Fachtagung - access

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Diakonie

Schleswig-Holstein

Dokumentation

Fachtagung

1. November

2007

„Kiek In“,

Neumünster

Berufliche Qualifizierung

von Migrantinnen

und Migranten in

Schleswig-Holstein –

Möglichkeiten der

Anpassungs- und

Nachqualifizierung

Rendsburg,

April 2008


2 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 3

Inhalt

Einladung Seite 4

Vorwort Astrid Willer Seite 5

Grußwort Ingo Hurlin Seite 6

Astrid Willer Seite 9

Welchen Wert haben die mitgebrachten

praktischen Berufserfahrungen und

Qualifikationen von Migrantinnen und

Migranten

Karsten Marzian Seite 13

Die Arbeitsmarktsituation in Schleswig-Holstein

für Menschen mit Migrationshintergrund

Hans Joachim Beckers Seite 19

Wie flexibel ist das Duale Ausbildungssystem

für Quereinsteiger/innen

Robert Gereci Seite 20

Kritische Bewertung -

Gefährdet eine Flexibilisierung des

Ausbildungs-systems die Standards

im Arbeitsleben

Dr. Kristina Nowak Seite 25

Stellenwert der beruflichen Bildung für

die Integration der Zugewanderten

Dr. Anwar Hadeed Seite 33

Weiterbildender Bachelor

Interkulturelle Bildung und Beratung

Klaus Kuhfuß Seite 41

Arbeitsgruppe 1: Qualifizierung im Handwerk

Marianne Kröger Seite 42

Arbeitsgruppe 2: Ausbildung in Handel und

Dienstleistungen

Doris Kratz-Hinrichsen Seite 46

Arbeitsgruppe 3: Perspektiven für

HochschulabsolventInnen


4 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007

Einladung


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 5

Vorwort

Vor dem Hintergrund des aktuellen Konjunkturaufschwungs und angesichts des demografischen Wandels ist die Anwerbung

ausländischer Fachkräfte wieder auf der Agenda der öffentlichen Debatte.

Dabei sind die ausländischen Fachkräfte schon hier: Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler, Flüchtlinge, ausländische

Studierende oder zugewanderte Familienangehörige, die im Herkunftsland eine Ausbildung absolviert, Berufserfahrung

gesammelt oder einen akademischen Abschluss erworben haben. Die Kompetenzen der hier lebenden Migrantinnen

und Migranten bleiben aufgrund bürokratischer Hürden bei der Anerkennung von Qualifikationen, aufgrund

fehlender Fördermöglichkeiten zur Anpassung der mitgebrachten Kompetenzen an den hiesigen Arbeitsmarkt oder

auch wegen gesellschaftlicher Vorurteile unberücksichtigt.

Die Folge: die Arbeitslosenquote von Bildungsausländerinnen und –ausländer ist fast doppelt so hoch wie die von Bildungsinländerinnen

und -inländer, ihre gesellschaftliche Integration wird durch die fehlende Teilhabe am Arbeitsleben

erschwert, wertvolle Ressourcen bleiben ungenutzt.

Diese Thematik war Gegenstand der Fachtagung

„Berufliche Qualifizierung von Migrantinnen und Migranten – Möglichkeiten der Anpassungs- und Nachqualifizierung“,

die am 1.11. 2007 im Kiek In, Gartenstr. 32, in Neumünster stattfand.

Veranstalter waren: Der Beauftragte für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein,

die EQUAL-Projekte access und Land in Sicht! des Flüchtlingsrates Scheswig-Holstein e.V., die Zentrale Bildungs- und

Beratungsstelle für MigrantInnen (ZBBS), Projekt BOJE in Kiel und das Diakonische Werk Schleswig-Holstein.

Auf der Tagung waren vertreten die Industrie- und Handelskammer zu Kiel, die Regionaldirektion Nord der Bundesagentur

für Arbeit, die Handwerkskammer Lübeck, das DGB-Bildungswerk sowie Vertreterinnen und Vertreter von

Good-Practice-Beispielen aus Niedersachsen und Thüringen Das Grußwort wurde durch Herrn Ingo Hurlin, Leiter der

Abteilung I im Ministerium für Justiz, Arbeit und Europa des Landes Schleswig-Holstein gehalten.

Die Veranstaltung wurde moderiert durch Michael Frömter, gehobener Redakteur im NDR Kiel.

Diese Dokumentation enthält die Redebeiträge sowie die Ergebnisse der Arbeitsgruppen.

Für die Veranstalterinnen und Veranstalter

Renate Wegner, Diakonisches Werk Schleswig-Holstein


6 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007

Grußwort

Ingo Hurlin

Abteilungsleiter

Ministerium für Justiz, Arbeit und Europa

des Landes Schleswig-Holstein

Berufliche Qualifizierung von Migrantinnen und Migranten in Schleswig-Holstein

– Möglichkeiten der Anpassungs- und Nachqualifizierung

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bedanke mich für die freundliche Einladung zu dieser Fachtagung und die Gelegenheit zu einem Grußwort.

Die Integration von Ausländern, Aussiedlern, Migranten oder allgemeiner von Menschen mit Zuwanderungshintergrund

ist kein Projekt, das irgendwann endgültig scheitert oder mit Erfolg abgeschlossen wird. Integration ist

eine Daueraufgabe – besonders die Integration in den Arbeitsmarkt. Sie ist nicht nur eine große Herausforderung,

sondern auch eine große Chance für alle Beteiligten und Betroffenen!

Auf der heutigen Fachtagung geht es um berufliche Qualifizierung von Migrantinnen und Migranten.

Das ist ein in letzter Zeit auch im Arbeitsministerium viel beachtetes Thema – ich sage: endlich, denn es lag auf

der Hand.

Es gab viel zu lang nur sehr wenig Interesse an einer engagierten Integrationspolitik, und auch wenig Anreiz, in

Deutschland Wurzeln zu schlagen, sei es in der Gesellschaft im Allgemeinen oder auf dem Arbeitsmarkt im Besonderen.

Endlich sind wir an einem Punkt gekommen, die bestehenden Probleme offen zu benennen und gemeinsam

nach Lösungen zu suchen.

Denn so ernsthaft wie in der letzten Zeit wurde noch nie über die Ziele, die Chancen, die Erfolge und die Defizite

bei der beruflichen Integration von Migranten debattiert.

Wie man nachlesen kann wurde bereits im Rahmen der letzten Fachtagung „Hartz IV und Migration“ immer wieder

festgestellt, dass vor dem Hintergrund des sich in Zukunft noch verschärfenden Fachkräftemangels und des

demographischen Wandels unsere Gesellschaft es sich nicht leisten kann, auf die Potentiale der ausländischen

Bürgerinnen und Bürger zu verzichten.

Aber es darf nicht wieder – leicht abgewandelt – heißen: Wir brauchten Arbeitskräfte – und da waren Menschen.

Deshalb: Um ihre Potentiale zu entfalten und sich aktiv in unserer Gesellschaft einbringen zu können, müssen

wir ihnen die Gelegenheit geben, an Bildung – sei es die allgemeine, schulische oder die berufliche Bildung – und

Erwerbsleben teilzuhaben.

Die umfassende Teilhabe in der Arbeitswelt ist vielleicht sogar die wichtigste Voraussetzung, ja, die Transmission

in eine erfolgreiche Integration in unsere Gesellschaft.

Von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt.

Die Arbeitslosenquote der Ausländer liegt in Schleswig-Holstein noch immer bei über 20 Prozent.

Die Arbeitslosigkeit bei Ausländern ist rund dreimal so hoch wie die Arbeitslosenquote insgesamt. Hinzu kommt

eine sehr geringe Beschäftigungsquote bei weiblichen Zuwanderern.

Die Statistiken sagen uns: Seit etwa 15 Jahren hat sich die Beschäftigung von Menschen mit Zuwanderungshintergrund

deutlich verschlechtert.

Die Ausbildungsquote bei Jugendlichen aus Zuwandererfamilien beispielsweise war schon immer niedrig und ist

in den letzten Jahren noch weiter zurückgegangen!

