Intelligente Bauten fürs Raumschiff Erde

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Intelligente Bauten fürs Raumschiff Erde

Synergetische Strukturen

Diesen Prototypen, oft leichthin als Beispiele einer technophilen Maschinenästhetik zitiert, ist aber mit

den Begriffen der Architektur und Ästhetik, mit den Kriterien des herkömmlichen Haus- und

Automobilbaus kaum gerecht zu werden. Im Grunde sind sie Anschauungsbeispiele einer

Konstruktionsphilosophie, einer Strukturforschung, die Fuller "empirisch-experimentelle Geometrie"

nannte und der sein Hauptinteresse galt. Diese Erforschung einer Geometrie, "die die Natur selbst

verwendet" und deren Ergebnisse er in den 70er-Jahren im zweibändigen Opus magnum "Synergetics"

publiziert hatte, führten ihn weg von der Statik, hin zur Dynamik, zu synergetischen Leichtbau-

Strukturen, wie sie etwa in der erwähnten Kuppel über der Expo von Montreal zur Anwendung kamen.

Mehr noch als in der Architektur sind Fullers Modelle heute wegleitend in der Erforschung von

molekularen und atomaren Zusammenhängen, und sie brachten 1985 ein Wissenschaftsteam dazu,

eine neue Klasse von Kohlestoffen zu unterscheiden, die dem Inspirator zu Ehren "Fullerene" getauft

wurden. Im Zentrum der Ausstellung sind Skizzen und Modelle, teils Originale, teils Nachbildungen, zu

einem Labor gruppiert. Sie veranschaulichen - ganz im Sinne des Reformpädagogen Fuller -, was man

sich unter diesen synergetischen Strukturen vorzustellen hat.

Die letzte Abteilung führt dann wieder in den Bereich der gesellschaftlichen Rezeption. Beispielsweise

zum Komponisten John Cage, einem Verehrer Fullers, der die ganze Welt entweder in Musik oder in

eine "Fuller-Universität" verwandelt sehen wollte. Ein Pavillon dokumentiert mit Dias und Filmmaterial

Fullers legendäre Vortragstätigkeit - seine 200 Referate jährlich machen ihn zu einem Rekordhalter

dieser Disziplin und zeigen, dass seine Ideen einmal gefragt waren. Originalskizzen eines Kinderbuchs,

das für synergetische Zusammenhänge sensibilisieren soll, verweisen auf seine andere grosse Rolle:

diejenige des Künstlers, Pädagogen und Poeten.

Selbstverständlich kann die Werkschau über einen Schöpfer, der eines der umfangreichsten

Privatarchive hinterlassen hat, keine Vollständigkeit bieten. Mit einer Ausstellung, die sich nicht scheut,

ins Zentrum von Fullers Denken, in sein Forschungslabor, zu steigen, ist dem Museum für Gestaltung

aber eine höchst anschauliche und anregende Einführung gelungen.

Museum für Gestaltung, bis 12. 9. Katalogbuch: Joachim Krausse, Claude Lichtenstein (Hrsg.): Your

Private Sky. R. Buckminster Fuller. Design als Kunst einer Wissenschaft, 1999, 58 Fr.

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