Schalom 2013/3 - Österreichisch-Israelische Gesellschaft

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Schalom 2013/3 - Österreichisch-Israelische Gesellschaft

schalom

Zeitschrift der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft

45.Jahrgang 3/2013 3,- €

Wie tickt Israel

„Die Antwort ist stets positiv“ 4-5

Leben und Lernen in Jerusalem 6

Israel ist umgezogen 7

Israel steht heute 8-9

besser und schlechter da denn je

Erscheinungsort Wien, Verlagspostamt 1080 WienP.b.b. GZ02Z031415M


EINLADUNG

50 Jahre Österreichisch Israelische Gesellschaft

PROGRAMM

Begrüßung

Gouverneur Univ. Prof. Ewald Nowotny Novotny

Grußworte aus Israel

Grußworte der befreundeten Gesellschaften

Deutsch-Israelische Gesellschaft, Präsident Reinhold Robbe

Gesellschaft Schweiz-Israel, Präsidentin Corina Eichenberger-Walther

50 Jahre Einsatz für Israel

Dr. Richard Schmitz

Festvortrag Österreich und Israel

Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka

Überreichung des Heinz Nittel Awards

Hymnen der Staaten von Israel und Österreich,

sowie der Europäischen Union

Durch den Abend führt Dr. Richard Schmitz begleitet

von Roman Grinberg und seiner Band

Nach dem Festakt bittet die Oesterreichische Nationalbank

zu einem kleinen Imbiss

Wir freuen uns, Sie am Sonntag den

1. Dezember 2013 um 18 Uhr

in der Nationalbank, Otto Wagner Platz 3, 1090 Wien

im historischen Kassensaal begrüßen zu dürfen.

u.A.w.g. bis 20.11.2013

per E-Mail: oeig08@gmail.com // per Post: Lange Gasse 64/15, 1080 Wien

Bitte Ausweis mitnehmen

DINA5_Inserat.indd 1 06.11.2013 13:01:54

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schalom

editorial

Brief des Herausgebers

Israels Lage hat sich wieder einmal

verändert. Das Verhältnis zur Türkei

und zu Ägypten hat sich entspannt.

In Syrien tobt der Machtkampf zwischen

Sunniten und Schiiten um

die Vorherrschaft in der arabischen

Welt. Wie immer diese Auseinandersetzung

ausgeht, sie wird zu

einer weiteren Eskalation führen.

Auch wenn der Iran durch die Aufnahme

der Gespräche über die Nutzung

der Atomenergie versucht aus

der Rolle des Teufels herauszukommen,

bleibt doch sein Hass auf die

Israelis in allen Bereichen aufrecht.

Israel hat 26 palästinensische,

rechtskräftig verurteilte Häftlinge,

eigentlich Mörder, freigelassen. Die

Freilassung ist Teil des Regierungsbeschlusses

vom 28. Juli 2013, die

diplomatischen Verhandlungen

mit der Palästinensischen Autonomiebehörde

wieder aufzunehmen.

Präsident Abbas betonte zwar vor

der UNO, dass die Palästinenser

“sich auch weiterhin um die Israelis

bemühen und sagen: Lasst uns

daran arbeiten, einer Kultur des

Friedens zum Sieg zu verhelfen.“

Ehrenwerte Gefühle, sicherlich,

aber leider nicht frei von Scheinheiligkeit.

Leider ist auch Europa

Impressum:

Medieninhaber, Herausgeber: Österreichisch-Israelische

Gesellschaft (ÖIG).

Zweck: Die Zeitschrift „Schalom“ ist das

offizielle Organ der ÖIG. Diese tritt für

die Interessen des befreundeten Staates

Israel und seiner Bewohner ein. Ziel ist

der Friede im Nahen Osten. Die ÖIG

leistet im Rahmen ihrer Möglichkeiten

die notwendige Öffentlichkeitsarbeit

um den latenten Antisemitismus in

Österreich und in Europa zu minimieren.

nicht frei von Ressentiments, die

weit über berechtigte Kritik an Israels

aktueller Politik hinausgehen.

Um das Image von Israel zu verbessern,

haben die Freundschaftsgesellschaften

von Deutschland,

der Schweiz und Österreich die

anderen europäischen Gesellschaften

eingeladen, eine europäische

„Alliance for Israel“ zu bilden und

in Zukunft gemeinsam vorzugehen.

Am 1. Dezember 2013 werden

in Wien Vertreter von Tschechien,

Ungarn, den Niederlanden,

Rumänien, Schweden, Finnland

und Frankreich mit dem Trio der

einladenden deutschsprachigen

Gesellschaften das weitere Vorgehen

beraten. Die formelle Gründung

ist für das Jahr 2014 in Berlin

geplant. Die Österreichisch-Israelische

Gesellschaft setzt große Hoffnungen

in diese Wiener Konferenz.

Persönlich möchte ich alle Leserinnen

und Leser herzlich zur Festveranstaltung

„50 Jahre ÖIG“ einladen. Feiern Sie

mit uns.

Dr. Richard Schmitz

Sitz: 1080 Lange Gasse 64. Redaktion/

Anzeigenannahme: 0664 1769 332

E-Mail: oeig08@gmail.com.

Internet: www.oeig.at.

Chefredakteurin: Inge Dalma.

Redaktion: Susi Shaked, Richard Schmitz,

Peter Florianschütz, Susanne Höhne,

Sandra Goldstein. Israel: Ulrich W. Sahm.

Kärnten: Ulrich Habsburg-Lothringen.

Lektorat: Peter Weidner. Übersetzungen:

Kitty Weinberger. Wissenschaft: Bettina

Müller. Layout & Grafik: G.B. Paganotta.,

In dieser Ausgabe

Brief des Herausgebers 2

Die Antwort ist stets positiv 4

Leben und lernen in Jerusalem 6

Israel ist umgezogen 7

Israel heute 8

Holocoust in Europa 10

Flughafen Schwechat 11

Wüstenkinder 12

Polnisches Kavalierskreuz 14

Gershon Shoffmann 16

Literatur 17

Innovationen 18

Chanukka 19

Werden Sie Mitglied der

Österreichisch-Israelischen

Gesellschaft

www.oeig08@gmail.com,

Kto. Nr. 00262620801 BLZ 12.000

Die Freundschaft mit den

Menschen in Israel ist uns wichtig.

Titelfoto: Iris Harter

Bankverbindung: Bank Austria,

IBAN: AT561100000262620801,

BIC: BKAUATWW.

Die im Magazin veröffentlichten Kommentare

geben nicht grundsätzlich

die Meinung der ÖIG wieder, sondern

bieten einen Einblick in die politische

Diskussion. Ausgewertet werden

Meldungen von Jerusalem Post, IDF, BI-

COM, Haaretz, Yediot, Aharonot, Y-net,

israelnetz (inn), ICEJ, JTA, ILI u.v.a.

Gedruckt nach der Richtlinie des Österreichischen Umweltzeichens „Druckerzeugnisse“,

Magistrat der Stadt Wien, Magistratsabteilung 21, Reprografie, UW-Nr. 835

Gedruckt auf ökologischem Papier aus der Mustermappe

von „ÖkoKauf Wien“. CO2 kompensiert produziert

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Die Antwort ist stets positiv.

Oder wie Menschen in Israel trotz der Unruhen in der Region

ein sicheres Leben führen. Von Wolfgang Sotill

Vor Leon de Winter sei

gewarnt. Nicht generell,

denn der wunderbare Erzähler

zeichnet seine Figuren sehr fein,

er entwickelt Überraschendes, oft

auch Abgründiges und entführt

den Leser in weite Räume. Und er

verführt ihn, ihm dem Autor und

seinen entworfenen Szenarien so

weit zu folgen, dass aus der literarischen

Fiktion Realität wird. Oft eine

beängstigende Realität, wie in dem

Buch „Das Recht auf Rückkehr.“ In

dem 2009 erschienenen Werk verlegt

der Autor die Handlung in das

Jahr 2024. Israel existiert nicht mehr

in den heutigen Grenzen – mit oder

ohne Westbank – sondern es ist

auf einen streng gesicherten Stadtstaat

zusammengeschrumpft, der

gerade noch von Hadera, das eine

knappe Autostunde nördlich von

Tel Aviv liegt, bis Dimona im Süden

reicht. Jerusalem gehört nicht mehr

zum Judenstaat und auch nicht

Haifa oder Galiläa und auch den

Negev haben sich schon andere

einverleibt.

Zukunft der Kinder

Bei der kürzlichen Lektüre des

„Rechts auf Rückkehr“ wurde ich

an die sorgenvolle Frage einer Israelin

in dem Jerusalemer Kibbuz-

Hotel Ramat Rachel erinnert, die

da lautete: „Werden meine Kinder

hier noch eine Zukunft haben“

Die Frage kam von einer Frau,

Mitte 30, die heuer im August

gerade damit beschäftigt war, die

Schulsachen für ihren kleinen

Schulanfänger Adam einzukaufen.