Die Gründe für die schlechteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind vielfältig:


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 7

· Fehlende Sprachkenntnisse verringern die Beschäftigungschancen;

· Mitgebrachte Bildungsabschlüsse sind schlecht verwertbar;

· „Parallelwelten“ wirken der Integration entgegen;

· Kinder aus Zuwandererfamilien erreichen häufig nur geringe Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse. Die Schulabbrecherquote

ist bei Ihnen doppelt so hoch wie bei den deutschen Mitschülern. Mehr als 41 Prozent in der Altersgruppe

von 25 bis 35 haben keinen beruflichen Bildungsabschluss (Menschen ohne Zuwanderungshintergrund

15 Prozent).

Aber:

Bildungsdefizite erklären viel, aber auch nicht alles. Denn auch qualifizierte Zuwanderer mit akademischem Abschluss

sind überdurchschnittlich oft arbeitslos. Diesem Phänomen will diese Tagung gleich auch nachgehen.

Für die berufliche Qualifizierung und die Arbeitsmarktintegration haben wir eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten

im Rahmen des SGB III und SGB II. Für alle, Inländer wie Ausländer! Das reicht im Regelfall aus - zusätzliche

migrantenspezifische Maßnahmen brauchen wir aus meiner Sicht nicht – Ausnahmen bestätigen die Regel

–.

Was wir aber brauchen, sind migrationssensible Maßnahmen, die Menschen mit Zuwanderungshintergrund den

Zugang zu beruflicher Qualifizierung eröffnen. Das fängt an bei der Anerkennung im Ausland erworbener Schulabschlüsse,

über die Wertschätzung mehrsprachlicher und interkultureller Kompetenzen, über den Zugang zu

betrieblicher Ausbildung, bis hin zur Anerkennung beruflicher Abschlüsse oder anderen informell erworbenen

Kenntnissen.

Im Rahmen der Förderung der beruflichen Weiterbildung könnte z.B. ein modulares, auf den vorhandenen Kompetenzen

aufbauendes System mit passgenauen Qualifizierungselementen individuellem Förderbedarf gerecht

werden und so den Weg für eine erfolgreiche berufliche Integration ebnen. Dazu gehört ein Umdenken: nicht –

der kann nichts wir müssen ihm alles beibringen – sondern, – der kann anderes, gut brauchbares, - wir müssen

das nutzbar machen, weiterentwickeln, darauf aufbauen.

Ein ganz wichtiges Element der beruflichen Qualifizierung sind die berufsorientierten Sprachkurse. Denn solide

Sprachkenntnisse sind die allererste und allerwichtigste Voraussetzung für eine nachhaltige erfolgreiche Integration

in den Arbeitsmarkt. Es ist schon bedeutsam für die gesellschaftliche Integration – für Anerkennung und

Wohlgefühl. Ich fühle mich in einem fremden Land ohne Sprachkenntnisse unsicher, gehemmt – jedenfalls

nicht so wohl, als wenn ich verbalen Kontakt aufnehmen kann.

Das Arbeitsministerium begrüßt daher die Signale des Bundes, auf die Sprachförderung einen Schwerpunkt in

der aktuellen Förderperiode des Europäischen Sozialfonds zu setzen. Die Defizite im Bereich der berufbezogenen

Sprachkenntnisse müssen abgebaut werden. Diese stellen bei jungen wie bei älteren Migrantinnen und Migranten

häufig das entscheidende Integrationshemmnis dar. Aber machen wir uns nichts vor: die mangelnde

Qualifizierung ist nicht allein dafür verantwortlich, dass der Anteil von Ausländerinnen und Ausländern ohne

Ausbildung oder ohne Arbeit so hoch ist. Für Menschen mit Migrationshintergrund ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt

ungleich schwerer!

Offenbar ist allein die Tatsache der Zuwanderung – soll ich sagen: das Fremde - noch immer ein Nachteil, wenn

über einen Job oder eine Beförderung entschieden wird. Deshalb müssen wir bewusste und unbewusste Diskriminierung

erkennen und abbauen und damit zu einem gleichberechtigten Zugang zu betrieblicher Ausbildung und

Arbeit kommen. Nur dann werden Sie das Gefühl haben, wirklich willkommen und akzeptiert zu sein. Doch Einheimische

und Dazugekommene begegnen sich noch immer allzu oft mit Befangenheit, ja sogar mit Misstrauen und

Argwohn.

Nur durch echten Dialog, durch ein vorurteilsfreies Aufeinanderzugehen wird uns das jeweils „Andere“ nicht

mehr fremd sein und dazu führen, auf beiden Seiten existierende Vorbehalte abzubauen. Das ist nicht immer

einfach, und der Appell reicht nicht. Wir brauchen unbedingt ein funktionierendes Netzwerk von Personen und

Institutionen, die dieses Ziel gemeinsam verfolgen. Arbeitsmarktakteure, Beratungsorganisationen, Selbstorganisationen

von Migranten und viele andere Akteure können ihre jeweiligen Kompetenzen einbringen, sich austauschen

und voneinander profitieren. Hilfs- oder Förderangebote bleiben dann nicht einzelne Maßnahmen, die

wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein verdampfen, sondern werden gebündelt, verzahnt und können

sinnvoll aufeinander abgestimmt werden. Die Kenntnisse der verschiedenen Akteure sind wichtig, um gemeinsam

die bestehenden arbeitsmarktpolitischen Instrumente und sonstigen Förderangebote immer weiter zu verbessern.


8 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Entwicklungspartnerschaft NOBI (die Abkürzung steht für Norddeutsches Netzwerk zur beruflichen Integration

von Migrantinnen und Migranten) ist so ein Netzwerk. Sie hat auf ihrer Abschlussveranstaltung im Oktober

in Hamburg eindrucksvoll Ihre erfolgreiche Tätigkeit dokumentiert.

Auf dieser Basis müssen wir weiterarbeiten und weitere Partner ins Netzwerk einbeziehen und auf Dauer einbinden.

Auf der heutigen Fachtagung können wir neue Kontakte knüpfen und uns fachlich auszutauschen.

Nutzen Sie diese Gelegenheit!

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine kontakt- und erkenntnisreiche Tagung.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 9

Welchen Wert haben die mitgebrachten

praktischen Berufserfahrungen und

Qualifikationen von Migrantinnen und

Migranten

Einführung in die Tagungsthematik

Astrid Willer, Projekt access,

Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e.V.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

der Beauftragte für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes, das Diakonische Werk Schleswig-Holstein

und die EQUAL- Entwicklungspartnerschaft Land in Sicht! in Trägerschaft des Flüchtlingsrates

Schleswig-Holstein sowie das Projekt access, ein Teilprojekt des Flüchtlingsrates im Rahmen der überregionalen

Equal EP NOBI haben die Diskussion zur Arbeitsmarktintegration von Migrantinnen und Migranten

im Jahr 2006 mit einer gemeinsamen Tagungsreihe zum Thema Hartz IV und Migration begonnen.

Die Ergebnisse der Tagung erschienen in einer Dokumentation im November letzten Jahres . Sie ist nach

wie vor erhältlich und liegt hier aus. Ich bitte allerdings zu berücksichtigen, dass sich seitdem einiges getan

hat sowohl in der Entwicklung der dort dokumentierten gesetzlichen Regelungen, z.B hinsichtlich der aufenthaltsrechtlich

bedingten Vorschriften beim Zugang zum Arbeitsmarkt, als auch hinsichtlich der Kooperation

zwischen Migrationsfachdiensten, Bildungsträgern und Arbeitsverwaltung, die sich seitdem erheblich

verbessert hat, wie man auch an der gemischten Zusammensetzung der TeilnehmerInnen der heutigen

Tagung sehen kann.

Daher möchte ich Ihnen heute noch ein anderes Produkt unserer Arbeit ans Herz legen. Im Rahmen der

Entwicklungspartnerschaft Norddeutsches Netzwerk zur beruflichen Integration für MigrantInnen haben

der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein und das Diakonische Werk Hamburg ein Handbuch für MultiplikatorInnen

herausgegeben, das Beiträge unterschiedlicher Autoren und Autorinnen zu den verschiedenen Aspekten

der beruflichen Integration von MigrantInnen enthält, aktuelle gesetzliche Regelungen darstellt

und kommentiert und Hinweise auf erfolgreiche Projekte gibt. Das Handbuch kommt frisch aus der Druckerpresse

und liegt für Sie kostenlos zum mitnehmen bereit . Es enthält auch Leitfäden zur Anerkennung

von ausländischen Schul- und Berufsabschlüssen, jeweils für Hamburg und Schleswig-Holstein. Die Leitfäden

sind als eigenständiges Heft eingelegt und herausnehmbar, so dass sie auch getrennt vom Handbuch

in der praktischen Arbeit verwendbar sind.

