Intelligente Bauten fürs Raumschiff Erde

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Intelligente Bauten fürs Raumschiff Erde

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In: Tages-Anzeiger; 1999-06-21; Seite 53

Intelligente Bauten fürs Raumschiff Erde

Richard Buckminster Fuller, einem der grossen Visionäre dieses Jahrhunderts, widmet das

Zürcher Museum für Gestaltung eine Ausstellung. Die weltweit erste Retro- spektive ist eine

gelungene Einführung in das Werk des genialen Ingenieurs.

Von Monika Burri

In den 30er-Jahren entwarf R. Buckminster Fuller Wohncontainer mit Solarzellen, Badezimmer, die sich

selber reinigen, und Autos, die fliegen können. 1967 überspannte sein "Expo-Dom", eine riesige

selbsttragende Kuppel aus zuggespannten Tetraedern, den US-Beitrag zur Weltausstellung in Montreal.

Seither hat sich dieses Konstruktionsprinzip - vom Gewächshaus über das Festzelt bis hin zur

Radarstation - als leichteste und gleichzeitig enorm stabile Überdachung bewährt. Seine Schriften,

insbesondere die populäre "Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde", gehörten in den 60er-

Jahren neben LSD und dem Whole-Earth-Katalog ins Gepäck der ersten Aussteigergeneration, die -

etwa im kalifornischen Aussteigermekka Drop City - in selbst gebastelten Mini-Expo-Domen die Vision

einer demokratischen Virtual Reality entwarf. Seine Wortschöpfungen und Devisen wie "Global denken -

lokal handeln" oder "Synergie-Effekt" beflügeln heute die Reden von Managern und Politikern. Und für

sein Werk als Architekt, Geometer und Lehrer überreichte ihm Ronald Reagan 1983 die "Medal of

Freedom", die höchste Auszeichnung für einen Zivilisten.

Trotzdem droht ihm heute, 16 Jahre nach seinem Tod, das Grab des Vergessens: Richard Buckminster

Fuller (1895-1983), neben Marshall McLuhan einer der grossen amerikanischen Visionäre dieses

Jahrhunderts, ist nur noch ein paar Insidern ein Begriff. Es ist also weit mehr als ein lokaler

Nachhilfeunterricht, den das Zürcher Museum für Gestaltung derzeit mit "Your Private Sky", einer

Ausstellung zum Werk von R. Buckminster Fuller, anbietet. Die Werkschau, die der Kurator Claude

Lichtenstein in Zusammenarbeit mit dem deutschen Fuller-Spezialisten Joachim Krausse, dem

Buckminster-Fuller-Archiv in Santa Barbara und mit weiteren europäischen und amerikanischen

Museen erarbeitet hat, ist die weltweit erste Fuller-Retrospektive überhaupt. Und sie setzt, mit der

gleichzeitigen Publikation von Übersetzungen und Interpretationen, einen bedeutenden Auftakt zur

Wiederentdeckung dieses genialen Vordenkers angepasster Technologien.

Springen oder denken

"Ich hatte die Wahl, zu springen oder zu denken", schrieb Fuller rückblickend über den Beginn seiner

autodidaktischen Forschertätigkeit. Das Projekt Denken, mit dem er 1927 im Alter von 32 Jahren

einsetzte, nahm es mit der Radikalität der Option Selbstmord auf: Nichts Geringeres als das "Maximum

an Wohlstand für die gesamte Weltbevölkerung", hergestellt mit einem "Minimum an Material- und

Ressourcenaufwand", setzte er zum Ziel seiner Neuplanung der industriellen Produktion. So denkt

beispielsweise die "4D"-Serie, eine Kollektion von Leichtbauten, die er in den 30er-Jahren skizzierte,

den Zeitaufwand konsequent mit: Seine Wohntürme und Wohnkabinen, alle komplett vorfabriziert,

lassen sich per Helikopter ausliefern, innert kürzester Zeit errichten und ebenso schnell wieder

abräumen. Mit Solarzellen und Windgeneratoren waren sie selbstversorgend und sollten zum Preis

eines Autos für alle erschwinglich sein.

Die Auto- und Flugzeugtechnik war aber nur eine von Fullers Bezugsgrössen. Welches seine

eigentliche Inspirationsquelle war, das macht nun die Zürcher Ausstellung mit der Präsentation der

"Dymaxion"-Kollektion, wie Fuller seine Leichtbauten unter Zusammenzug der Begriffe Dynamik,

Maximum und Ion nannte, deutlich: Wenn Fuller, der zwei Mal von der Harvard University geflogen ist

und mit seinem ganzheitlichen Ansatz gegen das Spezialistentum an den Hochschulen antrat,

überhaupt einen Beruf gelernt hat, dann ist es jener des Matrosen. Während des Ersten Weltkriegs

diente er in der Marine, und die ausgestellten Fotografien, Pläne, Modelle und Zitate vermitteln

anschaulich, wo er seine Leichtbau-Technik mit den zentralen Versorgungsmasten und den

aufgehängten Hauskörpern abgeschaut hat: Es ist der Schiffsbau und die Technik der Navigation, die

Fuller mit seinem mobilen Wohnset fürs Festland nutzbar machen wollte. Und es war dann auch eine

Übernahme aus dem Bootsbau, die die Weiterentwicklung dieser Serie abrupt zum Stoppen brachte:

Der "Dymaxion"-Car, ein zeppelinförmiger Elfplätzer, der wie eine Jacht von hinten zu steuern war,

strandete 1948 bei einem Unfall mit mehreren Toten.


Synergetische Strukturen

Diesen Prototypen, oft leichthin als Beispiele einer technophilen Maschinenästhetik zitiert, ist aber mit

den Begriffen der Architektur und Ästhetik, mit den Kriterien des herkömmlichen Haus- und

Automobilbaus kaum gerecht zu werden. Im Grunde sind sie Anschauungsbeispiele einer

Konstruktionsphilosophie, einer Strukturforschung, die Fuller "empirisch-experimentelle Geometrie"

nannte und der sein Hauptinteresse galt. Diese Erforschung einer Geometrie, "die die Natur selbst

verwendet" und deren Ergebnisse er in den 70er-Jahren im zweibändigen Opus magnum "Synergetics"

publiziert hatte, führten ihn weg von der Statik, hin zur Dynamik, zu synergetischen Leichtbau-

Strukturen, wie sie etwa in der erwähnten Kuppel über der Expo von Montreal zur Anwendung kamen.

Mehr noch als in der Architektur sind Fullers Modelle heute wegleitend in der Erforschung von

molekularen und atomaren Zusammenhängen, und sie brachten 1985 ein Wissenschaftsteam dazu,

eine neue Klasse von Kohlestoffen zu unterscheiden, die dem Inspirator zu Ehren "Fullerene" getauft

wurden. Im Zentrum der Ausstellung sind Skizzen und Modelle, teils Originale, teils Nachbildungen, zu

einem Labor gruppiert. Sie veranschaulichen - ganz im Sinne des Reformpädagogen Fuller -, was man

sich unter diesen synergetischen Strukturen vorzustellen hat.

Die letzte Abteilung führt dann wieder in den Bereich der gesellschaftlichen Rezeption. Beispielsweise

zum Komponisten John Cage, einem Verehrer Fullers, der die ganze Welt entweder in Musik oder in

eine "Fuller-Universität" verwandelt sehen wollte. Ein Pavillon dokumentiert mit Dias und Filmmaterial

Fullers legendäre Vortragstätigkeit - seine 200 Referate jährlich machen ihn zu einem Rekordhalter

dieser Disziplin und zeigen, dass seine Ideen einmal gefragt waren. Originalskizzen eines Kinderbuchs,

das für synergetische Zusammenhänge sensibilisieren soll, verweisen auf seine andere grosse Rolle:

diejenige des Künstlers, Pädagogen und Poeten.

Selbstverständlich kann die Werkschau über einen Schöpfer, der eines der umfangreichsten

Privatarchive hinterlassen hat, keine Vollständigkeit bieten. Mit einer Ausstellung, die sich nicht scheut,

ins Zentrum von Fullers Denken, in sein Forschungslabor, zu steigen, ist dem Museum für Gestaltung

aber eine höchst anschauliche und anregende Einführung gelungen.

Museum für Gestaltung, bis 12. 9. Katalogbuch: Joachim Krausse, Claude Lichtenstein (Hrsg.): Your

Private Sky. R. Buckminster Fuller. Design als Kunst einer Wissenschaft, 1999, 58 Fr.

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