Wir alle wissen es, und haben es

selbst erlebt: an Kreuzungen des

Lebens, und der Schulantritt eines

Kindes ist wohl ein solcher, ist man

besonders sensibel. Vor allem dann,

wenn ein Thema massiv die eigene

Nachdenklichkeit noch verstärkt,

wie dies die syrischen Chemiewaffen

getan haben, deren Einsatz US-

Präsident Barack Obama nicht ohne

Sanktionen hatte hinnehmen wollen.

Bashir Assad beeilte sich daraufhin

zu erklären, dass er im Fall eines

US-Angriffs durchaus willens und

auch in der Lage sei, sein Giftgas

auch außerhalb Syriens einzusetzen.

Dass er dies vermutlich gegenüber

Israel tun würde, war allen klar. Ein

dramatischer Nebenaspekt:

Die Ingredienzen für die Gaswaffen

hat Syrien in Deutschland eingekauft.

„Werden meine Kinder hier

in Israel noch eine Zukunft haben“

Schon aus psychologischer Sicht

sind Betroffene gewillt, diese Frage

mit „Ja“ zu beantworten. Da werden

dann die gewonnen kriegerischen

Auseinandersetzungen mit

den Arabern aufgezählt, die unverbrüchliche

Freundschaft mit den

USA verbal bekräftigt, die Überlegenheit

der Waffen erörtert und die

Effizienz israelischer Spionage und

Geheimdienstaktivitäten gelobt. Die

wortreiche Auflistung der Erfolge

ist oft nicht mehr ein Mechanismus

zur eigenen Beruhigung.

In diesem Augenblick ist es dann

unklug darauf zu verweisen, dass

auch Geheimdienste ihre Schwächen

hatten und heute noch haben.

Den Yom-Kippur-Krieg vor 40 Jahren im

Oktober 1973 hat man nicht kommen

gesehen und die ägyptischen

Vorbereitungen für einen Waffengang

als den üblichen arabischen

Theaterdonner abgetan. Und auch

vom Ausbruch des arabischen Frühlings

war man in den Kommandozentralen

Israels ebenfalls einigermaßen

überrascht.

Die psychologische Seite

Es ist leicht zu erkennen: Konflikte

haben neben einer sicherheitspolitischen

- eine nicht weniger wichtige

- psychologische Seite. Eine, die

wir in Europa nicht verstehen, weil

sich, so behaupte ich, die Frage, ob

Österreich im Jahr 2024 vielleicht

nur mehr als Schrumpfstaat mit

der Hauptstadt Mattersburg oder

Ried im Innkreis existiert, noch nie

jemand gestellt hat. Und auch nicht

zu stellen gezwungen war, da sich

vor der drohenden Invasion der

Chinesen in Österreich wohl niemand

außer Frank Stronach fürchtet.

Zur seelischen Beunruhigung gesellt

sich bei vielen Israelis auch noch

das Gefühl mangelnder Solidarität

in der übrigen Welt. Dieses Isolationsgefühl

brachte Regierungschef

Benjamin Netanjahu bei einer

Gedenkfeier anlässlich des Yom-

Kippur-Krieges erst kürzlich auf den

Punkt, wenn er sagte: „Wenn ich

mich nicht um mich kümmere, wer

kümmert sich dann um mich“ Die-

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schalom

kommentar

ses alleine gelassen sein ist nicht

herbeigeredet, sondern es hat einen

dramatischen historischen Hintergrund.

Freilich: Man muss auch

die mahnende Gegenposition

des ehemaligen Knesset-Präsidenten

Abraham Burg hören, der die

These vertritt: „Noch nie war Israel

so gut vernetzt und durch internationale

Bündnisse abgesichert, als

wie heute. Die Gefahr eines zweiten

Auschwitz ist nicht gegeben

und die Shoa wird von manchen

Gruppierungen nur instrumentalisiert,

um Angst zu schüren und um

die eigene Politik zu rechtfertigen.“

Neben der mangelnden Solidarität,

die man in Israel für Konflikte in der

Zukunft einfordert, beklagt man oft

auch das fehlende Eingeständnis

des Westens in einem Urteil geirrt

zu haben. Ein Beispiel: 1981 , nach

dem Bombardement des irakischen

Atomreaktors Osirak, scholt beinahe

die ganze Welt Israel als „selbsternannten

Weltpolizisten“. Zehn Jahre

später, als im Jänner 1991 westliche

Truppen den Irak angriffen, um

Kuwait zu befreien, war die freie

Welt ziemlich glücklich, dass man

sicher sein konnte, dass Saddam

Hussein über keinerlei atomare

Waffen verfügt.

Keine Anerkennung

Erkenntlich gezeigt hat sich dafür

niemand. Kann man, soll man aus

denselben Gründen auch den Iran

angreifen Die von Netanjahu erhobene

Forderung will, vielleicht auch

aus guten Gründen, niemand hören.

Denn der heutige Iran ist mit dem

Irak vor dreißig Jahren, der nach

dem ersten Golfkrieg gegen den

Iran deutlich geschwächt war, nicht

zu vergleichen. Aber auch abseits

der Frage kommt die „iranische

Atombombe ja oder nein“ gibt es

aus israelischer und auch aus arabischer

Sicht ausreichend Grund

sich zu sorgen, denn der Einfluss

des Iran hat in der Region erheblich

zugenommen. Der Libanon

scheint fest in den Händen der Hisbollah,

das offizielle Syrien ist von

den Mullahs in Teheran abhängig,

und im Irak versucht man sich an

die Macht zu bomben. (Den Präsidentschaftswahlen

im kommenden

Frühjahr werden vermutlich noch

zahlreiche schwere Anschläge vorausgehen.)

Und auch in Palästina

lassen sich immer stärker die Spuren

aus Teheran nachvollziehen.

Zudem ist beängstigend, dass sich

Israels Bündnispartner in der Region

verflüchtigen. Die Türkei hat sich

nach seiner Frustration, nicht so

rasch Vollmitglied der EU zu werden,

auf eine neue internationale

Rolle besonnen: auf die einer Regionalmacht

im Nahen Osten. Da war

die alte Solidarität mit Israel eher

hinderlich und nach einigen Aufsehen

erregenden Aktionen Israels,

wie der Stürmung eines türkischen

„Rettungsschiffes“ für Gaza mit

neun toten türkischen Staatsbürgern,

wandte sich Ankara radikal

von Jerusalem ab, um verstärkt mit

der Hamas in Gaza zu kooperieren.

Ähnlich geht es Israel mit Ägypten.

Der in Washington am 26.März

1979 geschlossene Friedensvertrag

scheint brüchig. Und selbst wenn

sich die Militärs daran offiziell halten,

so ist die öffentliche Stimmung

seit Beginn der Unruhen eindeutig

Israelfeindlich. Und diese wird

in der gesamten arabischen Welt

noch steigen, wenn die erst einmal

für neuen Monate anberaumten

Gespräche mit den Palästinensern

nicht schon im zehnten Monat zur

Ausrufung des Staates Palästina

führen. Dass dies so gut wie unmöglich

ist, sollte allen Beteiligten klar

sein. Ist es aber nicht, wie ein älterer

christlicher Araber kürzlich betont

hat, der eine Gruppe von Österreichern

durch das Caritas Baby-Hospitals

in Bethlehem geführt hat. Auf

die freilich rein hypothetische Frage,

was denn passieren würde, wenn es

nach dem Scheitern der Gespräche

erneut zu einem arabisch-israelischen

Waffen-gang kommen und

diesmal die Araber siegen würden,

antworte er: „Dann haben wir ein

Problem weniger!“ Viel klarer kann

man die Vernichtung der Juden wohl

nicht ansprechen. Der Nahe Osten

ist politisch kaum nicht berechenbar.

Und das hat für die Israelis, die

sich seit der Staatsgründung ununterbrochen

an neue politische Szenarien

gewöhnen mussten, etwas

auch psychologisch Beruhigendes

an sich.

Israel ist stark

Vor Leon de Winter sei gewarnt.Nicht

grundsätzlich, sondern höchstens

bei Lesern mit schwachen Nerven.

Denn Israel ist stark und man lebt

dort beinahe so sicher und ruhig wie

auf einer Insel der Seligen. Und deshalb

darf es auch nicht verwundern,

dass man sich dort über Mietpreise

oder kleine innenpolitische Skandale

mehr ärgert, als über alle Nachbarn

zusammen, die so laut streiten.