Ich möchte Ihnen nun stellvertretend für den Kreis der VeranstalterInnen, dem sich für diese Tagung noch

die Kieler Zentrale Bildungs- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Migranten angeschlossen hat, eine

kurze Einführung in das Thema geben und die Problemfelder umreißen, die uns dazu bewegt haben, diese

Tagung zu organisieren und den Austausch mit den relevanten Akteuren zum Thema Berufliche Qualifizierung

von MigrantInnen mit dem besonderen Fokus auf Möglichkeiten der Anpassungs- und Nachqualifizierung

zu suchen.

Die Tagung passt über die fachlichen Überlegungen, die den Planungen der Veranstaltung zu Grunde liegen,

hinaus auch in die aktuelle Debatte, denn in Deutschland wird wieder einmal diskutiert, dass es einen

Fachkräftemangel und daher einen Bedarf an Zuwanderung von Fachkräften gäbe.


10 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007

Über die Fachkräfte, die schon hier leben, wird indes nicht gesprochen.

Viele der Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler, Flüchtlinge oder zugewanderten Familienangehörigen

haben in ihren Herkunftsländern eine Ausbildung gemacht, Berufserfahrung erworben oder studiert. Hier

angekommen gelten sie in der Regel als nicht qualifiziert und werden auch in der weiteren Förderung ihrer

Arbeitsmarktintegration so behandelt.

Formale Qualifikationen und Berufsabschlüsse werden häufig nicht anerkannt. Auch langjährige Berufserfahrung

findet keine Berücksichtigung in der Einstufung für den hiesigen Arbeitsmarkt.

Ebenso wird ein Großteil der akademischen Abschlüsse nicht anerkannt. Eine Studie, die an der Universität

in Oldenburg durchgeführt wurde, und von der wir später von Herrn Dr. Hadeed noch mehr

hören werden, stellte fest, das bei 40% von 260 befragten AkademikerInnen der akademische Abschluss

in Deutschland nicht anerkannt wurde .

Aufgrund unterschiedlicher Ausbildungsgänge entsprechen die Abschlüsse häufig nicht den hiesigen

Ausbildungsverläufen- und -vorschriften. Es fehlen für viele Ausbildungsgänge Kriterien für die Vergleichbarkeit,

besonders bei handwerklichen Ausbildungen sind die Ausbildungscurricula, z.B. eines

Maurers in Togo, oder eines Friseurs in Afghanistan nicht bekannt und somit schwierig anzuerkennen.

Die Ärztin aus dem Iran wird hier allenfalls als Krankenpflegehelferin arbeiten dürfen. Dass es dennoch

Möglichkeiten des flexiblen Umgangs mit diesen Problemen geben kann, zeigen die Sonderregelungen,

die es für SpätaussiedlerInnen gibt.

In vielen Fällen z.B. bei anerkannten Flüchtlingen wird gar nichts anerkannt, und die Betreffenden

müssen eine Ausbildung oder ein Studium noch einmal ganz von vorn beginnen, wenn sie in ihrem

Beruf arbeiten möchten.

Dies ist vor allem problematisch für erwachsene MigrantInnen, denn für Jugendliche im Ausbildungsalter

gibt es mittlerweile zahlreiche Programme, wie Berufsvorbereitungs-maßnahmen oder die Möglichkeit

der Einstiegsqualifizierung, um einen Berufsabschluss zu machen oder nachzuholen. Die verstärkte

Förderung für junge Menschen ist richtig und wichtig. Dennoch muss auch festgestellt werden,

dass ca, 70 Prozent der arbeitslosen Migrantinnen und Migranten laut Statistik der BA zwischen

25 und 50 Jahre und weitere 20 Prozent über 50 Jahre alt sind. Sie sind es, die Berufserfahrungen und

Ausbildungen mitbringen.

Sie entscheiden sich häufig dagegen, noch einmal eine Ausbildung zu machen, wegen der langen Ausbildungszeit

oder auch wegen fehlender sprachfördernder Unterstützungsangebote beim theoretischen

Teil der Ausbildung. Außerdem wird vielfach entweder aufgrund der Altersgrenze oder aufgrund

des Aufenthaltsstatus, eine Ausbildung nicht finanziell unterstützt. Dies stellt gerade für Erwachsene

MigrantInnen, insbesondere, wenn sie Kinder haben, eine große Hürde dar.

Vorhandene und besondere Kompetenzen von MigrantInnen werden nicht gesehen, die Förderung

der Integration in den Arbeitsmarkt beschränkt sich auf kurzfristige Maßnahmen ohne qualifizierten

Abschluss

Aufgrund der fehlenden Anerkennung der Bildungs- und Berufsabschlüsse werden MigrantInnen auch

in der Statistik der Argen und Agenturen für Arbeit als ungelernt eingestuft. Ihnen werden in der Regel

nur kurzfristige Maßnahmen angeboten, ohne Möglichkeit anerkannte Zertifikate zu erwerben. Die

Maßnahmen dienen im Wesentlichen der schnellen Aufnahme einer geringqualifizierten Hilfstätigkeit.

So wird dann die Lehrerin Putzfrau, der Elektoingenieur Bauhelfer oder der Maurer arbeitet im Imbiss.

Dieses Konzept führt zu Enttäuschung und Rückzug der Betroffenen und geht zudem in einem ländlich-strukturierten

Flächenland wie Schleswig-Holstein ohne nennenswerte Industrie arbeitsmarktpolitisch

nicht auf, da es auch für Geringqualifizierte nicht ausreichend Arbeit gibt. Die Maßnahmen haben

also gesellschaftspolitisch einen weiteren Ausgrenzungseffekt für die MigrantInnen zur Folge,

bleiben weitgehend wirkungslos und das Geld ist nicht effektiv eingesetzt. Hier gibt es Handlungsbedarf

bei den Akteuren der Arbeitsförderung.


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 11

Es fehlt am Einsatz geeigneter Instrumente, die formelle wie informelle Kompetenzen der MigrantInnen ausreichend

erfassen und würdigen, so dass Maßnahmen an die vorhandenen Potenziale anknüpfen können.

Interkulturelle Öffnung und Kompetenz aller Beteiligten ist erforderlich.

Darüber hinaus wird der Blick vor allem auf die Defizite gerichtet, z.B. unzureichende Deutschkenntnisse.

Die besonderen Potentiale, die MigrantInnen gerade wegen ihres Migrationshintergrundes mitbringen,

werden nicht gesehen: dabei sind u.a. die Mehrsprachigkeit oder die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit,

die der Migrationsprozess ihnen abverlangt, wichtige Kompetenzen vor dem Hintergrund einer verstärkten

Internationalisierung von Wirtschaftbeziehungen. Dies gilt es zu fördern.

Hier ist Kreativität gefragt in Hinblick auf die Entwicklung von Qualifizierungsmaßnahmen, die gerade

auf die besonderen Sprach- und Kulturkenntnisse der MigrantInnen zugeschnitten sind. Dass es

gute Ideen gibt und dort, wo der Wille besteht, auch bürokratische Hürden überwunden werden können,

zeigt das Beispiel aus Thüringen, die Qualifzierung zum bzw. zur AussenhandelsassistentIn Osteuropa,

die später noch vorgestellt wird.

Auch ArbeitgeberInnen haben den Blick eher auf mögliche Defizite von MigrantInnen gerichter. Häufig

wird aus sprachlichen Problemen auf fachliche Defizite rückgeschlossen. Vor diesem Hintergrund

scheuen viele ArbeitgeberInnen vor der Einstellung von MigrantInnen zurück.

Hier muss Überzeugungsarbeit geleistet werden. Deshalb ist es nötig auch seitens der Arbeitsberatung

und -vermittlung die Fähigkeiten, besonderen Kenntnisse und auch informellen Kompetenzen von

MigrantInnen herauszustellen. Dies erfordert aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen

Sicht und die Förderung interkultureller Kompetenz in Arbeitsverwaltung, Kammern und zuständigen

Ministerien.

Ein weiteres zentrales Problem bei der Arbeitsmarktintegration ist die Sprache, denn die Förderung

der berufsbezogenen Sprachkompetenz ist unzureichend

Das flächendeckende Sprachförderinstrument, das MigrantInnen zur Verfügung steht, sind die Integrationskurse.

Sie vermitteln aber lediglich allgemeine Kenntnisse der deutschen Sprache, zudem gelingt es gerade

im ländlichen Raum nicht immer, passgenaue Angebote vorzuhalten. Nötig wäre eine verstärkte berufsbezogene

Sprachförderung auch für Arbeitslosengeld II-EmpfängerInnen, insbesondere begleitend zu

beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen.

Fazit:

Vor dem Hintergrund der genannten Problemfelder bleiben vorhandene Potentiale ungenutzt, während

man gleichzeitig Fachkräfte anwerben will - trotz der schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit mit

dem Versuch, Menschen ausschließlich aufgrund kurzfristiger ökonomischer Interessen mit befristeter

Perspektive ins Land zu holen. Auch der Versuch, Hochqualifizierte mit der Greencard nach Deutschland

zu holen ist fehlgeschlagen, da Deutschland den potentiellen Begünstigten wenig zu bieten hat.

Es scheint also sinnvoll sowohl im Interesse der Betroffenen als auch unter wirtschaftlichen und gesellschaftlichen

Gesichtspunkten in die Förderung der Potentiale der hier lebenden Menschen zu investieren.

Deshalb möchten wir durch diese Tagung mit den in diesem Themenfeld relevanten Akteuren ins

Gespräch kommen und mögliche Lösungsansätze diskutieren:

z.B. - eine bessere Erfassung und Berücksichtigung von beruflichen und informellen Kompetenzen;

z.B. - mehr Flexibilität bei der Anerkennung von Qualifikationen aus dem Herkunftsland;

z.B - die Finanzierung und Entwicklung von auf Vorerfahrungen aufbauenden Anpassungs- und Nachqualifizierungen,

die zu einer Fachausbildung gleichwertigen Abschlüssen führen oder die es ermöglichen, in

Form von modularisierten Lehrgängen anerkannte Teilqualifizierungen zu erwerben;

z.B. – verbesserte Konzepte von berufsbezogener Sprachförderung.


12 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007

Die Frage, ob und wie dies umsetzbar ist, soll Gegenstand der heutigen Tagung sein, Wir freuen uns , dass

wir Vertreterinnen und Vertreter der für die Ausbildungsstandards und die Integration in den Arbeitsmarkt

zuständigen Stellen für eine Beteilung gewinnen konnten

Für die Regionaldirektion Nord der Agentur für Arbeit wird stellvertretend der Geschäftsführer der Agentur

für Arbeit Lübeck, Herr Karsten Marzian, sprechen.

Zur Frage, wie flexibel das duale Bildungssystem ist, um die Kompetenzen von MigrantInnen zu berücksichtigen

und ihnen einen Quereinstieg in qualifizierte Berufe zu ermöglichen, wird Herr Joachim Beckers,

Geschäftsführer der IHK zu Kiel, Stellung nehmen.

Wir danken beiden Referenten wir ihre Bereitschaft sich an dieser Diskussion zu beteiligen.

Unterstützt wird die Sicht der Kammern, in diesem Fall der Handwerkskammern, von Herrn Christian

Maack, Geschäftsführer der Handwerkskammer Lübeck, der sich freundlicherweise bereit erklärt hat, die

Arbeitsgruppe 1 zum Thema Möglichkeiten im Handwerk mit einer kurzen Stellungnahme einzuleiten. Dafür

bedanken wir uns und freuen uns auf den Beitrag.

Dass es innovative Möglichkeiten der Anpassungsqualifizierung und Quereinstiege gibt, werden uns für

den Bereich kaufmännische Berufe und für den Hochschulbereich Kristina Nowak vom Bildungswerk Thüringen

und Dr. Anwar Hadeed von der Carl-von Ossietzky Universität in Oldenburg anhand der von ihnen

konzipierten und erfolgreich durchgeführten Qualifizierungsmaßnahmen und Studiengänge verdeutlichen.

Dabei interessiert uns natürlich besonders, wie es gelingen konnte, die zuständigen Stellen - in dem

einen Fall die Kammern, im anderen das Kultusministerium - für die Anerkennung dieser Ausbildungen

zu gewinnen. Ich möchte beide ReferentInnen herzlich begrüßen. Sie werden auch für die Diskussion in

den Arbeitsgruppen 2 und 3 zur Verfügung stehen.

Darüber hinaus möchte ich Anna Wiehe von der Otto-Benecke-Stifung begrüßen, die in der Arbeitsgruppe

3 ergänzend die Möglichkeiten vorstellt, die die Stiftung zugewanderten Studieninteressierten und AkademikerInnen

bietet. Den Einstieg in die Arbeitsgruppe wird Frau Schulte-Bunert von der Universität Flensburg

übernehmen, vielen Dank dafür. In der Arbeitsgruppe 2 wird Frau Witt von der IHK als Mitdiskutantin

vertreten sein.

Wir wollen aber nicht unterschlagen, dass es auch eine kritische Sicht auf Möglichkeiten des Quereinstiegs

wie modulare Ausbildungsgänge oder verkürzte Ausbildungszeiten gibt.

Diese kommen zum Teil von den Berufsverbänden aber auch von Seiten der ArbeitnehmerInnen und Gewerkschaften,

die das Unterlaufen sozialer Standards befürchten.

Vor diesem Hintergrund haben wir Robert Gereci vom Bildungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes

eingeladen, der sich zum einen im Rahmen seiner Mitarbeit in der EQUAL Entwicklungspartnerschaft Pro

Qualifizierung ebenfalls für die Arbeitsmarktintegration von MigrantInnen einsetzt, zum anderen aber

auch aus Gewerkschaftssicht um die Gefahren, die eine Flexibilisierung der Systeme mit sich bringt, weiß.

Er wird vor allem auf die Kriterien eingehen, die für die Entwicklung von Quereinstiegsmöglichkeiten gewährleistet

sein müssen.

Soweit ein erster Einblick in das Thema und das, was wir uns für den heutigen Tag vorgenommen haben.

Wir freuen uns auch über die große Beteiligung von Migrationsfachdiensten, von Bildungsträgern

und Arge-VertreterInnen, die ihre Erfahrungen insbesondere in die Diskussion heute Nachmittag einbringen

und ggf. auch weitere Konzepte, Ideen und gelungene Beispiele aus unserem Bundesland beisteuern

können.

Vielen Dank für Ihr Interesse!


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 13

Die Arbeitsmarktsituation in Schleswig-Holstein

für Menschen mit Migrationshintergrund

Karsten Marzian, Geschäftsführer Operativ Agentur für Arbeit, Lübeck


14 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 15


16 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 17


18 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 19

Wie flexibel ist das Duale Ausbildungssystem

für Quereinsteiger/innen

Hans Joachim Beckers,

Geschäftsführer der IHK zu Kiel,

Gliederung zum Referat

Das Duale Ausbildungssystem – Vorteile:

• Arbeitsmarktbezug

• Sinnvolle Kombination aus Berufspraxis im Betrieb und

Berufstheorie in der Berufsschule

• Aufteilung in der Regel: Praxis (3 Tage) Theorie (2 Tage)

• Vertrag mit Betrieb, Berufsschule aufgrund Schulgesetz

• Aktualität der Qualifikationen

• Integration in Beschäftigung und Gesellschaft

• Geringe Jugendarbeitslosigkeit

• Standortvorteil für rohstoffarmes Land

Fazit: Erfolgsmodell um das uns viele Länder beneiden!

Grundlage sind Ausbildungsordnungen:

• ca. 340 Ausbildungsordnungen (staatlich, bundeseinheitlich)

mit Kenntnissen, Fertigkeiten, Berufserfahrungen,

Schlüsselqualifikationen (Berufsprinzip),

• Ziel: berufliche Handlungskompetenz im jeweiligen

Beruf mit umfassender Qualifikation, Feststellung

durch Abschlussprüfung,

• ca. 25.000 Erwerbsberufe, daher Flexibilität und

Mobilität erforderlich.

Gewerbefreiheit ermöglicht Tätigkeit, Ausnahmen:

Die Aufnahme einer (selbständigen) Tätigkeit erfordert in

der Regel nicht das vorherige Bestehen einer Prüfung (Gewerbefreiheit);

Ausnahmen bestehen bei selbständiger

Tätigkeit z.B. in bestimmten Handwerken oder bei Freien

Berufen.

Qualifikationsnachweise wichtig:

Sinnvoll ist auf jeden Fall die Ablegung von Prüfungen, um

formale Qualifikationsnachweise zu besitzen, insbesondere

bei Wechsel des Arbeitgebers wird hierauf geachtet.

Qualifikationsnachweise sichern eigene Beschäftigungsfähigkeit,

den persönlichen „Marktwert“ und Mobilität.

Gleichstellungen mit geringer Bedeutung:

Es gibt nur wenige Abkommen zur Regelung der Gleichstellung:

• Innerhalb der EU: Regelungen mit Österreich, Frankreich,

• Nicht EU: Sonderregelung nur für Vertriebene aus

ehemals deutschen Gebieten nach dem Bundesvertriebengesetz

(vgl. § 10 BVFG).

Fazit: Es gibt schon aus Gründen der Umsetzbarkeit kein

umfassendes Gleichstellungssystem, weil die Qualifikationen

zu unterschiedlich sind und bei der Fülle der Profile

tausende von bilateralen Abkommen zwischen Staaten

erforderlich wären.

Wann kann man an der IHK-Prüfung teilnehmen

• Zulassung nach Ablauf der Ausbildungszeit

(§ 43 Abs. 1 BBiG):

Im Regelfall nach der Absolvierung einer vollständigen

Berufsausbildung, die in der Regel 3 Jahre (in manchen

Berufen auch 2 oder 3,5 Jahre) dauert.

• Teilnahme als Externer an der Prüfung

(§ 45 Abs. 2 BBiG):

Möglich ist auch eine Prüfungsteilnahme ohne eine

Ausbildung, wenn jemand die Kenntnisse und Erfahrung

anderweitig erworben hat. Voraussetzungen:

• Die Eineinhalbfache Zeit der Ausbildungsdauer Tätigkeit

im Beruf (d.h. bei dreijähriger Ausbildung 4,5

Jahre) oder

• ohne dieses Zeiterfordernis bei Glaubhaftmachung

der beruflichen Handlungsfähigkeit mit entsprechenden

Nachweisen (aber zeitliche Grenze liegt dann bei

der regulären Ausbildungsdauer).

• Dabei werden Zeiten und Nachweise, die im Ausland

absolviert wurden, berücksichtigen (§ 45 Abs. 2 BBiG).

Wiederholung von nicht bestandenen Prüfungen

(§ 37 Abs. 1 BBiG):

Eine nicht bestandene Prüfung kann zweimal wiederholt

werden.

Ausländische Vorqualifikationen:

Die Berücksichtigung von ausländischen Vorqualifikationen

bei Fortbildung und Umschulung ist vorgesehen (§§

55, 61 BBiG).


20 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007

Kritische Bewertung -

Gefährdet eine Flexibilisierung des

Ausbildungs-systems die Standards

im Arbeitsleben

Robert Gereci, Rechtsanwalt, DGB-Bildungswerk,

Bereich Migration & Qualifizierung

Entwicklungspartnerschaft Pro Qualifizierung, Düsseldorf


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22 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 23


24 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 25

Stellenwert der beruflichen Bildung

für die Integration der Zugewanderten

Dr. Kristina Nowak, Projekt INTEGRA.net im BWTW e. V. , in Apolda


26 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


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28 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


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30 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


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32 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 33

Weiterbildender Bachelor

Interkulturelle Bildung und Beratung

Dr. Anwar Hadeed, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg


34 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


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36 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


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38 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


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40 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 41

Arbeitsgruppe 1

Qualifizierung im Handwerk

von Klaus Kuhfuß, ZBBS e.V., Projekt Boje

Begrüßung der Anwesenden durch Torsten Döhring und Überleitung zum

Inputreferat durch Christian Maack, Handwerkskammer Lübeck.

Christian Maack,

Handwerkskammer Lübeck

Statement zum Ausbildungsberuf als dualem Ausbildungsgang.

Mit der Globalisierung steigen auch die Anforderungen im Handwerk im Bezug auf den Wettbewerb. Deutschland hält

sich in diesem Wettbewerb gerade wegen seines hohen Ausbildungsstandards.

Kleine mittelständische Betriebe halten sich auf dem Markt gerade wegen der großen Verlässlichkeit in der Ausbildung.

Quereinstiege sind nur sehr begrenzt möglich.

Qualifizierungsbausteine für nicht ausbildungsfähige Jugendliche und junge Menschen sind denkbar.

Keine Ausbildungsfähigkeit bei fehlenden Schulabschlüssen, fehlenden deutschen Sprachkenntnissen und fehlender

sozialer Kompetenz.

Für MigrantInnen steht der Weg über die externe Gesellenprüfung frei.

Voraussetzung ist eine mindestens 5 Jahre nachgewiesene Tätigkeit im Herkunftsland.

Die Prüfung entspricht in allen Punkten den Vorschriften der Handwerksordnung.

Im Hinblick auf diese Zielvorgabe wurden in der nun folgenden Diskussion Maßnahmen zur Vorbereitung auf die

mündliche Prüfung zum Gesellenbrief gewünscht: Prüfungsrelevante Vorbereitung, Fachdeutsch , B2 Prüfung, Berufszertifikat.

Die nächste Frage bezog sich auf die Angebote und Finanzierung dieses dualen Parts. Die Berufsschulen haben keine Finanzierungsmöglichkeiten.

Die Finanzierung des Bundesamtes, so Herr Biermann, endet beim Integrationskurs, Geld

für Ausbildung ist nicht vorhanden.

Somit bleibt die Finanzierung großes Fragezeichen.

These:

Eine Nachqualifizierung anhand der von der HWK entwickelten Qualitätsbausteine kostet viel weniger Geld. Die Menschen

sollen lediglich ihre praktischen Fähigkeiten unter Beweis stellen und bekommen dann ein Zertifikat.

Replik:

Die Zertifizierung der Qualitätsbausteine in Bezug auf die nicht ausbildungsfähige Jugend ist von den Kammern noch

nicht umgesetzt. Die Module müssen aber zertifiziert sein, sonst besteht keine Finanzierungsmöglichkeit.

Die Bausteine beziehen sich auf Inhalte des 1. Lehrjahres und dementsprechend auch auf eine Berufsschulpflicht.

Zusammenfassend fordert die HWK Standards:

Vergleichbarkeit der beruflichen Abschlüsse;

der externe Weg geht nur über den anerkannten Berufsschulabschluss.

Sprachkenntnisse müssen so gut sein, dass eine Ausbildung möglich ist.

Meisterfreie Gewerbe kann jeder ausüben, hier ist ein Qualifikationsnachweis notwendig.

Trennung der Menschen Ü25 und U25 nach entsprechenden Fördermöglichkeiten.

Das Jobcenter Mettenhof in Kiel bietet die Maßnahme Sprache und Beruf im Dienstleistungsbereich, für Bau und

Handwerk, Betriebspraktika, Fachausdrücke im Beruf und B2 Prüfungen.

Ergänzungslehrgänge wären theoretisch möglich, scheitern aber praktisch am Geld, an der Anzahl der Teilnehmenden

und an der Dauer des Lehrgangs.


42 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007

Arbeitsgruppe 2

Ausbildung in Handelund

Dienstleistungen

von Marianne Kröger,

Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e.V., Projekt access

Input für die Arbeitsgruppe:

Kristina Nowak, Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft e.V., ergänzt ihr Referat zum Projekt „Qualifizierung zum Außenhandlesassistenten

Osteuropa“ bei der Entwicklungspartnerschaft Integra-Net:

Die ProjektteilnehmerInnen erhalten bei Abschluss ein bundesweit gültiges Zertifikat als IHK- Fachkraft für Exportwesen.

Das Besondere an diesem Projekt ist außerdem, dass die MigrantInnen über die ganze Maßnahmenzeit intensiv

begleitet wurden und noch werden. Die Nachbetreuung läuft ein halbes Jahr lang bis Dezember 07. Der Kurs beinhaltete

u.a. einen neunmonatigen Deutschkurs und weiteres begleitendes Fachdeutsch sowie intensive Begleitung, die die

schwierige persönliche Situation auffängt. Das ist allerdings mit den üblichen Fördermitteln nicht finanzierbar, eine

besondere Förderung wie in diesem Fall über das EU-Programm Equal ist notwendig, um so eine Maßnahme durchzuführen.

Was ist nach Beendigung des Projekts aus den TeilnehmerInnen geworden

8 TeilnehmerInnen haben die Prüfung bestanden, davon ¾ mit gut oder sehr gut.

Die Menschen sind nach 2 Jahren Ausbildung nicht wiederzuerkennen. Sie sind selbstbewusst geworden, sie wissen um

ihre Schwierigkeiten, kennen die Gründe dafür. Sie können ihre erworbenen Fähigkeiten anwenden und sind handlungsfähiger

und selbstbewusster bei der Arbeitsplatzsuche geworden. Sie wissen, was sie während der Maßnahme geleistet

haben. Viele von ihnen haben sich verausgabt, um die Ausbildung zu Ende zu bringen. Die Ausbildung war ihnen

so wichtig, dass sie private Dinge hinten angestellt und Enormes geleistet haben. 4 TeilnehmerInnen kamen aus

Apolda, die übrigen aus anderen Orten in Thüringen. Diese mussten praktisch alle 80 km täglich fahren. Sie waren oft

12 Stunden unterwegs.Die Ausbildung hat sie nicht nur persönlich gefestigt, sondern sie haben auch beruflich viel dazu

gelernt. Jetzt kommen alle besser mit ihrer schwierigen persönlichen Situation zurecht als vorher.

Hat es für sie Chancen gegeben auf einen Job

2 TeilnehmerInnen sind für einen Vollzeit-Job vermittelt

2 TeilnehmerInnen haben einen 400 Euro Job

2 TeilnehmerInnen haben einen 165 Euro Job

2 (sehr gute) Teilnehmerinnen haben bisher noch keinen Job.

Das Problem ist, dass die Aussagen der Firmen zur Bedarfslage nicht sehr zuverlässig sind, viele Firmen haben Frau Nowak

gegenüber geäußert, dass der Bedarf sehr hoch sei, jetzt nach Beendigung der Ausbildung ist die Situation aber

schon wieder eine ganz andere. Allerdings bestehen gute Chancen, dass weitere TeilnehmerInnen auch unterstützt

durch die Nachbetreuung früher oder später einen Job bekommen. Zu den Hürden auf dem Weg zum Erfolg gehört,

dass bei Umschulungsmaßnahmen auf die Vermittlungsquote geguckt wird, wohingegen die persönlichen Integrationseffekte

zweitrangig beachtet werden.

Fallbeispiel einer Teilnehmerin aus dem Projekt und Rückschlüsse auf die allgemeine Situation:

Sie war IT-Spezialistin in Russland und hat dort im Rentenamt gearbeitet. Problem in diesem Fall ist, dass in den neuen

Bundesländern zwar die Russische Sprache traditionell gefragt war. Es wurde dort häufig russisch als Fremdsprache

angefordert. Inzwischen wird aber auch Englisch als Fremdsprache angefordert. Deshalb ist es für diese Dame schwierig,

eine gleichwertige Anstellung zu bekommen. Sie ist kein Einzelfall, darum wird in der Nachbetreuung Englisch für

AnfängerInnen angeboten.


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 43

Wie hat der Träger es geschafft, die Zertifizierung durch die IHK zu bekommen

Der Weg zur Zertifizierungserlaubnis ist nicht verallgemeinerbar. In diesem Fall war es so, dass Frau Nowak zur IHK gegangen

ist und das Anliegen dort vorgetragen hat. Die IHK war überzeugt von der Maßnahme und hat sogar an den

Lerninhalten mitgearbeitet. 280 Stunden von 1080 Stunden sind über die IHK gelaufen. 8 Fächer wurden durch schriftliche

Prüfungen extra geprüft, die IHK hat diese anerkannt. Es gab insgesamt eine sehr gute Kooperation mit der IHK.

Die IHK VertreterInnen haben die Maßnahme öfter besucht. Sie haben sich mit den TeilnehmerInnen unterhalten und

waren sehr interessiert an dem, was konkret gemacht wurde. Die IHK gehört zum Maßnahmenbeirat, dem auch Betriebe

angehören.

Wie geht es weiter

In Erfurt wird so eine Maßnahme mit dem gleichen Inhalt zum zweiten Mal durchgeführt, allerdings von kürzerer

Dauer. Das bedeutet, dass weniger Zeit auf die deutsche Sprache verwandt werden kann. Der Deutschunterricht muss

reduziert werden. Somit können nur TeilnehmerInnen ausgewählt werden, die mindestens ein B1 Zertifikat haben.

Zwei Maßnahmen werden auf diese Weise durchgeführt, nur je 6 Monate lang. Das heißt, dass viele notwendige Lerninhalte

wegfallen werden. Die Qualitätsstandards können nicht gehalten werden, wenn die finanziellen Möglichkeiten

gekürzt werden.

Fazit für die weitere Diskussion in der Arbeitsgruppe:

Die Förderung von Maßnahmen oder individueller Weiterbildung richtet sich danach, ob eine Vermittlungschance gegeben

ist. Das hängt jeweils zusammen mit dem Fördertopf aus dem die Kosten getragen werden müssen, die Förderung

muss sich „lohnen“.

Es gibt einen gesetzlichen Auftrag, die ARGEN sind aus Steuergeldern finanziert, deshalb wird bei wiederholter Förderung

einer Maßnahme gecheckt, wie erfolgreich die nachfolgende Umsetzung für den Arbeitsmarkt ist. Es ist allerdings

nicht verallgemeinerbar, wie die Förderungen zugesprochen werden, weil jede Geschäftsstelle diesbezüglich anders

handelt.

Am Beispiel des Projektes aus Apolda wird deutlich, dass neben der Vermittlung in den Arbeitsmarkt auch die persönliche

Weiterentwicklung und die Stärkung der Handlungsfähigkeit bei der Arbeitssuche als Kriterium für die Förderung

eine Rolle spielen sollte.

Im Verlauf der Diskussion wurden drei Hauptfragen erörtert. Die Diskussionsbeiträge sind im Folgenden diesen Fragen

zugeordnet worden:

1. Welches sind die größten Hürden, die zu bewältigen sind

– Ein konkreter Vermittlungserfolg muss in der Regel gewährleistet sein, um eine Maßnahme gefördert zu bekommen.

Dies ist ein Problem sowohl für die Bildungsträger, die Maßnahmen für Zielgruppen mit schlechter Vermittlungsperspektive

anbieten, als auch für die Migrantinnen und Migranten.

– Die von der ARGE geförderten Maßnahmen schließen meist nicht mit einem allgemein anerkannten Zertifikat ab.

– Problematisch ist die Anerkennung von Abschlüssen aus dem Herkunftsland. Die Kriterien der Anerkennung richten

sich nach hiesigen formalen Voraussetzungen. Ausnahmeregelungen gibt es allerdings für SpätaussiedlerInnen, die

einen Anspruch auf eine Gleichwertigkeitsbescheinigung haben und zum Beispiel den Hauptschulabschluss auch bei

nur 8jährigem Schulbesuch anerkannt bekommen. Eine entsprechende Flexibilität gibt es für andere MigrantInnengruppen

nicht.

– Schwierigkeiten mit der Sprachförderung: Problem für MigrantInnen ist, dass die vorhandenen oder gelernten

Sprachkenntnisse wieder verloren gehen, wenn die Wartezeit zu lange dauert. Im ländlichen Bereich ist die Zusammenstellung

von Gruppen auf gleichem Leistungsniveau problematisch. Eine mögliche Lösung wäre z.B, eine berufliche

Weiterbildung gekoppelt an die individuelle Teilnahme an einem VHS Sprachkurs durchzuführen, beides gefördert.

Das Sprachniveau, das im Rahmen der Integrationskurse erreicht wird, reicht nicht für den Beruf oder die berufliche

Weiterbildung, wenn es keine begleitende Förderung gibt.

– Es muss geklärt werden, wie die Kompetenzerfassung besser gestaltet werden kann, auch bei den Argen. In der dortigen

statistischen Erfassung gelten Menschen, deren Berufsabschluss hier nicht anerkannt wurde, als ungelernt.

– Vielfach sind Angebote oder Fördermöglichkeiten nicht bekannt (z.B. Infos von der Arbeitsagentur, Anreize müssen

bekannt sein).


44 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007

– Schleswig-Holstein ist kein Exportbundesland, hat eher Handelsbeziehungen nach Skandinavien als mit Herkunftsländern

von MigrantInnen, so dass die muttersprachliche Kompetenz nicht so eine große Rolle spielt. In Kiel gibt es 2

Betriebe, die mit Firmen in der Türkei zusammenarbeiten.

– Ein grundsätzliches Problem ist, dass Jugendliche in der 8./9. Klasse keine Orientierung über Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten

haben, sie wissen nicht, was nach der Schule kommen könnte. Das gilt insbesondere für junge MigrantInnen,

da hier auch die Eltern häufig nicht über die nötigen Informationen verfügen.

