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Inhalt<br />

Vorwort<br />

Von Hubert Schwarz, Extremsportler und Unternehmer . 6<br />

1 Eine Katastrophe bahnt sich an . . . . . . . . . . 8<br />

2 Psychologie der Masse . . . . . . . . . . . . . . . 21<br />

3 Durch das Khumbu-Tal zum Basislager<br />

des Mount Everest . . . . . . . . . . . . . . . . 27<br />

4 Höhe: Genuss oder Risiko<br />

Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen!<br />

Von Professor Thomas Küpper . . . . . . . . . . . 42<br />

5 Multikulti auf 5.400 Meter . . . . . . . . . . . . . 50<br />

6 Ohne Vorbereitung läuft nichts . . . . . . . . . . . 89<br />

7 Eiskalt und glühend heiß: Zum ersten Mal<br />

durch den Khumbu-Eisfall . . . . . . . . . . . . . 95<br />

8 Meinem Geheimnis des Bergsteigens auf der Spur<br />

Von Paul Thelen und Professor Andreas Marlovits . 111<br />

9 Psychologische Analyse der Motivation zum Extrem<br />

Von Professor Andreas Marlovits . . . . . . . . . 114<br />

10 In die Todeszone . . . . . . . . . . . . . . . . 139<br />

11 Massen, Müll und Mythos<br />

Streitfall Mount Everest . . . . . . . . . . . . . 163<br />

12 Tragödie am Gipfel . . . . . . . . . . . . . . . 171<br />

13 Demut und Respekt . . . . . . . . . . . . . . . 182<br />

Schlusswort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191<br />

Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193<br />

5<br />

Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195


Eine Katastrophe bahnt sich an<br />

Diesen Tag werde ich nie vergessen. Am frühen Morgen des<br />

18. Mai 2012, einem Freitag, bahnt sich in der Gipfelregion<br />

des Mount Everest eine Tragödie an, von der weder ich noch<br />

die anderen Bergsteiger hier in Camp III auf 7.100 Meter etwas<br />

ahnen – so wenig wie die Expeditionsleiter unten im Basislager<br />

auf 5.400 Meter. Die Ereignisse von heute werden noch fatale<br />

Folgen haben. Es sind sind Vorboten einer Tragödie, die sich in<br />

den nächsten 48 Stunden zwischen Camp IV auf 8.000 Meter<br />

und dem Gipfel des Everest ereignen wird.<br />

Ralf Dujmovits (50), Deutschlands wohl bester Höhenbergsteiger,<br />

ist am Vortag mit Ueli Steck (37), dem bekannten<br />

Schweizer Bergsteiger, bis Camp IV auf knapp 8.000 Meter<br />

zum Südsattel aufgestiegen. Ralf fühlt sich nicht gut, hat leichte<br />

Kopfschmerzen und beschließt noch in der Nacht, am nächsten<br />

Morgen wieder abzusteigen. Als er beim Abstieg im Bereich des<br />

so genannten Genfer Spornes in die gewaltige, rund 1.000 Meter<br />

abfallende Lhotse-Flanke hinunterblickt, traut er seinen Augen<br />

nicht. Mindestens 200 Bergsteiger drängen sich die Lhotse-<br />

Flanke hinauf.<br />