Und dass sich Menschen existentielle

Fragen nach der eigenen Zukunft

und jener der Kinder stellen, ist wohl

nur normal. Nicht die Frage an sich

ist beunruhigend, sondern nur eine

negative Antwort wäre es. Aber die

gibt in Israel niemand. •

5


Leben und lernen in Jerusalem,

„in der Stadt mit der man nicht zu Rande kommt!“

An einem Tag unserer Galiläa-

Exkursion auf den Spuren

Jesu traf ich eine hübsche

Israelin. Sie war 18 Jahre alt und saß

vor einer mittelalterlichen Festung

aus dem 13. Jahrhundert. Die Burg

heißt Nimrod und befindet sich im

Norden der Golanhöhen. Das fremde

an dieser Begegnung war, dass

auf dem Schoß des Mädchens ein

Sturmgewehr lag, darüber ein Notenblatt

und sie studierte mit ihrer

neuen Blockflöte die 9. Sinfonie von

Beethoven „Ode an die Freude“ ein.

Das war eine eigenartige, unerwartete

Begegnung.

Haben Sie sich schon einmal gefragt,

warum sich Soldaten umbringen

Gründe werden viele genannt,

aber wenn ich da an dieses

18-jährige Mädchen denke, die 21

Monate im israelischen Heer dienen

muss, dann ist das für mich, der

seinen Auslandszivildienst in einer

modernen Pilgerherberge im muslimischen

Viertel der Altstadt von

Jerusalem geleistet hat, eigenartig

und befremdlich.

Mein Zivildienst liegt nun schon

ein paar Jahre zurück und ich habe

mich entschlossen nach Jerusalem

zurückzukehren, um acht Monate

im Heiligen Land zu leben und

zu studieren. „Warum“ fragen Sie

sich Jerusalem interessiert mich.

Es ist möglich jeden Tag in eine

andere Kultur einzutauchen und

das ist zuerst einmal faszinierend.

Jerusalem ist mehr als Jesus und

die Klagemauer. Es gibt hier viele

bunte, faszinierende, schräge und

sehr gastfreundliche Menschen.

Während des Studienjahres durfte

ich in Strömen von Wissen baden.

Eine der großen

Herausforderungen

im Studienjahr

ist es mit den

Animositäten und

den ambivalenten

Erfahrungen,

die ich auf israelischer

und palästinensischer

Seite

gemacht habe, zu

verarbeiten und

mich selbst immer

wieder in meinem

Urteil in Frage

stellen zu lassen.

Nicht selten hört

man die Wörter:

Holocaust, Hitler

oder Vertreibung. Es wird über die

Mauer diskutiert, die Palästinenser

von Israelis trennt - Für die einen

ist die Mauer ein großes Ärgernis

und für die Israelis ein Schutz auf

Kosten derer, die keine Gewalt anwenden.

Weil ich einen österreichischen

Pass habe kann ich sowohl

nach Bethlehem, als auch nach Tel

Aviv fahren. Ein Israeli darf das nicht

und die meisten Araber auch nicht.

Je länger ich im Land bin, desto

besser verstehe ich die Menschen,

ihre Ängste und oft auch ihre absurden

Wünsche. Die Mentalität

von Arabern und Israelis ist oft sehr

aufgeschlossen, was schön und anstrengend

zugleich sein kann, denn

jeder will seine je eigene Leidensgeschichte

erzählen.

Der interreligiöse Dialog wurde mit

dem Judentum in vielerlei und unterschiedlicher

Form geführt. Wer

am Flughafen Ben Gurion landet,

wird schnell merken, dass der israelische

Staat auch ein jüdischer ist.

Viele Juden aus der ganzen Welt

haben Familienangehörige in Israel

und besuchen diese. Ein buntes

Bild von orthodoxen über reformierten

bis hin zu säkularen Juden

zeigt sich dort. Jedoch würde sich

die Mehrheit der Israelis wohl nicht

als religiöse Juden bezeichnen,

sondern als dem Volk Israel zugehörig

im Sinne einer Nation. Diese

Zuordnung zu verstehen, verlangte

von mir, dass ich mich mit dem Zionismus

und insbesondere seinem

historischen Gründungsvater Theodor

Herzl befasste. In der Vorlesung

Foto: Iris Harter

6


schalom

buch

von Lutz Doering von der Universität

Durham stellten sich wir Studierenden

uns der Frage nach einer

jüdischen Identität in der Antike

im Sinne einer Doppelgestalt von

Ethnos und religiöser Praxis im damaligen

Judentum. Mit Alick Isaacs,

der aus Schottland stammt und

nach Israel immigrierte, schlugen

wir eine geistige Brücke in das gegenwärtige

Judentum in Israel. Er

eröffnete uns Studierenden aus der

Perspektive der orthodoxen rabbinischen

Theologie die religiöse

Seite des innerjüdischen Konfliktes

in Israel und stellte uns gleichzeitig

eine konkrete Initiative, die sich

Talking Peace nennt, vor. Zahlreiche

spannende Exkursionen führten

uns mit einer deutschen Jüdin

entweder entlang der Mauer bzw.

des Sicherheitszauns, in Siedlungen

von Samaria und Judäa, oder aber

auch nach Jaffa, Yad Vashem und

verschiedenste andere Orte in und

um Jerusalem, die von religiös und/

oder politischer Bedeutung sind.

Martin Steiner

Martin Steiner, Studierender

im Fach Katholische Theologie

und Religionspädagogik an der

Universität Wien, gehörte zu den

21 Teilnehmern des Studienjahres

für biblische und ökumenische

Theologie an der Dormitio-

Abtei in Jerusalem an. Das in

dieser Form einmalige Studienprogramm

soll den Studierendenden

der christlichen Kirchen

den ökumenischen und interreligiösen

Dialog im Heiligen

Land näher bringen. Außerdem

können sich die jungen ChristenInnen

mit dem Land der Bibel

intensiv vertraut machen. Das

aktuelle Studienjahr endete

Mitte April 2013 und hatte den

akademischen Schwerpunkt

„Religion und Moderne.“

„Israel ist umgezogen“

von Diana Pinto

In das Land hineinschauen – das

hat sich die Autorin zur Aufgabe

gemacht. Damit erfüllt sie

die Neugier vieler Israel-Sympathisanten

in der westlichen Welt, die

es satt sind, dieses ungewöhnliche

Land stets nur aus dem medialen

Blickwinkel des Dauerkonflikts mit

seinen Nachbarn dargestellt zu bekommen.

„Das Land hat seine geografische

und zeitliche Orientierung, seinen

politischen Horizont und seine Lebenswelt

verändert“ – so die Einführung

der französischen Historikerin:

„Sein innerstes Wesen hat die

eigene, wenig wohlgesinnte Nachbarschaft

verlassen, deren jüngste

Frühlingsrevolutionen, auf die ein

miefiger Herbst zu folgen scheint,

das Land kaum interessiert haben.“

Wenn der Star unter den israelischen

Schriftstellern, Amos Oz,

2011 seine Solidarität mit den

Protestierenden damit begründet,

dass er das Haushaltsdefizit

den „Generationen von ignoranten

Schnorrern“ – womit die Orthodoxen

gemeint sind – zuschreibt, so

reiht er sich einer abtretenden Generation

zu, die den Wunsch hegte,

Israel solle ein Land wie jedes andere

sein.

Das Spannungsfeld innerhalb der

israelischen Gesellschaft reicht von

der Orientierung auf Forschung

und High-Tech zu Weltspitzen-

Positionen – Stichwort „Start-Up-

Nation“ – bis zu einer rasant wachsenden

Orthodoxie, basierend auf

biblischen Grundwerten. Um es

Das Buch ist in der Buchhandlung Singer, im

Jüdischen Museum der Stadt erhältlich,

Wien, 1010, Dorotheergasse 11.

Suhrkamp Verlag 2013 /

ISBN 978-3-633-54265-9

noch komplizierter zu machen, verweist

die Autorin auf Tatsachen, die

diese beiden scheinbar extremen

Widersprüche durchaus auf eine

Linie bringen.

Der große israelische Politologe

Shlomo Avineri habe immer betont,

so Diana Pinto, dass Israel zwar aus

Europa hervorgegangen sei, aber

eben doch nicht in Europa sei.

Wenn nun Israel den Anschein erweckt

nach Asien zu übersiedeln,

so sei es sinnlos, diese Entscheidung

mit dem Maßstab unserer

europäischen Werte zu beurteilen

– gibt Pinto zu bedenken.

Diana Pinto hat diesem Buch unzählige

Gespräche mit Protagonisten

der unterschiedlichsten Strömungen

in der israelischen Gesellschaft

zugrunde gelegt, sie hat praktische

Erfahrungen gemacht und Situationen

anschaulich geschildert. Dabei

hat sie die Geschichte des Judentums

nie aus den Augen verloren.

In ihre Schlussfolgerungen sind jeweils

auch Zweifel eingebaut, was

die künftige Entwicklung dieses

alten Volkes und jungen Staates

betrifft.

