein Ausbildungsprogramm

erhalten und von

regionalen Treffen profitieren.

Die besten treten in die 14 Talentzentren

ein, die im ganzen Land

verbreitet sind, und werden auf

hohem Niveau gefördert. Die

Talentzentren Frankreich stellen

die nächste Etappe dar und nehmen

die besten jungen Spieler

des Landes auf (13-15 Jahre bei

den Mädchen, 14-18 Jahre bei

den Jungen). Die Trainingsbedingungen

entsprechen den Anforderungen

der Spitzenklasse.

Konditionstraining sowie verstärkte

medizinische und psychologische

Betreuung zählen

ebenfalls zu den Trainingsprogrammen

in den Zentren. In der

letzten Etappe werden die besten

Spieler schließlich im nationalen

Trainingszentrum Roland Garros

aufgenommen (16-20 Jahre

bei den Mädchen, 19-22 Jahre

bei den Jungen), wo sie in das

professionelle Tennis eingeführt

werden und an zahlreichen Turnieren

im Ausland teilnehmen.

In dieser Ausbildungsstruktur

wird nichts dem Zufall überlassen

und die gesamte Infrastruktur

ist hochwertig. Diese hervorragende

Qualität schlägt sich

übrigens in bemerkenswerten

Ergebnissen bei den jungen Spielern

nieder. 5 Weltmeistertitel

und 23 Grand Slam Titel sind in

den letzten 20 Jahren in der

Junior Kategorie zu verzeichnen.

Doch trotz dieser paradiesischen

Zustände konnte Frankreich seit

1983 keinen einzigen Grand

Slam Titel im professionellen

Wettkampf bei den Herren verzeichnen!

Ein unglaublich mageres

Ergebnis, das durch die beiden

Davis Cup Siege (1996 und

2001) oder das nächste Finale

gegen Serbien (vom 3. bis 5.

Dezember 2010) nur dürftig

30


kaschiert werden kann. Frankreich

hatte immer Spieler von

Weltrang (derzeit 11 unter den

Top 100), aber keiner konnte

bei einem bedeutenden Turnier

sein persönliches Zeichen

setzen. Bei den Damen ist die

Lage weniger dramatisch. Amélie

Mauresmo (Nummer 1 der

Weltrangliste 2004) und Mary

Pierce haben 4 Grand Slam

Titel errungen (4) , doch seit

ihrem Rückzug erlebt das

Damentennis eine wahre Durststrecke

mit nur 4 Spielerinnen

unter den ersten 100 der Weltrangliste.

Die Bilanz erscheint

schließlich relativ angesichts

der Mittel, die vom Verband

eingesetzt wurden. Die Franzosen

haben brillante Spieler

bei den Junioren, doch es

gelingt ihnen nicht, ihre hervorragenden

Ergebnisse auf professioneller

Ebene zu reproduzieren.

Einige Fachleute sehen

die Gründe in dem Druck der

Öffentlichkeit und der Medien,

der auf den jungen (und weniger

jungen) französischen Spielern

lastet, deren Aufstieg in

den Himmel ebenso schnell ist

wie der Abstieg in die Hölle

bei ihrer ersten schlechten Leistung.

Der Wettkampf Roland

Garros 2010 scheint diese These

zu stützen. Die Franzosen

haben einen wahren kollektiven

Untergang erlebt. Sie waren

31 zu Beginn des Turniers, 1 im

Achtelfinale, und keiner

erreichte die zweite Woche.

Trotz allem kann der schwierige

Umgang mit dem öffentlichen

Druck nicht alles erklären

und es stellen sich Fragen. Ist

das französische Modell, das

lange als beispielhaft galt, tatsächlich

so effektiv Als Talentschmiede

für gute Spieler trifft

das sicher zu. Aber zur Ausbildung

von Spielern, die in der

Lage sind, große Turniere zu

gewinnen, ist es offenbar nicht

geeignet. Die neue Spitze des

französischen Verbands hat

sich offenbar die gleichen Fragen

gestellt und nach ihrer

Wahl 2009 beschlossen zu reagieren.