Dujmovits drückt auf den Auslöser seiner Kamera. Das Bild<br />

wird später hunderttausendfach veröffentlicht und zeigt den<br />

bislang längsten Stau der Geschichte des Everest-Bergsteigens.<br />

Im vorderen Teil stehen mein Freund, der Arzt Dr. Eberhard<br />

Schaaf (61), mit seinem 26-jährigen Sherpa Pemba Tshering,<br />

am anderen Ende mein Sherpa, der 36-jährige Nawang Karsang<br />

und ich (68). Rush Hour in der Todeszone Der Tag hat nicht<br />

gut begonnen.<br />

8<br />

Gestern Nachmittag sind Eberhard und ich von Camp II auf<br />

6.400 Meter zum Camp III auf 7.100 Meter hochgestiegen. Bei<br />

uns sind der 60-jährige US-Amerikaner Naim Logic, ein Physiker<br />

aus Arizona sowie Gia Tortladze (52) aus Georgien, Archäologie-<br />

Professor und Fraktionsvorsitzender der Demokratischen Par-


tei Georgiens. Letzterer stand schon zwei Mal auf dem Gipfel<br />

des Mount Everest, insgesamt acht Mal auf dem Gipfel eines<br />

Achttausenders, zwölf Mal auf einem Siebentausender und ist<br />

damit der erfahrenste Bergsteiger in unserer Gruppe. Auch<br />

der 24-jährige Inder Kapil, der mir im Basislager Bilder und<br />

Videos von einer in Indien sehr populären Tanzgruppe gezeigt<br />

hat, deren Team-Captain er ist, gehört zu unserer Gruppe. Und<br />

schließlich die tschechischen Brüder: Vit (52) und Jan Morava<br />

(56), der in Kanada lebt.<br />

Wir Sieben sind Mitglieder der internationalen 16-köpfigen Eco-<br />

Everest-Expedition 2012. Seit mehr als sechs Wochen haben<br />

wir uns akklimatisiert. Als erste Gipfelgruppe unserer Expedition<br />

wollen wir am 19. Mai 2012 den Gipfel des Mount Everest auf<br />

8.848 Meter erreichen.<br />

Beim Einstieg in die Steilstufe auf 6.800 Meter haben wir gestern<br />

zum ersten Mal die bequem zu tragenden Sauerstoffmasken aufgesetzt;<br />

die vier Kilogramm schweren Pressluftflaschen, gefüllt<br />

mit 300 Bar Sauerstoff, steckten im Rucksack. Die Nacht haben<br />

Eberhard und ich in Camp III verbracht. Heute soll es um sechs<br />

Uhr losgehen, die langgestreckte Lhotse-Flanke hinauf bis hart<br />

an die 8.000-Meter-Marke nach Camp IV.<br />

Um fünf Uhr schälen wir uns aus den Schlafsäcken. Im Zelt<br />

ist es lausig kalt: minus 15 Grad Celsius. Draußen ist es noch<br />

stockdunkel, doch die innere Uhr hat uns geweckt. Wir wissen:<br />

Nur noch zwei Etappen trennen uns vom höchsten Punkt der<br />

Erde. Wir reden nicht viel; jeder von uns beiden weiß, dass<br />

jetzt, nach über sechs Wochen in Nepal, die entscheidende<br />

Phase begonnen hat.<br />

Eine Schale Porridge, zwei Tassen Tee und ein paar Kekse: Das<br />

ist unser Frühstück. Eberhard erinnert mich an eine alte Bergsteigerweisheit:<br />

„Wann immer es geht, esse am Berg so viel<br />

wie möglich!“<br />

9


Und er fügt hinzu: „Denk daran, wir haben schon über fünf<br />

Kilogramm Gewicht verloren und jetzt geht es erst richtig los<br />

mit dem Gewichtsverlust.“<br />

Ich bin mir dessen bewusst, aber ich habe keinen Appetit und<br />

es warten andere Prioritäten: Heute geht es die Lhotse-Flanke<br />

hinauf zum Südsattel, dem Ausgangspunkt für den Aufstieg<br />

zum Gipfel.<br />

Hier oben auf 7.100 Meter hat, wenn wir im Zelt keine Sauerstoffmaske<br />

benutzen, das maximale Sauerstoffaufnahmevermögen<br />

bereits um 55 Prozent abgenommen. Das ist deutlich zu<br />

spüren. Das normale Denkvermögen ist merklich eingeschränkt.<br />

Der Körper hat längst auf Überlebensmodus umgeschaltet. Mühsam<br />

zwängen wir uns in die wollene Unterwäsche, den roten<br />

Daunenanzug, den Klettergurt, die hohen Bergstiefel mit den<br />

gut isolierten Innenschuhen, in denen wir geschlafen haben.<br />

Die Steigeisen liegen griffbereit am Zeltausgang, der schwere<br />

Rucksack ist gepackt – vor allem der dicke, hier oben doppelt<br />

wiegende Schlafsack für das eiskalte Camp IV.<br />

10<br />

Ungeduldig warten Eberhard und ich ab sechs Uhr auf Karsang<br />

und Pemba. Da sie nach 30 langen Minuten immer noch nicht<br />

da sind, machen wir uns auf die Suche. Im steilen Gelände des<br />

Camp III, wo die Zelte verstreut auf kleinen, ins Eis gehackten<br />

Plateaus stehen, müssen wir das Zelt der beiden erst einmal<br />

suchen. Sie bitten um „etwas“ Zeit. Missmutig wegen der Verzögerung<br />

legen wir uns wieder ins Zelt. Es ist bitterkalt; minus<br />

15 Grad am frühen Morgen, dabei ohne Bewegung. Erst nach<br />

einer geschlagenen weiteren Stunde erscheint Pemba um acht<br />

Uhr, murmelt eine unverständliche Entschuldigung, und Eberhard<br />

und Pemba brechen sofort auf in Richtung Lhotse-Flanke.<br />

Karsang ist immer noch nicht da. Es vergeht eine mir unendlich<br />

lang erscheinende weitere halbe Stunde. Erst mit gut zweieinhalb<br />

Stunden Verspätung machen auch wir beide uns endlich<br />

auf den langen Weg nach Camp IV.


Schwer liegen Nebelschwaden und Wolken auf der Aufstiegsroute.<br />

Die Sicht beträgt keine 100 Meter. Ich sehe nur wenige<br />

andere Bergsteiger. Pemba und Eberhard müssen schon weit<br />

voraus sein im grauen Irgendwo. Es herrscht eine eigenartige<br />

Ruhe; die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm Um mich<br />

herum nur die gewaltigen Schnee- und Eismassen des oberen<br />

Khumbu-Gletschers. Karsang hinter mir nehme ich kaum wahr.<br />

Die Route steigt nur leicht an. Wir queren den rechten Teil der<br />

Lothse-Flanke. Die einzigen Geräusche sind das Zischen unserer<br />

Sauerstoffmasken und das Knirschen der Steigeisen im harten<br />

Eis, unterbrochen vom Klimpern der Karabiner. Karsang und ich<br />

sind spät dran, aber wir sind am Berg.<br />

Trotz des künstlichen Sauerstoffes bin ich in Atemnot. Mein Herz<br />

rast. Ich bin noch nicht eingelaufen und angespannt: Zum ersten<br />

Mal die Lothse-Flanke hinauf, dann das Gelbe Band überqueren<br />

und schließlich den Genfer Sporn hochklettern! Im Geiste bin<br />

ich diese Abschnitte viele Male hochgestiegen – aber jetzt ist<br />

es zum ersten Mal real!<br />

Eingeklinkt in das mit Eisschrauben gesicherte Fixseil nähern<br />

wir uns der Stelle, an der die Aufstiegsroute scharf nach rechts<br />

abbiegt und steil aufwärts geradewegs auf den Lhotse-Gipfel<br />

zuhält. Den linken, unteren Teil der Lhotse-Flanke kann ich<br />

bereits einsehen. Die Wolken unter uns sind höher gezogen,<br />

und man kann das 700 Meter tiefer gelegene Camp II mit den<br />

Zelten als kleine gelbe Punkte erkennen. Ich genieße für einen<br />

Moment den überwältigenden Blick. Camp II liegt im Licht der<br />

Morgensonne, und die kleinen gelben Zelte strahlen Schutz<br />

vor Kälte und Sturm, Geborgenheit, Sicherheit aus. Mir wird<br />

bewusst, dass ich jetzt und hier in einer Höhe angekommen<br />

bin, die man „Todeszone“ nennt. Nach oben, die Lhotse-Flanke<br />

hinauf, kann ich noch nicht blicken, weil ein Eis- und Felsrücken<br />

rechts von mir die Sicht versperrt.<br />

11

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