Der Blick in dieses ungewöhnliche

Land und seine Bevölkerung ist

unsagbar kompliziert, doch die

Lektüre des vorliegenden

Buches ist spannend und

lohnend.

Inge Dalma

7


Israel steht heute besser und

schlechter da denn je

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Widersprüche sind im Nahen

Osten normaler als

Klarheit und „Lösungen“.

Deshalb kann man ohne Schizophrenie

behaupten, dass Israels

Position im Nahen Osten heute besser

ist als jemals zuvor. Und gleichzeitig

kann man genau das Gegenteil

sagen.

Es existieren schon Verschwörungstheorien,

wonach nur „die Juden“

die Aufstände in der arabischen

Nachbarschaft ausgelöst haben

könnten. Andererseits konnte bisher

niemand nachweisen, dass der Bürgerkrieg

in Syrien, die Aufstände in

Jemen oder Libyen, der Umsturz in

Ägypten auch nur das Geringste

mit Israels Siedlungspolitik zu tun

hätten, oder durch sie ausgelöst

worden wären.

Im Augenblick kann man lediglich

festhalten, dass die Hisbollah

im Libanon mitsamt ihrem Arsenal

von angeblich 20.000 Raketen seit

2006 jegliche Provokation gegen

Israel vermeidet, um nicht erneut

von Israel angegriffen zu werden.

Der Krieg 2006 hat offenbar die

Hisbollah schwerer geschlagen, als

öffentlich eingestanden.

Die Erzfeinde Syrien und Israel halten

weiterhin Ruhe auf den Golanhöhen,

entlang der gemeinsamen Grenze.

Gemäß ausländischen Quellen hat

Israel im Osten Syriens eine Atomfabrik

zerstört und bei Damaskus

Luftangriffe geflogen, ohne jegliche

syrische Reaktion. Und wenn

es zu Querschlägern auf den Golanhöhen

kommt, bei denen jüngst

zwei israelische Soldaten verletzt

wurden, darf die israelische Artillerie

ungestraft zurückschießen.

Noch funktioniert die gegenseitige

Abschreckung.

Mit Ägypten verbinden Israel heute

mehr gemeinsame Interessen als

jemals zuvor. Die ägyptische Armee

führt gegen die islamistische Hamas

im Gazastreifen einen Krieg, von

dem die Israelis nur träumen konnten.

Plötzlich sind die Ägypter fähig,

über tausend Schmugglertunnels

unter der Grenze zwischen dem Sinai

und Gaza zu zerstören. Damit wird

die Hamas von Waffenlieferungen

abgeschnitten und erhält auch kein

billiges Öl mehr.

„Verbotene Zonen“

Die Waren müssen nun gegen

Bares und ohne Kommission für

die Hamas aus Israel importiert

werden. Die Ägypter zerstören

unbekümmert Häuser von Palästinensern,

unter denen Tunnels

entdeckt worden sind. Sie

schießen auf palästinensische

Fischer, die in „verbotene Zonen“

eindringen und sperren den einzigen

Grenzübergang in Rafah. Die

Meldungen sind wortgleich mit

Berichten aus den „guten alten

Zeiten“, als die Israelis noch „völkerrechtswidrig“

Häuser zerstörten

oder gar die Menschenrechte palästinensischer

Fischer verletzten.

Der Unterschied ist nur, dass es niemanden

in der Welt stört, wenn die

Ägypter gegen die Palästinenser

wesentlich rücksichtloser vorgehen,

als damals die Israelis.

Mit dem Kampf gegen El Kaeda

oder Salafisten in Gaza und im Sinai

gibt es heute mehr gemeinsame

Interessen zwischen Kairo und

Jerusalem, als während des „kalten

Friedens“ in den vergangenen

30 Jahren. Heute sprechen die

Israelis in Washington vor, um das

Kürzen der amerikanischen Militärhilfe

für Ägypten zu verhindern. Die

Amerikaner verübeln den ägyptischen

Militärs den Putsch gegen

Präsident Mohamed Mursi, der in

seiner Regierungszeit alle demokratischen

Regeln in den Wind geschlagen

hat.

Die Israelis appellieren bei den

Amerikanern an das gemeinsame

Interesse, Ägypten beim Kampf gegen

Terroristen im Sinai zu helfen. Eine

Front baut sich gegen die Amerikaner

in den Ölemiraten sowie in Saudi

Arabien auf. Denn die Ölstaaten am

persischen Golf fürchten eine iranische

Atombombe und iranische

Hegemonie noch mehr als Israel,

während das Vertrauen in die amerikanischen

„Verbündeten“ spätestens

seit dem plötzlichen Fallenlassen

des ägyptischen Präsidenten

Hosni Mubarak durch Präsident

Barack Obama einen Tiefstand erreicht

hat. Aus Sicht der Saudis sind

die Israelis mit ihrer Militärmacht

die einzige „Rettung“ gegen das

iranische Atomprogramm.


8


schalom

bericht

Die Zahl der heimlichen und sogar

offenen Verbündeten Israels unter

den arabischen Staaten ist größer

als jemals zuvor.

Andererseits verhärtet sich die

Front christlicher Organisationen,

friedensbewegter Menschenrechtler,

eingefleischter Antisemiten und

anderer „Kritiker Israels“, die mit

Boykott, Kennzeichnung von Waren

aus Siedlungen und Todesdrohungen

gegen Künstler wie dem Beatle

Paul McCartney alles tun, Israel zum

Paria der Welt, zum Sündenbock für

alle Übel der Welt zu machen. Berühmte

Künstler haben Auftritte in

Israel abgesagt. Die UNESCO stören

allein wissenschaftliche Ausgrabungen

in Ostjerusalem, nicht aber die

willkürliche Zerstörung von Weltkulturerbe

in Syrien, Mali oder Afghanistan.

Obgleich die EU an der

israelischen Forschung sehr interessiert

ist, kommt es immer wieder

zu handfesten Störungen bei Vorlesungen

israelischer Professoren in

England, in den USA und von Südafrika

ganz zu schweigen. Israelis

im Ausland müssen ihre Identität

verbergen, um nicht auf der Straße

verfolgt und niedergeschlagen zu

werden wie damals die Juden.

Ein kleines Lächeln des iranischen

Präsident Hassan Rohani überzeugt

die Welt von der Friedfertigkeit des

Irans, obgleich die Zentrifugen sich

weiter drehen und der Bau eines

Schwerwasserreaktors weiter geht.

Der dient allein der Produktion von

Plutonium, aus dem keinerlei Strom

gewonnen werden kann, sondern

nur dem Bau einer Atombombe

dient. Entsprechend titelt „Die Zeit“:

„Der Hardliner sind in Jerusalem“.

Unter dem Bild eines finster dreinblickenden

Benjamin Netanjahu

kommt ein „kritischer“ Israeli, Daniel

Levy, mit zahlreichen Konjunktiven

und leicht widerlegbaren Thesen

zu Wort. Wann hat der israelische

Premier zuletzt seinen vermeintlich

„unerschütterlichen Glauben an

Groß-Israel“ ausgesprochen Kübelweise

Kommentare unter jenem

Interview zeugen vom Abgrundtiefen

Hass auf Israel, der offenbar unter

den intellektuellen „Zeit“-Lesern

grassiert ist. Man muss Netanjahu

nicht mögen, obgleich er von der

Mehrheit der Israelis gewählt worden

ist. Für Israel wird es zunehmend

schwieriger, sich in der Welt

zu behaupten, solange den Juden

die Geschichte, Ansprüche auf Jerusalem,

das Selbstbestimmungsrecht

als Volk und letztlich die Existenz

abgesprochen wird.

Die Israelis ärgern sich zwar, wenn

berühmte Künstler, Steven Hawkins

und andere Prominente aus der

Welt sie schneiden, oder wenn der

Foto: Iris Harter

durchaus israel-freundliche griechische

Premierminister bei der Kranzniederlegung

in Jad Vashem sich

weigert, eine Kipa auf den Kopf zu

setzen.

An die gehässige Propaganda, sogar

von arabischen „Friedenspartnern“,

sind sie gewöhnt. In Israel

fühlt man sich sicher, verlässt sich

auf die Fähigkeit der Armee, das

Land zu verteidigen und befasst

sich so gut es geht mit den kleinen

und großen Skandalen im eigenen

Land, sozialen Ungerechtigkeiten

und viel zu hohen Preisen im Supermarkt.

In Israel lebt man fast wie

auf einer Insel der Glückseligen, obgleich

rundum, wohin man bei den

Nachbarn nur hinschaut, Mord und

Totschlag auf der Tagesordnung

stehen.


9


Holocoust in Europa-

75-Jahre Novemberpogrom

Die Ausstellung ist zum ersten Mal in Wien

Die Ausstellung „Der Holocoust

in Europa“ ist der

Beitrag des Unterrichtsministeriums

und „www. erinnern.at“

zum Gedenken an 75 Jahre Novemberpogrom.

