Erdgestalten - Hagia Chora Journal

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Erdgestalten - Hagia Chora Journal

Morvane B. Frank

Erdgestalten

Zyklen der Natur

als Wesenheiten

Mythen, Märchen und Träume bedienen sich der universellen

Sprache der Bilder und Symbole. Morvane Frank spürt mit

ihren Plastiken einem der stärksten Bilder nach: der Erde als

Bewahrerin, Zerstörerin und Schöpferin.

Auf Reisen in meiner Kindheit: Wir

wanderten im Allgäu Bachbetten

hinauf, die im Sommer nur wenig

Wasser führten. Was für eine andere Welt

erschloss sich da nur wenige Meter jenseits

des langweiligen Wanderwegs. Immer

von Stein zu Stein, gemeinsam mit Vater

und Bruder. Nur nicht abrutschen, nicht

die Schuhe nass machen … Ein Spiel, das

Geschicklichkeit und Gleichgewichtssinn

schulte. Aber auch den Blick für Gesteinsformationen

und die Kräfte des Wassers.

Plötzlich waren die Steine keine Steine

mehr, sondern Hasen und Vögel und

Drachen und noch ganz andere, abenteuerliche

Wesen. Abends hörte ich Geschichten

von Zwergen und Gnomen und dem

Einhorn. Eine magische Welt. Von weitem

sahen die Berge oft aus wie liegende

Menschen oder Köpfe mit großen Nasen

oder Hüten. Tiefhängende Wolken waren

Schleier oder Mützen. Segelten die Wolken

hoch am blauen Himmel, gab es dort

Lindwürmer zu sehen, Elefanten, Krokodile,

einen ganzen Zoo.

An der Ostsee, an ruhigen, windstillen

Tagen – die ich weniger schätzte als stürmische,

an denen die Wellen schäumten

– waren Spiegelungen Tore in die Anderswelt:

eine Verdoppelung der Wolken, Steine

und umgestürzten Bäume. Mit meinem

Vater sammelte ich Baumwurzeln und interessant

gewachsenes Holz, aus denen

wir märchenhafte Gestalten „herausholten“

– eigentlich schon der Anfang der

Bildhauerei, die ich später lernen und zu

einem Teil meines Berufs machen sollte.

Mit dem Erwachsenwerden bemerkte

ich, dass sich an bestimmten Orten meine

Empfindungen veränderten. Beispielsweise

die Gesichter im Moos in verwunschenen

Wäldern im Elsaß. Die Steinsetzungen

in der Bretagne, die Steinkreise in Südengland

verstärkten den Eindruck in mir, dass

es so etwas wie heilige Orte gibt. Als meine

Tochter im „Zwergenalter“ war, betraten

wir gemeinsam die Welt der Elementarwesen,

der unsichtbaren Energien.

In dieser Zeit experimentierte ich spielerisch

mit Ton, ließ entstehen, was sich

zeigen wollte, und das waren teils putzige,

teils erschreckende Gesichter – Hausgeister,

Wächterinnen, Mischwesen. Bilder

entstanden, auf denen ich viel Farbe mit

viel Wasser fließen ließ. Nach dem Trocknen

holte ich mit Stiften und Pinseln heraus,

was sich sonst zeigte, um auch für

Kunstbetrachter andere Dimensionen, andere

Energien erfahrbar zu machen und

das Gefühl der Eingebundenheit in die

Natur zu stärken. In den letzten zwölf

Jahren kam immer mehr die Landschaftskunst

hinzu. Die verschiedenen Energien

der Orte forderten mich heraus, auf mein

Gefühl zu hören und die besondere Eigenheit

von Kraftplätzen zu erkennen. Dieser

Weg brachte mich zum Schamanismus.

Die dreifache Göttin

Im Jahr 2005 war ich eingeladen worden,

mich an einer herbstlichen Landschaftskunstausstellung

auf einem Biolandhof

bei Bad Bevensen zu beteiligen. Meine Arbeit

„Die Dreifache Göttin“ entstand aus

dem Dialog mit einer alten Linde heraus,

die mich mit ihrem sanften Kraftfeld anzog.

