Wäge für was? (Martina Wüest, 7.8.2011) - EMK Kloten-Glattbrugg

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Wäge für was? (Martina Wüest, 7.8.2011) - EMK Kloten-Glattbrugg

EMK Kloten-Glattbrugg „Wäge für was“ zu Epheser Kapitel 2

„Wäge für was

In der ersten Predigt zum Epheser sprachen wir davon, dass wir als Christen zu einer Familie

gehören. Zur Familie von Gott. Und die Familie, die lebt in Freiheit, in Freiheit von der Sünde,

befreit von der Last der Sünde. Und das, was uns diese Freiheit erst recht ermöglicht, das ist

die Kraft Gottes.

Nun ist es ja so: Wenn es eine gute Aktion gibt oder einen grossen Wettbewerb, dann fragen

wir uns, was wir denn tun müssen, um uns diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Es

ist, als ob die Leser des Epheserbriefes sich das genauso fragen: Was muss ich tun, wer muss

ich sein, um zu der Familie zu gehören

Worauf kommt es also an, wenn jemand Christ wird Kommt es darauf an, was man macht

oder wer man ist Das Kapitel 2 des Epheserbriefes gibt uns die Antwort auf diese Frage.

Schauen wir uns das Abschnitt für Abschnitt an:

Der erste grosse Teil ist Vers 1-10. Hier erhalten wir eine Antwort auf die Frage: Ist es denn

aufgrund der guten Taten, dass jemand Christ wird Die Antwort darauf ist sehr deutlich:

Nein. Ein Mensch, der nämlich weit weg von Gott lebt, lebt in einer eigenen Kultur. Er ist – da

er ja nicht von Gott weiss – auf sich fokussiert. Er hört auf seine eigenen Bedürfnisse. Er

schenkt der Stimme viel Gehör, die ihm einredet: Schau auf dich! Du brauchst noch mehr!

Mehr Geld, mehr Wertsachen, mehr Bewunderer, mehr solche, die dir folgen, mehr Freiheit,

mehr Ablenkung, mehr Bestätigung vom anderen Geschlecht, mehr Essen, mehr

Handtaschen, mehr Schuhe, mehr Mitleid, und so weiter.

Wenn nun Gott ein Mensch in seine Familie aufnimmt, und er wird dadurch Christ, dann

geschieht das mitten in dieser Ego-Kultur. „Gott ist so barmherzig und liebt uns so sehr“ –

sagt der Text! Wo käme Gott auch hin, wenn er darauf warten würde, dass wir uns zuerst von

dieser Ego-Kultur befreien würden Nein, seine Hand streckt er mitten in unser Schlammloch

hinein. Nur das zieht uns raus, macht uns lebendig.

Und dann gibt es in diesen Zeilen des Briefs noch eine andere grosse Entdeckung. Paulus

betont sie ganz deutlich. Im Vers 9 heisst es: Wir sind nicht wegen unseren guten Taten

Christen. Sondern – Vers 10 – , damit wir zu guten Taten fähig werden. Die grosse

Entdeckung hierdran ist, dass es gar nicht darum geht, warum wir Christen sind. Das ist doch

klar, warum du Christ bist, oder Weil Gott dich ruft. Doch hier ist die zentrale Frage für uns:

Wozu sind wir Christen Also nicht aufgrund von was – sondern für welches Ziel

Es ist also undenkbar, dass wir wegen unserer Taten Christen sind. Das wäre absurd. Aber

wenn Gott uns ins Christsein ruft, dann macht er uns zugleich fähig, Gutes zu tun. Das

Christsein ist also eine Befähigung. Das Christsein gibt uns ein Ziel, ein Wozu: Gott schafft in

uns ein neues Wesen, Jesus ähnlich, damit wir Gutes tun. Nicht weil, sondern damit!

Das wirft jetzt Fragen auf, das ist klar. Wenn wir in der Gemeinde mit anpacken oder der

Nachbarin etwas Liebes tun oder für unsere Nächsten beten – das sind doch alles unsere

guten Taten. Wie ist das nun Sind wir Christen, weil wir das alles machen Oder tun wir die

Dinge, weil sie eben das Ziel unseres Christseins sind Warum tue ich, was ich tue Das sind

oft feine Nuancen, die aber entscheidend sein können und über die jeder selber

nachzudenken hat. Doch bleiben wir vorerst einmal ganz nahe am Bibeltext. Wir nehmen hier

einfach mal mit, dass es das ist, was die Bibel an dieser Stelle sagt. Gott hat in dir etwas

neues geschaffen, ein neues Wesen. Und nicht etwa, weil du dich erfolgreich hast bewerben

können oder weil du etwas vorweisen kannst. Sondern damit du etwas tun kannst, damit du

Positives, Gutes tun kannst. Das Christsein ist zukunftsorientiert.

Kommen wir zum zweiten Abschnitt, ab Vers 11, wo es um diese Klärung zwischen Juden

und Heiden geht. Dazu muss man sagen: In der Zeit vor Jesus hatte ja nur das jüdische Volk

Zugang zu Gott. Sie waren diejenigen, welche die Offenbarungen und Verheissungen erhalten

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hatten. Sie hat Gott durch die Wüste geführt. Sie gehörten ihm – aufgrund ihrer

Abstammung.

Der Rest der Welt blieb – hart ausgedrückt – aussen vor. Sie hatten kein Zugang zu Gott. Sie

konnten eigentlich nicht einmal wissen, dass es ihn gibt, geschweige denn, wer er ist. Nur

Einzelne kamen z.B. durch den Handel in Kontakt mit den Juden und erfuhren so mehr vom

„Gott der Juden“. Da und dort schloss sich dann einer dem Glauben an, das waren die

sogenannten Proselyten. Aber die mussten sich dann mit ihrem ganzen Leben dem jüdischen

Volk anschliessen. Und auf das Ganze gesehen waren das ganz wenige Menschen.

Warum erinnert uns Paulus daran Klar, als er diese Zeilen schrieb, war das hoch aktuell! Wir

haben uns inzwischen ein Stück weit daran gewöhnt. Heute nehmen wir als Christen das

Evangelium fast als eine Art Menschenrecht wahr. Das war aber nicht immer so. Es gab eine

Zeit, wo auch wir als Heiden im Abseits gestanden wären.

Und erst, wenn man sich das bewusst macht, kann man auch erkennen, dass Gott hier

wirklich Weltgeschichte schreibt! Natürlich gab es schon seit Menschengedenken Länder und

Völker. Aber im Grunde genommen vereint hier Gott die beiden wesentlichen Kategorien von

Menschen: Die, die bereits zu ihm gehören und die, welche noch keinen Zugang zu ihm

haben. Die macht er in etwas Neuem eins.

Verrückt an dem, was Paulus hier erklärt, ist die Aussage, dass Gott nicht einfach Friede oder

Toleranz oder einen Dialog ermöglicht. Nein, Gott greift viel tiefer: Er schafft „einen einzigen

neuen Menschen“. Schaut mal im Vers 15, da steht es. Ein neuer Mensch! Ein Mensch, der

Christ wird, ist ein neuer Mensch, eine neue Schöpfung. Und es gibt nur eine einzige Veriante

davon. Es gibt nur eine Sorte.

Ich war kürzlich in einer Sunrise Filiale. Da erhielt ich Angebote um Festnetz- Internet- oder

Mobil-Kundin zu werden. Und wenn ich jetzt z.B. Festnetz- und Internet-Kundin werde, habe

ich die Wahl zwischen „Ckli&Call 5‘000+“, „Click&Call15‘000+“ und „Click&Call realx+“. Es ist

nicht zu übersehen, dass jedes dieser Plus-Agebote absolut einzigartig ist! Jedes ist toll, jedes

speziell… Ich könnte es nicht besser haben.

Beim Christwerden ist das anders. Dort hat man die Wahl zwischen Christ oder – Christ sein.

Es gibt kein „Christ plus“. Wir beobachten aber vielleicht folgende Schattierungen: Ein Jude,

der Christ wird, hat eine andere Geschichte. Ein Pfingstler, der hat dafür aber einen

unkomplizierten Zugang zum Emotionellen. Einer, der Christ ist und ins ICF geht, mag es wohl

gerne etwas lauter. Und ein Reformierter bevorzugt möglicherweise philosophischere

Gedankengänge. Die Beispiele zeigen uns, dass wir der ganzen Sache Farbe geben und

Gestalt. Wir nutzen sehr unteschiedliche Räume, um uns darin zu entfalten – hoffentlich und

gerade auch als Christen. Das ist ja auch schön und spannend. Aber das neue Wesen, dieser

neue Mensch, den Gott in uns schafft, ist bei allen gleich. Es fängt vielleicht beim Einen in

diesem, beim Anderen in jener Ecke an. Aber es geht um dieselbe Sache. Darüber können wir

uns sicher sein. Warum Weil das neue Wesen, dieser neue Mensch, der in einem Christen

ensteht nur ein Vorbild hat. Es gibt nur eine Schablone dafür. Und das ist Jesus. Der neue

Mensch, der wir als Christen werden, der hat nur eine Vorlage: Jesus so ähnlich wie möglich

zu werden.

Darum lesen wir im Vers 18: „Durch das, was Christus für uns getan hat, können wir jetzt

alle in einem Geist zum Vater kommen.“ Es ist sein Geist, den er uns gibt. Das ist der eine

Geist, der uns verbindet. Und weil es nun nur dieses eine Christsein gibt, ist auch jeder Christ

ein genau gleichwertiges Mitglied in der Familie von Gott. Egal ob reformiert, jüdisch,

pfingstlich oder methodistisch „eingekleidet“. Das macht uns zu einer grossen Familie, zu

einer grossen Gemeinschaft. Und in dem Sinn betrifft und das Thema genau in gleichem

Mass, wie jene, die den Epheserbrief zum ersten Mal in den Händen hielten. Sie machten sich

vielleicht auch Sorgen, dass z.Bsp. die Juden Zugang zu einer Art „Christ plus“ hätten. Das

gibt es ja nun aber nicht. Es gibt nur das eine Christsein, bei dem wir zulassen, dass Gott in

uns den neuen Menschen schafft, im Bild von Jesus. Das ist Plus genug. Das mussten die

Menschen vor 2‘000 Jahren verstehen und wir müssen es auch hören.

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So, und dann haben wir noch den letzten, schwierigen Absatz. Schwierig deshalb, weil das

Bild vom Haus, das Paulus hier verwendet, schon etwas sperrig ist. Es fällt nicht jedem leicht,

sich vorzustellen, man laufe als sperriges Mauerwerk durch die Welt. Doch das Bild will uns ja

etwas lehren, und so lassen wir uns nun darauf ein. Wir stellen uns einen Moment lang vor,

wir seien ein Haus, ein Gebäude.

Was wir als Erstes erfahren, ist, dass wir nicht alleine dastehen, sondern in einer Art Siedlung.

Udn wir stehen auf einem Fundament. Das Fundament, das sind die Propheten und Apostel.

Dabei stehen die Propheten für die Verheissungen, die Gott früher gab. Und die Apostel

stehen für die Erfüllung eben dieser Verheissungen. Das Fundament trägt also, denn es zeigt

uns: Was Gott verspricht, das hält er auch.

Nun sind die Propheten und Apostel im Eckstein verankert. Dieser Eckstein ist Jesus. Das

weist uns darauf hin, dass die Propheten und Apostel ja auf Jesus weisen. Er ist der, der uns

schon im Alten Testament durch die Propheten als Messias verheissen wurde und er ist der,

den die Apostel bezeugen. Ohne Jesus, ohne den Christus, würde alles zusammenkrachen.

Die Weltordnung braucht ihn und weist auf ihn, er ist der alles tragende Eckstein. Bei ihm

finden auch wir Christen wirklichen Halt. Er vereint uns in sich.

Nun ist Gott aber nicht im Eckstein gegenwärttig. Sondern – Vers 22 – in der ganzen

Siedlung. Denn er lebt in uns, in unseren Wohnräumen. Er lebt sogar durch uns. Hier sind wir

ganz nahe an der Stelle von 1. Korintherbrief, Kapitel 3.16:

„Erkennt ihr denn nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und dass der Geist Gottes in euch

wohnt„

Ich möchte hier abbremsen und zurück blicken. Denn nun stehen wir vor gewaltigen

Aussagen, welche die Bibiel hier macht. Es ist ja Gottes Wort, das hier vor uns liegt! Und

darin lesen wir:

➪ dass hier ein neuer Mensch ist, ein neues Wesen, eine neue Schöpfung – weil einer Christ

ist.

Wir haben gehört,

➪ es ist der Heilige Geist, Gottes Geist, der in uns wohnt. Wir sind die Wohnung, in der er

leben will.

Das sind faszinierende Aussagen! Aber wie genau geschieht das, dass Gott in uns Gestalt

gewinnt Was bedeutet das konkret Was macht es für einen Unterschied im Leben, ob einer

Christ ist oder nicht Woran erkennt man es Und vor allem, wie weiss ich, dass Gott in mir

diese Neuschöpfung wirkt, wenn ich doch noch so viel von meinem „alten Menschen“ sehe

Ich lade euch ein, dass wir am Epheserbrief dran bleiben und nächsten Sonntag weiterlesen.

Wir werden an diesem Punkt dann anknüpfen. Je weiter wir lesen, umso mehr werden wir

anfangen zu verstehen. Für heute möchte ich zusammenfassen, was wir entdeckt haben:

a) Wer Christ wird, der wird es mitten im Schlammassel des Lebensn und nicht wegen seiner

guten Taten. Doch er wird Christ, damit er zu guten Taten fähig wird.

a) Um ein Leben als Christ zu beginnen, musss man nicht zu den Juden oder zu einer Art

Plus-Gesellschaft gehören. Sondern Gott nimmt jeden als genau gleichwertiges, gleich

wertvolles Kind an. Damit eine neuartige Gemeinschaft entstehen kann.

b) Der Christ, der zu guten Taten fähig wird und zu dieser neuen Gemeinschaft gehört, ist

eine Neuschöpfung von Gott. In dieser Neuschöpfung, die in einem Christen Gesalt

annimmt, möchte Gott, möchte Jesus sichtbar werden. Jesus ist der Eckstein, der alles

trägt.

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Ich habe bereits ein-zwei Fragen angeschnitten, die wir zum Nachdenken mit nach Hause

nehmen können:

- Tue ich das, was ich Gutes tue, damit Gott einen Grund hat, mich als Christ zu akzeptieren

(„Ich bin Christ, weil...“) Oder tue ich es, weil ich Gottes Spuren folgen möchte und er

mich dafür brauchen möchte („Ich bin Christ, damit...“)

- Gelingt es mir noch, bei all den Kofessionen und Denominationen, die es heute gibt, an das

eine Christsein zu glauben Wie gehe ich mit der Perspektive um, die Gott hat

- Und noch eine Frage im Voraus (siehe weiter im Epheserbrief…): Was sind denn die

konkreten Merkmale eines Menschen, der Jesus als Eckstein hat und der den Heiligen Geist

„atmet“

Ich wünsche euch bei diesen Entdeckungen, die wir heute im Epheser Kapitel 2 machen

konnten und bei den Fragen, die sie auslösen Gottes Segen in den kommenden Tagen. Dass

er Erkenntnis wachsen lässt, bei jedem so, dass er oder sie Gott besser verstehen lernt und

ihm näher kommen kann.

Amen.

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