Weihbischof Renz - Arche Gemeinschaft Ravensburg

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Weihbischof Renz - Arche Gemeinschaft Ravensburg

Gründung der Stiftung „Gemeinschaft ist Leben“

der Gemeinschaft Arche

Grußwort von Weihbischof Thomas Maria Renz, Diözese Rottenburg-Stuttgart,

am Dienstag, 29. Juli 2008, um 19.00 Uhr in Landsberg am Lech

Liebe Mitglieder, Freunde und Förderer der Gemeinschaft Arche in Landsberg

und in Ravensburg, liebe Gäste!

Gerne habe ich die Schirmherrschaft für die Arche-Stiftung übernommen, zu

deren Gründung wir hier zusammengekommen sind. Ich freue mich sehr, dass ich

heute bei der Stiftungsgründung dabei sein kann. Denn erst am Wochenende bin ich

vom Weltjugendtag in Sydney zurückgekommen, wohin ich eine Gruppe von rund 60

Jugendlichen aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart begleitet habe. Von den Erfahrungen,

die wir dort - sozusagen am anderen Ende der Welt - gemacht haben, kann

ich nun freilich nahtlos anknüpfen an den Namen und an das Programm der neuen

Arche-Stiftung.

Gemeinschaft ist Leben“, so lautet der Name unserer neuen Stiftung. Ein

wunderbarer Name für eine Stiftung, die sich einer wunderbaren Aufgabe verschrieben

hat! Man könnte aber genau so gut auch anders herum formulieren: „Leben ist

Gemeinschaft“. Die Aussage passt wechselseitig: „Gemeinschaft ist Leben“ und

„Leben ist Gemeinschaft“. Diese Erfahrung können wir in unserem Leben immer und

immer wieder machen. Beim Weltjugendtag in Australien durften wir das zum Beispiel

sehr eindrücklich und hautnah erleben in der Begegnung mit unzähligen Menschen

aus der ganzen Welt und durch die Erfahrung einer weltweiten, dynamischen

Glaubensgemeinschaft.

Von einer konkreten „Gemeinschaftserfahrung, die Leben war“ will ich Ihnen

kurz berichten. In der ersten Woche waren wir fünf Tage lang zu Gast bei Familien in


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einer Pfarrei der Erzdiözese Melbourne. Das war spannend, weil wir nicht wussten,

wo wir hinkommen und was uns da erwartet: sowohl wir Gäste als auch unsere

Gastgeber waren sich ja zuvor nie begegnet und sich sozusagen gegenseitig wildfremd

gewesen. Und nun durften wir die beglückende Erfahrung machen, dass unser

gemeinsamer Glaube tatsächlich eine weltweit verbindende Kraft besitzt und wir als

Glaubende einander nicht Fremde, sondern Freunde sind. Der Apostel Paulus hat

dieses Katholische, dieses Weltweite unseres Glaubens so formuliert: „Die Liebe ist

das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht“ (Kol 3,14). Als Fremde

kamen wir in unsere Gastfamilien und als Freunde sind wir nach fünf Tagen wieder

auseinandergegangen. Das wurde in einer besonders schönen Geste eines Gastvaters

bei unserer Verabschiedung deutlich: er brachte eine nagelneue, extra für unsere

Gruppe gekaufte Gitarre daher und übergab sie uns mit den Worten: „Ihr singt

doch so gern, aber ihr bräuchtet zur Unterstützung eures Gesangs noch eine Gitarre,

die ihr aber wegen der Gepäckbeschränkung im Flugzeug nicht habt mitbringen

können. Nehmt nun diese Gitarre mit nach Sydney und nach dem Weltjugendtag

könnt ihr sie ja da und da zurücklassen, dann werde ich sie bei Gelegenheit wieder

von dort holen.“ - Gemeinschaft ist Leben und Leben ist Gemeinschaft. Das ist so.

Und das ist wunderbar!

Und deshalb ist dieser Name auch so passend für eine Stiftung, die Lebensund

Glaubensgemeinschaften fördern und unterstützen will, in denen Barrieren und

Grenzen aller Art zwischen Menschen überwunden werden. Für dieses Anliegen

steht in besonderer Weise die „Internationale Föderation der Arche“, ein inzwischen

weltweites Netzwerk von miteinander verbundenen Gemeinschaften, in denen Menschen

mit und ohne geistige Behinderung zusammen leben und zu denen auch die

Arche-Gemeinschaften in Ravensburg und Landsberg gehören.

Als Bischofsvikar für die Orden und Geistlichen Gemeinschaften in der Diözese

Rottenburg-Stuttgart möchte ich Ihnen ausdrücklich sagen: Wir sind stolz darauf,

auch in unserer Diözese eine Arche-Gemeinschaft zu haben! Wir sind stolz darauf,

weil die Arche-Gemeinschaften in unserer Gesellschaft ein starkes und beeindruckendes

Zeugnis für das christliche Menschenbild geben und wir teilen daher uneingeschränkt

das Anliegen der Stiftung, die menschlichen Beziehungen, die innerhalb


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der Arche-Gemeinschaften wachsen und gepflegt werden, auf eine langfristig tragfähige

Basis zu stellen.

In den vergangenen Jahren hat der Stiftungsgedanke in unserer Gesellschaft

einen immer höheren Stellenwert bekommen. Immer mehr Menschen engagieren

sich öffentlich für einen Stiftungszweck, um ihrer persönlichen Vision von Zukunft

Gestalt zu geben und gleichzeitig einen Beitrag für die Gesellschaft oder Kirche zu

leisten. Der Theologe und Schriftsteller Henri Nouwen, der lange Jahre als geistlicher

Leiter der Arche-Gemeinschaft „Daybreak“ bei Toronto in Kanada gewirkt hat, hat die

spirituelle Dimension des Stiftungswesens so formuliert: „Fundraising ist zuerst und

vordringlich eine Form der Seelsorge“. Fundraising sei also Ausdruck der Seelsorge,

insofern andere Menschen eingeladen werden, an einer Vision teilzuhaben und an

einem spirituellen Auftrag mitzuwirken. So könne Fundraising zu einer ganz konkreten

Form werden, am Bau des Reiches Gottes mitzuarbeiten. Wenn es in der Stiftungsurkunde

der Arche-Stiftung heißt: „Ziel … ist es, Menschen zu gewinnen, sich in

den Auftrag der Arche einzubringen und diesen gemeinsam zu verwirklichen“, so

meint das ganz im Sinne Henri Nouwens, dass auf diese Weise auch eine geistliche

Beziehung zwischen Gebenden und Empfangenden entstehen soll, eine Beziehung,

in die sich die Stifter ganz, d.h. auch mit ihrer eigenen Spiritualität, einbringen können.

Was ist die Mission, was ist der Auftrag der Arche In unserer auf Fitness und

Leistung getrimmten Gesellschaft tun sich viele schwer damit, Gebrechlichkeit und

Beeinträchtigungen körperlicher und geistiger Art als zum Leben dazugehörig anzunehmen.

Es fällt vielen schwer zu erkennen, dass menschliches Leben bedingungslos

ist und nicht immer nur auf Effizienz ausgerichtet. Da setzen die Arche-

Gemeinschaften jeweils vor Ort ein entschiedenes Zeichen - dafür nämlich, dass

auch Leben mit Beeinträchtigungen sinnerfüllt ist und für andere zum Gewinn werden

kann. Sie spiegeln unserer Gesellschaft ihre eigenen Einseitigkeiten und Defizite

wider. Mit Menschen, die eine Behinderung haben, zusammen zu leben, ist darum

weit mehr als ein Akt der Fürsorge. Es ist der konkrete Versuch, an einer menschlicheren

Gesellschaft mitzubauen.


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An einer menschlichen Gesellschaft bauen, heißt christlich gesprochen „am

Reich Gottes bauen“. Denn, wie Kardinal Walter Kasper, anlässlich des Internationalen

Treffens der Föderation der Arche in Assisi vor wenigen Jahren gesagt hat:

„Durch das Geheimnis der Menschwerdung ging Jesus Christus eine besondere

Beziehung mit jedem Menschen ein, so wie auch jeder Mensch ganz persönlich mit

Jesus Christus in Beziehung steht. Je näher wir uns selbst und unseren Brüdern

kommen, desto näher kommen wir zu Gott. Und je näher wir zu Gott kommen, desto

näher kommen wir zum Herzen des menschlichen Lebens. Dies gehört zum Kern

des christlichen Glaubens. Im Grunde bezieht sich die Frage nach Spiritualität [also]

auf die Verbindung zwischen Gott und den Menschen. In christlichen Worten: Wie

können wir das Leben Jesu, unseres Bruders und Herrn, der in unserer Mitte ist,

gemeinsam erfahren“

Die Konzentration auf einfache und unverstellte Beziehungen macht die besondere

Spiritualität der Arche aus, ganz im Sinne der Bergpredigt, wo es heißt:

„Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3). Viele, die

das Leben in einer Arche-Gemeinschaft geteilt haben, beschreiben, wie sie von den

behinderten Menschen die Sprache des Herzens gelernt haben und wie sie sich so

ihrer eigenen Armut bewusst und gleichzeitig tiefer in das Geheimnis der Liebe Gottes

zu allen Menschen eingeführt wurden. Die Mission der Arche ist darum im besten

Sinn auch eine ökumenische. Oder, um noch einmal Kardinal Kasper bei seiner

Ansprache in Assisi zu zitieren: „Eure Gemeinschaften sind nicht dafür zuständig, die

Christen eins im Glauben oder im Verständnis der Sakramente zu machen, aber sie

können und sollten versuchen, noch Wichtigeres zu bewirken, nämlich die Christen

eins in der Liebe zu machen.“ Gottes Liebe und Menschenfreundlichkeit in konkreten

Lebensgemeinschaften zu verwirklichen und dabei den Wert und die Liebenswürdigkeit

jedes einzelnen Menschen, auch der schwächsten Gemeinschaftsglieder, zur

Geltung kommen zu lassen, ist unsere vornehmste Aufgabe als Christen. Davon, wie

gut wir diese Aufgabe erfüllen, hängt letztlich unsere ganze Glaubwürdigkeit ab.

Gemeinschaft ist Leben! Ich wünsche der neuen Arche-Stiftung viele Stifter

und Stifterinnen, die sich mit ihrem Auftrag in Kirche und Gesellschaft identifizieren

und ich danke denen, die durch ihre großzügige Unterstützung bereits jetzt mitgeholfen

haben, dass wir diese Stiftung ins Leben rufen können. Vergelt’s Gott!

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