von Beginn an

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Schutz

von Beginn an

Bedeutung und Qualität der Saatgutbeizung

Ährenfusariosen

Schneeschimmel

in Wintergerste

Die Anforderungen an die Eigenschaften

von Saatgut sind vielfältiger Art. Ausreichende

Korngröße, gute Keimfähigkeit und

Triebkraft, Sortenreinheit und nicht zuletzt

die Korngesundheit sind Voraussetzungen,

um diesem Ziel gerecht zu werden.

Aufgrund der großen Bedeutung des

Saatguts und insbesondere der Saatgutqualität

für den Landwirt wurden schon frühzeitig

gesetzliche Regelungen erlassen,

welche die Qualität des Getreidesaatgutes

gewährleisten sollen. Hierzu gehören beispielsweise

die in der Saatgut-Verordnung

festgelegten Anforderungen an den Feldbestand

von Vermehrungsflächen hinsichtlich

des höchst zulässigen Befalls durch

verschiedene Krankheitserreger. Direkte

Rückschlüsse über den tatsächlichen Infektionsgrad

der betreffenden Saatgutpartie

sind allerdings nicht möglich.

Hierbei handelt es sich hauptsächlich

um Pilzerkrankungen, die ausschließlich

über das Saatgut übertragbar sind und auch

nur durch eine Behandlung des Saatguts

bekämpft werden können. Dennoch sind

diese Krankheitserreger in der Lage, aufgrund

der enorm hohen Vermehrungsraten

auch bei Einhaltung der durch die Saatgut-

Verordnung festgelegten Grenzwerte umfangreiche

Infektionen hervorzurufen. So

kommt es immer wieder vor, dass selbst

bei der Verwendung von zertifiziertem

Saatgut bei unterlassener Saatgutbeizung

erheblicher Befall und damit Ertragsausfälle,

Qualitätseinbußen und letztlich wirtschaftliche

Schäden entstehen. Die einzige

Lösung dieser Problematik bleibt daher

weiterhin eine konsequente Saatgutbeizung

mit entsprechend wirksamen Beizmitteln.

Moderne Wirkstoffe ermöglichen

eine breite Wirksamkeit

Nach dem Verbot quecksilberhaltiger Pflanzenschutzmittel

in Deutschland vor nunmehr

nahezu 25 Jahren wurde eine ganze Reihe

neuer Wirkstoffe und Präparate zur Saatgutbehandlung

entwickelt. Hierbei handelt

es sich teilweise um systemische Wirkstoffe,

die in der Lage sind, Krankheitserreger zu

erfassen, welche zuvor nicht oder nur unter

Inkaufnahme großer Risiken für Keimfähigkeit

und Triebkraft des Saatguts bekämpfbar

waren. Hieraus ergibt sich heute

eine Vielzahl verschiedener, am Markt angebotener

Beizmittel, die sich hinsichtlich

ihrer Eigenschaften und Preiswürdigkeit

teilweise deutlich unterscheiden.

Dass die Entwicklung auch auf diesem

Gebiet weiter fortschreitet, zeigt der Einzug

von Wirkstoffen aus der Gruppe der

Strobilurine in die Saatgutbeizung, der für

neue Präparate in diesem Jahr erwartet wird.

Für die samenübertragbaren Krankheitserreger,

die verschiedenen Brandkrankheiten

sowie den Erreger des Schneeschimmels

(Microdochium nivale) und

Fusarium culmorum bestehen für Beizmittel

Mindestwirkungsgrade, die im Rahmen

der biologischen Mittelprüfung im Zulassungsverfahren

unter Beweis gestellt

werden müssen. Systemische Wirkstoffe,

besonders aus der Gruppe der Triazole,

ermöglichen jedoch Wirkungsspektren, die

diesen Bereich deutlich übersteigen und

eine Reihe von relevanten Blattkrankheiten

betreffen. Hierzu gehören beispielsweise

die Erreger von Mehltau, Netzflecken der

Gerste, Braunfleckenkrankheit von Gerste

und Roggen, Rhynchosporium, beide Septoria-Arten,

Rostarten, Fusarien und andere.

Ein spezielles Anwendungsgebiet der

Saatgutbehandlung ist die Beizung gegen

Schwarzbeinigkeit von Getreide. Hierbei

handelt es sich ebenfalls um einen zwar

nicht samenbürtigen Krankheitserreger,

der als „Fruchtfolgekrankheit“ jedoch ausschließlich

durch eine Saatgutbeizung

direkt erfolgreich bekämpft werden kann.

Auch zur Bekämpfung dieser Krankheitserreger

bestehen mittlerweile Zulassungen

für eine Reihe verschiedener Beizpräparate.

Ansonsten wird häufig auf sogenannte

Nebenwirkungen hingewiesen, die

auch über den direkten fungiziden Effekt

der Wirkstoffe hinausgehen und Auflaufverhalten

und Jugendentwicklung der

Getreidepflanzen positiv beeinflussen

können. Während beispielsweise bei den

Brandkrankheiten ein direkter Zusammenhang

zwischen der Anzahl der befallenen

Ährenanlagen und dem Ertragsverlust

besteht, sind Ertragsreaktionen durch den

Einsatz breitwirksamer Beizmittel oft nicht

Die Verwendung von qualitativ hochwertigem, gesundem Saatgut

nimmt eine zentrale Stellung im Ackerbau ein. Saatgut ist die

Basis für den getreideanbauenden Landwirt, der hiermit die

Grundlage für seine Getreidebestände, deren Anfangsentwicklung

und Gesundheit und damit für den wirtschaftlichen Erfolg legt.

Weizensteinbrand

Gerstenflugbrand

4 KURIER 2/06 2/06 KURIER 5


exakt und ausschließlich der

Bekämpfung eines spezifischen

Erregers zuzuordnen. Neben dem ausgewiesenen

Wirkungsspektrum unterscheiden

sich Beizmittel hinsichtlich ihrer Potenz

besonders unter „worst-case“-Bedingungen.

Bei hohem Befallsdruck werden

Wirkungsreserven oder auch Schwächen

sichtbar. Speziell bei der Bekämpfung von

Schneeschimmel kann die ausreichende

Wirkungsdauer unter Umständen von ausschlaggebender

Bedeutung sein.

Außer der Bekämpfung pathogener Pilze

dient die Saatgutbeizung traditionell auch

der vorbeugenden Verhinderung eines

Befalls durch tierische Schädlinge. Hierzu

zählt beispielsweise die Schadvogelabwehr

wie auch die Brachfliegenbekämpfung.

Ein bedeutender Bereich ist auch die

Bekämpfung der besonders in Wintergerste

als Vektoren auftretenden Blattlausarten,

welche hier Verzwergungsvirosen

übertragen können.

Die Qualität der Formulierung

bestimmt die Beizqualität

Die Qualität eines Beizmittels wird jedoch

nicht nur durch dessen Wirkungsspektrum

bestimmt. Als weiterer wichtiger Faktor

Die Saatgutbeizung kann nicht

ausschließlich an ihren vordergründigen

Kosten beurteilt werden.

Sie muss immer auch als

Versicherungsprämie betrachtet

werden, die sich in einem höheren

Saatgutpreis manifestiert.

spielt beispielsweise auch

die Pflanzenverträglichkeit

der unterschiedlichen Mittel

eine ausschlaggebende Rolle. Zunächst übt

die Formulierung, also die Zubereitung des

Präparates einen Einfluss auf die Pflanzenverträglichkeit

aus. Grundsätzlich kann beobachtet

werden, dass wasserformulierte

Präparate hier günstiger abschneiden als

Lösungsmittelformulierungen. Jedoch sind

es in erster Linie die enthaltenen Wirkstoffe,

die nach Art und Menge die Verträglichkeit

eines Mittels beeinflussen. Waren es oft

die für ein erweitertes Wirkungsspektrum

verantwortlichen Triazole, welche bei höheren

Dosierungen Probleme bereiten

konnten, muss heute die Kombination der

verschiedenen Wirkstoffe im Zusammenhang

mit der Art der Formulierung eines

Präparates in ihrer Gesamtheit betrachtet

werden. Auch hier ist es so, dass Verträglichkeitsunterschiede

der Beizpräparate in

der Regel erst unter schwierigen Bedingungen

relevant werden. Auflaufverzögerungen

sind meist von äußeren Einflussfaktoren

wie der Temperatur, Beschaffenheit

des Bodens und anderen Einflüssen

abhängig. Stärker gefährdet sind daher Spätsaaten,

besonders auf zur Verschlämmung

neigenden Standorten oder in Höhenlagen.

Differenzen im Auflauftermin von einem

Tag bis zu einer Woche und mehr bei demselben

Beizmittel sind daher nicht ungewöhnlich.

Auch die Eigenart einiger Wirkstoffe,

zusätzlich das Längenwachstum des

Hypokotyls zu reduzieren,

kann sich hier gravierend

auf den Feldbestand

auswirken. Vorwiegend

sind es aber anwender-

und unwelttoxikologische

Gesichtspunkte,

die bei neuen

Produkten generell zu einer

Umstellung auf Wasserformulierungen

geführt

haben.

Neben diesen Faktoren

und den Kosten rückt

heute jedoch zunehmend

die technische Beizqualität des Saatgutes

in den Fokus der Beurteilung der einzelnen

Beizpräparate. Hier ergeben sich hinsichtlich

der physikalischen Eigenschaften der

Formulierung weitere Differenzierungen

zwischen den Beizmitteln. Diese üben

ihrerseits wieder einen ausschlaggebenden

Einfluss auf die Verarbeitbarkeit der einzelnen

Präparate aus. Im Zusammenspiel

mit der vorhandenen Gerätetechnik zeigen

sich letztlich deutliche Einflüsse auf die

Beizqualität des behandelten Saatgutes.

Dies ist in vielen Fällen einer der wichtigsten

Gründe für die Auswahl der Beizmittel

durch den das Saatgut aufbereitenden

Betrieb. Kommt es hier besonders bei

Arbeitsspitzen während der Saison im

Herbst und Frühjahr zu technischen Problemen

aufgrund einer schwer zu verarbeitenden

Beizmittelformulierung oder zu einer

Beeinträchtigung des Beizpersonals,

hat dieses Produkt keine Chance, weiterhin

auf dem Markt zu bestehen, auch wenn es

gute biologische Wirkungsgrade erzielt

und kostengünstig sein sollte. Auch führt

der Arbeitsablauf in großen Saatgutaufbereitungsstellen

oftmals zur Bevorzugung

von Universalbeizen, welche einen Wechsel

der Getreidearten ohne großen Reinigungsaufwand

der Beizgeräte ermöglichen.

Speziell der Wechsel nicht kompatibler

Wasser- und Lösungsmittelbeizen

kann bei nicht sorgfältiger Reinigung zu

erheblichen Komplikationen im Arbeitsablauf

und zusätzlichem Zeitdruck führen.

Beizqualität lässt sich nach verschiedenen

Parametern definieren, deren gemeinsames

Ziel jedoch eine sichere Bekämpfung

der Schaderreger bei gleichzeitiger

Optimierung von Feldaufgang und Bestandesentwicklung

ist. Voraussetzung hierfür

ist eine genaue Applikation der jeweiligen

zugelassenen bzw. empfohlenen Aufwandmenge.

Neben einer exakten Justierung des

Beizgerätes wird dieses Qualitätskriterium

in erheblichem Umfang von den formulierungstechnischen

Eigenschaften des verwendeten

Beizmittels, der technischen

Reinheit des Saatgutes und der exakten

Wartung und Bedienung des Beizgerätes

beeinflusst. Dieselben Parameter beeinflussen

auch die erforderliche gleichmäßige

Verteilung der applizierten Beizmittelmenge

auf die einzelnen Saatgutkörner. Im Zusammenspiel

von Aufbereitungs- und

Beiztechnik mit Beizmittel und Bedienungspersonal

ergibt sich ein mehr oder

weniger typisch ausgeprägtes Verteilungsmuster.

Die graphische Darstellung der

Messung von hundert Einzelkörnern weist

immer einen bestimmten Anteil von mehr

oder weniger stark vom Mittelwert abweichenden

Messwerten auf. Dies bedeutet,

dass unter praktischen Bedingungen unvermeidbar

ein bestimmter Anteil unterbzw.

überbeizter Körner erzeugt wird. Auch

wenn aufgrund des hohen Sicherheitspotentials

vieler Präparate in der Regel

keine Probleme in den Beständen auftreten,

werden die Folgen einer bewussten Unterbeizung

oft unterschätzt.

Eine Versicherungsprämie

für den Landwirt

Der Zwang, im Getreideanbau weiterhin

Kosten zu senken, führte dazu, dass heute

Beizmittel verschiedenster Art angeboten

werden, die sich nicht nur hinsichtlich

ihres Preises, sondern entsprechend auch

in ihrem Wirkungsspektrum unterscheiden.

Hier gilt es nun, eine sorgfältige Kosten-

Nutzen-Analyse vorzunehmen. So mögen

Beizmittel mit einem einzelnen Wirkstoff

und stark eingeschränkter Wirkungsbreite

bei Verwendung von (wahrscheinlich) nicht

oder nur gering infiziertem Saatgut zwar

eine kostengünstige, im Risiko jedoch bereits

schwierig zu kalkulierende Alternative

darstellen. Dennoch wird hier auf die auch

unter nicht abschätzbaren Witterungs- und

Befallsrisiken zu beurteilende Breitenwirkung

der Premiumprodukte verzichtet. Die

in ihrer im Verhältnis zum finanziellen

Aufwand erzielbare Effizienz breitwirksamer

Beizen ist durch kaum eine andere Pflanzenschutzmaßnahme

erreichbar.

Anzahl Körner

Voraussetzung für eine optimale Beizqualität

im Sinne eines fachgerechten Getreideanbaus,

ist der Einsatz von qualitativ

hochwertigen Beizmitteln, die in Wirkungsspektrum

und technischen Eigenschaften

den Anforderungen an die Saatgutqualität

gerecht werden. ■

Beizmittelverteilung an hundert Körnern bei 80%iger Dosierung

Anzahl Körner

Beizmittelverteilung an hundert Körnern bei 100%iger Dosierung

25

20

15

10

5

0

25

20

15

10

5

0

1 2 5 4

5

1 2 5 4

5

9

22

10

6

9

11

22

4

10

7

6

35 45 55 65 75 85 95 105 115 125 135 145 155 160

Beizgrad (%)

4 3

2

35 45 55 65 75 85 95 105 115 125 135 145 155 160

Beizgrad (%)

11

4

7

3

Fritz Brendler

Landwirtschaftskammer

Nordrhein-Westfalen,

Pflanzenschutzdienst Bonn

4 3

2

tolerierbarer Bereich

nicht tolerierbarer Bereich

3

tolerierbarer Bereich

nicht tolerierbarer Bereich

1 1

1 1

Im ersten Beispiel wurde eine Beizmittelmenge, die 100% der Aufwandmenge

entspricht, ausgebracht. Hier befinden sich 78% aller Körner in einem tolerierbaren

Bereich (blau) von 80 bis 120 Prozent des Beizgrades.

Im zweiten Beispiel wurden nur 80% der zugelassenen Aufwandmenge appliziert.

Folge ist, dass sich der Anteil der im tolerierbaren Bereich befindlichen Körner auf

nahezu die Hälfte (40%) reduziert. 58% aller Körner sind unterbeizt.

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