Sie steht am Rand der Hofbebauung

auf der Grenze zum freien Feld und ver-

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Installation „Die dreifache Göttin“ an einer alten Linde, Bad Bevensen 2006. Von links nach rechts:

Der weiße Aspekt der Göttin als Artemis, der rote als Demeter, der schwarze als Hekate.

bindet so nicht nur die obere mit der unteren

Welt, sondern auch die durch Häuser

geschützte mit der offenen Natur. Zu dem

Zeitpunkt beschäftigte ich mich schon seit

geraumer Zeit mit Frauenthemen, und diese

wunderbare alte Linde lud mich ein, die

Zyklen der Natur darzustellen, das Werden

und Vergehen, das alle Lebewesen auf unserer

Mutter Erde einschließt.

Mutter Erde ist ein sehr altes, archaisches

Symbol. Vor hunderttausenden von

Jahren lebten die Menschen als Jäger und

Sammler von dem, was Mutter Erde hervorbrachte.

Dafür wurde sie verehrt. Sie

stand im Zentrum der Schöpfung. Sie gehörte

allen, es gab keinen Landbesitz.

Soweit bekannt ist, entstand die Zivilisation

mit dem Ackerbau und der Sesshaftigkeit.

Übertragen auf ein Metermaß,

das die Entwicklungsgeschichte der

Menschheit repräsentiert, nähme dieser

letzte Schritt allerdings nur einen Zentimeter

ein. Deshalb verstehen wir die alten

Bilder noch, die der langen Kindheit des

Menschen und damit dem Gefühl entsprechen.

Noch heute wird der Mensch größtenteils

von seinem Unterbewusstsein gesteuert.

Carl Gustav Jung nannte solche

unbewussten Inhalte, von denen man annimmt,

dass sie in jedem Menschen, gleich

welcher kulturellen Gruppe, als allgemeine

seelische Grundlage überpersönlicher Natur

wirksam werden, das „kollektive Unbewusste“.

„Mutter Erde“ ist kein einheitliches

Symbol, sondern vermutlich lebte die große

Mutter oder große Göttin in den Vorstellungen

der Menschen in unterschiedlichen

Aspekten oder Archetypen. Diese

Aspekte waren keine theologischen Personen,

wie sie sich die klassischen Religionen

vorstellen. Sie sind anschauliche Begriffe

für Kräfte und Prinzipien der Natur.

Die große Göttin kann man sich als Trinität

vorstellen. Als Schöpferin, Bewahrerin

und Zerstörerin finden wir sie noch

heute in vielfältiger Form und in vielen

Kulturen wieder, ob als Schicksalsgöttinnen

in den nordischen Nornen als Urd,

Verdandi und Skuld oder den griechischen

Moiren als Klotho, Lachesis und Atropos

oder den römischen Parzen. Alle Kulturen

der alten Welt kannten die Theorie, dass

das Leben ein geheimnisvoller Faden sei,

der von der Jungfrau (im Sinn von junger

Frau) gesponnen, von der Mutter gemessen

und gehalten und von der Greisin abgeschnitten

wird. Viele Zuordnungen zu

diesen drei Gestalten sind möglich, wie

werden – sein – vergehen, säen – hegen

– ernten, weiß – rot – schwarz, zunehmender

Mond – Vollmond – abnehmender

Mond, Es – Ich – Über-Ich und viele mehr.

Während unseres Erdendaseins durchlaufen

wir immer wieder diese drei Stufen der

Entwicklung auf verschiedenen Ebenen.

Viele Anzeichen deuten darauf hin,

dass das bestehende Patriarchat ein früher

existierendes Matriarchat, also eine mutterzentrierte

Gesellschaft, abgelöst hat.

Ich meine, es ist an der Zeit, dass endlich

etwas Neues kommt, im Sinn von These

– Antithese – Synthese.

Für die Gestaltung der „Dreifachen

Göttin“ habe ich auf Vorstellungen zurückgegriffen,

die für mein Empfinden die

jeweilige Verkörperung am besten wiedergeben,

auch wenn sie mythologisch nicht

zusammengehören, obwohl alle drei der

griechischen Mythenwelt entstammen.

Die Gesichter sind in weißem, rotem und

schwarzem Ton modelliert, das Haar trägt

die Farbe der jeweiligen nächsten Göttin,

so dass die schwarze schon wieder den

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Keim der weißen in sich trägt und der

Kreis sich schließt. Einige der jeweiligen

Attribute sind ihnen an ihren Wanderbzw.

Zauberstäben oder Szeptern als Insignien

ihrer Macht beigegeben.