Sie verdient unter den

zahlreichen Veranstaltungen die im

November 2013 in Österreich stattfinden

besondere Beachtung. Sie

ist eine Kooperation des BMUKK

mit dem „Centre de documentation

de juive contemporaine“,

(CDJC), welches das älteste Archiv

des Holocaust in Europa ist. Das

„Mémorial de la Shoah“, die mit

dem Archiv verbundene Gedenkstätte,

bringt die Ausstellung erstmals

nach Wien.

Sie zeigt die Geschichte der Vernichtung

des europäischen Judentums,

von den Anfängen des rassistischen

Antisemitismus bis zum Ende des

Zweiten Weltkrieges. Das Archiv

wurde von Isaak Schneesohn bereits

1943 in Grenoble, in der „freien

Zone“ Frankreichs gegründet. Isaak

Schneesohn wollte damals mit dem

Archiv erreichen, dass die Gräueltaten

die den Juden angetan wurden,

dokumentiert werden. Als die

Deutschen wenige Monate später

in den von Maréchal Petain Süden

Frankreichs einmarschierten, wurde

das Archiv wieder aufgelöst. Isaak

Schneesohn schloss sich daraufhin

der kämpfenden Résistance an,

was sich 1945 nach der Befreiung

Frankreichs durch die Alliierten als

Glücksfall für das Archiv erwies, da

Isaak Schneesohn nach der Befreiung

sofort überall Zugang bekam

und daher sowohl Dokumente des

Vichy-Regimes als auch Dokumente

des besetzten Frankreichs vor

der Zerstörung retten konnte. Das

Archiv gab die erste Zeitung, die

sich mit dem Holocoust befasste,

nämlich die „Revue d’ Histoire de la

Shoah“, bereits 1946 heraus. Ebenfalls

1946 wurden Isaak Schneesohn

und der jüdische Historiker

Leon Poljakov mit der Betreuung

des Archivs und der Recherche betraut.

Das CDJD stellte seine Dokumente

den Nürnberger Prozessen

zur Verfügung und half mit bei der

Verurteilung von vielen Nazi-Verbrechern.

Telford Taylor, der Leiter

der Nürnberger Prozesse, autorisierte

daraufhin Leon Poljakov und

Joseph Billing, das gesamte Archivmaterial

der Prozesse für eigene Recherchezwecke

zu benutzen.

Seit seiner Gründung steht das Archiv

in enger Verbindung mit dem

Yad Vashem in Israel und half mit,

Adolf Eichmann zu verurteilen. Das

CDJC hatte auch einen wesentlichen

Anteil an der

Verurteilung

von Klaus Barbie.

Erst seit 2005 ist

das „Mémorial

de la Shoah“

mit seiner ständigen

Ausstellung

„La Shoah

Foto: CDJC

en Europe“ für die Öffentlichkeit

geöffnet. Seitdem ist die Ausstellung

oft auf Reisen und wurde bereits

in vielen Ländern gezeigt. Sie

kommt jetzt, dank des BMUKK und

„erinnern.at“ und dem persönlichen

Einsatz von Frau Martina Maschke,

erstmals nach Wien, nämlich ins

Theater Nestroyhof-Hamakom. in

der Praterstraße im 2. Bezirk.

Speziell für die Ausstellung in Wien

wurde von Heidemarie Uhl und

Eleonore Lappin-Eppel ein speziell

Österreich betreffender Teil entwickelt.

Frau Dr. Claudia Schmied, Bundesministerin

für Unterricht und Kunst,

wird die Eröffnungsrede halten.

Beate Klarsfeld ist Ehrengast bei der

Eröffnung.

Die Ausstellung wird im Theater

Nestroyhof-Hamakom, vom

5. November 2013 bis zum 27. Jänner

2014 zu sehen sein.

Israelische KünstlerInnen werden als

Artists in Residence eingeladen, um

den Dialog zum Thema „Doing Memory“

weiterzuführen.

Susanne Höhne

10


schalom

gespräch

Zwischen 1965 und 1978 war

Öster reich das Zentrum der

ost-jüdischen Emigration nach

Israel. Viele, Menschen aus den Ländern

der ehemaligen Sowjetunion,

wurden in diesen Jahren vom Flughafen

Schwechat aus mit der ELAL

nach Israel geflogen.

„Wir hatten jede Nacht sehr, sehr

viele Maschinen“, sagt Bernd Kuerzer.

Er hat in den 70 er Jahren beim

Sicherheitsdienst der ELAL am

Flughafen Schwechat begonnen.

Heute ist er der Stationsleiter der

israelischen Fluglinie . Seit 1978 werden

ostjüdische Emigranten nicht

mehr vom Flughafen Schwechat

sondern von Budapest aus nach

Israel ausgeflogen. „Ich weiß nicht

warum, das so ist, wahrscheinlich

ist es über Ungarn billiger.“ – meint

dazu Herr Kuerzer.

Er erzählt, wie er zu seiner Arbeit

gekommen ist. „Ich bin Österreicher,

ein Gemeindemitglied, ich war in

England in der Schule. Ich bin nach

Wien zurückgekommen und hätte

studieren sollen. Ich habe dann,

statt dessen einen Job gesucht,

und so bin ich zur ELAL gekommen.

Sehr viele Wiener aus der jüdischen

Gemeinde haben damals bei der

ELAL gearbeitet. Ich habe 1972 bei

der Sicherheit begonnen.“

Der Flughafen Schwechat

als Drehscheibe für die ost-jüdische

Emigration nach Israel

In den 70 er Jahren kam es zu vielen

Anschlägen durch die PLO in ganz

Europa. Österreich war damals ein

beliebtes Ziel für Anschläge der PLO.

Diese Anschläge richteten sich generell

gegen den Zionismus und

speziell gegen die ostjüdische Einwanderung

nach Israel.

Den Anschlag auf den ELAL-

Ticketschalter am Flughafen Schwechat,

am 27. Dezember 1978, hat

Herr Kürzer als zweiter Mann der

Sicherheit bei der Fluggesellschaft

damals hautnah miterlebt. Er kann

sich, obwohl viele Jahre vergangen

sind, an den Vorfall erinnern, als

wäre er gestern passiert.

An diesem Tag, um etwa 9 Uhr

morgens ist es gleichzeitig an den

Flughäfen von Wien und Rom zu

Anschlägen an Check-in-Schaltern

der ELAL gekommen.

Auf beiden Flughäfen gab es Tote

und Verletzte. Am römischen Flughafen

Leonardo da Vinci wurden

16 Personen getötet und 99 verletzt.

In Schwechat gab es 2 Tote

und 39 Verletzte. Für die Anschläge

an beiden Flughäfen zeichnete die

Abu Nidal Gruppe, eine abgespaltete

Gruppe der PLO, verantwortlich.

„Damals gab es noch keine psychologische

Betreuung, nicht so

wie heute. Business goes on, hat

man gesagt. Man hat damals einfach

weitergearbeitet und musste

das was geschehen ist, irgendwie

mit sich selbst ausmachen. Es gab

keine psychologische Betreuung,

für niemanden von uns. Ich war damals

in der Position des stellvertretenden

Sicherheitsoffiziers und wir

waren alle beim Check-In -Schalter.

Es war ein Tag wie jeder andere.

Man ist es ja doch nicht gewöhnt,

jeden Tag Schießen zu hören. Kennen

Sie das Geräusch, das eine

Handgranate macht, wenn man sie

entschärft Wenn man eine Handgranate

abzieht, dann macht es ein

bestimmtes Geräusch (Er macht ein

schnalzendes Geräusch). Dieses Geräusch

haben wir nicht sofort wahrgenommen.

Wir haben nicht sofort

wahrgenommen: jetzt beginnt ein

Anschlag. Dann haben wir gesehen,

wie Menschen zu Boden gefallen

sind und wie das Blut geflossen ist.

Dann hat man es erst bemerkt, und

dann haben wir eben reagiert. „

Israelische und Österreichische

Sicher heitskräfte haben trotz unterschiedlicher

Aktionsweisen, gut

zusammen gearbeitet. Die Täter

wurden gleich anschließend gefasst.

Einer der beiden Attentäter

Mongi Ben Abdoullah Saadaoui

wurde 2008 nach 22 Jähriger Haft

entlassen.

„Diese beiden Anschläge waren

ausschlaggebend für den Beginn

der Sicherheitskontrollen an den

Flughäfen“, sagt Herr Kürzer noch.

Vorher hätte man einfach so mit

seinem Koffer einchecken können,

ohne dass jemand diesen kontrolliert

hätte. Nach den Anschlägen

habe man an den internationalen

Flughäfen umgedacht, was die Sicherheit

betrifft.

Susanne Höhne sprach mit

ELAL-Stationsleiter Bernd Kuerzer

11


Wüstenkinder

Desert Kids Fotos von Liz Bar- Yiftah

Die prächtige Kulisse des

Negev ist der Schauplatz

für den neuesten Film des

österreichischen Regisseurs Michael

Pfeifenberger. Der Film heißt

Wüstenkinder (Desert Kids) und ist

der zweite Film, den Michael Pfeifenberger

bereits im Negev dreht.

2004 war er dort zum ersten Mal

und hat den Jugendfilm Chaltura

– Leila & Lena gedreht. Damals

hielt sich der österreichische Regisseur

auf Grund eines Stipendiums

der Ben Gurion-Universität in Beer

Sheba als „filmmaker in residence“

in der Hauptstadt des Negev auf.

Seinen Film produzierte die Ben

Gurion-Universität mit, und somit

war Chaltura eine der ersten

österreichisch-israelischen Koproduktionen.

Damals wäre seine enge

Verbundenheit und Liebe zu Israel

entstanden, die ihn zwingt sich

mehrmals im Jahr in diesem Land

aufzuhalten, sagt Michael Pfeifenberger

dazu. In dieser Zeit habe er

auch die Beduinen kennengelernt.

Wüstenkinder ist, wie Chaltura

ebenfalls eine österreichisch-israelische

Koproduktion.

Der Film handelt von zwei Kindern,

die beide gerade 14 Jahre alt geworden

sind. Beide Kinder sind im

Negev zu Hause, leben aber trotzdem

in verschiedenen Welten.

Der Bub Amer ist ein jugendlicher

Beduine mit einem israelischen

Pass. Amer ist stolz darauf Israeli

zu sein. Schon Amers Vater hat im

israelischen Militär gedient, er war

in der selben Einheit wie Michals

Onkel.

Das Mädchen Michal kommt aus

dem Kibbuz Sde Boker. Die Kinder

aus dem Kibbuz wachsen in der

Idee einer klassenlosen Gemeinschaft

auf, die älter ist, als der Staat

Israel. Michal etwa ist bis zum Alter

von acht Jahren dort im Kinderhaus

aufgewachsen. Sie führt ein bäuerliches

Leben. Nach der Schule hilft

sie bei der Weintraubenernte.

Beide Kinder sind 14 Jahre alt, was

für sie die Schwelle zum Erwachsenenalter

bedeutet. Jugendliche in

Israel werden bereits im Alter von

15 Jahren auf den Militärdienst vorbereitet.

Michal und Amer sind somit

an einem wichtigen Punkt ihres

Erwachsenwerdens gekommen, wo

die Weichen für das zukünftige Leben

gestellt werden. Die Verschiedenheit

ihrer politischen kulturellen

Rahmenbedingungen beginnt

wirksam zu werden. Der Film lässt

sie von ihren Ängsten und Nöten

erzählen.

Die Wüste Negev – wörtlich übersetzt

„Das Trockene“, stellt über

40 Prozent der Fläche des Staates

Israel dar. Es leben dort wegen der

an sich feindlichen Lebensbedingungen

nur etwa zehn Prozent der

Bevölkerung des Staates Israel. Die

Sand- und Steinwüste ist wegen ihrer

beeindruckenden Wadis, Berge,

Täler und Krater bei Touristen sehr

beliebt.

Die Kibbuzim haben sich auf

Bewässerung spezialisiert und

Bewässerungsanlagen entwickelt.

Sie bringen die Wüste zum Blühen.

Heute wachsen im Negev unter anderem

Tomaten und Erdbeeren.

Für rund die 150.000 Beduinen ist

der Negev Heimat und bedrohtes

Land zugleich. Entwicklungspläne

der israelischen Regierung sehen

eine weitere Besiedlung des Negev

vor, was bedeutet, dass Beduinen

aus ihrem Land weichen müssen.

„Dort, wo die künstliche Bewässerung

aufhört, fangen der Staub

und die Äcker der Beduinen an.

Wenn man die Trennung zwischen

jüdischen und arabischen Wüstenbewohnern

beschreiben will, dann

reichen diese zwei Farben: grasgrün

und ockergelb. Dazwischen verläuft

eine Grenze, die ohne Mauer auskommt

wie in den Palästinensergebieten,

markiert nur durch die

Farbe.“

Aus: Deborah Ellis „ Wenn ich einen

Wunsch frei hätte ... Kinder aus

Israel und Palästina erzählen“

(Campus, 2008).

Susanne Höhne

12


schalom

film

Michael Pfeifenberger ist seit 1997 als freischaffender

Filmemacher tätig. Sein erster Spielfilm, Thanksgivin‘,

die nachtblaue Stadt, erschien im Jahr 2001 und wurde

in österreichischen Kinos sowie auf internationalen Filmfestivals

gezeigt. 2003 drehte er den ersten Film in Israel:

Elses song – Yerushalaim Shel Else, ein verfilmtes Gedicht

von Else Lasker Schüler. 2004 als „filmmaker in residence“

der Ben Gurion-Universität in Beer Sheva das Jugenddrama

Chaltura – Leila & Lena.

Zahlreiche Spielfilme, Kurzfilme und Dokumentarfilme.

Für den Film „Todespolka“ (2010) bekam er den Bronze

Palm Award Mexico und den Oberösterreichischen Filmpreis

Gold. Sein Film „Josef Winkler – Der Kinoleinwandgeher“

erhielt den European Media Award for Aesthetic

and Design, 2009; Prize for Best Adaption, Vila Nova de

Famalicão, Portugal 2010, und wurde nominiert für FIPA

D´Or, Biarritz, Frankreich 2010; Sein

Film „Alles werden gut“ (1999) wurde

für den Max Ophüls Prize, Saarbrücken,

Deutschland 2004 nominiert,

ebenfalls sein Film „Beograd“.

Sein Film „Call me a Jew“, in dem jüdische

Familien, Überlebende der Shoah

und deren Enkel, über die Zerstörung

des österreichischen Judentums

und über jüdische Identität sprechen,

ist ebenfalls eine österreichisch-israelische

Koproduktion und wird im Dezember

2013 in die österreichischen

Kinos kommen.

Susanne Höhne

13


Polnisches Kavalierskreuz im

Spiegelsaal der Kärntner Landesregierung

Die Laudatio hielt

Paul Gulda.

Im Folgenden Ausschnitte aus

dieser brillanten Rede und aus

den Dankesworten des Ausgezeichneten

, dessen Leistungen

und Verdienste zu Wort kommen.

“Mit großer Freude halte ich heute

diese Laudatio, die erste meines

Lebens.

Warum Peter Gstettner solcher

Ehrung würdig ist, dürfte den

Freunden und Weggefährten im

Raum aus gemeinsamer Zeit

bekannt sein, und der Herr

Landeshauptmann hat es auch

schon sehr schön und einfühlsam

dargestellt, es sei trotzdem noch

einmal unterstrichen:

das ist einerseits sein konsequentes

Eintreten in der Aufarbeitung

von wesentlichen, aber gründlich

LH Peter Kaiser, Irmgard und Peter Gstettner,

Paul Gulda, Botschafter Artur Lorkowski

Dem Vorstandsmitglied der ÖIG-Kärnten,

Prof. Peter Gstettner, wurde im September 2013

der höchste polnische Verdienstorden verliehen.

verdrängten Gräueln der Zeit–

geschichte. Die Existenz zweier

Nebenlager von Mauthausen in

Kärnten und der damit verbundene

Blutzoll wären nicht so bekannt ohne

die Arbeit der Gruppe Mauthausen

Komitee Kärnten/Koroška,deren

Mentor Peter Gstettner bis heute

ist. Loibl und Lendorff-Kaserne sind

nunmehr fest in die Zeitgeschichte

Österreichs eingeschrieben.

Ebenso ehrenvoll ist Peters Enga–

gement für die Verständigung

zwischen den Kulturen und

Völkerschaften, seien sie weiter ent–

fernt und kaum bekannt: wie etwa

Albanien: oder ganz nahe und leider

ebenso zu wenig bekannt, wie das

Verhältnis zu den slowenischen

Nachbarn, zu den slowenischen

Verwandten hier in

Kärnten und in der

Republik Slowenien.

Besonders hervorzu–

heben ist, dass diese

Arbeit in einem

politischen Klima

betrieben wurde,

das “ungünstig”

zu nennen eine

Untertreibung dar–

stellt. Die Geschichte

Kärntens mit allen

seinen Regionen

und Bezeichnungen

ist lange schon

von diesem Kampf

um kulturelle

und sprachliche Identität und

Vorherrschaft geprägt: im

20. Jahrhundert kulminiert dieser

Kampf und mündet in Bluttaten,

deren Schatten bis in die Gegenwart

wirken.