Die Ernennung eines

neuen Verantwortlichen für

den Spitzensport, eine Überprüfung

der allgemeinen Organisation

und eine engere

Zusammenarbeit mit den

ehrenamtlichen Führungskräf-

sportsetloisirs.ch

31


René Lacoste

FRANKREICH

Fläche: 632.834 km2

64,7 Millionen Einwohner

1.125.201 Lizenznehmer

2. Nationalsport

Weltranglistenplatz des

besten Spielers: Nr. 12

Weltranglistenplatz der

besten Spielerin: Nr. 14

(1) Zu der Zeit wurde der Sport

Lawn-Tennis genannt.

(2) Fédération Française de Tennis

(Französischer Tennisverband)

(3) Der F.F.T. plant, den aktuellen

Standort zu verlassen, der verglichen

mit anderen wichtigen Turnieren viel

zu klein ist (8,5 Hektar gegenüber 14

bei den US Open und 20 in Wimbledon

und den Australian Open). Eine

Entscheidung wird im Februar 2011

fallen.

(4) Australian Open und Wimbledon

2006 für Amélie Mauresmo sowie

Australian Open 1995 und Roland

Garros 2000 für Mary Pierce.

(5) In Frankreich sind nur 14% der

Plätze Sandplätze gegenüber 95% in

Spanien oder Südamerika.

ten und früheren Spielern (Spielerinnen)

der Spitzenklasse

haben zu neuen politischen Ausrichtungen

geführt. Eine der

wichtigsten Reformen bezieht

sich auf die Ausbildung. Der Verband

möchte anstelle eines einzigen

Netzwerks mehrere Ausbildungswege

zum Spitzensport

eröffnen. Ein Kind könnte dann

zum Beispiel anstelle der Teilnahme

an den Talentzentren

Frankreich weiterhin in seiner

eigenen Liga trainieren, wenn es

das möchte, und in seinem eigenen

familiären und sportlichen

Umfeld eine bessere emotionale

Entwicklung durchlaufen. Mit

diesen alternativen Wegen zum

Spitzensport demonstriert der

F.F.T. seinen Willen, sich nach

und nach dem Rhythmus der

einzelnen Spieler anzupassen.

Er hofft, dass die jungen Leute

mental besser gestärkt sind, um

in den „Dschungel” des Profisports

einzutreten, und sich

ihrem Talent entsprechend entwickeln.

Die andere wesentliche

Reform betrifft den Sandboden.

Nach dem kürzlichen Fiasko in

Roland Garros (mit dem schlechtesten

Ergebnis seit 30 Jahren)

sollen zwei Maßnahmen umgesetzt

werden: der Bau von 4 überdachten

Sandplätzen bei dem

INSEP (Paris), wo die besten 16-

18jährigen trainieren, und der

Aufbau von einer neuen nationalen

Struktur in Nizza mit 8 Sandplätzen

(vier überdachte Plätze

und vier im Freien). Zugleich

wird jede Liga angehalten, bei

der Renovierung ihrer Plätze die

Hälfte in Sandplätze zu verwandeln.

Durch die größere Zahl an

Plätzen (5) hofft der Verband, seine

jungen Spieler für diesen

Boden zu begeistern und wieder

echte Spezialisten auszubilden.

Schließlich haben die Führungskräfte

nicht an Mitteln

gespart, um einen Grand Slam

Titel bei den Herren zu erringen.

Der erste wird der beste sein.

Medien und Publikum machen

keinen Hehl aus ihrer Ungeduld,

sich endlich für einen neuen

blauweißroten Sieger begeistern

zu können, 27 lange Jahre nach

Yannick Noah...

Diese Erwartung steht in Bolivien,

an dem Ort unserer nächsten

Reportage, ganz und gar

nicht auf der Tagesordnung. Diese

Nation hat nur sehr wenige

Spieler von Weltrang und leidet

erheblich unter dem Vergleich

mit ihren Nachbarn Argentinien

und Chile. Dieser Sache wollen

wir auf den Grund gehen.

32

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine