Kultur ist für Menschen – Menschen sind für Kultur - Die ...

soziokultur.niedersachsen.de

Kultur ist für Menschen – Menschen sind für Kultur - Die ...

undbrief

Zeitschrift für Soziokultur in Niedersachsen

Kulturelle

Infrastruktur

Nr. 42/Januar 2002


Titel

UJZ Kornstraße, Hannover

Foto: M. Mühlhaus/Attenzione

Streifzüge • Kulturpolitik

Projekte und Investitionen

im 1. Halbjahr 2002 ......................... 4

Übersicht über die

Beiratsentscheidungen ..................... 4

1. Kulturpolitischer Diskurs

der LAKS Hessen .............................. 5

Steuerliche Entlastung für

ausländische Künstler und

Künstlerinnen endlich erreicht ........... 5

Wilhelmshaven

Vor Ort

Geestenseth

Seefeld

Leer

Lüneburg

Oldenburg Osterholz-

Scharmbeck

Moormer- Saterland

land

Grauen

Achim

Jameln-Platenlaase

Ringmar

Verden

Walsrode

Quakenbrück

Freren

Nordhorn

Schüttorf Bramsche

Osnabrück

Schledehausen

Melle

Nienburg

Drochtersen-Hüll

Celle

Wunstorf

Hannover Wolfsburg

Stadthagen

Völksen Braunschweig

Hildesheim Wolfenbüttel

Hameln

Salzgitter

Holle-Heersum

Ottenstein

Göttingen

Bürgerschule, Hannover

Der Mut zur Übertreibung .................. 6

KASCH, Achim

Ein soziokulturelles Märchen

von der wundersamen

Verwandlung alter Gebäude ............... 7

Universum, Bramsche

Pavillon, Hannover

Kulturwerk im Eckhaus, Nienburg

Sumpfblume, Hameln

»Krieg ist kein Kinderspiel« ............... 8

UJZ Kornstraße, Hannover

Keine Krise ................................... 10

Kunst und Begegnung

Hermannshof, Springe-Völksen

Völksen leuchtet! Ein Dorf wird

zum Ausstellungsort auf Zeit ............ 11

Sumpfblume, Hameln

Mäander Netzwerk für Kultur ......... 12

Das letzte Kleinod, Geestenseth

Kulturprojekte auf Schienen ............. 13

Theater Orlando, Rastede

studio 8: »Kultur ist für Menschen

Menschen sind für Kultur« ............ 14

SOS-Mütterzentrum, Salzgitter

Mütterlichkeit / Väterlichkeit ........... 15

›alte polizei‹, Stadthagen

Wieder da! .................................... 16

Theaterwerkstatt Quakenbrück

Aktion Rote Karte .......................... 17

Motor sein .................................... 18

Kulturtankstelle Schledehausen

Bunte Tage rund um Dreißig ............ 21

Pressestimmen

Niedersächsische Tageszeitungen

über die Soziokultur ....................... 21

Neues von der LAGS

10 Jahre LAGS-Kulturberatung .......... 22

Kundenbefragungen

selbstgemacht ............................ 22

Tenside freier Kultur ....................... 23

Was tun? Einige Gedanken

»zwischen den Jahren« .................... 24

Hintergründe

Die kommunale Finanzkrise

und ihre Folgen ............................. 25

Service

Bildung ........................................ 28

Literaturtipps ................................ 28

Die LAGS ist

die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur

in Niedersachsen e.V., in der sich 1983

die soziokulturellen Zentren zusammengeschlossen

haben. Zu den Zielen gehören

u.a.: Erfahrungsaustausch, Fortbildung und

die Interessenvertretung insbesondere

gegenüber der Landespolitik und den Landesbehörden.

Seit 1990 wird die LAGS vom

Land Niedersachsen institutionell gefördert.

Seit 1997 ist die LAGS »beliehene Unternehmerin«

des Landes Niedersachsen, das

heißt, dass der Verband für das Land die

Fördermittel für soziokulturelle Projekte und

Investitionen verwaltet.

Die LAGS berücksichtigt bei der Mittelvergabe

Nicht-Mitglieder ebenso wie ihre

Mitgliedseinrichtungen, sofern sie freie

Träger (d.h. juristische Personen des privaten

Rechts) sind. Einen Schwerpunkt hat

sich die LAGS seit 1994 in der Förderung der

ländlichen Kulturarbeit gesetzt.

Außerdem bietet die LAGS Beratung für

soziokulturelle Träger in Niedersachsen.

Für diesen Zweck gibt es zusätzlich zur

Geschäftsstelle vier Regionalberatungsstellen

in Braunschweig, Oldenburg,

Osnabrück und Hannover. An die Beratungsstellen

der LAGS können sich alle Gruppen,

Vereine und Institutionen in Niedersachsen

wenden, die in der Soziokultur tätig sind

oder es werden wollen. Die Beratung ist

grundsätzlich kostenfrei und von der Mitgliedschaft

in der LAGS unabhängig.

Im rundbrief wird regelmäßig über soziokulturelle

Projekte und aktuelle Entwicklungen

in der Kulturpolitik berichtet.

Der Bezug des rundbriefs (auch zusätzlicher

Exemplare) erfolgt über die Geschäftsstelle.

Die Redaktion freut sich über Beiträge,

Leserreaktionen und Anregungen.

Impressum

Herausgeberin:

Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur

in Niedersachsen e.V. (LAGS NDS)

Lister Meile 4 • 30161 Hannover

Tel. 0511 / 348 25 80 • Fax 388 53 63

eMail lags@soziokultur-niedersachsen.de

www.soziokultur-niedersachsen.de

Kto.-Nr. 471993-302

bei Postbank Hannover (BLZ 250 100 30)

Redaktion (v.i.S.d.P.)

und Text: Dorit Klüver (dk)

Gestaltung: freeStyle grafik, Hannover

Druck: unidruck, Hannover

Auflage: 1.300

Namentlich gekennzeichnete Artikel geben

nicht unbedingt die Meinung der Herausgeberin

wieder.

Erscheinungsweise: 4 x im Jahr


Liebe

Leserinnen

und Leser!

Es wirbelt viel Staub in Stadt und Land. Die MitarbeiterInnen

in etlichen soziokulturellen Einrichtungen kommen kaum dazu

Staubmasken und Arbeitshandschuhe abzulegen, wenn sie neben

ihrer eigentlichen Arbeit virtuos mit Schlagbohrer und Mischmaschinen

hantieren. Die Bürgerschule und das UJZ Kornstraße

in Hannover, Das letzte Kleinod in Geestenseth und die Theaterwerkstatt

in Quakenbrück nur einige der Vereine, die um- und

ausbauen, um sich veränderten kulturellen Bedürfnissen anzupassen,

um mehr Platz und bessere Bedingungen zu schaffen

und so die kulturelle Infrastruktur weiter auszubauen.

Schon lange hat Soziokultur auch Scheunen und Mühlen, Hof

und Flur erobert. Mit dem »Förder- und Qualifizierungsprogramm

Ländlicher Raum«, gestartet im August letzten Jahres, hat die

LAGS auf die Vielfalt und große Qualität, vor allem aber auf

die äußerst schwierige Finanzsituation, in der sich die Vereine

auf dem Lande befinden, reagiert und unterstützt so das enorm

große ehrenamtliche Engagement, ohne das Völksen nicht

geleuchtet hätte (Seite 11) und in Quakenbrück die Jugendkultur

und Theaterpädagogik nicht da wäre, wo sie heute steht (Seite

17). Mit dem rundbrief Nr. 41 hatten wir eine Reihe gestartet,

in der sich die Vereine des Qualifizierungsprogramms vorstellen:

In Heckenbeck waren »überall die Tapete runnergerisse« und

in Seefeld wurden die Schaufenster im Dorf mit kritischen und

schmunzelnden weihnachtlichen Installationen zum Adventskalender.

Wir werden mit den kommenden rundbriefen diese

Reihe fortsetzen.

Einen Förderschwerpunkt zur Sicherung der soziokulturellen

Arbeit in Klein- und Mittelstädten hatte die LAGS vor drei Jahren

gesetzt. Ab Seite 18 stellen drei Einrichtungen ihre Ziele, die sie

mit der Förderung verfolgen, die Erfolge und die Grenzen vor.

Bei allen positiven Aussichten, die mit dem Ausbau der kulturellen

Infrastruktur verbunden sind die Finanzkrise der öffentlichen

Haushalten ist akut und bedrohlich täglich scheinen sich

neue Millionenlöcher aufzutun. »Was tun?« fragt Gerd Dallmann

auf den LAGS-Seiten, und mit dem Hintergrundartikel stellt Elke

Flake die Ursachen und Auswirkungen für die kommunale Finanzkrise

dar.

Für die LAGS und den Landesverband Freier Theater wird dieses

Jahr wie kein anderes: Die Büros werden aufgelöst. Gemeinsam

geht es dann weiter in einer Bürogemeinschaft (zunächst).

Wir freuen uns darauf!

Wir wünschen auch Ihnen ein spannendes und vor allem friedliches

neues Jahr!

Der Redaktionsschluss für den nächsten rundbrief ist

der 28. Februar 2002.

3

42 / Jan. 2002


Streifzüge

42 / Jan. 2002

Projekte und Investitionen im 1. Halbjahr 2002

82 Anträge zur Förderung der Soziokultur in Niedersachsen standen für

das erste Halbjahr 2002 zur Entscheidung. Der Beirat der Landesarbeitsgemeinschaft

Soziokultur (LAGS) hat 41 Vorhaben ausgewählt, die mit

515.000 € gefördert werden.

Wieder zeigen die Fülle der Anträge und

die Höhe der Antragsummen einen

Bedarf der weit über das hinausgeht,

was in der Soziokulturförderung möglich

ist.

213.000 € hat der Beirat für 23 Projekte

reserviert. Projekte, die angesichts

der Ereignisse am 11. September

2001 das Zusammenleben unterschiedlicher

Kulturen thematisieren, haben

den Beirat ebenso überzeugt wie Projekte,

die Fragen an die kulturelle

Identität stellen und mit denen aktiv

kulturelle und künstlerische Arbeit

erprobt werden kann. So wird in Northeim

ein Theaterspektakel der Frage

nachgehen »Warum sind wir immer

pünktlich wie die Eisenbahn, immer

auf dem Sprung zu ganz Großem?«.

In Hannover werden SeniorenInnen

gemeinsam mit KünstlerInnen ihre

Lebenserfahrung in Kunstobjekten

sichtbar machen. Auf dem Land werden

Theaterinszenierungen mit bis zu 200

Aktiven neue Akzente in der dörflichen

Gemeinschaft setzen, und Jugendliche

werden unter Anleitung eines afrikanischen

Künstlers eine Skulptur aus

dem Schwemmholz der Elbstrände

installieren. In Oldenburg inszenieren

KünstlerInnen mit und ohne Behinde-

rung einen Festumzug, den »Rabatten

Rabatz« Inszenierungen und Kunstaktionen

mit großer öffentlicher Wirkung,

in denen Laien und Profis sich in ihren

Talenten und Erfahrungen ergänzen.

Um für die vielfältigen kulturellen Aktivitäten

angemessene räumliche und

technische Bedingungen zu schaffen,

hat der Beirat der LAGS 302.000 €

für 18 Anschaffungen, Um- und Ausbauten

in soziokulturellen Einrichtungen

befürwortet, mit denen die kulturelle

Infrastruktur ausgebaut wird.

Es ist der LAGS ein besonderes Anliegen,

den veränderten kulturellen Inter-

Übersicht über die Beiratsentscheidungen

Förder- und

Qualifizierungsprogramm

Ländlicher Raum

Forum für Kunst und Kultur, Heersum:

30.872 €

KuK Kultur und Kommunikation,

Heckenbeck: 7.158 €

Kulturkreis impulse, Freren:

22.413 €

Kulturverein Platenlaase, Jameln-

Platenlaase: 33.745 €

Kunst und Begegnung Hermannshof,

Springe-Völksen: 33.745 €

KunstRaum, Drochtersen-Hüll:

33.745 €

Ländliche Akademie Krummhörn,

Krummhörn-Jennelt: 32.283 €

Phönix Jugend- und Kulturzentrum,

Moormerland: 30.528 €

De Seefelder Möhl, Stadland:

31.956 €

Theaterwerkstatt Quakenbrück:

24.348 €

4

Projekte

Förder- und Qualifizierungsprogramm

Ländlicher Raum 280.794 €

Projekte

Ländlicher Raum 52.720 €

Klein- und Mittelstädte 31.907 €

Großstädte 128.320 €

gesamt 212.947 €

Investitionen

Ländlicher Raum 46.101 €

Klein- und Mittelstädte 74.894 €

Großstädte 180.679 €

gesamt 301.674 €

Ländlicher Raum

Forum für Kunst und Kultur,

Heersum: »Desperados« Dorftheaterspektakel

20.000 €

Kultur auf dem Land, Oberndorf:

»Romeo und Julia Ein Gezeitendrama«

Dorftheaterprojekt

7.500 €

Kulturverein Platenlaase, Jameln-

Platenlaase: »Hamlet MC Eine

Shakespeare HipHop Opera«

Jugendtheater 10.000 €

KunstRaum, Drochtersen-Hüll: Mo

Edoga und die nicht-euklidische

Kunst Kunstprojekt mit

Jugendlichen 5.500 €

Ländliche Akademie Krummhörn,

Krummhörn-Jennelt: »An allem

sind die Hexen schuld« Dorftheaterprojekt

6.912 €

Phönix Jugend- und Kulturzentrum,

Moormerland: »Hiphop

kennt keine Hautfarbe«

1.868 €

Phönix Jugend- und Kulturzentrum,

Moormerland: Kindertheaterprojekt

940 €

Klein- und Mittelstädte

Forum Kultur, Wolfenbüttel:

»Afrika Der unbekannte Kontinent

zwischen Tradition und

Moderne« 9.250 €

Tapas Verein für Kultur, Völkerverständigung

und Umweltschutz,

Lehrte: »Die Stadtdetektive«

Kommunale Kinder- und

Jugendbeteiligung im Kino

2.000 €

Theater der Nacht, Northeim:

»Und eines Tages war der Zug

abgefahren« Theaterprojekt

10.226 €

Universum, Bramsche:

Soziokultur 2002 in der Kleinstadt

Bramsche 10.431 €

Großstädte

Blauschimmel Atelier, Oldenburg:

»Rabatten Rabatz Eine Parkinszenierung«

Theater von Menschen

mit und ohne Behinderung

10.226 €

Brunsviga, Braunschweig: »Einmischen

mitmischen«

Gesprächskreise, Talkrunden,

Lesungen 14.000 €

Domino, Göttingen: »Liebe Viele

Parameter für ein Gefühl«

Jugendtheaterprojekt 4.300 €

essen auf dem Lande nachzukommen

und der überwiegend ehrenamtlich

getragenen Kulturarbeit Kontinuität zu

verleihen. Zur nachhaltigen Stärkung

der ländlichen Kulturlandschaft trägt

insbesondere das von der LAGS initiierte

»Förder- und Qualifizierungsprogramm

Ländlicher Raum« bei. Für zehn

ausgewählte Projekte wurden bereits in

vorangegangenen Sitzungen 280.000 €

für 2002 reserviert. Diese auf dreieinhalb

Jahre angelegten Förderung unterstützt

in besonderem Maße den Ausbau

der kulturellen Infrastruktur auf dem

Land.

Da auch über einige größere Investitionen

schon in vorangegangenen Sitzungen

entschieden wurde, sind für das

Jahr 2002 insgesamt bereits 1,9 Millionen

für die Förderung der Soziokultur

verplant.

Fokus, Osnabrück: Multikulturelle

Kunstparade 5.000 €

Fredenbergforum, Salzgitter:

»Kinder-Kultur-Räume« Kinderkulturarbeit

10.226 €

Herbst Rose, Hannover: »Lebenswelten«

Künstlerische Bearbeitung

von Lebensläufen

15.000 €

KIK Kunst in Kontakt, Hannover:

»Tatort Linden: das allkauf-

Spektakel« Theaterpädagogisches

Projekt 20.000 €

Kulturetage, Oldenburg: »Is doch

normal, ey« Schüler- und

Behindertenprojekt 6.000 €

KulturFabrik Löseke, Hildesheim:

»Willkommen in Hildesheim«

Interkulturelle Projektarbeit

18.000 €

Kulturverein Piesberger Gesellschaftshaus,

Osnabrück: Kultur

pur am Piesberg Sicherung der

soziokulturellen Arbeit

16.500 €

Kurden Komitee Hannover: Kurdische

Kulturtage 2002 3.068 €

Lagerhalle, Osnabrück: »Unsere

Nachbarn, die Muslime«

6.000 €


Investitionen

Ländlicher Raum

Forum für Kunst und Kultur, Heersum:

Erweiterung der Computeranlage

1.650 €

Forum für Kunst und Kultur, Heersum:

mobile Tonanlage

4.800 €

KuK Kultur und Kommunikation,

Heckenbeck: Einbau einer Gasheizungsanlage

22.497 €

KuK Kultur und Kommunikation,

Heckenbeck: Lichtanlage

6.136 €

1. Kulturpolitischer Diskurs der LAKS Hessen

Ein gelungener Einstieg so werteten

die 80 TeilnehmerInnen aus Kultur,

Politik und Verwaltung den 1. Kulturpolitischen

Diskurs in Hessen mit dem

Titel »Soziokultur zwischen Ehren- und

Arbeitsamt ein Zukunftsmodell mit

Vergangenheit?«. Veranstalterin waren

die LAKS Hessen in Kooperation mit der

Hessischen Staatskanzlei im Rahmen

der Landesehrenamtskampagne

»gemeinsam aktiv« sowie die Kulturpolitische

Gesellschaft. Zur zentralen Fragestellung

entwickelte sich die Zukunft

der Soziokultur: Hat sie in Hessen eine

Zukunft? oder genauer: Welche Zukunft

hat die Soziokultur in Hessen?

Die Gegenwart ist durchwachsen: Den

guten Leistungen und Angeboten steht

nur äußerst geringe Absicherung

gegenüber. So wurde denn auch der in

Hessen überdurchschnittlich hohe

Anteil ehrenamtlich Tätiger zwiespältig

bewertet: einerseits als starkes bürger-

KuK Kultur und Kommunikation,

Heckenbeck: Tonanlage

2.368 €

Kulturverein Platenlaase, Jameln-

Platenlaase: Verbesserung der

technischen Ausstattung

2.400 €

Ländliche Akademie Krummhörn,

Krummhörn-Jennelt: Instandsetzung

der Büro- und Gruppenräume

6.250 €

Klein- und Mittelstädte

Forum Kultur, Wolfenbüttel:

Brandschutzmaßnahmen in der

KuBa-Kulturhalle 3.000 €

Pumpwerk, Wilhelmshaven:

Bestuhlung 18.407 €

Theaterwerkstatt Quakenbrück:

Lichtmischpult 3.021 €

Zollhausverein, Leer: Brandschutz,

Eingangsbereich, Heizung

50.467 €

Großstädte

Arbeiterwohlfahrt Bezirksverband

Braunschweig: Instandsetzung

und Erstausstattung Stadtteilzentrum

Eichtal 10.500 €

Brunsviga, Braunschweig: Erneuerung

der Telefonanlage

10.000 €

FAUST Fabrikumnutzung und

Stadtteilkultur, Hannover:

Renovierung des Fußbodens der

60er Jahre-Halle 40.000 €

schaftliches Engagement, anderseits

aber auch als notwendiges Übel der

Selbstausbeutung als Dauerprovisorium.

Auch die personellen, räumlichen und

technischen Rahmenbedingungen lassen

nur bedingt und mit viel Improvisationstalent

ein professionelles Arbeiten

zu.

Einigkeit herrschte über die vielfältigen

Leistungen der Soziokultur im allgemeinen

und in Hessen, über das hohe

Engagement der Akteure und über die

mangelhaften Rahmenbedingungen

aber auch darüber, dass etwas getan

werden müsse, um letzteres nachhaltig

zu ändern.

Meinungsverschiedenheiten gab es in

der parteiübergreifenden »Fraktion der

Kulturpolitiker/innen« der vier Landtagsfraktionen

auf dem Podium nur

wenige, wenngleich in den Details oder

hinsichtlich einer praktikablen Vorgehensweise

unterschiedliche Einschät-

film und video cooperative, Hannover:

Lichtanlage 4.313 €

KulturFabrik Löseke, Hildesheim:

Erweiterung der Computeranlage

1.836 €

Kulturkooperative, Oldenburg:

behindertengerechter Aufzug

69.030 €

Kulturverein Piesberger Gesellschaftshaus,

Osnabrück: Sanierung

der Fenster 38.000 €

Lagerhalle, Osnabrück: Renovierung

von Gruppenräumen, Verbesserung

der Ausstattung der

Seminarräume 7.000 €

zungen deutlich wurden. Aber ob

Infrastrukturprogramme z.B. in Richtung

Sanierung und technische Ausrüstung

oder die Verdoppelung des Etats

für Soziokultur: es gilt, gemeinsam am

Ball zu bleiben, um kulturelle Vielfalt

in Hessen nicht nur zu sichern, sondern

auszubauen.

In diesem Sinne wurde Hermann Glasers

Aussage »Soziokultur soll nicht das

Öl, sondern der Sand im Getriebe sein.

Der aber muss regelmäßig geölt, also

subventioniert werden« zum meistzitierten

Bonmot des Tages.

Eine Dokumentation des 1. Kulturpolitischen

Diskurses kann bei der LAKS Hessen

(vor-) bestellt werden: LAKS Hessen,

Mombachstraße 12, 34127 Kassel,

Tel. 05 61 / 890 68 81, Fax 05 61 / 890

68 82, eMail laks.hessen@gmx.de

Weitere Informationen:

http://www.soziokultur-hessen.de/

symposium.htm

Steuerliche Entlastung für ausländische Künstler

und Künstlerinnen endlich erreicht

Anlässlich der positiven Entscheidung

über die Reform der Besteuerung ausländischer

Künstler im Finanzausschuss

des Deutschen Bundestages erklären

die kulturpolitschen Sprecher Eckhardt

Barthel (SPD) und Dr. Antje Vollmer

(Grüne) sowie die finanzpolitischen

Sprecher Jörg-Otto Spiller (SPD) und

Christine Scheel (Grüne): Ausländische

Künstler und Künstlerinnen und ihre

deutschen Veranstalter können aufatmen.

Im Rahmen des Steueränderungsgesetzes

2001 wird die Besteuerung

von Gagen ausländischer Künstler und

Künstlerinnen erheblich verbessert:

Erstmals gibt es eine Freigrenze pro

Auftritt und Künstler von 250 €. Ab

251 € erfolgt eine gestaffelte Besteuerung.

Von 251 € bis 500 € zu 10%,

von 501 € bis 1000 € zu 15% und

über 1000 € zu 25%. Ab 2003 wird der

höchste Steuersatz auf 20% abgesenkt.

Damit wird der Kulturaustausch insbesondere

mit Künstlern und Künstlerinnen

niedriger Gagen wiederbelebt.

Auf Grund der bisherigen übermäßigen

Besteuerung war er in eine Krise geraten;

Künstler hatten ihre Veranstaltungen

in Deutschland auf ein Minimum

reduziert. Mit der neuen Freigrenze und

den ermäßigten Steuersätzen wird ein

aktiver Beitrag zum interkulturellen

Dialog geleistet.

Hintergrund:

1996 hatte die Kohl-Regierung den

pauschalen Steuersatz für ausländische

Künstler und Künstlerinnen von 15%

auf 25% heraufgesetzt, um den Wegzug

von Spitzenverdienern ins benachbarte

Ausland zu unterbinden. Gleichzeitig

wurde ein Erstattungsverfahren beim

Bundesamt für Finanzen eingeführt.

Für die Gruppe der ausländischen

Künstlern und Künstlerinnen ist der

derzeitige pauschale Steuersatz von

25% außerordentlich hoch, weil die

gesamte Bruttogage also einschließlich

der Kosten für Hotel, Anreise etc.

und auch der Mehrwertsteuer dieser

Pauschalsteuer unterworfen wird. Dieser

Zustand war für die Künstler und

Künstlerinnen und für die Kultureinrichtungen

unzumutbar, zumal viele so

die knappen öffentlichen Fördergelder

gleich wieder an den Staat abführen

mußten.

5

42 / Jan. 2002


Vor Ort

42 / Jan. 2002

Bürgerschule, Hannover

Der Mut zur Übertreibung

Die Nordstadt in Hannover ist kein homogener Stadtteil hier leben

Studenten, viele Alte, und der Ausländeranteil ist hoch. Eine bewegte

Geschichte hat der Stadtteil zudem: Aus erfolgreichen Hausbesetzungen

und jeder Menge Initiativen ist auch die Bürgerschule entstanden, und

damit steht sie nicht alleine in der Nordstadt.

Stadtteilorientiert wird

hier gearbeitet, öffentliche

Veranstaltungen

müssen auch von den

festen Nutzergruppen angeboten werden,

das haben sie schwarz auf weiß,

es steht im Vertrag, so wurde es basisdemokratisch

beschlossen, und es ist

eine gute Idee. Aber die Zeiten haben

sich eben doch geändert, manche Nutzer

haben aus ihrer Passion einen Beruf

gemacht, Zeit für Karriere, nicht für

Kurse irgendwie ja auch ein schöner

Erfolg. Neuorientierung und Umbrüche

sind notwendig geworden:

Zurzeit sind es überwiegend die festen

Gruppen, die darauf warten, die Bürgerschule

und vor allem den Tanzsaal

wieder zu beleben: das Schwulen- und

Lesbenbüro möchte wieder Tanzkurse

anbieten und rauschende Feste organisieren,

und Sport soll hier getrieben

werden. In den anderen Räumen werden

Sprachkurse organisiert, ein Raum

wird als Atelier genutzt, in einem

arbeitet die Design-Werkstatt, fest im

Haus ist auch der Kinderladen. Mit dem

Dachausbau wird mehr Platz entstehen

für Spontan- und Festnutzer, für mehr

Kooperation und Offenheit und für die

Bedürfnisse der Nordstädter; Skat soll

es geben und zusätzliche Sprachkurse,

Feste und Integration. Dafür wird nun

aus- und umgebaut, Gruppenräume

und Büros. Und so ist jetzt auch der

Tanzsaal wie fast das ganze Haus mit

feinem weißen Puder überzogen …

es ist ein staubiger Weg zum Stadtteilzentrum.

Viel ist schon geschafft auf dem Weg:

Stadtteilforum, Friedensforum, Fahrradwerkstatt

und ein studentisches

Fernsehmagazin sind nur ein Teil der

Initiativen, die sich hier treffen. Jetzt

werden einige feste Nutzer umziehen,

in neue und kleinere Büros, von denen

es nach dem Umbau mehr geben wird.

Kaum war das bekannt, gingen die

Bewerbungen ein in der Bürgerschule

dreimal soviel wie Räume zur Verfügung

stehen. Aber eines ist vorbei, das

sehen die Betreiber der Bürgerschule:

Doppelbelegungen, mehrere Initiativen,

die sich einen Büroraum teilen, das

gehört nur noch zur Geschichte der

Betreiber, bestimmt aber nicht zu derjenigen

der neuen Initiativen. Und

trotzdem oder gerade deshalb: es

6

herrscht hier eine große Sympathie und

auch ein bisschen Bewunderung für

das, was die Jugendlichen heute leisten:

klar sind sie in ihren Entscheidungen

und schnell basisdemokratisch

nicht unbedingt, aber effizient, das

fällt auf, auch auf Bewunderung. Das,

was sie wollen, das machen sie deutlich,

sehr deutlich der Mut zur Übertreibung,

kein »sollten wir nicht« oder

»könnten wir vielleicht«, auch das ist

anders und macht Eindruck. Sie werden

den Charakter der neuen Bürgerschule

prägen, der VEJ Verein für Erlebnispädagogik

ist schon eingezogen und

mit ihm Jugendliche, und die werden

dann einiges lernen können von denen,

die auch neu in die Bürgerschule einziehen

werden: den Jungs vom Chaos

Computer Club nicht nur über Datenschutz,

sondern bestimmt auch darüber,

wie man schnell Entscheidungen

fällt.

Die Entscheidungen in der Bürgerschule

sind längst gefallen: eine bessere Infrastruktur

und mehr Service schaffen,

weiter in den Stadtteil gehen und

Impulse geben, aber auch hören was

die Leute wollen, Hemmschwellen

gerade für die Alten abbauen, sie von

ihren Fenstern in die Bürgerschule

locken, erstmal nachmittags und

irgendwann dann auch zum Abend,

wenn sich die anfängliche Scheu gelegt

hat; die Kooperation in Stadtteil

wiederbeleben und endlich einen schönen

Tanzsaal einen, der schon beim

Angucken Spaß macht.

dk


KASCH, Achim

Ein soziokulturelles Märchen von der

wundersamen Verwandlung alter Gebäude

Vor langer, langer Zeit, als noch die Wölfe in der Achimer Marsch heulten

und Schneemenschen die weniger zahlreichen Fußgängerzonen der kleinen

Weserstadt am Südrand Bremens bevölkerten, gab es kein KASCH. Auch

von soziokulturellen Aktivitäten aus dieser Periode berichtet der Chronist

nichts.

Achim brauchte

lange und zum

Teil dauert dieser

Zustand an , um

seine städtische Identität zu finden.

Wie in vielen anderen Kleinstädten, die

mit der Gemeindereform der siebziger

Jahre aus einzelnen Dörfern geschmiedet

wurden, entstand keine Gemeinsamkeit.

Ortsgesicht und Stadtkern

entwickelten sich erst in den achtziger

Jahren durch die Innenstadtsanierung.

Und es begab sich zur gleichen Zeit,

dass Initiativen, die sich in den traditionellen

Kulturangeboten nicht

wiederfanden, versuchten, dem eigenen

Lebensstil Raum zu verschaffen: In

einer alten Dorfgaststätte, 1873 für die

Treffen der Schützen gegründet, sollte

eine Stätte der kulturellen Begegnung

errichtet werden. Mit viel Schwung

und großer Unterstützung wurden die

ersten Fantasien gesponnen und beinahe

zur Realisation geführt. Die politischen

Verhältnisse verhinderten für

einige Jahre eine Weiterentwicklung.

Feierlichen Einzug im neugestalteten

»Alten Schützenhof« hielten die Musen

schließlich 1990. Nach heftigen Diskussionen

im Rat hatte die Stadt sich dazu

entschlossen, das alte Gebäude umzubauen

und die Trägerschaft einem Verein

ausgestattet mit einem jährlichen

Betriebskostenzuschuss zu übergeben:

kulturelles Leben sollte sich möglichst

offen entfalten können.

Die MitarbeiterInnen und der junge

Verein standen mit all ihrer Unerfahrenheit

und ihrem Enthusiasmus vor einem

Gebäudekomplex von mehr als 1.000 m 2 ,

der organisiert und belebt werden

wollte. Dabei gab es natürlich neben

allen Freunden und Förderern, allen, die

lange auf die Wiedereröffnung als Vereinsgaststätte

gewartet hatten, auch

viele Skeptiker, die die Entwicklung

des Hauses mit Argwohn begleiteten.

Traditionelle Vereine wie das plattdeutsche

Amateurtheater »Speeldäl«, der

örtliche Kaninchenzuchtverein, die

Parteien, die das Haus bereits vor der

Renovierung genutzt hatten, und auch

die neuen Gruppierungen wie die Achimer

Geschichtswerkstatt, das Kommu-

nale Kino, Elterngruppen oder der

Kunstverein, sie alle sorgten mit ihrem

gegenseitigen Respekt für die große

Akzeptanz des Kulturhauses. Allen war

von Beginn an klar, dass das KASCH

Heimat für sehr unterschiedliche Gruppen

sein mußte. Inzwischen gibt es

etwa 60 alters- und bevölkerungsübergreifende

Gruppierungen, die mehr oder

weniger regelmäßig das Haus nutzen

und 60.000 AchimerInnen, die es jährlich

besuchen. Der Alte Schützenhof

wurde zum KASCH und ist aus dem kulturellen

Leben Achims nicht mehr wegzudenken.

Das bestätigte auch die Feier

zum Zehnjährigen, auf der viel Lob,

eingestandene Fehleinschätzungen und

viele »Weiter so« verteilt wurden.

Und heute?

Das Gebäude ist alt, die Substanz leider

nicht die Beste, und mit »Weiter so«

war nichts. Wie der Frosch aus dem

Märchen saß der alte, häßliche Saal

vor uns, und es fand sich zunächst

niemand, der ihn küssen wollte. An

die Wand werfen verbot sich aus den

beschriebenen Gründen von selbst

und hätte wohl den ersten spontanen

Selbstabriß eines Hauses bedeutet.

Wir brauchten mehr und besser

geschnittene Räume und wollten die

fällige Sanierung mit einer Verbesserung

des Raumangebots verknüpfen,

um eine effizientere Nutzung zu erreichen

und endlich auch jugendkulturelle

Aufgaben übernehmen zu können. Nach

gut elf Jahren betrieblicher Erfahrung

konnten wir sehr klare Vorstellungen

von den Funktionen der Räume einbringen.

Gemeinsam mit den planenden

Architekten entstand ein Konzept sehr

nah an unseren Idealvorstellungen,

das erwarten läßt: »Kleinstadtkultur«

entwickelt sich weiter.

Die finanzielle Unterstützung des Landes

hat dazu geführt, dass auch die

Kommune sich noch einmal finanziell

engagieren wird. Darüber hinaus hat sie

mit einem Vertrag über 25 Jahre eine

ausgesprochen große Planungssicherheit

für Nutzung und Förderung garantiert.

Auf Dauer mit dem Haus verbinden

können sich auch NutzerInnen, Freunde

und Förderer: Der »Stein-Schein« für

eine Mindestspende von 50 € mit dem

in Ton gebrannten eigenen Namen legt

auch für die Baukosten ein Fundament.

Jetzt heißt es für den Verein, dieses

große Bauprojekt mit allen möglichen

und denkbaren Problemen durchzuführen

und abzuschließen. Diese Herausforderung

wird viel Kraft erfordern und

das zeigt sich bereits alte und neue

Kräfte mobilisieren. Wenn sich die

Hoffnungen erfüllen und der Umbau im

Jahre 2003 abgeschlossen sein wird,

gibt es einen zusätzlichen Veranstaltungsraum

für Theater, Kabarett, Konzerte,

als Probebühne, Vortragssaal und

vieles mehr, ein Atelier für bildende

Künstler, einen weiteren Seminarraum,

ein aufgeräumteres Foyer, mehr Platz

für Technik, Stühle, Künstler und Personal,

mehr Toiletten, stabile Wände und

Decken, Sekt und eine gute Chance, die

Kultur in Achim, der Kleinstadt an der

Weser, noch ein Stück weiter zu entwickeln,

denn … wenn sie nicht gestorben

sind, dann leben sie noch heute.

Andreas Hein-Köcher

7

FOTO: MARLIES MIGOWSKY

42 / Jan. 2002


42 / Jan. 2002

Universum, Bramsche / Pavillon, Hannover / Kulturwerk im Eckhaus, Nienburg / Sumpfblume, Hameln

»Krieg ist kein Kinderspiel«

»Krieg ist kein Kinderspiel« war ein niedersachsenweites Projekt von März

bis November 2001, initiiert von der CulturCooperation in Hamburg und

dem Verein »Hilfe für Kinder in Not« in Hannover.

Im Mittelpunkt des Projekts stand die

Ausstellung »Ich habe den Krieg

gezeichnet« mit Kinderbildern aus

Kriegs- und Krisengebieten der letzten

70 Jahre. So unterschiedlich die Bilder

sind einige von drastischer Expressivität,

andere eher grafische Tatsachenberichte

, dokumentieren sie mit

erschreckender und simpler Deutlichkeit

Erlebnisse, Erfahrungen und Beobachtungen

von Kindern im Krieg. Sie zeigen,

wie sich Kriege unmittelbar und

langfristig auf das Leben der Kinder

auswirken, und es wird deutlich, in

welchem Ausmaß Kinder weltweit vom

Kriegsgeschehen betroffen sind.

An dem Projekt beteiligten sich zehn

Einrichtungen in Niedersachsen, davon

vier soziokulturelle, in der LAGS organisierte

Zentren. Das Projektkonzept

bestand darin, in Kooperation mit lokalen

Einrichtungen ein Rahmenprogramm

zur Ausstellung zusammenzustellen,

sodass in jeder beteiligten

Stadt Projekte mit verschiedenen thematischen

Schwerpunkten und Veranstaltungen

entstanden. Über die

Kooperation zwischen den soziokulturellen

Zentren gab es einen Austausch

über mögliche thematische Akzente,

Kontaktadressen und Möglichkeiten der

verbesserten Zielgruppenbewerbung.

Auf Grund der gestaffelten Projektzeiten

profitierten wir untereinander

von den bei bereits gelaufenen Projekten

gesammelten Erfahrungen.

Für die in der zweiten Jahreshälfte

angesetzten Projektzeiten wurde das

Thema in Folge des 11. September

hochaktuell.

8

Hier ein paar beispielhafte

Projektausschnitte:

Universum, Bramsche

Zum Auftakt des Projekts

»Krieg ist kein Kinderspiel«

in Bramsche

gab der Circus

Ethiopia

ein Kultur- und Straßenkinderprojekt

aus Addis Abeba, Äthiopien

mit einer Gruppe von ca. 25 Artisten

und Musikern im Alter von 14 bis 22

Jahren zwei Schulvorstellungen. Etwa

850 Schüler von verschiedenen Bramscher

Schulen waren begeistert von der

temporeichen und stimmungsvollen

Show, in der traditionelle Tänze, Trachten

und Musik gekonnt gemischt waren

mit Jonglage, Akrobatik, Pantomime

und Schauspiel. Zugleich war der Circus

Ethiopia für die Bramscher Schüler ein

anschauliches Beispiel dafür, wie Kindern

und Jugendlichen aus einem von

Hunger, Armut und Krieg gezeichneten

Land durch dieses Kultur- und Straßenkinderprojekt

eine neue Perspektive

und »Heimat« gegeben werden kann.

Ein weiterer Schwerpunkt im Rahmen

des Projekts wiederum in Kooperation

mit Bramscher Schulen war die

Beschäftigung mit dem Thema

»Gewalt/Konflikte in Bildschirmspielen«.

Die Schüler haben die Mechanismen

und den Realitätsbezug von

Computerspielen untersucht und die

Ereignisse kritisch reflektiert. Gewaltfreie

Lösungen wurden gesucht und

kreativ im Computerspiel umgesetzt.

Sumpfblume, Hameln

Schwerpunktthema

waren die Auswirkungen

von Krieg

auf die Lebenswirklichkeit

und

Perspektiven von Kindern und Jugendlichen

in Krisengebieten. Über die Thematisierung

der Situation von minderjährigen

Flüchtlingen in Deutschland

wurde versucht, einen Transfer vor Ort

herzustellen.

Besonders beeindruckend war der Vortrag

von Dr. Benjamin Leumni (Jurist,

Kriminologe und Lehrbeauftragter an

der FH Hamburg), der sich für unbegleitete

minderjährige Flüchtlinge in Hamburg

einsetzt und anhand von zahlreichen

persönlichen Erlebnissen die

Diskrepanz zwischen »theoretischer«

Kinderrechtskonvention und Grundgesetz

einerseits und praktischer Ämterrealität

andererseits verdeutlichte.

Beim Guckkastenbau mit Flüchtlingskindern

in Hameln zum Thema »Leben

im Frieden/Leben im Krieg« entstanden

durchweg einfallsreiche Traumwohnungen

das Leben im Krieg wurde von

den Kindern nicht thematisiert.

Durch den Anschlag in New York am

11. September und die Unklarheit der

Folgen daraus bekam das Projekt eine

ganz neue Brisanz. Die Führungen

durch die Ausstellung für Schulklassen

und andere Gruppen gaben regelmäßig

Anlass zum Austausch über die aktuellen

Ereignisse.

Kulturwerk im Eckhaus

Acht örtliche

PartnerInnen

haben sich an

der Planung

und Organisation des Begleitprogrammes

zur Ausstellung »Ich habe den

Krieg gezeichnet« beteiligt. Info-Veranstaltungen,

Filme, Lesungen, Theater

und Workshops sollten unterschiedlichen

Altersgruppen die Annäherung

an das Thema ermöglichen. Schwerpunkte

waren die Themen Gewalt im

Alltag und in den neuen Medien und

das Thema Flucht.

Die Veranstaltung »Alptraum Flucht« ist

hier besonders zu erwähnen: aus der

Alltagsarbeit von Asylum e.V. und dem

Begegnungszentrum eines Stadtteiles

mit großem Anteil ausländischer MitbürgerInnen

entstand die Idee, Fluchtbiografien

szenisch darzustellen und

der Öffentlichkeit zu präsentieren. Fünf

Migrantinnen aus Syrien, Afghanistan,

der Türkei und Aserbaidschan waren

bereit, die Erlebnisse, Hoffnungen,

Ängste und Alpträume ihrer Flucht in


Einzelgesprächen preiszugeben. Die

Schauspielerin und Schriftstellerin

Jutta Krause hat, umrahmt von Violinenspiel

und eingebettet in Textpassagen

anderer Schriftsteller, diese Fluchtbiografien

auf die Bühne gebracht. Für

die Migrantinnen waren die Gespräche

zur Vorbereitung der Veranstaltung

bewusste Reflexion. Sie sind darin

bestärkt worden, ihre Erlebnisse öffentlich

zu machen: sie sind an die Öffentlichkeit

gegangen, sowohl zur Ausstellungseröffnung

als auch zu »ihrer

Veranstaltung«. Für das Publikum war

es ein aufwühlender Abend, der die

unvorstellbaren Bedingungen einer

Flucht erfahrbarer gemacht hat ein

Abend, der vielleicht dazu beigetragen

hat ausländische MitbürgerInnen mit

anderen Augen zu sehen.

Für eine Kultur des Friedens streiten,

Pavillon

Soziokultur und

Krieg? Am 4. September

begann das

Projekt »Krieg ist

kein Kinderspiel«.

Es warb für friedliche Konfliktregelung,

für zivilgesellschaftliche Strategien

gegen Hass und Krieg (»Ihr könnt

etwas tun«), für Aktionen zum Weltkindergipfel

(»www.AlleAnsNetz.de«), für

Aktionen wie die Anti-Minen-Kampagne

(medico international & Verband der

US-Vietnam-Veteranen). Dann erlebten

wir das ungeahnte Drama des Herbstes,

die Kaperung ziviler Flugzeuge für

Attentate in New York und Washington

und in der Folge den Einsatz hochentwickelter

Waffensysteme in Afghanistan.

Die einzelnen Veranstaltungen des

bereits begonnenen Projekts bekamen

in mancher Hinsicht eine hohe Brisanz.

Darüber hinaus wollten wir uns in diesen

Zeiten »widerwärtiger Taten und

hohler Worte« (Gyorgy Konrád) nicht

»der Dummheit ergeben« (Susan

Sontag). Wir haben daher praktische

Schritte des öffentlich-kritischen Nachdenkens

organisiert: »Pavillon aktuell

Einladungen zum Nachdenken«,

»Den Terror überwinden«, »Brücken

bauen gegen den Hass«, »Die Macht

der Medienberichterstattung« und

»Humanitäre Hilfe für die Bevölkerung

in Afghanistan« waren einige unserer

Veranstaltungen.

Die Notwendigkeit eines »Politikwechsels«

wurde in vielen Diskussionen im

Pavillon und an anderen Orten der

Stadt deutlich. Neben Angst und Unsicherheit

kommt immer wieder große

Hoffnung auf Deeskalation, auf Dialog

und Austausch zwischen zivilgesellschaftlichen

Kräften zum Ausdruck.

Auch in den Ausbau der Kommunikationsnetze

zwischen globalisierungs-

kritischen Bewegungen in aller Welt

werden hohe Erwartungen gesetzt.

Grundüberzeugung vieler Debatten ist,

dass der Einsatz für eine gerechtere

Weltordnung gegen Armut und Hunger

mehr positiven Einfluss auf die Lebensperspektiven

haben wird als die neuen

Einsatzmöglichkeiten der Militär- und

Geheimdienstkräfte. Unsere Gesellschaft

braucht mehr Kompetenz zu

Konfliktmanagement: internationale

Strategien gegen Gewalt, Elend und

Armut, Kampagnen gegen Rassismus

und für innenpolitische Deeskalation.

Die Datensammelwut der Innenbehörden

und die Aufstellung neuer Militärkontingente

hilft da nicht weiter

das war eine starke Überzeugung vieler

Beteiligter der Veranstaltungen im

Pavillon.

Was können öffentliche Foren

für die Diskurse und Aktivitäten

Anfang 2002 bewirken?

Vielleicht denkt bald niemand mehr an

die Erpressung von Bonn. Möglicherweise

wird das Medien-Interesse bald

von dem zerschundenen Land im Mittleren

Osten auf andere Krisengebiete

der Welt schwenken. Die nächsten Militäraktionen,

sei es am Horn von Afrika

oder im Irak, werden alle Aufmerksamkeit

binden. Aber zu den Anschlägen

des 11. September und dem Beginn der

Militärangriffe ab dem 7. Oktober samt

den innenpolitischen Folgen bleiben

viele Fragen offen. Wie der kalte Krieg

Jahrzehnte lang umstritten blieb, wird

auch die neue Phase des heißen Krieges

umstritten bleiben (müssen).

Wenn unsere Gesellschaften als offen

und demokratisch verfasste Bestand

haben sollen, weisen viele Resultate

des 11. September und 7. Oktober den

falschen Weg. Terroranschläge gegen

zivile Ziele, aber auch eine Justiz, die

Militärtribunale einrichte, eine Innenpolitik,

die geheimdienstliche Befugnisse

ausweitet und BürgerInnenrechte

beschneidet, eine Migrationspolitik,

die auf eine Verhärtung im Umgang mit

ZuwanderInnen setzt, eine Haushaltspolitik,

die immense Staatsausgaben

für Militärstrategien mobilisiert, statt

in den Bildungs-, Sozial- und Kulturbereich

zu investieren, kann zwar

kurzfristig die aufgeheizte politische

Stimmung nutzen. Aber mittel- und

langfristig sind diese Politikstrategien

nicht zukunftsfähig.

Der Pavillon wird aus dem großen

Bedarf nach aktuellen Foren neue

Akzente für 2002 gewinnen. Wir werden

versuchen, Methoden und Strategien

zivilen BürgerInnen-Engagements zu

kultivieren, Kontakte zu zivilgesellschaftlichen

Organisationen auch in

den USA zu entwickeln und der bundes-

deutschen und EU-Außenpolitik mehr

Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei

haben wir PartnerInnen in vielen

gesellschaftlichen Bereichen und

erfreuliche Anknüpfungspunkte im

globalen Kontext. Für uns hat die

»Zivilisation des Dialogs« (Rigoberto

Menchu) an Bedeutung gewonnen

in der »Internationalen Dekade für eine

Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit

für die Kinder der Welt« der UN

(www.unesco.org).

Klaus Strempel/Annette Runge/

Marianne Pinke-Zimmermann/

Dieter Mehring

9

42 / Jan. 2002


42 / Jan. 2002

UJZ Kornstraße, Hannover

Keine Krise

Zum Thema Umbaumaßnahmen geistert seit ewigen Zeiten bei uns ein

Spruch herum: »Immer wenn die Korn in der Krise ist, wird renoviert.«

Nun ist dies mit dem Umbau des Veranstaltungsraums nicht der Fall, aber

dennoch: ein Umbau ist nie nur ein »technisch Ding«. Und ist er kein

Krisenmanagement, so zwingt er dazu, sich der eigenen Konzeption und

ihrer Veränderung zu vergewissern. Von einem solchem Prozess handelt

dieser Artikel.

Man stelle sich ein

unabhängiges Jugendzentrum

vor, das

älteste seiner Art,

gegründet 1972 als Teil der Jugendzentrumsbewegung,

bundesweit

bekannt für seine Konzeption der proletarischen

Jugendarbeit. Mit der Anti-

AKW-Bewegung wird seine Förderung

gestrichen, und ab Anfang der 80er

regiert der Punk. Ab 1990 wird das

Gebäude grundlegend saniert, nur der

Konzertraum verbleibt dank fehlender

Gelder im Charme der 80er. Dies ist

zunächst auch kein Problem, läuft der

Konzertbetrieb doch weiter wie bisher.

Doch es verändert sich was: mit Teilen

der Punk-Bewegung kommt es zum

Bruch; Auslöser war eine Sexismus-

Debatte. Andere Subkulturen nutzen

die Korn für ihre Veranstaltungen, die

unabhängige Restlinke konzentriert

sich auf das Zentrum, neue Leute kommen

hinzu. Es entsteht eine Mischung

aus sozialem und politischem Engagement

und jugendlichen Subkulturen.

Doch unabhängig davon bleibt der

Konzertraum obwohl immer häufiger

ein Ärgernis so wie er war.

Die Ansprüche der Veranstaltenden

sowie der Konsumierenden wachsen,

die nachvollziehbare Kritik häuft sich

nicht nur angesichts der Tatsache,

10

dass andere Veranstaltungszentren

»aufrüsten«. Seit längerem hat sich die

Korn als Kulturveranstaltungszentrum

etabliert, die Konzerte sind im Allgemeinen

gut besucht oftmals von

einem Publikum, das sich auch nicht

davon abhalten lässt, dass es von der

Band nur dann was zu sehen bekommt,

wenn man sich durch die Leute wühlt,

um auf die Bühne zu klettern, denn die

Bühne ist so niedrig, dass kaum mehr

als die vorderen fünf Reihen etwas

sehen können, und die Stützen mitten

im Raum tun ihr Übriges dazu.

Auch bei Diskussionsveranstaltungen

geht die BesucherInnenzahl über die

Möglichkeiten des Raumes hinaus: die

RednerInnen nicht sehen zu können,

weil der Kreis so groß ist, dass die

Stütze in die Runde mit einbezogen

werden muss, ist nicht sonderlich

attraktiv.

Und zu guter Letzt: für Filmvorführungen

oder Theater und Kabarett wird die

Korn in der Planung aus genannten

Gründen schon von vornherein nicht

einbezogen.

Es langt.

Der Konzertraum muss umgebaut werden.

Doch die Differenz zwischen Idee

und Realität ist groß, und diese Differenz

heißt zunächst 200.000 DM.

Zusätzlich zu der Frage nach der Finan-

zierbarkeit eines solchen Projekts war

klar, dass ein gehöriges Maß an Eigenarbeit

erforderlich sein wird. Und

ebenso bedeutet dies Akzeptanz von

Seiten unserer zahlreichen NutzerInnen,

stehen doch eine Menge Dreck und

eine massive Einschränkung des laufenden

Betriebes während des Umbaus ins

Haus.

Ein Ziel jenseits aller Partikularinteressen

muss also her, und zu finden ist

dies nur in der Reflexion der eigenen

Gesamtkonzeption. Die Mischung aus

sozialem, politischem Engagement und

jugendlichen Subkulturen wird dabei

nicht als Last, sondern als Arbeit und

Herausforderung empfunden. Dieser

Aufgabe soll auch der umgebaute Konzertraum

gerecht werden, der jetzt wieder

nomen est omen Veranstaltungsraum

heißt.

Jetzt wird das bisherige Flachdach

durch ein Pultdach ersetzt, um die lästigen

Säulen verschwinden zu lassen

und dank größerer Raumhöhe eine

höhere Bühne einbauen zu können.

Durch einen Laufgang wird der Backstage-Raum

auf dem Dachboden an die

Bühne angeschlossen und erlaubt so

endlich Theateraufführungen. Holzfußboden

und entsprechende Beleuchtung

sollen eine adäquate Atmosphäre für

Lesungen und Ausstellungen schaffen.

Was also bleibt von der »Ausweitung

der Infrastruktur«? Nicht nur ein

kleines »Schmuckkästchen« an Veranstaltungsraum,

sondern auch ein

geschärftes Bewusstsein über die eigenen

Möglichkeiten und Aufgaben.

Vorerst eine gute Bilanz.

Dirk

Aktuelle Bilder vom Umbau:

http://www.ujz-korn.de

FOTOS (4): M. MÜHLHAUS/ATTENZIONE


Kunst und Begegnung Hermannshof, Springe-Völksen

Völksen leuchtet!

Ein Dorf wird zum Ausstellungsort auf Zeit

»Endlich brauch’ ich meine Schaufenster mal nicht selbst zu machen.« Für

Anita Marock, Inhaberin eines kleinen Gemischtwarenladens in Völksen,

war dies sicher nicht der einzige Grund, das Projekt »Lux Aeterna Licht

Bilder Klänge« zu unterstützen.

Aber Sie genoss es, viele staunende Gesichter und leuchtende Augen an

ihren Fenstern zu sehen, die die Installation mit den bunten, wassergefüllten

Weckgläsern des Künstlers Karl Möllers bestaunten, als wären

darin Träume und Erinnerungen konserviert. Auf der anderen Straßenseite

beim Schlachter Rohlfs glitzerte ein lebendig wirkendes Gebilde,

»Schmetterlingsglut« von Emy Brenneke. Die flatternden, floralen Wesen

erzählen von utopischen, urzeitlichen Lebensformen.

»Lux Aeterna Ewiges

Licht« war der Titel

einer ungewöhnlichen

Lichtkunstausstellung,

die in der zweiten Novemberhälfte ein

ganzes Dorf zum Ausstellungsort auf

Zeit werden ließ. 16 Schaufenster entlang

der Steinhauerstraße zeigten von

Künstlern gestaltete Bildwelten. Die

Idee, »die Kunst ins Dorf zu bringen«,

hatte Eckhart Liss, Künstler und Organisator

auf dem Hermannshof, schon

früher. Mit den »Hörgängen« im Expo-

Jahr hatte der Verein Kunst und Begegnung

Hermannshof verschiedenste

künstlerische Aktionen in ungewohnte

Zusammenhänge gebracht.

»Kunst in den Alltag zu integrieren

schafft einerseits Irritation, andererseits

entstehen gerade durch die Integration

in die dörfliche Struktur neue

schöpferische Impulse«, so Eckhart

Liss. Ein zusammen mit der Kirchengemeinde

Völksen realisiertes Konzert

brachte die Veranstalter auf die Idee,

Kunst und Kirche in einen Dialog zu

bringen. Um die Sinnsuche in der Kirche

und die Sinnsuche in der Kunst

ging es daher nicht nur theoretisch,

wie bei dem Gesprächsabend mit Vertretern

der Kirche und Künstlern. Themen

wie Licht und Finsternis, Tod und

Ewigkeit waren Gegenstand von Konzerten,

Lesungen und Gottesdiensten, die

in der Völksener Kirche stattfanden. Mit

ihrer eigens für diesen Raum konzipierten

Arbeit »love lights« hatte die

Lichtkünstlerin Yvonne Goulbier den

Altarbereich in atmosphärisches Licht

getaucht.

Wie viele Hannoveraner und Leute aus

den umliegenden Dörfern durch Artikel

und Fotos in Zeitungen oder den beiden

NDR-Fernsehbeiträgen in »Hallo Niedersachsen«

und »DAS« auf das Projekt

aufmerksam wurden, lässt sich kaum

abschätzen. Die Resonanz war jedenfalls

gewaltig. Allein 1.500 Besucherin-

Abends leuchtet die Kunst im Dorf

nen und Besucher wurden während der

täglichen Kirchenöffnungszeiten von

17.00 bis 20.00 Uhr gezählt.

»Lux Aeterna« in die stille und dunkle

Jahreszeit zu legen, erwies sich als

ideal. Ideal waren auch die »dörflichen«

Lichtverhältnisse, um den

Lichtzauber ins rechte Licht zu setzen.

Bei der Eröffnung gingen aber erst einmal

die Lichter aus. Stephan Meier, der

die farbigen Bildsequenzen aus dem

Film »Kandinskys Violett« von Kirsten

Winter musikalisch untermalen wollte,

wartete im Feuerwehrgerätehaus geduldig

auf seinen Einsatz. Und mit ihm

warteten 350 Zuschauer im faden Kerzenschein

auf Strom. Das ganze Dorf

war auf den Beinen, trotz Kälte und

Novembergrau. Die Aktion hatte viele

mobilisiert: die Begeisterung der

Geschäftsleute, sich an dem Projekt zu

beteiligen, hatte auch die Kunden

angesteckt dabei wußten die meisten

selbst nicht recht, was da auf sie

zukommt, und bis zum Ende blieb die

spannende Frage »Was kommt denn in

unsere Fenster?«.

Dahinter verbarg sich allerdings mehr

Neugierde als Sorge. Die Schlachtersfrau

Karla Becker jedenfalls hatte sich

mit »ihrem« Himmelsbild recht schnell

angefreundet. Vielleicht lag es daran,

dass ihr Mann früher selbst Maler war

und in Schweizer Kirchen und Klöstern

gearbeitet hatte. Beim Aufbau jedenfalls

fachsimpelte Herbert Becker mit

dem Künstler aus Wiesbaden, Raitz von

Frentz, über Lasuren und Farben.

Ähnlich ging es den Mitarbeiterinnen

der Bäckerei Friedrichs. Sie identifizierten

sich mit den pochenden Herzen und

waren in Sorge, als diese einmal nicht

funktionierten.

Gerade der unmittelbare Kontakt zwischen

Ladenbesitzern, Kunden und

Künstlern, der während des Aufbaues

entstand, brachte interessante Gespräche.

Abends standen Grüppchen von

Leuten vor den Schaufenstern. Man

sprach über das Projekt und die Installationen.

Inzwischen sind die Kunstobjekte verschwunden,

und in den Fenstern liegen

wieder Schreibblöcke und Stifte, Körbe

und Kräutertees. Und doch ist eine

ganze Menge anders als zuvor. Antje

Smollich, die in Völksen lebende Künstlerin

der Arbeit »Shadows«, einer Art

Stillleben aus Gegenständen des Alltags,

gesteht beim Nachtreffen im Dorfgemeinschaftshaus:

»Seit der Ausstellung

fühle ich mich viel mehr als

Völksenerin. Viele haben mich angesprochen

und gesagt, dass sie es einfach

toll fanden«.

Rosie Wetzel

FOTOS (2): DETHARD HILBIG

Ulla Nentwig trifft

letzte Vorbereitungen

11

42 / Jan. 2002


42 / Jan. 2002

Sumpfblume, Hameln

Mäander Netzwerk für Kultur

Seit dem Jahr 2000 bemüht sich die Sumpfblume in Hameln um eine verstärkte

Vernetzung der kulturellen Initiativen und Einrichtungen in der

Stadt. Von der Sumpfblume initiiert und organisiert, gibt es nunmehr

»Mäander« das Netzwerk für Kultur in Hameln, mit regelmäßigen Treffen

und gemeinsamen Aktionen. Darin sind von der privaten Galerie über

das städtische Theater und den Landschaftsverband Hameln-Pyrmont bis

zur Kulturstiftung Hameln sowohl städtische als auch private und freie

Kulturträger organisiert.

SPOKUSA, Hannover

Neue Geschäftsführung

12

In diesem Jahr gab es neben

dem Erfahrungsaustausch

und der Koordination von

Veranstaltungsterminen, die

ersten gemeinsamen öffentlichkeitswirksamen

Aktionen. Beim

»1. Hamelner Kulturtag« im Juni dieses

Jahres konnte Mäander seine Idee der

Vernetzung erstmals auch publikumswirksam

inszenieren. Unterstützt durch

die Kulturstiftung Hameln, gelang es,

einen Tag zu organisieren, der das

breite Spektrum der kulturellen Aktivitäten

in Hameln und im Landkreis

widerspiegelte: über 70 Vereine und

Institutionen mit ca. 300 Akteuren

stellten rund 6.000 Besuchern einen

Tag lang das kulturell-künstlerische

Leben in der Stadt, aber auch im Landkreis

vor.

Neben einer zentralen Bühne und

einem Platz für die Selbstdarstellung

der Vereine, Künstler und Institutionen

waren fast alle Kultureinrichtungen

der Innenstadt mit einem eigenen

Programm in ihren Räumen vertreten.

Ergänzend zur Präsentation der gesamten

Bandbreite des kulturellen und

künstlerischen Schaffens mit Amateuren

und professionellen Darstellern

beteiligten sich an der Vorbereitung

und Durchführung auch die Hamelner

Marketing- und Tourismusgesellschaft

und die Stadtverwaltung Hameln, vorrangig

mit dem Kulturbüro.

»Es ist eine gute Zeit für eine neue Zeit nach einer großen Zeit«, so

betitelte Ingrid Wagemann ihren letzten Artikel im SPOKUSA-Programmheft

2001, bevor sie als Geschäftsführerin den Verein verließ. »Zeit

für neue Zeiten«, hieß es damit für den Vereinsvorstand, der zugleich

eine neue Struktur für die Geschäftsführung entschied: in kollektiver

Zusammenarbeit wird das Vereinsgeschehen nun von Bettina Harborth

und Birgit Teschner als neue Geschäftsführerinnen gelenkt und geleitet. Bettina

Harborth ist Kulturpädagogin und arbeitet seit sieben Jahren bei SPOKUSA mit

den Arbeitsschwerpunkten: Kursplanung und -organisation, Grafik und Öffentlichkeitsarbeit.

Birgit Teschner ist Dipl. Sozialwissenschaftlerin und seit sechs

Jahren beim Verein. Sie hat die Arbeit im Kinderhaus Spunk vorbereitet und

aufgebaut und leitet das Haus seit seiner Eröffnung im Sommer 1997.

Es gelang, den Oberbürgermeister der

Stadt als Schirmherrn zu gewinnen;

und die gesamte Stadtverwaltung einschließlich

Straßenverkehrsamt, Ordnungsamt,

Werkhof und Feuerwehr hat

sich äußerst kooperativ bei der Vorbereitung

und Durchführung gezeigt.

So ist es Mäander und der Sumpfblume

gelungen, eine Allianz für die Kulturarbeit

zu schmieden, die sich hoffentlich

auch für zukünftige Projekte als

tragfähig erweist.

Bei diesem ersten Hamelner Kulturtag

lag der Schwerpunkt noch sehr auf den

städtischen Kultur- und Kunstschaffenden

der Landkreis Hameln-Pyrmont

war zwar vertreten, aber sicherlich eher

unterrepräsentiert. Vorrangig lag dies

am Nichtvorhandensein von entsprechenden

Ansprechpartnern oder Sammlungen

der Adressen von Akteuren

kulturell-künstlerischer Arbeit, die es

vollzählig nicht einmal im städtischen

Umfeld gab. Mit dem ersten Kulturtag

ist aber der Anfang einer Adressdatenbank

für Kultur- und Kunst gemacht.

Entstehen soll eine möglichst komplette

Adresssammlung, die allen Vereinen

und Institutionen im Landkreis

bei der Suche nach Kooperationspartnern

helfen soll. Die Daten sollen im

Internet abrufbar und als CD-ROM

erhältlich sein, und wenn noch Sponsoren

gefunden werden, ist auch eine

Broschüre geplant.

Ausgehend von dem schon jetzt bestehenden

Netzwerk Mäander werden wir

versuchen, noch mehr Einrichtungen

vor allem auch aus dem Landkreis

von der Mitarbeit in Mäander zu überzeugen.

Und wir sind dabe,i ein maßgeschneidertes

Weiterbildungsangebot für

die Vereine und Institutionen zu konzipieren

und zu organisieren der erste

Schritt einer Bedarfsanalyse ist gerade

in Vorbereitung. Im Jahr 2003 wird es

dann hoffentlich den 2. Hamelner Kulturtag

geben mit mehr Vereinen und

Institutionen aus dem Landkreis als

bisher, aber mit der gleichen Idee wie

beim ersten: nach dem Motto »Hamelner

Kultur für Hamelner Bürger« geht

es dabei weniger um »Highlights« oder

»Events«, sondern um urbanes, vitales

und stetiges kulturelles Leben in der

Stadt und im Landkreis Hameln-Pyrmont.

Nachdem die Sumpfblume »Spiritus

rector« des ersten Kulturtages und

des Netzwerkes Mäander war, wollen

wir uns nun für die Verstetigung der

Zusammenarbeit einsetzten.

Dirk Wuschko


Das letzte Kleinod, Geestenseth

Kulturprojekte auf Schienen

»Letzter Arbeitstag: 30. Oktober 1990« kritzelte ein Bahnarbeiter an das

Schuppentor im Bahnhof von Geestenseth. Dass der baufällige Bahnhof

eines Tages als Umschlagplatz für Kulturprojekte genutzt werden würde,

hat sich damals wohl keiner vorstellen können.

Der Bahnhof liegt an

der Nebenstrecke von

Bremerhaven nach

Hamburg. 1899 richtete

die Königlich-

Preussische Eisenbahnverwaltung in

Geestenseth eine Bahnhofsanlage mit

Empfangsgebäude, Güterschuppen,

Lagerplatz und einem Anschlussgleis

zur örtlichen Molkerei an. Die verlustbringende

Strecke wurde Anfang der

neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts

an die Eisenbahnen- und

Verkehrsbetriebe Elbe-Weser (EVB)

verkauft, die Strecke modernisiert, ein

erfolgreicher Taktverkehr mit Triebwagen

eingeführt, der Güterverkehr verbessert,

auf Funkweichen und Fahrkartenautomaten

umgestellt, der Bahnhof

brachgelegt bis der Landkreis Cux-

0haven die Anlage unter Denkmalschutz

stellte und die Gemeinde Schiffdorf

die Sanierung des ortsprägenden

Gebäudes beschloss.

Stillgelegte Industrie- und Militärgelände,

Brachliegendes waren für die

Künstlergruppe »Das Letzte Kleinod«

Orte ihrer Theater- und Kunstprojekte.

Mitte der neunziger Jahre entwickelten

sie das Konzept eines kulturellen Bahnbetriebs,

der mit eigenen Eisenbahnwagen

eine ortsunabhängige Infrastruktur

und Mobilität ermöglichen

sollte. Die Gemeinde Schiffdorf unterstützte

das Nutzungskonzept und

stellte den Geestensether Bahnhof als

»Heimatbahnhof« zur Verfügung. Die

Künstlergruppe sanierte das Gebäude

und richtete Büros, Gruppen- und Sozialräume

ein. Das von der EVB zur Verfügung

gestellte Anschlussgleis bot

Platz für vier Eisenbahnwaggons, die

die Künstlergruppe im Frühjahr 2001

gekauft hatte. In den ehemaligen

Bahndienstwagen befinden sich Schlafräume,

Küchen, Aufenthaltsräume,

Sanitäranlagen, ein Büro und eine

Werkstatt. Die Wagen verfügen über

eine Strom- und Wasseranlage, Heizungen,

Wasser- und Abwassertanks und

sind nicht nur für den stationären

Einsatz tauglich, sondern können auch

auf dem öffentlichen Schienennetz

betrieben werden.

Mit Unterstützung der LAGS wurde im

Herbst 2001 der letzte Schritt zum Aus-

bau des »Kulturgüterbahnhofs« getan:

der marode Güterschuppen wird grundsaniert

und als Veranstaltungsraum und

Atelier eingerichtet. Außerdem wird ein

Bahnsteig mit Versorgungsanschlüssen

für die Waggons angelegt. Ab dem

Frühjahr wird der Güterschuppen für die

Ausarbeitung und Durchführung von

Projekten genutzt werden.

An der Laderampe werden die Waggons

beladen, um Projekte auf dem Schienenwege

auszuführen. Durch die mobile

Infrastruktur können Projekte abseits

der üblichen Kulturstätten realisiert

und neue Zielgruppen erschlossen werden.

Im Frühjahr 2002 wird ein Güterwaggon

in ein Theater umgebaut. Die Inszenierung

»Torf« wird mit diesem Waggon in

den Moorregionen Niedersachsens und

in den Niederlanden aufgeführt.

Jens-Erwin Siemssen

Information:

http://www.das-letzte-kleinod.de

13

42 / Jan. 2002


42 / Jan. 2002

Theater Orlando, Rastede

studio 8: »Kultur ist für Menschen

Menschen sind für Kultur«

Die ehemalige Einliegerwohnung einer Baumschule wurde Forum für Proben,

Workshops, Film, Theater, Kleinkunst, Versammlung, Ausstellung,

Vortrag und vieles mehr. Kurz, es wurde eine Kulturwerkstatt für multiund

soziokulturelle Veranstaltungen geschaffen. Das Gebäude der alten

Baumschule, in dem der 60 m 2 große, multifunktionale Raum entstand,

gehört der ALRA Arbeitsloseninitiative Rastede.

»Zimmertheater«

seit mehr als zehn

Jahren inszeniert das

Theater Orlando in

dieser Form

anspruchsvolles Theater

im historischen Palais in Rastede.

Immer wieder schwierig waren unsere

Proben, da ein geeigneter Arbeitsraum

fehlte. Nach langer Suche fanden wir

dann im Haus der ehemaligen Baumschule

Räume, die umgebaut werden

sollten. Schnell wurden wir uns mit den

Verantwortlichen der ALRA über ein

neues Nutzungskonzept einig.

Theater im Zimmer

Ein angehender Architekt aus Rastede

interessierte sich für unser Theater und

speziell für Bühnenbau. Drei Studenten

aus Rastede und Worpswede entwickelten

ein Konzept und das Modell für den

neuen multifunktionalen Raum. Die

Koordination und Organisation aller

notwendigen Maßnahmen übernahm die

Arbeitsgruppe »studio 8«.

Nach intensiven Gesprächen mit der

Gemeinde Rastede, dem Landkreis

Ammerland sowie vor allem der LAGS

(besonderen Dank für die

Motivation und Kooperation!)

und einigen anderen

Sponsoren erhielten

wir den Zuwendungsbescheid und

konnten mit unserer Umbaumaßnahme

beginnen, für die viel Eigenleistung

erbracht werden musste.

Am 17. Juni 2001 war dann endlich die

Eröffnung der neuen Kulturwerkstatt

»studio 8«. Der Bürgermeister der

Gemeinde Rastede würdigte die neue

Einrichtung als eine wichtige Begeg-

14

nungsstätte für alle Bürgerinnen und

Bürger und die Aktivitäten des Theater

Orlando als eine »Perle der Gemeinde«.

Mehr als 150 Besucher erlebten ein

vielfältiges Programm: klassische Klaviermusik,

szenische Darstellung, Filmvorführung,

Gesang, »interkulturelle

Schatzkiste für Kinder« und die Uraufführung

des »Rasteder Blues«.

Kaffee und Tee, Getränke und Kuchen

aus der ALRA-Küche und ein Büffet mit

internationalen Speisen gaben den

letzten Schliff. Menschen verschiedener

Kulturen, unterschiedlichster Sozialisation

und Herkunft trafen sich im »studio

8«, um ein neues Kulturangebot

kennenzulernen und füllten den Raum

mit Leben.

Zimmer mit Programm

Für Kinder gab es im Juli einen »Kindertheater-Schnupperkurs«.

Junge

Musiker sangen und spielten im August

»unplugged«. Die Arbeitsloseninitiative

»Theater Kolumbus« führte im September

ihre Produktion »Kolumbus und

Wir« auf. Für die neue Inszenierung

»Prinz Hamlet aus Dänemark« des

Foto oben: Theaterprojekt »Kolumbus« von Arbeitslosen

Theater Orlando war das »studio 8« im

Oktober und November Probenraum,

und zum Jahresende ist mit der Ausstellung

des Rasteder Kunstmalers

Horst Klammer, der im nächsten Jahr

mehrere Workshops veranstalten wird,

Leben im Zimmer.

Das Team des Arbeitskreises »studio 8«

ist motiviert und engagiert sich mit

Leib und Seele für die Ziele im Jahr

2002 und hat ein vielfältiges Kulturprogramm

für die erste Jahreshälfte

2002 entwickelt.

Das Ziel, eine Kulturwerkstatt für multiund

soziokulturelle Veranstaltungen

und Projekte zu schaffen, haben wir

erreicht. Die Kulturwerkstatt »studio 8«

ist ein Beitrag zur multikulturellen

Infrastruktur im ländlichen Raum.

Unser Motto »Kultur ist für Menschen

Menschen sind für Kultur« wird weiter

mit Leben gefüllt werden. Wünschenswert

und anzustreben für die Realisierung

aller unserer Projekte und Pläne

wäre eine Förderung der Kulturwerkstatt

auf breiterer Basis, das heißt

finanzielle Unterstützung durch Fördermitglieder,

Sponsoren und durch

Zuwendung anderer, auch öffentlicher

Mittel.

Sylvia und Rainer Meining

Foto links: »Young Voices« Junge Künstler stellen eigene

Texte und Musik vor


SOS-Mütterzentrum, Salzgitter

Mütterlichkeit / Väterlichkeit

Väter mit Kinderwagen waren auf bundesdeutschen Bürgersteigen bis in

die 1960er Jahre ein Tabu? Von Schwangerschaft wurde nur diskret von

»anderen Umständen« gesprochen? Und die Windeln der Eltern wurden

tatsächlich noch mit der Hand gewaschen und auf dem Herd gekocht?

Für die Jugendlichen

waren die Workshops

zum Thema »Mütterlichkeit

/ Väterlichkeit« eine

Reise in eine bis dahin

unbekannte Geschichtswelt dabei

liegt sie erst ein paar Jahrzehnte

zurück. Doch es zeigte sich schnell,

dass sich die Lebenswelten von Vätern

und Müttern in den vergangenen

60 Jahren sehr verändert haben.

Generationsübergreifendes Leben und

Arbeiten ist eine der Hauptaufgaben

des SOS-Mütterzentrums. Unter einem

Dach befinden sich ein Offener Treff

mit Caféstube und Kinderzimmer, eine

Seniorentagesstätte mit ambulantem

Service, eine Kindertagesstätte,

Jugendwerkstätten, Schülerclub, Frauenkleinbetriebe

… kurz: ein familienfreundlicher

Treffpunkt im Stadtteil

Salzgitter-Bad mit viel Service und

Beratung. Ein idealer Ort, um das

Thema mit den dort lebenden und

arbeitenden Vätern und Müttern zu

bearbeiten doch auch die Jugendlichen

wurden aufgefordert, sich über

ihre Vorstellungen als zukünftige Väter

und Mütter Gedanken zu machen.

Was bedeuten Väterlichkeit und Mütterlichkeit

für uns? Wie wollen wir sie in

Zukunft leben, wie leben wir sie zur

Zeit bzw. wie sahen sie in der Vergangenheit

für uns aus? Das waren die

Leitfragen, die jede Gruppe Jugendliche,

Eltern und Senioren in dreitägigen

Workshops bearbeitet haben.

Der Seniorenworkshop glich einer

Geschichtswerkstatt: eine alte Wiege,

Waschbrett und Zinkwanne und historische

Fotos ließen viele Erinnerungen an

die Elternzeit wieder aufleben. Die jüngeren

Eltern haben unter anderem mit

Gipsmasken gearbeitet, auf denen sie

mit verschiedenen Techniken ihre Vorstellungen

von Elternschaft symbolhaft

umsetzten. Die Jugendlichen dagegen

haben ihre Zukunft als Eltern in Bilder

gefasst und in Rollenspielen praktisch

erlebbar gemacht.

Als die Ergebnisse untereinander ausgetauscht

und präsentiert wurden, entstand

ein spannender Dialog, mit dem

sich auch für ein Mütterzentrum ganz

neue Aspekte von Väterlichkeit und

Mütterlichkeit in den verschiedenen

Generationen auftaten.

Ganz besonders für die Väter bot die

Workshop-Reihe Gelegenheit, sich einer

väterlichen Identität gemeinsam mit

anderen Teilnehmern kreativ zu nähern

ein Thema, das für viele Männer noch

immer Neuland ist. Deshalb war es

den InitiatorInnen sehr wichtig, die

Ergebnisse des Workshops öffentlich

zu präsentieren, um damit auch die

Öffentlichkeit für dieses Thema zu

sensibilisieren. Die Entscheidung für

Kinder und die damit verbundenen

Konsequenzen für Frauen und Männer

sollen nicht nur privat, sondern auch

gesellschaftlich diskutiert werden. Mit

der Darstellung ihrer ganz persönlichen

Sicht der Vaterschaft wollen die beteiligten

Männer auch anderen Männern

Mut machen, sich mit ihren Kindern

stärker in die Öffentlichkeit einzubringen.

Alle Ergebnisse wurden gesammelt und

von den Beteiligten zu einer Ausstellung

aufgearbeitet, die ab dem 15.

Januar 2002 im SOS-Mütterzentrum

Salzgitter, Braunschweiger Straße 137,

38279 Salzgitter-Bad zu sehen sein

wird.

Heike Brümmer

SOS-Mütterzentrum Salzgitter

Workshop Väterlichkeit/Mütterlichkeit Arbeit mit dem Erinnerungskoffer

15

42 / Jan. 2002


42 / Jan. 2002

›alte polizei‹, Stadthagen

Wieder da!

Nach langer Zeit des Umbaus und der Trockenlegung eines erheblichen

Wasserschadens kann die Arbeit der ›alten polizei‹ endlich wieder in

festen Räumen stattfinden.

»Schön wieder hier

zu sein, schön Euch

zu sehn« dieses

ans Herz gehende

und an alte Zeiten anknüpfende Lied

brachte uns eine Musikgruppe des Hauses

als Ständchen zur Wiedereröffnungsfeier

im August. Ja, stimmt,

gleichfalls es ist schön, wieder ein

Haus voll Menschen zu haben. Allerdings

hat der fehlende Raum über

anderthalb Jahre Schließzeit tatsächlich

für einige Gruppen die Auflösung

bedeutet, und andere haben nun Mühe,

sich langsam wieder aufzubauen kein

Wunder …

Wunderbar allerdings ist es, endlich ein

Café, eine Kneipe zu haben! Die Gruppen

des Hauses haben dieses Angebot

sehr begrüßt und nutzen es zunehmend:

der Kinderschutzbund zum Beispiel

anlässlich seiner kleinen Weihnachtsfeier,

der Postsportverein, der

mit 60 Tanzsportbegeisterten eine neue

16

Gruppe des Hauses geworden ist, fragt

Glühwein und Tee zum Abschlusstanzen

an, gelegentlich wird auch schon

Service bei Tagungen, die im Haus

stattfinden, geleistet. Elternabendstammtische

sind eine ganz neue Publikumsgruppe

dank der Kneipe, sogar

kleine Herrenstammtische mit Schachspielern

haben diesen Ort für sich entdeckt.

Offene Spielegruppen fangen

wieder an sich in der Kneipe zu treffen:

»Es ist doch etwas völlig Anderes, ob

ich mich mit eigentlich Fremden privat

bei mir zu Hause treffen muss oder

hierher kommen kann. Ein wenig Distanz

tut auch ganz gut und schützt.«

»Das Café hat eine angenehme Atmosphäre

hier fühle ich mich als Frau,

die allein ausgeht, auch wohl.« Der

Zulauf der Kneipe ist zu oder nach Veranstaltungen

wie erhofft erfreulich.

Angesichts unser Personalkosten wünschen

wir uns allerdings einen weiteren

Zuwachs an Gästen! Wir arbeiten dran.

Seitens der Raumbelegung haben wir

schon wieder »volle Hütte«: Es ist

selbst für uns fast unglaublich 70

regelmäßige Gruppentreffen fanden im

November von Montag 9 Uhr bis Sonntag

22 Uhr statt! Dazu kamen in den

vergangenen drei Monaten über 150

völlig verschiedene Sondertermine: der

deutsche Germanistenverband lud erstmals

bei uns zu einem Vortrag, es gab

eine Bezirksschiedsrichterfortbildung,

eine Fortbildung von Existenzgründerinnen,

Schulleitertreffen, Personalräteschulungen,

Schülerprojekte, Diaabende,

ein selbst einstudiertes

Kindermusical der Freikirchlichen

Gemeinde … Viele neue Menschen

haben also tatsächlich nach unserem

Umbau einen ersten Schritt ins Haus

getan. Die Resonanz auf die Gestaltung

der Räume ist ausgesprochen positiv

und findet immer wieder in dem

schlichten, aber eindeutigen Satz Ausdruck:

»Es ist einfach alles viel schöner

als vorher!« »… allerdings bis auf

die noch ausstehenden akustischen

Maßnahmen.« Dazu aber an dieser

Stelle nichts mehr.

Heike Klenke


Theaterwerkstatt Quakenbrück

Aktion Rote Karte

Heidi Vollprecht hatte keinen leichten Start am 1. August 2001, dem

Beginn des Förder- und Qualifizierungsprogramms ihr noch nicht eingerichtetes

Büro glich nicht nur im übertragenen Sinn einer Baustelle.

»Zeitlinien« war Titel

des Stücks der Gruppe

»Total Normal«, mit

dem die Wiedereröffnung

der Theaterwerkstatt Anfang Oktober

gefeiert wurde. »Zeitlinien« zeichnete

auch der Umbau: seit April wurde

renoviert und verändert in Quakenbrück

ohne den Einsatz der vielen ehrenamtlich

Helfer wohl noch heute. Und so

waren sie auch gespannt, die BesucherInnen,

die bei einem leckerem Imbiss

die variable Zuschauertribüne, den

Platz, der durch das Entfernen der herabhängenden

Decke entstanden ist und

den veränderten Eingangsbereich erstmals

bestaunen konnten. »Zeitlinien«

deutlich wurden sie auch für das

Ensemble der Theaterwerkstatt, die

Bauchtanzgruppe des Mädchentreffs In

Via, die Zirkusgruppe, die Theatergruppe

mit Frauen und den russlandlanddeutschen

Chor: Die lange Umbauphase

war mit vielen Einschränkungen

verbunden gewesen. Doch die viele

ehrenamtliche Arbeit hat dazu beigetragen,

dass die Kosten im Vergleich

zum Umfang des Vorhabens im Rahmen

blieben. Staub und Baustelle diese

Unannehmlichkeiten haben jetzt ein

Ende.

Aktion Rote Karte

Die Idee zu der Veranstaltungsreihe

gegen Gewalt hatte die Theaterwerkstatt

mittlerweile jedoch unterstützen

34 Vereine und Institutionen,

Schulen und Kirchengemeinden diese

Aktion. Alle BürgerInnen der Samtgemeinde

Artland haben sie erhalten, die

»Rote Karte«. Deutlich rot ist sie, vorn

steht »Rote Karte« drauf und hinten

findet sich neben den Unterstützern

dieser Aktion auch die Anleitung.

»Aktion Rote Karte Gegen Gewalt,

Ausgrenzung, Hass und dumme Sprüche.

Die Nutzung der Karte bleibt Ihnen

überlassen. Sie können Sie entsorgen

(bitte Papiermüll) oder ziehen gegen

Gewalt, ausgrenzende Sprüche am

Arbeitsplatz, in der Schule … oder als

guten Vorsatz bei sich tragen.«

Im Mittelpunkt der Veranstaltungen

stand ein theaterpädagogischer Workshop

mit Jugendlichen zu den heutigen

Formen von Rassismus und Ausgrenzung

vor dem Hintergrund der historischen

Begebenheiten der NS-Zeit. Solche

Formen der theaterpädagogischen

Arbeit bietet der Verein für Schulen und

Jugendgruppen kostenlos an. Geleitet

werden sie von Heidi Vollprecht, Kulturpädagogin.

Verschiedene Filme, unter anderem »Oi

Warning« mit anschließendem Gespräch

mit dem Regisseur und Autor Dominik

Reding, wurden gezeigt und diskutiert.

Außerdem wird eine Veranstaltung der

Jugendorganisationen der Parteien zum

Thema »Gewaltprävention« in der Theaterwerkstatt

stattfinden. Als Gast kann

der niedersächsische Justizminister

Prof. Dr. Christian Pfeiffer begrüßt werden

und im Rahmen der Aktion Rote

Karte organisieren die Kirchen einen

ökumenischen Jugendgottesdienst.

Förder- und Qualifizierungsprogramm

Die bisherige Arbeit wird verstärkt werden:

das Gastspielangebot ausgeweitet,

die kulturellen Gruppen im Artland und

der näheren Umgebung vernetzt, Theater-

und Videoprojekte in Schulen, Kindergärten

und Vereinen durchgeführt,

Fortbildungen angeboten, die Theaterwerkstatt

für andere Gruppen geöffnet

nur eines soll nicht verändert werden:

die ehrenamtliche Arbeit der aktiven

Mitglieder. Ziel ist es, breitgefächert zu

arbeiten und stets über den Tellerrand

der Theaterwerkstatt zu schauen.

Kooperationen mit verschiedenen Vereinen,

Institutionen, Selbsthilfegruppen

und sonstigen Einrichtungen sind

erwünscht. Die Theaterwerkstatt wird

zunächst den Bedarf kulturpädagogischer

Arbeit in Artland und Umgebung

erkunden. Zwei Videoprojekte konnten

bereits durchgeführt werden: In Zusammenarbeit

mit dem Mädchentreff In Via

inszenierte eine Gruppe von Mädchen

unter Leitung von Heidi einen Film zum

Thema Essstörungen, und in Kooperation

mit dem Artland-Gymnasium entstand

ein Film gegen innerdeutsche

Vorurteile.

Stefan Heil/dk

17

42 / Jan. 2002


42 / Jan. 2002

Motor sein

Soziokultur ist immer auch die Kunst, die vor Ort schlummernden Potenziale

zu wecken. Soziokultur übernimmt Verantwortung für den Stadtteil

oder die Region und ist Motor für kulturelle Entwicklung und Kooperation.

Um dies leisten zu können, ist Kontinuität in handelnden Personen notwendig.

Mit Sonderprojekten hat die LAGS in unterschiedlichen Vereinen mit Landesmitteln

zur Sicherung der soziokulturellen Arbeit beigetragen.

Wir fragen Sabine Rehse vom Universum in Bramsche, Dorothea Sattler

von der KuBa in Wolfenbüttel und Imke Wedemeyer vom Piesberger

Gesellschaftshaus in Osnabrück nach ihren Erfahrungen und Perspektiven.

Eure Ziele sind ganz unterschiedlich,

aber eines ist bei euch allen ähnlich

ihr habt Kontinuität gebraucht, damit

eure Vereine arbeiten können. Welche

Erfolge konntet ihr auf Grund der Kontinuität

auch der personellen erreichen?

Dorothea Sattler KuBa, Wolfenbüttel

Dorothea Sattler: Wir haben ein Programmprojekt

beantragt mit Defizitförderung,

um die soziokulturelle

Arbeit in Wolfenbüttel zu sichern. Seit

’98 bekommen wir einen kommunalen

Zuschuss, damit können wir inzwischen

zwei halbe Stellen und die

Miete finanzieren. Im Zuge des

Sonderprojekts haben wir in drei Jahren

eine 300-prozentige Erhöhung des

kommunalen Zuschusses durchsetzen

können.

Also habt ihr euer Ziel ganz gut erreichen

können?

Dorothea Sattler: Erstmal ja. Die Frage

ist, wie lange es hält, denn unser

zweites Ziel einen Vertrag mit der

Kommune haben wir nicht erreicht.

Und so wie sich die politischen Mehrheiten

jetzt darstellen, werden wir

das wohl auch längerfristig nicht

erreichen.

Sabine Rehse: Unser Zentrum besteht

mittlerweile aus drei Häusern: Filmtheater,

Kinderkunstschule und

Jugendzentrum mit mehr als zehn

MitarbeiterInnen und räumlichen

Trennungen. Unser Ziel ist es, uns als

Einheit zu präsentieren. Da diese Entwicklung

im Kollegenkreis noch nicht

vollzogen ist, müssen wir intern eine

Struktur schaffen, die uns hilft, uns

18

als Einheit zu verstehen und das

natürlich auch nach außen zu präsentieren.

Ein gutes Stück vorangebracht hat uns

das »Lebensmittel«-Projekt. Zusammen

mit den KollegInnen an einem

inhaltlichen Projekt zu arbeiten,

damit haben wir einen ganz guten

Weg gefunden. Die verschiedenen

Bereiche konnten sich einbringen und

unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.

Ich denke, das wird auch für die

Öffentlichkeit ein Signal sein. [siehe

auch rundbrief Nr. 41, Seite 15]

Imke Wedemeyer: Das Piesberger

Gesellschaftshaus war Treffpunkt der

Bergleute und vieler Vereine, und es

war Ausflugslokal und Veranstaltungsort

der Osnabrücker. Diese Tradition

des Hauses, die seit 1871 besteht,

möchten wir fortführen. Einige der

Vereine sind noch immer aktiv und

machen nach wie vor ihre Karnevalsveranstaltungen

und Weihnachtsfeiern

bei uns. Vor allem aber finden hier

vielfältige Kulturveranstaltungen statt

wie zum Beispiel Tanztheater, Chortreffen,

Kinderaktionen, Sambafeste

oder Tangobälle. Wir versuchen Verbindungen

herzustellen zwischen

»alter« und »neuer« Kultur, sodass

alle hier ihr Zuhause finden, und bieten

Kurse, Workshops und Projekte an,

die sich mit ökologischen Themen

oder den alten Piesberger Industrien

auseinandersetzen.

Konntet ihr auf Grund der Förderung

neue Prioritäten in eurer Alltagsarbeit

setzen, oder ist es eher so, dass die

Arbeit insgesamt gestärkt wurde?

Imke Wedemeyer: Die Arbeit wurde

überhaupt erst durch die Landesförderung

möglich, nur deshalb haben wir

auch Gelder der Stadt bekommen. Die

ersten zwei, drei Jahre nach der Gründung

’94 haben wir ausschließlich

ehrenamtlich gearbeitet, es folgten

AB-Maßnahmen, und jetzt arbeiten

wir mit zwei bezahlten Kräften und

mit einem Pool von Ehrenamtlichen.

Sie sind eine ganz wichtige Basis, die

auch die Programmauswahl prägt.

Mittlerweile ist das Piesberger Gesellschaftshaus

wirklich nicht mehr wegzudenken.

Wir bekommen Unterstützung

von allen Parteien, das finde ich

eigentlich ganz erstaunlich, und das

hätte ich am Anfang so nicht erwartet,

da sind wir ganz glücklich. Neu

sind die vielen Kooperationen bei Projekten.

Als für uns klar war, was wir

wollen, konnten wir uns mehr nach

außen wenden.

Sabine Rehse: Bei uns sind zwei Sachen

wesentlich und neu. Wir haben es

erreicht, die gesamte Kulturarbeit für

die Stadt abzuwickeln. Früher war es

nur das Stadtfest, und wir wurden

punktuell gefragt, waren aber nicht

fest in Verträge eingebunden. Die

Stadt hat einen Nutzen davon, denn

das Programm ist besser geworden,

wir haben ein Stück Existenzsicherung,

und das war unser Ziel.

Das Zweite ist, dass wir die Struktur

von Besprechungen geändert haben

und damit eine neue Gesprächskultur

unter den Hauptamtlichen einführen

konnten. Die Sitzung ist jetzt einmal

im Monat, früher trafen wir uns jede

Woche. Dadurch wird nicht mehr so

unheimlich viel Zeit gebunden, und

erstaunlicherweise sind alle mit diesem

Modus glücklich.

Dorothea Sattler: Die KuBa ist sehr viel

flexibler und größer geworden. Bis ’98

saßen wir in einem niedlichen kleinen

Gewölbe und waren elitärer Kleinkunstkeller.

Mit der Anschubfinanzierung

von ’99 bis 2001 konnten wir die

KuBa in der Stadt etablieren, konnten

austesten was man machen kann, was

läuft und angenommen wird.

Inzwischen erreichen wir sehr unterschiedliche

Bevölkerungsgruppen:

von Jugendlichen bei Hip Hop- oder

Disco-Veranstaltungen bis zum Männergesangsverein

aus unserem Viertel.

Wir haben uns wirklich zu einem Bürgerzentrum

entwickelt. Wir sind die

Einzigen, die dieses Kulturspektrum

anbieten, füllen eine Lücke, das wird

auch politisch akzeptiert. Ohne den

Spielraum zum Experimentieren, den

die Anschubfinanzierung ermöglicht

hat, wäre das nicht möglich gewesen.

Wir hätten viel kommerzieller denken

müssen, um das Haus finanziell zu

sichern und hätten inhaltlich nichts

ausprobieren können.

Das heißt, ihr konntet Neues entdecken,

neue Methoden ausprobieren, neue

Zielgruppen erreichen und kulturpolitisch

etwas bewegen. Wie ist das bei

Euch in Osnabrück und Bramsche

gewesen?


Imke Wedemeyer: Unsere Nachbarn, die

Dampflokfreunde, haben uns bislang

die Besucher gebracht, weil sie vom

Hauptbahnhof mit den alten Zügen

gefahren sind, als Transportmittel.

Durch die gemeinsame Veranstaltung

auf den Gleisen [»Reisen und Speisen«,

siehe rundbrief Nr. 41, S. 16]

sind sehr intensive persönliche Kontakte

entstanden. Leute, die noch nie

bei uns im Haus waren, die sonst in

erster Linie Züge restaurieren, sind

mit ihren Familien zu dieser Veranstaltung

gekommen. Sie besuchen

jetzt auch andere Veranstaltungen

und würden gerne häufiger etwas

zusammen machen.

Wahrscheinlich gibt es demnächst

eine Krimi-Reise vom Hauptbahnhof

zum Piesberg, wo diverses im Zug

passiert. Vielleicht wird er überfallen

wer weiß. Das macht Spaß, da ist

Neugier auf beiden Seiten, und lebendiger

ist es geworden. Das ist toll.

Sabine Rehse Universum, Bramsche

Sabine Rehse: Seit der Förderung gibt

es jedes Halbjahr das »Kultur-Abo«,

das heißt Besuchersicherheit für

bestimmte Veranstaltungen. Es ist viel

wert zu wissen: 70 Abonnenten kommen

auf jeden Fall. Außerdem haben

wir in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule

und den Kirchengemeinden

neue Veranstaltungsorte eingebunden.

Damit präsentieren wir eine

weitaus größere Kulturvielfalt und

erreichen zum Beispiel Besucher,

die bisher nur zu Kirchenkonzerten

gegangen sind, auch mal mit Kabarett.

Das war ja auch eines eurer Ziele, das

Abo zu etablieren und dann aber auch

die Außenwirkung zu verstärken, also

den Verein präsenter zu machen, die

Angebote tatsächlich in aller Munde

zu bringen.

Sabine Rehse: Genau. Ich denke, das ist

uns ganz gut gelungen: wir sind in

sämtlichen Kulturbereichen präsent.

Das funktioniert natürlich auch über

den »Runden Tisch Kulturarbeit« sehr

gut, den es allerdings schon länger

gibt. Durch den Zusammenschluss

sind die Wege viel kürzer geworden.

Einiges funktioniert überhaupt erst

jetzt dadurch, dass man sich besser

kennt, anderes funktioniert zumindest

einfacher.

Gibt es bei euch auch einen Zusammenschluss

der Kulturschaffenden?

Imke Wedemeyer: Die freien Kulturträger

in Osnabrück wollen nach einem

Jahr gemeinsamer Arbeit einen Verein

gründen. Dieser Zusammenschluss

ist für alle Seiten sehr lohnenswert:

wir werden eine bessere Lobby haben,

uns besser abstimmen können und

Projekte zusammen entwickeln.

Dorothea Sattler: Bei uns gibt es den

Kulturrat, das ist ein Zusammenschluss

von allen Kulturschaffenden

in Wolfenbüttel einschließlich des

Kulturamts. Um überhaupt eine Vernetzung

herzustellen, haben wir eine

erste »Kulturnacht« organisiert.

Die inhaltliche Zusammenarbeit ist

jedoch sehr schwierig, weil der Kulturbegriff

so unterschiedlich ist.

Wenn Kultur auf Museen und Klassik-

Konzerte in schönen Barocksälen

beschränkt wird, dann ist es ein bisschen

schwierig, das mit Soziokultur

zusammenzubringen.

Das heißt, ihr habt kulturpolitisch noch

was vor?

Dorothea Sattler: Ja und nein. Unsere

Einzigartigkeit sichert natürlich auch

unsere Existenz. Bei 50.000 Einwohnern

muss man immer wieder rechtfertigen,

warum man so viel Geld aus

dem Kulturtopf kriegt. Manchmal wäre

es schön, wenn man mehr BündnispartnerInnen

hätte. Mit dem Frauenbündnis

haben wir in den letzten drei

Jahren gut funktionierende Kooperationen

aufgebaut und organisieren

mit ganz verschiedenen Initiativen

aus dem Landkreis die Frauenkulturwochen.

Das ist in vielerlei Hinsicht

eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit,

aus der auch Einzelkooperationen zu

speziellen Themen entstehen.

Wie habt ihr die Unterstützung durch die

LAGS empfunden? Wo lagen und liegen

Eure Bedürfnisse?

DS: Die Unterstützung ’98, ’99 war sehr

gut. Die Überzeugungsarbeit bei den

Politikern gerade auch durch Elke

Flake als Regionalberaterin der LAGS,

die Energie, die sie eingebracht hat,

das war ganz toll. Schade war, dass

es in 2001 abflaute. Es wäre auch

weiterhin sehr hilfreich gewesen,

wäre jemand von der LAGS bei den

Gesprächen mit Politik und Verwaltung

dabeigewesen. Sie hätten dann

eine andere Gewichtung als wenn wir

sagen: wir brauchen 300 Prozent

mehr. Gut wäre es gewesen, hätte die

LAGS Exkursionen für Politiker in

andere Kommunen organisiert. Wir

hätten unseren Politikern gerne das

Angebot machen können, in eine

andere Kommune zu fahren, in der

Verträge zwischen freien Trägern und

der Stadt bestehen vielleicht wäre

die Idee am Praxisbeispiel greifbarer

gewesen.

Imke Wedemeyer: Wir haben andere

Erfahrungen gemacht, wir sind zu 100

Prozent zufrieden. Sobald wir Fragen

haben, rufen wir die Regionalberatung

oder die Geschäftsstelle an, und

wir haben immer sofort Informationen

bekommen. Ich habe auch schon

ReferentInnen der Sommeruni im

Nachhinein angerufen, wenn ich mal

Fragen hatte. Es ist wirklich richtig

klasse wie es läuft.

Sabine Rehse: Ich finde die Wege auch

sehr schön kurz, sowohl zum Regionalberater

als auch zur Geschäftsstelle,

man kann da immer anrufen;

ich kann mich eigentlich auch nur

anschließen, dass wir zu 100 Prozent

zufrieden sind. Man kann ja auch in

jedem Zentrum anrufen, und auch da

wird einem weitergeholfen.

Dorothea Sattler: Auch die MVs sind

immer wieder eine tolle Möglichkeit,

um mit denen zu reden, die auch auf

den hauptamtlichen Stellen sitzen.

Das decken die MVs inzwischen super

ab, weil immer mehr Freiräume

geschaffen worden sind.

Für euch haben sich mit der Förderung

eine Menge Chancen aufgetan, auf der

anderen Seite sind ja bestimmte Ziele

anvisiert, und es galt, die von euch

formulierten Ziele zu erreichen. Was

haben die Anforderungen, die mit der

Förderung ja auch verknüpft sind, für

Euch bedeutet?

Dorothea Sattler: Für mich war es in

erster Linie eine Perspektive: tatsächlich

darüber nachdenken zu können,

das Haus für 20 Jahre zu machen.

Nicht im Rahmen einer ABM lediglich

die nächsten zwei Jahre zu planen,

sondern wirklich eine Perspektive entwickeln

zu können. Mit diesem

Hintergrund macht es immer wieder

Spaß darüber nachzudenken, was

noch alles machbar ist. Das gilt

besonders für die inhaltliche Arbeit

welche Kooperationen sind noch möglich,

welche anderen Bündnispartner

gibt es, wo bekommt man Anregungen

für die künstlerische Umsetzung oder

19

42 / Jan. 2002


42 / Jan. 2002

die Projektgestaltung? Das ist einfach

das Salz in der Suppe dieses Jobs.

Imke Wedemeyer: Für mich persönlich

bedeutet das: eine feste Stelle, verbunden

mit einem Stück Sicherheit

für die Zukunft. Es ist so wie du,

Dorothea, sagst: man hat den Kopf

frei. Die kurzen Verträge behindern

einen regelrecht, nehmen sehr viel

Zeit und Energie weg, und das ist

jetzt nicht mehr ich kann mich wirklich

voll auf die Arbeit konzentrieren.

Sabine Rehse: Es war die einzige Möglichkeit,

dort weiter zu arbeiten. Wäre

die Zusage nicht gekommen, dann

wäre mein Job zu Ende gewesen, oder

man hätte mir nur eine so geringe

Stundenzahl anbieten können, dass

ich es nicht hätte machen können.

Jetzt decke ich unterschiedliche

Arbeitsbereiche ab, zunächst mit

einer halben Stelle, und im Zuge von

Aufstockungen und Umschichtungen

wurden es 32 Stunden. Die Förderung

hat eine Perspektive geboten, war

also für mich persönlich sehr wichtig.

Ist denn auch etwas im Weg stehen

geblieben? Gibt es etwas, das sich

nicht wegbewegen ließ, das störend

blieb in der Alltagsarbeit?

Sabine Rehse: Ja, die Sparhaushalte

mittlerweile wieder. In den letzten

beiden Wochen hat sich abgezeichnet,

dass auch wir betroffen sein werden.

Die Stimmung ist im Moment bei uns

nicht so gut Verträge, auch die zwischen

der Stadt und den freien Trägern,

sind nicht unkündbar.

Dorothea Sattler: Manchmal kommt

man sich vor wie Sysiphus. Jedes Jahr

fängt man wieder an, die Existenz zu

sichern. In der Kulturausschusssitzung

sind wir für 2002 mit einem blauen

Auge davongekommen, aber ob unser

Antrag durch den Finanzausschuss

geht wer weiß.

Selbst in der Brunsviga, nach 20 Jahren

Existenz, fangen diejenigen, die

das aufgebaut haben, wieder an, um

ihre Stellen zu kämpfen, stufen sich

runter. Sich selber die Stelle zu kürzen

ist die einzige Möglichkeit, wirklich

Geld zu sparen. Eine langfristige

Grundsicherung oder institutionelle

Förderung, die fehlt uns einfach, die

wird die Kommune nie richtig fest

übernehmen. Das sind eben »freiwillige

Leistungen«.

Imke Wedemeyer: Unsere Unsicherheit

ist zurzeit, ob unser Vertrag aufgestockt

wird. Durch die rasanten Entwicklungen

bei uns brauchen wir mehr

Geld, aber wir sind recht zuversichtlich.

Gekündigt werden kann unser

Vertrag im Grunde nur dann, wenn der

20

Haushalt der Stadt es überhaupt nicht

mehr hergibt. Ich denke, mittlerweile

sind die freien Kulturträger so stark,

dass die Mittel nicht einfach so

gestrichen werden können.

Dorothea Sattler: Im Kulturausschuss

haben wir erfahren, dass die Stadt bei

verschiedenen Kommunen angefragt

hatte, welche der Kommune Verträge

mit freien Trägern hat. Dabei wurde

festgestellt, dass die Mehrheit keine

hat, um daraus zu folgern, dass es

nicht ratsam sei, einen Vertrag abzuschließen.

Das heißt, die Verwaltung wird auch

selbst tätig und nicht immer in die

gewünschte Richtung. Mit einer

Exkursion oder einem runden Tisch

zwischen verschiedenen Kommunen

hätte man positive Beispiele präsentieren

können.

Sabine Rehse: Ich denke, das Thema

Kürzungen wird wenn auch nicht

geplant im nächsten halben Jahr

auch mal wieder Schwerpunkt meiner

Arbeit sein: den Politikern deutlich zu

machen, dass unsere Arbeit immens

wichtig ist.

Dorothea Sattler: Wenn man aber von

zwölf Monaten vier mit politischen

Gesprächen verbringt, bindet das

enorm viel Arbeitskraft. Ein Vertrag,

zumindest über fünf Jahre, wäre eine

Atempause.

Hättet ihr also einen Wunsch frei, was

würdet ihr euch wünschen?

Dorothea Sattler: Es wäre ein bisschen

mehr als ein Wunsch, es wäre eigentlich

ein Arbeitsauftrag, weil es Verträge

nicht ohne die Mitarbeit der

LAGS geben wird. Ich sehe keine

Chance, dass wir das alleine hinkriegen,

wir brauchen die Unterstützung,

wieder und weiter. Das ist halt mühsam,

für alle Seiten.

Sabine Rehse: So drastisch würde ich es

nicht formulieren, denn für uns es ist

natürlich auch ein wichtiges Argument,

Landesmittel in die Stadt zu

holen und sagen zu können: Jetzt

seid ihr dran.

Dorothea Sattler: Sowie wir sagen, dass

das Land Bedingungen an die Mittelvergabe

knüpft, wie zum Beispiel eine

kommunale Grundsicherung, scheitert

es an den veränderten Mehrheiten

weil es keine schriftlichen Zusage

gibt, nur eine politische Absichtserklärung.

Da müssten beide Seiten

mehr Hebel entwickeln, nicht nur der

Verein, der weiß, was für gute Arbeit

er leistet und wie wichtig er für die

Stadt ist, sondern auch die LAGS.

Sicher passiert es in den Gesprächen,

aber es ist nicht bindend, weil es

keine schriftlichen Unterlagen gibt.

Die Möglichkeiten des direkten Kontakts

mit der Stadt nicht nur über

den Verein werden zu wenig

genutzt.

Imke Wedemeyer

Piesberger Gesellschaftshaus, Osnabrück

Imke Wedemeyer: Die derzeitige ABM

das ist mein Wunsch muss eine

zweite feste Stelle werden. Wir hatten

im letzten Jahr an 346 Tagen Veranstaltungen

im Haus, organisiert mit

nur einer festen Stelle. Alleine geht

das nicht mehr, es macht auch keinen

Spaß. Neben zwei festen Stellen

bräuchten wir noch eine ABM für

Sonderprojekte. Wir möchten die

Arbeit nicht einschränken, es läuft

einfach gut, es wäre schade, irgendwas

wegzunehmen. Unsere Arbeit

würde fehlen in Osnabrück, wir haben

ein eigenes Profil.

Sabine Rehse: Also ich würde mir wünschen,

dass unser Programm auch in

Zukunft erhalten bleibt. Natürlich ist

das an die finanziellen Mittel, die uns

im Moment zur Verfügung stehen,

gekoppelt. Ich bin gespannt, wie es

in Zukunft sein wird.

Dorothea Sattler: Ja, wenn du eine

Wunschliste aufmachst, dann würde

ich mir auch wunderbare Projekte vorstellen

können.

Herzlichen Dank für das Gespräch.


Kulturtankstelle Schledehausen

Bunte Tage rund um Dreißig

30 das könnte Ruhe und Sicherheit bedeuten in Schledehausen. Jedenfalls

dann, wenn die Hauptstraße zur verkehrsberuhigen Zone würde. Mit

einer als Straßenfest geplanten Veranstaltung sollte nicht nur die kulturelle

Infrastruktur belebt werden.

Seit zwei Jahren gibt

es die Kulturtankstelle

in Schledehausen, vor

etwa einem Jahr entstand

die Idee, sich gemeinsam mit den

Dorfbewohnern für eine verkehrsberuhigte

Zone einzusetzen. Vorausgegangen

waren Gespräche mit Nachbarn und

eigene Erfahrungen an der Wulftener

Straße im Herz von Schledehausen.

Und tatsächlich: Für zwei Tage war die

Wulftener Straße Tempo 30-Zone. Die

Reaktionen der Anlieger waren sehr

unterschiedlich. Einige meinten »Es soll

lieber alles so bleiben wie es ist«. Die

größte Sympathie fand die Aktion wohl

bei den unmittelbar Betroffenen laut

Aussage einer Nachbarin soll es für die

Schulkinder in der Früh vor lauter Autoverkehr

kaum möglich sein, die Wulftener

Straße gefahrlos zu überqueren.

Eine andere Nachbarin bot den Initiatoren

der Veranstaltung sogar Geld an,

Pressestimmen

Ostfriesen-Zeitung, 31. Oktober 2001

Gemeinde zahlt fürs »Phönix«

Zuschuss zu den Personalkosten

Mit dem Zuschuss soll die Arbeit des Jugendund

Kulturzentrums in den nächsten Jahren

gesichert werden.

Rorichmoor. »Auf dieser Treppe hab‘ ich schon

vor über 25 Jahren gesessen«, sagt Oswald

Janssen. Damals war er Gründungsmitglied

des »Phönix« in Rorichmoor. Gestern war der

Mann aus dem Rathaus zurück an alter Stelle,

zusammen mit Bürgermeister Heinz Palm, der

Vorsitzenden des Jugendausschusses, Bettina

Stöhr, und einem Vertrag, der es dem Jugendund

Kulturzentrum ermöglichen soll, die Türen

offen zu halten.

Im vorigen Jahr sah es nämlich nicht gut aus

für das »Phönix«. Weil die ABM-Stelle wegfiel

damit die 30 km/h-Schilder dauerhaft

stehen bleiben.

Aber: Vieles, jedoch nicht alles ist für

Geld zu haben.

Ursprünglich sollten alle kulturellen

Darbietungen vom Straßenmalen über

den mittelalterlichen Markt bis zu den

Konzerten auf der Straße stattfinden.

Leider konnte die Straße nicht ohne

weiteres für das Straßenfest gesperrt

werden. Auch gab es in der Planungs-

Jürgen Gülker (links) und Lothar Stibbe

Für die Veranstaltung werden

die Schilder »30 km/h« aufgestellt

und das »Phönix« sich einen hauptamtlichen

Mitarbeiter nicht leisten kann, wandte sich

der Trägerverein an die Gemeinde. Bettina

Stöhr kam mit dem Jugendausschuss ins

»Phönix«, ein Arbeitskreis wurde gegründet,

und der stellte fest: Gute Arbeit lasse sich

nur mit einem hauptamtlichen Mitarbeiter

machen, ehrenamtlich sei das nicht möglich.

Deswegen gibt es jetzt den Fördervertrag,

den der Rat einstimmig befürwortet hat.

Bürgermeister Heinz Palm und Bettina Stöhr

zeigten sich gestern erfreut darüber und

stellten die Bedeutung des »Phönix« für die

Jugendarbeit heraus. »Phönix«-Geschäftsführer

Enno Neier, der für Organisation, Verwaltung

und Betreuung zuständig ist, sieht das

Jugend- und Kulturzentrum in Rorichmoor

als Ergänzung zum Jugendhaus der Gemeinde

in Warsingsfehn. »Wir kooperieren.«

Die Gemeinde sichert mit einem Zuschuss zu

den Personalkosten die Arbeit des »Phönix«

in den nächsten Jahren. Sie zahlt ab 2002:

erst 10.000 Mark, dann 25.000, dann 40.000;

2005 und 2006 übernimmt sie die Kosten für

phase einige Vorbehalte gegenüber

dieser Idee und der Kulturtankstelle

selbst, sodass eine breite solidarische

Zusammenarbeit für ein nachbarschaftliches

Straßenfest nicht zustande kam.

Dennoch sind wir der Meinung, dass wir

mit dieser Aktion ein wichtiges Thema

für alle Anwohner der Wulftener Straße

neu aufgegriffen haben.

Schon bevor es die Kulturtankstelle

gab, soll es Initiativen und Bemühungen

gegeben haben, diese Straße verkehrstechnisch

zu beruhigen. Bisher

blieben diese Bemühungen ergebnislos.

Wie es jetzt weitergeht, steht natürlich

auch noch in den Sternen.

Lothar Stibbe

den Geschäftsführer ganz. Alles zusätzlich zu

den ohnehin schon 46.000 Mark, die die

Gemeinde für die Einrichtung bereitstellt.

Ansonsten wird die Arbeit des »Phönix« von

der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller

Zentren in Niedersachsen gefördert. Als

Bindeglied zwischen Gemeinde und »Phönix«

wird ein Beirat eingesetzt.

Wer zahlt, will dafür auch was haben. Und

so verpflichtet sich das »Phönix« gegenüber

der Gemeinde, bestimmte Leistungen in den

Bereichen Jugend und Kultur zu erbringen.

Dazu gehört beispielsweise ein regelmäßiges

Programm mit Musik, Theater, Diskussionen

und Kino, dazu gehören Vorträge und Seminare.

Jugendliche können auch so kommen,

um sich die Zeit zu vertreiben, miteinander

zu klönen.

Der Vertrag zwischen Gemeinde und »Phönix«

endet 2006. Ein Jahr vor Vertragsende wollen

beide Seiten Gespräche über eine weitere

Absicherung der Arbeit im Jugend- und Kulturzentrum

beginnen.

(pik)

21

42 / Jan. 2002


42 / Jan. 2002

10 Jahre LAGS-Kulturberatung

Wer sich in der Kulturarbeit engagiert,

hat meist ein umfangreiches Aufgabenspektrum

zu bewältigen. Die Tätigkeit

erfordert die Verbindung von kreativen,

ökonomischen und kommunikativen

Fähigkeiten, verlangt politisches und

strategisches Geschick und bedeutet

immer auch Management und Verwaltung.

Es ist kaum möglich, in allen

Bereichen Fachmann oder Fachfrau zu

sein, und die Vielzahl der Aufgaben und

der finanzielle Rahmen in den soziokulturellen

Vereinen und Zentren lassen es

nicht zu, in allen Bereichen spezialisierte

»Profis« zu beschäftigen. Aus

diesen Gründen wurden vor zehn Jahren

die LAGS-Regionalberatungsstellen eingerichtet.

Die KulturberaterInnen der

LAGS sind für fast alle Fragen, die sich

im kulturellen Arbeitsalltag stellen

können, gewappnet.

Die LAGS-Beratung ist

… schnell und kompetent

Zum ersten Mal einen Verein gegründet?

Immer wieder mal Probleme mit

Buchhaltung und Steuerfragen? Eine

Lücke in den Kenntnissen des Vereinsrechts?

Schlechte Stimmung im Team?

Kleinere Probleme und Anfragen beispielsweise

zum Vereins- und Arbeitsrecht,

zu Verwaltung und GEMA werden

ebenso schnell und kompetent gelöst

wie größere: Teamkonflikte, der Aufbau

der Buchhaltung … immer steht das

Prinzip »Hilfe zur Selbsthilfe« im

Vordergrund und ausreichend Zeit zur

Verfügung. Und sollte den BeraterInnen

die Lösung fehlen, vermitteln sie kompetente

SpezialistInnen.

Selbstverständlich gehört auch die

Antragsberatung die Hilfe bei der

Konzeption von Projekten, bei der Planung

von Umbauten, das gemeinsame

Strukturieren der Ideen und das Ausarbeiten

von Kosten- und Finanzierungsplänen

zu den Beratungsangeboten.

Einführung in die Methoden

der Selbstevaluation in soziokulturellen

Einrichtungen

6.-8. Februar 2002

Wolfenbüttel

Das Seminar versteht sich als Einführung

in die Methoden von Nutzerund

Kundenbefragungen. Möglichkeiten

und Grenzen von Befragungen sind

ebenso Thema wie die einzelnen

Arbeitsschritte bei der Durchführung

einer Erhebung. Diese werden exempla-

22

… praxisnah

Die BeraterInnen der LAGS kommen aus

der soziokulturellen Praxis und sind in

der Regel mit einer halben Stelle in

soziokulturellen Zentren geschäftsführend

tätig.

… spezialisiert

Neben der allgemeinen Beratungstätigkeit,

die allgemeine Fragen der Kulturarbeit

vor Ort betrifft, haben sich die

BeraterInnen jeweils auf einen Themenkomplex

wie Steuern und Buchhaltung,

Veranstaltungstechnik, Öffentlichkeitsarbeit

etc. spezialisiert.

… offen für alle

Freie Träger und Initiativen, Einzelpersonen,

aber auch öffentliche Einrichtungen

können sich an die Beratungsstellen

wenden.

… und in Ihrer Nähe

Die RegionalberaterInnen erreichen Sie

unter folgenden Adressen:

Regionalberatung Nord

Dieter Hinrichs

Bahnhofstraße 19

26122 Oldenburg

Tel. 04 41 / 248 93 93

Fax 04 41 / 955 56 02

eMail lags@soziokultur-oldenburg.de

Beratungsgebiet: Städte Delmenhorst,

Emden, Oldenburg, Wilhelmshaven;

Landkreise Ammerland, Aurich, Cuxhaven,

Friesland, Harburg, Leer, Oldenburg,

Osterholz, Rotenburg, Soltau-Fallingbostel,

Stade, Verden, Wesermarsch,

Wittmund

Kundenbefragungen selbstgemacht

risch durchgespielt von der Frageformulierung

bis hin zur Präsentation

der fertigen Ergebnisse. Dazu wird

»Grafstat 2000« eingesetzt, ein kostenlos

erhältliches Computerprogramm,

das sämtliche Arbeitsschritte einer

empirischen Erhebung unterstützt.

Die Veranstaltung findet in Kooperation

mit der LAG Soziokultur Niedersachsen

statt.

Referent ist Dr. Ulrich Paatsch, Arbeitsgruppe

für empirische Bildungsforschung,

Heidelberg. Er hat selbst zahl-

Jan Rathjen

Birkenallee 57

49076 Osnabrück

Tel. 05 41 / 120 82 08

Fax 05 41 / 120 82 09

eMail jawera@aol.com

Beratungsgebiet: Landkreise Lüchow-

Dannenberg, Lüneburg, Uelzen und

ausgewählte Träger im »Förder- und

Qualifizierungsprogramm Ländlicher

Raum«

Regionalberatung West

Klaus Thorwesten

Rolandsmauer 26

49074 Osnabrück

Tel. 05 41 / 338 74-18

Fax 05 41 / 338 74-50

eMail lagsregio-os@

lagerhalle-osnabrueck.de

Beratungsgebiet: Stadt Osnabrück;

Landkreise Grafschaft Bentheim, Cloppenburg,

Diepholz, Emsland, Hameln-

Pyrmont, Holzminden, Nienburg,

Osnabrück, Schaumburg, Vechta

Regionalberatung Süd/Ost

Elke Flake

Karlstraße 35

38106 Braunschweig

Tel. 05 31 / 238 04-0

Fax 05 31 / 238 04-17

eMail brunsviga-ef@t-online.de

Beratungsgebiet: Städte Braunschweig,

Salzgitter, Wolfsburg; Landkreise Celle,

Gifhorn, Göttingen, Goslar, Helmstedt,

Hildesheim, Northeim, Osterode, Peine,

Wolfenbüttel

Regionalberatung Hannover

Ingrid Wagemann

Bülowstraße 5

30163 Hannover

Tel. 05 11 / 279 18 17

Fax 05 11 / 390 80 62

eMail i.wagemann@comlink.org

Beratungsgebiet: Region Hannover

reiche empirische Erhebungen im Kultur-

und Umweltbereich durchgeführt.

Information und Anmeldung:

Bundesakademie für kulturelle Bildung

Wolfenbüttel, Postfach 11 40,

38281 Wolfenbüttel,

Tel. 0 53 31 / 808-415/425,

Fax 053 31 / 808-413,

eMail post@bundesakademie.de,

www.bundesakademie.de

Kosten: 130 € (für Mitglieder der

LAGS 115 €; bitte bei der Anmeldung

angeben)


Tenside freier Kultur

LaFT und LAGS gründen Bürogemeinschaft

Es galt wichtige Entscheidungen zu treffen auf der Mitgliederversammlung

in Leer. Wie soll nach LAGS-Meinung der Gesellschaftervertrag für die

zu gründende GmbH, die neue Organisation von LAGS und dem LaFT,

formuliert sein? Und welche organisatorische Struktur sollte die Grundlage

bilden für eine gemeinsame Arbeit? Diese Fragen standen im Mittelpunkt

der zweitägigen Diskussion. Die Geschäftsstelle und der Vorstand

hatten sowohl den Vertragsentwurf als auch eine Beschlussvorlage der

entscheidenden Fragen verfasst und zur Diskussion gestellt.

Man war sich sehr einig in Leer.

Es gab kaum eine Mitgliederversammlung

in den letzten zwei Jahren, auf

der die GmbH-Gründung nicht länger

diskutiertes Thema war. Und so fanden

sich auch schnell Lösungen für die zentralen

Fragen, die am 24. und 25. Oktober

2001 aufgeworfen wurden und bis

spät in den Abend für spannende Diskussionen

sorgten. Die Ziele der GmbH

wurden noch einmal herausgestellt:

neben größerer Kundenfreundlichkeit

ist es die Bündelung der kulturpolitischen

Kräfte und damit eine größere

Öffentlichkeitswirksamkeit für freie Kulturarbeit.

»Tenside sein«, so hat Georg

Halupczok, Vorstandsvorsitzender, es

ausgedrückt, »Tenside, das sind im

Waschmittel die Stoffe, die dafür sorgen,

dass Dingen, die sich eigentlich

ausschließen, eine Brücke gebaut wird

und Neues entstehen kann.« Die Gründung

der GmbH sollte auch ein nächster

Schritt sein, über neue Wege der

Finanzierung freier Kultur nachzudenken

ein Thema, das in Anbetracht

der Finanzkrise der Kommunen immer

wichtiger wird.

Die Mitgliederversammlung der LAGS

hat den Vorstand beauftragt, auf der

Basis des vorgestellten und diskutierten

Konzepts die Gründung einer GmbH

anzustreben und mit dem Landesverband

Freier Theater zu verhandeln. Entscheidend

für die Mitglieder ist die

grundsätzliche Gleichberechtigung der

Verbände. So wurde unter anderem

beschlossen, dass die GmbH so aufgebaut

sein sollte, dass sie für andere

Verbände offen und mehr als die

Summe ihrer Verbände sein soll. Die

gebildeten Beiräte sollten im diesem

Sinne »verschränkt« besetzt werden

und die Quotierung sollte eine Selbstverständlichkeit

sein. Ebenfalls wichtig

für die Mitglieder der LAGS und wie

auch alle anderen Punkte einstimmig

bestätigt: die Regionalberatungsstellen

sollen erhalten bleiben.

Auf diesen und weiteren Grundlagen

wird der Vorstand der LAGS mit dem

LaFT-Vorstand in gemeinsame Verhandlungen

treten. Die Gründung einer

neuen Organisationsform ist ein längerer

Entscheidungsprozess; der fachliche

Austausch zwischen den Geschäftsstellen,

den Vorständen und der MV, der

sehr intensiv war, wird bestehen bleiben,

um gemeinsam Strukturen zu

schaffen, die auch dann noch funktionieren,

wenn mehr Verbände beteiligt

sind. Schon jetzt hat die Mitgliederversammlung

des LaFT beschlossen, von

Oldenburg nach Hannover umzuziehen,

um mit der LAGS eine Bürogemeinschaft

zu gründen.

»Der Zollhausverein ist froh und

fast auch ein bisschen glücklich,

den Bürgermeister der Stadt Leer, Herrn

Kellner im Zollhaus begrüßen zu können«,

so leitetet Birgitta Heller,

Geschäftsführerin des Zollhauses den

Besuch des neu gewählten Bürgermeisters

ein. Ein frischer Wind in Leer, der

dem Verein endlich auch einen städtischen

Zuschuss in Aussicht stellt, ohne

den der Verein kaum weiterarbeiten

könnte. »Wir wollen dafür sorgen, dass

der Wind so gebündelt wird, dass das

Schiff schneller wird,« fasste Herr Kellner

seine positive Meinung zur Arbeit

des Zollhausvereins zusammen und

berichtete auch über Signale des Kreises,

sich an der Finanzierung des Zollhauses

zu beteiligen. Ein erster Schritt

ist die gemeinsame Unterstützung bei

der Erfüllung der Brandschutzauflagen,

ohne die das Zollhaus hätte schließen

müssen.

An dieser Stelle ein ganz herzliches

»Danke« an all die Zollhäusler, die für

die köstliche Bewirtung, die gute

Atmosphäre und den reibungslosen

organisatorischen Ablauf der MV

gesorgt haben.

Auch die Mitglieder waren fast ein

bisschen glücklich.

Dafür sorgte Eckhart Liss, der den Verein

Kunst und Begegnung Hermannshof

in Völksen bei Springe vorstellte. Virtuos

nicht nur sein Umgang mit der

Flipchart, um strukturiert und zügig die

Arbeit des Vereines vorzustellen, virtuos

auch sein Querflötenspiel, mit

dem er seine Leidenschaft zur Musik

präsentierte und die Mitglieder für

einen kurzen Moment ein bisschen

glücklich machte im Gegenzug

konnten die Mitglieder den Verein ein

bisschen glücklich machen der Verein

Kunst und Begegnung Hermannshof

wurde einstimmig neues LAGS-Mitglied.

(Mehr über den Verein auf Seite 11)

Unbedingt

vormerken!

Lokaltermin und Mitgliederversammlung

Am 18. und 19. April findet in Lüneburg

die Frühjahrs-MV statt. Gastgeber

ist das Kulturforum. Eine Tagung

ist geplant, das Thema stand zum

Redaktionsschluss noch nicht fest.

Sommeruni in der Brunsviga

Vom 27. bis zum 31. Mai findet die

diesjährige Sommeruni statt. Der Ort

an dem gelernt, kennengelernt und

ausprobiert werden kann, ist wie

in den letzten Jahren die Brunsviga

in Braunschweig.

23

42 / Jan. 2002


42 / Jan. 2002

Was tun? Einige Gedanken »zwischen den Jahren«

Die Feiertage am Jahresende und der Beginn eines neuen Jahres sind

häufig Anlass, sich über das im vergangenen Jahr Erreichte Gedanken zu

machen und gute Vorsätze für die Zukunft zu fassen.

24

Wie sieht dies am Beispiel der

LAGS aus?

Gemessen an den selbstformulierten

Ansprüchen können wir auf ein erfolgreiches

Jahr zurückblicken:

• Mit den uns zur Verfügung stehenden

Landesmitteln konnten ein beeindruckendes

inhaltliches Spektrum an

Projekten realisiert und im investiven

Bereich entscheidende infrastrukturelle

Verbesserungen vorgenommen

werden die Berichte dieses und der

vergangenen rundbriefe in der Rubrik

»Vor Ort« legen davon Zeugnis ab.

• Im Bereich der Beratungs- und Fortbildungsangebote

haben wir gute

Erfolge vorzuweisen unser demnächst

erscheinender Bericht wird

dies dokumentieren.

• Mit dem Förder- und Qualifizierungsprogramm

für Kulturarbeit im ländlichen

Raum haben wir neue Wege

beschritten, die so zeigt sich schon

jetzt für die Soziokultur in Niedersachsen

zu einer substanziellen

inhaltlichen Bereicherung führen.

• Bezüglich der Weiterentwicklung der

LAGS haben Vorstand und Mitgliederversammlung

gründlich durchdachte

und sehr einmütig verabschiedete

konzeptionelle Grundlagen für eine

Zusammenarbeit mit den freien Theatern

in Niedersachsen entwickelt.

Dennoch bestand (und besteht) für uns

kein Anlass, uns zufrieden zurückzulehnen.

Zu stark, teilweise gar bedrohlich,

sind die Herausforderungen, denen wir

uns stellen müssen:

Die chronische Finanzknappheit der

öffentlichen Haushalte hat sich insbesondere

auf der kommunalen Ebene zu

einer ernsten Krise entwickelt (siehe

hierzu auch den Beitrag von Elke Flake

in diesem rundbrief). Für soziokulturelle

Arbeit, die sich aus dem Engagement

der Bürgerinnen und Bürger vor

Ort heraus entwickelt und deshalb mit

gutem Grund neben einer sehr hohen

Eigenfinanzierung in erster Linie durch

kommunale Förderung finanziert wird,

ist dies eine akute Bedrohung.

Langfristig hilft dagegen sicher nur

eine grundlegende Reform der öffentlichen

Finanzverfassung, die den Kommunen

wieder Handlungsmöglichkeiten

gibt. Hierzu gibt es keine Alternative,

da im Bildungs-, Kultur- und Sozialbereich

auf der kommunalen Ebene ganz

entscheidend die Grundlagen für die

Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft

gelegt werden.

Auf die Ergebnisse dieser Reform können

wir jedoch nicht warten; deshalb

muss die LAGS in dem Bereich, den sie

zu verantworten hat, gemeinsam mit

dem Land, den örtlichen Trägern und

den beteiligten Kommunen tätig werden.

Mit dem in anderen Bereichen

bereits eingesetzten Instrument der so

genannten »Konzeptionsförderung«

ließe sich unseres Erachtens gut arbeiten,

da Landesmittel dann nicht nur für

neue Projekte, sondern im Einzelfall

auch für den Erhalt und damit die

Entwicklungschance von Einrichtungen

eingesetzt werden könnten.

Darüber hinaus lässt die akute Finanzkrise

ein Manko der kulturpolitischen

Entwicklung der 90er Jahre deutlich

werden. Die Debatten über Strukturen

der Kulturlandschaft, Verwaltungsreformen,

Trägermodelle kultureller Einrichtungen

wurden im Laufe der Zeit

immer stärker unter rein strukturellen

Gesichtspunkten geführt. Mit der Gründung

von GmbHs oder kommunalen

Eigenbetrieben, mit der Einführung

neuer Steuerungsmodelle oder der kaufmännischen

Buchführung in der öffentlichen

Verwaltung allein ist allerdings

noch nicht gewährleistet, dass mehr

kulturelle Vielfalt hergestellt wird und

bereichernde Begegnungen mit Kunst

und Kultur stattfinden. Der Blick in den

kulturpolitischen Debatten sollte sich

wieder stärker darauf richten, welche

Leistungen Kunst und Kultur erbringen,

wie sie den Herausforderungen von

Globalisierung, Interkulturalität, neuen

Medien begegnen und welche kulturellen

Angebote und Einrichtungen wir

brauchen.

Solche Debatten, in denen es um Ziele

und Visionen geht, zu initiieren und

dabei ohne falsche Bescheidenheit die

Leistungen und Stärken der Soziokultur

zu betonen, wird Aufgabe der LAGS in

den kommenden Jahren sein.

Gerd Dallmann


Die kommunale Finanzkrise und ihre Folgen

Rollback in der Kulturpolitik?

Bis Mai letzten Jahres war im Braunschweiger Rathaus die Welt noch

in Ordnung. Der Haushalt des laufenden Jahres schien ausgeglichen, es

sprachen alle Prognosen dafür, ab 2002 sogar die Schulden aus den

Finanzkrisen der Vorjahre teilweise abtragen zu können. Dann kamen

die ersten Gewerbesteuermeldungen, und eine Hiobsbotschaft folgte

der anderen. Zunächst fehlten nur 20 Mio. DM, Ende Mai waren es schon

40 Mio. DM, und im September kletterten die Mindereinnahmen aus der

Gewerbesteuer auf ein Rekordhoch von 85 Mio. DM. Die Gewerbesteuer,

so fasste der damalige Verwaltungschef zusammen, befände sich im freien

Fall, die Krise sei nicht vorübergehend, sondern auf die nächsten Jahre

gesehen dauerhaft. 85 Mio. DM das entspricht einer Einbuße von

ca. 35% der Gewerbesteuereinnahmen und reißt eine Deckungslücke

von rund 8% im Verwaltungshaushalt der Stadt.

Braunschweig ist kein Einzelfall.

So gut wie alle Kommunen klagen über

ähnliche Finanznöte. Nur noch wenige

Städte werden trotz intensiver Sparbemühungen

in der Lage sein, einen ausgeglichenen

Haushalt für das nächste

Jahr vorzulegen. Große Städte sind

besonders stark betroffen, aber auch

kleine Gemeinden können ihren in den

letzten Jahren gewachsenen Aufgaben

nicht mehr nachkommen, da ihnen das

Geld fehlt. Manche sind nur noch durch

Bedarfszuweisungen des Landes in der

Lage zu überleben und damit auf die

Stufe kommunaler Sozialhilfeempfänger

abgerutscht.

Die Ursache für die Finanzkrise

sinkende Steuereinnahmen, aber

immer mehr Pflichtaufgaben!

Seit Anfang der 80er Jahre rutschen

die Kommunen von einer Krise in die

andere. Während die Ausgaben stetig

wachsen, verhalten sich die Einnahmen

zyklisch, ähnlich wie bei einer Wellenbewegung.

Seit den 90er Jahren verläuft

diese Linie aber nicht mehr horizontal,

sondern stetig abwärts: die

Finanzkrise wird dauerhaft.

Die Kommunen finanzieren sich im

wesentlichen über drei Einnahmequellen

Zuweisungen von Bund und Land

für die Übernahme staatlicher Aufgaben,

Gebühreneinnahmen wie Müll- und

Straßenreinigungsgebühren und zu

einem großen Prozentsatz durch den

Kommunen zustehende Steuereinnahmen.

Den Hauptteil bilden dabei

Anteile an der Einkommensteuer und

die Gewerbesteuer. Für die Steuergesetze

sind nicht die Kommunen zuständig,

sondern Bund und Land, wobei

sich aber jede Steuerreform unmittelbar

auf die Kommunen niederschlägt. Die

Steuerreformen der letzten Jahre von

der Kohl- bis zur Schröder-Regierung

führten immer zu sinkenden kommunalen

Einnahmen, und auch die jetzige,

noch nicht voll wirksame Steuerreform

wird sich in den Folgejahren für die

Kommunen negativ auswirken. Gleichzeitig

bürden Bund und Land den Kommunen

laufend neue Pflichtaufgaben

auf, die durch die Kommunen ausgeführt

und ganz oder teilweise durch

diese finanziert werden müssen. Dazu

gehört zum Beispiel der inhaltlich sehr

begrüßenswerte Rechtsanspruch auf

einen Kindergartenplatz für Kinder ab

3 Jahren, der in Niedersachsen überwiegend

von den Kommunen finanziert

werden musste und bei großen Städten

zu Mehrausgaben im deutlich zweistelligen

Millionenbereich geführt hat. Die

einen machen die Gesetze, den andern

beißen die Hunde, ohne an der Gesetzgebung

beteiligt zu sein. In Deutschland

sind das die Kommunen! Die Klagen

des Deutschen Städtetages, dass

sich Bund und Land laufend auf Kosten

der Kommunen entlasten, um ihre

eigene Finanznot zu bekämpfen, sind

mehr als berechtigt.

Es sind aber nicht nur Bund und Land,

die die Verantwortung tragen. Jede

Wirtschaftskrise schlägt auf der Steuerseite

natürlich sofort negativ durch,

Kommunen mit hoher Arbeitslosigkeit

leiden nicht nur an hohen Sozialhilfekosten,

sondern auch an sinkenden

Steuereinnahmen. Und seit einigen

Jahren haben wir einen gravierenden

Strukturwandel der großen Wirtschaftsunternehmen,

der zu eben besagtem

freiem Fall der Gewerbesteuer führt.

Der Löwenanteil der Gewerbesteuereinnahmen

einer Kommune wurde von

wenigen großen Unternehmen gezahlt.

Klein- und Mittelbetriebe tragen nur

im Peanuts-Bereich (zu Recht!) zu den

Hintergrund

Einnahmen bei. Da es sich aber um

eine Gewinnsteuer handelt, die aus der

Bilanz ermittelt wird, wirken sich die

Globalisierung und die Verflechtungen

der Unternehmen unmittelbar auf die

Gewerbesteuer aus.

Es sollte bekannt sein, dass hier nicht

namentlich genannte Großunternehmen

seit Jahren fast gar keine Steuern

natürlich auch keine Gewerbesteuer

mehr in Deutschland zahlen. Ein plakatives

weiteres Beispiel sind die UMTS-

Lizenzen, die einen Milliardengewinn

für den Bund brachten. Die deutsche

Telekom mit ihren einzelnen Niederlassungen

zum Beispiel gehört aber in den

großen Städten zu den großen Gewerbesteuerzahlern,

setzt den Kauf der

Lizenzen natürlich gewinnmindernd ab,

und schon sinken die Gewerbesteuermeldungen

auf Null. Das gleiche gilt für

die Banken, die nationale und globale

Beteiligungen haben. Am Bankenskandal

in Berlin leidet nicht nur die Stadt

Berlin, sondern alle Städte mit Bankenniederlassungen,

die hieran beteiligt

sind. Die Fusion eines Energieversorgungsunternehmens

mit einem anderem

(heute gang und gäbe) und damit die

Verlagerung eines Firmensitzes kann

während eines Jahres aus einer wohlhabenden

Kommune eine »Sozialhilfeempfängerin«

machen.

Eine Reform der Gemeindefinanzierung

ist darum mehr als überfällig. Irgendwann

wird sie geschehen, spätestens

dann, wenn keine Gemeinde mehr ihren

Pflichtaufgaben nachkommen kann.

Nur, was geschieht bis dann?

Die Folgen der Finanzkrise

Sparen, sparen, sparen! Aber was

ist mit der Nachhaltigkeit?

Im Gegensatz zum Bund und den Ländern

dürfen Kommunen ihren laufenden

Haushalt nicht durch Kredite finanzieren.

Der Verwaltungshaushalt muss

ausgeglichen sein; die kurzfristige Aufnahme

von Kassenkrediten in Notsituationen

muss nach spätestens zwei Jahren

zurückgezahlt sein, sonst schlägt

die Aufsichtsbehörde (das Land) erbarmungslos

zu und genehmigt den Haushalt

nicht. Die Antwort auf sinkende

Einnahmen ist klar: Sparen, sparen,

sparen! Das nennt sich dann Konsolidierungskonzept

und ist die Voraussetzung

für die Genehmigung der Haushalte

durch das Land.

In Braunschweig beispielsweise wird

inzwischen das fünfte gravierende

Konsolidierungskonzept seit Ende der

25

42 / Jan. 2002


42 / Jan. 2002

Hintergrund

80er Jahre erarbeitet. Und genau

da liegt das Problem! Ich kenne massenhaft

»Stammtischrunden« und

»Küchentischgespräche« der Bürgerinnen

und Bürger; oft führe ich sie gerne

mit. Der Bund der Steuerzahler führt

sie breit über die Medien: Spart doch

an den überflüssigen Geldverschwendungen!

Öffentliche Einrichtungen werden

mit »goldenen Wasserhähnen« ausgestattet,

Straßen überteuert

gepflastert und dann wieder aufgerissen,

Subventionen in Fässer ohne

Boden gesteckt. Dann muss an wichtigen

Aufgaben für die Einwohner nicht

gespart werden!

Ja, es gibt sie immer noch, die überflüssige

und kostenintensive Bürokratie,

die Fehlinvestitionen und überzogenen

Ausgaben im Baubereich, und

die relativ gesehen viel zu hohen Ausgaben

für Prestigeprojekte, denen

Ratsmehrheiten immer gerne zustimmen,

weil es vermeintlich Ansehen

bringt. Aber selbst der beste und kompetenteste

Sanierer mit der unbestechlichsten,

sozialsten und positivsten

Moral kann die kommunalen Haushalte

nicht mehr sanieren, ohne einen Katalog

von »Grausamkeiten« für die Bürger

zu offerieren, und selbst dann ist ein

ausgeglichener Haushalt für die meisten

Kommunen nicht mehr möglich.

Die Luft, die Anfang der 80er Jahre

noch reichlich vorhanden war, ist in

den meisten Kommunen nach mehreren

Sparrunden verbraucht. Da ist nicht

mehr viel zu holen. Land und Bund

sollten die Kommunen hier als Modellprojekt

nehmen und deren Einsparungen

auf sich selber übertragen, da

wäre noch einiges zu holen.

Wir nehmen wieder als Beispiel die

Stadt Braunschweig. Unter der Annahme,

keine betriebsbedingten Entlassungen

bei den städtischen Bediensteten

vorzunehmen, betrüge die

maximal mögliche Einsparsumme im

Bereich der sogenannten freiwilligen

Ausgaben 60 Mio. DM pro Jahr

(bei 85 Mio. DM Defizit).

Das aber würde bedeuten, alles, was

nicht vertraglich gebunden ist, auf Null

(!) zu fahren. Es gäbe keine Schwimmbäder

mehr, keine Kultureinrichtung

außer dem Staatstheater und den Landesmuseen,

kein Jugendzentrum, keine

soziale Einrichtung außer den gesetzlich

vorgeschriebenen und so weiter!

Übrig bliebe eine Stadt, die keine nennenswerte

Lebensqualität mehr hätte.

Und so weiß auch jeder Insider: eine

volle Konsolidierung ist nicht zu erreichen.

Zumal es sich wie beim Hase-

26

und-Igel-Spiel verhält kaum hast du

eine Sparrunde hinter dir, sagt der Igel

»Das neue Finanzloch ist schon da«.

Aber solange die kommunale Finanzreform

nicht Realität wird, werden die

Kommunen Sparkonzepte vorlegen

müssen. Die Gesetzeslage schreibt das

zwingend vor.

Umso notwendiger ist es da, jede mögliche

Einsparung genau auf ihre langfristigen

Folgen hin zu betrachten.

Welche langfristige Auswirkung hat die

Schließung von Kinder- und Jugendzentren

und Beratungsstellen erzeugt

sie auf mehrere Jahre betrachtet nicht

deutlich erhöhte Kosten im Pflichtbereich

wie bei der Heimunterbringung,

den Sozialhilfekosten etc.?

Wie wirken sich die Streichungen kommunaler

Angebote auf die Lebensqualität

der Bürgerinnen und Bürger aus

führt eine Verringerung der Lebensqualität

nicht gleichzeitig auch zum Wegzug

der Bürger, zur Verhinderung von

Wirtschaftsansiedlungen und damit zu

verminderten Einnahmen?

Bringt es etwas, das »Tafelsilber« wie

zum Beispiel kommunale, bisher noch

gewinnbringende Unternehmen zu

verkaufen, kurzfristige Einnahmen zu

haben und langfristige Verluste?

Den Fragenkatalog könnte man hier

beliebig fortsetzen. Eines ist klar: die

Beantwortung stellt enorme Anforderungen

an die Kompetenz der Verwaltung

und nach unserem Demokratieprinzip

an die kommunale Politik,

die letzt endlich zu entscheiden hat.

Hierbei ist zu bedenken, dass es sich

ausschließlich um ehrenamtlich tätige

Politikerinnen und Politiker handelt,

deren Qualifizierung nur durch die Bürgerinnen

und Bürger zu erfolgen hat.

Genau hier liegt unsere Aufgabe im

begrenzten Bereich der Soziokultur.

Wir können die oben gestellten Fragen,

sofern sie sich auf den Kulturbereich

beziehen, beantworten und müssen

sie vermitteln!

Die Sparkrise und der Kulturbereich

den Letzten beißen die Hunde,

die Soziokultur gehört dazu!

Betrachtet man die vorherigen Ausführungen,

dann scheint es auf den ersten

Blick geradezu unverantwortbar, auch

nur noch eine einzige nichtkommunale

Kultureinrichtung mit Geldern der Kommune

finanzieren zu lassen. So absurd

es zunächst klingt, genau das (!) wäre

unverantwortbar, weil es den größten

Teil der Kulturangebote ohne die kommunalen

Gelder nicht gäbe, und genau

das hat wiederum fatale Konsequenzen

für die Kommune und ihre Finanzen.

In Deutschland lässt sich ein großer

Teil der Kultur nicht ohne öffentliche

Subventionen finanzieren (über die

Ursachen und über die Frage zu berichten,

ob es in anderen Staaten wirklich

ohne geht, wäre mehrere Artikel mindestens

dieser Länge wert). Kultur ist

aber unumstritten eine wesentliche

Aufgabe der kommunalen Daseinsvorsorge,

sie ist ein bedeutender Bestandteil

der Lebensqualität, sie ist weicher

Wirtschaftsfaktor etc.

So allgemein wird es auch in keiner

Kommune zu deutlichen Differenzen

kommen. Die Verwaltungsführung, der

Rat jenseits aller Parteikonstellationen

würde hier uneingeschränkt Ja sagen.

Nur: Was ist denn die zu fördernde Kultur?

Was ist notwendig, was finanziert

sich alleine und wird nur in Form von

Anerkennungsbeträgen bezuschusst,

und auf was kann man verzichten, was

bedeuten Schließungen und Finanzreduzierungen

für einzelne Einrichtungen?

Genau an diesen Fragen müsste

eigentlich die Spardiskussion geführt

werden.

Hier setzt meine Kritik, hier setzen

meine Probleme an.

Genau solche Fragen werden viel zu

wenig gestellt. Statt dessen wird bei

fast allen Konsolidierungskonzepten

folgendermaßen vorgegangen:

1. Zu kürzen ist vorwiegend im Bereich

der so genannten »freiwilligen Leistungen«,

also dort, wo es keine

gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben

gibt. Die Kultur ist eine der freiwilligsten

Aufgaben überhaupt.

2. Im Kulturbereich gibt es vertraglich

geregelte Ausgaben (Staatstheater bei

großen Städten, sonstige dauerhafte

Verträge), an die man nur langfristig

und mit viel Ärger rankommt.

3. Sofern die Stadt selber Aufgaben

im kommunalen Bereich ausführt, sind

sie weniger freiwillig als andere, über

Zuschüsse geregelte, weil Einsparungen

hier ja zu kommunalen

Personalentlassungen führen müssten

und somit eigentlich nur schwierig

möglich bzw. unsinnig sind.

4. Am besten und einfachsten ist es,

bei den freien kommunalen Kulturträgern

zu kürzen bzw. einzusparen, weil

hier das Kriterium 1, aber die Kriterien

2 und 3 nicht zutreffen.

Was wird an Kulturleistungen erbracht,

was braucht die Kommune, was verursacht

das Leistungsprodukt an Kosten?

Nicht mehr das sind die entscheidenden

Fragen, sondern: wo kann ich kurzfristig,

weil nicht an Regelungen

gebunden, einsparen? Und beim Rest


schlägt der Stamm- oder Küchentisch

des klassischen Bürgertums zu. Denn

genau die haben in den Räten das

Sagen und entscheiden auch entsprechend.

Konsequent zu Ende gedacht ist das

Resultat einfach: Rollback in die 70er

Jahre mit den staatlich getragenen

Institutionen der Hochkultur, ergänzt

durch wenige Einrichtungen, die als

kommunal geführte Einrichtungen (mit

kommunalem Personal) entstanden

sind. Na ja, diese sind auch nicht

unumstritten, aber nicht kurzfristig

ganz zu streichen. Irgendwo muss man

mit dem Personal ja hin, und so verzieren

viele so genannte »kw«-Vermerke

(künftig wegfallend) die Stellenpläne

kommunaler Kulturhaushalte. Erhalten

bleiben selbstverständlich kommunal

geführte Prestigeobjekte wie Großevents

und die Kosten für den Unterhalt

der notwendigen Orte für diese

Events. Das wärs!

»Nein, stimmt nicht« sagen die Entscheidungsträger.

»Beim Rest kürzen

wir nur.« Und so hält der beliebte

Rasenmäher Einzug, sprich: zwischen

10 und 25% der kommunalen Ausgaben

für die Träger freier Kulturinstitutionen

werden einheitlich gekürzt, als erste

Stufe natürlich nur.

Für die meisten dieser Einrichtungen

bedeutet das aber langfristig das Aus

(»Prima, wir sind nicht schuld« sagen

die Entscheidungsträger). Man könne

sich doch Sponsoren suchen oder wirtschaftlicher

arbeiten. Wenn ich solche

Argumente höre, packt mich inzwischen

entweder die kalte Wut oder ohnmächtige

Verzweiflung.

Die Braunschweiger FDP hat über die

Zeitung verkündet, Einrichtungen, die

länger als drei Jahre am Tropf der Stadt

hängen, nicht mehr zu finanzieren und

statt dessen im Kulturbereich nur noch

Projektförderung zu betreiben. Das

machen aber alle! Von Sponsoren über

Stiftungen bis hin zum Land: Projektmittel

für einzelne in sich abgeschlossene

Vorhaben sind zu bekommen. Aber

wo sollen sie stattfinden, wer soll sie

betreiben? Die Kürzungen der Kommunen

treffen genau dieses Rückgrat, die

räumliche und personelle Infrastruktur.

Sie treffen all die, die schon immer

unter dem Druck knapper Finanzen

hochgradig wirtschaftlich und effizient

gearbeitet haben. Sie treffen die, deren

einziger Fehler es ist, ein freier Träger

zu sein und nicht vertraglich oder

durch kommunale Trägerschaft abgesichert

zu sein. Und das sind insbesondere

die soziokulturellen Zentren und

die in den letzten Jahren im Zuge der

neuen Kulturpolitik entstandenen kleinen

Kultureinrichtungen, vom freien

Theater bis zu den Jugendkunstschulen.

Es scheint so, als ob die neue Kulturpolitik

in den Köpfen vieler kommunaler

Entscheidungsträger gar nicht stattgefunden

hat. Sicher, es hat eine Erweiterung

des Kulturbegriffs gegeben.

Aber dieser beschränkt sich auf die

Großevents und die allgemein herrschende

Festivalitis. Deren Bedeutung

resultiert auch weniger aus kulturpolitischen

Gesichtspunkten, sondern hier

sind Marketingaspekte und Renommiergründe

ausschlaggebend. Offensichtlich

kann man nach Ansicht vieler Stadtoberen

mit einer vielfältigen und lebendigen

Kulturszene kein Renommee

machen. Der freie Kulturbereich und

seine Inhalte sind nur in Zeiten gefüllter

Finanzsäckel zur Befriedigung einer

Lobby gefördert worden. Heute sind sie

überflüssig.

Werden die jetzt diskutierten Kürzungen

und Streichungen im Bereich der

neuen Kulturpolitik Realität, hätte das

tatsächlich fatale Folgen für die Kommunen.

Genau die immer noch ungeliebten

Kinder der ehemals freien Szene

tragen zur Unverwechselbarkeit einer

Stadt, zu ihrem Image mindestens

genauso bei wie die großen Kultureinrichtungen.

Ein großangelegtes Festival

zieht zwar kurzfristig jede Menge an

Besuchern, könnte aber genauso in

jeder anderen Stadt stattfinden: es

wirkt nicht nachhaltig. Und so werden

die Kommunen davon bin ich fest

überzeugt in wenigen Jahren für teures

Geld all das wieder aufzubauen versuchen,

was sie jetzt aus kurzfristigen

Einspargründen zerschlagen. Ob das in

allen Fällen gelingt, ist fraglich. Viele

Einrichtungen haben lange Jahre zum

Wachsen und vor allem hochgradig

engagierte Menschen gebraucht, die

nicht so einfach zu ersetzen sind.

Ich wehre mich nicht gegen eine kritische

Hinterfragung kultureller Einrichtungen.

Es mag vielleicht einige geben,

auf die wirklich verzichtet werden

kann, deren Leistungsspektrum mehr

als dürftig ist oder doppelte bzw. Konkurrenzangebote

zu anderen Einrichtungen

bietet.

Das alles muss überprüft werden. Aber

der Rest und das ist die Mehrzahl

ist notwendig für eine Kommune.

Es sollte alles getan werden, um das

Kaputtsparen dieser Einrichtungen zu

verhindern. In diesem Zusammenhang

halte ich es für mehr als sinnvoll, dass

das Land seine gängige Förderpraxis für

Hintergrund

kommunale Kultureinrichtungen überdenkt.

Die ausschließliche Beschränkung

auf die Förderung zusätzlicher

Projekte im Bereich der Soziokultur

oder der Jugendkunstschulen ist meines

Erachtens falsch. Statt dessen

sollte genauso der Aufbau, der Erhalt

der Kontinuität und der kulturellen

Infrastruktur in den Kommunen gefördert

werden, um Projekte überhaupt zu

ermöglichen. Das ist für das Land im

Kulturbereich eigentlich auch nichts

Neues. Staatstheater und Stadttheater

werden seit jeher institutionell gefördert,

die Musikschulen ebenfalls, wieso

nicht auch die soziokulturellen Zentren

und andere Einrichtungen der freien

Kultur? Vielleicht wäre das ein gangbarer

Weg, um das von mir befürchtete

Rollback in die frühen 70er Jahre zu

verhindern.

Elke Flake

Dr. Elke Flake ist Geschäftsführerin der

Brunsviga in Braunschweig und LAGS-

Regionalberaterin.

27

42 / Jan. 2002


LAGS Nds. e.V. • Lister Meile 4 • 30161 Hannover

PVSt, DPAG, Entgelt bezahlt

H 47871

42 / Jan. 2002

Die eine und die andere Kultur

Interkulturalität als Programm

46. Loccumer Kulturpolitisches

Kolloquium

22.-24. Februar 2002 Loccum

Die Tagung beschäftigt sich mit

der Frage, wie kulturpolitische

Konzeptionen im Hinblick auf

wachsende Zuwanderung reagieren

sollen. Dabei gilt die besondere

Aufmerksamkeit den

unterschiedlichen Formen von

Kulturarbeit, die sich einerseits

um eine gemeinsame Kultur

bemühen und andererseits das

Recht auf Verschiedenheit vertreten.

Ein weiteres Thema wird

die Außendarstellung Deutschlands

sein.

Information und Anmeldung:

Evangelische Akademie Loccum,

Postfach 21 58, 31545 Rehburg-

Loccum, Tel. 0 57 66 / 81-0,

Fax 0 57 66 / 81-900,

eMail eal@evlka.de,

www.loccum.de

Arbeiten müssen, dürfen,

können?

Die Zukunft der aktiven

Arbeitsmarktpolitik

11.-13. März 2002 Loccum

Die von der Bundesregierung im

Jahr 2001 angekündigten Reformen

der Arbeitsförderung und

Sozialhilfe haben zu einem

Wetteifer der Reformvorschläge

geführt. Doch unterscheiden sich

nicht nur die vorgeschlagenen

Maßnahmen erheblich, bei näherer

Betrachtung offenbaren sich

auch grundsätzliche Unterschiede

hinsichtlich der Ziele der aktiven

Arbeitsmarktpolitik. Die Tagung

soll dazu beitragen, die Frage

nach diesen Zielen und den Möglichkeiten

ihrer Umsetzung zu

klären.

Information und Anmeldung:

Evangelische Akademie Loccum

European Media Art Festival

24.-28. April 2002 Osnabrück

»New Images New Stories«

Art in Modern Media: so präsentiert

sich das EMAF 2002. Produktionen

international renommierter

Künstler werden ebenso

vertreten sein wie innovative

Arbeiten junger Talente.

28

Als Forum für internationale

Medienkunst zeigt das EMAF

Filme, Videos, Performances,

multimediale Installationen und

digitale Medien wie CD-ROM,

DVD und Internet. Im Rahmen

des Festivals wird der Preis der

Deutschen Filmkritik für die

beste experimentelle Film- und

Videoarbeit vergeben. Mit dem

OLB-Medienkunstpreis des EMAF

werden richtungsweisende

Medieninstallationen ausgezeichnet.

Für fünf Tage ist Osnabrück

wichtiger Treffpunkt für Fachleute

aus Kunst, Kultur, Medienwirtschaft

und für ein großes,

interessiertes Publikum.

Information: European Media Art

Festival, Lohstraße 45a, 49074

Osnabrück, Tel. 05 41 / 216 58,

Fax 05 41 / 283 27,

eMail info@emaf.de,

www.emaf.de

Einunddreißigstes Programm des

Waldschlösschens erschienen

Nach zwanzig Jahren wurde die

Bezeichnung »Freies Tagungshaus«

aufgegeben, da sie historisch

überholt war und der

Bildungseinrichtung Waldschlösschen

nicht mehr gerecht wurde.

Mit der Benennung »Akademie

Waldschlösschen« soll gezeigt

werden, dass die beständige

Weiterentwicklung von Qualität

und Spektrum der Bildungsangebote

im Zentrum der Arbeit

steht.

In diesem Zusammenhang

machen wir besonders auf zwei

neue berufsbegleitende Kurse in

unserem Programm aufmerksam,

die sich jeweils über anderthalb

Jahre erstrecken werden: »Die

Kunst des Führens. Berufsbegleitende

Seminarreihe für Menschen

in Leitungsfunktionen« (Seite

30) und »Six Steps. Chancen nutzen

Kompetenzen stärken.

Fortbildungsreihe Beruf« (S.30).

Bezug: Akademie Waldschlösschen

Bildungs- und Tagungshaus,

37130 Reinhausen bei

Göttingen, Tel. 055 92 / 92 77-0,

Fax 055 92 / 92 77-77, eMail

info@waldschloesschen.org,

www.waldschloesschen.org

Neues Programm der Bundesakademie

für kulturelle Bildung

Die Akademie bietet Seminare

und Kurse in fünf Bereichen

an Bildende Kunst, Literatur,

Museum, Musik, Theater sowie

in fachbereichsübergreifender

Zusammenarbeit.

Seminare zu den Querschnittsthemen

Markt, Management, und

Medien werden von allen Fachbereichen

angeboten, sind aber

fachübergreifend offen. Sie werden

in der Rubrik Markt, Management,

Mediales zusammengefasst

und zusätzlich angezeigt.

Außerdem arbeitet die Akademie

mit Tagungen, Kolloquien und

Werkstattgesprächen als unabhängiges

Forum für den öffentlichen

kulturpolitischen und kulturfachlichen

Diskurs auf Länderund

Bundesebene.

Information: Bundesakademie für

kulturelle Bildung Wolfenbüttel,

Postfach 11 40, 38281 Wolfenbüttel,

Tel. 053 31 / 80 84 11,

Fax 053 31 / 80 84 13,

eMail post@bundesakademie.de,

www.bundesakademie.de

Künstlerin Beruf mit

Zukunft!

Der Auftakt zur zweiten Runde

der Veranstaltungsreihe »Künstlerin

Beruf mit Zukunft!« ist eine

Kooperation des Projekts mit der

Arbeitsgruppe »Kunst und Finanzen«

des Kulturamts Hannover.

Am 26. Januar 2002 um 10 Uhr

findet im Sprengel Museum Hannover

die Veranstaltung »Kunst

und Finanzen Symposion zur

Förderung von Künstlerinnen und

Künstlern« mit der Frage »Was

verbirgt sich eigentlich hinter

dem Begriff der Kulturförderung?«

statt.

Information: GEDOK Hannover,

Mathilde Wasmeier, Odeonstraße 2,

30159 Hannover,

Tel./Fax 05 11 / 13 14 05,

eMail künstlerin-berufmitzukunft

@t-online.de,

www.gedok-hannover.de

Lust auf Kunst von Anfang an!

Die Bundesvereinigung Kulturelle

Jugendbildung (BKJ) vertritt die

Interessen von 48 bundesweiten

Fachverbänden, Institutionen

und Landesvereinigungen aus

den Bereichen Musik, Spiel, Theater,

Tanz, Rhythmik, Bildende

Kunst, Literatur, Fotografie, Film

und Video, neue Medien und kulturpädagogische

Fortbildung. Ziel

der BKJ und ihrer Mitglieder ist

es, Kindern und Jugendlichen

vielfältige kreative, künstlerische

Aktivitäten zu ermöglichen.

Die Publikationen der BKJ informieren

über die Theorie und

Praxis kultureller Bildung, qualifizieren

für eine innovative Kinder-

und Jugendkulturarbeit und

dokumentieren nationale und

internationale Fördermöglichkeiten.

Bezug: Bundesvereinigung Kulturelle

Jugendbildung,

Küppelstein 34, 42857 Remscheid,

Tel. 0 21 91 / 794-390,

Fax 0 21 91 / 794-389,

eMail info@bkj.de, www.bkj.de

Rechtsextremismus

Der Landespräventionsrat Niedersachsen

hat zwei Broschüren zu

diesem Thema herausgegeben.

Sie richten sich an Eltern sowie

Fachkräfte in kommunaler Sozialarbeit,

Jugendhilfe und Präventionsarbeit.

»Rechtsextremismus und Jugendliche

oder Manchmal gehen Kinder

nicht nur eigene Wege« zeigt

am Beispiel von schwierigen

Erziehungssituationen einige

Verhaltens- und Hilfeangebote

für Eltern auf; das zweite Heft

mit dem Titel »Rechtsextremismus

und Jugendliche Informationen

und Hilfemöglichkeiten«

beleuchtet in kurzgefasster Form

die Hintergründe von Rechtsextremismus,

Rassismus und Gewalt

und informiert über rechtsextremistische

Musik und Internetseiten.

Die Broschüre enthält

außerdem zahlreiche Hinweise

auf Fachinstitutionen und

weiterführende Literatur.

Bezug: Landespräventionsrat

Niedersachsen, Postfach 201,

30002 Hannover

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine