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MIND THE FUTURE abstracts 04/09 HOFFNUNG!

HOFFNUNG!

Auf den Spuren einer Überlebensstrategie

und weitere Geschichten über den Charme des Nichtwissens,

die Vorzüge des Nettseins, tanzende iPods und Winterindianer

AUSZUG


4 Inhalt

Review

iNhAlT

6 Mut, nicht Hoffnung. Was uns das Christentum im 21. Jahrhundert lehren kann.

Von Ulrich H. J. Körtner

10 «Ich denke nicht über die Zukunft nach. Ich arbeite.»

Gespräch mit der Shanghaier Schriftstellerin Mian Mian

14 Die Hoffnung und der weisse Hai. Warum sich Nichtwissen lohnt.

Von Christopher Patrick Peterka

18 «Im menschlichen Gehirn gibt es keinen Ort namens Hoffnung.»

Gespräch mit dem Londoner Neurologen Steve Williams

Gegenwartstrends

GesellschAfT & demoGrAfie

22 Bis 100 ins Büro

24 Survival of the Kindest

26 Der Bioporno

wirTschAfT

29 Grünes Gold

30 Öl rockt

32 Verlierer des Emissionshandels

meTAmAp

34 Share Hope in Hopenhagen

TechNoloGie

36 Satellitenpower für die Bauern

38 Die Chauffeur-APP

39 Denkende Waschmaschine


Gegenwartstrends

ÖkoloGie & ressourceN

40 Umweltsünder Haustier

43 Die schwimmende Stadt

43 Strom aus Bäumen

poliTik

45 Berlins Berg

46 Zu dick für die Armee

GeschäfTsmodelle

50 Antistink-Wäsche

52 Der Mehrweg-Christbaum

Fiktion

weihNAchTsGeschichTeN uNd -GedichTe

54 Dicke Post. Von Simon Libsig

56 Winterindianer. Von Paul Hofmann

58 Weihnachts-Geschichte. Eine

Abhandlung in holprigen Paarreimen

Von Elb

59 Von guten Mächten...

Von Dietrich Bonhoeffer

Kultur und Gadgets

60 «Little Dragon» – Elektro zwischen

Tradition und Zukunft

61 «Mary and Max» – ungleiche

Brieffreunde

63 Zauberstab zum Zappen


10 Review

«ich deNke NichT über die

ZukuNfT NAch. ich ArbeiTe.»

Interview mit der Shanghaier Schriftstellerin Mian Mian

Mian Mian ist das Bad Girl der chinesischen

Literaturszene und eine Exponentin

des jungen, urbanen China. Ihre

Romane wurden bis 2002 von den chinesischen

Behörden zensiert, kursierten

aber in zahlreichen Raubkopien. In einem

Gespräch äussert sich die Shanghaier

Popliteratin über die Quellen ihrer

Inspiration, den Tod des Clubbing, buddhistische

Lebenshilfen und ihre persönlichen

Wünsche für das Jahr 2010.

› Bis vor kurzem wurden Ihre Bücher

von den chinesischen Behörden zensiert.

Dieses Jahr wurde Ihnen die Teilnahme

an der Frankfurter Buchmesse untersagt.

Woher nehmen Sie die Kraft, unter solch

schwierigen politischen Bedingungen zu

arbeiten? → Meine Bücher wurden verboten,

seit ich mit 16 angefangen habe zu

schreiben. Ich kenne nichts anderes. Der

Grund, warum ich aber trotz aller Schwierigkeiten

weitermache, ist mein aufregendes

Leben als junge Autorin der Shanghaier

Subkultur. Und dass mich Menschen

auf der ganzen Welt lieben.

› Sie sagen selbst, dass Sie nie lesen,

weil es Ihnen Mühe bereitet, sich auf das

geschriebene Wort zu konzentrieren. Was

sind die Quellen Ihrer Inspiration? → Filme

und Musik. Ich werde immer wieder

nach Lieblingsregisseuren oder -bands gefragt.

Klar mag ich David Lynch. Aber

Von Simone Achermann

es ist der Cocktail aus allen Filmen, die

ich sehe, und der Musik, die ich höre, der

meine Arbeit inspiriert.

› In Ihrem neuen Buch «Panda Sex»

schreiben sie über junge Menschen aus

der chinesischen Subkultur, die nach der

wahren Liebe suchen, aber Angst haben,

eine ernsthafte Beziehung einzugehen. Beschreiben

Sie ein Phänomen, das charakteristisch

ist für Shanghai? → Shanghai

ist nur die Kulisse von «Panda Sex». Die

Gruppe von jungen Menschen, welche ich

beschreibe, gibt es in allen Grossstädten

der Welt. Aber die Protagonisten fürchten

sich nicht vor einer ernsten Beziehung,

sondern sind zu klug, um an das Konzept

der Liebesbeziehung zu glauben.


› Sollten wir also besser nicht auf die

Liebe in der Zweierbeziehung hoffen? →

Die Liebe in romantischen Beziehungen

ist eine Fiktion. Liebe ist möglich, doch ist

sie nicht mit einer Liebesbeziehung zu verwechseln.

Eine Liebesbeziehung bedingt

Begehren, und Begehren bringt immer Eifersucht.

Gute Beziehungen sind möglich,

aber nur, wenn sich die Liebenden dieses

unausweichlichen Konflikts bewusst sind.

Auch ist echte Liebe viel eher in Beziehungen

möglich, die nicht körperlich sind,

zum Beispiel in der Eltern-Kind-Beziehung.

› In der Wissensgesellschaft hat Hoffnung

einen schweren Stand. Auf der einen

Seite wird sie noch immer als Urquell

des menschlichen Lebens und Überlebens

betrachtet, auf der anderen Seite aber

als die Unfähigkeit zu handeln, verurteilt.

Wie wichtig ist Hoffnung für Sie? →

Hoffnung trägt entscheidend dazu bei, ob

man ein gutes oder schlechtes Leben hat.

Doch gilt es, die richtige Hoffnung zu finden.

Dafür müssen wir uns mit dem Tod

auseinandersetzen. Nur wenn wir den Tod

verstehen, lernen wir zu hoffen.

› Das müssen Sie erklären. → Angst ist

das Gegenteil von Hoffnung. Obschon die

Menschen unterschiedliche Ängste kennen,

sind diese immer Variationen der einen,

der Angst vor dem Tod. Wer sich mit

dem Tod auseinandersetzt, der hört auf,

ihn zu fürchten. Für mich hat die Beschäftigung

mit dem Tod begonnen, als mein

Vater starb. Ich habe das «tibetanische

Totenbuch» gelesen und bin zum Buddhismus

konvertiert. Spiritualität ist aber nicht

die Lösung für jeden. Man kann sich auch

mit einem medizinischen Buch über den

Prozess des Sterbens informieren. Der Tod

sollte einfach nicht als Tabu gesehen werden.

› Sind Wünsche fürs Hier und Jetzt,

wie beispielsweise das Streben der heutigen

Gesellschaft nach ewiger Schönheit

und Jugend, falsche Hoffnungen? →

Nein. Das Äussere ist wichtig für die Zufriedenheit

mit sich selbst und daher für

das persönliche Glück. Ich unterstütze

Massnahmen, die uns dabei helfen. Doch

Schönheitschirurgie allein bringt nichts.

Echte Schönheit bedarf auch eines schönen

Inneren. Damit meine ich nicht nur

moralisch vertretbares Handeln, sondern

auch die Art und Weise, wie ein Mensch

lebt. Ob er sich gesund ernährt und frische

Luft einatmet.

› Haben Sie für Ihr «schönes Inneres»

Parties und Drogen aufgegeben und betreiben

nun die Radiosendung «Don’t go

clubbing!»? → Ich will ein gesünderes Leben

führen. Aber die Parties sind auch leer

geworden. Clubbing ist doch heute tot.

In den Achtzigern und Neunzigern gab es

auch Drogen und Alkohol, doch in den

«Meine Hoffnung kennt keine nationalen Grenzen.»


12 Review

Clubs herrschte Aufbruchstimmung und

die jungen Menschen hatten das Bedürfnis,

die Gesellschaft von Zwängen und

Biederkeit zu befreien. Heute sind nur die

Drogen und der Alkohol geblieben.

› In Ihrem Blog äussern Sie den

Wunsch, ein Haus auf dem Land zu

kaufen. Kann man den Eigenheiten des

Stadtlebens nur entfliehen, indem man

sich fernhält? → Auf mich trifft das zu.

Ich habe das Gefühl aus Shanghai fliehen

zu müssen, um ein besseres Leben zu führen.

Es gibt zu viele Autos und zu viele

verrückte Leute hier. Shanghai ist wie ein

Zoo. Es muss kein Landleben sein, aber

ich möchte gerne an einem Ort wohnen,

wo die Luft frisch ist, zum Beispiel in der

Schweiz. Woher kommen Sie, aus Zürich?

› Ich lebe dort. → Zürich ist die perfekte

Stadt. Ich habe viele Zürcher Freunde. Das

einmalige an Zürich ist, dass man nach einer

Nacht in einem erstklassigen Club am

See oder in einem der vielen lauschigen

Strassenkaffees ausspannen kann. Auch ist

es immer wieder eine Freude, sich mit den

überdurchschnittlich gebildeten Schweizern

zu unterhalten. Ich möchte gerne

Schweizerin sein.

› Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen

die westliche Popkultur mehr gebracht hat,

als Ihre Schulbildung in China. → Meine

Bildung war der reinste Leerlauf, deshalb

habe ich das Gymnasium mit 17 abgebrochen.

Man hat mich nichts Brauchbares

fürs Leben gelehrt, weder die Liebe, noch

den Respekt vor meinen Mitmenschen. Das

chinesische Bildungswesen ist so kalt, dass

mir der Pop aus dem Westen tatsächlich

mehr gebracht hat.

«Wenn wir den Tod verstehen, lernen wir zu hoffen.»

miAN miAN, geboren 1970, bürgerlich Sheng

Wang, lebt und arbeitet in Shanghai. 1997

erschien ihr erstes Buch «La la la», das

ebenso wie ihr Roman «Candy» von den

chinesischen Behörden zensiert wurde und

in zahlreichen Raubkopien kursierte. Ihre Werke wurden in sieben

Sprachen übersetzt und international gefeiert. 2002 wurde die Zensur

gegen Mian Mians Bücher aufgehoben. Nicht nur als Schriftstellerin,

auch als DJ und bekannte Partyveranstalterin ist Mian Mian eine

Schlüsselfigur der Ausgangs- und Clubszene Shanghais. Ihr neustes

Buch «Panda Sex» erschien im Sommer 2009 in deutscher Übersetzung

im KiWi Verlag.

Mian Mians Blog: thegoodthebadthemianmian.blogbus.com


› Hoffen Sie, dass das chinesische Bildungssystem

in Zukunft radikal neu

strukturiert wird? → Gerhard Schröder

hat mal gesagt, dass die Erneuerung eines

Bildungssystems 100 Jahre dauert. Ich

denke nicht so weit. Ich denke sowieso

nie über China nach. Mich interessiert die

Entwicklung der Menschheit als Ganzes.

› Aber Sie haben unter der chinesischen

Zensur gelitten. Sie waren bestimmt

gezwungen, sich gelegentlich mit

China zu beschäftigen. → Nur im Alltag,

in meinem Kampf gegen die Dummheit

der Behörden. Hoffnung ist viel grösser als

das. Meine Hoffnung für die Menschheit

kennt keine nationalen Grenzen.

› Gibt es eine Mission hinter Ihrer Arbeit?

→ Der Buddhismus hat mich gelehrt,

dass die Welt sich nicht zum Guten,

sondern zum Schlechten entwickelt.

Mein Ziel ist es, dies zu akzeptieren und

trotzdem oder gerade deswegen Liebe

und Weisheit in die Welt zu bringen – den

Menschen mit meinen Büchern die Hoffnung

zurückzugeben.

› Was sind Ihre persönlichen Hoffnungen

fürs Jahr 2010? → Dass mein Leben

einfacher wird. Ich bin sehr müde. Sie

müssen verstehen, ich führe kein normales

Leben und ich bin keine normale Schriftstellerin.

Es bereitet mir Mühe zu schreiben,

«Panda Sex» hat mich mehrere Jahre

gekostet. Meine Bücher wurden verboten

und trotzdem kennen mich zu viele. Aber

eigentlich denke ich nie über die Zukunft

nach. Ich arbeite.


Herausgeber

W.I.R.E.

[Web for Interdisciplinary

Research & Expertise]


Think Tank der Bank Sarasin & Cie AG

und des Collegium Helveticum von ETH

und Universität Zürich

www.thewire.ch

info@thewire.ch

Illustration und Gestaltung

Marcel Morach

www.marcelmorach.ch

Druck

Tschudy Druck

www.tschudy-druck.ch

Auflage

2000

disclAimer:

Diese Publikation dient nur zu Informationszwecken. Soweit

hierin auf die Bank Sarasin & Cie AG Bezug genommen

wird, stellt sie kein Angebot und keine Aufforderung seitens

der Bank Sarasin & Cie AG zum Kauf oder Verkauf

von Wertschriften dar, sondern dient allein der Kommunikation.

Dargestellte Wertentwicklungen der Vergangenheit

sind kein verlässlicher Indikator für die künftige Wertentwicklung.

impressum

66 Impressum

Redaktion

Simone Achermann

Redaktorin

Assoziierte Researcherin W.I.R.E.

Daniel Bütler

Redaktor

Südamerika Korrspondent

Dr. Stephan Sigrist

Leiter W.I.R.E.

Dr. Burkhard Varnholt

CIO Bank Sarasin

Marion Bugmann

Mitarbeiterin W.I.R.E.

Prof. Dr. Gerd Folkers,

Direktor Collegium Helveticum

VERLAG

NEUE ZÜRCHER ZEITUNG

Aus Gründen der sprachlichen Einfachheit verwenden

wir in dieser Publikation in der Regel nur die maskuline

Form. Dabei sind Frauen selbstverständlich immer

mitgemeint. Wir erlauben uns den Hinweis, dass das

grammatische nicht mit dem biologischen Geschlecht

identisch ist.

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