Überall finden sich Menschen, die

Geschichte verantwortungsvoll

bewahren und für eine bessere,

gerechtere Zukunft erfahrbar

machen wollen.

Und wir, Peter Gstettner und auch

meine Wenigkeit, dürfen sagen, für

manche und für gewisse Zeit auch

einen Motor, einen Fokuspunkt

geboten zu haben.

Somit ist die Freude über diese

Auszeichnung doppelt: wir freuen

uns für Peter, aber auch mit ihm,

denn indirekt dürfen auch wir diese

Ehrung teilen.

In diesen Arbeiten nicht allein zu

sein, Solidarität, regional ebenso

wie international zu üben und zu

erfahren, ist ein wichtiger Punkt.

> eingefügtes Zitat: Oktober 1943 -

aus einer Rede von Heinrich Himmler:

“Wie es den Russen geht, wie es

den Tschechen geht, ist mir total

gleichgültig. Ob die anderen

Völker in Wohlstand leben oder

ob sie verrecken vor Hunger, das

interessiert mich nur soweit, als wir

sie als Sklaven für unsere Kultur

brauchen, anders interessiert mich

das nicht. Ob bei dem Bau eines

2 Panzergrabens 10.000 russische

Weiber an Entkräftung umfallen

14


schalom

ehrung

Peter Gstettner und der polnische Botschafter ArturLorkowski

oder nicht, interessiert mich nur

insoweit, als der Panzergraben für

Deutschland fertig wird.”

Es war dieser Ungeist, der den

Loibl und Mauthausen möglich

machte, und der ungezählte Opfer

forderte: stellvertretend seien drei

Namen genannt: Andrzej Haluszka

aus Widosza, Polen war das erste

Opfer am Loibl Julian Majchrowicz

aus Drohobycz das dritte Maxime

Thierry aus Nomeny, Frankreich,

das fünfte.

Alle wurden vorsätzlich ermordet,

“auf der Flucht erschossen”.

Dass wir diese Namen kennen, den

Opfern ein Gesicht geben können,

das ist ein Verdienst der Arbeit von

Peter und seinen Freunden.

“Der Schoß ist fruchtbar noch, aus

dem das kroch” postuliert Bert

Brecht in seinem Theaterstück

“Arturo Ui”. Aus der Dankesrede von

Peter Gstettner: “ ...Beim Tunnelbau

am Loiblpass leisteten mehr als

450 polnische Deportierte aus

Mauthausen schwerste Zwangs–

arbeit. Sie bildeten damit die

zweitgrößte Häftlingsgruppe nach

den Franzosen. Alle Namen und

Häftlingsnummern sind uns heute

bekannt. Natürlich auch die Namen

jener 12 polnischen Häftlinge, die

direkt am Loibl ermordet wurden und

deren Leichen am Scheiterhaufen

unter freiem Himmel eingeäschert

wurden. Die Namen sind UNS

bekannt, aber noch längst nicht

dem offiziellen Kärnten.

Auf der Kärntner Seite des

Loibltunnels vermissten wir jeden

Hinweis auf die Opfer von Mord

und Totschlag durch die Lager SS

und ihre sadistischen Kapos.

Keine Kärntner Zeitung war bereit,

die Namen und Daten der am Loibl

zu Tode gekommenen Häftlinge zu

veröffentlichen. Niemand verlieh

den Opfern einen Namen. Niemand

kümmerte sich um die Erinnerung

an ihr Martyrium, niemand sprach

öffentlich von den Qualen und

Nöten der Häftlinge, von ihren

stillen Gebeten, nutzlosen Flüchen

und Verwünschungen, von ihren

geheimen Hoffnungen auf die

Zeit der Freiheit, der Gerechtigkeit

und mancher auch auf die Zeit der

Rache.

Niemand kümmerte sich um die

Aschenüberreste beim ehemaligen

Krematorium.

In dieser skandalösen und absolut

unwürdigen Situation ergriff

die Republik Polen die Initiative

und fertigte eine Gedenk- und

Namenstafel für die polnischen

Opfer an.

Ich durfte diese gewichtige, in Polen

gefertigte Marmortafel am 7. Mai

2005 in Mauthausen übernehmen.

Es war eine Situation, die ich nicht

so bald vergessen werde: Junge

österreichische Gedenkdiener,

die zur Befreiungsfeier nach

Mauthausen gekommen waren,

luden die Tafel in den Kofferraum

meines PKWs ein, und der Präsident

des polnischen Mauthausen

Komitees Stanislaw Leszczynki

wünschte mir und der 3 Gedenktafel

für die Reise nach Kärnten alles

Gute - nicht ohne vorher zu

betonen, dass die Gedenktafel vom

damaligen Ministerpräsidenten

Wladyslaw Bartoszewski persönlich

“abgesegnet” worden war.

Bei der Einweihung der Gedenktafel

am Nordportal des Loibl-Tunnels

sagte der Zeitzeuge Toivi Blatt:

“Hier an diesem Ort ist das Gewissen

der Menschheit begraben. Und

dieses Gewissen möge allen voran

wieder auferstehen” .


15


Gershon Shoffman

(1880-1972)

Ein Hebräischer Schriftsteller in Österreich

Gershon Shoffman ist heute

ein fast vergessener hebräischer

Schriftsteller, aber

seine Geschichten haben für viele

Jahrzehnte die hebräische Literatur

revolutioniert. Obwohl weit weg

vom Zentrum der hebräischen Kultur

im damaligen Palästina, galt er als

eine wesentliche Säule der hebräischen

Prosa.

Er wurde 1880 in Orscha, Weißrussland,

in einer armen jüdischen

Familie mit chassidischen Wurzeln

geboren, und in einem Heder und

Jeschiwas erzogen. Er hat auch klassische,

russische und hebräische

Literatur studiert. Sehr früh begann

er zu schreiben und während er

noch in Orscha war, versuchte er,

auf Russisch zu schreiben. Seine

Geschichten wurden jedoch von

einem Verlag mit der Begründung

abgelehnt: „Der Schriftsteller kann

nicht Russisch, hat aber eine große

literarische Begabung.“ Nachdem

er seine Familie mit 19 Jahren verlassen

hatte, ließ er sich für kurze

Zeit in Warschau nieder, wo er in

literarischen Kreisen verkehrte. Bald

wurde sein wichtiger Beitrag anerkannt

und er etablierte sich als einer

der wichtigsten jungen Schriftsteller

seiner Generation. Während seines

Militärdienstes in der Armee des

Zaren erlebte er einige Pogro me

gegen die Juden, nach denen er

flüchtete. Er kam kurz vor dem Ausbruch

des Ersten Weltkriegs nach

Wien und blieb in Österreich, bis er

im Jahre 1938 gezwungen wurde,

das Land zu verlassen.

Shoffmans Leben, ein integraler

Teil der jüdischen Geschichte und

des jüdischen Schicksals, ist in seiner

Prosa - in seinen Kurzgeschichten –

dargestellt. Er nutzte seine Lebenserfahrung

als Quelle für seine Prosa

und gab jeder persönlichen Erfahrung

eine universelle Bedeutung.

Mit seiner Virtuosität in diesem

Genre fesselt er den Leser völlig.

Seine Worte sind lakonisch, aber

präzise. Als Meister der Sprache

nutzte er den Reichtum und die

Vielschichtigkeit des Hebräischen,

sodass seine Prosa die Qualität von

Poesie bekommt. Die Sätze sind

minimalistisch, ohne prätentiöse

Verbalisierung; die Geschichten

sind verdichtet und zutiefst beunruhigend.

Die Menschen stehen im

Brennpunkt der Geschichten, wodurch

Shoffman die menschliche

Natur in ihrer nackten Wahrheit beleuchtet.

Die Schrecken des Ersten Weltkriegs

fielen in Shoffmans Leben

mit seiner Begegnung mit Annie

Plank zusammen, einem 16-jährigen

österreichischen Mädchen aus

einer Bauernfamilie aus dem kleinen

Dorf Wetzelsdorf in der Steiermark,

die seine Frau wurde und ihn für

den Rest seines Lebens begleitete. Er

war damals 35, ein einsamer Mann

in einer fremden Stadt, im Krieg.

Für ihn zumindest war es Liebe auf

den ersten Blick.

1920 heirateten Shofmann und

Annie, und nach einem Aufenthalt

in Wien und Baden sind die beiden

nach Wetzelsdorf gezogen.

Die Schönheit der Natur und der

Landschaft erstaunten ihn. Dort,

in der Mitte der Felder, neben den

Wäldern und Wasserquellen, fühlt

er sich wie nach Hause gekommen

– wie an den Ufern des Dnjepr.

25 Jahre lang lebte die Familie

Shoffman in der malerischen Landschaft

der Steiermark, die Shoffman

oft als ähnlich wie Tolstois Yassnia

Pollyanna beschrieben hatte.

Die Geschichten, die er schrieb,

beweisen nicht nur seine Begabung

als Schriftsteller, sondern

sind auch eine wertvolle Quelle für

die Geschichte Österreichs in der

Zwischenkriegszeit und die Nazifizierung

des Landes. Denn bald

entdeckte Shoffman, dass im Gegensatz

zur Schönheit und Harmonie

der Natur, die Menschen böse

sind. Wilde Menschen und Brutalität

besetzen seine Geschichten und

der Zerfall der Gesellschaft ist deshalb

unvermeidlich.

Merkwürdigerweise verweigerte sich

Shoffman sogar nach der Machtübernahme

der Nazis jedem Versuch

seiner Freunde und Kollegen,

16


schalom

literatur

ihn zu einer Auswanderung nach

Palästina zu überreden. Shoffman

war ein jüdischer Schriftsteller, der

auf Hebräisch schrieb. Er war jedoch

kein Zionist. Obwohl er die

jungen Zionisten für ihren Mut und

ihr Engagement für die Utopie bewunderte,

war Palästina für ihn zu

provinziell oder etwas zu orientalisch.

Palästina war für ihn keine

Inspiration: Er war nicht von der

Landschaft angetan und das Klima

war ein Hindernis; er fürchtete die

stickige literarische Atmosphäre

dominiert von Bialik, dem berühmten

Poeten, und seiner Clique; und

die Bedrohung durch die Araber

schien ihm wie die der Kosaken. Als

er schließlich zur Flucht gezwungen

wurde und im Juli 1938 in Palästina

ankam, schrieb er: „Das Boot

hat noch nicht das sichere Ufer erreicht“.

Zum Glück und zu Recht erleben

wir heute eine Wiederbelebung

des Interesses an Gershon Shoffmans

Schriften, sowohl in Israel als

auch in Österreich.

„Das Zentrum für jüdische

Studien der Universität Graz

plant die Übersetzung und Veröffentlichung

einer Auswahl

von Gershon Schoffmans Werken.

Zur Klärung der rechtlichen

Fragen suchen wir die Tochter

von Esther Schofman-Koltacz,

die vermutlich die einzige Erbin

der Nachkommen von Gershon

Shoffman ist. Weiterführende

Hinweise bitte an: sandra.goldstein@univie.ac.at

“.

Zimmer frei im Haus der Tiere

Vier Tiere suchen einen Nachmieter

von Leah Goldberg,

aus dem Hebräischen übersetzt

von Mirjam Pressler

Illustriert von Nancy Cote

ISBN 978-3-981-3825-2-5

Bilderbuch (3 – 7 Jahre),

32 Seiten

Eine Parabel auf das friedliche und respektvolle Zusammenleben

unterschiedlichster Kulturen in einer

Gesellschaft. Leah Goldbergs Figuren sind Tiere,

die mit den verschiedensten Charaktereigenschaften

besetzt sind. Eine Henne, ein Kuckuck, eine Katze, ein

Eichhörnchen und eine Maus bewohnen ein Mietshaus.

Nach dem Auszug der Maus ist eine Wohnung

zu vermieten. Auf der Suche nach einer Bleibe schauen

sich mehrere Interessenten wie das Schwein, die Ameise,

das Kaninchen, die Nachtigall und die Taube nacheinander

die Wohnung an.

Den meisten gefällt die Unterkunft sehr,

aber sie haben an den Nachbarn etwas auszusetzen:

Die Taube aber, die von der Wohnung zuerst nicht so

begeistert ist, sieht das Potential, denn ihr gefallen die

Nachbarn. Mit diesen Nachbarn lasse es sich in Frieden

und Freundschaft zusammenleben. •

17


In diesem Moment

entdeckt jemand das

jüdische Wien.

Wann entdecken Sie es

WIEN-HOTELS & INFO

info@wien.info

TEL. 01 24 555

www.wien.info

Synagoge

Lesen am Strand

Urlaub pur – man sitzt am Strand

und genießt ein gutes Buch. Leider

hat man es oft viel zu schnell ausgelesen....

Die Stadtbücherei Tel Aviv hat sich

etwas einfallen lassen. In mobilen

Leihbüchereien, verpackt in einen

handlichen Anhänger, bietet sie reichlich Nachschub an Lesestoff.

Vielleicht eine Idee für die Donauinsel oder den Wörthersee

Fotos: Ben Raul Maizel

Jerusalem, Stadt der Schrift

Ein 3000 Jahre altes Fundstück beweist, dass bereits vor König David eine alphabetische

Schrift bestanden hat. Auf einer Tonscherbe fanden Archäologen nahe dem Tempelberg

die Buchstaben m, q, p, h, n, möglicherweise l und wieder n eingraviert. Sie bilden Worte

in kanaanitischer Sprache ab, die damals in Jerusalem gesprochen wurde. Zwischen den

Zeichen lesen lässt sich diese Schrift allerdings nicht. Der Fund ist bisher einzigartig, zur Entzifferung

wären weitere Vergleiche hilfreich.

Foto Eilat Mazar/Noga Cohen-Aloro)

18


schalom

religion

Chanukka, das Lichterfest

Von Carlos Günther

Die beliebte und populäre künstliche

Wortschöpfung „Weihnukka“ (in

Amerika „Chrismukkah“) greift heuer

nicht, denn Chanukka beginnt in

diesem Jahr gemäß dem jüdischen

Kalender, bereits am Abend des

27. November – also knapp einen

Monat vor Weihnachten. Meistens

fällt Chanukka jedoch in die späte

Adventszeit, oft sogar parallel zum

christlichen Weihnachten. Beide

Feste finden in der dunklen Jahreszeit

statt und haben somit das Licht

beziehungsweise das Leuchten als

einzige Gemeinsamkeit, denn inhaltlich

sind sie völlig verschieden.

An Chanukka werden an acht Abenden

Lichter angezündet, und zwar

am ersten Abend ein Licht und jeden

Abend eine Kerze mehr, so

dass am achten Abend acht Lichter

brennen und der Chanukka-Leuchter

(auch „Chanukkiah“ genannt) in

vollem Glanz strahlt. In Anlehnung

an den siebenarmigen Leuchter, der

im Heiligtum stand und auch das

Staatswappen Israels ziert, wurde

diesem ein weiterer Bogen mit zwei

zusätzlichen Lichtern hinzugefügt.

Das neunte Licht ist der Schammes

– der Diener – mit dem die Lichter

einzeln angezündet werden, der

aber in der Regel etwas abseits von

diesen steht.

Im Gegensatz zu fast allen anderen

jüdischen Feiertagen stammt Chanukka

nicht aus der Thora, findet

sogar keine Erwähnung in der gesamten

jüdischen Bibel (die beiden

Makkabäer-Bücher sind nicht Bestandteil

des „Tanach“ dem so genannten

„Alten Testament“). Es ist

somit auch kein streng religiöses,

sondern vielmehr ein fröhliches Fest

– ganz besonders beliebt bei Kindern,

die Süßigkeiten und Geschenke

bekommen, mit dem „Sevivon“

(eine Art Tanzkreisel) spielen und

fröhliche Chanukka-Lieder singen,

allen voran die Chanukka-„Hymne“

schlechthin, das allseits bekannte

„Maos Zur“.

Nun zum historischen Ursprung dieses

Festes.

Nach der Eroberung Jerusalems

durch den hellenistischen König Antiochos

IV. Epiphanes im Jahr 167

v.d.Zt., hatte dieser im Tempel die

Altäre zerstört, neue errichtet, dem

Zeus geweiht und die israelitische

Religion verboten, worauf die Bevölkerung

revoltierte. Es kam zum

bewaffneten Aufstand, entfacht

durch den Priester Matatiahu der

Hasmonäer, aus der Stadt Modiin.

Sein Sohn Jehuda, genannt Jehuda

Makkabi, wurde zum militärischen

Führer ernannt und es gelang ihm

mit seinem kleinen Heer, die haushoch

überlegene Armee des Antiochos

zu besiegen und Jerusalem

zurückzuerobern. Der geschändete

Tempel wurde gesäubert und sollte

nunmehr seiner alten Bestimmung

zurückgeführt und neu geweiht

werden. Man fand aber nur einen

einzigen Krug mit „heiligem“ Öl, das

eigentlich nur für einen Tag gereicht

hätte, aber es geschah das

„Wunder“ und es brannte

acht Tage lang.

Im Andenken daran zünden

die Juden an acht

Abenden Lichter an, verzehren

in Öl gebackene

Speisen, zum Beispiel

„Levivot“ (jiddisch: Lattkes)

– Krapferl aus Erdäpfel sowie

„Sufganiont“ – süße

Teigkrapfen, feiern acht

Tage lang Chanukka und

erfreuen sich am Leuchten

der „Chanukkiah“.


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