– Dennoch gibt es vor allem für die Altersgruppe der über 30jährigen Probleme. Es gibt weniger unterstützende Projekte

als für Jugendliche. Am ehesten gibt es Einstiegsmöglichkeiten im Altenpflege-/Krankenpflegebereich und zwar

vorrangig für den Bereich russischsprachige und polnischsprachige MigrantInnen.

– MigrantInnen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind und Sprachprobleme haben, gelten als Betreuungskunden und

nicht mehr als Vermittlungskunden, entsprechend werden die Maßnahmen ausgewählt.

2. Welche Möglichkeiten gibt es für MigrantInnen in SH

– Die IHK bietet Ausbildungsbetreuung an und hat eine Stelle für die Aquise von Migrantenbetrieben als Ausbildungsbetriebe

eingerichtet

– Ausbildungsgänge wie ArzthelferIn, KrankenpflegerIn werden auch für MigrantInnen über 25 angeboten. Aber eher

nicht die Ausbildung als Bankangestellte/r, obwohl es durchaus MigrantInnen gibt, die im Herkunftsland für diesen

Beruf gut ausgebildet wurden. Einige Berufsgruppen aus dem kaufmännischen Bereich (Einzelhandel, Großhandel,

Versicherungen) stellen auch MigrantInnen ein. In Frage kommt auch der Bereich Spedition, konkret bei Zusammenarbeit

mit Firmen in Osteuropa oder der Türkei.

– In Bad Schwartau werden im öffentlichen Dienst jährlich 2 Auszubildende eingestellt, eine davon mit Migrationshintergrund,

meist aus Osteuropa.

– Bei Problemen in der Ausbildung gibt es für alle jungen Menschen ausbildungsbegleitende Hilfen (ABH).

– Es gibt Ausbildungsnetzwerke, z.B von der türkischen Gemeinde in SH, die mit Schulen und Betrieben zusammenarbeiten

– Es gibt Zusammenarbeit zwischen Schulen und Wirtschaft. Schulen gehen häufig in die Betriebe und bekommen dort

Führungen. Die IHK unterstützt diese Bemühungen. Sie versucht, Kontakte zwischen Schulen und Betrieben herzustellen.

Geld für solche Projekte gibt es über § 33 SGB III Berufsorientierung.

– Das Handlungskonzept Schule und Arbeitswelt von Bildungsministerium und dem Ministerium Justiz, Arbeit und

Europa unterstützt die berufliche Orientierung ab 8. Klasse, arbeitet mit den Elternhäusern und stellt Kontakt zu Betrieben

her.

– Im Kreis Plön/OH gibt es eine Kompetenzagentur Es wird in die 8. Schulklassen gegangen, dort werden Profile erstellt,

so dass konkrete Defizite ausgeglichen werden können.

– Es gibt Möglichkeiten, Maßnahmen für erwachsene beschäftigte Geringqualifizierte zum Erwerb beruflicher Qualifikationen

anzubieten bzw. an beruflichen Qualifikationsmaßnahmen teilzunehmen über das WeGebAU-Programm der

BA (Weiterbildung geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer in Unternehmen). ArbeitgeberInnen erhalten

bis zu 100 % der Lohnkosten für beschäftigte, ungelernte ArbeitnehmerInnen, wenn sie im Rahmen des bestehenden

Arbeitsverhältnisses ihre ArbeitnehmerInnen beruflich weiterbilden. Ungelernt heißt hierbei ohne Berufsabschluss

oder länger als 4 Jahre berufsfremder Tätigkeitseinsatz.Im neuen Zukunftsprogramm Arbeit gibt es ein entsprechendes

ergänzendes Programm für Schleswig-Holstein

– Der Europaservice bietet eine zentrale Qualifizierungsmaßnahme zur/zum Altenpflegehelfer/in für Menschen mit

türkischer Herkunft an. Sie soll sowohl für die Tätigkeit in der Altenpflege in der Türkei als auch in Deutschland qualifizieren.

3. Projektbeispiele aus Hamburg bzw. dem Hamburger Umland:

– Norddeutsche Affinerie und Schulen mit 90% MigrantInnenanteil arbeiten relativ erfolgreich zusammen.

– Das Projekt BLIK (Berufe live im Klassenzimmer) hilft bei Berufspraktika und Bewerbungen

in der 8./9. Klasse, es gibt gute Förderchancen, schon für Jugendliche ab 14 Jahre.

– Der Verein Unternehmer ohne Grenzen hat im Rahmen des Wegebau-Programms der BA Maßnahmen zur Fachkraft

in der Gastronomie für beschäftigte geringqualifizierte MigrantInnen durchgeführt.

– Im Hamburger Hafen/Fortbildungszentrum Hafen gibt es eine Maßnahme, die zum Hanselogistiker fortbildet, hier-


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 45

für sind ein Führerschein und deutsche Sprachkenntnisse nötig.

– Für die Metropolregion Hamburg, also auch im Schleswig-Holsteiner Randgebiet von Hamburg

gibt es das Projekt Time for Job, eine Anpassungsqualifizierung für MigrantInnen im technischen Bereich.

4. Was bleibt zu tun - Welche nötigen Maßnahmen sind zu treffen

– MigrantInnenbetriebe sollten für mehr Ausbildung motiviert werden. Häufig ist es schwierig, MigrantInnen in Ausbildung

zu bringen, weil es sehr viele Betriebe im Gastronomiebereich (kleine Imbisse, Kleinbetriebe) gibt. Diese können

keine Auszubildenden tragen. Deshalb sollten kleine Betriebe unterstützt werden und Beratung bekommen, wenn

sie grundsätzlich ausbildungsbereit sind. Möglichkeiten gibt es in den verschiedenen Regionen über die IHK aber diese

Möglichkeit muss ihnen bekannt sein, damit sie mehr Bereitschaft zeigen. Der Kostenfaktor ist auch relevant für die

Entscheidung, jemanden in Ausbildung zu nehmen. 30 % der MigrantInnenbetriebe sind bereit auszubilden, es gibt

aber eine gewisse Angst vor der Bürokratie, die mit so einer Einstellung verbunden ist. Deshalb werden solche Betriebe

von der Türkischen Gemeinde SH im Rahmen des Projektes Ausbildungsnetzwerke unterstützt.

– Je früher auf eine Ausbildung hingearbeitet wird, um so besser, diesbezüglich gibt es z.B. in Hamburg eine gute Kooperation

zwischen Schulen und Betrieben. In Schleswig-Holstein ist die IHK in diesem Bereich aktiv und soll das Konzept

Schule und Arbeitswelt ebenfalls Verbesserung schaffen.

– Das Problem mit den Sprachkenntnissen muss gelöst werden, indem berufliche Weiterbildung verknüpft wird mit

dem kontinuierlichen Lernen der Sprache, z.B. durch ergänzende Sprachmodule. Das Erlernen einer Sprache ist ohnehin

kein abgeschlossener Prozess sondern muss permanent weitergeführt werden je nach den konkreten Anforderungen.

– Mehr Flexibilität bei der Anerkennung von Abschlüssen ist nötig. Zu überlegen wäre, ob die Sonderregelungen für

SpätaussiedlerInnen, z.B. die Anerkennung eines Hauptschulabschlusses nach 8 Jahren Schulbesuch auch bei MigrantInnen

aus weiteren Herkunftsländern bzw. mit anderem Aufenthaltsstatus angewendet werden können. Entscheidend

sollten die Ausbildungsinhalte sein und nicht allein die formalen Kriterien wie in diesem Fall die Dauer des

Schulbesuchs. Die Erkenntnis, dass Ausbildungen woanders nicht schlechter durchgeführt werden als in Deutschland,

auch wenn sie formal anders verlaufen, sollte sich bei der Anerkennungspraxis durchsetzen. Die Pisa-Ergebnisse dürften

dafür Argumente liefern.

– Mehr Anpassungsqualifizierungen sind nötig. Modularisierte Maßnahmen können ergänzend zu dem üblichen Ausbildungssystem

angeboten werden. Dafür nötig ist allerdings auch, dass die konkreten vorhandenen fachlichen Kompetenzen

besser erfasst werden, auch in der Statistik bei Argen und Agenturen.. Hier sind Arbeitsverwaltung und Bildungsträger

gleichermaßen gerfragt, die vorhandenen Förderprogramme zu nutzen und auf Grundlage einer individuellen

Kompetenzerfassung bedarfsorientierte Maßnahmen anzubieten. In Hamburg gibt es gute Beispiele, (s.o.) die

auch in Schleswig-Holstein Schule machen sollten

– Denkanstoß um die fachlichen Kompetenzen besser zu würdigen und bessere Zugangschancen zu bestimmten Arbeitsbereichen

zu ermöglichen: Theoretische Prüfung in der Muttersprache, warum nicht

– Die Förderkriterien für Weiterbildungsmaßnahmen sollten sich nicht allein auf die direkten Vermittlungschancen

sondern auch auf die Erweiterung der Handlungskompetenz beziehen.