Artemis ist die weiße Göttin und

ewig junge Frau, die ausgelassen mit ihren

Hunden durch die Wälder streift, wo

sie ihre Liebhaber empfängt. Sie wird oft

an einen Baum gelehnt dargestellt inmitten

ihrer Tiere, der wilden Geschöpfe,

die sich zutraulich um sie scharen. Sie

ist Schützerin der Frauen und des neugeborenen

Lebens. Sie vollzieht die chymische

Hochzeit (Fruchtbarkeitszauber, später

mystische Form der Erleuchtung) mit

dem mythischen Hirschkönig, der später

von der Meute zerrissen wird. Als Jägerin

tötet sie mit ihren sanften Pfeilen die Alten

und die Kranken, um der Gattung die

ewige Jugend zu erhalten. So löst sie den

Begriff der Zerstörung in den der Jugend

und Schönheit auf. Von ihrem Vater Zeus

wünschte sie sich, immer frei zu sein. Sie

ist die Göttin der Selbstbestimmung.

Demeter bedeutet „das Tor zum Geheimnis

des rätselhaften Weiblichen“. Sie

ist die Rote (Blut des Lebens), die Muttergöttin,

die Begründerin des Ackerbaus

und Schöpferin von Gemeinschaftsstrukturen,

Hüterin des Getreides, der Früchte,

der Blumen und der Schönheit. Als Herrscherin

über die sexuellen Mysterien ist sie

nicht nur für die irdische Fruchtbarkeit

zuständig, sondern auch für spirituelles

Wachstum. Sie ist die Göttin der Fülle.

Hekate ist die schwarze Göttin der Unterwelt,

der Magie, Königin der Geisterwelt,

der Hexen (weisen Frauen) und Hebammen.

Sie ist Hel (nordisch), von deren

Namen sich „Hölle“ ableitet, und auch Frau

Holle, die menschenfreundlich ist und gütig.

Ihre Verkörperung ist der Hollerbusch,

der Holunderbaum. In frühen Vorstellungen

war die Hölle ein mit reinigendem

Feuer gefüllter, gebärmutterartiger Hügel

oder eine heilige Höhle der Wiedergeburt.

Die Göttin wurde an Plätzen verehrt, an

denen drei Wege zusammentrafen. Darum

ist sie auch die Beschützerin der Reisenden.

Sie kennt die heilenden, giftigen und

berauschenden Kräuter. Sie ist die Göttin

des Todes und der Wiedergeburt.

Mit der „Dreifachen Göttin“ schließt

sich für mich ein Zyklus meines Lebens:

Ich darf wieder wahrnehmen, was ich als

Kind schon wusste. +

Morvane B. Frank lebt in Hamburg.

Sie arbeitet als Malerin, Bildhauerin

und Landschaftskünstlerin und

stellt magischen Schmuck her.

http://fuchsbau.solana-nigra.de

Gea, die Erdseele

In dieser Kolumne beschreibt der Geomant, Bildhauer und Erdheiler

Marko Pogačnik seine Wahrnehmung der gegenwärtigen Erdwandlung. Hier spricht er

von der Bedeutung der Erfahrung, die Erde als Subjekt mit einer eigenen Sprache selbst

zu erleben, so dass Gaia-Bewusstsein mehr ist als ein theoretisches Konstrukt.

Die Vorstellung, dass die Erde von energetischen

Systemen, die ihre Vitalität

ermöglichen, umgeben ist, hat sich inzwischen

recht weit verbreitet. Man ist in weiten

Kreisen auch mit der Ansicht vertraut, dass

die Erde ein globales Bewusstsein darstelle,

das man mit der Welt der Elementarwesen

und Umweltgeister gleichsetzen kann. Einige

Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang

von Gaia-Bewusstsein.

Um nun noch tiefer zu gehen, müsste man

sich erlauben, die Erde als ein Subjekt zu verstehen

und sie als ein autonomes Selbst zu

ehren lernen. Ein autonomes Subjekt kann

man nicht lediglich mit einem Bewusstsein

gleichstellen, auch nicht mit einem

vitalenergetischen System, obwohl beides

zusammengehört. Subjekt zu sein heißt, „jemand“

zu sein. Subjekt zu sein heißt, kommunizieren

zu können. Einen Subjekt darf

man nicht wie selbstverständlich versklaven

oder ausbeuten.

In unserer heutigen anthropozentrischen

Zivilisation wird der Status des Subjekts nur

dem Menschwesen zugestanden. Alles andere

soll zur sogenannten objektiven Welt

gehören, die kein eigenständiges Selbst

kennt. Dadurch wird der Mensch nicht nur

über seine „Umwelt“ erhoben, sondern auch

des Glücks beraubt, sich in einer Welt des

gegenseitigen Austauschs und gegenseitiger

Bereicherung zu bewegen.

Wie könnte man sich selbst und unsere

Mitwelt vom Fluch des Anthropozentrismus

befreien Wir bewegen uns hier auf einer

Ebene, auf der theoretische Überlegungen

kaum hilfreich sind. Wohl ist es wichtig,

auch mental zu verstehen, wie der objektivierende

Entfremdungsmechanismus wirkt.

Jedoch kommen wir ohne intime persönliche

Erfahrung der Erde und ihrer Natur als eines

intelligenten und liebevollen Gegenübers

nicht weiter. Wird das nicht erfahren, entstehen

bestenfalls noch naturschützerische

Ideologien, doch nie die Begegnung mit der

Erde als Subjekt, das wir ehren.

Doch auch ein unkritisches Gleichsetzen

des Wesens Erde mit dem Menschwesen ist

nicht sinnvoll. Beide Subjekte haben eine je

eigene seelische Konstitution und Aufgabe

im Universum. Das macht gerade den Schritt,

vor dem der Mensch steht, so interessant:

Wie kann man mit einem Subjekt wie der

Erde kommunizieren, in dessen Mitte wir uns

befinden – Ein Mysterium und eine kreative

Herausforderung zugleich.

Als ich im Mai 2007 in Köln während

eines Vortrags von meiner Erfahrung der

schlafenden und versteinerten Kugel des

Herzzentrums von Europa sprach, die ich

am Morgen zuvor unter der Region Sauerland

wahrgenommen hatte, schien sich der

Boden unter meinen Füßen emporzuwölben.

Ich fand mich sprechend auf einer ätherischen

Wölbung stehen, so dass ich mit dem

Mikrophon in der Hand fast umgefallen

wäre. Das Publikum konnte mein Ringen um

mein Gleichgewicht beobachten, nicht aber

die kugelartige Wölbung sehen. Freilich war

keine Kugel unter meinen Füßen, sondern ein

klares Wort der Erdseele, die auf ihre eigene

Art unmittelbar zu mir sprach im Sinn von:

„Es ist wahr, ich bin bereit, in diesem Moment

aufzuwachen.“ Tatsächlich markierte

der Vortrag den Beginn einer Hagia-Chora-Reise

in die Region zwischen Köln, den

Externsteinen und Marburg an der Lahn, um

mit dem Herzsystem von Europa in Kontakt

zu treten.

Nach und nach wird die Sprache des Subjekts

Erde – das heißt, der Erdseele – von

den Menschen wahrgenommen. Im Zusammenhang

mit dem Prozess der Erdwandlung

habe ich schon mehrmals die Sprache der

elementaren Katastrophen erwähnt. Durch

einen weltweit ausgedehnten Rhythmus

von immer wieder erscheinenden Fluten,

Wirbelwinden, Feuersbrünsten etc. sendet

die Erde Warnsignale, die meiner Deutung

nach die Menschheit herausfordern, sich

aus der Abhängigkeit von der alten Raumstruktur

zu lösen und sich auf den neuen

ätherischen Raum einzustimmen. Man kann

in den Naturkatastrophen die Stimme der

Erdseele hören, die sich um das Schicksal

ihrer geliebten Menschheit sorgt.

Hinzu kommt natürlich noch die traditionelle

Sprache der Erdseele, die Gea

verwendet, um durch die Landschaft zu

kommunizieren. Durch Jahrtausende hindurch

haben planetare Kulturen verschiedene

Formen der Geomantie entwickelt,

um diese Art der Sprache zu deuten und zu

verstehen. Landschaftsformen, Rhythmen

der Flüsse und Farbstrukturen in der Natur

– das sind alles verschiedene Gesichtspunkte

einer Sprache, mit der Gea mit dem Leben

auf der Erdoberfläche kommunizieren kann.

Sind wir bereit, noch eine Fremdsprache zu

lernen, die eigentlich keine Fremdsprache ist,

weil wir sie durch unser eigenes Dasein auf

Erden verkörpern +

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