– Netzwerke müssen gebildet werden, wichtig ist die Kooperation mit allen Beteiligten (incl. IHK, HWK, Betriebe) um

Informationen besser zu verbreiten sowie Einstiegsmöglichkeiten und Anpassungsqualifizierungen mit anerkannten

Zertifikaten für MigrantInnen auf den Weg zu bringen und die Anerkennungspraxis durch Kammern und Ministerien

flexibler zu gestalten.


46 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007

Arbeitsgruppe 3

Perspektiven für

HochschulabsolventInnen

von Doris Kratz-Hinrichsen – Diakonisches Werk S-H

Input von Ellen Schulte-Buhnert – Universität Flensburg

Frau Schule-Buhnert beschreibt Ihre Tätigkeit an der Uni Flensburg. Der Schwerpunkt der Ausbildung ist die Lehramtsausbildung,

jetzt gibt es zusätzlich auch die Möglichkeit des Studiums der Wirtschaftswissenschaften.

Viele junge MigrantInnen, die bei der Uni Flensburg ihr Studium absolvieren, waren schon LehrerInnen in den Herkunftsländern.

Da jedoch nur ein Fach in Deutschland anerkannt wird, muß der Abschluss eines 2. Fach im Studium

nachgeholt werden. Hierbei ist es erforderlich, dass das gesamte Studium des 2. Faches durchlaufen wird – die volle Semesterzahl.

Die Frauen mit Migrationshintergrund haben oft schon Familienhintergrund, die finanzielle Situation ist sehr angespannt

und es bestehen große Sprachprobleme. Weitere Probleme in der Praxis sind die Zugangsvoraussetzung von 2

Semestern, die hohe Abbrecherquote von Studenten, die Gleichwertigkeit/das Umdenken. Eingangsvoraussetzung ist

das 3. Sprachniveau.

Sie beschreibt weiterhin die Sprachprüfung bei der IQSH, die in der Vergangenheit ohne Prüfungsordnung und mit

dem Realschulniveau der 8. Klasse durchgeführt wurde. Dies hatte eine hohe Durchfaller-Quote zur Folge. Derzeit ist

man dabei die Sprachprüfung zu verändern und es wird daran gearbeitet, die Sprachprüfung kostenfrei anzubieten.

Die ReferendarInnen berichten oft von Problemen in den Schulen und vom Mobbing an den Schulen, durch Schüler,

Eltern oder Lehrerkollegen. Frau Schulte-Buhnert berichtet weiter, dass oft nur defizitär geschaut wird, nicht die Chancen

in MigrantInnen gesehen werden. Die Schulen erkennen die multikulturelle Realität nicht an. Sie berichtet weiter,

dass es in Hamburg keine Sprachprüfungen beim Referendariat gibt.

Input von Anna Wiehe – Otto-Benecke-Stiftung

Frau Wiehe beschreibt in ihrem Eingangsstatement die unterschiedliche Anerkennungspraxis von im Ausland erworbenen

Abschlüssen durch die Bildungsministerien der Länder. Gleiche Qualifikationen und Abschlüsse aus dem Herkunftsland

werden bundesweit sehr unterschiedlich anerkannt.

Sie beschreibt im Weiteren, die einzelnen Wege, je nach der Anerkennung des im Ausland erworbenen Abschlusses/

Ausstellung der Gleichwertigkeitsbescheinigung. Hierdurch ergeben sich unterschiedliche Ausgangssituationen und

Perspektiven für die beruflichen Orientierung in der Bundesrepublik.

Sie stellt im Weiteren das Akademikerprogramm und das Programm AQUA der Otto-Benecke-Stifung vor.

Das Akademiker-Programm richtet sich an alle Personen zwischen 30 und 50 Jahren und kann innerhalb eines Jahres

durchlaufen werden. Das Aqua-Programm ist geöffnet für alle ALG I und ALG II-Bezieher, egal welcher Aufenthaltsstatus

und beinhaltet eine 13-monatige Qualifizierung für Akademiker.

Weitere Informationen gibt es auf der Website der OBS unter www.obs-ev.de.


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 47

In der Diskussion der TeilnehmerInnen ergeben sich folgende Gesichtspunkte und Anregungen:

-Die Alternative zum Hochschulstudium ist das Studium an der Fernuni.

-Es wäre wünschenswert, wenn die Otto-Benecke-Stiftung die Zielgruppe

eine politische Diskussion.

erweitern/öffnen würde – dies ist jedoch

-Es wäre wünschenswert, wenn die Kosten für Anerkennung der Gleichwertigkeitsbescheinigung des Abschlusses und

die Übersetzungskosten durch die Arge übernommen werden würde.

-Die Fristen für die Anerkennung von Bildungsabschlüssen in den Bildungsministerien sind oft zu lang.

-Oft bestehen Konkurrenzängste bei der hiesigen Bevölkerung.

-Es müsste, wie beispielsweise in Russland und den USA eine Chance der Berufstätigkeit ohne Papiere möglich sein.

-Es müsste auch die Möglichkeit geben, Prüfungen in der Muttersprache durchzuführen (nicht beim Lehramtsstudium

– hier ist die deutsche Sprache wichtig).

-Ein Paradigmenwechsel ist notwendig, wenn Fähigkeiten vorhanden sind, dürfen die vorhandenen Standards diese

Fähigkeiten nicht blockieren.

-Gesellschaftliche Realität muss sich verändern, Unterschiedlichkeiten bei der Anerkennung dürfen nicht entstehen.

-Das Können, nicht das Papier mit seinem Inhalt muss wichtig sein.


48 Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007

Pressemitteilung vom 1.11.2007

Pressemitteilung vom 1.11.2007

Integration von MigrantInnen ist eine Bringschuld von Staat und Gesellschaft.

Darüber waren sich die etwa 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Fachtagung

zum Thema „Berufliche Qualifizierung von Migrantinnen und Migranten in Schleswig-

Holstein – Möglichkeiten der Anpassungs- und Nachqualifizierung“ einig.

Angesichts des demographischen Wandels und des damit verbundenen

Facharbeitermangels seien Menschen mit Migrationshintergrund wichtig für die

Wirtschaft und das Sozialsystem gleichermaßen. Dem stimmten auch die

anwesenden Vertreterinnen und Vertreter des Arbeitsministeriums und der Kammern

zu. Einigkeit herrschte auch darüber, dass das derzeitige duale Ausbildungssystem

zu unflexibel ist. Es behindere den Quereinstieg sowohl für Deutsche als auch für

MigrantInnen. „In Deutschland ist das schriftliche Zeugnis immer noch mehr wert als

die praktische Erfahrung“, sagte Astrid Willer vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein

e.V. Der Wissenschaftler der Universität Oldenburg, Dr. Anwar Hadeed, bestätigte

diesen Eindruck. Dadurch würden vorhandene praktische und intellektuelle

Fähigkeiten verschwendet, so Hadeed. Ein Paradigmenwechsel in Deutschland sei

deshalb dringend geboten.

Verantwortlich für die bessere Integration sei die Gesellschaft insgesamt, hieß es bei

den Expertinnen und Experten. Sie forderten neue Ideen, um der Problematik

gerecht zu werden. Dafür seien nicht zwangsläufig mehr Gelder notwendig.

Gefordert seien vielmehr intelligente Lösungen und pragmatische Wege. Ziel sei es,

dass alle Akteure gemeinsam handeln. Daher wird das Thema auch zukünftig eine

wichtige Aufgabe bleiben, so die Veranstalter.

Eingeladen zu der Veranstaltung, die gestern Abend in Neumünster zu Ende ging,

hatten das Diakonische Werk Schleswig-Holstein, der Flüchtlingsrat Schleswig-

Holstein sowie der Beauftragte für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des

Landes und die Kieler Zentrale Bildungs- und Beratungsstelle für MigrantInnnen,

ZBBS e.V.


Fachtagung Hartz IV und Migration November 2007 49


Herausgeber

Diakonisches Werk

Schleswig-Holstein

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Inneren Mission e.V.

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Telefon: o4331 593-266

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Satz/Layout Nicola Paustian

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